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Neues Archiv 



für 



Sächsische Geschichte 



und 



Alterthumskuüde. 



Herausgegeben 



von 



Dr. Hubert Ermisch, 

K. Archivrath. 



'iBCDLlLIER;-'' 



r" > , ~ 



Zweiter Band. ^^^/Oq\G^'^ "^ 



<» ^ » 



Dresden 188L 

Wilhelm Baensoh Verlagshandlang. 



Inhalt. 



Seite 

I. Studien zur Geschichte der sächsisch-böhmischen Bezieh- 
ungen in den Jahren 1468 bis 1471. Vom Herausgeber . 1 

II. Zur Geschichte der Juden in der Oberlausitz während des 
Mittelalters. Von Prof. Dr. Hermann Enothe in Dresden. 50 

III. Zur Geschichte des Frauenhauses in Altenburg. Von 
Ministerial- Assessor M. J. Meissner in Altenburg ... 68 

IV. Ein fliegendes Blatt über den Antheil der sächsischen Armee 
an der Schlacht am Ealenberge bei dem Entsätze von 
Wien im Jahre 1683. Mitgetheilt von Archiv -Sekretär 
Dr. E. Joachim in Idstein 77 

Literatur 85 

y. Herzog Wilhelm von Sachsen und sein böhmisches Söldner- 
heer auf dem Zuge vor Soest. Von Professor Dr. Adolph 
Bachmann in Prag 97 

VI- Heinrich Friedrich Graf von Friesen, königlich polnischer 
und kurfürstlich sächsischer Geheimer Eabinetsminister 
und General der Infanterie. Von Generalmajor z. D. 
0. von Schimpff zu Dresden 130 

Literatur 180 

Vn. Die Berka von der Duba' auf Hohnstein, Wildenstein, 
Tollensteit und ihre Beziehungen zu den meissnischen 
Fürsten. Von Professor Dr. Hermann Enothe in Dresden. 193 

VIII. Napoleon in Dresden (8. Mai 1813). Von Hermann Freiherm 

von Friesen, k. Oberhofmarschall a. D. in Dresden . . . 237 

IX. Aus dem Schulwesen Sachsens, besonders in Mittweida 
und Freiberg, zu Ende des 17. Jahrhunderts. Von Gh. G. 
Ernst am Ende, Bibliothekar am k. Statistischen Bureau 
in Dresden 251 

Literatur 259 



IV 

Seite 

X. Zar BeYölkerangs- und VermögensstatiBtik Dresdens im 
15. Jahrhundert. Von Bathsarchivar Dr. Otto Richter in 
Dresden 273 

XI. Nachträge zum Urkundenbuche der Stadt Chemnitz. Vom 
Herausgeber 290 

XII. Die wirthschaftlichen Einrichtungen, namentlich die Ver- 
pÜegungs-Verhältnisse bei der kursächsischen Kavallerie 
vom Jahre 1680 bis zum Anfange des laufenden Jahrhun- 
derts. Von Wirkl. Geheimen Rath und Oberhofmeister 
Freiherrn A. von Minckwitz zu Dresden 312 

Literatur 330 

Register 347 



Besprochene Schriften. 

Bachmann, Niclas Storch (G. Müller) 330 

Burkhardt, Geschichte der sächsischen Kirchen- und Schulvisi- 

tationen (G. Müller) 85 

Dürr, Ad. Friedr. Oeser (Gurlitt) 259 

Knabe, Die Torgauer Visitations-Ordnung von 1629 (G.Müller). 188 
— Geschichte der Stadt Torgau bis zur Zeit der Reformation 

(Ermisch) 261 

Knothe, Der Antheil der Oberlausitz an den Anfangen des dreissig- 

jährigen Krieges (G. Droysen) 91 

Leipzig und seine Universität vor hundert Jahren (Wustmann) 92 
Nebe, Die Kirchenvisitationen des Bisthums Halberstadt (G. Müller) 265 
Opel, Denkwürdigkeiten des Halleschen Rathsmeisters Spitten- 

dorf (Schum) 180 

Posse, Die Markgrafen von Meissen (Schum) 332 

Scheufifler, Hans Fabian von Ponickau (Knothe) 268 

Weissenbom, Acten der Erfurter Universität, L Theil (Stübel) 342 



L 

Studien zur G^eschichte der sächsisch-böhmischen 
Beziehungen in den Jahren 1468 bis 1471. 

Von 

Hnbert Ermisch.')/ , 

''•'BODLiLi-.r 

I. 

Wenig Glück hatten bis Anfang 1468 der böhmische 
Herrenbund und die Curie in ihrem Kampfe gegen den 
Böhmenkönig Georg Podiebrad gehabt. Man brauchte 
Bundesgenossen. Die deutschen Fürsten in ihrer Gesammt- 
heit schienen nicht geneigt, thätig einzugreifen.*) Ver- 
geblich verhandelte man mit Burgund, mit Polen, auch 
mit Brandenburg wegen Annahme der böhmischen Krone. 
König Kasimir von Polen hielt es nicht für nöthig, eine 
Krone zu erobern, die, wie er ganz richtig vermuthete, 
über kurz oder lang doch seinem Hause zufallen musste; 
er schloss sich den deutschen Fürsten an, vermittelte ohne 
Aussicht auf Erfolg. Hochinteressant sind die Verhand- 
lungen, welche Legat Rudolf im Februar 1468 mit dem 
Kurfürsten Friedrich H. von Brandenburg pflog. Die Ge- 
fahr für die Mark, die in einer Besitznahme der böhmischen 

') Vergl. meinen Aufsatz in Bd. I S. 209 fgg. dieser Zeitschrift, 
an den sich qer nachstehende unmittelbar anschliesst. Ich habe daher 
von einei* orientierenden Einleitung absehen zu können geglaubt und 
verweise in dieser Beziehung auf meine, frühere Arbeit. 

*) Ein Tag zu ßegensburg im Februar 1468 hatte noch weniger 
Erfolg wie die früheren. Vergl. das Schreiben Markgraf Albrecnts 
von 1468 Februar 20 bei Biedel, Cod. dipl. Brand. III, 1, 465. 

Ueno« Arehiy f. 6. G. u. A. U. 1 1 



\ -/ 



2 Hubert Ermisch: 

Lande durch Polen lag, war nicht zu verkennen, und obwohl 
Alter und Kränklichkeit den Kurfürsten wenig Neigung 
für so weitaussehende Pläne empfinden Hessen, hat er sich 
doch seinen Pflichten gegen Land und Dynastie nicht ent- 
ziehen wollen und die Sache ernstlich erwogen. Vielleicht 
war es auch die Rücksicht auf Sachsen, was den Kurfürsten 
beeinflusste; er warnt nicht nur vor den Polaken, sondern 
auch vor den n andern Leuten, die fast sehre auch danach 
stehen", und deren Aufkommen den Brandenburgern Ver- 
derben bringen werde. Konnten doch sowohl Herzog Wil- 
helm als Herzog Albrecht Erbrechte, wenn auch sehr un- 
sichere, für sich anführen; ereterei hatte es schon gethan, 
und letzterer trat bekanntlich nach Georgs Tode damit 
hervor. Mit Recht weist Droysen, dem wir die ein- 

fehendsten Belehrungen über jene Verhandlungen zwischen 
em Legaten und Brandenburg verdanken, auf sonder- 
bare Vorschläge hin, welche die Wettiner im Jahre 1466 
gemacht hatten und die allerdings auf weitreichende Ent- 
würfe schliessen lassen. Es handelte sich dabei um nichts 
geringeres als um einen Verkauf der Mark Brandenburg an 
Ernst und Albrecht, die dagegen Vogtland und Thüringen, 
das ihnen ja nach dem Tode des kinderlosen Oheims zufallen 
musste, zum Kaufe anboten. In der That ein Vorschlag, 
dessen Verwirklichung die gesammte neuere Geschichte in 
ganz andere Bahnen hätte lenken können. Markgraf 
Albrecht Achilles, der, wie überall, so auch bei dieser 
Gelegenheit das letzte Wort in der Politik seines Hauses 
zu sprechen hatte, liess sich auf den kühnen, wenn auch 
vielleicht jugendlich kühnen Plan nicht ein.') 

Er war es auch, der nach reiflicher Ueberlegung 
jetzt den Bruder bestimmte, die böhmische Krone auszu- 
schlagen. Wir können hier auf die Gründe nicht näher 
eingehen und heben nur hervor, dass die gesammten Ver- 
handlungen das Verhältnis der Brandenburger zu Georg 
doch weit weniger eng erscheinen lassen als das der säch- 
sischen Fürsten. Markgraf Albrecht äussert einmal bei Er- 
wähnung einer auf den 24. April 1468 angesetzten Zu- 
sammenkunft mit den Wettinern und den Landgrafen von 
Hessen, bei welcher die so oft besprochene und noch immer 
nicht entschiedene Frage der Erbhuldigung zur Sprache 
kommen sollte: „Würden sie den Braten schmecken von 



') Vergl. Droysen, Sitzungsber. derK. Sachs. Gesellsch. d. Wissen* 
Schäften IX (1867), 146 fgg. u. Gesch. d. preuss. Politik II, 1, 235 fgg. 



Studien zur Gesch. der sachs.-böhm. Beziehungen 1468 — 71. 3 

« 

Böhmen^ es würde nichts daraus. Unser Bruder weiss, 
wie sie dem Könige gewandt sind. Wollten sie mit ihm 
gekriegt haben, sie hätten ihm nicht Land und Leute 
gegeben und sich zu ihm gefreundet."*) 

Als die Zusammenkunft dann um die festgesetzte Zeit 
zu Schleiz stattfand, wurde auf derselben die Vermählung 
des Markgrafen Johann von Brandenburg mit der Tochter 
des Herzogs Wilhelm, deren Vollziehung man erst auf 
Pfingsten 1468; dann auf Estomihi 1470 in Aussicht ge- 
nommen hatte, bis zum Jahre 1473 verschoben; auch 
dies dürfte darauf hindeuten'; dass in der That die böh- 
mischen Verhältnisse die sächsisch-brandenburgischen Be- 
ziehungen zu lockern anfingen. *) 

Die RoUc; die der Polenkönig und der Brandenburger 
nicht spielen wollten, übernahm bekanntlich König Matthias 
von Ungarn. Mit dem Angriffskriege gegen Oesterreich, 
den Prinz Victorin , des Böhmenkönigs Sohn, seit Ende 
Januar 1468 führte, erhielt der Kampf einen anderen 
Charakter; er war nicht mehr blos ein Krieg des Lehns- 
herrn gegen die Vasallen. Seit dem Eingreifen des 
Ungarnkönigs aber, der im April mit einem trefflich ge- 
rüsteten Heere in Mähren erschien, wandte sich das Waffen- 
glück mehr und mehr von Georg ab. Jene „acht Un- 
glückswochen" von Mitte August bis Mitte October 1468 
schienen den Gegnern den nanen Sieg in sichere Aussicht 
zu stellen. 

Die Haltung der sächsischen Fürsten blieb auch jetzt 
eine vollkommen neutrale; wenn man von Hilfstruppen 
zu erzählen wusste, die sie dem K'önig Georg gestellt, so 
war dies wohl ein ungerechtfertigtes Gerücht.*) Dass 
man ihnen jedoch auf der Georg feindlichen Seite miss- 
traute und scharf auf die Finger sah, beweist, wohin 
nach der allgemeinen Meinung ihre Sympathien neigten. 
Dies Misstrauen trat besonders bei der Belagerung von 
Hoyerswerda zu Tage, die bis über die Mitte des Jahres 
1468 hinaus dauerte. Schon im Januar wusste Jarosläw 
von Stemberg, der Landvogteiverweser , den Gör- 
litzern zu melden, „dass etliche Böhmen zu Meissen im 



*) Instruction für Albrecht Styeber von 1468 März 15 bei Riedel, Cod. 
dipl. Brand, in, 1, 480. Vergl. überhaupt ebendaselbst 454 fgg. Palacky, 
Gesch. Böhmens IV, 2, 492 fgg. Kluckhohn, Ludwig der Reiche 281 fgg. 

*) ürk. von 1468 Apr. 26. Riedel H, 5, 121. Vergl. Droysen, 
Gesch. d. preuss, Politik II, 1, 236. 

•) Vergl. Lichnowsky, Gesch. d. Hauses Habsburg VIT, 112. 

1» 



4 Hnbert Ermisch: 

» 

Lande an etlichen heimlichen Oertern lägen und meinten 
die auf Hoyerswerda zu stärken." ') Bedenklicher schien 
die Sache werden zu wollen, als Anfang Juli 1468 die 
Markgrafen mit nicht unbeträchtlichen Truppen nach 
Senftenberg kamen; eine Diversion gegen Hoyerswerda 
oder auch gegen Luckau wurde befürchtet. Man erzählte 
sich, König Georg und die Herren von Schönburg hätten 
das Schloss den sächsischen Fürsten angeboten, und dies 
klang nicht eben unwahrscheinlich; allein man wusste 
auch schon, dass die Fürsten, ihrer sonstigen Haltung 
entsprechend, das Anerbieten abgelehnt hätten. Als man 
dann weitere Nachrichten einzog, erfuhr man, dass die 
Truppen nur in 200 Reisigen und 600 Trabanten bestan- 
den, die der von Köckeritz dem Kurfürsten von Branden- 
burg zuführen sollte. Hatte die Sache überhaupt eine Bedeu- 
tung, dann war es gewiss nur die eines Scheinmanövers, 
wofür die Hauptleute der Sechsstädte den Zug von Anfang 
an gehalten hatten: „sie werden sich dahin fügen um öe- 
schreies willen, ob sie uns möchten abschrecken."*) 

Ein Heraustreten aus der Neutralität lag in alledem 
nicht Ein solches hätte auch jetzt, nachdem Matthias 
auf dem Kriegsschauplatze erschienen war, geradezu ver- 
hängnisvoll für das Haus Wettin werden können. Die 
Lage der Dinge in Deutschland war keineswegs derart, 
dass man nur auf ein Signal wartete, um sich zu einem 
Waffenbunde für Georg zu einigen. 

Auch fällt noch ein anderes Moment schwer in die Wag- 
schale. Es sind uns aus dem fünfzehnten Jahrhundert meist 
nur einzelne Fäden feiner diplomatischer Gespinnste in 
den Archiven erhalten, die wir mit Mühe zu einem Ge- 
sammtbilde zu vereinigen suchen; es verführt dies gar 
leicht zu der Annahme, die Geschichte jener Zeit sei allein 
in den Kabinetten gemacht worden. Man hüte sich jedoch 
davor, diejenigen Einwirkungen zu unterschätzen, die das 
gesammte geistige und materielle Volksleben auf die Welt- 
ereignisse damals wie heute und zu jeder Zeit geübt hat, 
wenn auch nur dürftige Ueberlieferungen über dasselbe auf 
ims gekommen sind. Nicht umsonst hat die kluge Politik 
der Curie zu allen Zeiten, seit den Tagen Gregors VH., 

») Palacky, ürk. Beitr. 547. Vergl. diese Zeitschrift I, 265. 

■) Palacky, ürk. Beitr. 550 fgg. Eine „Ausgabe den trabanten, 
die man Markgraf Friedrich in die Mark sandte tercia in vigilia 
Margarete" (Juli 12), führt die Dresdner Stadtrechnung von 1468 
(Bathsarchiv zu Dresden) an. 



Studien zur Gesch. der säcHs.-böhm. Bezielumgen 1468—71. 5 

einen Aufruf an die Massen gerichtet, wenn es galt, grosse 
Erfolge zu erzielen. Auch diesmal setzte man den ganzen 
Apparat der geistlichen Waffen in Bewegung, und, so oft 
dieselben schon gebraucht und gemissbraucht waren, sie 
zeigten sich doch noch als wirksam. In den meissnischen 
Landen kam ihnen freilich ein sehr schätzbarer Bundes- 
genosse zu Hilfe: der tiefgewurzelte nationale Hass, der 
die beiden Nachbarvölker von jeher, besonders aber seit 
den Hussitenkämpfen, trennte. So stand das Volk in der 
böhmischen Frage entschieden nicht auf der Seite seiner 
Herrscher. Es hatte seiner Zeit gemurrt, als es von den 
Familien Verbindungen vernommen, welche die Wettiner 
mit dem Hause Podiebrad vereinen sollten®); es hatte 
später protestiert gegen jede thätige Unterstützung des 
Böhmenkönigs. *®) Die Herrscher wussten sehr wohl, 
warum sie so grosses Gewicht darauf legten, dass die 
Kreuzpredigt und sonstige aufregende Mittel in ihrem 
Lande nicht zur Anwendung gebracht würden. Nichts 
ist bezeichnender, als die oft angeführte Thatsache, dass 
zahlreiche Studenten und Magister zu Leipzig und. Erfurt 
ihre Bücher und Kleider verkauften und das Kreuz gegen 
die Ketzer nahmen, während gleichzeitig die Gelehrten 
der Hochschulen darüber disputierten, ob man die Gebote 
des Papstes für rechtsverbindlich halten solle oder nicht.*') 
Der Umschwung in der Lage Georgs veranlasste den 
Legaten, auch in Meissen jetzt energischer aufzutreten. 
Schon Anfang März 1468 hatte er durch den Minoriten 
Jacobus jene Bulle 'vom 15. Mai 1467, durch welche ihm 

•) Gravis Ulis temporibus rumor ortus est a populo undique in 
Misna et Thoringia contra suos dominos de concördia cum hereticis 
inita et affinitate contracta, maledicendo vituperando et expresse 
publiceque eos maledicendo, dicentes non esse vestigium majorum 
progenitorumque suorum, qui adversus hereticos Bohemos sanguinem 
fuderint. Eschenloer (SS. rer. Sü. VII) 42. Vergl. das Schreiben 
Wilhelms d. d. 1459 Mai 16. Ebendas. 43 fgg. 

") Vergl. I, 227 dieser Zeitschrift. 

") Vergl. Palacky IV, 2, 421 fg. Kluckhohn 265. lieber Ver- 
handlungen zu Erfurt wegen der böhmischen Ketzerei (1466) vergl. ein 
merkwürdiges Schreiben o. D. bei Riedel, Cod. dipl. Brand. ÜI, 1, 
406. lieber die Betheiligung von Leipziger Studenten s. I, 265 
dieser Zeitschr. Legat Budolf dankt 1468 Febr. 20 dem Bector und 
den Magistern der Universität Leipzig wegen ihres Eifers, quod tot 
legales persone . . . venumdatis eorum.libris et vestibus refictisque 
alns rebus arma susceperunt, theilt mit, dass einige davon die Zit- 
tauer unterstützen sollen, und stellt eine geeignete Verwendung der 
übrigen in Aussicht SS. rer. Sil. IX, 260 (Cod. dipl. Sax. reg. II, 
11, 179). 



6 Hubert Ermisch: 

die Befugnisse eines Lateranlegaten und weitgehende Voll- 
machten gegen, Georg und seine Anhänger übertragen 
waren, förmlich publicieren lassen ; es ist wohl anzunehmen, 
dass diese Sendung gerade für Meissen berechnet war, 
wenn sich dies* auch aus dem Wortlaut des betreffenden 
Schreibens nicht ergiebt. '*) Gleichzeitig ersuchte Rudolf 
den Meissner Domdechanten Heinrich Leubing, der damals 
in Erfurt weilte , seinen Fürsten und deren 'Eäthen und 
den Prälaten und Edlen des Landes die Gründe, aus 
denen der Papst gegen Georg so entschieden vorgehe, 
auseinanderzusetzen; Leubing schrieb in Folge dessen 
einen erregten Brief an Bischof Dietrich und bat ihn 
dringend, seine bisherige Haltung den Böhmen gegenüber 
zu ändern.*^) Vielleicht gab dies den Herzögen Anlass 
zu einer neuen Gesandtschaft nach Kom; Heinrich von Ein- 
siedel und Heinrich Truchsess trafen dort am 14. April 
ein, erlangten aber keine Audienz beim Papste: „wen 
seine Heiligkeit geantwort hat, es wäre genugsam ge- 
schrieben". **) 

Der Angriff Georgs gegen Kaiser Friedrich HI. hatte 
den Zorn des Papstes aufs höchste gesteigert. Noch 
schärfer lautete in diesem Jalire der am grünen Donners- 
tag (14. April) ausgesprochene Bannfluch **)j und wenige 
Tage später (am 20. April) ergingen zwei neue Bullen, 
zu deren Publication Laurentius Kovarella, Bischof von 
Ferrara, als Legat nach Deutschland gesandt wurde. Die 
erste derselben verdammte alle diejenigen, die in irgend 
welcher Weise, besonders aber durch Zuführung von Lebens- 
mitteln, Waffen u. dergl., die Ketzer begünstigten, ver- 
fügte die Beschlagnahme ihres Vermögens, verhängte das 
Interdict über ihre Aufenthaltsorte ü. s; w.; die zweite 
verlieh allen, die zu dem bevorstehenden Kriege Geld 
beisteuerten oder selbst daran theilnahmen, Ablässe und 
andere kirchliche Spenden. ^®) An demselben Tage rich- 
tete der Papst ein Schreiben an Kurfürst Ernst und Her- 

**) Wir kennen es nur aus einer im HStA. zu Dresden (WA. 
Böhm. S. Kaps. IV Bl. 120 fgg.) vorhandenen Abschrift. 

") 1468 März 13. Nam si in alia via non ambulaveritis, timeo 
patriae periculum imminere, quod difficulter removebitur. Cod. dipl. 
Sax. reg. II, 3, 178; vergl. die Anm. dazu. 

**) Bericht des Meissner Domherrn Melchior v. Meckau, der 
in päpstlichen Diensten in Rom weilte, d* d. 1468 Mai 12. HStA. 
WA. Italien. S. Bl. 10. 

») SS. rer. Sil. IX, 264. 

»•) Ebendas. 266 fgg., 267 fgg. 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1468 — 71. 7 

zog Albrecht, in welchem er dieselben dringend aufforderte, 
die von ihm angeordneten Massregeln in ihren Landen 
zuzulassen, insbesondere die Kreuzpredigt und Ablassver- 
kündigung zu gestatten, den Handelsverkehr mit Böhmen 
zu verbieten und der Verwendung des Zehnten von allen 
kirchlichen Gütern zum Kampfe gegen die Ketzer keine 
Hindernisse in den Weg zu legen. ") 

Noch bevor diese Bullen und Schreiben nach Meissen 
gelangt sein können, liess die Fanatisierung der Massen 
daselbst Zustände entstehen, die schlechterdings unerträg- 
lich waren. Eine sehr merkwürdige Episode, die sich im 
Laufe des Sommers 1468 in Freiberg, zu jener Zeit einer 
der bedeutendsten Städte der sächsischen Lande, abspielte, 
erlaubt ims einen Einblick in das erregte Volksleben jener 
Tage, der uns um so willkommener ist, je dürftiger und 
trockener unsere Quellen gerade nach dieser Richtung im 
übrigen sind. Wir dürfen uns daher wohl gestatten, 
den Vorgang etwas eingehender darzustellen, als es viel- 
leicht seiner Bedeutung im grossen Ganzen der politischen 
Geschichte entspricht.*®) 

Etwa Anfang Mai mögen Emissäre des Legaten Ru- 
dolf, der inzwischen Bischof von Breslau geworden war, 
die Kreuzpredigt in grösserm Stile in den meissnischen 
Landen begonnen haben. Auch in Freiberg erschienen 
um diese Zeit einige Barftissermönche und riefen gegen 
den Ketzer Girzik zu den Waffen; sie hatten ausser- 
ordentlich viel Erfolg. Eine gewaltige Aufregung ergriff 
Stadt und Umgegend. An 400 Personen, darunter Lehns- 
leute der Landesherren, angesessene Bürger und Berg- 
werksbesitzer, wie Lucas Schönberg, Sigmund Kolbing, 
Merten Ortwein, besonders aber viele Handwerker, Hessen 
sich mit dem Kreuze zeichnen. Diese ausserordentlich 
starke Betheiligung erklärt sich einerseits zwar aus der 



**) Abschrift HStA. Loc. 7216. Irrungen zwischen K. Georg 
und dem Papste foL 23. 

*•) Unsere Hauptquelle ist ein bisher unbeachtet gebliebenes 
Aktenstück des Gemeinschaftlichen Archivs zu Weimar (Reg. A foL 28a 
No. 73) ; da ich die betreffende Correspondenz in dem unter der Presse 
befindlichen ersten Bande des ürkundenbuchs der Stadt Freiberg 
^Cod. dipl. Sax. reg. "II, 12) vollständig mittheilen werde, so eitlere 
ich nicht die einzelnen Schriftstücke. Bisher waren über die Kreu- 
zigerunruhen nur zwei landesherrliche Schreiben bekannt, die sich 
im Freiberger Rathsarchiv befinden und von Klotzsch (Sammlung 
vermischter Nachrichten I, 266 fgg.) abgedruckt und, soweit dies 
ohne anderes Material möglich war, erläutert worden sind. 



8 Hubert Ermisch: 

grossen Macht, welche die Geistlichkeit trotz der hie und 
da hervortretenden Züge von IndifFerentismus, ja von Ver- 
höhnung kirchlicher Institutionen**) noch immer über die 
Geraüther hatte und welche auch den Bussprediger Jo- 
hannes von Capistrano 16 Jahre früher eine so gewaltige 
Wirkung in Freiberg wie in anderen meissnischen Städten 
hatte ausüben lassen; andererseits aber doch auch daraus, 
dass die Mönche den Kreuzfahrern die Sache so bequem 
wie möglich zu machen suchten. Die päpstlichen Gebote, 
die sie verkündeten, untersagten jeden Verkehr mit Böh- 
men und befahlen die Wegnahme aller Güter, die Böhmen 
gehörten, aus diesem Lande kamen oder in dasselbe ein- 
geführt werden sollten.*®) Es war vorauszusehen, dass 
es an Uebertretungen dieses Verkehrsyerbotes nicht fehlen 
würde; denn die Bewohner der böhmisch - sächsischen 
Grenze, namentlich der Bergwerksdistricte, waren auf 
Zufuhr aus Böhmen angewiesen, und die Einfuhr hatte 
selbstverständlich auch die Ausfuhr solcher Artikel, die 
man jenseit der Grenze brauchte, zur Folge. Wenn nun 
auch die Kreuzfahrer eigentlich das Kreuz nahmen, um 
in Böhmen gegen die Ketzer zu kämpfen, so war es doch 
viel leichter, bequemer und — einträglicher, den Grenz- 
verkehr zu überwachen, als mit den Waffen in der Hand 
in das Land des streitbaren Böhmenkönigs, der schon 
mehrmals grosse Kreuzigerschaaren zu paaren getrieben 
hatte, einzudringen; und die Kreuzprediger scheinen eine 
derartige grenzpolizeiliche Thätigkeit auch begünstigt zu 
haben. Zwar waren eine Anzahl Freiberger Kreuziger 
nach Riesenberg und Graupen gezogen. Wir wissen nicht, 
was sie dort gethan haben; jedenfalls aber kehrten sie 
bald, schon in der ersten Hälfte des Juni, nach Freiberg 
zurück* Verstärkt durch neue Schaaren, betrachteten sie 

'•) Manche Belege hierfür bietet das „Verzellbuch" des Frei- 
berger Rathsarchivs , das zahlreiche Verurtheilungen wegen Gottes- 
lästerung, Schmähung geistlicher Personen und Störung des Gottes- 
dienstes enthält. Vergl. Klotzsch, Das Verzellen 189, 195, 196; 
noch mehr wird im dritten Bande des Urkundenbuchs der Stadt 
Freiberg, der eine Ausgabe des Verzellbuchs enthalten soll, mitge- 
theilt werden. 

*®) Es bezieht sich dies wohl auf eine der päpstlichen Bullen 
vom 15. Mai 1467, in welcher dem Legaten Budolf u. a. Vollmacht 
ertheilt wurde, bona quecunque mobilia et immobilia hereticorum 
quibuscunque licite occupanda concedendi et donandi ac ea que 
neretici ad terras catholicorum vel econtra ex terris catholicorum 
in vel extra regnum ducerent aut duci facerent in predam dandl 
SS. rer. Siles. XI, 234. 



Stildien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 9 

es nun als ihre Aufgabe^ den Verkehr mit Böhmen zu 
hindern. Alle dorthin bestimmten Waaren wurden con- 
fiscirt; ja auch die Habe derjenigen, die wider die päpst- 
lichen Gebote zu murren wagten, war gefährdet. Die 
ganze Umgebung von Freiberg wurde beunruhigt; Fuhr- 
leute wurden auf den Landstrassen ermordet, Pferde und 
Güter weggenommen. Handel und Wandel litten darunter 
furchtbar. Selbst in der Stadt war niemand sicher. Die 
„leichtfertigen Leute, die das Kreuz in solcher Weise an 
sich genommen hatten'^, drangen in die Häuser der Bürger 
"ein, suchten in denselben nach böhmischen Gütern und 
drohten, wenn Einwendungen versucht wurden, mit Mord 
und Misshandlung. Ueberall beriefen sie sich auf die 
päpstlichen Gebote, und dies sowie die Furcht vor ihren 
Gewaltthätigkeiten hielten sowohl den landesherrlichen Amt- 
mann Nickel Monhaupt als die städtischen Behörden von 
einem thatkräftigen Einschreiten ab. 

Indes auf die Dauer konnte dies Unwesen doch nicht 
geduldet werden. Mussten doch auch die landesherrlichen 
Einnahmen, die ja zum grossen Theile in den Erträgnissen 
der Bergwerke bestanden, schwer darunter leiden. Auch 
konnte man nicht wissen, ob nicht doch noch die 
meissnischen Lande in den Krieg verwickelt werden 
würden*') und ob man niclit in diesem Falle die Mannen 
brauchen würde, die sich jetzt auf Leben und Tod der 
Politik der Curie verschrieben hatten. 

Freiberg war damals im gemeinsamen Besitz der 
beiden Linien des Hauses Wettin**); ein gemeinschaft- 
licher Amtmann vertrat die landesherrlichen Rechte. Das 
nächste Interesse an der Herstellung eines geordneten Zu- 
standes hatten jedoch Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht; 
ihre Lande wurden in erster Linie durch das Treiben der 
Kreuziger betroffen. Aber ohne Zustimmung des Herzogs 
Wilhelm wollten und durften sie nichts unternehmen. Sie 
sandten daher ihren Obermarschall Hugold von Schleinitz 
an denselben zur Berichterstattung ab und entwarfen bald 
darauf in einem längern Schreiben vom 6. Juni 1468 in 
lebhaften Farben ein Bild von dem Unfuge, den die Kreuz- 



" (Am 30. Mai befahlen Ernst und Albrecht ihren Mannen, 
sich in Kriegsbereitschaft zu halten, da sie gewarnt seien, dass 
etliche Abgönner ihre Lande und Leute zu schäigen beabsichtigten. 
WA. Defensionssachen B1.51. 

**) Vergl. den Burgfrieden vom 11. Nov. 1448, der im ersten 
Bande des Freiberger ürkundenbuches zum Abdruck kommen wird 



10 Hubert Ermisch: 

schaaren anrichteten. Ungern möchten sie, so heisst es 
in dem Briefe, den Geboten des h. Vaters zuwider handeln; 
aber unter den obwaltenden Verhältnissen könne man den 
Zustand nicht länger dulden, sondern müsse auf Mittel 
und Wege denken, die Kreuziger dahin zu schaflfen, wohin 
sie gehörten. 

Wilhelm stand der Sache femer ; er hatte sich niemals 
in dem Masse für Georg interessiert als seine Neffen und 
scheint zudem damals schon auf gespanntem Fusse mit 
ihnen gestanden zu haben. In seiner Antwort vom 
11. Juni spricht sich ein gewisses Misstrauen gegen ihre 
Angaben aus; er findet es auffällig, dass noch keine Mel- 
dung des Amtmanns und des Freiberger Rathes vorliege. 
Auch versäumte er nicht, darauf hinzuweisen, dass ihre 
Vorfahren sich stets um den Christenglauben besondere 
Verdienste erworben hätten, und warnte davor, ihre Fuss- 
stapfen zu verlassen. Dass dem Unfuge gesteuert werden 
müsse, leuchtete indes auch ihm ein; er verlangte aber, 
seine Neffen sollten nur gemeinschaftlich mit ihm nandeln. 

Man wurde einig, ein Schreiben an Vogt, Bürger- 
meister und Kathmannen zu erlassen; allein über die 
Fassung desselben kam es zu weiteren Streitigkeiten. Uns 
liegt sowohl der Entwurf Ernsts und Albrechts, als der 
Gegenentwurf ihres Oheims vor. Der erstere, der das 
Datum des 15. Juni trägt und nur im Namen von Ernst 
und Albrecht, nicht zugleich in dem des Oheims, abge- 
fasst ist, berührt ziemlich kühl die Thatsache der Kreuz- 
predigt — wegen der Gebote des Papstes würden die 
Fürsten dieselbe ungern verhindern wollen — und ent- 
hält dann einen scharfen Verweis gegen Vogt und Bath, 
weil sie das Treiben der Kreuziger nicht sofort mit aller 
Energie unterdrückt hätten; sie wüssten doch, wie die 
Fürsten bisher auf Frieden in ihren Landen gehalten 
hätten; wer den Frieden bräche, gleichviel an wem, müsse 
unnachsichtlich bestraft werden. Die Kreuziger sollen 
versammelt und ihnen mit allem Nachdruck folgendes 
vorgehalten werden. Diejenigen unter ihnen, welche als 
angesessene Bürger oder Lehnsleute den Landesherren 
eidlich verpflichtet seien, hätten ohne deren Genehmigung 
das Kreuz nicht nehmen dürfen; da es indes einmal ge- 
schehen, so sollte ihnen gestattet sein, gegen die Böhmen 
zu ziehen; nur sollten sie dafür sorgen, dass nöthigenfalls 
auch in ihrer Abwesenheit ihre Pflicht gegen ihre Lehns- 
und Landesherren erfüllt, also namentlich bewaffiiete Folge 



Studien zur Gesch. der 3ächs.-böhm. Beziehungen 1468^71. H 

geleistet würde. Alle Kreuziger ausnahmslos sollten bei 
strenger Strafe in Freiberg und im ganzen Lande nie- 
manden^ gleichviel wer er sei und woher er komme, ohne 
ausdrückliche Genehmigung der Landesherren an Leib 
und Gut schädigen. 

Die rücksichtslose Schärfe, die sich in dem Entwurf 
ausspricht, billigte Wilhelm nicht. Sein Gegenentwurf 
(vom 20. Juni) ist kürzer, allgemeiner und viel milder 
gehalten. Der Lehnspflichten und ihrer Verletzung durch 
die Kreuznahme geschieht keine Erwähnung. Der Bath 
wird aufgefordert, den Kreuzigern alle Plackereien zu 
verbieten und sie zum Abzüge nach Böhmen zu veran- 
lassen. 

Wie der Befehl lautete, der schliesslich nach Frei- 
berg gesandt wurde, ist uns nicht bekannt Jedenfalls 
hatte er fürs erste den gewünschten Erfolg. Die Kreu- 
ziger verhielten sich mehrere Wochen lang ruhig, und ein 
Theil von ihnen hat vielleicht die Stadt verlassen; eben 
zu jener Zeit lagen bedeutende Kreuzschaaren unter Fried- 
rich von Schönburg bei Schlackenwerda in der Gegend 
von Elbogen, und König Georg musste die Lande ringsum 
gegen sie aufbieten.*') Andere Haufen, angeblich über 
15 000 Mann, wurden bei Pilsen von einer kleinen Anzahl 
Böhmen in die Flucht getrieben. Man erzählte sich da- 
mals, die sächsischen Herzöge hätten unter schweren Be- 
drohungen die Ihren aus dem Kreuzheere abberufen ; ein 
Gerücht, zu dem die Freiberger Auftritte Anlass gegeben 
haben mochten.**) 

Inzwischen war der päpstliche Legat Laurentius Ro- 
varella in Deutschland erschienen, um die oben erwähnten 
päpstlichen Bullen vom 20. April bekannt zu machen, 
Anfang Juli hielt er sich mehrere Wochen in Grätz bei 
Kaiser Friedrich auf und erliess von hier aus Verord- 
nungen über die Kreuzpredigt, die zu gunsten des Krieges 
gegen die Ketzer zu veranstaltenden Sammlungen u. a. 
Obwohl es seine Aufgabe war^ die Leidenschaften noch 
mehr zu entfesseln, was er auch nach Kräften that, ent- 



") Palacky, ürk. Beitr. 544. Erwähnt wird dieser Zug Fried- 
richs V. Schönburg mit Kreuzigem noch in einem Schreiben ver- 
schiedener wegen Theilnahme an demselben aus Cadan vertriebener 
Personen von 1472 Aug. 18, in welchem sie Ernst und Albrecht um 
Verwendung bei ihrem Herrn Jan v. Lobkowitz wegen Wiederauf- 
nahme bitten. WA. Böhm. Sachen K. II Bl. 132c. 

") Eschenloer (SS. rer. Siles. VH) 187. 



12 Hubert Ermisch: 

ging es ihm dach nicht, dass das bisherige zuchtlose Trei- 
ben der Kreuziger der Sache, der sie dienten, mehr 
schadete als nutzte; trotz ihrer grossen Zahl hatten diese 
Truppen bisher noch nicht einen nennenswerthen Erfolg 
zu verzeichnen gehabt. Der Legat strebte dem abzu- 
helfen und bestimmte daher, dass nur solche mit dem 
Kreuze gezeichnet werden sollten, die zum Kampfe ge- 
eignet und im Stande seien, sich wenigstens sechs Monate 
lang zu unterhalten; auch sollten die Kreuziger sich nicht 
einzeln und ungerufen auf den Weg machen, sondern die 
Befehle des Legaten oder seiner Commissarien abwarten.**) 

Gleichzeitig verkündeten Beauftragte des Legaten, 
unterstützt durch kaiserliche Empfehlungsschreiben *•*), aller 
Orten die päpstlichen Bullen vom 20. April. Bereits An- 
fang Juli waren dieselben in Breslau bekannt geworden, 
und Bischof Rudolf sorgte für ihre schnelle Verbreitung.*'') 

Am 21. August wurden sie in Freiberg zur öffentlichen 
Kenntnis gebracht, nachdem sie vorher in Meissen vor 
Ernst und Albrecht officiell publiciert worden waren.**) 
Wir sahen bereits, dass auch in diesen Bullen jede Zufuhr 
nach Böhmen mit den strengsten Strafen bedroht war. Es 
bedurfte blos eines solchen Anlasses, um die noch immer in 
der Stadt weilenden Kreuziger zur Wiederaufnahme ihrer 
angemassten grenzpolizeilichen Thätigkeit zu bewegen. An 
demselben Tage, an dem die päpstlichen Gebote verkündigt 
wurden, kamen zwei Kaufleate aus Nürnberg und Leipzig, 
die nach Böhmen Handel trieben, von dort nach Freiberg. 
Niemand wollte sie beherbergen; so allgemein wurde der 
Inhalt der Bullen respectiert. Die Kreuziger aber nahmen 
den Kaufleuten ihre Pferde und eine Summe Geld ab, 
führten sie vor den Kreuzprediger und daaan vor den 
Rath, und der letztere wusste, um sie zu retten, nichts 
besseres zu thun, als dass er sie in den städtischen Ge- 
wahrsam setzte. Schon war auch der Gottesdienst 
wegen ihrer Anwesenheit eingestellt worden; darum 
hielt es der Rath für das Beste, die Kaufleute aus der 



") SS. rer. Siles. XI, 286. 

' *•) 1468 Juli 13. Janssen, Frankfurts Keichscorresp. II, 1, 
255. Das an Kurfürst Ernst gerichtete Exemplar des kaiserlichen 
Schreibens abschriftlich HStA. Cop. 12 fol. 20. 

") SS rer. Siles. IX, 267 Anm. 

'*) Ein von Rudolf am 12. Juli 1468 aufgejiommenes notarielles 
Transsumpt der Bulle Begnans HStA. Loc. 10297. Verschiedene 
alte Copeyen in Beligionssachen 1468, 1566 fol. 1. 



Stadien zur Gesch. der 8äcli8.-b6lim. Beziehungen 14<tö — 71. 13 

Stadt zu entlassen, ihre Habe aber wurde, theils der 
Ballen wegen, theils um sie vor den Kreuzigem zu 
sichern; zurückbehalten. Kurfürst ErDst und Herzog 
Albrecht, denen der Bath eilends den Vorfall meldete, 
waren sehr aufgebracht und verlangten sofortige Fest- 
nahme der Schuldigen. Am folgenden Tage, bevor noch 
dieser landesherrliche Befehl eingetroffen war, griffen ^e 
Kreuziger in Gemässheit der Bulle und auf Anweisung 
der Priesterschaft, wie sie später zu ihrer Entschuldigung 
sagten, fünf Wagen mit SsQz auf, die theils landesherr- 
lidtien Unterthanen zu Frauenstein, theils den Herren von 
Rabenstein zu Riesenberg und dem Abte von Ossegg ge- 
hörten und nach Böhmen bestimmt waren, führten sie 
nach Freiberg und verkauften dort die Fracht. Der Rath 
entbot nunmehr zwar die Kreuziger vor sich und machte 
ihnen unter Bezugnahme auf die ergangenen landesherr- 
lichen Befehle Vorstellungen; allein diese beriefen sich auf 
den Wortlaut der päpstlichen Gebote und behaupteten 
dreist, die Landesherren würden mit ihrem Vorgehen völlig 
einverstanden sein. 

Amtmann und Rath, denen inzwischen ein neuer 
scharfer Befehl, die „Strassenräuber und Landesbeschädi- 
ger^ festzunehmen, von Ernst und Albrecht zugegangen, 
war, befänden sich in grosser Verlegenheit; sie wollten 
gern als „fromme, christliche Leute" befunden werden, 
wagten anderseits aber auch nicht, den Landesherren zu 
trotzen. In ihrer Noth wandten sie sich (am 24. August) 
an Herzog Wilhelm. Fast gleichzeitig schrieben diesem seine 
Neffen (am 25. August) und erklärten energische Mass- 
regeln für unumgänglich nothwendig. Noch bevor ihr 
Brief abgegangen war, lief die Nachricht eines neuen 
durch Kreuziger begangenen Strassenraubes ein; die Frei- 
berger hatten aber die Heimkehrenden nicht eingelassen, 
und so hatten sie sich mit ihrem Raube nach Altzelle ge- 
wandt. Dort trafen Ernst und Albrecht Anstalten, sich 
ihrer zu bemächtigen. 

Am 26. August erschien der Freiberger Amtmann 
und der Rath, denen die Sache immer bedenklicher wurde, 
in Meissen vor den Landesherren. Sie baten ihres säu- 
migen Vorgehens wegen um Entschuldigung; sie hätten 
gern, so sagten sie, die befohlenen Festnehmungen voll- 
zogen , aber Gott wüsste, dass sie es sich nicht getraut 
hätten; „denn der Kreuziger wären so viele und faste 
eigenwillig und wären sehr in der Stadt gefreundet und 



14 Hubert Ermiscli: 

hätten auch yon dem gemeinen Volke grossen Anhang, 
weshalb sie ihnen kein Wort zu sagen wagten"; sie 
müssten befürchten^ dass sie sämmtlich erschlagen werden 
würden, wenn sie die landesherrlichen Befehle ausführten. 
Sie ständen auch sonst in grosser Gefahr ; die Kreuziger 
liefen ihnen durch Haus und Hof, und sie wüssten nicht, 
ob sie in die Stadt eingelassen würden, wenn sie heim- 
kehrten. 

Ernst und Albrecht befahlen ihnen, sich sofort nach 
Freiberg zurückzubegeben, Handwerker und Gemeine vor 
sich zu entbieten und sie zu befragen, wie sie sich den Kreu- 
zigern gegenüber verhalten wollten. So sollten sie in Er- 
fahrung bringen, auf wie viel Beistand sie zählen dürften. 
Nöthigenfalls wollten die Landesherren schleunigst zu Hilfe 
eilen; sie hatten ihren Marschall mit andern Hofleuten so- 
fort in die Gegend von Freiberg geschickt und den Rath 
angewiesen, auf seine Aufforderung Folge gegen die Kreu- 
ziger zu leisten. 

Als der Rath heimkehrte, gelangte er zwar ohne 
Schwierigkeit in die Stadt; aber die Kreuziger, die sich 
mehr imd mehr in Gefahr fühlten, hatten sich auf dem 
Kirclihofe der Peterskirche, ganz in der Nähe des Rath- 
hauses und des Obermarktes, gesammelt und nahmen dort 
eine bedrohliche Haltung an; sie wollten Kirche und 
Kirchhof besetzen und sich in ihrem Besitze behaupten. 
Offener Aufstand und Strassenkampf schien bevorzustehen. 
Doch fanden sich zum Glück Vermittler, welche die Schaa- 
ren zum Abzug aus der Stadt bewogen. Wohin sie sich 
begeben, wissen wir nicht; später haben sich zu Lössnitz 
in der Grafschaft Hartenstein Pferde vorgefunden, welche 
flüchtige Kreuziger dorthin gebracht hatten. Freibergs 
Thore wurden auf Befehl des Rathes besetzt, damit keiner 
der Entwichenen wieder in die Stadt zurückkehren könnte. 

Dann berief der Rath, wie ihm befohlen war, Hand- 
werker und Gemeine zusammen. Ihre Antwort war zu- 
friedenstellend; die Kreuziger waren eben schon aus der 
Stadt verschwunden und der von ihnen geübte Terroris- 
mus hatte aufgehört; auch schreckte wohl der Ernst, mit 
dem der Kurfürst und sein Bruder die Sache auffassten. 
Diese billigten die Massregeln des Rathes und befahlen 
ihm zugleich, Kundschaft über die Kreuziger ein- 
zuziehen und mit ihnen zu verhandeln, ob sie sich 
gutwillig ergeben wollten; sie sollten sich in diesem 
JB^alle am 29. August unbewaffnet vor Freiberg einfin- 



Studien zur Gesch. der Bäch8.*böhin. Boziehungen 1468 — 71. 15 

iexi; in die Stadt dürften sie jedoch nicht eingelassen 
werden.**) 

Trotz der friedlichen Wendung, welche die Sache 
genommen imd welche die baldig Heimkehr des Mar- 
schalls veranlasst hatte, hielten es Ernst und Albrecht für 
gut; die bewaffnete Demonstration ^ die sie anfangs auf 
den 27. August festgesetzt hatten, noch nachträglich zur 
Ausführung zu bringen. Mit 1000 Mann zu Fuss und 
300 Pferden begaben sie sich am 29. August nach Frei- 
berg. Um der Geistlichkeit^ ,,die solches viel zugerichtet 
und gemacht hat** (wie es in einem Schreiben vom 2. Sep- 
tember heisst); jeden Anlass zu nehmen, das Thun der 
Landesherren zu verdammen und zu hemmen, hatten die- 
selben den Bischof Dietrich von Meissen, der, wie wir 
wissen, sich durch eine sehr gemässigte Gesinnung und 
durch Treue gegen seine Fürsten auszeichnete, mit sich 
mommen. An der Spitze eines Heeres hatten sie leichtes 
Ipiel. Am 30. August früh beschieden sie Rath und Ge- 
meine vor sich und trafen mit ihnen ein Abkommen, über 
das sie absichtlich oder imabsichtlich in dem an ihren 
Oheim gerichteten Schreiben vom 2. September keine 
näheren Mittheilungen machten. Was die Räubereien der 
Kreuziger betrifft, so sollte die geraubte Habe, soweit 
dieselbe sich noch im Gewahrsam der Stadt befand, den 
rechtmässigen Besitzern zurückgegeben werden ; soweit sie 
nicht mehr vorhanden war, sollte die Stadt Ersatz dafür 
leisten und sich an den in Freiberg zurückgelassenen 
Gütern der Entflohenen schadlos halten; die flüchtigen 
Kreuziger aber, die der an sie ergangenen Aufforderung, 
sich freiwillig zu ergeben, nicht nachgekommen waren, 
sollten verfolgt und festgenommen werden. 

Herzog Wilhelm hatte inzwischen von Schleiz aus, wo 
er in jenen Tagen mit den Brandenburgern wegen eines 
Bündnisses verhandelte (vergl. S. 24), in einem Schreiben 
vom 29. August denNeficn vorgeschlagen, dass beiderseitige 
Räthe am 6. September in Freiberg die Sachen beizulegen 
suchen sollten. Als er nunmehr aus ihrer Antwort vom 



*•) Vergl. dus Schreiben vom 27. Aug. 1468. Samml. verm. 
Nachr. 1, 266. Der Herausgeber glaubt (276), dass in der Wendung : 
»,ob sie sich ane not unde gutwilliglichen yn unser Strasse gebm 
wolten, so weiten wir die in unser Strasse uflmemen" das Anerbieten, 
die Ereuziger in landesherrliche Erieffsdienste aufzunehmen, ent- 
halten sei. Doch ist mir ein Gebrauch des Wortes „Strasse" in diesem 
Sinne ganz unbekannt. 



16 Hubert Ermiscli: 

2. September ihr einseitiges energisches Vorgehen erfuhr, 
nahm er dies sehr übel auf. Er sandte sofort seine Käthe 
Hermann Lugel und Lorenz von Kochberg nach Freiberg; 
sie sollten erkunden, was für ein Vertrag zwischen Bath 
und Gemeinde geschlossen worden sei, und sowohl den 
Käthen seiner Neffen als dem Freiberger Käthe unumwunden 
Wilhelms Missbilligung zu erkennen geben. Insbesondere 
versagte der Herzog seine Einwilligung zu der Abmachung; 
dass die Stadt Ersatz für die von den Kreuzigem geraubte 
Habe leisten und sidi dafür an ihre' Güter halten sollte. 

Die Verhandlungen der Käthe führten indes bald zu 
einer Verständigung; Wilhelm erklärte sich schliesslich 
im grossen und ganzen mit den getroffenen Massregeln 
einverstanden; nur die Art, wie das confiscierte Gut er- 
stattet werden sollte, scheint er noch bemängelt zu haben.*®) 

Inzwischen hatten mehrere der Kreuziger um freies 
Geleit gebeten, um sich wegen der ihnen zur La'st ge- 
legten Verbrechen zu entschuldigen. Wilhelm verwandte 
sich für sie; aber Ernst und Albrecht nahmen Anstand, 
ihr Gesuch zu gewähren. Es gebe viele ICreuziger zu 
Freiberg und an anderen Orten, heisst es in ihrem Schrei- 
ben vom 18. September, die an jenen Thaten imschuldig 
seien, und diese würden in keiner Weise behelligt; aber 
denen, welche die Käubereien verübt und den Petrikirch- 
hof besetzt hätten, könnten sie kein Geleit geben. 

Die Vertriebenen, deren Lage immer bedrohter wurde, 
wandten sich nochmals an den Vogt und den Kath zu 
Freiberg mit der Bitte, dass ihnen wenigstens für einige 
Tage Geleit gegeben würde, damit sie sich sammeln 
könnten; sie wollten sich dann ganz in der Landesherren 
Gehorsam begeben. Auch erboten sie sich, das geraubte 
Gut zurückzuerstatten, soweit es noch in ihrem Besitze, sei. 
Vogt und Kath, die selbst in grosser Verlegenheit waren — 
Ernst und Albrecht drängten sie, den Frauensteinem 
schleunigst Ersatz zu leisten, Wilhelm hatte es verboten — 
theilten ihr Gesuch am 21. September diesem wie jenen mit. 

Einige Kreuziger hatten sich inzwischen nach Weimar 
zu Herzog- Wilhelm begeben und überreichten diesem 
am 26. September ein langes Schreiben, in dem sie die 

fanzen Vorgänge von ihrem Standpunkte aus schilderten, 
ie beriefen sich dabei auf die päpstlichen Gebote: nicht 

•®) Das uns vorliegende flüchtige Concept eines Schreibens des 
Herzogs an seine Neffen vom 12. September ist nicht ganz ver- 
ständlich. 



Studien zur Gesch. der s&ch8.-böhm. Beziehungen 1468 — 71. 17 

um GuteS; sondern um Gottes Willen Imtten sie die Nähme 
verübt; hätten sie gewusst, dass ihr Verfahren ihren Herren 
unangenehm sei^ so würden sie es ganz unterlassen haben. 
Auf den an den Rath ergangenen Befehl; sie in Haft zu 
nehmen, hätten sie sich zu allem bereit erklärt; was man 
von ihnen verlangen würde; da aber seien die Herzöge 
mit vielem Volke — vielleicht „durch unbeständiges Vor- 
bringen etlicher ihrer Abgönner" veranlasst — gegen sie 
gezogen, und sie hätten in Sorge für ihr Leben fliehen 
müssen. Ihre neuerdings an den Rath gerichtete BittC; sie 
wieder aufzunehmen , sei von den Landesherren abge- 
schlagen worden. So seien sie vertrieben und müssten 
mit Weib und Kind zu Bettlern werden. Und doch seien 
sie ihre Lebtage niemals Räuber gewesen; sondern sie 
hätten sich meist redlich mit ihren Handwerken ernährt; 
Lucas Schönberg aber mit seinem Bergbau — „ich habe 
euem Gnaden mehr Silbers geantwortet und erbauet als 
irgend ein anderer in langer Zeit gethan hat", so sagt 
derselbe von sich. Sie baten den Herzog inständigst, sie 
wieder in Gnaden aufzunehmen und sich auch bei seinen 
Neffen für sie zu verwenden. 

Der Leser dieser beweglichen Bittschrift fühlt in der 
That Mitleid mit den Irregeleiteten. Bei vielen derselben 
war es sicher nur eine absonderliche Art der Frömmig- 
keit, die bei dem rohen Charakter der Zeit diese gewalt- 
thätigen Formen annahm. 

Wilhelm antwortete dem Freiberger Rathe auf sein 
Schreiben vom 21. September ziemlich kurz: er werde 
bei einem auf den 10. October angesetzten Tage zu Erfurt 
die Sache mit seinen Neffen des weiteren besprechen. Was 
die Rückgabe der Güter anlange, so werde ihnen ja wohl 
seine Antwort noch in Erinnerung sein; was davon noch 
vorhanden; sollten sie den Besitzern überantworten, auf Ent- 
schädigung für das übrige sich jedoch gar nicht einlassen. 

Gern willigten Ernst und Albrecht in die Abhaltung 
eines Tages zu Erfurt. Zugleich aber Hessen auch sie 
Verhandlungen mit den Kreuzigem anknüpfen, und diese 
verpflichteten sich schliesslich, nach Leipzig zu kommen 
und sich in den Gehorsam der Brüder zu begeben. Was 
dort abgemacht worden ist, wissen wir nicht; ebenso ist 
uns nicht bekannt, welche Beschlüsse wegen der flüch- 
tigen Kreuziger auf dem nocl^ zu erwähnenden Tage in 
Erfurt gefasst wurden; da das über denselben vorhandene 
Instrument sie gar nicht erwähnt. Jedenfalls wurde noch 

Neues Archiv f. S. G. tu A. IL 1. S 



18 Hubert Ermisch: 

mehrmals, so im Anfange December zu Meissen, mit ihnen 
verhandelt, schliesslich jedoch ein Ausgleich erreicht. Den 
Beraubten zu ihrer Habe zu verhelfen, hielt freilich schwer; 
noch am 13. December erging ein Befehl an den Rath 
zu Freiberg, derselbe solle die Kreuziger zur Auszahlung 
der 146 Schock 10 Gr., die sie den Frauensteinern als 
Ersatz für das Geraubte zu geben sich verpflichtet hatten, 
nöthigen. '^ *) Die Behauptung, dass sie in landesherr- 
liche Kriegsdienste eingetreten seien, ist nicht beweisbar.*') 
Auch noch später finden wir Spuren ihrer Thätigkeit. 
So klagt König Georg in einem Schreiben an die herzog- 
lichen Brüder vom 20. Februar 1469, dass Paul Meissner 
von Freiberg und sein Hausknecht Philipp Juncker der 
Regina, der Frau eines gewissen Kaufmanns Valentin aus 
Prag, seidene und andere Waaren in der Nähe von Frei- 
berg abgenommen haben, und bittet, derselben zu ihren 
Gütern wieder zu verhelfen.**) Können wir hier nur 
vermuthen, dass kein gewöhnlicher Strassenraub, sondern 
ein Werk der Kreuziger vorliegt, so ist dies in einem 
anderen Falle, der noch mehrfache Reclamationen be- 
wirkte, ganz klar. Unter den geraubten Salz wagen be- 
fanden sich auch solche, die den Unterthanen der Agnes 
von Landstein, zu Graupen in Böhmen gesessen, gehörten; 
den letztern waren einige der Räuber bekannt geworden, 
und sie nannten die theilweise anderweit als Kreuziger be- 
zeichneten Georg Wagner, Merten Ortwein, die Schuster 
Grunbach imd Zipser, die Büttner Feielrose und Gelhar, 
Lorenz Strol, den Fleischer Georg von Dippoldiswalde. 
Ihre Herrin hatte nun bereits zu wiederholten Malen so- 
wohl die Stadt Freiberg als die beiden Herzöge um Er- 
satz für den angerichteten Schaden, der auf 80 Schock 
geschätzt wurde, gebeten; die Fürsten hatten ihr auch 
mitgetheilt, dass einige Kreuziger sich mit ihnen ausge- 
söhnt hätten, aber mit dem Zusätze, dass diese nicht im 
Stande seien, den geforderten Ersatz zu leisten. Obwohl 
nun Agnes von Landstein in einem Schreiben vom 21. Febr. 
1469 mit Recht darauf hinwies, dass ja die Thäter sämmt- 
lich in Freiberg mit Haus und Hof angesessen seien und 
dass die Landesherren sich also täglich an sie halten und 
sie zwingen könnten, Ersatz zu leisten, blieb ihr Gesuch 



**) Sammlung vermischter Nachrichten 1, 268. 

**) V. Langenn, Albrecht der Beherzte 410. Vergl. oben Anm. 29. 

»») Original im WA. Böhm. Sachen K I Bl. 203. 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 19 

doch, wie es scheint, erfolglos; noch im September 1469 
schrieb sie dringend in dieser Angelegenheit und berief 
sich dabei darauf, dass anderen der geforderte Ersatz ge* 
leistet worden sei.**) 

Noch 1470 waren die Kreuziger nicht allen Ver- 
pflichtungen zum Ersatz des Geraubten nachgekommen 
und wurden deshalb von Ernst und Albrecht mit einer 
Geldbusse von 100 Schock bedroht; dies veranlasste wieder 
Beschwerden von selten des Herzogs Wilhelm, über welche 
am 29. Januar 1470 auf einem Münzprobationstage zu 
Leipzig verhandelt wurde.**) 

Die Freiberger Kreuzigerunruhen sind nur eine ein- 
zelne Episode aus jener aufgeregten Zeit ; an andern Orten 
mag ähnliches vorgekommen sein. Allenthalben waren 
die Bemühungen der deutschen Fürsten darauf gerichtet, 
dem Unwesen ein Ende zu machen. 

Hauptsächlich diesem Zwecke dienten auch die Ver- 
handlungen,, die um die Mitte October zwischen den sächsi- 
schen Fürsten und dem Markgrafen Albrecht zu Erfurt 
stattfanden. Sie betrafen insbesondere die Kreuzpredigt, 
die Sammlimg von Ablassgeldern, das Verbot des Verkehrs 
mit Böhmen imd den zehnten Pfennig von der Geistlichkeit, 
mit welchem der Papst dem Kömge Matthias die stets 
ausgehenden Kriegsmittel zu ergänzen suchte.'*) Es wurde 
vereinbart, dass der Fürst, welchen der päpstliche Legat 
zuerst in dieser Sache angehen würde, nicnt sofort Ant- 
wort geben, sondern die anderen benachrichtigen und 
ihnen einen Tag zur Berathung anberaumen sollte; was 
auf diesem Tage beschlossen werde, sollte für alle bindend 
sein. Zugleich wurde bestimmt, dass man sich auch über 
das Verhalten der anderen deutschen Fürsten unterrichtet 
halten solle; Ernst und Albrecht sollten deshalb bei den 
Erzbischöfen von Salzburg und Köln, dem Pfalzgrafen 
und den bayerischen Fürsten, Herzog Wilhelm bei den 
Erzbischöfen von Mainz und Magdeburg und bei den 

»*) Original im WA. Böhm. Sachen Kapsel I Bl. 204. 294. 

•*) Gemeinschaftl. Archiv zu Weimar Reg. U fol. 24 No. 6. 

»•) Vergl. Eschenloer (SS. rer. Sil. VII) 190 und das Schreiben 
des Legaten Laurentius Rovarella an Bischof Rudolf von Breslau 
d. d. 1468 Oct. 6 SS. rer. Sil. IX, 297. Eine Aufforderung des Erz- 
bischofs Johann von Magdeburg an Bischof Dietrich von Meissen zu 
einer Berathung wegen des Zehnten d. d. 1468 Oct. 29, die den 
letztern zu sorglicher Wahrung seiner exempten Stellung dem Erz- 
bischofe gegenüber veranlasste, s. Cod. dipl. Sax. reg. 11. 3, 180 fg. 

2* 



20 Hubert Ermisch: 

hessischen Fürsten, Markgraf Albrecht bei dem Erzbischof 
von Trier, dem Bischof von Metz, dem Markgrafen von 
BadeP; den von Württemberg und anderen weltlichen 
Fürsten, Grafen, Herren und Edelleuten, sowie bei den 
ihm nahe gelegenen Reichsstädten fleissige Forschung 
halten und das Ergebnis derselben den anderen mit- 
theilen. »') 

Für den November wurde ein Fürstentag nach Mün- 
chen ausgeschrieben, der jedoch nicht hier, sondern in 
Landshut abgehalten wurde*®) und auf dem dieselben 
Gegenstände zur Sprache kamen. Die sächsischen Her- 
zöge sandten Burggraf Georg von Leisnig und Herrn 
Kaspar von Schönberg als ihre Vertreter dorthin und 
wiesen dieselben an, vorher mit den Herzögen Ludwig 
und Sigismund von Bayern allein zu verhandeln, um deren 
Meinung in Erfahrung zu bringen. Ihre uns vorliegenden 
Instructionen sind, wie dies leider gebräuchlich geworden 
war, so gehalten, dass sie in der Hauptsache jeden Be- 
schluss vereiteln mussten. Sie knüpfen an kürzlich ein- 
gelaufene päpstliche und kaiserliche Sclireiben an, welche 
Kreuzpredigt, Ablasshandel, Zehntenforderung und den 
geplanten allgemeinen Krieg gegen Georg betrafen. Wür- 
den sie um die Ansicht ihrer Fürsten über diese Schreiben 
befragt, so sollten sie erklären, dass dieselben erst un- 
mittelbar vor ihrer Abreise eingelaufen und ihnen die 
Entschlüsse ihrer Herren daher nicht bekannt seien; 
sie sollten darum auch die Meinung der anderen Fürsten 
lediglich ad referendum nehmen. ), Von sich aus und nicht 
aus unserm Befehle^ sollten sie sodann die Anschauungen 
ihrer Herren über die Kreuzpredigt, den Ablasshandel 
und den Verkehr mit Böhmen vortragen. Die Kreuz- 
predigt hätten dieselben schon vor einem Jahre gestattet 
tmd wollten ihr, „wiewohl das zu der Zeit wenig Frucht 
gebracht hättet auch jetzt kein Hindernis in den Weg legen, 
„doch so das fürder sollte verkündigt werden, dass das 
mit Ordnung geschehe, als dass nicht das gemeine Volk 
und unendlich Pofel alleine dazu bewegt und mit dem 
Kreuze gezeichnet würde, dadurch ihren Gnaden als 
Fürsten der Lande mehr Widerwärtigkeit dann den Un- 
gläubigen davon entstehen möchte". Nur die besonders 

*') HStA. Orig. 7989, ohne Datum. Angesetzt war der Tag auf 
den 10. October, s. oben S. 17. 

**) „Die fursten, so zum tag gen München beschieden sein, der 
zu Landshut gehalten worden** HStA. Gop. 12. fol. 70 b. 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 21 

Bevollmächtigten sollten das Kreuz ertbeilen dürfen und 
auch diese nur an solche^ die gehörig gerüstet und ihrem 
Vermögen nach im Stande wären ^ die festgesetzte Zeit 
im Felde zu bleiben, nicht aber an leichtfertige Leute, 
die nur zum Scheine das Kreuz nehmen und dadurch 
,,eine Freiheit haben" wollten, einen Tag wider die Un- 
gläubigen zu ziehen, den andern Tag das Kreuz abzu- 
reissen und davonzulaufen. Entschiedener noch sollten 
die Gesandten sich gegen den Ablasshandel und die Er- 
hebung des Zehnten aussprechen, weil durch ersteren 
schon früher das niedere Volk, das zur „Innigkeit" ge- 
neigt sei, furchtbar ausgesogen und viel Geld ausser 
Landes gebracht worden sei> die Erhebung des Zehnten 
von der Geistlichkeit aber in ihren Landen nie stattge- 
funden habe; auch sei zu vermuthen, dass das, was ein^ 
komme, zu anderen als den angegebenen Zwecken ver- 
wendet werden möchte. Wenn von der deutschen Nation 
etwas in der Sache geschehen solle, so müsse ein „ge- 
meiner Tag" angesetzt werden. Werde dann ein Reichs- 
krieg beschlossen, so würden die Herzöge es an sich nicht 
fehlen lassen; aber allein den Krieg anzufangen und ihn 
anderen abzunehmen, das würde ihnen und dem Reiche 
nur schaden können.'*) 

So hatte der Landshuter Tag nicht mehr Erfolg aU 
seine Vorgänger. Wenn hier und auf einem Speierer Tage, 
der wohl kurz nachher stattfand, Anschläge über die zu 
leistende Kriegshilfe aufgestellt wurden, so hatten dieselben 
so gut wie gar nichts zu bedeuten.*®) 

Auch die Frage des Handelsverkehrs mit Böhmen 
hatten die nach Landshut bestimmten Gesandten zu be- 
rühren gehabt: derselbe sei schon lange in Sachsen ver- 
boten. Das war wohl richtig, aber die Lage der Lande 
und ganz besonders auch der Umstand, dass im Herbst 
1468 eine Theuerung entstand, machten eine strenge Durch- 
führung des Verbots, wenn eine solche überhaupt beab- 
sichtigt war, unmöglich.**) Der Legat zu Breslau, dessen 

»») HStA. Loc. 9300. Acta den Zug wider Gersücen betr. 
1468. Der Credenzbrief für die Gesandten d. d. 1468 Nov. 9 8. eben- 
daselbst Loc. 7385 Acta die Ghurfürstentäge zu Frankfurt 1461, 
München 1468 u. s. w. fol. 2. Yergl. auch Jordan 296 Anm. und 
Eluckhohn 283 Anm. 

*•) HStA. Cop. 12 fol. 70. 

*') Tempore autumni ist das jare in Mejssner lande und sust 
an vU andern enden das nasse jare gewest, hirumbe ein kleine zceit 
theurung im lande worden. HStA. Cop. 1301 fol. 48. 



22 Hubert Ermisch: 

rücksichtsvolle Haltung wir schon mehrfach hervorzuheben 
gehabt haben, trug^ dem Rechnung und bevollmächtigte 
den Dominicaner Dr. Joh. Breslauer für gewisse Fälle 
mit der Ertheilung von Ablass wegen Verletzung der 
päpstlichen Bulle. Insbesondere sollte es den Böhmen ge- 
stattet sein, Getreide, Korn und Hafer einzuführen und 
dafür Salz, Häringe, gesalzene Fische u. a., aber nicht 
Wehr und Waffen einzuhandeln und über die Grenze zu 
schaffen; doch sollten sie nicht länger beherbergt werden 
als durchaus nöthig und namentlich keine Kirche betreten. 
Dies wurde in den Grenzorten Böhmens und im Lande selbst 
bekannt gemacht.**) Die wiederholten Verbote und Dro- 
hungen der Landesherren und des Legaten beweisen, dass die 
Ausnahmen bald zur Regel wurden; wir werden auf diesen 
Punkt, der immer von neuem den Landesherren Un- 
annehmlichkeiten bereitete, noch zurückzukommen haben. 

n. 

Die Erfurter Abmachungen blieben wenigstens wäh- 
rend der nächsten Monate massgebend für die Politik von 
Ernst und Albrecht. Als im December der Bischof von 
Würzburg ein Ausschreiben wegen des durch die päpst- 
liche Bulle vom 20. April 1468 vorgeschriebenen Setzens 
von Opferstöcken in allen Städten und Diöcesen erliess 
und gleichzeitig der päpstliche Legat dem Markgrafen 
Albrecht seinen Besuch auf Anfang Januar in Aussicht 



**) Vergl. ein Rundschreiben von Ernst und Albrecht an die 
Amtleute d. d. 1468 Nov. 16 (WA. Böhmische Sachen K. IV Bl. 
124) und ein Schreiben des Bischofs Rudolf von Breslau an Bischof 
Dietrich von Meissen d. d. 1468 Dec. 12 (Cod. dipl. Sax. reg. IL 
3, 180). Bereits am 21. October hatte Joh. Breslauer den Leuten 
der Frau von Waidenburg den Handelsverkehr mit den christlichen 
Böhmen gestattet. HStA. Orig. 8035. Yergl. auch den Dialog 
des Johannes Rabensteineusis (Anfang 1469): Omnes oras confinium 
penes Bohemiam frumento adipe pinguetudine in Bohemia coUectis 
vivere oportet, quibus rebus commutacionis titulo sal, quo solum ad 
victum necessario egent, et cetera Bohemi facile acquirnntj et 
facient certe, quoniam absque frumento ille vulgaris Bohemie vicinus 
populus enervatur. Archiv f. Österreich. Gesch. LIV, 383. Vides 
enim, quot pene corporales et pecuniarie Theutonis, ne commeatum 
salis permittant, inüiguntur, quibus omnibus postpositis sal in com- 
mutacionem frumenti dant, ne frumenta ceteraque careant annona, 
. cujus ob carenciam jam plerique fame compulsi suos dulcissimos 
penates fere relinquere compelluntur ... In marchie Missnensis 
confinibus ma^na tocius annone extat caristia et tanta, quod clamore 
pauperum nimio Missnensibus ad aliquod tempus salis cum frumento 
commutacionem legatus concessit pontificis summi. Ebendas. 398. 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 23 

stellte, um, wie dieser glaubte, die Landshuter Proposi- 
tionen**) noch einmal vorzubringen, machten der Mark- 
graf und Herzog Wilhelm sofort davon die nöthige Mit- 
theilung an Ernst und Albrecht und setzten auf den 
15. März einen Tag zu Naumburg zu weiteren Verhand- 
lungen an, zu dem auch Kurfürst Friedrich von Branden- 
burg und der Landgraf von Hessen geladen werden sollten. **) 
Wenige Wochen nach dieser Korrespondenz, am I.Fe- 
bruar 1469, wurden Ernst und Albrecht durch Schreiben 
des Bischofs Laurentius von Ferrara, des Grafen Hugo 
von Montfort namens des Kaisers und des Propstes Georg 
von Pressburg namens des Königs Matthias zu einem auf 
den 19. Februar angesetzten Reichstage nach Regensburg 
eingeladen. Ein dem kaiserlichen Schreiben beiliegender 
Zettel besagte, dass auf diesem Tage verhandelt werden 
solle „von Hauptleuten und wie viel Volks zu Ross und 
zu Fuss man aus deutschen Landen anschlagen soUe^, 
ferner „um Verständnis zu machen zwischen den Haupt- 
leuten, in deutschen Landen und dem Könige von Ungarn". 
Die Lage Georgs schien so bedenklich, dass man sich 
nicht mehr hinter den Türkenkrieg verstecken zu brauchen 
glaubte; andrerseits war aber doch Matthias nicht im 
stände, allein mit dem Ketzer fertig zu werden. Die 
sächsischen Fürsten erfüllte die Botschaft mit nicht ge- 
ringem Unwillen; sie verhehlten nicht, „dass es sie ver- 
wundere, solche Sachen zu schreiben imd vorzunehmen, 
davon vorher mit uns allen unsres Wissens kein Handel 
gewest ist." Aber es befremdete sie auch, dass ihr Oheim, 
dem sie darüber berichteten und der, wie ihnen mitgetheilt 
wurde, bereits vor ihnen ähnliche Schreiben erhalten hatte, 
sie nicht davon unterrichtet habe. "**) Wilhelm entschul- 
digte sich: er habe gewusst, dass die Botschaft auch an 
seine Neffen kommen werde, und habe daher von einer 
besonderen Benachrichtigung abgesehen; übrigens werde 
er, obwohl auch ihm über das Programm des Tages vor- 
her nichts mitgetheilt worden sei, seine Boten doch nach 
Regensburg schicken, jedoch nur zur Berichterstattung.*®) 



*») Ueber dieselben sind wir übrigens nur mittelbar durch die 
oben erwähnte Instruction der sächsischen Gesandten unterrichtet. 

**) WA. Böhm. Sachen Kaps. IV Bl. 125. Bejahende Ant- 
wort d. d. 1469 Jan. 22 (Concept) ebendas. Kaps. V Bl. 254. 

**) Bachmann, Urk. und Aktenstücke 456. Concept WA. Böhm. 
Sachen K. IV Bl. 126. 

*•) Bachmann a. a. 0. 457. Original WA. a. a. 0. Bl. 127. 



24 Hubert Ermisch: 

Ohne Zweifel entsprach die Haltung Wilhelm» nicht 
ganz den Erfurter Verabredungen. Das Einvernehmen 
zwischen Oheim und Neffen schien überhaupt ein immer 
weniger gutes zu werden, während die Politik der Bran- 
denburger sich mehr und mehr der Wilhelms näherte. 
Bereits im Sommer 1468 hatte der letztere auf einer Zu- 
sammenkunft zu Schleiz eine engere Vereinigung mit jenen 
geschlossen.*') Die Freiberger Wirren hatten schon Zeug- 
nis von einer bedenklichen Gereiztheit zwischen den beiden 
Linien des Hauses. Wettin abgelegt. Dazu kamen neben 
den niemals aufhörenden Münzdifferenzen vor allem zwei 
Punkte, die viel böses Blut machten: die Erbhuldigung, 
welche die jungen Herzöge bis jetzt vergeblich von den 
Gebieten ihres Oheims geiordert hatten, imd der Schutz, 
den sie dem mit Wilhelm verfeindeten Grafen Ernst von 
Hohnstein angedeihen liessen. Was die Erbhuldigimg an- 
langt; so hatten Ernst und Albrecht auf Grund der be- 
stehenden Familienverträge unmittelbar nach ihres Vaters 
Tode darum ersucht; Wilhelm jedoch hatte verlangt, dass 
sie zunächst die (Gesaramt-)Belehnung vom Kaiser em- 

E fangen sollten, und als sie diese erlangt, sie immerfort 
ingehalten. Vergeblich wurden die Neffen immer dringen- 
der; weder auf dem Tage zu Naumburg am 15. März 1469, 
noch auch bei späteren Verhandlungen, die wir im ein- 
zelnen hier nicht verfolgen können, erlangten sie, was sie 
wollten.***) Ende Juni 1469 wollte Herzog Albrecht noch 
einmal persönlich mit Herzog Wilhelm darüber sprechen; 
auf einer Keise an den kaiserlichen Hof, die wir in an- 
derem Zusammenhange zu erwähnen haben werden, be- 
suchte er auch Jena und bat den Oheim, dort zu einer 
freundlichen Unterredung zu erscheinen. Allein als Al- 
brecht nach Jena kam, war in seinem Gefolge eben jener 
Graf Ernst von Hohnstein, und für diesen Fall hatte Wil- 
helm seinen Käthen Befehl gegeben, zu sagen, dass er 
verhindert sei. Albrecht reiste ihm darauf nach ßudol- 
stadt nach, wo Wilhelm sich beim Grafen Heinrich von 
Schwarzburg aufhielt; der erzürnte Oheim wich ihm auch 
hier aus. Seine Antwort auf Albrechts unwilligen Brief, 
in dem derselbe seine vergeblichen Bemühungen schilderte, 
sprach sich rund und entschieden gegen die Vornahme 

*0 Vergl. die ürkk. von 1468 Aug. 28 bei Riedel, Cod. dipl. 11, 
5, 124. 126. 

*•) Die betreflfenden Schriftstücke befinden sich im "WA. Hand- 
schreiben bl. 8S. Huldigungssachen Bl. 1—7. Irrungen Bl 6—8. 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1168 — 71. 25 

der Erbholdigung aus. Albrecht wollte nun die Sache am 
kaiserlichen Hofe weiter führen und erbat sich Zusendung 
der betreffenden Urkunden des Meissner Archivs nach 
Nürnberg.**) 

Es wäre von nicht geringem Interesse, die tieferen 
Ursachen dieser heftigen Verstimmung zwischen den Höfen 
von Weimar und Meissen und der au^allenden Weigerung 
Wilhelms einer doch wohl unzweifelhaften Verpflichtung 
gegenüber zu kennen; aus den uns vorliegenden Akten 
ergeben sie sich nicht, auch ist es nicht unsere Aufgabe, 
ihnen hier weiter nachzugehen. jLagen ihnen vielleicht 
Combinationen zu Grunde, die es Wilhelm geflissentlich 
vermeiden liessen^ seine Neffen als Erben anzuerkennen? 
Die politische Hinterlassenschaft des Markgrafen Albrecht 
von Brandenburg, die über so viel dunkles Auskunft 
giebt, lässt uns hier vollständig im Stiche. — 

Doch wir sind den Ereignissen vorangeeilt und kehren 
wieder in den Anfang des Jahres 1469 zurück. Der an- 
gekündigte Reichstag fand vom 22. Februar bis 11. März 
zu Kegensburg statt, war aber sehr schwach besucht imd 
hatte so gut wie kein Resultat. Der Reichskrieg gegen 
Böhmen, der Hauptgegenstand der Tagesordnung, schei- 
terte daran, dass die sächsischen und brandenburgischen 
Gesandten erklärten, sie hätten keine andere Vollmacht 
als „zu vernehmen und zu hören, was das Vornehmen 
sei, und das wieder an ihre gn. Herren zu bringen", 
während Herzog Ludwig von Bayern dem Plane nicht 
abgeneigt war.*®) Wohl mochte der Legat zornig sein 
auf die Herren von Meissen**), deren Einfluss man ge- 
wiss nicht mit Unrecht die Hauptschuld an dieser aus- 
weichenden Antwort gab. Ebenso wenig kam es zu der 
vorgeschlagenen Einimg der Fürsten mit dem Kaiser, in 
die auch König Matthias aufgenommen werden sollte;**) 



*•) Vergl. WA. Handachreiben Bl. 3. 84. 117. 82. 

•®) Vergl. den Bericht des Joh. Haiisner nach Eger von 1469 
März 7 bei Bachmann a. a. 0. 460. Den Irrthum Palaekys (IV, 2, 
558), der annimmt, wegen der Abwesenheit der sächsischen und 
brandenburgischen Gesandten sei kein Beschluss zu Stande gekom- 
men, hebt bereits Eluckhohn 287 Anm. hervor. Die Instruction Lud- 
wigs für Martin Mayr s. Eluckhohn SSO fgg.; die Hauptmannschaft 
in dem etwaigen Heichskriege wünschte Ludwig einem sächsischen 
oder bayerischen Fürsten übertragen zu sehen. 

*') Item der legat ist zornig auf den herm von Meissen. Bach- 
mann a. a. 0. 464. 

*') Hieran glauben wir, mit Rücksicht auf die den sächsischen 



26 Hubert Ermisch: 

endlich hatte auch Ludwig keinen Erfolg mit dem Plane 
einer Defensivallianz zwischen Pfalz, Bayern, Sachsen und 
wenn nöthig Brandenburg, der ihn eifrig beschäftigte. **) 
Der einzige Beschluss, der auf dem Tage gefasst wuide, 
war der, dass /tuf Georgi (23. April) eine Vorberathung 
der fürstlichen Käthe zu ßegensburg, am 11. Mai ein 
neuer Reichstag zu Nürnberg stattfinden sollte. 

Noch waren die Verhandlungen in vollem Gange, als 
ein Ereignis bekannt wurde, das die gesammte Sachlage mit 
einem Schlage umzugestalten schien. König Georg hatte 
seinen Gegner bei Wilimow so eingeschlossen, dass dem- 
selben nur die Wahl zwischen Untergang und Capitula- 
tion blieb. Die Folge war der am 27. Februar zu 
Auhrow abgeschlossene WaflFenstillstand, an den sich 
Friedensverhandlungen zu Olmütz anschliessen sollten. 
Ganz unverhofft zeigte sich am politischen Horizonte noch 
einmal die Möglichkeit eines friedlichen Ausgleichs, und 
es ist bezeichnend, dass, so fanatisch das Volk jener Tage 
auch war, doch diese Aussichten allgemein mit Jubel be- 
grüsst wurden.**) 

Unter dem Eindrucke der Capitulation von AVilimow 
schloss der Regensburger Reichstag; unter demselben Ein- 
drucke fand auch die verabredete Zusammenkunit zwischen 
den drei sächsischen Fürsten und dem Markgrafen Albrecht 
von Brandenburg zwar nicht am 15., aber am 21. März 
zu Naumburg statt;**) sie diente unter den veränderten 
Verhältnissen jetzt hauptsächlich zu Vorbesprechungen für 
die auf Georgi festgesetzten Regensburger (Jonferenzen. 
Es waren dieselben Personen, die wenige Mimate früher 
sich in Erfurt zu gemeinsamem Handeln verbmiden hatten; 
indes mag die Hoffnung, dass der Krieg demnächst ein 
Ende nehmen werde, oder mögen die wiederholten Zwistig- 

Fürsten übermittelten Reichstagspropositionen (oben S. 23), trotz der 
leisen Zweifel Eluckhohns (287 Anm.) festhalten zu müssen. 

**) Vergl. die schon erwähnte Instruction bei Kluckhohn 380. 
Sonstige Nachrichten über den Regensburger Tag bei Palacky IV, 
2, 556 fgg. Kluckhohn 284 f^g. 

»*) Literea multi et varii rumores in terra Misne et aliis pro- 
vinciis oriebantur de tractatibus illis; communis omnioni opinio de 
firmata pace fuit; cam ad malum omnes loquentes inclinati proh dolor 
sunt, scandalum sedis apostolice malentes quam honorem. Eschen- 
loer (SS. rer. Sil. Vm 200. Vergl. Palacky IV, 2, 666 fg. 

»») Verffl. obeu S. 23. 1469 März 15 erklären Herzog Wilhelm 
und Markgrai Albrecht, nicht, wie beabsichtigt war, am 19« sondern 
erst am 21. März nach Naumburg kommen zu können. WA. Hand- 
schreiben Bl. 1. 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 27 

keiten und das gegenseitige Misstraaen die Ursache ge- 
wesen sein, der Naumburger Tag hob jene Erfurter Ver- 
bindung völlig auf. Auf die Frage des Markgrafen , ob 
sie in Kraft des Abschieds zu ErAirt gemeinschaftlich 
zu Regensburg handeln wollten, antworteten Ernst und 
Albrecht: sie hätten jenem Abschiede Genüge geleistet 
und es sei nicht nothwendig, ferner „in Kraft desselben" 
zu handeln; trotzdem erklärten sie sich zu einer gemein- 
samen Haltung bereit. Auch bei diesen Vorbesprechungen 
standen die beiden Punkte im Vordergrunde, die jüngst 
auf dem Regensburger Tage den Mittelpunkt der Ver- 
handlungen gebildet hatten: das Bündnis mit dem Kaiser 
und der Krieg gegen Georg. In Bezug auf ersteres er- 
klärte Albrecht, dass seine Räthe die Sache nach wie 
vor nur ad referendum zu nehmen hätten, und dem 
schlössen sich die meissnischen Fürsten an. Was Georg 
anlangt, so äusserten Ernst und Albrecht, so lange sie den 
Krieg vermeiden könnten, würden sie es thun; „wo es 
aber ja auf das Härteste kommt und Ehren und Gewissens 
halber nicht anders sein mag, wollen sie sich von Papst, 
Kaiser, Kurfürsten und andern christlichen Fürsten im 
Reich nicht setzen.** Markgraf Albrecht bezeichnete dies 
auch als die Ansicht des Hauses Brandenburg; er traute 
indessen seinen Schwägern gar nicht recht: „Wir halten 
es dafür, dass sich unsere Schwäger weiter vertieft haben 
um ihres eignen Nutzens willen, dann sie vielleicht uns 
sagen, oder wissen vielleicht, dass der Girsick eine Rich- 
tigung hat, von der wir nichts wissen, und sie meinen 
vielleicht, wir sollten aussher biedern, dass sie den Dank 
gegen ihn allein behielten. Wir wollen Forschung nach 
den Dingen allen haben; desgleichen wollen wir auch 
thun, auf dass man sich von allen Theilen darnach habe 
zu richten; denn die Sage ist hie, sie seien gerichtet."*®) 
Der Kurfürst schloss sich der Meinung seines Bruders 
in allen Stücken an; den Krieg mit Böhmen wollte auch 
er so lange als irgend möglich vermeiden, von dem Bünd- 
nisse mit dem Kaiser aber vollends gar nichts wissen.*') 



»•) Schreiben des Markgrafen Albrecht an Kurfürst Friedrich 
d. d. 1469 März 23 bei Palacky, ürk. Beitr. 567 und Riedel, Cod. 
dipl. Brand. III, 1, 499. Das Schreiben haben Minutoli (Kaiserl. 
Buch 330) und Droysen (Sitzungsberichte der k. Sachs. Gesellsch. d. 
Wissensch. 1857. IX. 171 fg.) irrig ins Jahr 1468 gesetzt; vergl. 
Palacky IV, 2, 569 fg. Droysen, Gesch. d. preuss. Politik II, 1, 244. 

") Schreiben von 1469 April 5 bei Riedel III, 2, 42. 



28 Hubert Ermiscli: 

Es war nur ein trtiglicher Schimmer von Frieden 
gewesen^ der im März die Gemiitlier er&eut hatte. Zwar 
schien es eine kurze Zeit; als beabsichtige Matthias^ seinen 
Ehrgeiz auf ein anderes Ziel zu lenken: auf die römische 
Köniffskrone; er machte insgeheim Anstrengungen, sie 
mit Hilfe seines bisherigen Gegners Georg zu erlangen, 
und dieser schien auch nicht abgeneigt, ihn zu unter-- 
stützen, jedoch nicht ohne Wissen und Willen der bran- 
denburgischen und sächsischen Fürsten. Span von Barn- 
stein, em in Georgs Diensten viel gebrauchter Diplomat, 
war in dieser Sache im März 1469 zu Baiersdorf bei 
Markgraf Albrecht.*®) Doch musste der Ungarnkönig 
bald einsehen, dass die deutschen Fürsten wenig Neigung 
empfanden, einen Ausländer imd ganz besonders ihn sich 
zum Herrn zu setzen. Sobald ihm dies klar geworden, 
strebte er nur danach, die Fesseln des Wilimower Ver-- 
träges möglichst bald abzustreifen. Das wurde ihm leicht; 
denn sein Bundesgenosse war ja die Macht, die lösen und 
binden konnte. Wir gehen in das Detail der Olmützer 
Verhandlungen nicht weiter ein: ihr Kesultat war nicht 
der Friede, sondern nur eine Verlängerung des Waffen- 
stillstandes bis Ne uja hr 1470, zugleich aber auch wenige 
Tage später die Wahl des Matthias zum Könige von 
Böhmen (3. Mai 1469), die jenen Waffenstillstand noth- 
wendig aufheben musste. Von neuem sah sich Georg 
vor die Entscheidung des Schwertes gestellt. „Ich sah 
nie keinen grossmüthigen Mann lieber Friede haben; 
doch hat er nun erlernt, dass er den Frieden erkriegen 
muss und nicht mit Geduld oder Gütigkeit erlangen mag", 
schreibt Gregor von Heimburg am 4. Juli 1469 an Mark* 
graf Albrecht. 

Beide Theile waren jedoch in zu hohem Grade er- 
schöpft, als dass der Krieg sofort hätte ausbrechen können. 
Monate vergingen unter Vorbereitungen und insbesondere 
unter diplomatischen Verhandlungen; Matthias und Georg 
sahen sich nach Bundesgenossen um. Diese Bedeutung 
hatte es, wenn der böhmische Landtag zu Prag Anfang 
Juni 1469 den 'polnischen Prinzen Wladislaw zum Nach- 
folger Georgs, der längst darauf verzichtet hatte, die 
Krone in seinem Hause zu vererben, designierte; gleich- 

**) Seine Instruction bei Bachmann a. a. 0. 485. Yergl. auch 
das eben citierte Schreiben Markgraf Albrechts von 1469 März 23 
und die Schreiben von 1469 März 26 und April 3 in Höflers Kais. 
Buch 186 fgg. 



Studien zur Gesch. der s&chs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 29 

zeitig wurde ein Bündnis mit Polen eingeleitet. Auch 
mit Frankreich und Burgund verhandelte Georg.**) 

Um die Gunst der deutschen Fürsten warben beide 
Könige. Auf den Frohnleichnamstag 1469 (1. Juni) hatte 
König Matthias nach Breslau, wo er die Huldigung der 
Schlesier und Lausitzer entgegen nehmen wollte, sowohl 
den Kurfürsten Friedrich von Brandenburg*®) als die 
sächsischen Herzöge Ernst und Albrecht eingeladen. Ueber 
die Verhandlungen, die Matthias mit den Brandenburgern 
pflog, sind wir aus den Korrespondenzen des Kurfürsten 
mit seinem Bruder Albrecht gut unterrichtet. Er verlangte 
ein Bündnis und stellte dagegen Landerwerb und Geld- 
gewinn in Aussicht. Allein Kurfürst Friedrich benahm 
sich vorsichtig und zurückhaltend, besonders da Matthias 
sich auf die brandenburgischer Seits gewünschte eheliche 
Verbindung mit der Tochter des Kurfürsten nicht ein- 
lassen zu wollen schien. Es kam schliesslich zu gar nichts 
als zu sehr allgemein gehaltenen Freundschaftsversiche- 
rungen. ®^) Was Matthias mit den Käthen der sächsischen 
Fürsten verhandelt hat — persönlich scheint keiner der 
letzteren erschienen zu sein, oDwohl Albrecht anfangs nach 
Breslau zu reisen beabsichtigte**) — , wissen wir nicht; 
seine Anerbieten werden ähnlich gelautet haben, vielleicht 
stellte er ihnen Gebietserweiterungen in der Oberlausitz 
in Aussicht. 



»•) Vergl. das Schreiben des Markgrafen Albrecht von 1469 
JuH 1 bei Höfler, Kaiser! Buch 195 fg. (Riedel UI, 1, 511). 

*^) 1469 Mai 16 theilt Kurfürst Friedrich die an ihn ergangene 
Einladung Ernst und Albrecht mit und bittet sie, ihm Räthe und 
Amtsieute zur Hilfeleistung anzuweisen, wenn in der Zeit seiner 
Abwesenheit dem Lande etwas austiesse, wozu sich die Fürsten be- 
reit erklärten. WA. Brandenburg. S. Kaps. H Bl. 226 fg. 

•') Schreiben Kurfürst Friedrichs von 1469 Juni 17 bei Höfler, 
Kaiserl. Buch 191 fgg.; über die projectierte Heirat vergl. auch 
ebendas. 186 fgg. (Riedel lU, 1, 501 fgg.). Palacky, Urk. Beitr. 589. 
Droysen II, 1, 346 fg. Jordan 337 fgg. 

*') Die an sie ergangene Einladung ergiebt sich aus einem 
Schreiben Herzog Wilhelms von 1469 Juni 1. WA. Handschreiben 
BL 2. Das Verzeichnis der von der Stadt Breslau gespendeten 
Ehrengeschenke (Eschenloer SS. rer. Sil VII, 209) nennt unter den 
Empfängern zwar Friedrich und Johann von Brandenburg, aber 
keinen sächsischen Fürsten, sondern nur die „Räthe aus Mei8sen'^ 
Verhandlungen zwischen Matthias und den sächsischen Fürsten hatten 
übrigens schon früher stattgefunden, doch kennen wir ihren Inhalt 
nicht. Ein Beglaubigungsschreiben für einen Gesandten an Ernst 
und Albrecht d. d. 1468 Oct. 16 s. WA. Ungarische Sachen Bl. 4. 



• » r 



30 Hubert Ermisch: 

Indes auch König Georg blieb nach wie vor mit den 
sächsischen und brandenburgischen Fürsten in FtilJung.*'*) 

Ebenso bewarben sich beide Fürsten um die Gunst 
des Herzogs Ludwig von Bayern, der noch immer mit der 
Realisierung seines Lieblingsplanes, eines Defensivbundes 
gegen Georg, beschäftigt war. Diesem Zwecke sollte zu- 
nächst der Gesandtencongress, der auf Georgi 1469 nach 
Eegensburg berufen war, dienen. Wie zwischen Mark- 
graf Albrecht und den sächsischen Fürsten zu Naumburg, 
so fand zu München eine Vorberathung zwischen den 
bayrischen Herzögen Ludwig und Albrecht statt, in wel- 
cher diese über eine Einigung, in die sie nebst dem Pfalz- 
grafen und den sächsischen Fürsten mit dem Kaiser treten 
sollten, schlüssig wurden. Ernst und Albrecht hatten mit 
ihrer Vertretung auf dem Regensburger Tage den ge- 
wandten Dr. Martin Mayr, die Seele der Politik Herzog 
Ludwigs, beauftragt, und man darf daraus schliessen, das8 
sie dem proponierten Bündnis nicht so abgeneigt waren 
als die brandenburgischen Fürsten.®*) Allein der Tag 
verlief ganz erfolglos, ohne Frage • hauptsächlich in Folge 
der Haltung Brandenburgs. •^) Es kam nur der Entwurf 
eines engen Bündnisses zwischen dem Pfalzgrafen, den 
bayrischen Herzögen und dem Bischöfe von Würzburg zu 
Stande; ••) an denselben knüpfte sich ein lebhafter diplo- 
matischer Verkehr zwischen Herzog Ludwig und den 
sächsischen Brüdern, deren Beitritt Ludwig sehr wünschte. 
Gleichzeitig bestürmten Boten des Kaisers, des Königs 
Matthias und des Königs Georg den Herzog Ludwig mit 
Anträgen auf eine engere Vereinigung; allein Herzog 
Ludwig war, wie Martin Mayr an Hugold von Schleinitz 
schreibt, „nit gemeint sich zu der einem diesmal zu thun, 
doch so schlägt er nichts ab, wird sich der Läufe, wie 



••) Vergl. z. B. das Schreiben Albrechts von 1469 Juli 1 bei 
Höfler, EaiserL Buch 195 (;Riedel III, 1, 509). 

•*) Vergl. das Schreiben des Mayr an Ernst und Albrecht 
d. d. 1469 April 22 WA. Bündnisse Bl. 28. Die Herzöge verwandten 
Martin Mayr übrigens auch sonst in ihrem Dienste. So antwortet 
er z. B. 1469 Oct. 19, er habe sich noch nicht, wie Herzog Albrecht 
gewünscht, zu Kurfürst £rnst begeben können, weil Herzog Ludwig 
ihm keinen Urlaub ertheilt habe. WA. Bergwerkssachen Kaps. I 
Bl. 31. 

•») Ver^l. Kluckhohn 288 Anm. 

**) Es ist dies vielleicht der undatierte und ohne Nennung 
der Vertragschliessenden aufgesetzte Vertragsentwurf WA. Bünd- 
nisse BL 35 fgg. 



Stadien zur Gescb. der 8ftchs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 31 

sich die begeben^ bass erkunden und dann gebührlich 
halten". Auf alle Fälle schien ihm jene Fürsteneinigung 
das Bathsamste zu sein. *^) Ernst und Albrecht schrieben 
darüber an Herzog Willielm;**) er zeigte sich indes, 
wiederum in e nge m Ansclilusse an die Haltung Branden- 
burgs, ihren Wünschen nicht geneigt. Das Ende der 
Verhandlungen war der Abschluss eines allerdings sehr 
farblosen Defensivbündnisses zwischen Ernst, Albrecht, 
Herzog Ludwig und dem Pfalzgrafen (8. Juli 1469), bei 
dem übrigens die sächsischen Fürsten ihre freundsdiaft- 
liche Stellung zu Georg formlich wahrten. ••) Unmittelbar 
darauf näherte sich zwar die bayerische I*olitik ausser- 
ordentlich dem Ungarnkönige '*); am 2. September 1469 
kam sogar das ersehnte Bündnis mit demselben zu stände. 
Allein auch dies war so vorsichtig abgefasst, dass es ihnen 
nicht viel nutzte. ' *) 

Der auf den 11. Mai festgesetzte Reichstag zu Nürn- 
berg wurde erst auf Johannis '*), dann auf Michaelis'*), 
endlich auf das nächste Jahr verschoben. 

So blieb der Ungamkönig auch in dem zweiten Ab- 
schnitte des Krieges um die Krone Böhmens ohne Unter- 
stützung durch das Keich. Auch der Kaiser konnte ihm 
nicht helfen; wiederholte Aufstände seiner Vasallen in 
Steiermark, vor allem aber ein neuer Türkenzug, der 
erste, der die österreichischen Erblande empfindlich traf, 
banden ihm die Hände. Die sächsischen Fürsten dachten 
sogar an einen neuen Versöhnungsversuch; gegen Ende 
Juni sehen wir Herzog Albrecht zu diesem Zwecke 
in Wien weilen, ohne dass er jedoch bemerkbaren Erfolg 
erzielt hätte.'*) Im Gegentheil liest man aus einem an 
ihn gerichteten kaiserlichen Schreiben vom 28. Juli 1469 



:? 



•*) Schreiben von 1469 Mai 4, 6, 16, 16. WA. Bündnisse Bl. 
29—32. 

Schreiben von 1469 Mai 27 ebendas. Bl. 83 fg. 
Kremer, Kurfürst Friedrich von der Pfalz ürkk. 398. VergL 
Palacky IV, 2, 599. 

'®) Vergl. die Instruction der an König Matthias abgefertigten 
Räthe des Herzogs Ludwig (1469 Juli 21 fgg.) bei Palacky, Ürk. 
Beitr. 600 fg. 

^'^ Kremer a a 401 

") Ernst und Albrecht'an Wilhelm d. d. 1469 Mai 27. WA. 
Bündnisse BL 33. 

'*) Kaiser Friedrich an Herzog Albrecht d. d. 1469 Mai 29 
WA. Böhm. Sachen Kapsel IV Bl. 128, 129. 

'*) Höfler, Kais. Buch 195 fg. (Biedel HI, 1, 610). 



32 Hubert Ermisch: 

eher eine gewisse Gereiztheit heraus; der Kaiser beabsich- 
tigte auf den Rath des Papstes, Anfang September eine 
glänzende Fürstenbotschaft nach ßom zur Berathung von 
Plänen gegen die Feinde der Christenheit zu senden, und 
hatte auch Albrecht zur Theilnahme an derselben aufge- 
fordert, dieser aber hatte die Ladung unbeantwortet ge- 
lassen, was ihm einen verblümten Verweis einbrachte.'*) 

Der Krieg zwischen Georg und Matthias war seit 
Anfang Juli auf den verschiedenen Schauplätzen, in Böh- 
men, Mähren und Schlesien, wieder zum Ausbruch ge- 
kommen; indes jetzt wandte sich das Kriegsglück im 
ganzen zu den böhmischen WaflFen zurück, und der grosse 
bieg, den Georgs Sohn Heinrich am 2. November über 
Matthias bei Hradisch erfocht, war ein glänzender Ab- 
Bchluss der Waffenthaten des Jahres 1469. Dass trotz 
des päpstlichen Segens die Waffen des Ungamkönigs nicht 
glücklicher waren, machte doch irre; dazu kam die all- 
seitige Sehnsucht nach dem Frieden. Sie unterdrückte 
allmählich die noch vor kurzem so jäh auflodernde Volks- 
leidenschaft, Hess die nationalen und religiösen Antipathien 
verstummen. Das Kreuzigerunwesen hörte auf; es hatte 
keinerlei Erfolg gehabt, nur Greuel, Unruhen und Wirren 
ohne Ende hervorgerufen. '*) Einzelne Fürsten untersagten 
die Kreuzpredigt und die Sammlungen für den heiligen 
Krieg geradezu, so insbesondere Markgraf Albrecht von 
Brandenburg, der keinen Anstand nahm, in dieser Sache 
Gregors von Heimburg, des alten Pfaffenfeindes, Rath- 
ßchläge zu hören imd zu befolgen.") 

Meissen, wo wir von der Kreuzpredigt schon seit den 
Freiberger Wirren nichts mehr hören '^, wurde durch 
die Kriegsereignisse ringsum wenig berührt. Verschiedene 
Fehden mögen in näherer oder entfernterer Beziehung 
dazu gestanden haben. '^) Wir heben darunter nur die 



") Kaiser Friedrich an Albrecht d. d. Grätz 1469 Juli 28. 
WA. Beligionssachen Bl. 138. 

^•) Vergl. Palacky IV, 2, 616 fgg. 

'^) Höfler, Frank. Stadien I, 49. Dess. Kaiserl. Buch 199. 
201 fg. 204. 209. Minutoli, Kaiserl. Buch 352. Vergl. Droysen 11, 
1, 247 fg. Üeber die Haltung des Pfalzgrafen und der bayerischen 
Herzöge Kluckhohn 291 fg. 

'•) Melchior v. Meckaw schreibt schon 1468 Oct. 18 aus Rom: 
„Man red gar faste daruff, daz yn awern landen daz crewce nicht 
tar (= daSrf) geprediget werden wyder dy Behemen, und etliche 
schriffi^t) davon komen sint.« WA. Italien. Sachen Bl. 13. 

'') So eine im Spätherbst 1468 beginnende Fehde mit mehreren 



Studien zur Gescb. der sächs.-bölim. Beziehungen >46d— 71. 33 

mit Hans von der Oelsnitz hervor, dessen Schloss Rathen 

1468 von den Leuten der Herzöge eingenommen und 
lange besetzt gehalten wurde; es gab dies dem Legaten 
Rudolf Änlass zu der Beschuldigung; die Herzöge hätten 
jenen nur deshalb befehdet, weil er und seine Brüder sich 
dem Papste gehorsam erwiesen und Feinde des abgesetzten 
Ketzers seien. ^®) Die Sache, die schon 1467 ihren An- 
fang genommen, zog sich dann bis ins Jahr 1471 hinein.*') 
Welchen Inhalt die Warnungen vor Gefahren aus Böh- 
men hatten, die Konrad Metzsch im Mai den Herzögen zu- 
kommen liess, wissen wir nicht; nur so viel ist sicher, 
dass diese Gefahren nicht von Georg ausgingen. **) Im 
September schien es noch einmal, als drohe ein Bruch 
der Neutralität Meissens durch die königlichen Truppen, 
die bei Zittau lagerten;' Kurfürst Ernst wies den' Vogt 
zu Hohnstein an^ sobald er etwas Beunruhigendes erfahre, 
sofort mit dem obersten Hauptinann der Böhmen „aufs 
Freundlichste und Gütlichste und nicht herrlich" zu ver- 
handeln und zu verlangen, dass meissi\isches und bischöf- 
liches Gebiet unverletzt blieben. **) Die Gefahr zog vorüber. 

Im Herbste fand eine Fürstenversammlung am Hofe 
des Kaisers statt, der in seiner Bedrängnis nach allen 
Seiten ängstlich nach Hilfe ausschaute; Ernst und Albrecht 
wohnten derselben persönlich bei**), auch wohl Markgraf 
Albrecht. Man vereinbarte, dass die Fürsten, die in der 
nächsten Nachbarschaft Böhmens sässen, wie Markgraf 
Albrecht, Kurfiirst Ernst und Herzog Albrecht, gegen die 
Türken, die entfernteren, wie Kurfürst Friedrich und Her- 
zog Wilhelm, gegen König Georg Hilfe leisten sollten. 
Doch hatte auch dieser Beschluss keine Folgen, Zugleich 

Vasallen der Fürstenthümer Schweidnitz und Jauer, vergl. Eschen- 
loer (SS. rer. Sil. VII) 196. 

•®) Vergl. das angeblich vom Bischof Dietrich, wahrscheinlich 
aber vom Legaten ausgehende Schreiben von 1469 März 27 in Grund- 
manns Dipl. episcop. Misn. VIII, 4051 (Handschr. des HStA.). 

") Vergl. ebendas. 5018, 4064 und WA. Oerter Rathen Bl. 
1 fgg. Mon. Hmensis beiMencke 2, 1597. Näheres bei K. Gautsch,. 
Aelteste Gesch. d. Sachs. Schweiz 64 fgg. 

") Vergl. ein Schreiben des Dr. Martin Mayr von 1469 Mai 6 
und die Antwort darauf von 1469 Mai 15. WA. Bündnisse Bl. 30, 31. 

•*) Grundmann, CoUectanea II, 91 (Handschr. des HStA). 
Hasche, Magazin UI, 300. 

»*) Rechnungen des Paulus Hartmann und des Dr. Heinrich 
Mellerstadt über eine Reise nach Oesterreich mit ihren Herren von 

1469 Nov. 3 und 10 im HStA. Loc. 4335 Rechenunge der Ampt- 
lewte 1468/69. foL 88 fg. 

^ J^eues Archiy £. S. Q. u. A. n-. 1. 3 



34 Hubert Ermisch: 

wurde ein neuer Tag am kaiserlichen Hofe verabredet; 
den die sächsischen und brandenburgischen Fürsten zu 
besuchen versprachen^ falls auch andere Fürsten dorthin 
kämen.") 

Der Zustand des Reiches, wie er sich in alle dem 
zeigte^ war in der That ein überaus kläglicher. Die all- 
gemeine Neutralität der böhmischen Frage gegwiüber 
schien den Krieg ins Endlose verlängern zu sollen; vor 
allem aber war es Georg, der einen Abschluss herbei- 
sehntC; schon um seinem Hause eine nicht ganz ungewisse 
Zukunft zu sichern. Es kann nicht wunder nehmen^ dass 
er sich mit weit ausschauenden Plänen beschäftigte , diC; 
wären sie durchgeführt worden, der Reichsverfassung viel- 
leicht den Gnadenstoss gegeben hätten. Schon ein Send- 
schreiben des Königs vom 1. Januar 1470 wies auf die 
Gefahr einer Lostrennung Böhmens vom Reiche hin, falls 
ihm nicht endlich ein wirksamer Schutz gewährt werde.'*) 
Wenig später, noch im Januar 1470, erschien der in Georgs 
Dienst stehende Georg vom Stein im Auftrage des Königs 
bei Albrecht Achilles und trug demselben Pläne vor, die 
auf eine Erhebung des jungen und ehrgeizigen Herzogs 
Karl von Burgund zur Würde eines römischen Königs 
hinausliefen. Als er bei beiden brandenburgischen Fürsten 
eine durchaus ablehnende Haltung bemerkte, wies er 
darauf hin, dass andere Fürsten, besonders Pfalzgraf 
Friedrich, weniger spröde sein würden, und bot zugleich 
die Niederlausitz oder das Egerland oder eine Summe von 
60000 Gulden den Brandenburgern an^ die Sechsstädte, 
heisst es bei dieser Gelegenheit, würden gern den jungen 
Herren von Sachsen huldigen und diese würden sie gern 
aufnehmen, wenn der König darein willigen wollte, — 
Warum woUten sie, die Brandenburger^ denn nicht auf die 
Anerbietungen eingehen? Man darf hieraus wohl schliessen, 
dass auch mit Ernst und Albrecht über jene wichtigen 
Fragen verhandelt worden ist. Der Markgraf wies jedoch 
alle jene blendenden Erbietungen zurück und lehnte auch 
unter verschiedenen Ausflüchten weitere Verhandlungen 



**) Yergl. die Instruction Markgraf Albrechts für einen Ge- 
sandten an Herzog Wilhelm d. d. 1469 Oct. 25 bei Eluckhohn 
289 Anm. 

••) Palacky, ürk. Beitr. 610 fgg.; vergl. dessen Gesch. von Böh- 
men ly, 2, 621 fg. Das für Ernst und Albrecht bestimmte Exemplar 
dieses Sendschreibens WA. Böhnu Sachen E. lY Bl. 133; vergL 
Jordan, Das Eönigthum Georgs von Podebrad 345 fgg. 



Stadien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehangen 146&-^71. 55 

mit Papst und Kaiser ab*^), während Herzog Albrecht 
beabsichtigte, mit Herzog Otto von Bayern den Papst zu 
besuchen, um eine Ausgleichung zwischen ihm und dem 
Böhmenkönige anzubahnen. *^) Zu dieser Beise kam es 
nachmals freilich nicht; doch hatte Dr. Weissenbach, der 
Anfang 1470 nach Rom gesandt wurde, vielleicht ent- 
sprechende Aufträge.**) 

Ueber die Betheiligung der sächsischen Herren an 
dem Tage, der im Februar und März 1470 zu Wien statt- 
fand und dessen Folge war, dass die kaiserliche Politik 
und die des Ungarnkönigs plötzlich verschiedene Wege 
einschlugen, ist uns nichts bekannt. •*) Der Kampf brach 
trotz der allgemeinen . Friedenssehnsucht und trotz der 
Vermittlungsversuche, die namentlich Markgraf Albrecht 
von Brandenburg machte, noch einmal aus und dciuerte 
bis in den August 1470 hinein, ohne dass er Matthias 
oder Georg einen entscheidenden Vortheil gebracht hätte. 

Die sächsischen Herzöge behielten auch in dieser 
letzten Periode des Krieges ihre neutrale Haltung bei. 
So forderten sie im Februar oder März 1470 auf die 
Bitte des Bischofs von Meissen die Herren Jan von Tho- 
waczaw, Sigmund und Christoph von Wartenberg und 
Tetschen und den Hauptmann im Pilsener Kreise, Wotyk 
^on Bzisatie, Anhänger Georgs, die in seinem Auftrage 
den .Krieg in der Lausitz führten, ernstlich auf, dem 
Bischöfe die zugefügten Schäden ^ju vergüten; an ihrer 
Stelle antwortete König Georg: nicht an Ünterthanen des 
Bischofs von Meissen sei Nähme und Brand geschehen^ 
sondern an abtrünnigen und ungehorsamen Untergebenen 



*^ Instruction für Georg vom Stein bei Palacky, Urk. Beitr. 
616 fgg. Vergl. dessen Gesch. von Böhmen IV, 2, 624 fg. Droysen, 
n, 1, 264 fg. 

**) Schreiben Gregor Heimbnrgs von 1470 Febr. 6 bei Höfler, 
Kaiserl. Buch 219. VergL Palacky IV, 2, 660. Droysen II, 1, 26ö. 

") Seine Rechnung über eine Heise nach Rom d. d. 1470 
März 31 im HStA. Loc. 4335 Rechnung der Amtlewte Sachsen, 
Meyssen und Vogtland 1470. 

•*) Vergl. über den Tag Palacky IV, 2, 626 fg. Auch was 
zwischen den sächsischen und hrandenburgischen Fürsten auf dem 
Tage, der zu Schleiz am 6. Mai 1470 stattfinden sollte, verhandelt 
worden ist (vergl. Riedel III, 1, 529. VfA, Brandenburg. S. K. n 
BL 352. Handschr. Bl. 143), wissen wir nicht; vielleicht betraf es 
nur die unbedeutenden Irrungen, über die schon am 2. April 1470 
von brandenburgischen und sächsischen Räthen zu Jüterbogk ver- 
handelt worden war (WA. Brandenb. Sachen Bl 201—204). 

3* 



36 Habert Ermisch: 

yon böhmischen Beamten die verdiente Strafe vollzogen 
worden.**) Auf die wiederholten Klagen des Vogtes der 
Sechsstädte, Jaroslaw von Sternberg, dass seine ünter- 
thanen von böhmischen Widersachern geschädigt würden, 
die ihren Aufenthalt in Meissen — zu Ottendorf an der 
Heide (bei Eadeberg), zu „der Hoenkruls" (?), zu „Nieder- 
rudigsdorP (Köhrsdorf bei Königsbrtick?), Mückenberg 
(bei Ortrand), Knapsdorf (bei Moritzburg), Eschdorf und 
Dittersbach „im Kreischmar" — nähmen, erliessen . die 
Herzöge am 9. März 1470 einen strengen Befehl an ihre 
Amtleute, dergleichen Räubereien nicht zu dulden, sondern 
die Schuldigen festzunehmen. •*) 

Trotz dieser entschiedenen Abneigung gegen eine 
offene Unterstützung des Böhmenkönigs wurde das Ver- 
hältnie der sächsischen Herzoge zur Curie eher schlechter 
als besser. Vor. allem gab der Grenzverkehr immer von 
neuem Anlass zu Differenzen*'); das Handelsverbot liess 
sich nun einmal nicht aufrecht erhalten, der Papst selbst 
erklärte, dass; wenn singularis necessitas vorliege, ein Ver- 
kehr mit den Ketzern behufs Einkaufs noth wendiger Nah- 
rungsmittel zu gestatten sei. Auf Grund hiervon erlaubte 
der Legat Bischof Rudolf von Breslau am 27. August 
1469 den Bürgern von Chemnitz wegen der drohenden 
Hungersnoth den Ankauf von Lebensmitteln in Böhmen, 
verbot ihnen jedoch, den Ketzern dafür Salz, Spezereien 
oder Waffen zuzufü^jren. •*) Eine ähnliche Erlaubnis 
erhielten auf ihre dringenden Bitten einige Wochen später 
die Städte Freiberg, Dresden imd Pirna.**) 

•') 1470 März 7. WA. Böhm. S. Kapsel IV Bl. 137. 

•") WA. Oberlausitz. Sachen Bl. 15. Hierher gehört auch wohl 
ein Angriff gegen Wenzel von Polenz auf Schirgiswalde (vergl. Pa- 
lacky, Urk. Beitr. 620. 622), über den uns. näheres nicht bekannt ist. 

*') Nur wenige Fälle von Beschlagnahme böhmischer Güter 
sind aus dem Jahre 1469 bekannt; so liess Balthasar von Redem 
bei der Neujahrsmesse 1469 einige böhmische Kaufleute in Leipzig 
aufhalten, vergl. Cod. dipl. Sax. reg. U, 11, 184. Ueber Confiscation 
yon böhmischen Gütern im Bisthum Naumburg s. Schreiben des 
Bischofs Rudolf und des Burggrafen Georg von Leisnig d. d. 1469 
Juli 21. 30. WA. Böhm. S. K. IV Bl. 130. 

•*) Cod. dipl. Sax. reg.- II. 6, 164. 1469 Aug. 28 beauftragt 
Rudolf den Fleban Balthasar zu Chemnitz mit der Absolution der 
wegen ihres Verkehrs mit den Ketzern excommunicierten Chemnitzer 
bei aufrichtiger Reue, ebendas. 165. 

**) Schreiben des Bischofs Rudolf an Bischof Dietrich von 
Meissen d. d. 1469 Sept. 23 bei Grundmann, Cod. dipl. Misn. VIII, 
5006 (Handschr. des nStA.). Von den Bemühungen der Dresdner 
Km diese „Erlaubunge** legen mehrere Posten der Dresdner Stadt- 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen' 1468—71. 37 

Diese Nachsicht, welche die bezüglichen Bestimmungen 
der päpstlichen Bulle vom 20. April 1468 allmählich ganz 
ausser Kraft zu setzen drohte •*), fand keineswegs allge- 
meinen Beifall. Der am kaiserlichen Hofe weilende päpst- 
liche Legat, Laurentius von Ferrara, sah sich veranlasst, 
am 12. November 1469 ein Schreiben an Bischof Dietrich 
von Meissen zu richten, in welchem er mit Rücksicht 
darauf, dass dem Vernehmen nach seit zehn Jahren reich- 
liche Ernten im Lande stattgefunden hätten, von einem 
Nothstand also nicht wohl die Rede sein könne, eine 
strengere Befolgung der Vorschriften über die Absolution 
derjenigen einschärfte, welche Handel mit den Ketzern 
getrieben hätten.*') Aehnliche Mahnungen mögen diesen 
gefolgt sein, so dass auch Bischof Rudolf von Breslau 
sich zu einem ernsten Schreiben an Bischof Dietrich (vom 
1. April 1470) veranlasst sah, in dem er, damit nicht auch 
ihm Schuld an diesen Missbräuchen beigemessen werde, 
die strengste Befolgung seiner Indulte verlangt und die 
Unterdrückung jedes das Mass des durchaus Nothwen- 
digen überschreitenden Verkehrs mit Böhmen anbefiehlt, 
insbesondere ihn auch ersucht, das Verfahren des mit der 
Absolution beauftragten Dr. Johannes Breslauer zu über- 
wachen, da das Gerücht denselben einer allzu grossen 
Duldsamkeit beschuldigte. **) Allerdings wurde nun der 
Geistlichkeit eine strengere Haltung zur Pflicht gemacht 
und mit Bann und Interdict den Uebertretungen entgegen- 
gearbeitet; aber dies veranlasste auch die Herzöge wieder 
zu Vorstellungen beim Bischof Rudolf, und dieser, der wohl 



rechnung dieses Jahres (Rathsarchiv) Zeugnis ab. Auf die Bitte 
des Rathes zu Dresden, die EntSchliessung des Legaten förmlich 
publicieren zu lassen, ging der Bischof nicht ein, weil er nicht mehr 
thun dürfe, als in der commissio des Legaten stehe. Schreiben yon 
1469 Oct. 14 im Rathsarchiv zu Dresden. 

**) Ex Misna liber aditus fuit in Bohemiam cum omnibus 
mercibus et rebus, ex qua allata sunt allecia sal plumbum omnium 
generum pisces boves etc. Nolebant illi principes seduci ad destruc- 
cionem subditorum. Eschenloer (SS. ren Sil. VII) 220. 

•0 Cod. dipl. Sax. reg. IL 3, 188. 

»•) Ebendaselbst 193. Da zwischen diesem und dem vorhin 
erwähnten Schreiben fast ein halbes Jahr liegt, so darf wohl kaum 
mit Gersdorf angenommen werden, dass daä Schreiben des Lau- 
rentius vom 11. Sfovember 1469 den unmittelbaren Anlass'dazu ge- 
geben hat. Ebenso ist der Zusammenhang der in der Anm. zu ersterem 
erwähnten weiteren Schritte des Bischofs und der sich daran knüpfen- 
den Korrespondenz mit dem Schreiben Rudolfs schwerlich so eng, 
als man nach den Ausführungen Gersdorfs a. a. 0. annehmen möchte. 



38 Hubert Ermisch: 

einsah; dass eine solche Strenge „zum grossen Schaden 
guter Christen in christlichen Landen, die des christlichen 
Stuhls Gehorsam halten", sei, und überhaupt zur Milde 
neigte, gestattete in einem Schreiben an den Bischof vom 
19. Mai 1470 nicht bloss den Einwohnern der Städte Pirna, 
Dresden, Freiberg und der Grenzdistricte bis nach Geier 
hin, die an anderen Orten nicht ohne die grössten Kosten 
und Beschwerden Getreide und andere Nothdurft kaufen 
konnten, den Handel mit den Ketzern, unter der Voraus- 
setzung, dass sie demselben den Aufenthalt in den Städten, 
den Verkehr mit den Gläubigen und die Ausfuhr von 
Salz, Würze, Harnisch u. a. nicht gestatteten, sondern er 
befahl auch, die rechtgläubigen Bewohner Böhmens, die 
vom Handel mit den Nachbarlanden lebten, nicht als 
Ketzer zu behandeln, sondern sie zu beherbergen und 
wegen ihrer Anwesenheit kein Interdict zu verhängen. 
Endlich Sollte auch in dem Falle, dass zufällig ein Ketzer 
in eine Stadt kommt, aber sofort, nachdem man dies be* 
merkt hat, wieder hinausgetrieben wird, das seiner An- 
wesenheit halber verhängte Interdict aufgehoben werden. 
Bischof Dietrich soll für die Publication dieses Schreibens 
in den Böhmen benachbarten Städten Sorge tragen ••); 
es wurde auch wirklich nach Wolkenstein, ocharfenstein, 
Saida, Pirna, Chemnitz, Freiberg und an den Abt zu 
Grünhain gesandt. '®*^) 

Die Herzöge wussten diese rücksichtsvolle Haltung 
zu würdigen und wirkten dem Handel nach Böhmen,, so- 
weit er diesen Verordnungen zuwiderlief, durch Verbote 
entgegen; sie wiesen sogar darauf hin, dass jetzt Lebens- 
mittel im eigenen Lande gekauft werden könnten.*®*) 

Trotzdem wurden bald wieder Anschuldigungen gegen 
sie laut, die ernsterer Art waren als die bisherigen. Sie 

fingen vom Bischof Laurentius von Feii-ara imd mittel- 
ar wohl vom Könige Matthias aus, dem die Haltung der 
sächsischen Fürsten allerdings ausserordentlich unbequem 
sein mochte. An des Königs Hofe, so schrieb Laurentius 
an Bischof Rudolf nach Breslau, liefen nicht bloss Ge- 
rüchte über die Einfuhr von Lebensmitteln, Salz und 



••) WA. Böhm. Sachen K. IV Bl. 138, gedruckt bei Jordan 
456 und Schlesinger, Stadtbuch von Brüx 138. Ich bemerke dabei, 
däss die Drucke dieser und anderer noch zu erwähnenden Urkk. bei 
Jordan sehr fehlerhaft sind. 

»•») WA. Böhm. S. K. IV Bl. 140. 

'*») Befehl von 1470 Juni 1. WA. Böhm. Sachen K. IV Bl. 141. 



Studien zur Gesch. der B&chs.-böhm. Beziehungen 1468—71. 39 

Waffen aus Meissen nach Böhmen am; sondern man er- 
zählte sich auch, dass kürzlich Hugold von Schleinitz, 
der sächsische Obermarschall» und Konrad Metzsch als Ge- 
sandte der Fürsten in Prag gewesen wären und dem König 
Georg den Beistand ihrer Herren in Aussicht gestelU 
hätten, ferner, dass diejenigen, die das Kreuz genommen 
hätten, verfolgt und der Kreuzpredigt allerhand Hinder- 
nisse in den Weg gelegt würden. Die Herzöge, die 
Bischof Rudolf deswegen in einem Schreiben vom 27. Juni 
1470 zur Rede setzte *^*), waren über diese gehässigen Ver- 
leumdungen in hohem Grade entrüstet. In ihrer Antwort 
an Rudolf (vom 13. Juli) wiesen sie auf ihre erst vor , 
kurzem erlassenen Verkehrsverbote hin; nur den Gebirgs- 
bewohnern, die selbst kein Getreide bauten und es aufi 
anderen Gegenden nur unter grossen Schwierigkeiten er- 
halten könnten, sei gestattet worden, ihre Leibesnahrung 
aus Böhmen zu holen, und wenn die Böhmen dieselbe nur 
gegen Salz hergeben wollten, so müssten sie eben „ihnen 
selbes rathen, dass sie nicht verderben dürften". Mit 
ihrer Erlaubnis sei jedoch den Ketzern nichts zugeführt 
worden. Dass Schleinitz und Metzsch in Prag gewesen, 
stellten die Brüder nicht in Abrede, wie denn überhaupt 
der Verkehr mit dem Böhmenkönige niemals ganz ab- 
gebrochen worden ist;*®*) aber sie seien nicht als förm- 
liche Botschaft, sondern ohne Credenz hingegangen, ledig- 
lich um im allgemeinen Besten thätig zu sein, nicht aber, 
um dem Könige Anerbietungen zu machen oder Beistand zu- 
zusichern: „wir sind so unverständig nicht, dass wir nicht 
wüssten, dass uns solches zu thun nicht fuget, aber die 
Meinung, die wir vor uns hatten, mag uns ohne Zweifel 
von niemand verkehrt werden, wie wir das zu bequemer 
Zeit und an gebührlichen Enden zu eröffnen nicht weigern 
wollten." Ihre Räthe hätten einigen Commissarie^ des 
Legaten die Sache vorgestellt und seien in Folge dessen 
auch bereits absolviert. Was endlich die angebliche Ver- 
folgung der Kreuziger anlangt, so wird dies geradezu als 
eine Unwahrheit bezeichnet: „dass es von uns in Tabern 
oder anderswo im Rücken nachgesagt wird, soll e. L. nicht 
bewegen; wie können wir jedermann sein Maul ver- 

«•») WA. Böhm. S. K. IV Bl. 142. Gedruckt bei Jordan 448 fg. 

"*) 8o war auch um Fastnacht eine Sendung von Käthen nach 
Prag beabsichtigt gewesen, wie sich aus einem Schreiben des Benesch 
von der Weitmiml, Burggrafen zu Karlstein, d. d.^ 1470 Februar 28 
(WA. Böhm. S. K. IV Bl. 136) ergiebt. 



40 Habert Ermisch: 

binden!" Im Gegentheil hätten sie die Kreuzpredigt, die 
Sammlung von Almosen sowie die kürzlich durch den Do- 
minicanerprior in Leipzig im Auftrage des Legaten er- 
lassene Aufforderung an die Kreuziger, sich bereit zu 
halten, in keiner Weise gehindert. *®*) 

In noch viel schärferem Tone antworteten Ernst und 
Albrecht dem Legaten Laurentius von Ferrara und dem 
Könige Matthias selbst auf die* Schreiben, welche sich 
diese veranlasst gefühlt hatten, derselben Gerüchte wegen 
an sie zu richten. Dem ersteren werfen sie eine für sein 
hohes Amt gar nicht passende Leichtgläubigkeit gegen 
. Verleumder vor und widerlegen seine Anschuldigungen 
in ganz derselben Weise, wie in dem Briefe an den 
Legaten Rudolf. ^^^) Mit Matthias entspann sich eine sehr 
gereizte Korrespondenz; die Herzöge machten ihm heftige 
Vorwürfe, dass er üble Nachrede gegen sie an seinem 
Hofe dulde. Auf die wiederholt vorgebrachten Klagen 
der Mitglieder des Herrenbundes, dass die meissnischen 
Lehnsmannen, die in ihrem Solde ständen, zurückberufen 
würden, antworteten sie, dass sie als Fürsten das vollste 
Recht dazu hätten, ihre Lehnsmannen „von .redelicher 
Sach wegen" aus fremdem Dienst zu sich zu fordern. 
Was die Klagen wegen der Zufuhr aus Meissen anlange, 
so sei es nicht seine Sache, sie zur Befolgung der päpst- 
lichen Befehle anzuhalten; sie hätten darüber nur den 
Legaten Rede zu stehen. *®*) 

Die Gerüchte über die Unterstützung, welche die 
Herzöge den Ketzern angedeihen Hessen, dauerten trotz- 
dem fort, und dass Legat Rudolf ihnen Glauben schenkte 
und sich durch die Versicherungen der Meissner nicht 
beruhigen liess, beweist, das» sie nicht ganz grimdlos 
waren. Man erzählte, dass Herzog Albrecht 300 Pferde 
dem König Georg zur Hilfe gegen die Schlesier gesandt 
habe; und der Umstand, dass zahlreiche gefangene Meiss- 
ner nach Breslau gebracht wurden, schien das Gerücht 
zu bestätigen. Obgleich die gesammte Haltung der Her- 



«•*) WA. Böhm. S. K. IV Bl. 148. Theilweise gedruckt bei 
Jordan 449. 

*^*) Das Schreiben, dessen Adressat wol ohne Zweifel Lau- 
rentius ist, d. d. 1470 Juli 12. WA. Böhm. S. K. IV Bl. 144. 

'®*) Das undatierte Schreiben, dem wir dies entnehmen, mag 
etwa in den August 1470 gehören, da demselben bereits ein Brief- 
wechsel zwischen den Höfen vorangegangen ist. WA. Böhm S. 
K. IV Bl. 263, gedruckt bei Jordan 463. 



Stadien zar Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen U68^«-71. 41 

zöge einer unmittelbaren Unterstützang des Böhroenkönigs 
widersprechen dürfte, so war doch wohl so viel richtig, 
dass sie nicht ungern sahen, wenn ihre Lehnsleute in den 
Kriegsdienst Georgs traten, während sie nicht duldeten, 
dass dieselben in dem ihm feindlichen Heere kämpften. 
Bischof Rudolf verlangte mit Rücksicht auf diese That- 
sachen, dass die Herzöge die, welche den kirchlichen Ge- 
boten entgegen für Georg die Waffen trügen, ausfindig 
machen und entweder selbst strafen oder sie den Com- 
missarien des Legaten zur Bestrafung überweisen sollten; 
ihre Güter seien nach dem Laute der päpstlichen Bullen 
verwirkt. Ueberhaupt war er mit der Antwort der Her- 
zöge nicht sehr zufrieden, bedauerte, dass cingestandener- 
massen den Böhmen Salz verkauft worden sei, tadelte, 
dass, wie er bestimmt wisse. Prager Käufleute zu Leipzig 
und an anderen Orten Handel trieben, schenkte auch 
ihren Angaben über das Verfahren gegen die Kreuziger 
und über die Sendung nach Prag keinen rechten Glauben. 
Dr. Johannes Breslauer, dem ein Missbrauch seiner Ab- 
solutionsbefugnis zur Last gelegt wurde, ward nach Bres- 
lau beschieden, um sich dort selbst zu verantworten. *®') 
Mochte dies mm auch wieder einige strengere Mass- 
regeln veranlassen*^*), so erliessen die Herzöge dieselben 
doch gewiss widerwillig und nur der Form wegen. Sie 
hatten natürlich heftige Beschwerden zur Folge; die an 
der Grenze wohnenden Unterthanen klagten, dass sie zu 
Grunde gehen oder fortziehen müssten, wenn das kürz- 
lich erlassene vollständige Handelsverbot. aufrecht erhalten 
würde. Die Herzöge antworteten darauf am 19. October 
1470 mit einem Befehle an ihre Amtleute, den Handel 
mit allen Waaren ausser mit Salz, Würze, Blei und Har- 
nischen, also besonders mit Häringen und anderen Fischen, 
Leinwand, Tuch und Victualien zu gestatten, aber darauf 
zu achten, dass. kein fremder Kaufmann mit den ver- 



'") 1470 Juli 28. WA. Böhm. S. K. IV Bl. 152, im Auszug 
gedruckt bei Jordan 451. 

*®*) 1470 Juli 30 vertheidigt sich Abt Johann von Grtinhain 
gegen die Anklage, dass er dem Verbote der päpstlichen Bulle zuwider 
Handel mit Böhmen treibe. WA. Böhm. S. K. IV Bl. 163. 1470 
Juli 23 fragt Waltzk von Bernstein den Marschall Friedrich von 
Schönberg, wie er es mit zwei beladenen Wagen halten solle, die 
er auf der Durchfahrt nach Böhmen in seinem Gebiete angehalten 
habe, ebendas. Bl. 151. Vergl. auch das Schreiben des Legaten 
Laurentius von Ferrara an den Prager Dompropst Colowrat d. d, 
1470 Sept. 19 bei Bachmann 502. 



42 ' Hubert Ermisch: 

botenen Waaren durchgelassen und dass nicht von den 
herzoglichen Unterthanen Betrügerei damit gelrieben 
würde. ■^•) Auch Bischof Rudolf zog wieder mildere 
Saiten auf, als sich herausstellte, dass des Matthias Er- 
folge auch in diesem Jahre sehr unbedeutend waren und 
die Möglichkeit eines Friedens näher rückte. Er hatte 
sich die Absolution derer, die zu Greorg zögen oder mit 
den Ketzern Handel trieben, kürzlich in einer an den^ 
Bischof von Meissen ergangenen Verordnung vorbehalten,' 
während sie früher diesem überlai^sen war.*'®) Aber 
auf eine Anfrage, welche die Herzöge durch Dr. Johannes 
Breslauer (der sich übrigens wegen der ihm zur Last ge- 
legten Beschuldigungen vollständig gerechtfertigt hatte) an 
ihn richten Hessen, antwortete er, dass dadurch die früher 
erlassene Erlaubnis des Handels mit Böhmen für die am 
Gebirge Wohnenden nicht aufgehoben sein sollte. Er 
habe nur bemerkt, dass diejenigen, die früher mit Erthei- 
lung der Absolution beauftragt worden seien, vielfach sehr 
leichtfertig verfahren \^ären. Auch gestattete er dem Bischof 
wieder die Absolution der Uebertreter, wenn diese sich 
bessern, brieflich um Nachlass der Kirchenstrafen an- 
suchen und alles, was sie durch den sündhaften Handel 
erworben, in den Kasten legen wollten. *i^ 

Die sächsischen Prohibitivmassregeln natten übrigens 
bereits böhmischerseits Repressalien veranlasst. Ein Han- 
delsverbot wurde auch in Böhmen erlassen, „da sich die 
Priesterschaft in e. f. G. Fürstenthum so gar schwer und 
hart wider das Königreich legen und gelegt haben**; frei- 
lich ist dasselbe wohl ebensoweuig mit Strenge gehandhabt 
worden wie das meissnische. ***) 

Wir haben diese Irrungen, deren Spuren übrigens 
noch bis ins Jahr 1471, ja über den Tod Georgs hinaus 
zu verfolgen sind, ausführlicher behandelt, da sie be- 
merkenswerthe Schlaglichter auf die wirthschaftliche Be- 



•••) WA. Böhm. S. K. IV Bl. 156. 

»•«) Vergl. diese Zeitschrift I, 260 Anm. 

"5 1470 Nov. 7. WA. Böhm. S. K. IV Bl. 157. 

*'^ In einem Schreiben des Burggrafen zu Karlstein Benesch 
von der Weitmühl an Ernst und Albrecht d. d. 1470 Nov. 18 erklärt 
sich dieser bereit, trotz des Handelsverbots den Unterthanen Anarks 
von Waidenburg den Einkauf zu Eommotau und die Ausfuhr der 
Waaren gestatten zu wollen, falls gleiches seinen Unterthanen in 
Wolkenstein, der Stadt Anarks, gestattet werde, und bittet zugleich 
um diese Erlaubnis auch für andere Städte Sachsens. WA. Böhm. 
S. K IV Bl. 158. 



Studien zur Gesch. der sächs.-böhm. Beziehungen 1468 — 71. 43 

dcutung der damaligen Beziehungen zwischen Böhmen 
mid Meissen werfen. Gewiss waren es auch Rücksichten 
dieser Art, nicht bloss politische Erwägungen, welche den 
Herzögen ihre Stellung zu Georg anwiesen und sie bis 
aufs äusserste einen Bruch zwischen Meissen imd Böh- 
men vermeiden Hessen, trotz der schweren Unannehmlich- 
keiten, die ihnen daraus erwuchsen. Drohten ihnen doch 
sogar Ende 1470 die Commissarien des Legaten so ernst- 
haft mit der Verhängung eines all<]jemeinen Interdictes 
über ihre Lande, dass sie hiergegen förmlich Appellation 
beim Papste einlegten. "^^ 

Wie in Meissen, so waren auch anderwärts die Zu- 
stände allmählich völlig unleidlich geworden. Man fluchte 
allgemein in den Böhmen benachbarten Ländern den 
Breslauem, denen man nicbt mit Unrecht einen grossen 
Theil der Schuld an dem unseligen Kriege zuschrieb,, und 
schon konnten die Breslauer Kauf leute nicht mehr unge- 
fährdet Handel treiben. *'*) Dazu kam die Türkengefahr, 
die unaufhaltsam näher rückte. 

So geschah es, dass der Congress, der im Juli 1470 zu 
Villach beim Kaiser tagte und an dem sich die sächsi- 
schen Herzöge auch durch Gesandte betheiligt haben 
mögen, von einem sehr versöhnliclien Geiste beherrscht 
war.*'*) Gesandte des Königs von Polen wohnten dem- 
selben bei, und wajirscheinlich wurden damals die Funda- 
mente zu dem Bündnisse zwischen dem Kaiser und dem 
Könige Kasimir 2;elegt, das am 20. October 1470**') ab- 
geschlossen wurde und das dem Ungarnkönige den Boden 
unter den Füssen förtzog. War Markgraf Albrecht, dem 
um diese Zeit nach der Abdankung seines Bruders der 
brandenburgische Kurhut zufiel, die eigentliche Seele 
dieser neuen Coalition '*'), so standen ihr doch auch die 
sächsischen Herzöge nahe. Ob die polnischen Gesandten 
Derslaw Kytwianski, Woywode zu Sendomir, und Stani- 



'**) Das Instrumentum appellationis von U70 Dec. 15 im HStA. 
Orig. 8093. 

^**) Omnes ad pacem locuti sunt et Wratislaviensis inculpantes 
vituperantes maledinente» tanquam causam omniam harum litium. 
Ididem in curiis principitm Misne Thoringie Brandeburg Polonie et 
in omni terra maledicebantui* Wratislavienses, et jam mercatores rion 
publice audebant negociari. Eschenloer (SS. rer. Sil. VII) 223. 
Vergl. Palacky IV. 2, 645. 

"*) Vergl. über diesen Congress Talacky IV 2, 646. 

"•) Do^el, Cod. dipl. Polon. I, 163. 

••^) Vergl. Droysen II, 1, 258 fg. 






44 Hubert Ermisch: 

slaw Ostrorog, Woywode zu Kaiisch, die Anfang August 
an den kaiserlichen Hof gingen und ihren Weg durch 
Meissen nahmen"*), mit den Herzögen bereits Verhand- 
langen angeknüpft haben , ist uns zwar nicht bekannt. 
Wii* wissen aber, dass gegen Ende des Jahres eine eben- 
falls zum Kaiser gehende polnische Gesandtschaft die 
Fürsten besuchte und ihnen Pläne oflFenbarte, die eine 
friedliche Beilegung des böhmischen Krieges bezweckten; 

^'a die Sendboten deuteten wohl noch' auf andere Projecte 
in, die auf eine enge Einung zwischen Polen und Sachsen 
und eine Familienverbindung zwischen beiden Häusern 
hinausliefen. Der Meissner Dechant Dr. Heinrich Leu- 
bing; der gegen Ende December"*) an den polnischen 
Hof ging, um dem Könige als Antwort auf die Werbung 
seiner Gesandteü die freundschaftlichen Gesinnungen dör 
sächsischen Fürsten und ihre vollkommene Billigung seiner 
Pläne auszusprechen, hatte auch Instructionen flir den 
Fall von Verhandlungen über einen Ehebund zwischen 
dem Sohne Kasimirs, Wladislaw, und Emsts Tochter 
Chridtina und über ein Bündnis der sächsischen Fürsten 
mit Polen.'*®) Das merkwürdige Project, das uns die 
meissnische Politik wieder eng Hand in Hand mit der 
brandenburgischen zeigt — fast gleichzeitig fanden Ver- 
handlungen über des jungen Markgrafen Friedrich Ver- 
lobung mit der polnischen Prinzessin Sophia statt — , 
führte jedoch zu keinem Eesultate. "*) 

König Matthias hatte wenig Gefallen an diesen Ver- 
handlungen mit Polen, um so weniger, als sich gleichzeitig 
auch für seinen ungarischen Thron ein polnischer Präten- 
dent fand. Zweifellos auf seiner Seite standen die Ver- 
treter der Curie in Deutschland, besonders Laurentius von 
Ferrara, wenn auch der Stuhl zu Rom selbst den Polen- 
könig sehr behutsam behandelte, obgleich die Friedens- 



"•) 1470 Juli 27 bittet Kurfürst Friedrich von Brandenburg 
um sicheres Geleit für sie. WA. Poln. S. Bl. 1. Vergl. auch das 
Schreiben desselben von 1470 Aug. 1 bei Palacky, Urk. Beitr. 630. 

««•) 1470 Dec. 18 schreibt er an Ernst und Albrecht, dass er 
zu einer so grossen Reise nicht vorbereitet und durch Amtsgeschäfte 
verhindert sei, sich vor Weihnachten in Dresden einzufinden. WA. 
Stift Meissen, Beisen Bl. 45. Wir glauben dies auf die Reise nach 
Polen beziehen zu müssen. 

''®) Entwürfe zur Instruction für die Gesandtschaft nach Polen 
WA. Poln. Sachen BL 64 fgc., 88 fgg., 96 fg., 98 fg. Vergl. auch 
V. Langenn. Albrecht der Beherzte 62 fg. 

'*•) Aber es ging gar abe. WA. Poln. Sachen Bl. 64. 



Stadien zur Gesch. der 8ächs.-böliin. Beziehungen 1168—71. 45 

bedingungen, die Kasimir dem König Georg zugestanden 
wissen wollte^ ihm nicht genehm sein konnten. *^) 

Die Stellung unserer Herzöge zu den kirchlichen Ge- 
walten wurde durch alles dies nicht besser. Sogar mit 
Bischof Dietrich von Meissen, der trotz seiner peinlichen 
Lage dem Legaten gegenüber sich im Grunde stets den 
Wünschen und der I^olitik der Landesherren accommo- 
diert hatte, kam es um . diese Zeit zu Differenzen. Durch 
seinen Official hatte* er das Ausfuhrverbot an den Grenz- 
orten nochmals einschärfen lassen; das trug ihm ernste 
Vorwürfe seiner Herren ein: „es ist uns eine* grosse Be- 
fremdung; dass sich ein Fremder die Käthe unserer Städte 
zusammen zu verboten anmassen und denen Gebot thun und 
Ordnung geben solle; es wäre wohl genug, das man sich 
gemeiner Gebote auf dem Predigtstuhl gebrauchte." Bischof 
Dietrich entschuldigte sich mit den Drohungen; die ihm 
direct von Rom oder durch den Legaten zugegangen 
seien; auch habe der Official „nicht allein die Räthe und 
Gewaltigen, sondern auch die Pfaffheit und die Priester- 
schaft sämmtlich versammelt % — was freilich an. der 
Sache wenig änderte. **^) Wenig später wurde der Fran- 
ciscaner Jacob von Glogau (vergl. S. 5) nochmals durch 
Bischof Rudolf von Breslau mit der Kreuz- und Ablass- 
predigt in den meissnischen Landen beauftragt, da der 
Papst ausdrücklich befohlen hatte, dieselbe nicht einzu- 
stellen. ***) Ganz besonders heftig spricht sich der Un- 



■'*) Eine päpstliche Bulle von Ende 1470 oder Anfang 14^1 
(pridie kal. Janaarii das ist der yirde adir fumfTte tag ym homunge!?), 
cde Bischof Laurentius in Uebersetzung dem Herzog Albrecht mit- 
theilt (undat Schreiben WA. Böhm. S. K. lY Bl. 159), spricht sich 
sehr missbilligend über die Yerhandlnngen angeblicher Sendboten des 
Königs Kasimir mit dem Ketzer Georg aus. 

*'') 1471 Jan. 13; das Schreiben der Landesherren ist daher 
wohl auch in den Anfang 1471 zu setzen. Cod. dipl. Sax. reg. U. 3, 
193 (Anm.). In denselben Zusammenhang gehört auch ein Schreiben 
des Kurfürsten Ernst (?) , wahrscheinlich ebenfalls an den Bischof 
zu Meissen, yoji 1471 J an. 7, in welchem diesem befohlen wird, auch 
das wegen des Handels seiner Zeit erlassene Indult zur Verhütung 
weiterer Irrungen in den Grenzorten nochmals verkündigen zu lassen, 
da der Official dasselbe vielfach unberücksichtigt gelassen habe, was 
„faste Aufruhr und Irrniss unter den unseren und anderen** zur 
Folge gehabt. WA. Keligionssachen Bl. 140. 

»") Bischof Rudolf an Ernst und Albrecht d. d. 1471 Jan. 29. 
Ebendas. 141. Üeber die Beschwerden, welche die Thätigkeit des 
Bruders Jacobus veranlasste, vergl. ein Schreiben desselben d. d, 
1471 April 4 ebendaselbst 142« 



46 Hubert £rmiscb^ 

willen der curialen Partei in einem Briefe des Bischofs 
Laurentius von Ferrara an Herzog Albrecht, der etwa 
in den Februar 1471 gehören mag, aus. '**^ 

Auf dem Landtage, der Mitte Fqbruar 1471 zu Prag 
stattfand und auf welchem bekanntlich auch Matthias eine 
Annäherung an Georg versuchte, erschienen der polnische 
Kanzler Jacob von Dambno und der Abt des Benedictiner- 
klosters\zum h. Kreuz (bei Sendomir), Michael, um die Ver- 
handlungen zwischen Georg und Kasimir zum Abschluss zu 
bringen."®) Ihren Rückweg nahmen sie durch Meissen. "') 
Als sie in Zwickau anlangten, mussten sie erfahren, dass 
trotz aller Noth, die der Krieg über das Land gebracht, 
der Fanatismus im Volke doch noch fortglimmte und nur 
eines Anlasses bedurfte, um wieder aufzulodern. In Folge 
der Aufreizungen des Pfarrers fand ein förmlicher Auf- 
stand gegen die polnischen Gesandten statt, der ihnen 
Anlass zu einem in sehr derbem Tone gehaltenen Schrei- 
ben an den Landrentmeister Hans von Mergental und an 
den Rath zu Zwickau gab. ***) Die Herzöge, denen der 
Zwischenfall höchst unangenehm war, ordneten die Fest- 
nahme des Pfarrers und der Schuldigen an. **®) 

Im übrigen aber zeigten sie sich den polnischen 
Herren gegenüber weniger zuvorkommend, als im Jahre 
vorher der Fall gewesen sein mag, sei es, weil die da- 
maligen Verhandlungen ihren Erwartungen nicht ent- 
sprochen hatten, sei es,, weil der Plan, die Kröne Böh- 
mens für das Haus Wettin zu erwerben, schon, festeren 
Fuss gefasst hatte; vielleicht auch mit Rücksicht auf die 
entschieden missbilligende Haltung der Curie. König Kasi- 
mir beabsichtigte bereits seit längerer Zeit, eine Gesandt- 
schaft'*®) nach Rom zu senden, einmal, um eine Entschei- 
dung der böhmischen Angelegenheiten im polnischen In- 
teresse anzubahnen, dann, um endlich die noch immer nicht 
ertheilte päpstliche Bestätigung des mit dem deutschen 
Orden zu Thorn am 19. October 1466 geschlossenen Friedens 

«") WA. Böhm. S. K. IV Bl. 159, theilweise. gedruckt bei 
Jordan 452. 

"•) Palacky IV, 2, 655 fg. 

"') Vergl. ein Schreiben von Ernst und Albrecht an Benesch 
von der Weitmühl 1471 Febr. 23. WA. Böhm. S. K. II Bl. 63. 

»") 1471 März 3. WA. Böhm. S. K. IV Bl. 161c; theilweise ge- 
druckt bei Jordan 456. 

•") WA. Böhm. S. K. IV Bl. 317. 318. 

^s<*) Von dieser Gesandtschaft ist schon in Leubings oben 
Anm. 120 erwähnter Instruction (WA. Poln. S. BL 98) die Rede. 



Stadien zur Gesch. der säch8.-bölim. Beziehungen 1466— 71. 47 

zu erwirken. Der Kanzler Jacob von Dambno hatte den 
Auftrag, auf der Rückreise von Prag empfehlende Sehreiben 
für diese Gesandtschaft von den sächsischen Herzögen^ 
dem Herzoge Ludwig von Bayern und dem Kurfürsten 
Albrecht von Brandenburg zu erwirken. Die Herzöge 
hatten Hermann von Weissenbach beauftragt^ über die 
Sache mit den Polen zu verhandeln; sein Bericht vom 
6. März 1471 liegt uns vor. Der polnische Kanzler warf 
den Herzögen vor, sie hätten schon im vorigen Sommer 
versprochen, ein Schreiben an den Papst wegen des preus- 
sischen Friedens zu richten, und ersuchte dringend um Aus- 
stellung desselben, da der Kaiser, Herzog Ludwig, Kurfürst 
Albrecht und andere Fürsten ebenfalls schreiben würden. 
Allein Weissenbach antwortete, dass Ernst und Albrecht 
nur unter Vorbehalt der Einwilligung der übrigen Kur- 
fürsten dies zugesagt hätten« Darauf bat der Kanzler, der 
fortwährend betheuerte, dass sein Wunsch nur Freundschaft 
zwischen dem Könige von Polen und den sächsischen Her- 
zögen sei; einstweilen den gewünschten Brief nach einem 
von ihm vorgelegten Formulare auszustellen; er wolle ihn 
dann nach Landshut an Herzog Ludwig schicken und; 
falls dieser ebenso zu schreiben bereit sei, dem Könige 
überreichen, wenn nicht, ihn zurückgeben, dem Könige 
aber die Bereitwilligkeit der Herzöge rühmen. Es sieht 
dies aus wie eine ziemlich plump angelegte Falle. Weissen- 
bach versprach, die Sache an seine Herren gelangen zu 
lassen. Dem Dr. Martin Mayr in Landshut aber theilte 
er das Begehren der Polen und zugleich die Absicht seiner 
Herren mit, sich bei der Curie nur für die Beilegung des 
böhmischen Krieges, nicht aber für die Bestätigung des 

S-eussisch-polnisdien Friedens zu. verwenden, und bat 
n, den Herzog Ludwig zu einer entsprechenden Ant- 
wort zu bestimmen.*'*) 

Die polnischen Vermittlungsversuche haben, so vi^l 
uns bekannt, keinen Erfolg gehabt Auch Ehrnst und 
Albrecht sandten nochmals eine Gesandtschaft nach Rom; 
um die Versöhnung zwischen Qeorg und der Kirche an- 
zubahnen. Sie langte um den 20. März 1471 in der hei- 
ligen Stadt an; es war ein Zeichen der Zeit, dass sie nicht 
so schroffe Abweisung fand als die früheren.*'*) Viel- 

»»») WA. Poln. Sachen Bl. 4—6. 

'*') Relatio de legatione Saxonica versus Bomam in cansaBo- 
hemica bei Rainald a. a. 1471 und Müller, Reichstagstheatrum II. 
431 fgg. 



48 Hubert Ermisch: 

leicht wäre doch schliesslich den sächsischen Sendboten 
das gelungen, woran man seit vielen Jahren vergeblich 
gearbeitet, — da übernahm es eine höhere Macht, die 
böhmischen Wirren zu lösen. Noch verhandelte man in 
Rom über Vergleichspunkte, als die Botschaft eintraf, dass 
am 22. März 1472 König Georg Podiebrad gestorben sei; 
unbesiegt und ungebrochen, wenn auch freilich lief ge- 
beugt. Die Vorsehung hatte es gewollt, dass er die 
Lösung des Zwiespalts, der sein Verhängnis war, nicht 
erleben^ vielleicht, dass er nicht nochmals die Unmöglich- 
keit dieser Lösung schwer empfinden sollte. 

Das Haus Wettin hat an ihm bis zum letzten Augen- 
blicke mit einer Treue festgehalten^ wie kein anderes unter 
den deutschen Fürstenhäusern. Wenn auch Ernst und 
namentlich Albrecht dem Könige ganz besonders nahe 
standen, so hat doch auch Herzog Wilhelm, so viel Diffe- 
renzen es sonst zwischen ihm imd den Neffen gab , in 
dieser Beziehung im wesentlichen eine gleiche PoUtik 
verfolgt: wenige Wochen vor dem Tode des Königs, in 
den letzten Februartagen 1471, fand die Vermählung 
seiner Tochter Katharina mit dem jüngeren Sohne Georgs, 
Hinko, statt. '**), Die Fortsetzung dieser Politik über 
Georgs Tod hinaus zeigt sich in Albrechts Bewerbung um 
die böhmische Krone, in dem noch lange bemerkbaren 
Gegensatze der wettinischen Fürsten gegen König Matthias 
und die Curie, in dem Schutze, den Gregor Heimburg, 
die Seele der Politik des Königs Qeorg, in Meissen fand, 
und in anderen Momenten, deren weitere Verfolgung wir 
uns versagen müssen. 

Zu einem thatkräftigen Eintreten für den Böhmen- 
könig ist es freilich nicht gekommen und konnte es nicht 
kommen. Wenn ein neuerer Historiker '**) ein hartes Ver- 
dammungsurtheil über die „NeutraUtät deutscher Ge- 
smnungsschwäche'^ ausspricht, die abwarten musste, „was 
die grosse Politik verhängen würde'', und ihr die Ver- 
antwortung dafür aufbürdet, „dass alles, was sich in 
nächster Folge begab, dem deutschen Namen zu Schande 
und Gefahr gereichte", so ist dies Urtheil schwerlich ge- 
recht. Eine „entschlossene Parteinahme für den Böhmen- 



***) Yergl. da^ Schreiben Johanns von Kramaa an Laurentius 
von Ferrara d. d. 1471 März 12 bei Falacky, ürk. Beitr. 646, und 
Heinrichs von Münsterberg an Markgraf Albrecht d. d. 1471 Februar 
127 bei Bächmann, Urkk. und Akten. 610. 

"*) Jordan, Das Königthum Georgs von Podebrad 297. 



Stadien zar Oesch. der 8äch8.-böhm. Beziehangen 1468 — 71. 49 

kSnig**, eine ^energische Vermittlung mit dem Schwerte 
in der Hand^ hätte zu jener Zeit ohne Frage die Gefahr 
eines allgemeinen Krieges heraufbeschworen, der das Haus 
Wettin in die gefährlichste Lage gebracht haben würde. 



So macht denn die sächsisch-böhmische Politik während 
der Jahre 1464 — 71 in der Hauptsache den Eindruck eines 
behutsamen Lavierens zwischen unversöhnlich sich gegen- 
über stehenden Kräften; sie kommt eben deswegen nicht 
zu klaren Besultaten, und dies giebt ihr etwas Unfertiges 
und Unbefriedigendes. Aber einmal dürfen wir nicht 
Tergessen, dass ein unsicheres Tasten im allgemeinen Cha- 
rakter des fünfzehnten Jahrhunderts, wie wohl jeder Ueber- 
gangszeit; liegt ; und femer müssen wir zugeben; dass ein 
abschliessendes Urtheil über die von uns behandelten 
Jahre erst dann möglich sein wird, wenn die gesammte 
politische Geschichte des Hauses Wettin während des spä- 
tem Mittelalters, die noch sehr viel Bäthsel zu lösen giebt, 
eine gründliche und allseitige Durchforschung erfahren 
haben wird. Für diese Arbeit, an die wir über kurz oder 
lang herantreten zu können hoffen, sollen unsere Studien 
nur eine bescheidene Vorbereitung bilden. 



Keaes Archiv f. a G. n. A. II. 1. 



n. 

Zur Geschichte der Juden in der Oberlausitz 

während des Mittelalters. 

Von 

Hermann Enothe« 



Den Anschauungen der mittelalterlichen Kirche zu- 
folge war bekanntlich jedes Ausleihen von Geld um Zins 
als sündhafter Wucher allen Christgläubigen verboten. 
Fürsten und Herren verschafften sich daher Geld durch 
Verpfändung von grösseren oder kleineren Gütern sammt 
allen darauf haftenden Sechten und Einkünften^ kleinere 
Grundbesitzer durch sogenannte Zinsverkäufe auf Wieder- 
kauf; d. h. durch Ueberlassung einer Anzahl von erb- 
unterthänigen Bauern S£tmmt den von diesen an den Erb- 
herm zu entrichtenden Renten und Diensten; wofür von 
den nunmehrigen Gläubigern gewöhnlich der acht- bis 
zehnfache Betrag der an sie abgetretenen Rente ausge- 
zahlt wurde. Bei wem aber sollte der Kaufmann ; der 
Handwerker, der verarmte Edelmann in dringender Noth 
borgen? Wesentlich für diese Stände wurden die Juden 
ein dringendes Bedürfnis in allen irgend grösseren Städten. 
Den Juden verbot ihr Gesetz nicht, Geld auf Wucher 
auszuleihen; sie liehen auch nicht bloss auf Grundbesitz, 
sondern auf jedes beliebige Pfand, ja selbst auf einfachen 
Schuldschein imd die Siegel hinlänglicher Bürgen. Des- 
halb erbaten sich die meisten grösseren Städte von dem 



Hermann Enothe: Zur Geschichte der Jaden in der Oberlausitz. 51 

Kaiser oder von den Landesherren , wenn diese bereits 
im Besitz des „Judenschutzes^ waren^ die Vergünstigung; 
eine Anzahl Juden aufnehmen oder ^ halten^ zu dürfen. 
Diese hatten alsdann entweder blos an den Landesherm 
oder ausserdem auch noch an die Stadtkasse ein jähr- 
liches Schutzgeld (^Judenzins") zu zahlen, wofür sie von 
dem Rath gegen jedermann ^ besonders aber vor Gericht 
in ihren Bechtshändeln gegen säumige Schuldner geschützt 
wurden. Gern kamen in solchem Falle aus irgend einer 
benachbarten grösseren Stadt so viel Juden mit ihren 
Familien y als man begehrte. Gern unterwarfen sie sich 
der drückenden Bestimmung, dass sie in der Kegel nur 
auf die Frist von einigen Janren und niemab als Bürger, 
sondern nur als des Kaisers oder des Landesherrn „Kammer- 
knechte^ aufgenommen wurden. Gern begnügten sie sich 
mit unscheinbaren Wohnungen in irgend einer engen 
Gasse, die nun nach ihnen, meist bis auf den heutigen 
Tag, „Jüdengasse^ hiess. Denn dafür versprach ihnen 
das Monopol des Geldgeschäfts binnen kürzester Zeit 
grossen Gewinn. Auch an den neuen Aufenthaltsort nah- 
men sie mit den Glauben ihrer Väter, ihre religiösen Ge- 
bräuche, ihre häuslichen Sitten. Der schnell erworbene 
Reichthum gestattete ihnen alsbald, eine eigene Synagoge 
oder „Judenschule^^ zu begründen und einen besonderen 
Judenkirchhof anzulegen. So bildete sich bald mitten in 
der christlichen Stadt eine eigene, strenggesonderte jüdische 
Gemeinde mit eigenen Vorstehern und eigenem Recht 
wenigstens in ihren Beziehungen unter einander. 

Allein eben dieser wesentlich auf Kosten der Bürger- 
schaft gewonnene Reichthum erregte alsbald den Neid der- 
selben Bürger, welche sie erst herbeigewünscht hatten. Der 
hohe Zinsfuss, zu welchem sie Geld ausliehen, brachte häufig 
den Schuldner, Bürger wie Edelmann, sammt deren Bür- 
gen um Hab und Gut. Bis zum Verfalltag des ausge- 
stellten Scheines begnügte sich zwar der jüdische Gläu- 
biger meist mit 20 Procent; aber wenn ihm da nicht 
Zahlung ward, so trat nun der Wucherzins ein, nämlich 
gewöhnlich von jeder Mark (zu 48 Groschen) wöchentlich 
Vi Groschen, d. h. 54% Procent*), ia von dem Schock 
(zu 60 Groscnen) wöchentlich 1 Groschen, d. h. 86*/s Pro- 
cent Der Rath musste, wenn auch mit Unlust, zu gunsten 



>) L. Oelsner, Schlesische Urkunden zur Gesch. der Juden, 
im Archiv für Kunde Österreich. 6e3ch.-Quellen XXXI, 81. 



5ä ilermann l^notliet 

der Juden PfUndong und Subhastation vollstrecken. Den 
Handwerker und Arbeiter erbitterte das mühelose Reich- 
werden der Juden ohne äusserlich anstrengende Arbeit. 
Der fremde Glaube imd die zäh beibehaltene Eigenart 
des fremden Stammes verhinderte jede Verschmelzung. 
Schürten nun irgend fanatische Geistliche den Glaubens- 
hass, riefen elementare Ereignisse oder gar ein „grosses 
Sterben" den Aberglauben wach, dann wurde sicher auch 
der alte Verdacht gegen die Juden wegen Missbrauchs mit 
geweihten Hostien und mit dem Blute von Christenknaben 
aufs neue verbreitet. So erfolgte dann fast jedesmal eine 
Judenverfolgimg, welche, meist von dem niederen Volke 
ausgehend, von den städtischen wie den landesherrlichen 
Behörden kaum gehindert, oftmals unterstützt ward. Denn 
die hinterlassene Habe der vertriebenen oder gar erschla^ 
genen Juden fiel an diese Behörden und ward zwischen 
beiden getheilt. 

Und dennoch machte sich binnen kurzem wieder 
das Bedürfnis fühlbar, Capital auch ohne hypothekarische 
Sicherheit aufnehmen zu können. So wurden aufs neue 
Juden herbeigerufen. Sie kamen, aber nur um alsbald 
selbst wieder ähnliches zu erfahren und zu erleiden. 

Wir haben geglaubt, die Geschichte der Juden, wie 
sie sich während des Mittelalters in fast allen Ländern 
imd grösseren Städten abgespielt, in kürzesten Umrissen 
vorausschicken zu sollen, ene wir versuchen, dasjenige 
zusammenzustellen, was sich an zuverlässigen Nachrichten 
über die Juden in der Oberlausitz während des Mittel- 
alters noch auffinden lässt. Auch hier wiederholte sich 
genau der so eben geschilderte Verlauf, nur, so viel 
wir wenigstens haben ermitteln können, nicht auch der 
Judenmord. 

Unsere Nachrichten sind in Betreff der meisten ober- 
lausitzischen Städte sehr dürftig*). In wenigen gehen 
Stadtbücher und Stadtrechnungen zurück bis ins vier- 
zehnte Jahrhundert. Und selbst dann sind die betreffen- 
den Rathsbeschlüsse niemals verzeichnet. Ueberall sind 
es vielmehr nur gelegentliche Notizen und einige landes- 
herrliche Erlasse, welche aber immerhin einmal zusammen- 

") M. Wiener, Regesten zur Gesch. der Juden in Deutschland 
während des Mittelalters (Hannover 1862), bringt in dem ersten 
Theile seines Werkes keine oberlausitz. Urkunden. Auch Otto Stobbe, 
Die Juden in Deutschland während des Mittelalters (Braunschweig 
1866), scheint dieselben nicht zu kennen« 



Zur Geschichte der Juden in der Oberlausitz. 53 

gestellt zu werden verdienen. Nur von Görlitz ist es 
möglich; ein einigermassen anschauliches Bild von dem 
Leben und Treiben sowie von den wechselnden Geschicken 
der JudeU; zumal während des vierzehnten Jahrhunderts, 
zu entwerfen. Wir behandeln daher absichtlich diese Stadt 
zuletzt. 

Es mtisste Wunder nehmen, wenn in Bautzen, der 
alten Hauptstadt der Oberlausitz ^ um welche herum in 
weitem Kreise der älteste» zahlreichste und zum guten 
Theil zugleich ärmste Adel des Landes wohnte, sich nicht 
auch einmal Juden auf längere oder kürzere Zeit sollten 
niedergelassen haben. Freilich war Bautzen keine Handels- 
stadt im eigentlichen Sinne, ausgenommen den Handel mit 
Tuch, Getreide imd sonstigen Feldfrüchten. Dennoch be- 
richten die Lokalhistoriker nichts Thatsächliches '*) von 
einst dort wohnenden Juden. Auch alle diejenigen hand- 
schriftlichen Chroniken von Bautzen, die wir zu diesem 
Zwecke durchgegangen haben, schweigen. Und dennoch 
haben auch hier in der That während der ersten Hälfte 
des vierzehnten Jahrhunderts Juden gewohnt. Von 1356 
bis 1359 wird in den Breslauer Stadtrechnungen mehrfach 
ein Jude „Jacob de Budessin" erwähnt *), der diesen Bei- 
namen nicht führen konnte, wenn er nicht von Bautzen nach 
Breslau übergesiedelt wäre. Und in der That soll die jetzige 
Häringsgasse früher „Jüdengasse" geheissen haben*). 

In Zittau setzt die lokale Sage die Anwesenheit von 
Juden schon in die Zeit vor der Aussetzung des einstigen 
Dorfes Zittau zur Stadt, wozu eine wahrsoneinlich falsch 
gelesene Jahreszahl (1250) an einem später zu erwähnen- 

*) Wilke, Chronik der Stadt Budissin 26, sagt zwar, die An- 
zahl der dasi^en Juden müsse gross gewesen sein, denn „auf eine 
Beschwerde, die von der Bürgerschaft wegen des Wuchers bei dem 
König Wenzel geführt wurde, erliess der König die Verordnung, 
dass alle Wucherer die Pfänder ohne Zinsen herausgeben sollten**. 
Allein Wilke fügt weder irgend einen Nachweis, woher er diese 
Nachricht genommen, noch auch das Jahr der yermeintlichen Ver- 
ordnung bei Da nun die „Oberlansitzer Urkunden-Sammlung^' (Mspt. 
Görlitz) und ebenso das gedruckte „Oberlausitzer ürk.- Verzeichnis** 
aus der ganzen Kegierungszeit Wenzels eine solche oder ähnliche 
Verordnung nicht aufführt, so können wir jener Angabe Wilkes 
keinen Werth beimessen. 

*) L. Oelsner, Schlesische Urkunden zur Gesch. der Juden im 
Archiv für Kunde Österreich. Gesch.-Quellen XXXI, 111. 120. 127. 

») Wilke 22. 340. 336. Andere meinen, die Vorstadt Seidau, wendisch 
Zidow, habe ihren Namen von den einst dort wohnenden Juden erhalten. 



54 Hermann Enothe: 

den Hause Anlass gegeben haben mag. Zu der Zeit; wo 
der Stadtschreiber Johann von Guben seine ältesten Jahr- 
bücher von Zittau schrieb (1363 — 81), gab es daselbst 
eine „Judenburg" •), welche nach einem nicht mehr vor- 
handenen Stadtbuche von 1395 '') „in der Badergasse**, einer 
engen, vom Markt südlich gegen die Mandau hin führen- 
den Gasse, gelegen haben soll. Noch einmal wird 1399 
ebendaselbst ein Haus bezeichnet *) als „ gelegen in 
der Mandau, benieden der Judenburg **. Dies sind nach 
Carpzov, dem gewissenhaften Historiker und Stadtschrei- 
ber, der die seitdem verbrannten Stadtbücher alle benutzt 
hatte, die einzigen Spuren davon, dass es bereits im vier- 
zehnten Jahrhundert zu Zittau Juden gegeben hat*). 
Wann und weshalb sie fortgekommen, weiss er nicht, und 
auch spätere Forschungen haben zu keinerlei Resultaten 
gefuhrt Wohl aber berichtet Carpzov ***) genaueres über 
einen zweiten Aufenthalt von Juden im fiinfzehnten Jahr- 
hundert. Im Jahre 1424 nahm der Rath „auf Geheiss 
Kaiser Sigismundi mit Willen und Wissen der Hand- 
werkmeister und ganzer Gemeinde" den Juden Smoyl 
aus Löwenberg in Schlesien sammt seinem Sohne Jonas 
und seinem Schwiegersohne Caiphas „mit ihren Weibern, 
Kindern, Dienern, Dienerinnen, Schulmeistern und Glöck- 
nern^ auf und vergönnte ihnen, zunächst auf 7 Jahre, 
hier zti wohnen- Dafür mussten sie jährlich ein Schutz- 
geld von 40 Mark polnischer Zahl erlegen, wogegen sie 
„alle gute Gewohnheiten, die sie im Fürstenthum zu 
Schweidnitz und Jauer vormals gehabt", gemessen sollten. 
Auch von König Wenzel und später von Kaiser Siegmund 
ihnen speciell ertheilte Schutz- und Freibriefe brachten 

*) N. Script, rar. Lusat. I. 3: Ottackerus, eyn konig zcu Beme 
— sacz Yz dese stat vnd hatte nicht verrer vmme gereten, wen Als 

dl gasse wendt hindir der cruczeger hovfe czu dem webirthore vnd 
von dem webirthore bis her czu der Judenborg, gerichte czu der 
clobin gasse etc. 

*) Carpzov, Analecta I, 25. 

») Ebendas. IV, 167. 

*) Die allerdings nur chronikalische Angabe, dass der könig- 
lich böhmische Landvogt über das Weichbild Zittau unter anderen 
Revenuen auch „in der Stadt den JttdenzoU gehabt'* habe (Carpzov, 
Anal. 1, 155), hat an sich viel Wahrscheinlichkeit für sich; nur wird 
in den Urkunden über die Verpachtung dieser Landvogtei an die 
Stadt Zittau von 1366 — 1406, in denen alle die Einkünfte derselben, 
darunter auch andere Zölle, aufgezählt werden, ein solcher Juden- 
zoll nirgends erwähnt. Carpzov, Anal, n, 251 fgg. 

") AnaL FV, 168. 



Zur Geschichte der Jaden in der Oberlansitz. 55 

sie yor^ und so stellte ihnen der Rath unter dem grösseren 
Stadtsiegel ein (nicht mehr vorhandenes) Dokument aus, 
welches für beide Theile die Einzelbestimmungen des 
zwischen ihnen abgeschlossenen Vertrages enthielt Dies 
war also thatsächlich die Einwandenmg einer ganzen Juden- 
colonie^ bestehend zwar nur aus drei Familien, aber gewiss 
aus ziemlich vielen Köpfen. Die Erwähnung von „Schul- 
meistern und Glöcknern^ (d. h. Synagogendienern) deutet 
darauf 9 dass die Errichtung einer besonderen Synagoge 
von vom herein von ihnen beabsichtigt gewesen sei. 
Nun bezeichnet die lokale Tradition mit Bestimmtheit 
einen nachmaligen Bierhbf (nach einand^ den Familien 
Bändig, Hübner, Weise gehörig, Eatastemummer 239) 
in der ,,Jadengasse'^ als die ehemalige Synagoge. Und 
in der That soll in diesem wie in einem anderen Hause 
derselben Gasse der Bau zumal der Fenster noch jetzt 
auf ehemalige jüdische Einrichtungen schliessen lassen. 
Demzufolge dürften sich jene Juden 1424 hier angebaut 
und erst hierdurch die „ Jüdengasse^ ihren Namen erhalten 
haben. Der Jude Smoyl kam übrigens bald darauf der 
Stadt ziemlich theuer zu stehen. Er hatte unter anderem 
mit Herrn Jan von Warteijberg auf Dewin (bei Warten- 
berg in Böhmen) Geldgeschäfte gehabt. Wahrscheinlich 
zahlte letzterer weder Zins noch Capital. Da Hess ihm 
1426 der Jude „sein Gewand mit Rechte verhindern" **), 
d. h. von ihm in Zittau erkaufte Tuche durch den Rath 
mit Beschlag belegen. Jan von Wartenberg rächte sich 
dafür an der Stadt selbst. Er fiel (28. August) 400 Pferde 
stark in deren Dörfer ein, raubte Schafe, Kühe und Pferde 
und trieb den Raub zurück; seiner Burg zu. Allein die 
Zittauer Bürger kamen^ obgleich nur zu Fuss, den böh- 
mischen Räubern zuvor, überfielen sie im Spittelholz imd 
nahmen ihnen den gesammten Raub wieder ab. Der Ver- 
trag mit Smoyl scheint nach Ablauf der 7 Jahre erneuert 
worden zu sein. Noch 1434^') liess Kaiser Sie^und 
von ihm und seinem Sohne Lazarus 96 fl. ungariscn imd 
400 fl. rheinisch als eine Strafe, die sie „verwirkt", den 
Cölestinem auf dem Oybin auszahlen zu Baugeldem. 
Wie lange die Juden noch in Zittau geblieben, weiss 
man nicht. Der Umstand^ dass nach ihrem Abzüge das 
Haus mit der ehemaligen Synagoge ^in eine bürgerliche 



'«) N. Script rer. Lus. I, 60. 

>>) Pescheck, Gesch. der Gölestiner des Oybins (1840) 60. 



56 Hermann Enothe: 

Wohnung" verwandelt und über der Hausthüre ein Bild 
mit der Kreuzigung Christi gemalt wurde *'), scheint 
doch auf den üblichen Glaubenshass gegen die Juden 
hinzudeuten. Die früher ebenfalls über dieser Thür an^ 
gebracht gewesene Jahrzahl dürfte statt 1250 vielmehr 
1450 gelautet imd sich auf den Umbau des Hauses be- 
zogen haben. 

Hinsichtlich des Aufenthaltes von Juden in Laub an 
liegen zwei sehr sicher auftretende Aufgaben vor. Der 
einen zufolge **) habe Markgraf Otto von der Lausitz und 
Brandenburg im Jahre 1294 den Laubanern die Ober- 
gerichtsbarkeit in ihrem Weichbild bewilligt und die Er- 
laubnis gegeben, zwei Juden mit gleichen Abgaben und 
Dienstlasten, wie sie selbst, zu halten. Allein dieser Otto 
der Lange koimte 1294 noch nicht Markgraf der (Nieder-) 
Lausitz heissen, da dieselbe erst 130ä von den Branden- 
burgern erworben ward; die Behauptung von der zugleich 
verliehenen Obergerichtabarkeit im Weichbilde erweist sich 
als unrichtig"); eine ; völlige Gleichstellung der Juden 
mit den Bürgern hinsichtlich der städtischen Leistungen 
erscheint im höchsten Grade unwahrscheinlich, und end- 
lich die Quelle, auf welche die ganze Angabe zurückge- 
führt wird, nämlich Hosemann, gräcisiert Knemiander, der 
berüchtigte Laubaner „Lügenhistoriker", raubt derselben 
jeden Aispinich auf Glaubwürdigkeit. Eine zweite Nach- 
richt meldet *®), am ersten Osterfeiertage 1390 sei in Lau- 
ban ein Priester, der mit der Monstranz zu einem Kranken 
sich begeben, „bei der Judengasse** mit Steinen geworfen 
worden, so dass die Hostie zur Erde gefallen. Darauf 
seien die Christen auf die Juden losgestürmt, hätten viele 
davon erschlagen und deren Güter eingezogen. Obgleich 
diese Erzählung dem Ausbruche von Judenverfolgungen 
in anderen Städten auf das Haar gleicht, würden wir ihr 
vielleicht doch einigen Glauben schenken, wenn zu Lauban 



*») Carpzov, Anal. I, 26. 

") Manilas bei Hofifmann, Scriptor. rer. Lus. I, 277: Anno 
1294, referente Cnemiandro, Otto marchio Lusatiae et Brandepurgi 
Lauban ensibus jurisdictionem superiorem in ipsorum territorio con- 
cessit, et ut binos Judaeos paribus secum censibus ac oneribus 
habitantes retinere ipsis liceret, indulsit. Ihm nach: Wiessner 
in seinen Laubaner Stadtannalen (Mspt.). Grosser, Merkw. I, 40. 
Carpzov, Ehrent. I, 40. Ürk.-Verz. I, 18. Worbs im Lausitz. Mag. 
18.^0. 485. Scholz, Gesammtgesch. 175 u. s. w. 

*») Vergl. Knothe, Rechtsgesch. der Oberlausitz 42 fg. 

*•) Gründer, Chronik von Lauban 141. 



Zur Geschichte der Juden in der Oberlausitz. 57 

sonst irgendwo eine ^Judengasse^ erwähnt und das Vor- 
handensein von Juden sonst irgend urkundlich bestätigt 
wäre. 

Wir glauben daher^ dass es in Lauban ebensowenig 
als in Kamenz und Löbau ' ^) jemals Juden gegeben hat« 

Wohl aber scheint in dem Städtchen Reichenbach 
mindestens ein Jude gehalten worden zu sein. Als, wie 
später zu erzählen sein wird, die Görlitzer 1389 ihre 
Juden vertrieben hatten, schickten sie häufig Boten „nach 
Beichenbach wegen der Juden". Ihr Herzog, Johann 
von Görlitz, hatte ihnen nämlich zugestanden, dass fortan 
im ganzen Lande Görlitz kein Jude mehr solle wohnen 
dürfen. Es galt daher wahrscheinlich, jetzt auch Hans 
von Gersdorff, den damaligen Besitzer von Reichenbach**), 
zu vermögen, dass er seinen Juden ausweise. Gleichzeitig 
sendeten die Görlitzer aber auch sehr häufig Boten an 
die Herzogin Agnes von Schweidnitz, welche den Juden 
günstig gesinnt war, und aus deren Städten die meisten 
Juden nach der Oberlausitz gekommen waren. Bei solcher 
Gelegenheit heisst es das eine Mal, es sei zu ihr gesendet 
worden „wegen Ydam (Adam ?), Juden in Reichenbach** *"). 

Ausführlichere Nachrichten haben wir, wie schon er- 
wähnt, über die Juden in Görlitz*®). Alte Privilegien 
über den Waidhandel und den Strassenzug machten das- 
selbe zum Haupthandelsplatze der gesammten Oberlausitz. 
Kein Wunder, dass sich aus dem benachbarten Schlesien 
frühzeitig auch Juden dahin gewendet hatten. Es mass dies 
bereits unter den Brandenburger Herrschern aus dem 
Hause Askanien geschehen sein; denn das mit dem Jahr 
1305 beginnende älteste Stadtbuch**) erwähnt schon vor 
1307 (Bl. 4) eine „Judengasse", später (1338 und öfter) 



^') Das Wahrzeichen von Löbau, ein Judenkopf an der Stadt- 
uhr, der sich bei jedem Glockenschlage öffnet und wieder schliesst, 
ist ein häufig vorkommender Ausdruck mittelalterlichen Yolkshumors. 

") Enothe, Gesch. des Oberlausitzer Adels 191. 

") Nach den Görlitzer Rathsrechnungen, Mspt. 
» ^®) Eigenthtlmlicher Weise scheint die Geschichte der Juden 
in Görlitz noch niemals im Zusammenhange behandelt worden zu 
sein. Der „Görlitzer Wegweiser** 1832. 322 fg. bringt nur wenige 
dürftige Thatsachen im wesentlichen nach Grosser, Merkw. I, 97; 
Naumann, Gesch. von Görlitz 141 fg. allerdings mehr, aber der An- 
lage des Buches zufolge nur bei Gelegenheit der Geschichte Herzog 
Johanns von Görlitz. Nach einer etwaigen Monographie aus älterer 
oder neuerer Zeit haben wir vergeblich geforscht. 

*») Mspt., jetzt auf der Milich'schen Bibliothek. 



58 Hermann Knothe: 

eine Synagoge oder „Judenschule", desgleichen (1335 Bl. 
31) einen „Judenkirchhof", gelegen »in der Kalowe". 
Aber auch ausserhalb der Judengasse besassen die Juden 
Häuser oder Höfe und zwar als Erbe, so z. B. (1345) 
in der „Oelschlägergasse**, desgleichen in der „Kniegasse**, 
wo (vor 1327) »Katharine, Johannes des Juden Tochter", 
ein Haus aufgab Heinrich Salczhuter'n „zu einem rechten 
Erbe". Sie durften also von Christen beliebig Häuser 
erwerben, nur dass sie von denselben einen besonderen 
Zins an die Stadtkasse zu erlegen hatten. „Die Juden 
habbent gecoyft Otten Buteners Hof und sullen davon 
den bürgern cinsen drizig phenninge alle jar. Shymon 
Jude vnd Hanna judinne haut gecojft; kegen Merkele 
einen Hof, davon sullen sie geben den burgern vtinf 
Schillinge cinses" (Bl. 9, circa 1309). Käufe und Ver- 
käufe liegender Gründe wurden auch von den Juden, 
ebenso wie von den Christen abgeschlossen »in gehegtem 
Ding", „an rechter Dingstatt" oder „coram judicio item 
coram Judeorum bannito" und dann eingetragen in das 
allgemeine Stadtbuch"). Als 1329") Herzog Heinrich 



**) In der vollständigen Abschrift des „Magdeburger Rechts", 
welches die Schoppen von Magdeburg der Stadt Görlitz 1304 zu- 
kommen Hessen, handelt § 118 (nach dem Abdruck in Tzschoppe und 
Stenzel, Urk-Samml. 473): „Von des Juden Gewere. Der Jude en 
muz des Gristenen mannes gewere nicht sie, her en wolle danne ant- 
worten in Gristenes mannes stat. Sleit der Jude einen Gristenen 
man tot oder tut her ungerichte an im, da her mite begriffen wirt, 
man richtet ubir en, als ubir einen Gristenen man. Sleit ouch ein 
kristenen man einen Juden, man richtet ubir en durch des konigs 
vride, den her an im gebrochen hat oder tut her ungerichte an im." 
Ein gJudeneid" und zwar der sogenannte Erfurter Eid (Gtto Stobbe, 
Die Juden in Deutschi. 157) auf dem Yorsetzblatte eines Görlitzer 
Rechtsbuches (N. Script, rer. Lus. I, Vorwort XXXV) lautet und 
zwar in abweichender Fassung: „Das man dich suldich, des bistu 
vnsuldihc; daz dir got zo helfi, der himel vnde erdi giswf vnde 
loub vnde gras, vnde als dir ginad adonay vnde seni giuedichi got- 
heit, vnde als du di ee nimmir mvzis bihaldin, di got gap moizi vf 
dem berg] zv sina;^ an der stenin tafilin. Gp du nicht reht vnde 
war habis, zo mvizi dich ani gen das vreisliche gisvcti, daz gezi ane 
ginch, do her dv gabi von naaman vntphinc ; ap dv niht recht! vnde 
wäre habis, zv mvzi dich dv erdi wirshndin vnde das fwr virbrennen, 
daz datan vnde abiron verbranti vnd ir mani. Daz swerstu vffie dem 
fünf buchin moizi bi dem abraham, ysanc vnde yacop." Wir dürfen 
wohl annehmen, dass sowohl jene Bestimmungen des Magdeburger 
Rechts, als dieser Judeneid auch zu Görlitz in Anwendung waren. 

*^ Köhler, God. dipl. Lus. sup. 280. Et ne quis — presumat — 
tutele Judeorum Gorlitczensium, guos civibus sepedictis gubemandos, 
regendos et ab injuriis quibuslibet perpetuo defensandos nostroi 



Zur Geschichte der Juden in der Oberlansiiz. 59 

von Jauer das Land Görlitz an Könie Johann von Böh- 
men abtrat^ bestätigte dieser der Staat Görlitz ihre bis- 
herigen Rechte und Privilegien^ darunter auch das, „die 
Görützer Juden zu regieren und vor jedem Unrecht zu 
beschützen^. 

Auch über die Natur der von den Görlitzer Juden 
damals vorzugsweise betriebenen Geschäfte erhalten wir 
mancherlei Kunde. 1323**) hatten mehrere Adlige die 
Güter des Klosters Marienstem auf dem Eigen beraubt 
und zwar aus den Ortschaften Bemstadt, Schönau und 
Kiessdorf Pferde und Vieh fortgetrieben nach Görlitz und 
bei den dortigen Juden „Johannes; dem Schwiegersohne 
von Jakob, Johannes; dem Schwiegersohne von Salomon 
tmd dem kleinen Jakob" versetzt. Infolge dessen erliess 
der Executor der Concilbeschlüsse für das Bisthum Meissen 
an sämmtliche oberlausitzische Geistliche den Befehl; nicht 
bloss die Bäuber selbst; sondern auch jene Juden den cano- 
nischen Satzungen gemäss zu admonieren, dass sie den Kaub 
binnen vierzelm Tagen dem Kloster zurückerstatten soll- 
ten, widrigenfalls allen Christen jeder Verkehr mit jenen 
Juden bei Excoramunication verboten werden irärde. 
1343 **) zahlten die Brüder Jan und Otto von Gersdorff 
auf Eadmeritz einem Görlitzer Juden Daniel vor Gericht 
Geld ratenweise ab. Diese selben Brüder hatten aber 
auch noch von dem Görlitzer Juden Jeckil 80 Schock 
Groschen erborgt, welche dieser ihnen, wie er sagte, von 
dem Liegnitzer Juden Hannus verschafft hatte, und zwar 
n jedes Schock um einen Groschen die Woche zu Wucher" 
(d. h. zu 86*/3 Procent). Später war eine Abrechnung 
erfolgt, so dass nur noch 40 Schock verblieben; aber 
nach einiger Zeit waren dieselben infolge des Wucher- 
zinses wieder auf 70 Schock angewachsen. Alles dies 



h'eredum et snccessorum nostrorum — nomine et vice comnüttimus, 
curam sibi ausu temerario vendicare. Köhler schreibt freUich (nach 
einer ganz nnzuverlässigen Abschrift in der „Oberlaus. ürk.Sanmil.'*) 
statt Judeomm , Judiciorum", was gar nicht in die Gonstruction passt ; 
schon Tzschoppe und Stenzel, ürk.- Samml. 531, dagegen richtig: 
Judeorum. Und so blos und nicht anders kann auch die Abbreviatur 
in dem allein noch erhaltenen Yidimus von 1424 im Rathsarchiv zu 
Görlitz aufgelöst werden. Das Verbot des Königs gilt den Land- 
vögten, welche keinerlei Gewalt über die Juden haben sollten. 

**) Knothe, Gesch. des Eigenschen Kreises 66 fg. 

'*) Liber vocationum, proscriptionum, actitationum 1342. Mspt. 
GörL Blatt 70 b. 



60 Hermann Enothe: 

bezeugten 1345 *•) Richter und Schoppen dem Juden 
Jeckil auf dessen Ansuchen „mit der otadt^ heimlichen 
InsigeP und trugen es auch in das Ladebuch ein. 

Namentlich haben wir ausserdem während der ersten 
Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts von Görlitzer Juden 
noch erwähnt gefunden*') Simon imd Hanna, welche 
(um 1309) einen Hof kaufen ^ von MerkelC; Katharine, 
des Johannes Tochter, welche ein Haus verkauft (vor 
1326), Friczko, der an Leo einen Hof abtritt (1338), 
Isaak, welchem seine Brüder Jeckil und Noah ebenso 
wie Melach ihre Höfe aufgeben, und der selbst einen Hof 
an Daniel, einen anderen an Zharnak auflässt (1345, 1346). 

Da sehen wir diese, wie es scheint, durchaus fried- 
lichen und völlig geregelten Verhältnisse der Görlitzer 
Judenschaft plötzlich aufgelöst. Mittels Urkimde vom 
25. Juli 1350*®) schenkte Kaiser Karl IV., der damalige 
Landesherr, auf Bitten seines Onkels, des Herzogs Wenzel 
von Liegnitz, dem Apotheker Chuiirad in Görlitz und 
dessen Erben „die Svnagoge der Juden zu Görlitz sammt 
allem Zubehör, welche, wie bekannt, in diesen Tagen an 
seine 9 des Kaisers, Kammer rechtmässig zurückgefallen 
sei**, und befahl dem Landvogte, sowie dem Bürgermeister 
und Bathe, den Apotheker bei dieser Schenkung zu y,manu- 
teniren**. Und beim Jahre 1352 enthält das Stadtbuch 
die Notiz, dass Heincko von Bischofsdorf (d. h. Heinrich 
von Gersdorflf auf Bischdorf) den Judenkirchhof von Hans 
Wicker gekauft habe. Beides deutet ohne Zweifel auf 
eine (erste) Vertreibung der Juden aus Görlitz, Sollte 
die Synagoge, an welcher doch die ganze Judengemeinde 
Antheil hatte, nur durch den unbeerbten Tod irgend eines 
Juden, als des Kaisers und Landesherrn „Kammerknechtes**, 
an diesen „zurückgefallen** sein? Und auch der Juden- 
kirchhof gelangte 1352 durch Verkauf schon in die zweite 
christliche Hand. Die ganze Judengemeinde muss also 
aufgelöst Worden sein. Weshalb imd wie, — wir wissen 
es nicht (die Stadtrechnungen beginnen erst mit dem Jahre 
1376), können es aber wohl vermuthen auf Grund von 
ähnlichen Vorgängen, die eben damals sich in anderen 
Städten abspielten. 

Eben in jenen Jahren wüthete bekanntlich durch 



*•) Ebendas. Bl. 69b. Abgedruckt in Köhler, Cod. Lus. 370. 
") Vornehmlich im ältesten Stadtbuch. 
*■) Oberlausitzer Ürk.-Verz. I, 67 No. 284. 



Zur Gesciiickte der Juden in der Oberlausitz. Ql 

fast ganz Europa die fürchterliche Pest, ^^^^ schwarze 
Tod^. Die fanatischen Geissler predigten BossC; aber zu- 
gleich auch Vertilgung der Ungläubigen. Fast aller Orten 
beschuldigte man die Juden der Vergiftung der Brunnen. 
So begann der Hass des armen Volkes gegen die reichen 
Juden deren Verfolgung. Die Obrigkeit connivierte und 
theilte sich mit dem Landesherm in deren Güter. So 
geschah es im Jahre 1349; um von entfernteren Städten 
zu schweigen, in Breslau, Guhrau, Brieg, in Eger, in 
Dresden und Meissen^*). So dürfte es auch in Görlitz 
hergegangen sein. Die Anwesenheit von Geisslern auch 
in Görlitz und in Bautzen wird wenigstens bei dem Jahre 
1349 von den Chronisten berichtet'"). Ob die Juden in 
Görlitz bloss vertrieben oder auch erschlagen worden seien, 
erfahren wir nicht. Wir möchten nur das erstere annehmen. 
In den Jahren 1351 bis 1359 ' '), also unmittelbar darauf, 
werden in den Breslauer Stadtrechnungen mehrfach die 
Juden . Aaron und Arnold von Görlitz, letzterer mit seiner 
Schwester Buth und einem Schulmeister (Hauslehrer), er- 
wähnt, welche noch dazu eine ziemlich hohe Steuer er* 
legten. Wir vermuthen, dass sich dieselben nach ihrer 
Vertreibung aus Görlitz nach Breslau gewendet haben. 

Darauf schweigen die einheimischen Quellen eine 
lange. Zeit gänzlich von Juden zu Görlitz. Und dennoch 
hatten sich alsbald deren aufs neue dahin gewendet 1389, 
wo eine abermalige Verfolgung über sie hereinbrach, lebte 
daselbst wieder eine respectable Anzahl, gab es wieder 
eine Synagoge, einen Elirchhof, auch längst schon (1377) 
eine eigene „Judenbadestube". 

Diese zweite Vertreibung galt gar nicht dem Glauben, 
sondern bloss dem Vermögen der Jud^n. Sie war wohl 
vorbereitet und zwar von den sämmtlichen betreffenden 
Behörden. König Wenzel von Böhmen hatte schon 1385 
besonders in den freien Reichsstädten der Judenschaft 
grosse Summen abgenommen**). Sein Bruder Johann, 
seit 1377 Herzog von Görlitz, war nicht minder geldbe- 
dürftig als er imd nicht minder unbedenklich in seinen 



*•) L. Oelsner, Schles. Urkunden zur Gesch. der Juden im 
Mittelalter, im Archiv für Kunde Österreich. Gesch.-Quellen XXXI, 
73 fgg. Pelzel, E. Karl, I, 805. Klemm, Chronik yon Dresden I, 
73. Cod. dipl. Sax. reg. II. 4, 25 vergl. 34. 

•®) Wilke, Chronik von Budissin 21. Grosser, Merkw. I, 77. 

»») L. Oelsner a. ä. 0. 111. 113. 120. 127. 

**) Stobbe, Die Juden in Deutschland 134. 



62 Hermann Enothe: 

Mitteln. Es unterliegt wohl keinem Zweifel; dass er sich 
sowohl mit der ßitterschaft des Weichbildes, als mit dem 
Bathe der Stadt Görlitz schon im voraus verständigt 
hatte. Die dasigen Juden mochten ihr Schicksal ahnen 
und suchten ihre Liegenschaften durch Verzichtleistung 
an andere so gut als möglich zu sichern. ^Sara judinne 
hat aufgegeben ihr haus, das Smerlin gewest ist, Isag 
Juden und danach gemeinlich allen Juden zu einer schule 
erplichen (1388). Jeckil Jude hat aufgegeben Peter Stein 
Qrebers garten.*^ Ebenso giebt auch ,,Smoel Jude einen 
garten" auf (1389). 

Da braoi zum Osterfeste (18. April) des Jahres 1389 
zu Prag eine blutige Judenverfolgung fast unter den 
Augen König Wenzels aus. Er soll — gezürnt haben. 
In der Woche nach Ostern begaben sich von Görlitz der 
Bürgermeister Vincenz Eczel; der Rathsherr Jakob Sleife 
und der Stadtschreiber in Begleitung von Abgeordneten 
der Ritterschaft nach Prag „propter alienationem Judeo- 
rum"''). Das Ergebnis dieser Reise war unzweifelhaft 
die Urkunde Herzog Johanns vom 30. April lS89^^)j in 
welcher er erklärt, die Ritterschaft und Bürgerschaft von 
Görlitz sei zu ihm gekommen und habe ihm nachgewiesen 
grosse Schäden, die sie von seinen Juden in diesem Lande 
merklich gehabt, und habe ihn gebeten, dass er sie fürder 
von allen Juden befreien möge. Demzufolge begnadigt 
er die Genannten, ^dass von jetzt kein Jude noch Jüdm 
in seinen Landen und seiner Stadt Görlitz ansässig sein 
noch Wohnung haben solle in irgend einer Weise^. Zu- 

Jleich bestimmte er vier Personen, ^um die Güter der 
uden in Empfang zu nehmen"**). Zwei davon, Ticze 
von Sor (auf Sohra, nordöstlich von Görlitz) und Peschel 
Schaff (auf Horka), gehörten der Ritterschaft, jedenfalls 
die beiden anderen dem Rathe an. 

Li der Stadt Görlitz herrschte ^osse Freude. Man 
sendete sofort Wagen mit Bier nach i^rag an den Herzog 
und an die Herzogin ^pro honore", bald darauf au(£ 
Geldgeschenke an den Kanzler, an Otto von Kittlitz, einen 
anderen Hof beamten des Herzogs, an Anshelm von Ronow, 
den Landvogt von Görlitz „wegen verschiedener Förde- 

*') Alles Folgende wesentlich nach den Görlitzer Bathsrech- 
nnngen, Mspi 

»*) Ürk.-Verz. I, 127 Nr. 628. 

**) Et ibidem dominus noster dox qaatuor constituit, qaod bona 
Judeorunr reciperent. 



Zva Gfeschichte der Juden in der Oberlausitz. 63 

rangen^. Man fragte sogar beim Herzog an, ob das be- 
abrichtigte Turnier in Görlitz noch statmnden solle, was 
doch voraussichtlich der Stadt viel Geld kosten musste, 
ja man sendete abermals nach Prag^ „um Gläubiger zu 
bezahlen auf Befehl des Herzogs^. 

Was mit den Juden selbst , jedenfalls gleichzeitig; 
geschehen sei; melden die Stadtrechnungen freilich nicht 
mit klaren Worten; aber sie lassen es zwischen den Zeilen 
lesen. Da werden mehrmals Adlige vom Lande durch 
den Rath „geehrt mit Wein und Bier in captiTitate Ju- 
deorum^. Man hatte also die Juden wahrscneinlich ein- 
fach tiberfallen und gefangen gesetzt. Ihre Häuser waren, 
wie sich aus dem Folgenden ergeben wird, mit Beschlag 
belegt worden. Anfang August ward ein reitender Bote 
nach Prag zum Herzog geschickt „propter vituperium 
Judeorunr. Wahrscheinlich hatten dieselben Klage über 
den Herzog erhoben, wohl bei der Herzogin Agnes von 
Schweidnitz, welche stets den Juden möglicnst gerecht zu 
werden bemüht war und aus deren Lande die meisten 
Görlitzer Juden stammten. Wenigstens sendete der Rath 
sofort nach Ankunft von obigem Befehl des Herzogs einen 
Boten nach Schweidnitz ;,mit einem Briefe des Herzogs 
wegen der Juden**. Gewiss sollte der Brief die verhängte 
Verfolgung rechtfertigen oder entschuldigen. Auch später 
gehen noch sehr häufig Boten an die Herzogin „propter 
Judeos". Die Antwort Herzog Johanns auf die Beschwerde 
der Juden bestand in einer zweiten Urkunde vom 9. August 
1388**), durch welche er der Stadt Görlitz erlaubt, „dass 
sie, da (wo) etwa die Synagoge und Judenschtde gewest 
ist in der Langegasse, daselbst aus derselben mögen eine 
Kapelle errichten und bauen zu Lob imd Ehre des hei- 
ligen Leichnams*'; für welchen Zweck er den Judenkirch- 
hof „zu Hülfe giebt**. 

So war denn über die liegenden Gründe der bis- 
herigen Judengemeinde zu Görlitz verfügt. Aber bei 
allen derartigen Judenverfolgungen kam es den Landes- 
herren ganz besonders auf die Schuldversdireibungen an, 
welche sich in den Händen der Juden befanden. In 
diesem Sinne glauben wir die vielen Boten verstehen zu 
sollen; welche jetzt der Rath ausschickte; so nach Horka 
und auf andere Dörfer ^wegen der aussenstehenden Gelder 
(debita) der Juden**, femer nach Bautzen „wegen de» 



»•) Ürk.-Verz. J, 128 Nr. 686, 



64 Hermann Knotbe! 

Juden Simon und andrer Juden^, nach Löwenberg „wegen 
Baruch und andrer Juden^. Im Laufe des Jahres 1390 
war der Herzog Johann mehrmals (Anfang Januar und 
Mitte Juli) persönlich in Görlitz. Dabei dürften wohl 
mündliche Bestimmungen über das confiscierte Vermögen 
der Juden getroffen worden sein. Nur von demjenigen^ 
was die Bürgerschaft betrifft, erhalten wir nähere Kunde. 
Uebrigens zog sich die definitive Entscheidung noch lange 
hin. Wir wissen nicht; ob ein schon lange andauernder 
Aufruhr der Handwerker gegen den Kath von Einfluss 
auf diesen Aufschub, vielleicht sogar auf die ganze Juden- 
verfolgung gewesen sei. Leider fehlen gerade aus der 
Zeit unmittelbar nach 1390 die Kathsrechnungen. 

Endlich im Jahre 1395 stellte Herzog Johannen 
Raudnitz zwei Urkunden in dieser Angelegenheit aus. 
Mittels der einen bestimmte er abermals „die Judenschule, 
genannt Synagoge , in seiner Stadt Görlitz zu Gottes 
Dienste^ und befahl^ sie „zu einer Kirche imd Kapelle 
zu wenden und zu machen^ Gotte zu Lobe und seiner 
Mutter Marie", und zwar solle sie den „Namen des hei- 
ligen Leichnams unsers Herrn Jesu Christi ^^ tragen, die 
beiden darin zu errichtenden Altäre aber St. Christo- 
phorus und St. Barbara geweiht werden"). Wir er- 
olicken hierin nicht sowohl die Erneuerung der Schenkung 
hinsichtlich der Synagoge, als vielmehr cüe der Verpflich- 
tung zum umbau derselben in eine Kapelle, womit es 
der Rath gar nicht so eilig hatte. Die Synagoge war 
längst abgebrochen. Schon im Frühling 1390 ward „den 
Knechten, welche an der Synagoge arbeiteten^^, Lohn ge- 
zahlt aus der Stadtkasse. Aber der Aufbau einer Kapelle 
mit zwei Altären kostete viel Geld. So ist denn dieselbe 
auch nie gebaut worden. Im Jahre 1396 starb Herzog 
Johann von Görlitz. Der Platz in der Langengasse, wo 
die Synagoge gestanden, blieb leer und heisst noch heute 
„der Judenring**. — Li der zweiten Urkunde vom 21. Sep- 
tember 1395 wiederholte Herzog Johann, wie ihn die 
Mannen des Landes und die Bürger der Stadt Görlitz 
unterwiesen hätten, dass „von den Juden daselbst grosse 
Schäden und Yerderbniss seiner armen Leute geschehen 
sei, davon sie merklich an ihren Gütern abgenommen 
hätten und noch täglich abnähmen'^ Darum sei er mit 
seinen Käthen übereingekommen und habe „der Stadt 

»') Ürk.-Verz. I, 189 Nr. 691. 



Zur Geschichte der Juden in der Oberlansitz. 65 

Görlitz ganz vollkommen Macht und Gewalt gegeben^ mit 
den Juden zu Görlitz zu thun und zu lassen, sie zu weiseih 
nimmer dahin wohnhaftig zu kommen , und fd. h. oder] 
von ihnen solche Sicherung zu nehmen, als sie es ihnen 
und dem Lande nützlich erkennen; also doch, dass ihm, 
dem Herzoge, zuvor ausgerichtet und bezahlt werde von 
denselben Juden das Geld ganz und gar^ das ihm, dem 
Herzoge, bei ihnen werden mag und soll"**). Hiermit 
wurde also das absolute Aufenthaltsverbot von Juden aus 
dem Jahre 1389 nicht wiederholt, sondern es ward in 
das Ermessen des Bathes gestellt ob dieser sie für immer 
ausweisen oder tmter gewissen vorsichtsmassregeln auch 
femer zulassen wolle. Charakteristisch ist^ dass jetzt wie 
1389 das Aussaugesystem des jüdischen Wucners von 
Herzog, Bath und Mannschaft als gemeingefährlich und 
als alleiniger Grund der Vertreibung hingestellt wird. Vor 
allem aber behielt sich jetzt der JB^rzog vor, dass, wenn 
Juden auch ferner in Görlitz behalten oder neu au%e- 
nonmien werden sollten, ihm selbst für alle die Jahre, 
auf welche ihr Aufenthaltschein laute, die übliche Juden- 
steuer an den Landesherrn praenumerando ausgezahlt 
werde. 

Im Jahre 1396 erfolgte nun endlich auch die defini- 
tive Ueberweisung der seit 1389 mit Beschlag belegten 
Judenhäuser, deren Besitzer entweder entflohen waren 
oder vertrieben bleiben sollten. Dem Stadtbuche zufolge 
gab Vincenz Heller, Bürger zu Görlitz und Gutsbesitzer 
von Sercha »von Seiten des Herzogs", in dessen Namen 
also die Häuser bisher confisciert gehalten worden waren, 
9fl£: „David Juden Haus dem Niclos Bebirstein und 
dessen Frau erblich, Jeckil Juden Haus an Peter Wajm- 
knecbt, ein andres Judenhaus an Nicol. Ossindorff erb- 
lich, noch ein andres an Martin Lewfer, eins in der 
Jüdengasse an Otto von der Besenicz, des Juden Isaac 
Haus an Frenzel Ossindorff, endlich eins an den Pfarrer 
Lorenz. Ebenso gab Claus Heller, auf: Smoel Juden 
Haus an Czachmann. „Judex bohemicalis hat aufgegeben 
einen Hof ex parte domini Anshelmi [von Bonow, Land- 
vogts von Görlitz] Niclos Hefenern." Vielleicht waren 
die Gebrüder Heller die beiden schon 1389 vom Herzog 
bestimmten bürgerlichen Mitglieder der Vierercommission 
zur Liempfangnahme der Judengüter. Auch der Land- 



•■) Grosser, Merkw. I, 100, Anmerk. s. 

Neoes Arabiv f. 8. G. tu A. II. 1. 



^ Hermann Enothe: 

yogt hatte und zwar schon firüher seinen Antheil erhal- 
ten; jetzt ward auch dem Pfarrer von Görlitz ein Haus 
zutheiL 

Cyb nnd wieviel Juden damals noch in Görlitz ver- 
blieben, wissen wir nicht Zwar werden im Stadtbuch 
(1411 und 1427) gelegentlich Häuser als ^^in der neuen 
Judenhasses gelegen erwähnt; wir glauben aber nichts 
dass'dies eine nach 1396 angelegte^ sondern die im 
Gegensatze zu der vor dem Jahre 1350 so bezeichnete 
war. 1401'*) ward ein Görlitzer Bürger vor Gericht 
citiert „von Seiten Isaacs wegen Beleidigung"; aber wir 
erfahren nicht , ob dieser Isaac ein GörHtzer Jude war. 
Jedenfalls scheint seitdem der Adel des Görlitzer und 
Zittauer Weichbildes Greld nicht mehr, wie bisher, bei 
Juden in Görlitz, sondern in Liegnitz aufgenommen zu 
haben. So z. B. ,,versetzten^ (d. h. setzten als Bürgen) 
1413 *•) vier Adlige des Zittauer Gebietes drei Adlige 
des Görlitzer ;,bei Ozar Juden von Liegnitz für 118 
Schock" und gelobten^ sie zu lösen oder einzureiten nach 
Görlitz. 

Im Jahre 1433 aber^ mitten in den Nöthen des Hus- 
sitenkrieges; empfand der Rath von Görlitz^ dessen Finanzen 
durch die ewigen Rüstungen, Feldzüge und Verluste ganz 
erschöpft waren, aufs neue lebhaft das Bedür&ds nach 
Juden in der eigenen Stadt. Er sendete daher den Stadt- 
schreiber Laurentius Ehrenberg an Kaiser Siegmund, um 
ihn unter anderem auch darum zu bitten, dass man wie- 
der Juden au&ehmen dürfe. Der Stadtschreiber suchte 
den Kaiser vergeblich in Italien und fand ihn endlich 
beim Concil in Basel**). Und hier stellte denn Siegmund 
den 27. November 1433 ") der Stadt Görlitz, da dieselbe 
von den verdammten Ketzern zu Böhmen viele Jahre be- 
kriegt und schwer beschädigt worden sei, sich aber gegen 
ihn, den Kaiser, stets treu und beständig gehalten habe^ 
damit sie sich von den erlittenen Schäden desto besser 
erholen möge, aus besonderer Gnade das Privilegium aus, 
„dass dieselben Rathmannen und Bürger zu Görlitz zu 
ihnen nehmen und in ihrer Stadt halten mögen zwölf oder 
minder, wie ihnen das füglich sein wird, Juden mit ihren 



••) Liber III. vocationum. 

*<») Ürk.-Verz. I, 177 Nr. 897. Das Regest ist ungenau* 

**) N. Script, rer. lus. I, 231 fgg. 

*^ Ürk.-Verz. II, 86 e. 



Zur Geschichte der Juden in der Oberlaasitz. 67 

Weibern und Kindern, und die Rente, Steuer oder 
Schätzung, die diese geben sollen, in ihre Hand und Ge- 
walt nehmen und zu ihrer Stadt Nutz und Frommen 
wenden sollen und mögen ^ bis auf seinen, des Kaisers, 
Widerruf. Der Kaiser verzichtete also auf den ihm zu- 
stehenden Judenzins zu Gunsten der Stadtkasse. 

Dies war also nun das dritte Mal, dass Juden nach 
Görlitz berufen werden sollten. Ob sich welche gefunden 
haben, wissen wir nicht» zweifeln daran aber nicht. Doch 
nur bis hierh# reichen unsere Forschungen darüber. 



III. 



Zur Geschichte des Frauenhauses in Altenburg, 

Nach archivalischen Quellen. 

Von 

M. J. Meissner« 



A^^^^^^f^^^A^^t^ 



Der interessante Aufsatz von Posern - Klett über: 
„Frauenhäuser und freie Frauen in Sachsen"*) veran- 
lasste uns zu Nachforschungen darüber, ob auch i|i Alten- 
burg in vorlutherischer Zeit ein Frauenhaus vorhanden 
gewesen sei, worauf der Name der sogenannten Frauen- 
gasse hindeutete. Freilich fanden sich aus leicht begreif- 
lichen Gründen nur unbedeutende Spuren, wenige Posten 
in den Altenburger Stadtrechnungen, aus denen sich jedoch, 
weil sie nach der Sitte damaliger Zeit mit Bemerkungen 
begleitet sind, manche für die Sache nicht unerhebliche 
Schlussfolgerungen ziehen lassen. 

Wie in den meisten Städten, war auch das hiesige 
Frauenhaus in einem der kleinen, gegen die Stadtmauer 
ausmündenden Gässchen erbaut; es lag in der noch jetzt, 
wie erwähnt, „Frauengasse" benannten Strasse, unweit 
der sogenannten Bergpforte *), und zwar zwischen dieser 
und dem Burgthore. 

V. Webers Archiv für die sächsische Geschichte XU, 63 fgg. 

') Bei Gelegenheit verschiedener Bauten an den Mauerthürmen 
bei der Berg- und Mühlpforte 1494 wird erwähnt, dass am Thürm- 
lein der Bergpforte, dann von der Stadtmauer von »bemelten törm- 



M. J. Meissner: Zur Geschichte des Frauenhauses in Altenburg. g9 

Die erste Erwähnung des Hauses findet sich in der 
ältesten Stadtrechnung auf 1437/38, in welcher es, zugleich 
einen Schluss auf die Grösse des Hauses gestattend, heisst: 
„Item XIX ör. Cronemeistern vor fanf Kacheloffen nuwe 
zcu machen mit namen in dem Frauenhuze/^ Geht schon 
aus diesem Posten hervor, dass das Frauenhaus auf Stadt- 
kosten in baulichem Stande erhalten wurde, sonach aber 
wohl unzweifelhaft in städtischem Eigenthume sich befand, 
so wird diese Annahme zur Gewissheit, wenn man die 
weiteren bezüglichen Notizen der Stadtrechnungen in Be- 
tracht zieht. So wurden 1443 und 1448 aus der Stadtkasse 
verschiedene Ofenausbesserungen für das Frauenhaus be- 
zahlt und zwei Fenster gemacht „in das Frouwenhuss der 
nuwen Frouwen", und weiter heisst es in der Rechnung 
auf 1444/45: „IX Gr. Jhenichen topffer zcu machen den 
offen den fryhen Frouwen." 

Die auf Stadtkosten vorgenommenen Reparaturen 
dauern fort und erscheinen in den Bechnungen, bis das 
Haus selbst abgebrochen wurde. Insbesondere sind Bau- 
aufwände verzeichnet in den Rechnungen auf die Jahre 
1458/59, 1465/66, 1475/76, 1500/01, 1506/07, 1509/10, 
1510/11 und 1518/19, für das „Freyenhawss" oder später 
„Hurhawss**; in der Stadtrechnung auf 1455/56 wira be- 
merkt: „Item I Gr. X Heller servo der daz Frauwin- 
Hüssichin kleibete^ und in der Rechnung auf d^^s Jahr 
1448/49: „1 Gr. VI Heller vor HI breth in denRotenschüt"; 
so ist nämlich das Haus in den Rechnungen wiederholt 
zubenannt. Anderwärts, namentlich im Würzburger Frauen- 
hause „zum Esel'^, hatten die Wirthe das Haus in bau- 
lichem Zustande zu erhalten und das ihnen überwiesene 
Hausinventar, darunter auch die Betten, in Würzburg 
deren 9, zur Zeit ihres Abzuges wieder abzuliefern.^) 

An Einnahmen aus dem Frauenhause oder, wie es 
in der Rechnung auf 1459/60 heisst, „Rotschilt sew Lu- 
panar'' kommt in der ältesten Stadtrechnung auf 1437/38 
unter der nurerwähnten Rubrik eine Abgabe vor, welche 
jeden Montag mit 2 Groschen einging. In der Stadt- 
rechnung auf 1442/43 ist diese Abgabe zuerst verschieden; 



lein an biss zum hohen törmlein hinderm Frawenhuse gegen Waltzar 
Tischer über gebawt worden** sei (Stadtrechnung 1493/94). In der 
Stadtrechnnng 1502/3 findet sich eine Reparatur an einem Thurme 
hinter dem Frauenhause unweit des Burgthores. 
•) Vergl. Vulpius, Curigsitaten IX, 5, 401. 



70 M. J. Meissner: 

sie ging da nur vierzehnmal ein und zwar in Beträgen 
von 1 Gr. 12 Pf. bis zu 2 Gr. Im Jahre 1449 erscheinen 
in der Rechnung Beträge von 1 Gr. 6 Pf. bis zu 2 Gr. 
12 Pf., zusammen in erwähntem Jahre 1 Schock 6 Gr. 
6 Pf. Nachdem die Einnahme aus dem ^Rotschilte^ in 
den Jahren 1455/56 sehr wenig betragen hatte, ist sie in 
den Rechnungen auf 1458/59 in Posten von je 3 Gr. 
12 Hllr.; 1462/63 in sieben Posten, zusammen mit 48 Gr., 
1464/65 mit zusammen 28 Gr., 1469/70 wieder mit nur 
10 Gr. aufgeführt, in letzterer Rechnung mit dem Zu- 
sätze: „da es oft vaciret". Von 1475/76 steigen wieder die 
Gefälle von dem Hause, welche nach der Rechnung die 
„Wirthin" einzahlte. Im Jahre 1479/80 erhielt der Kath 
aus dem Frauenhause oder „Lupinar" 1 Schock 30 Gr. 
Ln Jahre 1499/1500 findet sich die Einnahme: „1 Schock 
VI Gr. Rotenschiltzcynsse gibt eine Woche II Gr. (XLIIII 
Wochen, das ander wüste gelegen).** In den Rechnungs- 
jahren 1501/02 und 1502/03 wird ein wöchentlicher Zins von 
l^/a Gr. vom „Rotenschilte" verzeichnet, 1505/06 ist der 
Ertrag nur 15 Gr. und heisst es dabei, dass er „viel 
wüste gelegen**. Weiterhin wird die Einnahme noch un- 
sicherer. 1512/13 finden sich nur 22 Gr., 1514/15, 1515/16 
und 1517/18 kommt bei der Rubrik „Rotenschilt** kein 
bestimmter wöchentlicher Zins, sondern nur je ein ganz 
kleiner Betrag vor mit dem miss vergnügten Zusätze: „was 
man gehaben kann**. Auch in der Rechnung 1519/20 
findet sich die letztere Bemerkung und zwar bei einem 
Einnahmebetrag von 30 Gr. 6 Pf. 

In den Jahren 1520/21 bis 1524/25 wurde nichts ver- 
einnahmt, und es dürfte hiernach der Besuch des Hauses 
sein Ende erreicht haben. 

Die besten Einnahmen in der letzten Zeit des Be- 
stehens des Hauses scheinen noch zum Jahrmarkt und 
zum Ablass vorgekommen zu sein. In der Stadtrechnung 
auf das Jahr 1613/14 wird dies besonders bemerkt und 
angegeben, dass zum Jahrmarkt 3 Gr., zum „appelas** 
5 Gr., ausserdem aber nur 5 Gr. eingegangen seien. 
Während des Ablasses scheint es besonders lebhaft und 
tumultuarisch in der Stadt hergegangen zu sein, denn der 
Rath war zu den betreflfenden Zeiten, wie es in der Rech- 
nung auf 1519/20 heisst, ^auflfrur zcu vorhuthen**, auf dem 
Rathhause in der „Kavete** versammelt, wie denn bei 
diesen Gelegenheiten Bürger im Harnisch bereit stehen 
und die Bierschröter, wahrscheinlich schon damab be- 



Zur Geschichte des Frauenhanses in Altenburg. 71 

sonders kräftige Leute, in der Nacht Wache halten 
mussten. *) 

Wie auch anderwärts, war das Altenburger Frauen- 
haus der Aufsicht und dem Unternehmungsgeiste eines 
Wirthes oder einer Wirthin — Meisterin — gegen die 
obenerwähnten Abgaben unterstellt. In der Rechnung 
auf 1498/99 ist eines „Hurenwirtts" gedacht, und in der- 
jenigen auf 1447/48 wird der wöchentliche Zins unter der 
Rubrik Rotschilt mit den Worten verzeichnet: ^1 Gr. 
6 HUr. die nuwe wertynne", 1448/49 wird angemerkt: 
„Item n Gr. VII Hllr. vor I slos in Frauwenhusse vor der 
wertynne kamere" und 1471/72: „Frauwenhauss. Item 
XTjTTI Gr. aus dem rotenschilt über das das 8ye darinne 
verbuwet hat.** 

Obgleich bisher keine Frauenhausordnung für Sachsen 
gefunden worden ist, so unterliegt es doch keinem Zweifel, 
dass in Altenburg, wie anderwärts in Sachsen, für den 
Wirth oder die Wirthin und die Bewohnerinnen des 
Hauses gewisse Verpflichtungen bestanden, denen aber 
auch wieaer bestimmte Rechte entsprochen haben dürften. 

Nach Gemeiners Regensburger Chronik*) hat sich 
von einigen Frauen wirthen, so von Hans Krausshärl von 
Leipzig, ein Revers erhalten, worin sich derselbe unter 
anderem verschreibt: ^alle Samstag, mit Ausnahme des 
Palm- und Osterabends, 60 Pfennige Zins zu verabreichen, 
böse Leute über Nacht nicht zu behalten, der Stadt Diener 
jedesmal ohne Widerrede einzulassen und die Leute nicht 
zu verbergen, niemanden ein Spiel spielen zu lassen, das 
er nicht zu verantworten wüsste, niemanden zu den hei- 
ligen Zeiten, nämlich an den Samstagen unserer Lieb- 
frauen, der Zwölfboten und in keinen heiligen Nächten 
bei den Frauen liegen zu lassen, noch dieselben an Sonn- 
tagen von der Messe abzuhalten; wenn ihm junge Dirnen 
oder Frauen zugebracht würden, die frommer Leute 
Kinder wären, dieselben nicht in das Haus zu kaufen, 
noch ein mehreres auf sie zu leihen, als drei Schilling 
Pfennig" u. s. w. 

Aehnliche Verpflichtungen haben nach den vorhan- 
denen Notizen auch bezüglich des Altenburger Frauen- 
hauses bestanden. 



«) Stadtrechnnngen auf die Jahre 1513/14, 1514/16, 1516/17, 
1518/19. 

») Vergl. Scheible, Das Kloster VI, 488 fgg. 



72 M* J* Meissner: 

So war den Dirnen eine Beschränkung in ihrer Klei- 
dung auferlegt. Dieselbe musste sich auf irgend eine in 
die Augen fallende Weise von derjenigen ehrbarer Frauen 
unterscheiden; es findet sich hierfür insofern ein Nachweis^ 
als es auf Seite 5 eines Gerichts- und Handelsbuches des 
Altenburger Rathes auf die Jahre 1433 bis 1478 heisst: 
9,Item die genanten frouwichin und die czuchtigeryen 
die sollen alle tage tegelichen, wenn sie usgehn^ gehele 
leppichen uf den sleyer tragen." •) 

Es mag hier eingeschaltet werden, dass es vielfach 
im Mittelalter hergebracht war, Seiten des Rathes der 
Städte gefallenen Mädchen einen Schleier zuzuschicken.^) 
Auch in Altenburg findet sich dieser Brauch. So heisst. 
es in der Rechnung auf die Jahre 1465/66: „Item II Gr. 
VI Hllr. Langenmertyns maid für einen sleyer zum nuwen 
jare das sie nicht dorffte barhoitig gehen.*^ Aehnliche 
Einträge finden sich in den Rechnungen auf 1513/14 imd 
1523/24. 

Die anderwärts, z. B. in Nürnberg, vorkommende 
Bestimmung, dass Priester, Ehemänner und Juden in den 
Frauenhäusern des Mittelalters nicht eingelassen werden 
durften, scheint wenigstens bezüglich der ersteren, so be- 
quem auch das Haus für die Insassen des Klosters unserer 
heben Frau auf dem Berge lag, denn unweit desselben 
mündete der heute noch „Mönchsgässchen^ geheissene 
Treppenweg zu jenem Kloster, nach der Bemerkung: 
„Item I Gr. ITTT Hllr. vortrungkin, alz man den manch 
fing by nacht in dem Frouwenhusse quinta post epiphania 
domini** (Stadt-Rechnung auf das Jahr 1441/42), auch in 
Altenburg gegolten zu haben. 

Hier ist jener Bulle®) des Papstes Sixtus IV. vom 
10. April 1480 zu gedenken, welche die frühere Exemtion 
der fiechanten des Georgenstiftes auf dem Schlosse zu 
Altenburg von aller Gerichtsbarkeit auch auf die seit der 
Oründimg des Stiftes bis dahin erworbenen Lehnsleute 
und Unterthanen ausdehnte und allem Anschein nach*) 
durch den Com^etenzconflict veranlasst worden war, in 
welchen der pleissnische Archidiakon Nicolaus von Ert- 



f 
i 



*) Ebenso sollen sie in Leipzig ^ einen grossen gelen läppen 
tragen, der eins grosschen breit ist«. Cod. dipl. Sax. reg. n, 8, 293. 

») Posern-Klett a. a. 0. 84 fgg. 

*) Vergl. Mittheilüngen der Geschichts- u. Alterthumsforschen- 
den Gesellschaft des Osterlandes zu Altenburg L 90 fgg. 

**) Vergl. Lobe in denselben Mittheilüngen II, 286 fgg. 



Zur Geschichte des Frauenhauses in Altenburg. 73 

marsdorff mit dem Georgenstift wegen der Gerichtsbar- 
keit über dessen Mitglieder namentlich um deswillen ge- 
rieth, weil er den Domherrn Georg Schurzauf, ersten 
Dechanten des Stiftes, wegen des Besuchs des öffentlichen 
Frauenhauses in Alt€»burg vor sein Gericht nach Naum- 
burg öder vor seinen Dechanten Kilian in Altenburg citiert 
hatte ^ wogegen Schurzauf und das Capitel auf die Ex- 
emtion von aller Gerichtsbarkeit sich beriefen. 

Ertmarsdorff schreibt zu seiner Vertheidigung — 
das Capitel hatte sich beschwerend an die Kurfürstin 
Margarethe, diese an Herzog Wilhelm in Weimar, dieser 
an den Bischof zu Naumburg gewendet — „er habe dem 
Probst, Techant und Capitel ihre Exemtion nicht verletzen 
wollen"; allein — ftlhrt er fort — „von gots wegen und 
der kirche Numburg bin ich ein archydiakon jn der stat 
zu Aldenburck vnd so weyt mir das zusteht, ist mir vor- 
komen, wy eyn cappellan gnannt Jorge Schorczuff sie 
in derselbigen stat Aldenburck an unczemlichen steten, 
de ich zcu stroffen habe, geistlichen gewest, mit czuchten 
vor uwr gnaden zcu vorluten, in dem offenbar Frauwen- 
huss" und fügt hinzu: „dohyn an solche unerliche atete 
zcu gehin und zcu legin bebistliche exemcion nymandt 
«rioubt, auch so sie exempt weren". 

Die oben bemerkte Beschränkung des Besuchs des 
frauenhauses an gewissen Tagen hat auch in Altenburg 
Gestanden, denn es findet sich in der Stadtrechnung auf 
dis Jahr 1442/43 der Eintrag im Kapitel ^Bussen": „Fry- 
d^ngk LIX Gr., er lag in dem guten Fritag in dem Hur- 
hiss.** Ob die Notiz in derselben Stadtrechnung: „Item 
XGx. dedit Kriwiczsch, er hatte bie eyner siiberlichen 
Fr^wen gelegen in dem Hüssichin", darauf bezogen werden 
kam^ dass den verheiratheten Frauen ebenso wie den 
Ehenännem der Aufenthalt im Frauenhause untersagt 
geween sei, mag dahingestellt bleiben. 

Tast allgemein wurden Stadtkinder zu J^auenwirthen 
oder wirthinnen nicht angenommen, ebensowenig fanden 
aus ^m Orte gebürtige Mädchen Aufnahme. Ob dies 
in de Stadt Altenburg der Fall gewesen, hat sich bei 
der Drfligkeit der vorhandenen Nachrichten nicht mit 
Bestimmtheit ermitteln lassen; doch möchte für die gleiche 
Annahle sprechen, dass in der Bechnimg auf das Jahr 
1491/92prwähnt Wird, es seien vier Wirthinnen, ohne den 
Zins volgegeben zu haben, ohne Wissen des Rathes fort- 
gegang^j dafür spricht ferner, dass in dem einzigen 



\ 

\ 
\ 



74 H. J. Meissner: 

Falle I in welchem eine Bewohnerin des Frauenhauses in 
den Rechnungen erwähnt wird, sich deren Heimathsort 
»Katherina von Glauchaw" bemerkt findet. 

Unter den Rechten, welche im Mittelalter den Frauen 
der hier besprochenen Gattung und den Frauenhäusem 
ffewährt gewesen zu sein scheinen, sind nach den vor- 
handenen Quellen insbesondere zu erwähnen die Befug- 
nisse, eigene Zünfte zu bilden, öffentliche Umgänge zu 
halten, bei sogenannten Rathsmahlzeiten und öffentlichen 
Bällen mit Blumensträussen , welche früher ein auszeich- 
nendes, den Mann herausforderndes Attribut der Freuden- 
mädchen waren, zu erscheinen, endlich den sogenannten 
„heimlichen Frauen" verbieten zu lassen, ihr Gewerbe auf 
eigene Hand zu betreiben. 

In letzterer Beziehung finden wir in den Stadtrech- 
nungen unter dem Capitel »Bussen" Spuren einer ähn- 
lichen Berechtigung; es heisst nämlich da, es sei einer 
gestraft worden, weil er Hurerei in seinem Hause gestattet 
habe*®), ein Bürger habe 5 Gr. büssen müssen, weil er 
in seinem Hause „Hurenvolk gehaussef und „Puberey" 
gestattet habe.") Ferner wurde einer um 30 Gr. ge- 
straft „von wegen des Hurmeidichens, so er gebraucht 
hatt", und Matthias Winkler hatte X Gr. zu entrichten 
„des unlusts halben, so die jungen Gesellen in seym 
Hause mit dem Leyptzschen Hurmeidlein begangen". 

Noch erwähnen wir für Altenburg einer gewissen Bi- 
rechtigung der Dirnen, bei Rathsmahlzeiten und Hodi- 
zeiten einen Antheil zu erhalten, in folgendem Eintrig, 
welcher sich auf Seite 5 des obengedachten Gerichts- md 
Handelsbuches findet: ^Auch ist bethinmt vor allen diy^en 
reten, dass die gehenden Fr au wen nicht mehr zu äsen 
holen sollen zcu keynen herrenessen noch zcu hochzäten, 
und wer yn darabir das gebe, der sulle der stat rynen 
halben gülden geben.^ 

Die Frauenhäuser des Mittelalters gehörten zi den 
besonders „befriedeten" Orten. Es werden daher nicht 
selten nach den in den Stadtrechnungen unter denRubri- 
ken „Unfugen, Bussen, Ansprachen" befindlichen .Notizen 
auch im Altenburger Frauenhause vorgekommene »chläge- 
reien, Körperverletzungen imd grobe Excesse steng ge- 
ahndet. So heisst es z. B.: „VUn Gr. ein schukiecht von 



'«) Stadtrechnung 1499/1500. 
'0 Stadtrechnung 160^3. 



Zur Geschichte des Frauenhaases in Altenborg. 75 

Penik in demFrawenhuae gefrevuilt"; ") „I Schock XV Gr. 
Jurge Koch die wertynne im Frouwenhuee geslagen** **); 
-item X Gr. Michil Dornbach im FrawenhuBe gefrevilt".**) 
Nach der Rechnung auf das Jahr 1473/74 wurde einer 
um 30 Gr. gestraft , weil er im Frauenhause gefrevelt 
hatte, andere um 10 Gr., weil sie an dem Hause eine 
Bierstange ausgesteckt hatten, und in der Rechnung auf 
1476/77 neisst es: „Item X Gr. nuwe muntze von Glorius 
Gentzsch ein fryen frowen über vorboth des Richters ge- 
slogen unnde gestossen.^ Weiter wurde 1488/89 ein 
Bäckergesell um 8 Gr. gestraft, weil er in dem „fryhen 
Hawsse unvemunflFt geubet", 1504/05 einer um 15 Gr., 
weil er in der Weinstube gefrevelt und eine freie Frau 
im Rotschild geschlagen hatte, eine Notiz^ welche vielleicht 
als Beleg dafür anzusehen ist, dass auch mit dem Alten- 
burger Frauenhause, wie anderwärts, Weinschank verbun- 
den war. Endlich findet sich unter den Einnahmen aus 
Unfugen in der Rechnung auf das Jahr 1481/82, dass elf 
Bürgerssöhne um je 6 Gr. gestraft wurden, weil sie das 
„freye Hawss" gestürmet und davor Unfug mit mannich- 
faltigem Geschrei getrieben hatten. 

Aber auch von den Bewohnerinnen des Hauses geben 
die kurzen Bemerkungen der Rechnungen einige Belege, 
dass sie nicht allein der duldende Theil waren. Im Jahre 
1493 musste die Wirthin , hospita genannt, zum rothen 
Scldlde, Anna Botticher, nachdem sie im Gefängnis ge- 
sessen, „ürfride" schwören und die Stadt so lange ver- 
lassen, bis sie dem Rathe ein halbes Schock Busse gezahlt 
hatte, weil sie einen fremden Kürschnergesellen gestochen 
hatte, und ebenso musste die oben schon genannte Katha- 
rina von Glauchau Urfriede schwören, nachdem sie in der 
Stadt Gefängnis gesessen, weil sie Joste Plettener ein 
Tuch entfremdet hatte"). 

Die Stadtrechnunj^en enthalten noch folgende wenige, 
das Frauenhaus betreuende Notizen, welche über die Ver- 
hältnisse, in welchen seine Bewohnerinnen lebten, noch 
einiges, wenn auch spärliches Licht verbreiten. 

Es heisst in der Stadtrechnung auf das Jahr 1441/42: 
^Item I Gr. der nuwen meisteryn") zcu vortringkin, alz 

'•) Stadtrechnung von 1462/63. 
**) Stadtrechnung von 1464/65. 
■*) Stadtrechnung von 1465/66. 
>*) Stadtrechnung von 1493/94. 
'*) d. i. Hebamme. 



76 M. J. Meissner: Zur Geschichte des Frauenhauses in Altenburg. 

man sy uffnam in dem Froawenhusse vnd da sy das kind 
brachte; daz eyne Frouwe lis legin." ^Item I Gr. den 
Frouwen zcu uortringkin, alz abir das kind vor den rat 
brachten." „Item I Gr. VI Hllr. der Frouwen, dy das 
kind uff nam zcu zcihin." 

In derselben Rechnung steht: ^Item I Gr. der 
frouwen zcu vortringkin in dem Huse, alzi uff zcouch in 
den Rotenschilt^; und bei einem Baue am Frauenhause 
heisst es einige Jahre später: „VII Heller den Frauwen, 
daz SV die schindel langitten, zcu vortringkin." 

Obwohl nach den bis zum Jahre 1518/19 in den 
Stadtrechnungen verzeichneten Bauaufwänden der Bath 
nicht gesonnen gewesen zu sein scheint, das Rothschild, 
welches neben den Badstuben, der Wage, dem Marstall, 
den Thorhäusern, der Garküche, dem Ziegelofen, den 
Hirtenhäusem, der Büttelei, der Henkerei tort und fort 
unter den städtischen Gebäuden in den städtischen Rech- 
nungen fortgeführt wird, eingehen zu lassen, wurde das- 
selbe doch und zwar mit einem Aufwände von VH Gr. 
1524/25 gänzlich abgebrochen. Wahrscheinlich fand es 
gleich den anderen Frauenhäusem Sachsens sein uner- 
wartetes Ende durch das Eifern der Reformatoren, ins- 
besondere Luthers, welcher wiederholt und in der heftig- 
sten Weise gegen das Dulden der Frauenhäuser in Schrm 
und Wort auftrat. 



IV. 

Ein fliegendes Blatt über den Antheil der säch- 
siBchen Armee an der Schlacht am E^eo- 
berge bei dem Entsätze von Wien im Jahre 

1683. 

Mitgetheilt von 

E. Joaehlm. 



^^^^^^^^"^S^^^^^'^V 



In BaumerB Historischem Taschenbuche, nene Folge, 
Jahrgang 9 (1848) findet man einen vortrefflichen Auf- 
satz über „Churfurst Johann Georg IIL bei dem Entsätze 
von Wien im Jahre 1683**, eine durchsichtig-klare Dar- 
stellung nach gleichzeitigen archivalischen und anderen 
Quellen. Man\ann sich aber bei dessen Leetüre leider 
des Wunsches nicht entschlagen , dass die Schilderung 
der Schlacht selbst ausführlicher sein möchte. Nament- 
lich wird die Thätigkeit des sächsischen Contingents an 
jenem ruhmreichen Tage^ dem 12. September 1683, wenig 
erschöpfend behandelt. Es wird daher manchem nicht 
unerwünscht sein^ von einem Flugblatte Kenntnis zu ge- 
winn^i; wq^ches einen durchaus reichhaltigen und aus- 
führlichen Bericht über den Antheil der sächsischen Armee 
am Kalenberger Tage giebt.^) Diese Quelle scheint dem 
Autor des Artikels in dem Historischen Taschenbuche 



') Dieses Flugblatt hat Bich erhalten unter den Beständen des 
Staatsarchivs zu Idstein (Eztranea, Sachsen), Druck ohne Angabe 
des Orts. 



78 E- Joachim: 

Dicht Toreelegen zu haben*): demi sonst hätte Um ja 
nichts gebindert, einen genügenden Sehlachtbericht zu 
liefern. Doch stimmt die Daratellang an beiden Orten 
im wesentlichen überein, ein Beweis dafür, daes die 
Nachrichten des Flugblattes genau und getreu sind, da 
sie dem Vergleiche mit den anderen Quellen, welche dem 
Aufsätze des Taachenbuches zu Grunde liegen, sehr wohl 
Btand halten. 

Die Schilderung des fliegenden Blattes hat, wie in 
der Einleitung bemerkt wird den Zweck, die Bravour 
und die Vermenste der Sachsen am Gelingen des Be- 
freiungswerkes in das richtige Licht zu setzen, da die 
von den anderen mitbetheiligten Mächten kundgegebenen 
Berichte in dieser Hinsicht die wünechenswerthe Unpartei- 
lichkeit vermissen liessen. Es ist daher eine Parteischrif^ 
i'adoch keineswegB eine einseitig-falsche, sondern eine, wie 
lervorgehoben werden mues, unbefangene, ruhig und ob- 
jectiv gehaltene. Die Schilderung ist weit entfernt davon, 
die Sachsen etwa auf Kosten der anderen Waffen- 
genossen besonders heranszuatreichen. Und nur einer 
von den letzteren ist es, auf welchen ein ungünstiges Streif- 
licht fällt: der Ftlrst von Waldeck, dessen Ver^dten den 
Sadisen gegenüber, falls das Flugblatt recht berichtet 
(und aucn der Aufsatz im Taschenbuch meldet ähnliches), 
auch in der That wenig waffenbrüderlich sich zeigte. 

Diese Haltung des Fürsten von Waldeck während 
der Schlacht, welche' den Sachsen hätte übel bekommen 
können, mag vielleicht einer von den verschiedenen Grün- 
den gewesen s^in, von denen Johann Georg sich bewegen 
liesB, wie im Unmuth, ohne Abschied von den Wa&n- 
ge^uien, mit kühlen Worten schriftlich bei dem hoch- 
fahrenden, undankbaren Kaiser sich [mit „ zugestossener 
Unpasslichkeit" entaohuldigend, schon am 16. September 
den Rückmarsch anzutreten. Hatte er doch auch, gleich 
den anderen Befreiem Wiens, Sobiesky keineswegs aus- 
genommen, bei dem aus der dringendsten Gefahr befreiten 
Kaiser statt des gebührenden Dankes nur pin „stolzes, 
frostiges, theilnahmloses Wesen" finden müssen, hatte er 

liesem doch nicht einmal Frbörung der gewiss nicht 

*) Dai Wort des Herzoss von LothriuRD : rAUodb marchons" 
in das EiBt. Taschenbut^ ans einer anderen Qnelle genonunen 
da die dasselbe motirierendeu Worte des Feldmarschalls 
Goltz hier, obwohl dem Sinne nach dieselben, anders und 
irlicher als im Flugblatte wiedergegeben weiden. 



Antheil der sächs. Armee an der Schlacht am Kaienberge. 79 

unbescheidenen Bitte um Anstellung eines ihm verwandten 
Prinzen im kaiserlichen Heere zu finden vermocht. Ja 
es erwuchsen ihm noch nachträglich Unannehmlichkeiten^ 
da später der Kaiser lebhafte, so viel man zu sehen ver- 
mag, wenig begründete, Beschwerden wegen des Verhal- 
tens der sächsischen Truppen auf dem Rückmarsche durch 
die kaiserlichen Lande erhob. Nichts als Verstimmung 
* und Aerger war also der Lohn, welchen dieser Beichs- 
fürst für seine energische Hilfeleistung vom Hause Habs- 
burg davontrug. Wenn man dies in Erwägung nimmt, 
so muss man sich wundern, dass die uns vorliegende Flug- 
schrift so ruhig und leidenschaftslos gehalten ist. Und 
doch ist sie offenbar — wenn man so sagen darf — 
officiösen Charakters. Sie erweckt auf den ersten Blick 
den Eindruck einer aktenmässigen, in massgebenden Krei- 
sen entstandenen Darstellung. Und um so mehr müssen 
wir deren Unparteilichkeit rühmen, deren sie sich bei 
allem Hervorheben der anerkennenswerthen Leistungen 
der sächsischen Truppen befleissigt. Wer möchte femer 
in Abrede stellen, dass die ganze Darstellung von einem 
Augenzeugen 7 und zwar einem militärischen Fachmanne 
herrühre? Und darum verdient dieses fliegende Blatt 
gewiss, aus der Vergessenheit ans Tageslicht gezogen zu 
werden. 

Freilich bliebe auch ohne dies die Schlacht am Kaien- 
berge ein unverwelkliches Blatt in dem blühenden Kranze 
sächsischer Waffenehre. 



mlt^mm^ti^mm^tt^-m^m^am 



Belation von der Victoria der Christen , so sie bey 
Entsatz der Stadt Wien gegen die Türeken erhalten. 

1683. 

Nachdem unterschiedene Helationes von der Yictorie der 
Christen, so sie bey Entsetzung der Stadt Wien über die Türeken 
erhalten, aller Orten ausgegeben worden, darinnen die Gazettiers 
den grossem Theil derselben denenjenigen zugeeignet, auff welche 
fast nichts von dem Feinde gekommen, hingegen die Sachsen, die 
das ihrige rühmlich darzu contribuiret, dergestalt mit Stillschweigen 
übergangen, als wenn gar keiner von ihnen darbey gewesen, da 
doch S. Churfürstl. Durchlaucht zu Sachsen etc. einen so ansehn« 



gO ^ Joachim: 

liehen Saccors selbst in Person zu- nnd angeführet, so hat man der 
Billigkeit zu seyn erachtet, der Wahrheit zu Steuer folgende Nach- 
richt der Welt mitzutheilen, in welcher alle die Particularia, so 
nicht minder zu grossem Ruhm der Sachsen gereichen würden, nicht 
berlUiret, sondern nur dasjenige, was' von allen unpartheyischen 
Zuschauem gesehen, bemercket und zugestanden ist, angefflhret 
werden soll. 

Ist demnach anfänglich zu wissen, dass Se. Ghurfl. Dnrchl. zu 
Sachsen sich mit Dero iUrmee effective 11000 Mann starck in 6 Regi- 
mentern zu Fuss, 4 zu Pferde und 1 Regiment Dragoner samt 1 Gom- 
pagnie Grenadiers und Sr. Ghurfarstl. DurchL Leib-Garde zu Ross» 
wie dann auch mit einer wohlmontirten Feld-Artillerie den 8. Sept. 
St. n. mit denen bey Thul stehenden Kayserl.-, KönigL Polnischer, 
auch anderer Alliirten Armeen conjungiret, worauf noch selbigen 
Tages die Battaille aufgesetzt worden, die KayserL und Sächsische 
Infanterie, an den Sächsischen die Fränckischen und an dieser die 
Bayrische sich schlösse, und zusammen das gantze Corps de Battaille 
machten; den rechten Flügel machten die Polen neben einigen 
Kayserlichen und andern Alflirten Esqvadronen. Die gantze BattaiUe 
ist in 8 hinter einander stehenden Linien bestanden und hat die 
Sächsische Infanterie in der ersten Linie 6 Battaillons, in der andern 
4 und in der dritten 2 stehende gehabt Folgenden Tag ist die 
gantze Armee von Thul aufgebrochen und hat sich an dem Wieni- 
schen Wald gesetzet. Den 10. Sept avancirte die Infanterie das 
Gebirge obigen Waldes, die Sächsische nahm die Route der engen 
Passage, so zwischen den Bergen und der Donau lieget, wendete 
sich endlich auf die rechte Hand in das Gebürge und erstieg den 
Berg, welcher nechst an dem Ealenberge lieget; die KayserHchen 
und übrige Infanterie blieben unten im Thale, so hinter diesem 
Berge läge, die Cayallerie ingesamt nahm ihren March hinter der 
Infanterie und war desswegen noch zurücke, ausserhalb einige Dra- 
goner, so sich auf den Berg postiret hatten. £s befanden sich auf 
gemeldten Berge auch der König in Polen selbst und der meiste 
Theil der Generals, um daselbst alles wol zu recognosciren und in 
Augenschein zu nehmen. Weil man nun dazumahl vermeinet, dass 
der Feind sich auf dem Kaienberg postiret, gestalt auf selbigen sich 
frühe starcke Trouppen sehen liessen, und in dem vorstehenden 
Tbale sich auch verdeckt hielte, so befahlen Se. Königl. Majest. aus 
Polen, auf einen Felsen gegen dem Grunde zu und wovon man den 
Thal in etwas entdecken kunte eine Wache von seiner Heyducken- 
Garde zu setzen, ersuchten auch Se. Churfürstl. Durchl, zu Sacnsen etc. 
einige Battaillons den Berg hinunter avanciren zu lassen, damit, 
wenn der Feind seine Wache anffreilTen und repousiren möchte, sie 
sich auf dieselben retiriren und davon souteniret werden könten. 
Worauf dann der Sächsischen Infanterie erste Linie begehrter massen 
fortgerücket und sich gegen dem Grunde postiret, es lieff aber in 
der darauf folgenden Nacht nichts vor. Mit anbrechenden Tage, 
welcher war der 1./11. Sept., marchirete die gantze Infanterie den 
Ealenberg zu, da sie dann ein sehr gross precipice hinunter und 
einen honen Berg wiederum hinauf zusteigen vor sich funden. Die 
Sächsische Infanterie kam der andern weit vor, weil die Eayserl, 
den Grund durch filiren muste, die lincke Hand zu gewinnen, die 
andern aber den Berg, worauf die Sächsische sich den vorigen Tag 
gesetzet, zu ersteigen hatten, wesshalben denn die Sächsisdien, da 
sie den Ealenberg fast hinan waren, einen Halt machteil, damit die 



Antheil der s&chs. Armee an der Schlacht am Kaienberge. 81 

andern mit ihnen in gleiche Lienie gelangen möchten, und Bchicl^teD 
unter dieser Zeit einen Officirer mit 30 Fuziliers voraus, das Oberste 
vom Berge zu recognosciren, welcher bey Zeiten zurücke kam und 
berichtete, dass die Türeken sich jenseits des Berges in Battaille 
gesetzt; auch geffen den Berg avancirten, und würden mit ihnen 
selbigen wol zugleich erreichen; die Kayserl. Infanterie war zwar 
inzwischen den Sächsischen gleich gekommen, aber weit von der- 
selben wegen einer grossen Klufit, so zwischen dem Berge lag 
separiret, die Fränckische und übrige Infanterie aber befand sich 
annoch unten an dem Berge weit zurücke. Dieses alles ungeachtet 
avancirte die Sächsische Infanterie auf vorgemeldten Bericht den 
Berg hinan mit der Resolution, dem Feinde die Avantage des Berges 
zu cQsputiren, als sie aber das Oberste des Berges erreichten ^ be- 
funden sie, dass der Feind noch unten an dem Berge stille hielte, 
desswegen sie sich dann nach der lincken Hand begaben, umb sich 
wieder an die Eayserliche zu schliessen, allwo sie an ein abge- 
braiites Kloster kamen, welches sie sich so wol als die Kayserlichen 
impatronirten und selbiges besetzten, auch auf die Spitze des Beirges, 
worauff das Kloster lag, 2 Sächsische und 1 Eayserlich Regiments- 
Stücke führen und darmit auf den Feind feuern Hessen, welcher, 
nachdem er zuvor eine Weile mit etlichen Yolontairs, so den Berg 
hinunter zu ihm gegangen, gescharmutziret, sich ein wenig zurücke 
zöge und in einem Grunde und Graben verdeckt setzte. 

Die folgende Nacht über gienge nichts sonderliches vor. 'als 
aber der Tag anbrach, welches war der 2./ 12. Sept, zöge sicn die 
Sächsische Infanterie etwas den Berg hinunter und setzte sich an 
einen Ort, allwo sie alles entdecken und sich vortheilhafftig postiren 
kunte, massen sich längst dem Fusse des Berges ein rideau von 
Steinen Mannes hoch angesetzet und auf demselben eine Planque 
von Holtze befand, deren sich die Battaillons erster Linie gar füg- 
lich zu ihrer Avantage zu gebrauchen hatten. Es war auch der 
Feld-Marschall von der Goltz in Begiiff. an einem bequemen Orte 
eine Batterie Zegen zu lassen, den Feina dadurch zu incommodiren. 
Als man aber damit umgieng. sähe man plötzlich den Feind mit 
hellen Hauffen in dem Grunae, welcher dem Theile des Berges, 
worauf die Sachsen sich postiret, entgegen lag, avanciren. Man wara 
auch zugleich gewahr, dass der Feind, so gegen den untern Theil 
des Berges stunde, worauf die Kayserlichen sich hinter einer Planque 
und zwar noch weiter den Berg hinunter als die Sächsischen ge- 

Sostiret hatten, dieselben furieusement angriff. Hierauff musten sich 
ie Sächsischen Battaillons gleichsam Hals über Kopff von der Höhe 
herunter werffen und wurden aufs schleunigste von dem was in 
solcher £yl herunter kam 2 Battaillons gestellet, dem Feind damit 
teste zu bieten, damit derselbe in dem unten an dem Berge und an 
dem Grunde gelegenen holen Graben, welcher ihnen zu einen grossen 
Yortheil hätte dienen können, nicht posto fassen möchte. Mittler- 
weile kamen die andern Battaillons auch heran und wurden die- 
selben gleichfals auf das beste gegen den Feind gesetzet Der 
Feind, als er dieses sähe, hielt ^n in dem Grunde femer zu avan- 
ciren, seine Infanterie aber suchte lauter verdeckte Oerter, darinnen 
sie sicher stehen kunten, woraus sie dann und wann mit elntzelen 
Schüssen auf die Sächsische Infanterie Feuer gaben, welche hin- 
gegen forme in ihren Posten blieben, biss dass man gewahr wurde, 
dass die meiste Macht des Feindes etwas mehr auf die lincke Hana 
ankam, lallwo die Sächsischen Grenadiers und Kayserl. Infanterie 

Neues Archiv L 8. G. u. A. II. 1. G 



32 ^- Joachim: 

sich hinter eine höltzerne Planque längst dem Berge gepostiret 
hatten. Worauf dann die Sächsische Infanterie erster Linie sich 
lincks sckwenckte, gegen den Feind, welcher die Grenadiers und die 
Kayseri. Infanterie attaquirte, fronte zu machen. Der Feind stunde 
nun alda im holen Wege ziemlich verdeckt, hatte vor sich Sträucher 
und Steine zu seiner Verblendung und feuerte hefftig auf die Säch- 
sischen, welche gantz unverdeckt stunden und von Fuss biss auf 
den Eopff kunten gesehen werden. Indem dieses nun dergestalt 
Yorlieff, sähe man oben am Berge die Fränckische Infanterie gantz 
stille stehen, wohin der General-Major Beuss geschickt, den da 
commandirenden General-Major zu ersuchen, mit seinen Battaillons 
zu avanciren, weil der Feind denen Sächsischen leichtlich hätte 
können in den Bücken gehen, der sich auch willig darzu erzeigte, 
darb^ aber vorstellete, dass der Fürst von Waldeck, welcher bey 
den Fränckischen das Ober-Commando hätte, ihm auf das aller- 
schärffste verboten, mit denen Battaillons von der Stelle nicht zu 
weichen, biss er selbst ihm solches andeuten würde; worauf dann 
die Sächsischen Battaillons der andern und dritten Linie gegen den 
Grund rückten, wo die erste Linie zuvor gestanden, dieselbige zu 
beobachten, damit der Feind von daher nichts tentiren könte, dass 
also die Sächsische Infanterie ihrer Sicherheit halber nothwendig 
aus ihren drey Linien nur eine mit zwo Fronten machen muste. 
Inzwischen fügte der Feind den Battaillons erster Linie, sonder dass 
er mit gleicher Müntze bezahlet werden konte, mit Schiessen ziem- 
lichen Schaden zu, weil, wie schon gesagt, er verdeckt und sie hin- 
gegen gantz bloss stunden; es schiene also vorträglicher und besser 
zu seyn, den Feind aus solcher Avantage zu delogiren. Nachdem 
man nun des Feindes Posto ein wenig recognosciret, avancirte die 
Sächsische Infanterie gleich darauf, griff den Feind zugleich in 
Fronte und Flanquen an, welcher darüber in Confusion gerieth, sich 
wendete und nach dem hinter sich habenden Berge eilete, den die 
Sächsischen allezeit verfolgeten und zu keinem Stande kommen 
Hessen, auch, als er sich eoen auf denselben wiederpostiren wolte, 
zu ihm hinaufeileten und von den erwehnten grossen weitgestreck- 
ten Bergen (so vor ihn sehr avantageux würden gewesen seyn, wenn 
er sich darauf hätte setzen können) trieben und zur Betirade zwungen. 
Immittels waren die Sächsischen Battaillons, so sich zuvor, wie schon 
ffemeldt, gegen dem Grunde gesetzet, auch avanciret und hatten 
aen vor ihnen stehenden Feind repoussiret, welcher sich aber in 
gemeldtem Grunde, allwo eine ziemliche Ebene war, die^ sich längst 
um den Berg und an das erste Türckische Lager auch an dem- 
selbigen hinauf erstreckte, in einem Graben mit etlichen Fähnlein 
gesetzet, daraus er mit continuirlichen Feuergaben verhinderte, dass 
dieselben nicht weiter avanciren, noch sich mit denen auff dem Berge 
stehenden gleich stellen kunten. Als man dieses gewalur wurde, 
commandirte man alsobald etliche Mannschafft von denselben, welche 
den Feind in der Seiten anfiel und ihn also auch vollends von dar 
zu decampiren zwunge, wodurch die in etwas zurück stehenden 
Battaillons Lufft bekamen, sich mit den andern auff dem Berge zu 
conjungiren. 

Se. Ghurfl. Durchl. zu Sachsen etc. kamen alsofort auf den 
Berg selbst in Person und contestirten gegen Dero Generals, so bey 
dieser Action allezeit ä la teste gewesen waren und die Infanterie 
anffeführet, öffentlich, dass sie mit ihrer Action sehr satisfait wären, 
und wünscheten, dass Sie selbst in Person bey ihnen hätten seyn 



Antheil der s&chs. Armee an der Schlacht am Kaienberge. 83 

können, weil Sie aber bey dem lincken FlQgel das Commando 
führeten, hätte die Nothdurfft erfordert, sich dayon nicht zu. ab- 
sentiren. 

Was inzwischen bev der Eayserlichen Infanterie mit dem Feinde 
vorgegangen, hat man Sächsischer Seite so genau nicht obsenriren 
können; onpartheyische Zaschaner berichten, dass die Türeken, so 
gegen sie gestanden, als sie gesehen, dass ihre Cameraden gepous- 
siret und verfolget worden, auch angefangen zu wancken and sich 
zu wenden, auf welche zwey Battaillons Kayserliche. so von dem 
Hertzog de Croy angeführet, gedrungen und sie endlich den Berg 
hinauf getrieben ; es haben aber die Türeken die descente jenseits 
des Berges den Kayserlichen hart disputiret, biss dass Prince Louis 
von Baden mit den Sächsischen Dragonern, welche er aus der 
andern Linie des lincken Flügels genommen, hinzu gerücket, die- 
selben absitzen lassen und damit den Feind vollends gar von dem 
Berge chargiret, worzu denn 2 Sächsische Regiments-Stücke, welche 
auf den Berg gebracht waren und aus welchem dem Feinae ziem- 
licher Schade zugefüget ward, nicht wenig geholifen. Hierauf hat 
die sämtliche Kayserliche Infanterie sich auf den Berg gleichfals 
gezogen und sich allda postiret. Biss hieher, welches schon ge^en 
2 ühr um Mittag war, ist das geringste auf der rechten Seite, 
worauf die Bayerische und Fränckische Infanterie wie auch der 
rechte Flügel gestanden, nichts vorgelau£fen und nur allein ein Theil 
Kayserl. und denn die Sächsische Infanterie mit dem Feinde in Ope- 
ration gewesen; jedoch hatte inzwischen die Bayer- und Fränckische 
Infanterie sampt dem rechten Flügel sich allmählich moviret und 
näher mit angerücket, man sähe aber darauff alsobald starcke 
Türckische Trouppen nach dem rechten Flügel zu marchiren, wie 
denn auch einige Türeken, welche biss in den vorgedachten Grund 
poussiret worden, sich gleichfals dahin wendeten, so ingesamt den 
rechten Flügel angriffen. Diesen gieng ein Theil Polen frisch ent- 
gegen, wurden aber von dem Feinde repoussiret und retirirten sich 
auf die 4 Battaillons Infanterie, so von den Kayserlichen, Bayeri- 
schen, Sächsischen und Fränckischen waren, dem König in Polen 
auf Begehren, ehe man den Kaienberg erstiegen, gegeben und her- 
nachher vor den rechten Flügel an einen advantaseusen Ort gesetzet 
worden. Diese soutenirten die Polen zu 3 unterschiedlichen mahlen, 
und hatte es damahls das Ansehen, als wann der rechte Flügel Noht 
leiden würde, wesswegen denn der Sächsische Feld -Marschall an 
die Bayrische und Fränckische Infanterie, welche dem rechten Flügel 
am nechsten stunde, unterschiedliche Officirers schickte und sie er- 
suchen Hesse, dem rechten Flügel zu Hülffe zu kommen, worzu 
denn der Fränckische General-Major sich abermahl gantz wülig be- 
wiese, aber vom Prince von Waldeck contramandiret worden, mit 
dem Fürwenden, dass allda niemand als er zu commandiren hätte. 
Endlich rückten die Hussaren herfür, welche den Feind auch in die 
Flucht brachten, und hat man darbey gar nicht mercken können, 
dass einige Infanterie ausser die vorgemeldten 4 Battaillons mit dem 
Feinde zuthun gehabt, vielweniger denselben, wie die Gazettiers 
melden, repoussiret hätten. Unter dieser Zeit kam der Hertzog von 
Lothringen neben andern Kayserl. Generals zu dem Sächsischen 
auff den vorgedachten Berg und schaueten der Action auf dem 
rechten Flügel biss zu Endung derselben zu, und da man den Feind 
fliehen sähe, fragte der Hertzog von Lothringen den Feld-Marschall 
Goltzen, ob man mit der Ehre und grossen Avantage, so man über 



84 S* Joachim: Antheil d. s&chs. Annee a. d. Schlacht a. Kaienberge. 

den Feind gewonnen, diesen Tag vergnüget seyn oder weiter avan- 
ciren wolte? Worauf Feld-Marschall Goltz die Antwort ertheilet: 
Weil es schiene, dass der Feind epouvantiret, so hielte er Tor gut, 
dass man denselben verfolgte und die Victorie weiter prosequirte. 
Der Hertzog von Lothringen sagte darauff: Märchens doncl und 
ritte nebst andern bey sich habenden Generals wieder zu den Eayser- 
lichen. Die Sächsische Infanterie avancirte darauff alsofort den borg 
hinunter, denen folgeten die Kayserlichen , und begunte die gantze 
Battaille darauff sicn zu bewegen. Die Tarcken, so noch im Grunde 
waren, als sie dieses sahen, retirirten sich in ihr erstes Lager und 
S8^e man, dass deren sich bey etlich viel Tausend oben an ihrem 
Lager zur Lincken Seite, allwo ein gross eben Feld war, versam- 
leten. Es hatte auch der Feind auf der Ecke dieser Höhe etwas 
auffgeworffen, welches das Ansehen einer Redoute hatte und mit 
6 MetaUenen Stücken besetzt war, womit er auff die Avancirenden 
zwar Feuer gab, jedoch allezeit zu hoch schoss. Man hielte damahls 
ffar gewiss dafür, der Feind würde diese Höhe dispntiren, weil im 
Grunde nicht zu sehen war, was eben in der Höhe vorgienge; es 
avancirten so wol Kayserl. als Sächsische immer nach der Höhe zu, 
und ein jeder sich in guter Bereitschafit zum Fechten haltende war 
beschäfftiget dieselbe anzusteigen. Endlich da man darauf gelangte 
und vermeinete den Feind anzutreffen, hatte er sich schon aus dem 
Staube gemacht und seine Retirade nach dem letzten Lager ge- 
nommen. Die Sächsischen waren hierbey gleichfals die ersten, weldie 
desswegen auch die 6 Metallene Stücke zur Beute bekamen, wie 
man dann derselben Fähnlein in des Feindes Lager hat am ersten 
fliegen sehen. Es haben nachmahls die Sächsischen Dragoner des 
Feindes Approchen angreiffen helffen, woraus ziemlicher Gegenstand 

fethan worden, und ein gut Theil von den Dragonern geblieben, 
'olgends hernach ist die Cavallerie zu erst der Infanterie vorge- 
kommen, welche den fliehenden Feind nachgesetzet. Was nun weiter 
vorgangen, weil die Nacht einfiel, hat man von Sächsischer Seite 
nicht bemercken und also nichts mehr allhier melden können, massen 
auch ohne dem die Gazetten hiervon voll sind. Alles diss, was in 
dieser Relation vorbestellet worden, verhält sich in der Wahrheit 
also und wird solches von allen unpartheyischen Zuschauern, wie 
* nicht weniger von allen Kayserlichen Genelrals selbst, so auf dem 
lincken Flügel gewesen, zugestanden, daher dann unrecht, dass man 
in den Gazetten den Sächsischen nicht einmahl den geringsten Part 
von dieser Action zueignen, noch derselben mit einem Worte darbey 
gedencken wollen. 



Literatur. 



Gegehiehte der sächsiseheii Klrclieii- nnd Sohalylflitationeii Ten 
1524 Ms 1545. Umfassend: Die Yisitationen in den heutigen 6e- 
bietstheilen der Königreiche Preussen und Sachsen, des Gross- 
herzogthums Weimar, der Herzogthümer Gotha, Meiningen, Alten- 
burg, des Herzogthums Braunschweig und der Fürstenthümer 
Schwarzburg-Rudolstadt, Sondershausen, Reuss j. und Reuss &. L. 
Quellenmässig bearbeitet von G. A. H. Burkhardt Leipzig, 
Grunow. 1879. 8» XXVIIT. 347 SS. (A. u. d. Titel: Geschichte 
der deutschen Kirchen- und Schulvisitationen im Zeitalter der Re- 
formation von C. A. H. Burkhardt.) 

^Man muss sich wundern; wie es gekommen sei, dass 
bis dahin dieser wichtige Punkt (die Kirchenvisitationen), 
der doch so Vieles zur Aufklärung jener Zeit beiträgt, 
ganz mit Stillschweigen übergangen worden, und ist da- 
her dem verdienten Herrn Verfasser, der mit so vieler 
Wärme und einer so trefflichen Einkleidung die Geschichte 
jener Visitationen erzählt, die um so angenehmer und zu* 
verlässiger, da sie mit den nöthigen Documenten belegt 
und versehen ist, für diese Mittheilung den verbindlichsten 
Dank schuldig." Mit diesen Worten eröffnete im Jahre 
1797 der AUgem. Literar. Anzeiger (Sp. 296) eine Be- 
sprechung von Kapps Umständlicher Nachricht von der 
allgemeinen Kirchenvisitation in dem Ftirstenthum Bai- 
reuth in den Jahren 1561 — 1564. Referent schickt die- 
selben der Besprechung des obengenannten Werkes vor- 
aus. Denn aucn heute noch gilt die Verwunderung dar- 
über, dass noch so wenig für die Publication dieser 
hochwichtigen officiellen Documente geschehen ist, wie 
die von Burkhardt (S. VI) citirte Literatur beweist. Frei- 
lich hebt er mit Recht die grossen Schwierigkeiten hervor, 
die sich einer solchen Arbeit entgegenstellen« Reicht doch 
zu derselben selbst das reichste Archiv nicht aus; eine 
Benutzung verschiedener ist unbedingt nothwendig, so 
dass für gewisse Lebensstellungen eine grössere zusammen- 



gg Literatur. 

hängende Arbeit über die Kirchen- und Schulyisitationen 
selbst in einer beschränkten Epoche nicht möglich ist. 
Um so mehr sind wir dem Verfasser für das angezeigte 
Werk zum Dank verpflichtet. Durch seine amtliche 
Stellung an die Quelle gesetzt — befinden sich doch ge- 
rade in Weimar sehr viele VisitationsprotocoUe — , durch 
frühere eingehende Studien auf dem Gebiete der Refor- 
mationsgeschichte wohl vorbereitet, war er in ganz be- 
sonderem Grade berufen, die Lücke auszufüllen. Es war 
eine mühevolle Arbeit, die Berge von Akten durchzuar- 
beiten ^ aber als reiche Frucht derselben bietet das Buch 
eine imendliche Fülle von Stoff zur Orientierung über die 
kirchliche Lage in Sachsen und den angrenzenden Ge- 
bieten in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts und zwar 
nach einer noch wenig beachteten Seite. Mit Recht sagt 
der Verfasser Seite V, dass sich die Forschung „eingehen- 
der mit der Geschichte des Dogmas unserer Kirche be* 
schäftigt hat; während die Studien zur Geschichte der 
äusseren Entwickelung unserer evangelisch -lutherischen 
Kirche ausserordentlich spärlich aufgetreten sind". Auf 
Grund der VisitationsprotocoUe sucht nun der Verfasser 
die Ergebnisse der Forschung durch Zahlen darzustellen. 
Demnach wird erstens der Procentsatz der Tüchtigkeit 
der Geistlichen in den einzelnen Gegenden fixiert Zu 
diesem Zwecke hat der Verfasser die in den Akten mit 
Worten ausgedrückten Censuren durch die Nummern 1 
bis 4 bezeichnet; von denen die letztere die Unbrauch- 
baren umfasst, deren Untüchtigkeit entweder auf dem 
Mangel theologischer Bildung oder auf sittlichen Gebrechen 
berunt. Zweitens werden die Patronatsverhältm'sse sta- 
tistisch dargestellt. Es ist das von grosser Wichtigkeit, 
da die Patrone bei der Anstellung der Geistlichen, wie 
bei der Einführung der Reformation von grösstem Ein- 
fluss waren. Interessant ist, wie die unter dem Patronat 
des Kurfürsten wie einzelner Städte (z. B. merkwürdiger- 
weise Zwickaus) stehenden Geistlichen sich vor anderen 
auszeichneten. Drittens handelt es sich um Feststellung 
der Zahl der Mutterkirchen, um deren Verhältnis zu den 
Filialen und eingepfarrten Ortschaften. Nicht selten wer- 
den hierbei die Bevölkerungszahlen angegeben. Viertens 
aber führt uns der Verfasser das numerische Verhältnis 
der Stiftungen und Vicareien, der Klöster und ihrer In- 
sassen, die Bewirthschaftung und Einkünfte derselben vor. 
Gerade die letzteren Angaben gestatten uns einen höchst 



Literatur. 87 

interessanten Blick in die wirthschaftlichen Verhältnisse 
der jungen Kirche, welche das Erbe der alten benutzte 
und umgestaltete. 

Der Verfasser theilt nun den Stoflf local in 3 Gruppen 
ein; er bespricht zuerst die Visitationen im Emestiniscnen 
Gebiete, dem Kurfürstenthum Sachsen, dann in den Al- 
bertinischen Ländern, woran sich als drittes das Braun- 
schweig - Wolfenbüttersche Gebiet anschliesst. Es fällt 
diese Eintheilung zugleich mit dem historischen Gange 
zusammen. Denn in ersterem Lande begann die Visitation 
1526 und dauerte die ganze folgende Zeit fort, während 
sie im zweiten erst 1537 und in Braunschweig sogar erst 
1542 ihren Anfang nahm. 

Wenn nun das Buch die Kirchen- und Schulvisita- 
tionen behandelt, so tritt doch die Geschichte der letzteren 
wesentlich in den Hintergrund, weil sich die Prüfung der 
kurfürstlichen Commissäre namentlich in der ersten Zeit 
mehr auf die kirchliche Lage bezog. Doch finden sich 
auch über die Schul Verhältnisse höchst interessante Notizen, 
so namentlich über die Schulen zu Zwickau und zu Torgau 
S. 188 fgg. Im ganzen beziehen sich diese Nachrichten 
mehr auf die äusseren Verhältnisse, doch thun wir auch 
manchen Blick in das innere Schulleben, die Methode 
u. s. w. Gerade hier, aber auch sonst, hat es der Ver- 
fasser verstanden, das allgemeine Bild, die todten Zahlen, 
durch einzelne kleine Züge zu beleben. So wird S. 188 
erzählt, dass den Schulmeistern „das Stauchen, Stossen 
und übermässige Schlagen" verboten worden sei, damit 
die Jugend nicht vom Schulbesuch abgeschreckt würde; 
kein Lehrer soll für die Kleinen angestellt werden, der 
„ein lispelnd oder sunst böse ausspräche hat, damit die 
Knaben, welche bald fahen, nicht ersfs anfangs damit in- 
ficirt werden". Das Bild, das uns von den Schulverhält- 
nissen entworfen wird, ist kein günstiges; nur einzelne 
Städte setzten ihre Ehre darein, gute Bildungsstätten für 
die heranwachsende Jugend aufzurichten, auf dem Lande 
war dafür sehr schlecht gesorgt. 

Nicht minder ungünstig erscheint uns die kirchliche 
Lage. Es war unbedingt eine Besserung nothwendig, 
namentlich nachdem die Wiedertäufer und Bauern so 
furchtbare Schläge gegen die öffentliche Ordnung und 
die Kirche geführt hatten. Die Noth drängte zur Zuhülfe- 
nahme der territorialen Gewalt, wie die Worte Luthers 
S. 8 es ergreifend schildern. Wenn der Kurfürst zunächst 



gg Literatur. ^ 

auch eine Betheiligung ablehnte^ so verstand er sich doch 
schliesslich dazu. 1526 wird zur Visitation im Amt Borna 
neben einem weltlichen Commissar Georg Spalatin abge- 
sendet. Letzterer eröffnet hiermit seine für die Organi- 
sation der lutherischen Kirche hochwichtige Thätigkeit, 
welchfe ihn in den folgenden Jahrzehnten immer wieder 
in Anspruch nimmt. Sie würde eine Würdigung in einer 
besonderen Monogra phi e auf Grund des reichen, nament- 
lich im Archiv zu Weimar befindlichen Materials ver- 
dienen. Spalatin führte sehr oft selbst das ProtocoU, wie 
wir aus zahlreichen, uns erhaltenen Concepten sehen. Es 
würde von Interesse sein^ dieselben mit den officiellen 
ProtocoUen zu vergleichen, welche uns nur das Resultat 
der Verhandlung kurz berichten. Wir würden daraus 
manche Interpretation für die Beschlüsse erhalten, nament- 
lich auch für die Censuren der Geistlichen. Die Urtheile 
über die letzteren fallen bei den ersten Visitationen sehr 
ungünstig auS; namentlich bei der im Jahre 1526 im Amte 
Tanneberg vorgenommenen, wo von zwölf Geistlichen nur 
einer die Censur „ziemlich gut" bekommt, während elf 
(wie es S. 12, Anm. 2 statt 1 Geistlicher heisseti muss) 
ftlr untauglich erklärt werden. Höchst interessant sind 
einzelne Urtheile, welche hier, wie auch an anderen Orten, 
wörtlich angeführt werden (S. 12 fg.). Ein eingehender 
Bericht geht an den Kurfürsten, in welchem ausdrücklich 
hervorgehoben wird, dass der Kurfürst im Interesse seines 
Landes „kein besser Ding habe fürnehmen könnnen^i 
Von ihm wurden einige Zeit nachher zwei Käthe nach 
Wittenberg gesendet, um mit den Vertretern der Uni- 
versität eine Instruction auszuarbeiten. Später wurde von 
Melanchthon der Visitationsunterricht verfasst , welcher 
dann mit einer geharnischten Vorrede Luthers erschien. 
Die genannten Arbeiten bilden nach Burkhardts Dar- 
stellung die erste Periode. 

In der zweiten (1527 — 1529) werden die Visitationen 
auf Grund der gemachten Erfahrungen und ausgearbei- 
teten Instructionen planmässig und energisch im ganzen 
Lande in Angriff genommen. Dieselben begannen im 
Kurkreise am 22. October 1528, in Meissen und im Voigt- 
lande Ende November, zu gleicher Zeit in Franken, im 
Januar 1529 in Zwickau und Umgegend, dann die von 
Plauen u« s. w. 

Nach kurzer Charakterisierung der dritten Periode 
1529—1582^ der Zeit des Stillstandes, wird die vierte. 



Literatur. g9 

von 1533 — 1545, bei^rochen, bei welcher man sich be- 
sonders mit der Aumebung und Verwendung der geist- 
lichen Güter beschäftigt Die Visitation erstreckt sich 
hier auf einenjTheil der Grafschaft Schwarzburg wie die 
reussischen Länder, im übrigen werden die schon früher 
von der Visitation besuchten Gegenden berührt. Dies 
hat den Verfasser veranlasst ^ dieser Thätigkeit weniger 
eingehend zu gedenken. Und doch wäre eine Ver- 
gleichung des Zustandes dieser Gegenden mit dem Be- 
funde aus den Jahren 1528 — 29 höchst interessant gewesen, 
namentlich nach der finanziellen[^Seite hin. Das Raths- 
archiv zu Zwickau enthält ausser den Visitationsakten 
vom Jahre 1533 auch noch ein Exemplar der Bechnung 
über die Einnahmen und Ausgaben des gemeinen Kastens. 
Dieses ,,Verzeichnus des ei&ommens aller Lehen etc. 
1533^ wurde auf Befehl der Visitatoren, wie sich aus einem 
Briefe Spalatins an den Stadtschreiber Stephan Roth er- 
giebt, ausgefertigt und von letzterem persönlich nach 
Altenburg gebracht (s. die Rathsrechnungen vom Jahre 
1533 — 34 S. 17). Mit diesen Visitationen schloss vorläufig 
die Thätigkeit der iCommissäre in des Kurfürsten Lan- 
den ab. 

Die Aufsicht wurde jetzt den Superattendenten und 
den Visitatoren übertragen, während der Kurfürst die 
höchste Instanz in streitigen Fällen bildete. Immer mehr 
machte sich aber die Begründung einer Centralaufsichts- 
behörde nothig: so entstand das Consistorium zu Witten- 
berg wohl im Jahre 1539, während die in anderen Städten 
in Aussicht genommenen äusserer Schwierigkeiten wegen 
nie ins Leben getreten sind. 

Von neuem lebten die Visitationen 1537 auf, als 
Herzog Heinrich von Freiberg sich der Reformation an- 
schloss. Auf seine Bitte wurde Georg Spalatin zur Un- 
terstützung hingesandt; er war es auch, der die Leitung 
des Visitationswerkes übernahm, als im Jahre 1539 nach 
Herzog Georgs Tode dessen Land an die Freiberger Linie 
kam. Die ProtocoUe dieser Verhandlungen sind, wie Burk- 
hardt S. 234 Anm. 4 erwähnt, zum grossen Theil noch 
nicht zu finden gewesen. Referent weist hier auf ein 
Aktenstück hin, welches ims wenigstens Aufschluss über 
die Thätigkeit der Visitatoren in Dresden giebt. Dasselbe 
befindet sich im Dresdner Stadtarchiv (A. IL 66) und ent- 
hält auf Bl. 23—34 unter dem Titel: „Was in der ersten 
Visitation zu Dreseden in Eyle verordnet ist worden, denj 



90 Literatur. 

Rathe zu Dressden zu Händen zu stellen 1539^^ die 
Beschlüsse der herzoglichen Commissäre. Die Verhand- 
lungen begannen am 19. Juli Vormittags (wonach wohl 
das Datum S. 234 Anm. 4 zu ändern ist) und bezogen 
sich auf die Barfüssermönche , ferner auf „die bestellung 
der pfarr, predigstuls, diaconat, Schulmeisters, sein ge- 
sellen u. s. w.", während es sich „nach gehaltener maltzeit" 
um die Behausung und das Recht des Bierschanks seitens 
des Pfarrers handelt. Auch wird dem letzteren befohlen, 
„ein fleissiges aug darauff zu haben, das nyemands hie 
nichts schreibe wider Gottes wort und die reyne lere**, 
wie auch „der Buchdrucker nichts auflegen noch auss- 
gehen lassen soll, er habs denn zuvor dem Superatten- 
denten fiirgetragen". Am 21. Juli werden die Verhand- 
lungen geschlossen. Aber die Visitatoren sind von der 
Nothwendigkeit einer neuen und eingehenderen Visitation 
überzeugt: „Dann do man nicht bald mit einer ordent- 
lichen Visitation folgen und nachdrucken wurde, so wer 
es taushent mal besser und sicherer nutzlicher und er- 
licher, beide gegen Gott und der weit, das mans nie an- 
gefangen hette, denn das man dabey Hess bleibenn." 
Diese für so dringend erklärte Visitation wird am 21. De- 
cember 1539, an einem Sonntage, gehalten und merk- 
würdigerweise auch an demselben Tage beendet. Das 
ProtocoU befindet sich ebenfalls in dem oben citierten 
Aktenstück Bl. 35 — 39. Die Beschlüsse beziehen sich auf 
das Einkommen der geistlichen Lehen, welche eben so 
wie die der Fleischerbruderschaft dem Rath anheimfallen 
und zur Besoldung der Kirchen- und Schuldiener ver- 
wendet werden sollen. Weiter handelt es sich um die Auf- 
richtung von zwei deutschen Schulen, „eine vor die 
megdtlein, die andere vor die kneblein". 

Im Jahre 1540 erfolgte dann die Visitation im Al- 
bertinischen Thüringen, vier Jahre später im Hochstift 
Merseburg, über welche Burkhardt S. 273 fgg. berichtet. 
Zu gleicher Zeit fanden die Verhandlungen zu Braun- 
schweig -Wolfenbüttel statt (S. 297— 320). Das Ganze 
wird vom Verfasser durch einen recapitulierenden Ab- 
schnitt: „Rückblick und Resultate" abgeschlossen. Das 
Namen- und Sachregister S. 327—347 führt uns noch 
einmal die Fülle des Stoffs vor Augen. 

Niemand; der sich mit der Reformationsgeschichte 
beschäftigt, wird an dem Buche vorübergehen könneui 
ohne dasselbe einem eingehenden Studium zu unterwerfen. 



Literatuc 91 

Niemand aber wird dasselbe aus der Hand legen, ohne reiche 
Anregung und Förderung erhalten zu haben. Referent 
schliesst mit dem Wunsche, dass dem ersten Bande der in 
Aussicht gestellte zweite Theil recht bald folgen möge. 
Dresden-Neastadt. Georg Müller. 

Der Antheil der Oberlausltz an den Anfängen des dretssig- 
jahrigen Krieges^ 1618 bis 1628. Von Dr. Hermann Knothe. 
Von der Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz 
prämiirte Preisschrift. Dresden, Burdach. 1880. 8^ 95 SS. (Auch 
im Neuen Lausitzer Magazin LYI, 96 fgg.) 

Wie Palm in der Zeitschrift für Geschichte und 
Alterthümer Schlesiens die Stellung dieses böhmischen 
Nebenlandes zu der böhmischen Kehellion von 1618 be- 
handelt hat; imternahm es H. Knothe ^ die Stellung der 
Oberlausitz in den ersten Jahren des dreissigj ährigen 
Krieges darzustellen. Die Abhandlung , gleich ausge- 
zeichnet durch die Verarbeitung eines sehr reichen ar- 
chiyalischen Materials, durch Schlichtheit und Klarheit 
der Darstellung, durch Mittheilung von einer Fülle neuer 
Details, verdient vollauf die Anerkennung, welche ihr die 
Oberlausitzer Gesellschaft der Wissenschaften zu Theil 
hat werden lassen. 

Es sind im Grunde zwei Momente, um die es sich 
handelt: einmal das Verhältnis der Oberlausitz zur böh- 
mischen Bewegung, sodann ihr Verhältnis zu Kursachsen. 
Wie die Lausitzer sich nur zögernd und man möchte 
fast sagen wider ihren Willen den Böhmen anschlössen 
imd sich im Verein mit ihnen gegen den designierten 
König Ferdinand und für Pfalzgraf Friedrich erklärten, 
wird in den ersten drei Kapiteln sehr eingehend und an- 
ziehend dargelegt. (I. „Vom Beginn des Aufstandes in 
Böhmen bis zur Aufiiahme der Oberlausitz in die böh- 
misch - schlesische Union; Mai 1618 bis Mai 1619." 
n. „Abschluss der allgemeinen Confoderation und Wahl 
Friedrichs von der Pfalz; Juli und August 1619." 
in. „Die neue Ordnung der Dinge in der Oberlausitz 
seit Herbst 1619.") In den folgenden vier Kapiteln han- 
delt es sich um die dem Kurflirsten Johann Georg von 
Sachsen von Kaiser Ferdinand aufgetragene Execution, 
die Unterwerfung des Landes, das dann dem Kaiser und 
Kurfürsten die^Interimshuldigung leistet und nach einer 
Reihe weiterer Verhandlungen in den Pfandbesitz Kur- 
sachsens kommt. (TV. „Die kursächsische Execution, 
September bis December 1620." V. „Der Dresdner 



92 Literatur. 

Aocord und der Eamenzer Landtag 1621.^ VI. „Die 
Gesandtschaft an den Kaiser und die Bestitution der 
Katholiken, Sommer 1622.^ VII. „Die Mission Kur- 
Sachsens in den Pfandbesitz der Oberlausitz 1623.^) 
Wie man sieht, endet die Arbeit mit dem nur vorläufigen 
Abschluss der Frage. Vielleicht, dass der Herr Verfasser 
sich entschliesst, sie in einer anderweiten Abhandlung bis 
zu ihrem definitiven Abschluss fortzuführen; bis dahin, 
wo, wie er sagt, „durch den Praeer Frieden von 1635 
und J den Tradjtionsrecess von 16o6 diese beiden einst 
den Wettinern gehörigen (lausitzischen) Länder aus dem 
blossen Pfandbesitz in Erblehnbesitz übergingen.^ 

HaUe. G. Droysen. 

Leipzig and seine Universität vor Irandert Jabren. Aus den 

gleichzeitigen Aufzeichnungen eines Leipziger Studenten jetzo 
zuerst an's Licht gestellt. Mit Titelbild, Plan von Leipzig und 
Karte der Umgegend. Leipzig, Breitkopf AHärtel, 1879. 8^ XIL 
128 SS. 

Mit diesem Büchlein|hat es eine eigene Bewandtnis. 
In den Jahren 1777 — 1779 studierte in Leipzig der nach- 
malige Lüneburgische Arzt Johann Heinrich Jugler (tl814). 
Frühzeitige Neigung [zur Schriftstellerei — er entfaltete 
nach Abschluss seiner Studien eine sehr ausgedehnte 
schriftstellerische Thätigkeit — und das Bedürfnis, über 
alle Verhältnisse, in die er versetzt wurde, sich möglichst 
genau zu orientieren, veranlassten ihn, während seines 
Leipziger Aufenthaltes auch Material zu einer Beschrei- 
bung Leipzigs zu sammeln. Nachdem er dann die Uni- 
versität verlassen, arbeitete er im Winter 1779—1780 dieses 
Material aus, doch wohl in der Absicht, seine Darstellung 
zu veröffentlichen. Doch vergingen noch einige Jahre, 
während deren er seine Arbeit durch Nachträge zu ver- 
bessern und zu vervollständigen suchte. Schliesslich unter- 
liess er aber die Veröffentlichung, da ihm im Frühjahr 
1784 J. G. Schulz mit seiner allbekannten, weit umfäng- 
licheren „Beschreibung der Stadt Leipzig^ zuvorkam, und 
begnügte sich damit, über die Aroeit von Schulz eine 
Recension in die „Gothaischen Gelehrten Zeitungen^ zu 
schreiben. Sein sorgfältig und zierlich geschriebenes Ma- 
nuscript aber legte er bei Seite, bewahrte es auf, es erhielt 
sich in den Händen seiner Nachkommen, und dieses ist 
es, welches nun, hundert Jahre nach seiner Entstehung, 
hier doch noch das Licht der Oeffentlichkeit erblickt hat. 

Nach dem Vorstehenden drängt sich sofort die Frage 



Literatur. 93 

auf: Lohnte es überhaupt der Mühe; das Manuscript, das 
durch das Schulz'sche Buch augenscheinlich überflüssig 
wurde, jetzt noch herauszugeben? Und diese Frage wird 
sich je^r wiederholen, der das Büchlein selbst zur Hand 
nimmt und sieht, wie der Verfasser überall in seinem 
Texte auf die ältere Literatur hinweist,*^die er benutzt hat 
und die uns natürlich noch ebenso gut zur Verfügung 
steht wie ihm. Dennoch möchten wir die Frage nicht 
ohne weiteres verneinen. Bein thatsächliche Angaben 
über Einrichtungen und Personen jener Zeit findet man 
allerdings bei Schulz und in den Leipziger Adressbüchem 
der siebziger Jahre, die Jugler natürlich benutzt hat, 
weit ausführlicher, wiewohl eine so ausführliche Aufzäh- 
lung und Beschreibung der damals auf der Stadt- und der 
Universitätsbibliothek befindlichen Bilder, wie Jugler sie 
giebt, die entsprechende Partie bei Schulz weit hinter 
sich lässt. Dazu kommt, dass die Aufmerksamkeit des 
Verfassers keineswegs nach allen Seiten hin gleichmässig 
gerichtet ist: vor allem interessiert ihn Kunst und Wissen- 
schaft, gelegentlich auch das gesellschaftliche Leben, für 
den Handel dagegen hat er sehr geringes Interesse. Den- 
noch macht der ungenannte Herausgeber unseres Büch- 
leins mit Recht darauf aufmerksam, dass, während die 
Beschreibung von Schulz „das Werk eines halbgelehrtcD, 
nicht unabhängig dastehenden Mannes ist, der urtheilslos 
und schönfärbend eine schablonenhafte Literatenarbeit 
lieferte^, Jugler an Personen und Sachen eine sehr un- 
befangene Kritik übt. Dies lässt sich an Einzelheiten 
durch das ganze Büchlein hin verfolgen, am fühlbarsten 
tritt es hervor in dem Abschnitt über die Leipziger Pro- 
fessoren jener Zeit, der interessantesten Partie des ganzen 
Schriftchens, und insofern ist der vollständige AD<baick 
des Manuscriptes immerhin dankenswerth. 

Nach der vom Herausgeber vorgenommenen Einthei- 
lung zer&Ut der Lihalt in neun Kapitel von sehr un- 
gleicher Ausdehnung. Das erste giebt eine Beschreibung 
der Stadt im allgemeinen, das zweite und dritte behandeln 
die öflfentlichen und die wichtigeren Privatgebäude, das 
vierte, umfänglichste, ist der Universität gewidmet — daher 
die Wahl des Titels — , das fünfte bespricht die gelehrten 
Gesellschaften und die Sammlungen der Stadt. Ziemlich 
werthlos sind das sechste (Gasthöfe, Speisewirthe, Münz- 
cours), achte (Messen) imd neunte (Städtchen und Städte 
in der Nachbarschaft), und ähnliches würde von dem 



94 Literatui*. 

siebenten (Plaisirs und Zeitvertreibe) gelten, wenn der 
Herausgeber hier nicht aus dem bekannten, aber selten 
gewordenen Buche ,,Das nach der Moral beschriebene 
galante Leipzig" (1768) — demselben ^ in welchem sich 
zuerst die Bezeichnung „Klein-Paris" für Leipzig nach- 
weisen lässt — einige Abschnitte, wie über das ,,Fi8cher- 
stechen", die „Schönefelder Kletterstange" und das öffent- 
liche Vogelschiessen, zur Ausfüllung herangezogen hätte. 
Im übrigen hat er das Manuscript wörtlich zum Ab- 
druck gebracht und mit einer Reihe sorgfältiger und 
sachkundiger Anmerkungen, theils berichtieender, theils 
ergänzender Art, begleitet, die uns nur selten veranlassung 
zu einer abweichenden Meinung gegeben haben. So 
treffen die Nachweise der angeflihrten Häuser nicht durch- 
weg zu, und die Aussprache „Eichels Pfuhl" (Anm. 91) 
dürfte auf dieselbe verschönernde Volksetymologie zurück- 
zuführen sein, die auch „eingal" aus „egal" gemacht hat; 
der erwähnte Ort hiess der „Egelprahl". Der Druck 
des Werkchens ist sehr correct (nur S. 18 ist uns Lentzel 
statt Tentzel, S. 115 Jocander statt Iccander aufgefallen), 
und die Verlagshandlung hat auch ihrerseits durch eine 
Anzahl artistischer Beigaben das Interesse für die merk- 
würdige Publication zu steigern gesucht. 

Noch eine Bemerkung. Der Herausgeber sagt unter 
anderem im Vorwort: „Für Den, der sich gerne ein 
möglichst zutreffendes Bild von [dem] Leipzig zu der 
Zeit, als Goethe in demselben weilte, entwerfen möchte, 
giebt es keine Schilderung, die so nahe an jene Zeit 
hinanrückt, wie diese." Dieser scheinbare Wink war zu 
verlockend, als dass nicht fast sämmtliche Becensenten in 
unseren Wochen- und Monatsschriften ihm hätten folgen 
sollen: allgemein ist das Schriftchen als eine Art von Bei- 
trag zur Goethe-Literatur in Anspruch genommen worden. 
Das kommt aber nur davon, wenn man die Vorreden liest, 
anstatt der Bücher. Wir haben nirgends Veranlassung 

gefunden, das Buch mit Goethes Namen in Zusanunen- 
ang zu bringen. Wenigstens wird unser bisheriges Bild 
von Leipzig zu Goethes Studentenzeit auch nicht um den 
leisesten Zug dadurch bereichert. 

Leipzig. G. Wustmann. 



Literatur. % 

üebersioht über nenerdings ersohienene Sohriften nnd 

Aufsätze znr Sächsisch -Thärmgisohen Sesohichte und 

Alterthninsknnde. 



Böhmert, V. Urkundliche Geschichte und Statistik der 
Meissner Porzelianmanufaktur von 1710 bis 1880, mit 
besonderer Rücksicht auf die Betriebs-, Lohn- und 
Kassenverhältnisse: Zeitschrift des Königlich Sächsi- 
schen statistischen Bureaus. Jahrg. XXVI. Heft I — IL 
S. 44—102. 

(6 Bym, Frhr.J Die Hofsilberkamraer und die Hofkellerei 
zu Dresden. Dresden, Wilhelm Baensch. 1880. 8^ 208 SS. 

Distel, Th» Nachtrag zu ^Die im Königlich Sächsischen 
Hauptstaatsarchiy befindlichen Leibniz - Corresponden- 
zen": Berichte der philosophisch-historischen Classe der 
Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. 
1880. S. 187—189. 

t?. Eberstem, Louis Ferd. Frhr. Urkundliche Nachträge 
zu den geschichtlichen Nachrichten von dem reichs- 
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Frantz, Adolph. Das katholische Directorium des Corpus 
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stellt. Marburg, N. G. Elwert. 1880. 8^ VIH, 180 SS. 

Fürstenau, M. Die Oper Antiope und die Bestallungen 
des Kurfürstlich Sächsischen Vicekapellmeisters Nicolaus 
Adam Strunck und des Hofpoeten Stefano Pallavicini: 
Monatshefte für Musik-Geschichte, herausgegeben von 
der Gesellschaft für Musikforschung. Jahrg. XIII. 
S. 1—6. 

GracU. Eger und Heinrich von Plauen 1451 bis 1454: 
Mittheilungen des Vereins für Geschichte der Deutschen 
in Böhmen. Jahrg. XIX. S. 198—214. 

Hallwich, H, Wallenstein und die Sachsen in Böhmen 
(1631 — 1632): Forschungen zur Deutschen Geschichte. 
Bd. XXL S. 115—222. 

Hitzigrath, H. Die Publicistik des Prager Friedens (1635). 
Halle, Niemeyer. 8^ 134 SS. 

Holder 'Eqger, O. Ueber eine Chronik aus Altzelle: 
Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Ge- 
Bchichtskunde. Bd. VI. S. 399-414, 



d6 Llterator. 

Mitzsehke, Pool- Die Bibliotheken Naumburgs. Naum- 
burg a. S., J. Domrich. 1880. 8^ 16 SS. 

Per achmann, Theodor. Die Reformation in Nordhausen. 
1522—1525. HaUe, C. E. M. Pfeffer (Comm.) 1881. 
8^ 39 SS. A. u. d. T.: Neujahrsblätter. Heraus- 
gegeben von der historischen Commission der Provinz 
Sachsen. 5. 

Petzholdt, «7. Das Militärische aus dem Leben des Königs 
Johann von Sachsen. Im Anhange die Oper: „Saul 
König in Israel.^ Mit einem Portrait Dresden, 
E. V. Zahn. 1881. 8 ^ 69 SS. 

t;. Savauw ," Christian. Die Feldzüge Karls XII. Ein 
quellenmässiger Beitrag zur Kriegsgeschichte und Ka- 
binetspolitik Europas im XVIII. Jahrhundert. Mit 
einer Uebersichtskarte des nordischen Kriegstheaters 
und sechs lithographirten Tafeln. Leipzigs Bernhard 
Schlicke. 1881. 8*. VH, 328 SS. 

Scheuffler, Heinrich Johann. Bilder aus der Oberlausitzer 
Beformationsgeschichte. I. Einführung und Schicksale 
der Beformation in der Oberlausitz. Barmen^ H. Klein. 
1881. 8^ 55 SS. (A. u. d. T.: Evangelische Bruder- 
liebe. Vorträge über die Aufgaben und Arbeiten des 
evangelischen Vereins der Gustav-AdoltStiftung. Her- 
ausgegeben von A. Natorp. III. Bd. 4. Heft) 

(Schnorr v. Carolsfdd.) Briefe von Peter Watzdorff. Aus 
dem Königlichen Hauptstaatsarchiv zu Dresden: Archiv 
für Literatur-Geschichte. Bd. X. S. 174—188. 

Theüe, F. Lockwitzer Nachrichten aus alter und neuer 
Zeit. No. 18—22. 1880. 1881. 8^ S. 65—158. 

Werniche, E, Meister Oswald Hilger in Freiberg: An- 
zeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. 1880. No. 11. 
Sp. 331 ^: 

— Christoph^ Walter, Bildhauer in Dresden': ebenda. 
1881. S. 13 fg. 

— Bruder Hans, Paramentensticker von Leipzig: ebenda 
S. 16. 

Wu8tmann, G. Die Vertraute Gesellschaft in Leipzig. 
Gestiftet im Herbst des JiJires 1680. Festschrift den 
Mitgliedern gewidmet vom Senior zum 22. November 
1880. Leipzig 1880. 4^ 93 SS. 



V. 



Herzog Wilhelm von Sachsen und sein höh- 
misches Söldnerheer auf dem Zuge vor Soest. 



Von 

Adolph Bachmaim. 






\ 



•(^BODLiLir:;-.;;* 

Wie wenig Deutschlands Fürsten und Volk um die 
Mitte des 15. Jahrhunderts auf der Höhe ihrer Aufgabe 
standen, zeigt nicht der klägliche Ausgang der grossen 
Reformbewegung auf kirchlichem Gebiete allein. Die 
Niederlage der Keichspolitik ist vielmehr begleitet, frei- 
lich auch wesentlich herbeigeführt, von dem rücksichts- 
losen Egoismus, mit dem sich allenthalben die Territorial- 
politik in den Vordergrund drängt Noch hat da das 
Wiener Ooncordat von 1448 die kirchliche Reform nicht 
begraben '), als eine mächtige Bewegung anderer Art 
das Reich von den Bergen der Schweiz bis zu den Ge- 
staden der Nordmeere erschüttert: der Gegensatz von 
Fürstenthum und Nobilit'ät zu dem freien Bürger und 
Bauern. Wie die Kirchenfrage wirft der neue Conflict 
seine Schatten in alle Verhältnisse, alle Streithändel im 
Reiche. So schafft er auch mit dem Zuge Herzog Wil- 
helms von Sachsen vor das weit entlegene Soest zugleich 
eine bedeutungsvolle Episode mitten hinein in die erbitterte 

■) Yergl 6. Voigt, Enea Silvio de' Piccolomini I, 417 fgg. 

Nfues AroblT £aQ. u.A.II.9. 7 



/ 



98 Adolph Bachmann: 

Fehde, die zwischen den Brüdern von Meissen und Thü- 
ringen; Kurfürst Friedrich EL und Herzog Wilhelm, an- 
läsdich der „zweideutigen"*^ Theilung des väterlichen 
Erbes vom 10. Dezember 1445 entstanden war. 

Umsonst gaben sich die brandenburgischen Mark- 
grafen, gab sich Erzbischof Friedrich von Magdeburg; 
Landgraf Ludwig von Hessen, die einst die Theilung ver- 
mittelt hatten, alle Mühe, die Herzoge zu dessen friedlicher 
Befolgung zu bringen; auch der Kaiser hatte den Ver- 
trag *) bestätigt: die Fehde vermochte trotzdem zu keinem 
Ende zu kommen und schädigte die Lande je länger desto 
empfindlicher. Schwer fällt es hier, zwischen beiden Par- 
teien den Spruch zu thun auf „schuldigt oder „nicht- 
schuldig". Wohl aber wünschte der Kurfürst trotz der 
Theilung die Aufrechthaltung seines brüderlichen Ein- 
flusses über den gesammten Hausbesitz, gemeinsame Po- 
litik nach innen und aussen, während der jüngere Herzog 
mit dem scharf getrennten Besitze zugleich seine fürst- 
liche SelbständigKeit wahren zu müssen glaubte, dabei 
aber ganz unter den Einfluss seiner Bäthe, besonders der 
Brüder Vitzthum, gerieth. ßeich begütert, so dass er mit 
seinem Bruder „fast die Hälfte des Landes" besass, ebenso 
schlau und gewandt als energisch und tapfer, galt Apel 
Vitzthum bald als die eigentliche Ursache des Krieges 
und als der grimmige Feind des Kurfürsten, den er im 
Literesse der eigenen Herrschsucht bekämpfte. 

Der Waffenstillstand, den die genannten Fürsten für 
die Zeit von Michaelis 1446 bis Georgi 1447 vermittelt 
hatten^), wurde nicht gehalten; neue gegenseitige Beschä- 
digungen mehrten die Erbitterung. Ais dann auf dem 
Bathhause zu Erfurt Graf Ernst von Gleichen, den der 
Kurfürst geschickt, um über den Bruch des Waffenstill- 
standes zu klagen, vor dem zu seiner Vertheidigung her- 
beigeeilten Herzoge Wilhelm rückhaltlos die Vitzthume 
als Hindernis des Friedens bezeichnete ^), da mussten auch 
diese erkennen, dass es einen Kampf gelte um ihre Exi- 
stenz. Rasch wusste Herr Apel zu handeln. 



*) Droysen, GescL d. preuss. Politik (2. Aufl.) II, 1, 76 fgg. 

*) Ghmel, Begasten z. G. Friedr. IV; I, Nr. 2054. Die Bestäti- 
gung vom 1. April 1446. 

*) Konrad StoUes Thüringisch -Erfurtische Chronik, ed. L. F. 
Hesse (32. Public, des literarischen Vereins in Stuttgart, Stuttgart 
1854) 9. 

») Nach StoUes Chronik 1. c. 11—14. 



Herzog Wilhelm Ton Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 99 

Seitdem die Hussitenkämpfe den Ruf der böhmischen 
Kriegskunst und Tapferkeit in ganz Mitteleuropa be- 
gründet; in Böhmen selbst aber den unbändigen Hang 
zu Kampf und Beute geweckt hatten, blieb Böhmen durch 
Jahrzehnte das grosse Ejriegslager, dessen reisige Schaaren 
in Ungarn und Kroatien, in rreussen und Schlesien, in 
Thüringen und Franken, in Bayern und Oesterreich die 
Fehden der Fürsten und Communen durchkänipften, wo 
neben militärischem Talente und ungestümer Tapferkeit 
freilich auch ruhelose Kriegs- und Beutelust zu Hause 
waren. Kein Wunder, dass Herr Apel Vitzthum hierher 
seine Blicke richtete, um so weniger, als schon vordem 
böhmische Krieger in Herzog Wühelms Sold gewesen 
waren. ^) Leicht ward es ihm, seinen jungen, leidenschaft- 
lichen Herrn zu dem Entschlüsse zu bestimmen, böhmische 
Schaaren in überwältigender Stärke aufzurufen und mit 
ihrer Hülfe den feindlichen Bruder niederzukämpfen. 

Bald nach Neujahr 1447 jfinden wir den Vitzthum 
persönlich in Böhmen.') Mit Alscho Holicky von Stern- 
berg, den er seit langem kannte, traf er auf dessen 
Schlosse Petschau, ebenda, wie es scheint, auch mit Fried- 
rich von Donin die nöthigen Verabredungen. Von hier 
aus weckte er, von Doüin und Stemberg gefördert ^), die 
Lust zur Kriegsfahrt nach Thüringen und Meissen durch 
glänzende Verheissunffen. Bald war der Westen Böhmens 
vom Egerlande bis über Pilsen imd Taus hinaus in krie- 
gerischer Bewegung. Der von Donin nahm persönlich 
herzogliche Dienste, ebenso mit einer beträchtlichen Zahl 
seiner Leute Peter von Sternberg, Herrn Alschos Sohn. 
Die Nachbarn der Stemberge folgten nach: Heinrich von 
Kolowrath auf Liebenstein (Libsteinsky) ^), dessen Vetter 



^ Palacky, Geschichte Böhmens IV, 1, 178. Vergl. K. Stolle, 
Chronik 19. 

^ Die Zeit der Verhandlungen Vitzthums mit den Böhmen 
(bisher stets unrichtig angegeben nach E. Stolle 2t und Härtung 
Kammermeister, Annales Erfurtenses Germanici bei Mencke, Scriptor. 
rer. Germ, in, 1192) zeigen Nr. 18 u. 19 der „Urkunden und Akten- 
stücke zur österreichischen Geschichte 1440—1471^^ bei A. Bachmann, 
Fontes rer. Austriae, Abth. IL Bd. XLII. Ich eitlere dieselben von 
nun an als Fontes r. A. XLII. 

.*) Grossherzogl. sächs. Gesammt -Archiv zu Weimar Reg. A 
fol 8 No. 13 (nach der früheren Eintheilung). Friedrich von Donin 
auf Wildstein (Pilsener Kreis). 

') Nordwärts Pilsen nächst Radnitz an der Beraun gelegen una 
von Liebenstein im Egerlande wohl zu unterscheiden. 



100 Adolph Bachmann r 

Albrecht Bezdruzicky von Kolowrath auf Weseritz *®), 
Niclas von Guttenstein auf Breitenstein '^); Dienstmannen 
Hynek Krusehinas von Schwamberg auf Bor '*), Johann 
Calta von Steinberg auf Rabenstein**), Johann von Ko- 
stelzen **J, Dietrich von Janowitz **) und andere. Aber 
auch aus grösserer Ferne, aus Nordböhmen, ja selbst 
Mähren durfte Vitzthum auf zahlreichen Zuzug sicher 
hoffen; der streitlustige Wilhelm von Ilburg; Zawisch von 
Klinstein, Johann Sddlo von Smilkau"), Jeschko von 
Boskowitz*'), die Mährer Ulrich der Jüngere von Kaunitz, 
Johann Zieleticky '*) werden weiter als Führer besonders 
angeführt. Reichlichen Sold und die sichere Bürgschaft, 
dass der Herzog jeglichen Schaden ^ den die Böhmen an 
Pferden, Kriegsgeräthe u. s. w. erleiden würden, ersetzen 
wolle *•) und ihnen darüber vor dem Auszuge dessen 
Briefe eingehändigt werden sollten*®), hatte der Unter- 
händler versprochen; daneben lockte natürlich die Aus- 
sicht auf reiche Kriegsbeute. Um das Band aber noch 
fester zu knüpfen, gewann Herr Apel eine ganze Reihe 
der vornehmsten Anführer, gegen beträchtlichen Jahrsold 
des Herzogs Räthe und Diener zu werden. So erhielten 
unter andern Heinrich von Kolowrath 400 FL, Dietrich 
von Janowitz 300 FL, wofür er mit 16 Pferden des 
Dienstes warten sollte, Wilhelm von Ilburg, Johann 
Calta, Jan Sä.dlo je 200 FL zugesagt*^); das Greld sollte 
ihnen halbjährig nach Ablauf der Frist „ausgerichtef* 
werden. **) . 



*®) Vergl. die Stammtafel der Kolowrath bei F. Bernau, Bargen 
und Schlösser Böhmens 211. 

") Bei Weseritz. 

»») Bei Tepl. 

*•) Zwischen Chiesch und Manetin. 

'*) Nächst Staab südlich von Püsen. 

"») In der Nähe von Klattau. 

'0 Die bisher genannten ausöer Friedrich von Donin in Fontes 
r. A. XLII, 46—46, 52. 

»0 Nach Fontes^ r. A. J^LII, 278. 

'*) Nach Th. Pesina z Cechorodu, Mars Moravicus 635, der sich 
auf einen Anonym, ad an. 1447 beruft. Dass die von Palacky 1. c. 
nach den Staff letopisowe cesti, Scriptor. rer. Bohem. III, 146 weiter 
genannten Führer nicht hierher gehören, s. unten. 

'*) Diese Briefe sind noch nicht zum Vorschein gekommen; 
vergl. übrigens Härtung Eammermeister 1. c. 1192. Fentes r. A. 
XLII, 281. 

«•) Fontes r. A. XLII, 30. 

»*) Nach Fontes r. A. XLII, 45—46, 

*') £bendort 46, vergl. 277. 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Znge vor Soest. 101 

Noch eins hatte Vitzthum in Petschau besteUt Die 
böhmischen Truppen, wenn auch grösstentheils aus Ge- 
genden, die heute germanisiert sind, gehörten rä.mmtlich 
der czechischen Zunge an. Noch mehr als früher musste 
der Herzog Wilhelm das Bedürfnis empfinden nach einem 
„endlichen Diener, der deutsch und böhmisch könne, auf 
den er Glauben zu setzen und den er auch zu Zeiten in 
werbender Botschaft gegen Böhmen zu senden vermöge". 
Der Schreiber der Stemberge, Jobst von Einsiedcl, kein 
anderer als der später so einflussreiche Sekretär König 
Georgs von Böhmen, Hess sich bewegen, den Uebertritt 
in des Herzogs Dienst (wir wissen nicht, auf wie lange) 
zuzusagen.*') 

Mitte Februar 1447, nachdem eben Jobst von Ein- 
siedel noch in Thüringen beim Herzoge behufs weiterer 
Vereinbarung besonders des Wortlautes der Schadlos- 
briefe geweilt**), hatte Herzog Wilhelm seine Schlösser 
zur Aumahme der fremden Truppen bereit gemacht. Man 
sandte nun die Briefe an Peter von Sternberg mit der 
Bitte, sofort den Auszug der Scharen über Eger zu ver- 
anlassen und damit nicht weiter zu säumen, ^da ihm gar 
viel daran gelegen sei". Das scheint denn auch, wenn 
auch nicht so rasch wie der Herzog wünschte, geschehen 
zu sein. Nach und nach zogen 40 Fähnlein Böhmen, wohl- 
gerüstet und kampfesmuthig, gegen Thüringen. Sie wur- 
den in Weida, Weissenfeis und anderwärts untergebracht**), 
und bildeten, nachdem etwa Ende April alle Abtheilungen 
versammelt waren, eine Macht von 8500 — 9000 Streitern.**) 

Die grossen Rüstungen des Herzogs im Angesichte 
des Tages, der am 24. April zu Naumburg beginnen 
und auf jeden Fall zum Frieden fuhren sollte, mochten 
freilich die Friedensliebe desselben in etwas eigenthüm- 
lichem Lichte erscheinen lassen. Thatsächlich schienen 
denn auch die Berathungen unter der Linde bei Naum- 
burg trotz der Anwesenheit der vermittelnden Fürsten, 
der Gesandten des Erzbischofes von Mainz, der Er- 



*») Fontes r. A. XLII, 30, 81. 

**) Ebendort 30. 

'*) Härtung Eammermeister 1. c. 1193. Stolle 1. c. 21. 

'*) 8500: Konrad Stolle 21. 9000: Härtung Eammermeister 1196. 
In weiterer Entfernung steigerte die Phantasie der Berichterstatter 
die Zahl der Böhmen oder doch des ganzen herzoglichen Heeres 
auf 40000 Mann und noch höher. Yergl. unten. 



102 Adolph Bachmann: 

furter u. s. w. eher alles andere j als die Aussöhnung 
herbeizuführen. * ') 

Nicht bloss die Fürsten, die durch eigene Sprecher 
ihre Sache vertreten liessen, wurden durch die gegen- 
seitigen Ansprüche und Anklagen immer gereizter; auch 
die beiderseitigen Landsassen geriethen aneinander. Es 
kam bis zu Waffengebrauch und schwerer Verwundung. 
Zum Ueberflusse hörte man noch von der Fortdauer der 
Fehde zwischen Graf Ludwig von Gleichen und Apel 
Vitzthum und berichteten wiederholte Meldungen von der 
Raublust der Böhmen, die von Weissenfeis aus das Naum- 
burger und Merseburger Stiffcsgebiet verheerten und in 
des Herzogs eigenem Lande bis vor die Thore Weimars 
plünderten. *•) 

Dpei Wochen hatte der Streit gedauert. Schon waren 
die mainzischen Gesandten, die Boten der Erfurter, Mühl- 
häuser u. s. w. abgereist, schon rüstete auch Kurfürst 
Friedrich zum Abzüge und schien die Fehde liur noch 
gewaltiger entbrennen zu sollen, als die Fürsten im 
letzten Augenblicke wenigstens zur Verlängerung des 
Waffenstillstandes bis 1. September 1447 bewogen wurden. 
An diesem Tage solle man in Mühlhau'sen zusammen- 
treten und wollen Friedrich 11. von Brandenburg und 
Ludwig von Hessen als Bevollmächtigte die Streitfragen 
friedlich entscheiden. Bis dahin möge auch Apel Vitz- 
thum „in dem Frieden stehen**. 

Was war es, das Herzog Wilhelm auf einmal bo 
friedlich stimmte? Brüderliche Liebe, das Mitleid mit 
den schwer geprüften Landen waren es sicherlich nicht; 
schwerlich aucn die Drohungen der Vermittler.**) Viel 
wahrscheinlicher war es die starke Macht, mit der ihm 
sein Bruder entgegen zu treten vermochte. Auf die 
Kunde von der Werbung Wilhelms in Böhmen, die na- 
türlich nicht verborgen bleiben konnte, hatte nämlich 
Kurfürst Friedrich nicht blos im eigenen Lande stark 
gerüstet, sondern auch in Schlesien, der Mark und vor 
allem gleichfalls in Böhmen und zwar mit Erfolg werben 



**) Die nachfolgende Darstellung vor allem nach Eonrad Stolles 
fast gleichzeitiger Chronik 20—21. 

**) Härtung Kammermeister, Annal. Erfurtenses 1. c. 1192 fg. 
Eonrad Stolle 20 fg. 

**) Stolle 20: Do reyt Margrafs Frederich von Brandenborg zu 
deme jungen hefn keyn Fryborg, vnnd sagete ome also vel, vnnd 
bedrowete on vnnd ouch dy Yitcztum. 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest 103 

lassen.*®) Zwar warnte Zdenko Holicky von Sternberg, 
der spätere Oberstburggraf von Prag und Hauptgegner 
Georg PodiebradS; die Böhmen, nach Meissen zu ziehen, 
wohin er sich erst selbst begeben hatte; er besore^te wohl 
den Kampf von Böhmen gegen Böhmen. Trotzdem 
nahm Peter Edulinec von Ostromef mit 300 und Ce^ek 
von Pakomefie mit 400 Mann, Fussgänger und Beiter, 
meissnische Dienste. Ihnen folgten der jüngere Berka 
von Chlumec und andere mit Schaaren in der Gesammt- 
stärke von fast 4000 Mann.") 

Mit dem Waffenstillstände erwuchs für den Herzog 
Wilhelm die Verlegenheit, was nun mit den geworbenen 
fremden Eriegsleuten zu beginnen. Schon zehrten sie 
aus seinem Säckel und vom Lande, eine massige Abfin- 
dung wollten sie nicht nehmen '*), die Jahrgelder mussten 
jedesfalls gezahlt werden. Es war wieder Apel Vitzthum, 
der einen gelegenen Ausweg fand. Die ersten Tage nach 
dem Ende des Naumburger Tages sahen ihn auf dem 
Wege nach Westfalen, 

Bestrebt, seinen fürstlichen Eigenwillen in ganz West- 
falen zur Geltung zu bringen, und vor allem den Bund 
der Städte und Bitterschaft des Landes zu sprengen, hatte 
der kampflustige Kurfürst Dietrich von Köln an der 
trotzigen Hansestadt Soest eine mächtige Gegnerin ge- 
fanden. ^^) Die Feindseligkeiten des Erzbischofes beant- 
wortete die Stadt damit, dass sie ihm nun den Gehorsam 
völlig aufkündigte und Johann, den Sohn Herzog Adolfs 



*®) Hart. Eammermeister 1194. 

*>) Stafi letopisow^ cesti 1. c. st. 146. Dass man zwischen böh- 
mischen Schaaren, die zugleich dem älteren und jüngeren Herrn 
»von Sachsen zu Hülfe kamen, unterscheiden müsse, beweist schon 
die verschiedene Zeit ihres Auszuges (w nedeli po boziem wstüpenj 
— am Sonntag nach Christi Himmelfahrt — zog Edulinec ^ die an- 
deren noch später), der Weg der zum Kurfürsten nach „Meissen" 
ziehenden über Frag, das Eingreifen Zdenko Sternbergs, während 
anderseits die Nachrichten una Urkunden über Herzog Wilhelms 
Zug und dessen böhmische Hülfstruppen nur von den oben genannten 
Führern wissen. 

") Palacky 1. c, der aber seine Quelle nicht nennt. 

'') Th. G. W. Emminghaus, Memorabilia Susatensia, Jena 1749, 
688 fgg. Die Möglichkeit, dieses Werk benützen zu können, ver- 
danke ich der freundlichen Yermittelung des Herrn Staatsarchivar 
Dr. Ermisch. YergL Ennen, Geschichte der Stadt Köln HI, 859. 
Hegel, Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis 16. Jahrh. 
XIV (der kölnischen Chroniken III) Einleitung 180. 



X04 Adolph Bachmann: 

von Cleve, zum Schutzherrn wählte.'*) Weder der Schieds- 
spruch des Kaisers 9 noch die Acht des Reiches'^); noch 
endlich die bewafficieten Angriffe des Kurfürsten ^ auch 
als er unter dem Banner des Reiches zur Bekämpüong 
der Stadt auszog '*), vermochten Soests Widerstand zu 
beugen. Schon einmal; 1444 bei Beginn der Fehde, waren 
böhmische Schaaren bis nach Westfalen gerufen wor- 
den und hatten auch an der Bekämpfung der Soester 
theilgenommen, ohne gleichwohl Entscheidendes ausrichten 
zu können.*') Um so bereitwilliger hörte'*) jetzt der 
erbitterte Kölner Kirchenfürst auf die Vorscmäge; die 
ihm Herr Apel Vitzthum im Namen seines Herrn unter- 
breitete. Er versprach nicht blos die Zahlung des Soldes 
und die Erhaltung des Heeres zu übernehmen, sondern 
stellte dem Herzoge für seine Hülfeleistung selbst grosse 
Summen in Aussicht. 

Noch nach einer anderen Seite knüpfte Herzog Wil- 
helm Verbindungen an. Wie in Westfalen hielten auch 
in den niedersächsischen Landen Nobilität und Bürger- 
thum sich in scharfem Gegensatze die Wage. Schon war 
auch hier Herzog Wilhelm von BraimschWeig- Gruben- 
hagen mit den Eimbeckem feindlich zusammengerathen. 
Herzog Wilhelm von Sachsen durfte hoffen , dass er mit 
seinem Ersclieinen an der Spitze der gefürchteten böhmi- 
schen Schaaren und mit dem Aufgebote seiner eigenen 
Lande nicht bloss im Stande sein werde, dem Braun- 
schweiger und Kökier zum Siege zu verhelfen, sondern 
auch weithin als Schiedsrichter aufzutreten. Während er 
daher die Seinen aufrief, trat er mit Wilhelm von Braun- 
schweig in Verbindung und fand auch da freudige Zu- 
stimmung. So konnte nach Apel Vitzthums Rückkehr 
der Zug beginnen, da die Böhmen selbst der weiten Fahrt 
nicht widerstrebten. 



**) Lacomblet, Urkundenbuch für die Geschichte des Niederrheins 
IV, Nr. 268. ürk. v. 23. April 1444. 

**) Ghmel, Regesten I, J^o. 1878. Brief vom 22. Dez. 1444. 

*^ Ebendort No. 2216, 2217. Ludwig von der Pfalz und Kur- 
fürst Friedrich von Sachsen werden zu Hauptleuten des Reiches 
bestellt. 

*') Koelhoff'sche Chronik bei Hegel 1. c. 785. S. dagegen Em- 
minghaus 1. c. 690. 

**) Härtung Eammermeister 1195. Die gegentheilige Meldung 
dass der Kurfürst geschickt habe, erscheint nach den Ümst&nden 
weniger glaublich. 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 105 



n. 

In den letzten Tagen des Monats Mai hatten sich 
die Truppen, die an der Fahrt theilnehmen sollten, um 
Weimar versammelt; von Berka im Süden, wo die Böh- 
men lagerten'*), über Weimar und Buttelstedt bis Weissen- 
see im Norden*®) standen etwa 16000 Mann**) bereit. 
Am Donnerstage nach Pfingsten (1. Juni) sollte der Auf- 
bruch geschehen. Den Tag vorher gab es aber auch 
schon den ersten Anstand mit den Böhmen. Jetzt, da 
es ernst werden sollte, schienen sie plötzlich die Lust zu 
dem Zuge verloren zu haben; nur mit vieler Mühe und 
mancherlei Zusagen gelang es Herzog Wilhelm, die 
Führer, die von Berka zu ihm nach Weimar herüberge- 
ritten waren, umzustimmen. **) Es war ein böses Omen 
für das, was nachfolgen sollte. 

Am Ende des ersten Tagemarsches fanden sich die 
verschiedenen Heeresabtheilungen im Lager bei Strauss- 
furt an der Unstrut zusammen**); an Rudestedt und' dem 
Gebiete der Erfurter vorüber, die misstrauisch und in 
guter Wehr den Zug beobachtet hatten**), waren die 
Böhmen von Berka hiugezogen. Der zweite Tagemarsch 
brachte das Heer bis in die Nähe Mühlhausens**), doch 
nicht ohne Behinderung. Der Uebergang über die Unstrut 
hatte die Abneigung der Böhmen gegen „die Reise" neuer- 
dings wachgerufen. Diesmal half auch des Herzogs 
Zureden nichts; mehrere Fähnlein der Böhmen Hessen 
sich nicht abhalten, allein den Rückweg in die Heimat 



»•) Fontes r. A. XLII, 37. 

*•) K Stolle 1. c. 21. 

**) Die deutschen Truppen waren daher um ein weniges 
schwächer als die böhmischen. Die Zahl nach Hart. Eammer- 
meister 1195. ^ K. Stolle 21 sagt: 8500 Böhmen und ebenso viel 
Deutsche. Pesina hat 26000, ebenso viel die Koelhofi'sche Chronik 
bei Hegel, Städtechroniken XIV, 788, und Emminghaus 1. c. 689. Der 
Franziskaner Lesemeister Detmar in seiner Lübeck'schen Chronik 
(ed. Grautoff 2. Th. 1830) H, 107 „boven XXX dusent man**, worunter 
nur 5000 Deutsche. Yergl. noch Matth. Doeringii continuatio chro- 
nic! Theod. Engelhusii bei Mencke HI, 15 u. a. 

**) Fontes r. A. 1. c. 

♦») Fontes r. A. XLH, 37 „Stussfert", das nicht mit Stassfurt 
zu erklären ist. 

**) Wie K. Stolle 22 in patriotischer Freude meldet. 

**) Hart. Kammermeister 1195: Grabe by Molhusen. Fontes 
r. A. XLI, 37: „bie Körnte" (Körner, Dorf östlich von Mühlhausen). 



106 Adolph Bachmann: 

anzutreten^ nicht ohne dem herzoglichen Obermarschall 
ein Pferd wegzuführen.**) Um so mehr trug Wilhelm 
jetzt an der Grenze des eigenen Gebietes dafür Sorge, 
eine feste Ordnung für den ferneren Zug im Heere auf- 
zurichten, um dadurch nicht blos Ausschreitungen und 
Verluste zu vermeiden , sondern vor allem auch die ein- 
zelnen Rotten des Söldnerheeres noch enger an sich zu 
ketten. 

Erst erging an sie des Herzogs Aufforderung; aus 
ihrer Mitte einen Oberanfiihrer zu erwählen, was aber, 
bezeichnend genug, an ihrer Uneinigkeit scheiterte. Auf 
ihren Wunsch und mit ihrer Zustimmung bestellte nun 
Herzog Wilhelm selbst Herrn Peter von Sternberg zum 
obersten Hauptmann über sie. Als die Bottmeister die- 
sem Gehorsam gelobten, empfing auch Herr Apel Vitz- 
thum an des Herzogs Statt nochmals von ihnen die Zu- 
sage mit Hand und Mund, sie wollten dem Herzoge treu 
und gehorsam sein und ihm folgen, wohin er in Person 
sie führen würde. *'') Dann ward folgende ^Ordnung** 
vereinbart und durch das ganze Heer ausgerufen: 

1. Niemand soll beim Aufbruche voranziehen wollen, es sei 
denn der Marschall der Böhmen oder Deutschen und die ihm bei- 
gegeben sind. Wer diesen vorzuziehen wagt, den soll man „vom 
Pferde setzen**. Widersetzt er sich dem, so wird er an Leib und 
und Gut gestraft. 

2. Kein Erieeer soll beim Aufbrüche weiter ausrücken als bis 
in das nächste Fem am Lager; hier soll man harren, bis die Wägen 
in Keihe und Ordnung kommen. 

3. Die Wagen der deutschen Krieger ziehen auf der einen, 
die der böhmischen auf der andern Seite des Weges; jeder Wagen 
hat während der ganzen Dauer des Zuges seinen sichern Platz in 
der Reihe, den er ohne Ahndung nicht verlassen darf. 

4. Das Hauptbanner, das nach dem Rathe der Hauptleute be- 
stellt wird, soll an der Spitze des Zuges sein und niemand ihm aus 
dem Haufen vorrücken. 

5. Die Reisigen sollen neben und hinter ihren Wagen einher- 
gehen in der Ordnung, die ihnen vorgeschrieben wird und passend ist. 

6. Eigene „Nacntreiber*^ werden die Ordnung überwachen. 

7. Findet man bereits jemanden an dem Orte, den man zur 
Lagerstatt bestimmt hat, so soU ihn der Marschall durch seine Leute 
greifen und dem Herzoge überliefern lassen. 

8. Niemand darf Städte, Burgen und Kirchen ohne Geheiss 
des Herzogs oder seiner Hauptleute angreifen. 

9. Es soll überhaupt niemand vom Zuge abschweifen und da- 
neben ausreiten ohne Wissen der Hauptleute; für Schaden, den er 
dabei empfängt, wird der Herzog nicht einstehen. 



*•) Fontes r. A. XLIL 37. 
♦') Fontes r. A. XLII, 38. 



Herzog Wilhelm von Sachseu auf dem Zage vor Soest. 107 

10. Keiner soll mit dem andern Streit anfangen. Geschieht es 
dennoch, so soll die Sache jedesfalls vor die Hauptleute gebracht 
werden, wo jedem sicher sein Recht wird. Zttckt einer Schwert oder 
Messer, so soll mau ihm die Hand durchstechen ; verwundet er den 
andern, so soll man ihm die Hand abhauen; tödtet er ihn, so soll 
man ihm den Kopf abschlagen. 

11. Alle, die dem Heere zuführen, -treiben oder -tragen, sollen 
Sicherung und Freiung gemessen. 

12. Niemand soll beim Aufbrechen seine Bude anzünden und 
überhaupt brennen und sengen ohne des Herzogs Geheiss; wer da- 
wider thut, der soll ebenso mit Feuer gestraft werden.**) 

Man sieht, die Ordnung war streng und gut Aber 
was hilft die beste Ordnung, wenn der unbändige Kriegs- 
mann sich nicht zu bezwingen vermag, wenn die Führer 
statt dafür einzustehen durch eigene Widersetzlichkeit 
und Willkür die Bande des Gehorsams zerstören oder 
wenn, was bald geschah, die Noth gebieterisch zur Selbst- 
hülfe drängt? 

Das Heer hatte, von Mühlhausen nordwestlich ziehend, 
um an Göttingen vorbei das trotzige Einbeck zu erreichen, 
kaum das Eichsfeld ^*) betreten, als die eben geschaffene 
Ordnung sich auch schon zu lösen begann. Das wurde 
je länger um so schlimmer. Des geordneten Ziehens über- 
drüssig, zogen einzelne Rotten immer wieder besonders 
und lagerten besonders. Dadurch ward die Verpflegung 
erschwert und unregelmässig, selbst wenn hinlänglich Vor- 
r'athe im Heere vorhanden waren, was nicht immer ge- 
wesen zu sein scheint. Um so weniger scheute man fern 
von dem Auge des Herzogs vor Eigenhülfe und der alten 
Gewohnheit zu plündern zurück; besonders auf Kirchen 
und Klöster war es von dem hussitischen Kriegsmann ab- 
gesehen, da es hier an edlem Metall und kostbaren Ge- 
wändern oder doch wenigstens in den Kirchenglocken 
insgemein reichlichere Beute gab; eine religiöse Scheu, 
die ihn etwa zurückhielt, besass er nicht. Anderseits ward 
freilich wieder mancher über der Gewaltthat erschlagen, 
so z. B, im Lager vor Göttingen, wo nur die Dazwischen- 
kunft der beiden Herzoge Heinrich und Wilhelm von 
Braunschweig und des Landgrafen von Hessen*®), die 
gleichfalls dem Kölner zuziehen wollten, die Stadt vor 
einem Angriffe des rachedürstenden Heeres errettete. Auch 
der Herzog; so grossen Verdruss er über diese Vorgänge 

") Fontes r. A. XLII, 36. 

**) Hart. Eanunermeister 1196: „zoch herzog Wilhelm . . . vf 
den Sonnabent (3. Juni) darnach vf das Eisfeld etc.<* 

'") Nur erwähnt bei Detmar, Lüb. Chronik 1. c. 108, 



108 Adolph Bachmann: 

empfand, hatte einen Augenblick daran gedacht, sich 
Göttingens zu bemächtigen.**) 

Vereint zo^n nun die Fürsten nordwärts vor Einbeck. 
Trotz der geschilderten Uebelstände, die sogar unter den 
„Gleichen'', zwei Bergen nordwärts von Göttingen, den 
brandenburgischen Dienstmannen im Heere den Anlass 
oder Vorwand gaben, sich von dem Zuge zu trennen und 
umzukehren **), schien der allseitige Erfolg des Unter- 
nehmens sicher. Zwar hatte die Stadt Einbeck einen 
Rückhalt gefunden an dem Bischöfe Magnus von Hildes- 
heim aus dem Geschlechte der Herzoge von Sachsen- 
Lauenburg, und eilte dieser auch jetzt zu Hülfe herbei, 
nachdem er schon früher dem Herzoge Wilhelm von 
Braunschweig mehrere Orte abgenommen: binnen drei 
Tagen beugten der Herzog und die Böhmen durch ihre 
Uebermacht und die Drohung, die Saaten zu zertreten, 
den Trotz der Bürgerschaft. Die Einbecker gelobten 
dem Herzoge von Braunschweig Gehorsam und versprachen 
12000 fl. zu zahlen.**) Auch der Bischof von Hildesheim 
hielt es für das Beste, seine Truppen aus Einbeck und 
den anderen besetzten Punkten wegzuziehen und lieber 
gleichfalls sich dem Heereszuge nach Westfalen anzu- 
schliessen. 

Mit gesteigertem Selbstvertrauen zogen nun die Fürsten 
westwärts, setzten über die Weser und drangen in das 
Paderborn'sche Stiftsgebiet ein**), Brakel **) und andere 
Orte auf dem Wege mehr durch den Schrecken ihres 
Namens als durch Gewalt zur Ergebung und Abdingung 
zwingend. Schon hatte sich auch Kurfürst Dietrich von 
Köln erhoben, dem heranziehenden Heere die Hand zu 
reichen. So sehr mehrten die glücklichen Ereignisse die 
freudige Siegeszuversicht des Heeres, dass die Böhmen 
sich rühmten, sie würden Soest nehmen, „es sei denn, 
dass die Stadt ein Gewölbe über ihr hätte imd es nicht 
möglich sei, dass sie jemand konnte gewinnen'^.**) Aber 
es wuchs auch ihre Raublust und Zügellosigkeit, wobei 



»») Detmar L c. 

*') Die Angabe des Reimchronisten bei Emminghaus 1. c. 689 
ist darnach richtig zu stellen. 

»») Detmar, L.Ch. 107— 108. Stolle 22 : „czehen tusent gülden." 
u. a. 0. 

»*) Nach Detmar 108. 

**) Pesina, Mars Moravicus 636. 

»•) K. Stolle 26, • 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 109 

sie es mit der Untersclieidung von freundlichem und 
feindlichem Gebiete nicht eben sonderlich genau nahmen. 
So hatte Heinrich von Kolowrath während der zwei- 
tägigen Bast bei „Lutharst^^, westlich von Einbeck, selbst 
das braunschweigige Oldendorf (?) angegriffen, ohne freilich 
sich des Ortes bemächtigen zu können. Herzog Wilhelms 
zornige Vorstellungen aber und seine Erklärung, ftlr den 
hier erlittenen Schaden werde er nicht aufkommen, hatten 
Kolowrath und eine Reihe anderer Rottmeister mit offenem 
Trotze beantwortet und wirklich dann das Signal zum 
Aufbruche und Weiterzuge unbeachtet gelassen. Erst 
Apel Vitzthum, der bei ihnen zurückblieb, gelang es, die 
Zürnenden zu beschwichtigen und zum Nachziehen zu be- 
wegen, worauf auch der Herzog durch versöhnliches 
Wesen das Geschehene vergessen zu machen strebte.*') 
Die Vereinigung des rheinischen mit dem sächsisch- 
böhmischen Heere brachte zunächst schwere Tage für das 
Lippe'sche Gebiet. Wie ein verheerender Strom ergoss 
sich das zu unwiderstehlicher Stärke angewachsene Heer 
über das unglückliche Land. Da wurde Schloss und 
Stadt Blomberg erstürmt, geplündert und angezündet*®), 
Hörn und Detmold mit der Burg zur Unterwerfung ge- 
zwungen. Aus Lemgo war geflohen, was nur zu fliehen 
vermochte; die übrigen huldigten dem Erzbischof e, zahl- 
ten 9000 fl. und versorgten das Heer mit Speise und 
Trank.**) Aehnlich erging es mit Salzuffeln (Salz?) und 
Herford, wo man 13000 fl. erpresste. Nur Schloss Falken- 
berg widerstand mit Erfolg den Scharen der Angreifer. ®®) 
Ein gewaltiger Schreck flog weithin durch die nieder- 
deutschen Lande. Da gaben die Bürger von Osnabrück 
den gefangenen Johann den Jüngern von Hoya ohne 
Lösegeld frei, als die Heerführer dies verlangten, und 
leisteten willig zur Versorgung des Heeres.**) Da machten 
die Drohungen des Bischofes von Münster, diese Stadt 



*') Fontes r. A. XLII, 39. Vergl. übrigens des Herzogs Be- 
schwerdebrief gegen Heinrich von Kolowrath im Grossh. und Herz. 
Gesammt-Arch. zu Weimar Reg. A, fol 8 b, No. 18. 

»») Nach 789 Anm. 1, in Hegel, Städtechroniken XIV (KoelhoflT- 
sche Chronik). Detmar, U Gh. 1. c. sagt 25000 fl. 

»•) Archiv cesky IV, st. 388 a. a. 0. 

••) Detmar. L. Chr. 108. Die Gesammtsumme der Abdingungen 
schätzt H. V. Kolowrath auf 66000 fl. Arch. cesky IV, st 388. Ftlr 
Falkenberg s. Emminghaus 1. c. 690. 

*>) Detmar, L. Chr. 109. Emminghaus 693. 



110 Adolph Bachmann: 

mit dem böhmischen Heere heimzusuchen; den Stadtrath 
derart gefügig, dass er nicht bloss aus dem Bunde gegen 
ihn zu treten, sondern selbst Soest abzusagen bereit war', 
kaum dass die Commune die üblen Folgen dieser Zag- 
haftigkeit verhinderte.**) Die Drohung aes Erzbischofes 
endlich; er werde Paderborn vertilgen, wenn die Stadt 
nicht aus dem Bunde der Landschaft trete, veranlasste 
die eilige Flucht vieler aus der Stadt, als die geftirchteten 
Böhmen mit dem Heere herannahten.®^) Allgemein aber 
wurde geglaubt und behauptet; das Heer sei erschienen 
nicht etwa Soests wegen allein, sondern nach dem Willen 
der Fürsten und in der Absicht; die Städter zu demüthigen. 
Nach Hessen hinauf und bis an die Gestade des Meeres 
hinab herrschte Furcht und kriegerische Bewegung. **) 
Wer konnte auch ahnen^ dass die Zeit der £rfolge für 
das Invasionsheer bereits vorüber sei? 

Nachdem Herford gefallen war; die Osnabrücker sich 
gefügt hatten, zo^ das Heer durch die Joche des Teuto- 
burger Waldes wieder in die westfälische Hochlandschaft 
und lagerte sich vor Lippstadt. Nach dessen Bezwingung 
sollte boest an die Reihe kommen. Hier aber brach sich 
zuerst die böhmische Sturmflut. „Das ist eine wohlbe- 
festigte Stadt", schreibt Heinrich von Eolowrath an seinen 
Oheim Pesik von Kunwald nach Böhmen, „geschützt 
durch wasserreiche tiefe Gräben, wenige Städte Böhmens 
können sich mit ihr vergleichen; nur dass die Gallerien 
an den Mauern nicht gut eingerichtet sind. Auch ist sie 
grösser als irgend eine Stadt in Böhmen ausser Prag und 
Kuttenberg."®*) Und der Lübecker Chronist meldet: 
„Die Lippe war wohl bemannt mit guten wehrhaften 
Leuten und wohl bewahrt mit Büchsen und mit allerlei 



**) Ebendort: Doch jo wart das umme ghedreven van der 
menheyt." 

**) Emminghaus, Memor. Susat. 691. 

'^) Matth. Doerinsü contin. Th. Engelhasii bei Mencke III. 15. 
lieber den Schrecken den die Böhmen verbreiteten s. Emmingnaus 
690, 692—693. Die Menge erzählte sich die seltsamsten Dinge: 
Dat Gerechte genck ock in dem Swanck, 
Dat dey Bemen hedden enen Sterth lanck, 
Und klemmeden dey Muren op als Ratten, 
All sunder Ledderen und Latten, 
Und all dat nicht gewelwet was to, 
Dar konden sey inkomen spade und vro. 
(Bmminghaus 694). 

**) Archiv cesky IV, 388. Eine genaue deutsche Uebersetznng 
bei Palacky» Gesch. Böhm. IV. 1, 179 fg. 



Herzog Wilhelm von Sachsen aaf dem Zuge yor Soest. IH 

Wehre." ••) Der Lippefluös, der die Stadt auf der Nord- 
seite umströmt, macEte zudem von hier überhaupt jede 
Eroberung unmöglich, •') So ging die Belagerung nur 
langsam vorwärts. 

Zwar wurden Mauern und Thore durch das Geschütz 
der Belagerer fast niedergeworfen, wiederholt loderten in 
der Stadt die Flammen empor ®^): die Lippstädter ^ die 
höhnend dem Erzbischofe entboten, auch nicht einen Hel- 
ler wollten sie ihm zahlen®*), löschten glücklich die bren- 
nenden Häuser und thaten mit ihren Geschützen den Be- 
drängern nicht minderen Schaden.''®) Schon lag man 
elf Tage vor der Stadt '^), und noch wollte der Augen- 
blick zum Sturme nicht kommen. ^^) Inzwischen bedrängte 
ein anderer Feind immer grimmiger die deutschen und 
böhmischen Heerhaufen, der Hunger. 

Es mag sein, dass die Zügellosigkeit der Böhmen, 
ihre Ungenügsamkeit die Verpflegung erschwerte, dass 
sie/ wie dann der Herzog bitter klagte, nicht selten auch 
jene Vorräthe gewaltsam sich aneigneten; die für die 
deutschen Heeresabtheilungen bestimmt waren. '*) Die 
Beschwerden derselben über schweren Mangel, den sie 
leiden müssten, wie über unregelmässige Zahlung des 
Soldes scheinen dabei trotzdem berechtigt gewesen zu 
sein.'*) Die Noth muss gross gewesen sein, wenn Herzog 



••) L. c. 108, 

•0 K. Stolle 24. Vnnd dy stad had vff einer syten eyn wasser, 
genant dy Lippe, do von sy also Teste was, das sy or nicht konden 
angehabe noch gestorme etc. 

") KoelhoflPsche Chronik bei Hegel, Städtechroniken XIV, 789. 
Emminghaus 1. c. 695. 

••) K. Stolle 24. 

'<^) Detmar, L. Chr. 108 a. a. 0. Emminghaus L c. 697. 

'^) Archiv ßesky IV st, 888 : skoro dve nedele (fast zwei Wochen). 
Fontes r. A. XLII, 40: „vierzehentage". K. Stolle 1. c. von Diens- 
tag nach Viti (20. Juni) bis Freitag Petri und Pauli (30. Juni). 
EoelhofiTsche Chronik 1. c. 789: „i^d stormden die 14 dage lank'^ 
Die gleiche und wie es scheint genaueste Angabe wie^ Stolle hat 
auch Bartholomeus von der Lake, Geschichte der Soester Fehde (bei 
Seibertz, Quellen der westfälischen Geschichte II, 380 fgg.). Dagegen 
sagt der Reimchronist bei Emminghaus 1. c. 699: „Is hey den 
twelften Dach mit den synen opgebrochen". Derselbe beziffert (687, 
688) den Verlust der Angreifer auf 400, den der L. auf nur 2 Todte. 

") Fontes r. A. XLÜ, 41. 

»») Fontes r. A. XLII, '46. 

'*) Fabricius, Origines Saxoniae 718: „potritisque et exhaustis 
agris aa Susati oppugnationem festinant''. 



112 Adolph Bachmann: 

Wilhelm sich bewegen liess, in einem formlichen Vertrage 
geradezu die Fortsetzung des Zuges von der Möglichkeit 
genügender Verpflegung abhängig zu machen. 

Jeder Streiter, so verpflichtet sich der Herzog, erhält 
täglich zwei Laiblein Brod, dazu Bier und Fleisch oder, 
falls es irgend möglich ist. Fastenspeise, je nach dem 
Tage, wie das auch schon bisher gehalten wurde. Sei 
man einen Tag nicht im stände, obiges zu leisten, so soll 
jeder Mann am nächsten Tage vier Brode erhalten und 
ihm ebenso Bier und Fleisch „gebessert" werden. Wäre 
man dies aber auch noch den dritten Tage nicht zu thun 
in der Lage, so soll auf die Ermahnung der Böhmen das 
ganze Heer aufbrechen und heimziehen. Der Herzog soll 
dann jene sicher heimgeleiten imd ihnen alles erftülen, 
was er ihnen versprochen. Dafür geloben auch sie ihm 
gehorsam zu sein und sich von ihm nicht früher zu trennen, 
als bis der Kurfürst von Köln seine Mühe und Kosten 
ersetzt habe.'*) 

Die Fruchtlosigkeit der Belagerung, die Zänkereien 
mit den Söldnern, die, einmal aufgehalten, nun lieber die 
Zeit dem Spiele als ernster Belagerungsarbeit widmeten, 
erregte weithin Aufmerksamkeit und warnte die Reichs- 
städte vor übereilten Beschlüssen.'*) Noch war es nicht 
zu einem eigentlichen Sturme auf Lippstadt gekommen, 
als die Fürsten beschlossen, die Belagerung abzubrechen 
und lieber sofort auf den Hauptfeind loszugehen.") 

Soest besitzt lange nicht die feste Lage von Lipp- 
stadt; weder ein Fluss noch besonders hohe Mauern be- 
schützten die Stadt.'*) Aber die todesmuthige Entschlos- 
senheit der Bürgerschaft, die Hülfe, die Adolf von Cleve 
sandte, dessen eigener Sohn Herzog Johann freiwillig oder 
gezwungen sich mit einschliessen liess '•), wogen jene 
Nachtheile völlig auf. 

Dass man es mit einem entschlossenen Gegner zu 
thun habe, erfuhren die Verbündeten gleich beim An- 
märsche. Mit 500 Pferden zogen ihnen die Soester ent- 



»») Fontes r. A. XLII, 31 fg. 

»•) Ebendort 40. 

'') Dass der Befehl plötzlich gegeben wurde, beweist der Brief 
Heinrich Eolowraths im Arch. cesl^ 1. c. 

'*) K Stolle 25: „sy (die Staat) had sust kleine trocken graben 
vnnd eyne aide bosze muren^'. 

»•) K. Stolle 1. c. Detmar, L. Chr. 109. Koelhoffsche Chronik 
bei Hegel 789 u. s. w. 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 113 

gegen und sachten ihnen möglichst Schaden zu thun. 
Freilich führte dies zu einem bedenklichen Unfälle für 
die Städter. Die Böhmen nämlich drängten sie nicht bloss 
siegreich bis vor die Stadtmauer, sondern stürmten zu 
gleicher Zeit das hart davor gelegene Sanct Walburgis- 
kloster, das Herzog Johann persönlich vertheidigte. Das 
Kloster, dessen Besatzung ob des bunten Gewirres, in 
dem Freund und Feind sich befanden, nicht wagte, 
sich der Geschütze zu bedienen, wurde genommen und 
die Besatzung niedergemacht oder gefangen. Mit Mühe 
entkam der junge Herzog in die Stadt. *^ 

Anderseits erzeugte dieser Erfolg sofort auch neuen 
Streit mit den Böhmen» Nachdem sie nämlich zuerst das 
Kloster bewacht, dann Ablösung bekommen hatten, 
weigerten sie sich, als die Reihe wiederum an sie kam, 
den gefährlichen I^osten von neuem zu beziehen. Es 
blieb dem Herzog Wilhelm nichts anderes übrig, als 
durch sechs Tage das Kloster allein durch die deutschen 
Truppen besetzt zu halten, was neben den anderen Be- 
lagerungsarbeiten natürlich diesen sehr schwer fiel. Noch 
viel bedenklicher als dies war der üble Einfluss, den ein 
solches Verhalten der böhmischen Truppen auf das Ver- 
hältnis der Mannschaft beider Nationalitäten zu einander 
überhaupt haben musste. Unverhohlen brach der Unwille 
der Thüringer hervor: die Böhmen erhielten Sold und 
sie nicht, und dennoch hätten jene beim Herzoge stets 
den Vorzug vor ihnen; sie müssten eigentlich den Böhmen 
den Sold verdienen und für sie wachen.®*) Lässigkeit 
und Widerwille auch bei den Deutschen waren die na- 
türUche Folge. **) 

Trotzdem schritt die Belagerung vorwärts. Durch 
die Wiederankunft des Herzogs Wilhelm von Braun- 
schweig und den Zuzug (?) Graf Johanns von Hoya er- 
hielt das Heer neue Verstärkung. Nachdem man das 
Lager drei Pfeilschtisse von der Stadt aufgeschlagen imd 
durch einen grossen Graben und mächtigen Damm sich 



'®) Detmar 109. Stolle 24 nennt die Zahl der Erschlagenen 
und der gewonnenen Geschütze. Eoelhoff'sche Chronik 1. c: ,,mä 
der herzoch van Cleve yursz intqaam den Behemem so nauwe uis 
dem cloister in die stat, dat hinder dem herzogen einre erslagen 

wftrt 

") Fontes r. A. XLII, 42 fg. 

•*) Fontes r. A. 1. c. : darvon vns gemeinlich von den Thutz- 
schen grosser abfall, yngehorsam vnd widerstant begegnet. 

NeuM AretaiT f. 8. Q. u. A. IL 3. Q 



114 Adolph Bachmann: 

gegen das Geschütz und die UeberfäUe der Städter ge- 
sidhiert hatte, sahen sich letztere durch die Geschosse der 
Belagerer immer härter bedrängt. Schon waren die 
Mauern zerschossen, dachte die Stadt an Ergebung imd 
verlangte mit dem Erzbischofe zu verhandeln, schon nahm 
auch Herzog Wilhelm mit dem von Braunschweig und 
Graf Johann von Hoya seine grossen Pläne wieder auf*'), 
als die Vorgänge im Belagerungsheere eine Wandlung 
der Dinge herbeiführten. 

Hatte bereits vor Lippstadt der Hunger dem Heere 
hart zugesetzt und den vorzeitigen Abzug mit verschuldet**), 
so hielt es vor Soest noch schwerer, eine so grosse Men- 
schenmenge mit dem Nöthigen zu versorgen. Bald war 
die Gegend ringsum ausgesaugt, waren die alten Vor- 
räthe erschöpft, während das neue Getreide erst im Reifen 
war; zudem hinderten die Soester durch häufige Ausfälle 
die Zufuhren. **) Da erhob sich denn, wie natürlich, 
Murren im Heere, und wieder waren die Böhmen am 
ungestümsten. Es half dem Herzoge wenig, dass er, uro 
nur sie in Ruhe zu halten, zuerst mnen die Lebensmittel 
zutheilen liess, dann erst den deutschen Truppen. Oft 
reichte eben das Vorhandene keineswegs imd dann warfen 
sich die Böhmen, von Hunger getrieben, rücksichtslos auf 
die für die andern Abtheilungen und für den Herzog 
selbst bestimmten Vorräthe und hielten sich daran schad- 
los. **) Da jene das Ihre vertheidigten, so fehlte es nicht 
an Kampf und Gewalt. Als der Mangel wuchs, drängten 
zudem oie Rottmeister unablässig den Herzog mit dem 
Verlangen, nun mit ihnen abzuziehen, wie er in seinem 
Briefe vor Lippstadt verheissen hatte. Auf seine Weige- 
rung hin musste der Herzog geradezu besorgen, dass der 
bedrängte böhmische Heerhaufen allein fortziehen imd ihn 
in der Fremde im Stiche lassen werde. *'') 

Dabei blieb der Mangel nicht die einzige Ursache 
zum Zwiste; bald gesellten sich Klagen über die unregel- 
mässige Soldzahlung hinzu. Herzog Wilhelms Kasse 
scheint nicht minder erschöpft gewesen zu sein, als jene 



•») Fontes r. A. XLII, 42. 

•*) Vergl. Fabricius, Origines 713. 

•») Konrad Stolle 24. 

••) Fontes r. A. XLII, 45. 

") Fontes r. A. XLII, 41 fgg. 



Herzog Wilhelm yon Sachseu saf dem Zuge yor Soest. 115 

des Köhler Kurfürsten. ^^) Man war bald ausser stände, 
die Truppen nach der getroffenen Vereinbarung abzu- 
lohnen. Die Böhmen verlangten aber nicht nur ihren 
Sold, sondern ihre Führer forderten auch die Hälfte des 
bedungenen Dienstgeldes , obwohl die sechs Monate noch 
nicht völlig abgelaufen waren.**) Tag für Tag bedrängt 
und gequält, musste Wilhelm von Sachsen nicht nur den 
Herren von Kolowrath, Dburg, Janowitz, dem Calta, 
Sädlo die geforderten Beträge auszahlen, sondern sich 
auch noch der Soldzahlung wegen folgendermassen ver- 
pflichten: 1. am nächsten Tage, Sonntag den 9. Juli (?)**) 
den Böhmen die rückständigen Soldbeträge in guten 
böhmischen Groschen, deren 24 auf einen rheinischen 
Gulden gehen, oder in rheinischen Gulden zu bezahlen; 
2. all den weiteren Sold, den sie noch verdienen würden, 
ihnen bis eben diesen Sonntag über drei oder doch läng- 
stens über vier Wochen ebenso in rheinischen Gulden oder 
böhmischen Groschen auszurichten; 3. falls sie noch länger 
als bis dahm in seinem Dienste bleiben sollten, so wolle 
er ihnen ihren Sold alle acht Tage oder vierzehn Tage 
oder drei Wochen, längstens aber alle vier Wochen be- 
zahlen und schliesslich, wenn sie aus seinem Dienste 
schieden, ihnen zu Eger ihren „verdienten und verfallen** 
Sold gänzlich ausrichten; 4. sollte ihm das nicht sofort 
möglich sein, so würden sie wenigstens binnen zwei Mo- 
naten hernach ihren Sold ganz und ohne Weigerung und 
weitere Verzögerung erhalten. 

Das alles gelobt ihnen der Herzog bei seinen fürst- 
lichen Treuen und Ehren, wogegen auch sie versprechen, 
ihm getreu und gehorsam zu sein und nicht früher sich 
von ihm zu trennen, als bis er von dem Kurfürsten von 
Köhi völlig entschädigt sei.**) 

Aber Herzog Wilhelm vermochte, wie es scheint, auch 



••) Ennen, Geschichte der Stadt Köln m, 419 fgg. Vergl. La- 
comblet, UrktmdeBbuch lY, 351, 374 Anmerkung, 375; femer Eoel- 
hofiTsche Chronik bei Hegel, Städtechroniken XIY, 790. Pesina, 
Mars Moravicus 635 und a. a. 0. 

••) Fontes r. A. XLII, 46 fg. 

•<>) Das genaue Datum in der noch vorhandenen Gopie des 
Briefes fohlt; es heisst bloss ,,vif mom sontag", was auf den 1., 9. 
und 16. Juli gehen könnte. Nach den Umständen möchte ich mich 
für den obigen Tag entscheiden. 

•*) Gopia im Grossherz, und Herzogl. Ges.- Archive zu Weimar, 
Reg. A fol. 8 b Nr. 18 (alter Ordnung). 



116 Adolph Bachmann: 

nicht einmal die erste Zahlung zu leisten, da eben ihm 
der Kurfürst seinerseits nicht auszuhelfen in der Lage 
war. Anderseits verlangten die Böhmen nun auch die 
Sicherstellung dafür, dass der Herzog auch den Schad- 
losbriefen nachkomme. So begann der Zank, kaum zur 
Buhe gebracht, aufs neue und ärger als zuvor , bis der 
Herzog, um grösseres Unheil zu vermeiden, sich entschloss, 
einen Theil seiner Städte und Burgen mit dem zugehö- 
rigen Gebiete den Böhmen als Pfand für die richtige 
Auszahlung der Schadlosgelder zu überlassen. Nach 
sorgfältiger Berathimg kam man überein: ^^) 

1. Der Herzog verpflichtet sich, die Städte und Burgen 
Weida, Amshaug, Ranis, Pösneck, Triptis, Auma und 
Neustadt mit all ihren Dörfern, Gerichten, Rechten, Herr- 
lichkeiten, Würden, Nutzen und andern Zugehörungen für 
die Schäden, welche die böhmischen Truppen während 
der Dauer ihres jetzigen Dienstverhältnisses zu ihm er- 
leiden würden, diesen als Pfand zu übergeben und zwar 
auf die Summe, welche die in den Schadlosbriefen be- 
nannten Schiedsrichter festsetzen würden. 

2. Der Herzog verpflichtet sich für sich und seine 
Erben mit seinem mrstlichen Worte, dieselbe Summe nach 
Abzug dessen, was er ihnen etwa mit Geld oder Pferden 
schon zuvor ersetzt hat, in der Stadt Eger gütlich zu 
bezahlen. 

3. Die Böhmen treten in den Pfandbesitz und Genuss 
der genannten Städte und Burgen mit all ihrem Zugehör, 
so wie der Herzog binnen der bestimmten Jahresfrist die 
Zahlung nicht leistet, imd verbleiben darin so lange, bis 
die Schadenssumme völlig bezahlt ist. Ist dies aber ge- 
schehen, so soll die Pfandschaft alsbald in des Herzogs 
Hand zurückgeantwortet werden. 

4 Für den Fall, dass die Pfandinhaber des Geldes 
bedürftig wären, sollen sie dies nach Ablauf der genannten 
Frist dem Herzoge in einem offenen Briefe verkünden; 
derselbe wird ihnen nach Ablauf eines Monates an einem 
festgesetzten Tafi;e das Geld zu Eger bezahlen und da- 
durch seine Städte und Burgen etc. entledigen. 



*') Fontes r. A. XLII, 32 fgg. Das Datum nach der Andeu- 
tung ebendas. 41. Bei dieser Gelegenheit bemerke ich, dass ich 
nun die beiläufigen Bestimmungen von Zeit und Ort bez. Nr. 20, 
21, 22, 23 der Fontes r. A. XLII nach den Ausführungen dieser Ab- 
huidlung abändern würde. 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 117 

5. Wäre der Herzog auch dann noch säumig mit 
der Zahlung^ so hätten die Pfandinhaber die Macht und 
Gewalt, die genannten Städte und Schlösser etc. auf die- 
selbe Summe Geldes, wie sie ihnen der Herzog schuldig 
ist, einem oder mehreren, nur nicht dem Könige von 
Böhmen, weiter zu versetzen und zu verpfänden. 

Weitere Bestimmungen besagen, dass der Herzog sich 
die Wildbahn in den genannten Aemtem vorbehalte, 
etwa während der Ffandschaft ledig werdende Mannlehen 
in denselben unverliehen bleiben sollen, dass der Herzog 
die Pfandinhaber schützen und ebenso sie ihm getreulich 
helfen und rathen sollten gegen jedermann, dass sie die 
in den verpfändeten Gebieten Eingesessenen bei ihren 
Rechten und ihrem Herkommen belassen sollten u. s. w. 
Diesem Briefe des Herzogs gegenüber geben die böhmischen 
Herren, Ritter und „ehrbaren" Leute ihren versiegelten 
Reversbrief und geloben ihm in seinem Dienste gehorsam 
zu sein, ihm getreulich beizustehen und nicht eher von 
ihm aufzubrechen, als bis er von dem Erzbischofe von 
Köln völlig entschädigt sei. Doch soll der Herzog ihnen 
auch das halten, was er sonst verschrieben hat. — 

Die Urkunde ist zu sorgfältig abgefasst, als dass man 
an des Herzogs ernstlichem Willen, jene Schlösser den 
Böhmen einzuräumen, zweifeln sollte; er erbot sich sogar, 
sie sofort den Leuten, die sie dazu bestimmen würden, 
zu tiberantworten. Wenn dann trotzdem weder dies noch 
jenes geschah, so wird man des Herzogs Behauptung 
glauben dürfen, dass die Böhmen, misstrauisch auch unter 
einander, sich über jene nicht zu einigen vermochten, 
die das Pfandgut im Namen aller zu getreuen Händen 
übernehmen sollten, und dass daran die ganze Sache ge- 
scheitert sei. •') Dafür dauerte aber auch der Zwist und 
die Unzufriedenheit fort. 

Die Folgen waren höchst unangenehme für die Be- 
lagerer. Die Gegnerschaft der böhmischen und deutschen 
Truppen lähmte natürlich den Eifer und das thatkräftige 
Zusammenwirken beider; um so mehr wuchs den Soestern 
der Muth, als sie durch den einen oder andern heimlichen 
Freund, den sie im Lager hatten, von diesen Vorgängen 
Nachricht erhielten. •*) Von neuem Hoffen belebt, gaben 

•») Fontes r. A. XLII, 41 fg. 

•*) Detmar, L. Ch. 110. K. Stolle 25. Man sprach, offenbar mit 
Unrecht, von Apel Vitzthum: „ynnd wart eyn gemeyn gerochte, wy 
das er Apel Yitczthom es hette mit der stad gehalden.** 



118 Adolph B&chmann: 

sie den Gedanken an Ergebung auf und vertheidigten sich 
mit der früheren Hartnäckigkeit. •*) Der Zwiespalt unter 
den Belagerern wurde aber bald auch in der Feme be- 
kannt. Die Keichsstädte^ durch den drohenden Fall Soests 
geschreckt, hatten zahlreich Botschaften abgeordnet, mit 
den Heerführern in Verhandlungen zu treten; diese kehrten 
nun auf dem Wege um. Der Herzog, um den Ausgang 
der Belagerung selbst bereits besorgt, musste auf alle weit- 
ausgreifenden Pläne verzichten. **) Unter solchen umständen 
wurden der Erzbischof und die Böhmen einig, alles auf 
eine Karte zu setzen und die Einnahme der Stadt mit 
stürmender Hand zu versuchen. Geringere Zuversicht be- 
wies Herzog Wilhelm von Sachsen, als ihm die Rottmeister 
ihren Entschluss kundgaben; um jedoch den Vorwurf der 
Feigheit zu vermeiden, entschloss auch er sich, am An- 
gri£fe theilzunehmen. 

Nachdem die Vorbereitungen getroffen waren, ordneten 
sich in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli die Böhmen 
und die rheinischen Truppen zum Sturme; von drei Seiten •') 
sollte zu gleicher Zeit der Angriff auf die Mauern statt- 
finden; mit 1200 Leitern, die der Erzbischof hatte herbei- 
schaffen lassen, hoffte man diese zu gewinnen. Im zweiten 
Treffen stand Herzog Wilhelm mit seinen deutschen Truppen, 
zur Unterstützung und Mitwirkung bereit. **) Auch diesmal 
fehlte es nicht an dem Verräther. Man kannte in der 
Stadt nicht bloss die Absicht des Heeres, zu stürmen; man 
soll sogar gewusst haben, zu welcher Zeit und auf welche 
Mauerstrecken der Angriff stattfinden werde. ••) Die mit 
betäubendem Kriegsgeschrei '^^) andringenden Scharen 



**) Fontes r. A. XLU, 42 : also das die von Soyst gütlicher tei- 
dunge, der sie begert hatten etc.. ganz abfihlen. 

**) Ebendort. Der Beimcnronist bei Emminghaus, Memor. 
Susat. 700 meldet darüber: 

Sey vechteden und streden iegen enander ser 
Eyne ganse Mantydes und noch mer, 
Degelich und sunder Underlaht, 
Et was allenthalven böse und quat. 
**) Detmar 110: unde stormede de stad in dren steden. Koel- 
hofiPsche Chronik 789 : ind sturmden an drien enden gelich an. Bar- 
tholom. Lake 1. c. 406. Dagegen E. Stolle 25: vnnd stormeten dy 
stad an vier enden. 

**) Adami Ursini chronicon Thuringicum bei Mencke, Scriptores 
in, 1329: (die Böhmen) musten zuuor an die stürme gähn. 
••) Detmar, L. Chr. 110 und K. Stolle 1. c. 
*••) Emminghaus, 1. c. 701. 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest 119 

fanden die Vertheidiger wohl vorbereitet; Frauen und Kinder 
halfen den Männern beim todesmuthigen Widerstände.*^') 
Entschlossen und ruhig harrten sie aus ^^^), bis die Stür- 
menden an die Mauern herangekommen^ dann eröffneten 
sie von diesen und den wohlbemannten Thürmen aus ein 
furchtbares Feuer von verderblichster Wirkung. Ver- 
gebens füllten die Belagerer zu Tausenden den Graben, 
legten die Leitern an, kletterten muthig empor, vergebens 
trieb der Erzbischof, der sich persönlich in das Getümmel 
der Kämpfenden wagte *^'), zur Ausdauer und zu neuen An- 
griffen. Die Leitern waren zu kurz, mit gewaffneter Hand, 
siedendem Wasser, glühend gemachten Pfeilen wehrten 
die Vertheidiger ab. Nach mehrstündigem *®*) Ringen 
musste der Sturm aufgegeben werden. Mehr als 1200 Mann 
aber Hessen die Angreifer vor den Mauern. Die Ver- 
wundeten lasen die Soester auf und brachten sie in die 
Stadt zur Heilung; die Wegschaffung der Todten gestatteten 
sie den Geschlagenen. ^^^) Sie selbst sollen nur acht Mann 
verloren haben. *®*) 

Der glänzende Erfolg, den die muthige Bürgerschaft 
von Soest über die ungeheure Ueberzahl der Angreifer 
errungen hatte, trug den Ruhm derselben weit über die 
Grenzen Westfalens hinaus und entschied das Schicksal 
des böhmisch-sächsischen Zuges mit einem Male. Der Bür- 
gerschaft selbst erschien in späterer Zeit ihre Rettung fast 
wie ein Wunder. Man wusste zu erzählen, dass der Küerus 
der Stadt in jener furchtbaren Nacht vor den Reliquien 
des heil. Fatroclus um Rettung flehte, während draussen 
der Kampf um die Mauern tobte, und dass ein mächtiges 
Geräusch aus dem Reliquienschreine zum Zeichen geworden 
sei, dass der Heilige den Seinen beistehe.***') Um so 



'^*) A. a. 0. Fesina, Mars Moravicus p. 634: omnes enim etiam 
parvuli, quivel lapidem levare poterant, ad defensionem concurre- 
bant; faeminae picem liquefactam et cineres buUientes ferventem^ue 

golUnem in annatos .... effondebant etc. Man vergl. die lebendige 
childernng des Reimchronisten bei Enuninghaus 1. c. 701 fg. 

•«*) Detmar 110. 

'••) Koelhorsche Chronik 1. c. 789. 

*•*) Pesina 1. c. „ultra tres horas". 

»•») K. Stolle 24. 

'^*) Pesina 637. Ebenso Barthol. Lake nach (?) der EoelhofiTschen 
Chronik 1. c, und Emminghaus 1. c. 702, nach dessen weiteren An- 
gaben aber die Angreifer 1600 vor den Mauern verloren. 

^^') Acta Sanctor. ap. Boll. Append. ad Januarium IL, 1144. 



120 Adolph Bachmann: 

tiefer empfand Herzog Wilhelm die erlittene Niederlage. 
Mühe und Kosten des weiten Zuges schienen nun umsonst 
aufgewendet. Und nicht bloss dasl Er, der die Böhmen 
gerufen hatte^ der ihr Führer gewesen war, galt als der 
eigentliche Urheber der Verheerungen und all des Unge- 
macheS; das die ungezügelten Scharen anrichteten. Mit Hohn 
und Schmähungen nannte man weithin seinen Namen. ****) 

Wenn der Herzog aber trotzdem seine Pläne noch 
nicht völlig aufgab, wenn er sich mit dem Vorschlage, 
nach der Grafsdiaft Mark zu ziehen, an sie wandte, so 
musste er rasch erkennen« dass die Lust zu weiterer Kriegs- 
fahrt bei den Böhmen nun völlig geschwunden sei. Sie, 
denen der Sold eben wieder nicht bezahlt worden war, 
mochten freilich merken, dass es dem Herzoge darum zu 
thun sei, sie und sich selbst mit dem bezahlt zu machen, 
was erst mit neuer Gefahr erstritten werden sollte. T>&r 
Herzog empfing daher eine abschlägige Antwort und die 
Meldung, dass man zur Heimkehr entschlossen sei. Aber 
auch der alte Kölner Kurfürst hatte nun die Mittel wie 
die Lust zu weiterer Fortsetzung des Kriegs gänzlich ver- 
loren; auch er war bereit, die Belagerung aufzuheben, 
die Söldner zu entlassen. '®*) So räumten denn am 21. Juli 
die Verbündeten das Lager vor Soest, in dem ihnen so 
trübe Erfahrungen geworden waren. 

Vor dem Heimzuge Herzog Wilhelms imd der Seinen 
musste die Frage gelöst werden, in welcher Weise ihm 
durch den Erzbischof genügende Entschädigung für die 
Kosten geleistet werden könne. ' ^^) Von sofortiger Be- 
zahlung konnte nicht die Bede sein. Der Erzbischof konnte 
nur erwarten, binnen vier Tagen 50000 fl. aufzubringen, von 
denen ihiü 40000 fl. vom Grafen von Seyn, 10000 fl. von 
anderer Seite kommen sollten; er erbot sich daher, Stadt 
und Zoll zu Bonn dem Herzoge als Pfand bis zu völliger 
Ausgleichung zu überlassen, was gleichfalls binnen vier 
Tagen geschehen konnte. ' ' ') Aber cUe Böhmen ^graren nicht 
einmal zu bewegen, auch nur vier Tage länger zu warten; 
sie bestanden auf dem ungesäumten Heimzuge Zudem 
schien jegliche Zucht und Ordnung nun völlig bei ihnen 
gelöst; nach eigener Laune zogen sie ihres Weges. Im 



»«•) Detmar 110. Fontes r. A. XLII, 53 a. a. 0. 
*♦•) Detmar 110; Peäina, Mars Moravicus 635. 
'**) Ergiebt sich aus dem Stande der Dinge. 
'»') Fontes r. A. XLH, 43. 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 121 

Felde bei Geseke, südöstlich von Lippstadt, schlug man 
das erste L^er***). Noch geleitete der Erzbischof den 
sächsischen Fürsten und die Seinen. Da kam er beinahe 
selbst in Gefahr. In der Nacht drang ein Haufe böhmi- 
scher Krieger, sei es von Hunger getrieben, sei es aus 
Beutelust; in des Kurfürsten Lager, nahm ihm seine Pferde 
und Mundvorräthe und bedrohte ihn persönlich. Es musste 
der Herzog Leute zu seinem Schutze absenden. Andern 
Tages begab sich Dietrich nach Geseke*"); für seine 
Schuld trat das Domcapitel von Köln als Bürge ein.*'*) 
Zu einer Unternehmung Hessen sich die Böhmen 
noch bewegen: sie bogen nordwärts ab, um die Graf- 
schaft Ravensberg heimzusuchen. Aber die vandalische 
Art, in der sie hier hausten, in der sie besonders Kirchen 
und Klöster plünderten und ihre Insassen misshandelten; 
war zugleich der einzige Erfolg. ***) Den weiteren Rück- 
zug nahm der Herzog südlicher; sein Vorwand war, die 
Böhmen auf „anderem Wege*^ nach Hause zu bringen; sein 
Plan, sich ihrer doch noch weiterhin und zwar für eine 
Diversion nach Franken zu bedienen.***) Bei Mihla un- 
weit Eisenach"'), wo man -am St. Gehülfenberge" das 
Lager geschlagen^ liess sich aie eigentliche Absicht nicht 
länger verbergen. Hier kam es auch zur Trennung des 
Heeres. Als die böhmischen Rotten den Entschluss des 
Herzogs vernahmen, nun südwärts nach Franken zu ziehen, 
da waren die meisten derselben nicht mehr zu halten. 
Alles Zureden des Herzogs fruchtete nichts, schliesslich 
entrollten sie ihr Banner und zogen, etwa 5000 Mann 
stark""), unter Heinrichs von Kolowrath und anderer 
Führung allein von dannen. „Mit traurigem Muthe, in 
grossem Jammer" und zu seinem „unverwindlichen Schaden" 
musste auch der Herzog allein ziehen."*) Er nahm den 
Weg nach dem Koburgischen. 



»»•) Fontes r. A. XLII, 44 neben der Koelhoff sehen Chronik 790. 

"•) EoelhofiTsche Chronik 1. c „were der buschof van Coelne in 
niet intwichen zo Geiske . . . , si betten in in dem velde erslagen'*. 
YergL Emminghaus 1. c. 705. 

"*) KoelhoflTsche Chronik 1. c. Pesina, Mars Moravicas p. 636. 

"») KöelhoflTsche Chronik 1. c. 

' »•) K. Stolle 27. Vergl. auch Fontes r. A. XLII, 44, wo freilich 
das Ziel der weiteren Untemehmnngen nicht genannt ist. 

>^') Palacky, Gesch. Böhm. lY, 1, 181, ohne Angabe der Quella 

■**) Härtung Eammermeister 1. c. 1197. E. Stolle 26. 

>»•) Fontes r. A. XLII, 44. 



122 Adolph Bachmann: 



III. 



So sehr der Aufbruch des böhmischen Heerhaufens 
gegen den Willen des Herzogs erfolgt war, so schied man 
doch nicht in offener Feindschaft"®); ja es scheint; dass 
der Herzog noch ausdrücklich den gerechten Forderungen 
der Soldtruppen zu genügen versprach. '**) Nun suchten 
diese, indem sie die nördliche Vorkette des Thüringer- 
waldes überstiegen, das Mühlhausen'sche zu erreichen, um 
dann auf demselben Wege, den sie gekommen, in die 
Heimat zu ziehen. 

Die Kunde über die Vorgänge in Westfalen war 
natürlich auch nach Thüringen gedrimgen; die Nachricht, 
dass die Böhmen zurückkehrten imd zwar allein, flog ihnen 
voraus. Da fehlte es nicht an neuer Gefahr, neuen Ver- 
lusten. Sie hatten unter des Herzogs Geleite, nach Westen 
ziehend, sich keine Freunde erworben; jetzt, da sie für sich 
selbst sorgen mussten, ohne auch da sich überall der Ueber- 
griffe zu enthalten, übten die Thüringer an einzelnen und 
kleinen Abtheilungen Rache und Vergeltung. ***) Die Noth 
wuchs, als man sich Erfurt und dem Lande des Kurfürsten 
Friedrich von Sachsen näherte. 

Die Erfurter hatten schon den Hinzug der böhmischen 
Truppen mit Misstrauen angesehen, waren auch nicht ganz 
ohne Schaden geblieben. Sie hatten, der Wiederkehr jener 
gewärtig, in der Zwischenzeit tüchtig gerüstet, ihre Stadt 
verwahrt, sich auch in der Art der Böhmen, eine Wagen- 
burg im Kampfe zu gebrauchen, nach Kräften geübt.**') 
Trotzdem begehrten und erhielten sie auf die Kunde von 
dem Anrücken der Böhmen Hülfe von Kurfürst Friedrich 
von Sachsen; mit den Truppen des Grafen Ernst von 
Gleichen, des von Plauen, Schaumburg und des Bitters 
Harras, die ihnen jener zusandte, und unterstützt von den 
Grafen von Querfurt, Beichlingen, Mansfeld und Ludwig 
von Gleichen geboten sie über mehr denn 10000 Mann, 
waren also den halbverhungerten Gegnern doppelt über- 
legen. 



»«) K. Stolle 25. 

^'^) Stolle 1. c. Zeigt tLbrigens vielleicht auch der Umstand, 
dass sie in Eger drei Tage auf Bezahlung warteten. 
»") Fontes r. A. XLII, 47. 
»»») Ausführlich bei K. Stolle 22 fg., 26, 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 123 

' Am 29. Juli (?) lagerten die Böhmen bei Vargula an 
der Unstrut, wo sie sich vermittelst ihrer Büchsen des 
ScUosses bemächtigten. Von hier oder doch von Vippach 
aus, wohin sie der nächste Tagmarsch führte, sandten sie 
ein Schreiben an die Erfurter, ihnen den friedlichen Vor- 
beizug zu gestatten; jede Beschädigung ihies Gebietes solle 
verhütet werden, ^sie seien verführt und schändlich betrogen 
von Herrn Apel Vitzthum**. Wohl drängte es den grossen 
Haufen in Erfurt, die Fremdlinge mit überlegener Macht 
anzufallen und niederzumachen, der Beute^ die sie auf dem 
Hin- und Rückzuge erworben, sich zu bemächtigen. Der 
Rath aber bedachte vorsichtig nicht blos die That an sich, 
sondern wie leicht der junge Herzog, in dessen Solde jene 
doch immer noch standen, daraus den Anlass zum Kriege 

fegen die Stadt nehmen könnte, trotz des gegenwärtigen 
Verhältnisses derselben zu ihm. So kam denn Heinrich 
Wisse, Mitglied des Rathes, in das Lager der Böhmen 
unterhalb Vippach^ ihnen die Gewährung ihres Ansuchens 
zu überbringen und die Weise des Durchzuges zu bereden. 
Die Erfurter fanden dabei noch Gelegenheit, den Herzog 
Wilhelm sich zu verpflichten. Die Böhmen hatten die 
Absicht merken lassen, Weimar, des Herzogs Hauptstadt, 
anzugreifen und zu nehmen. Jetzt theilte ihnen Wisse 
mit, dass die Erfurter dies nicht gestatten könnten und 
überhaupt angreifen würden, sowie man sie aus des Her- 
zogs Landen zu JEülfe rufe. Darauf gaben die Böhmen 
ihr Vorhaben auf. 

Am 1. August zogen die Böhmen südostwärts durch 
das Erfurter Gebiet; so grossen Mangel sie litten, sie thaten 
dem Lande keinen Schaden. ^Die reisigen Böhmen wollten 
nicht, dass ihre Trabanten sich ein wenig Schoten nahmen; 
sowie sie solches gewahr wurden, so trieben sie dieselben 
mit Geissein davon. Also sehr fürchteten sie sich vor 
denen von Erfurt." So kamen sie bis Meilingen, wo 
sie ein Lager aufschlugen und übernachteten. Auch der 
weitere Zug duroh Thüringen und das Vogtland glich 
mehr einer rahrt durch feindliches als durch freundliches 
Gebiet. Bleibt auch unerwiesen, was die Böhmen von den 
Erfurtern gehört zu haben behaupteten, dass der Herzog 
selbst die Städter imd seinen Bruder aufgefordert habe, die 
gegen seinen Willen Heimziehenden zu vernichten, — die 
Böhmen selber wollten im erfurtischen Heere einen Ritter 
bemerkt haben, der ihnen von des Herzogs Hofe her und 
als einer seiner Dienstmannen bekannt war, — der wenig 



124 Adolph Bachmann: 

freundlichen Stimmung des Herzogs gegen die Abziehenden 
entsprach Jedesfalls die Hahun^ seiner Amtleute und 
Pfleger. Man that nichts für ihre Verpflegung, man wehrte 
ihnen, sich beliebig zu lagern, man vergrifft sich an jenen 
die allein auszogen, sich mit dem Nöthigen zu versehen. '**) 
„Mit wehrender Hand** durchzogen die schwergeprüften 
Scharen eilig die weite Strecke bis Eger, vor dem sie 
am 4. August anlangten "*) und wo nun endlich die Nach- 
stellungen aufhörten. ***) 

Ein Ruf zorniger Theilnahme durchflog das benach- 
barte böhmische Gebiet. „Ich bitte dich, leihe mir Leute 
zu Ross und zu Fuss so rasch und so viele du vermagst, 
damit ich den Unsern nach Meissen entgegenziehe", schreibt 
Hynek Kruschina von Schwamberg an Ulrich von Rosen- 
berg. ^Ich vertraue darauf^ dass du das thust, so wie ich 
dir nach Bedürfnis thäte, wenn du mir schriebest, denn 
wenn der liebe Gott nicht ihre Vernichtung abwendet, so 
möchte es ein Verlust sein für das ffanze Böhmerland." "') 
Das ward nun überflüssig; als Schwamberg von seinem 
Schlosse Bor '*') den Eilboten mit dem Briefe nach Krumau 
zu Herrn Ulrich absendete (5. August), standen die Böhmen 
bereits im Egerlande. 

Drei Tage verharrten die Rotten im Feldlager vor 
Eger. Dann, während sich die Kunde von ihren Erleb- 
nissen und ihren Beschwerden ringsum verbreitete, richteten 
sie selbst am 6. August, ernst aber noch in geziemender 
Ehrerbietung, ein Schreiben an den Herzog, in dem sie 
über die Behandlung seitens der Seinen klagten und um 
die Begleichung des Soldes und der Schadenssummen er- 
suchen. '*•) Nachdem die Führer dann, wie es scheint, die 



**^) Die obigen Aasführungen und Daten nach E. StoUes (26, 27) 
freilich sehr verwirrter Darstellung. Yergl. übrigens H. Kammer- 
meister 1197 fg. Fontes r. A. XLII, 47 fgg. Die geographische 
Darlegung nach Spruner -Menke, Handatlas für die Geschichte des 
Mittelalters und der Neuzeit- Nr. 43 Nebenkarte 2. 

"*) Nach dem Schreiben der Anführer d. d. 6. August 1447 im 
Grossherz. u. Herz. Ges.-Arch. zu Weimar, Reg. A fol. 8 Nr. 13. 

"•) Fontes r. A. XLII, 47 jedesfalls übertrieben: „sein in nach 
gevolt biss her noche gein Kunigswart etc.** 

"') Archiv öesky III st 378 fg. Die bez. Angabe Palackys, 
Gesch. Böhm. IV, 1, 181, Note 167 ist ein Irrthum. 

''*) Bor, Burg der Schwamberge bei Tepl. Das Dorf heisst 
heute „Borau**. 

"•) S. Anm. 126, 



Herzog Wilhelm von Sachsen auf dem Zuge vor Soest. 125 

Verabredung getroffen^ sich Ende August in Prag einzu- 
finden^'^), zogen die Abtheilun^en der Heimat zu und 
lösten sich auf. Aber manch tapferer Krieger kehrte nicht 
wieder zurück^ und die die Heimat wiedersahen, waren 
zum Theile in dem traurigsten Zustande. „Zu dieser Zeit^ 
(um Laurenzi); erzahlt entrüstet der Frager Anonymus, 
„kam der Rest der Krieger zurück; sie führten 12 Wagen 
mit Verwundeten und Kranken mit sich; zahlreiche andere 
Wagen waren angefüllt mit Raub ' * ^), andere leer. Es kamen 
auch die Mährer durch , bettelarm und nicht bloss ihrer 
Freunde, sondern auch ihre Habe und Pferde verlustig. 
Der Teufel traue den Deutschen." ''*) 

Mit dem Abzüge des Haupttheiles der böhmischen 
Truppen entschwand auch Herzog Wilhelm die Möglich- 
keit, m Franken mit Nachdruck aufzutreten. Die Nürn- 
berger waren übrigens zu seinem Empfange bereit.'**) 
Darum wurden denn, nachdem das Koburgische erreicht 
war, die deutschen Truppen, dann auch Peter von Stern- 
berg, Friedrich von Donin und so viele der Böhmen noch 
verblieben waren, entlassen. 

Die beiden Genannten hatten, nachdem, wie es scheint, 
der Herzog ihren eigenen Forderungen gerecht geworden 
war, noch auf dessen Ersuchen die Zusage gegeben, be- 
züglich der Ansprüche der übrigen einen Spruch zu thun 
und selbst baldigst wieder zu mm zurückzukehren. Sie 
konnten sich bald überzeugen, dass sie zu solchem Amte 
untauglich seien. Auch gegen sie, die ihre Sache von der 
der Landsleute getrennt, hatte man schwere Vorwürfe er- 
hoben. '**) Trotzdem übersandten sie am 12. August von 
Petschau aus ihr Gutachten an den Herzog '**); drei Tage 
später'*®) aber übermittelte Peter von Sternberg ein 



»»•) Stari letopisovö cesti st. 148. Vergl. Fontes r. A. XLII, 61. 

'*') Diesen Passus lässt Th. Pesina, der die Stelle im Mars Mo- 
ravicus 637 übersetzt, vorsichtig weg. 

*»*) Starf letopisov6 148. 

'") E. Stolle 27. Die Städter besassen 12000 Mann. Vergl. auch 
Hegel, Städtechroniken: Ntbmberg lY, 167 Text und Anmerkung 6. 

***) Stafi letopisoY^ st 148: Domluvajice Holick^mu mlad^mu 

Sann Petrovi, ze velikou neveru nim ucinil, odjed od nich. (d. i: mit 
chelten sagten sie dem jungen Peter Holicky nach, dass er grosso 
Untreue an ihnen begangen habO) indem er sich von ihnen trennte). 
'**) Regest im Eönigl. böhm. Landesarchive zu Prag. 
•••) Grossherz. u. Herz. Ges.- Archiv zu Weimar Reg. A fol. 9 
Nr. 13. 



126 Adolph BachmaBn: 

Schreiben seines Vaters vom 12., das ihm dieser aus 
Pürgles gesandt hatte"'') und damit indirect auch die 
Rathschläge^ die Herr Alscho in der Sache für den 
Herzog hatte. 

Nachdem nämlich Sternberg in seinem Briefe der 
schweren Vorwürfe gedacht, die allenthalben von selten 
der Söldner gegen den Herzog laut würden, mahnt er 
diesen zunächst zu völliger Befriedigung aller jener, die 
treu an seiner Seite ausgeharrt. Dadurch werde den 
Klagen der anderen die Spitze abgebrochen. Diesen selbst 
möge der Herzog freundlich antworten und das Erbieten 
stellen^ den Schiedsspruch wegen Schadenersatz auf einen 
oder mehrere der Herren Hase von Hasenburg, Ulrich 
von Rosenberg, Hans von Kolowrath, Georg von Podiebrad 
oder auch ihn selbst zu setzen. Zur Verhandlung sei es 
am besten, Herrn Apel Vitzthum zu schicken; doch müsse 
ihm in Anbetracht der schwierigen Lage der Dinge eine 
versöhnliche Sprache befohlen werden. 

Herzog Wilhelm hatte inzwischen den Söldnern in 
Kürze die ausweichende Antwort gegeben, dass er wegen 
Abwesenheit seiner Räthe und des Tages zu Mühlhausen 
wegen ihnen keinen endgültigen Bescheid geben könne."*) 
Er theilte diesen Brief auch Herrn Alscho mit, mit dem 
Zusätze, dass er vor Eintreffen des Sohnes desselben nichts 
unternehmen werde."*) An diesen aber hatte er sich mit 
dem besonderen Ersuchen gewendet, vor dem Mühlhausener 
Tage zu ihm zu kommen^ was Peter neuerdings zusagte. '**) 
Als dann die Rathschläge des älteren Stemberg anlangten, 
war der Herzog bereit, diesen zu entsprechen und theilte 
diesen Entschluss endlich nach langem Schwanken am 
27. September den Anführern der Soldtruppen mit. ** ') 

Diese hatten inzwischen nicht blos sofort nach ihrer 
Rückkehr auf dem Rathhause der Altstadt Prag vor der 



'*') Fontes r. A. XLII, 46 fgg. mit nnricfatigem Datam. Pttrgles 
bei Bachau und nicht mit anderen gleichnamigen Orten zn verwechseln. 

>**) Fontes r. A. XLII, 50 fg. Das Datum dürfte mit BQcksicht 
auf die nachfolgende Note in ,,12. August** zu ändern sein. 

*••) Gesammt- Archiv zu Weimar Reg. A fol. 8 Nr. 13. Schreiben 
aus Eoburg, d. d. 12. August. 

uoj Vergl. des Sternberg Antwort vom 15. August (Petschau) 
im Grossh. Ges.-Arch. zu Weimar 1. c. Ebendort ein zweites Schreiben 
desselben vom 19. August 

"») Fontes r. A. XLII, 52 fgg. 



Herzog Wilhelm von Sachsen aaf dem Zuge vor Soest. 127 

yersammelten Gemeinde Klage gefülirt ^**), sondern waren, 
nachdem sie noch öfter den Herzog gemahnt, gegen 
Ende August neuerdings zusammen getreten, um nun in 
einem letzten Schreiben ihre Ansprüche auf das ent- 
schiedenste zu betonen. **') Schliesslich willigten aber 
auch sie ein, dass die Herren von Podiebrad und Alscho 
von Stemberg über die Ersetzung der Schäden entscheiden 
sollten.'**) 

Was weiter geschah, lässt sich aus den wenigen bisher 
bekannten Nachrichten nur in den Umrissen erkennen. 
Georg Podiebrad und Alscho von Sternberg fällten ihren 
Spruch erst am 22. März 1448 '**), anscheinend zu gunsten 
der Söldner, die, wie auch der Herzog, den Spruch an- 
nahmen. Aber diesem felilte das Geld, und seine Be- 
mühungen, von dem Erzbischofe von Köln solches zu er- 
hiUten, scheiterten an dessen eigener Zahlungsunfähigkeit.'**) 
So verschleppte sich die Sache, bis der Sturz der Vitz- 
thume, der grosse Krieg des Jahres 1450, sie augenblicklich 
ans dem Vordergründe drängten. Die Söldner bekamen 
nichts, und eben darum blieben ihre Forderungen eine 
der Streitsachen, an denen sich von 1450 — 1456 immer 
wieder das Kriegsfeuer entzündete. Auf dem grossen 
Sühntage zu Breslau 1455 wurden auch die Forderungen 
der Söldnerführer vorgenommen **''), ebenso in Wunsiedel 
im Februar 1459, wo aber beschlossen ward, auf dem 
kommenden Egerer Tage von derlei Nebenfragen zunächst 
abzusehen. '**) Trotzdem kam es hier zu ausführlicher 
Berathung auch dieser Sache und dann endlich auch zur 
Zusage des Herzogs, die Schuldsumme zu zahlen, während 
Johann Calta (auf Kabenstein) seine ehrenrührigen Aeus- 
semngen über den Herzog und dessen Mutter widerrufen 
musste. **•) Aber es dauerte noch drei volle Jahre, es 



">) Stari letopisovö st. 148. 

"») Fontes r. A. XLII, 61 fg. 

**♦) Vergl. Note 146. 

^**) Regest im Eönigl. Landesarchive zu Prag. 

"•) Schreiben des Erzbischofes von Köln an Herz. Wilhelm vom 
4. April 1448, Apel Vitzthums an Peter von Stemberg vom 14. April 
und des letzteren Antwort vom 18. April im Grossh. Ges.-Arch. 
zu Weimar, Beg. A fol. 8 Nr. 9. 16. 

'*») Fontes r. A. XLII, 273 fg., 276 fgg. 

■*■) Palacky, ürkundL Beiträge etc. (Fontes r. A. 11. Abth., 
Bd- XX) 173 fg. 

»*•) Fontes r. A. XLTI, 273 fg. 



128 Adolph Bachmann: 

bedurfte noch der wiederholten Intervention König Georgs, 
es mussten sich die Anführer noch mit einer Ausrichtung 
in geringerem Gelde einverstanden erklären, ehe endlich 
im Jidi 1462 ihre Forderung beglichen ward. **®) 



'*<") Fontes r. A. XLII. 308 fgg., 811 fgg., 316, 848 fg., 346 fgg. 
Die Geschichte dieses Handels von 1448--1462, sowie die Geschichte 
der böhm.- sächsischen Beziehungen von 1448—1468 überhaupt, für die 
das Königl. Hauptstaatsarchiv zu Dresden noch reiches ungedrucktes 
Material enthält, sei hiermit einem künftigen Bearbeiter empfohlen. 



Nachtrag. Der „Bericht eines Göttinger Raths- 
mitgliedes über den Zug des Herzogs Wilhelm von Sachsen 
gegen Soest; 1447" (im Urkundenbuch der Stadt Göt- 
tingen von 1401: — 1500, herausg. von Dr. Q. Schmidt, 
Hannover 1867), dessen Einsichtnahme mir nachträglich 
Herr Dr. Ermisch freundlichst vermittelt, bietet zwar 
nichts wesentlich neues für das Verhältnis Herzog Wil- 
helms zu den böhmischen Söldnern und für den verlauf 
des Unternehmens an sich, enthält aber doch, ähnlich wie 
die Reimchronik, manches interessante Detail. So gewährt 
er namentlich einzelne sichere Angaben fUr die Richtung 
des Rückzuges und die Daten mehrerer Lagerplätze. Dar- 
nach lagerte das Heer vom 5. bis 7. Juni nördlich von 
Göttingen von Bovenden bis Nörten, welch letzteres beim 
Abzüge bis auf 6 bis 8 Gebäude abbrannte; am 7. Juni 
bei HoUenstedt; von da zogen sie nach den oben geschil- 
derten Vorkommnissen endlich bei Holzminden über die 
Weser und nahmen die Richtung auf Höxter. Für den 
Rückzug, der, wie bereits angegeben, mehr südwärts führte, 
gewinnen wir Beverungen als den Ort, wo sie über die 
Weser zurückkehrten, weiter Dransfeld und Friedland, 
wo sie, stets südöstlich ziehend, das Eichsfeld und den 
St Gehülfenberg bei Mihla erreichten. 



\ 



VI. 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen, königlich 
polnischer und kurfürstlich sächsischer Ge- 
heimer Eahinets -Minister und General der In- 
fanterie. 

Von 

0* TOn Sehlmpff. 



Unter den sächsischen Adelsfamilien; welche besonders 
in dem 17. und der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
ihre Bevorzugung im Hof- Staats- und Militärdienste nicht 
bloss der Fürstenlaune und dem Zufalle, sondern den wirk- 
lich hervorragenden Eigenschaften ihrer Mitglieder ver- 
dankten, nimmt die der Friesen unzweifelhaft einen der 
ersten Plätze ein. Nur sehr wenige sächsische Familien 
vermochten damals gleiche wissenschaftliche und weltmän- 
nische Bildung; gleiche Verdienste im öffentlichen Dienste 
nachzuweisen^ wie die Friesen'sche; kaum aber dürfte auch 
nur eine sich rühmen können, dass ihrem Namen in jener 
Periode eine so weit über die Grenzen ihres kleinen V ater- 
landes hinausreichende Beachtung zutheil ward, und es 
muss daneben noch besonders hervorgehoben werden, dass 
die der Familie eigene Bildung und feine Sitte bereits im 
17. Jahrhundert, wo bekanntlich das weibliche Geschlecht 
in Deutschland nur ganz ausnahmsweise sich einer sorg- 
fältigeren Erziehung zu erfreuen hatte, auch von den Frauen 

Neues Arohiv f. S. Q. n. A. IL 2. 9 



130 0. von Schimpff: 

und Töchtern der Friesen'schen Familie getheilt zu werden 
pflegte. 

Die Familie, welche in ihrer jüngeren, freiherrlichen 
Linie noch heute blüht; wird erst seit 1409 in sächsischen 
Urkunden erwähnt und scheint aus der Schweiz einge- 
wandert zu sein. Ihr Stammgut in Sachsen ist Kauern 
bei Konneburg; später (1589) wurde von derselben Rötha 
erworben, das noch jetzt im Besitze der Familie ist. 

Die ältere, 1755 erloschene Linie hatte zum Stammvater 
den Geheimrathsdirektor Heinrich von Friesen (1610 — 1680), 
welcher durch die bedeutende Holle, die er als Staats- 
mann und Diplomat unter Johann Georg U. spielte, be- 
kannt ist. Neben einer Reihe hochgebildeter Töchter besass 
der Geheimrathsdirektor einen einzigen Sohn, Julius Hein- 
rich, auf dessen Lebenslauf) wir hier nur insoweit ein- 
zugehen brauchen, als zum Verständnis der eigenthüm- 
lichen Beziehungen nothwendig erscheint, in denen sein 
Sohn Heinrich Friedrich, der Held unserer Darstellung, 
von Haus aus zum sächsischen Hofe stand. 

Julius Heinrich, der sich im Todesjahre seines Vaters 
1680 mit der Tochter des holländischen Generals, Grafen 
Alexander zu Dohna, Besitzers des Schlosses Coppet bei 
Genf, verheirathet hatte, war durch die Verbindungen seines 
Schwiegervaters in sehr intime Verhältnisse zu dem Prinzen 
Wilhelm von Oranien, damaligem Statthalter der Niederlande 
und späterem Könige von England, getreten. In Sachsen, 
wohin Friesen aus holländischem Dienste 1691 mit dem 
Bange eines Generalwachtmeisters zurückkehrte, stellte er 
sich mit grosser Entschiedenheit auf die Seite der englisch- 
kaiserlichen Partei und zog sich dadurch die Abneigung 
des Prinzen Friedrich August zu, welcher die französische 
Partei, an deren Spitze der intrigante Feldmarschall Schö- 
ning stand, begünstigte. Der plötzliche Tod des Kurfürsten 
Johann Georgs IV. brachte Friedrich August auf den Thron 
Sachsens, und es schien anfangs, als ob der neue Regent 
seinem Grolle gegen Friesen entsagt habe, da dieser als 
ausserordentlicher Gesandter nach dem Haag entsendet 
ward, wo sich damals König Wilhelm von England ge- 
rade aufhielt. Als aber Friesens unversöhnlicher Feind 



') Yergl. „Julius Heinrich Graf von Friesen, Kaiserl. General- 
feldzeugmeister, Eönigl. Englischer Generallieutenant. Ein Lebens- 
bild aus dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts von Heinrich Frei- 
herm von Friesen. Leipzig, Wilhelm Baensch, 1870". 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 131 

Schöning au8 seiner Gefangenschaft, in der ihn der Kaiser 
zwei Jahre lang gehalten hatte, nach Sachsen zurückkehrte^ 
begannen sofort dessen Intrigaen gegen Friesen von neuem ; 
dieser jedoch, von seinen freunden gewarnt, leistete dem 
kurfürstlichen Befehl, der ihn von seinem Posten abberief, 
keine Folge und schickte statt der Antwort dem Kurfürsten 
sein Qeneralspatent zurück. Ueber diesen Schritt erzürnte 
Friedrich August so, dass er die Erbgüter Friesens 
— Schönfeld, Jessen und Graupa — mit Beschlag belegte 
und sie dem Feldmarschall Schöning überliess, der sich 
des Besitzes derselben jedoch nur kurze Zeit erfreute und 
bereits 1696 starb. 

Julius Heinrich von Friesen machte in der Folge in 
kaiserlichen Diensten eine glänzende Carrifere, wurde in 
den Grafenstand erhoben und nach seiner rühmlichen 
Vertheidigung von Landau 1703 zum Generalfeldzeug- 
meister ernannt. Zwischen ihm und seinem von ihm 
tief beleidigten Landesherrn hatte zwar, als Friedrich 
August 1695 aus dem türkischen Feldzuge nach Wien zu- 
rückgekehrt war, eine Aussöhnung stattgefunden, diese 
war jedoch bloss eine äusserliche, denn, trotz der nach da- 
maliger Sitte von Friesen kniefällig geleisteten Abbitte, 
wurden ihm die eingezogenen sächsischen Güter nicht zu- 
rückerstattet. 

Ein Jahr nach Eingehung seiner Ehe war dem Julius 
Heinrich von Friesen am 26. August 1681 in den Nieder- 
landen, wahrscheinlich in Maastricht, ein Sohn geboren 
worden, der die Namen Heinrich Friedrich erhielt. Die 
Erziehung desselben fiel bei dem unstäten Kriegerleben 
des Vaters der trefflichen, mit reichen Geistesgaben aus- 
gestatteten Mutter anheim, welche in Holland, dem da- 
maligen Hauptsitze klassischer Bildung, den Unterricht des 
Sohnes den gelehrtesten Philologen anvertraute. Dieser 
besachte später, wie sein Vater, die holländischen Uni- 
versitäten und wurde dann nach Genf, der Heimath der 
Mutter, gesendet, um dort seine Studien zu vollenden und 

Gleichzeitig sich den gewandten Gebrauch der französischen 
prache anzueignen. Jn der That erwarb Heinrich Fried- 
rich sich auf diese Weise eine seltene Sprachkenntnis; 
neben der lateinischen und griechischen Sprache, die er 
in Holland gründlich erlernt hatte, bediente er sich der 
deutschen, holländischen, französischen und englischen mit 
grösster Leichtigkeit. Reisen durch Frankreich und Eng- 
land vollendeten nach damaliger Kavaliersitte seine sorg- 



132 0. von Schimpff: 

faltige Erziehung, bevor er in den holländischen Militär- 
dienst eintrat. 

In diesem geschieht unseres Helden gelegentlich der 
schon berührten Belagerung von Landau im Jahre 1703 Er- 
wähnung. Seiten der Verbündeten wurde der Versuch 
gemacht, die von den Franzosen unter dem Marschall 
Tallard hart bedrängte Festung durch ein aus holländischen, 
hessischen und kurpfälzischen Truppen bestehendes Korps 
zu entsetzen, welches aber am 15. November am Speier- 
bache zwischen Heiligenstein und Harthausen eine Nieder- 
lage erlitt. Unter der sehr beträchtlichen Zahl Gefangener^ 
die an diesem unglücklichen Tage in die Hände. des Feindes 
fielen, befand sich auch der damals 22jährige Heinrich 
Friedrich Friesen, und Tallard benutzte diesen Umstand, 
den kaiserlichen Kommandanten von Landau durch 
den eigenen .Sohn von dem Ausgange des Treffens in 
Kenntnis zu setzen und zur Uebergabe der so rühmlich 
vertheidigten Festung aufzufordern. Wirklich erfolgte nun 
auch am folgenden Tage, den 16. November, die Kapitu- 
lation unter den ehrenvollsten Bedingungen. 

Beide Eltern Heinrich Friedrichs starben kurz hinter- 
einander, der Vater nach langwieriger Krankheit den 
28. August 1706 zu Rastatt, die Mutter am 18. September 
1707 zu Frankfurt am Main.*) 

Heinrich Friedrich hatte noch vor dem Tode des 
Vaters den holländischen Dienst mit dem kurpfälzischen 
vertauscht, wo er die Stellung eines Obersten der Leib- 
garde bekleidete. Der Nachlass des Vaters, der stets auf 
grossem Fusse gelebt und für den König von England 
sowohl, als für den Kaiser beträchtliche Auslagen bestritten 
hatte, welche in der Folge weder der Witwe noch den 
Kindern zurückerstattet wurden, reichte kaum zur Deckung 
der Schulden hin. In seiner drückenden Geldverlegen- 
heit richtete Heinrich Friedrich seine Blicke auf Russland, 
das Eldorado aller damaligen unternehmungslustigen 
Glücksritter, wo der Sohn des berühmten Vertheidigers 
von Landau auf eine seinem Ehrgeize und seinen Bedürf- 
nissen entsprechende Verwendung rechnen zu können glaubte. 
Seine Hoffnungen wurden nicht getäuscht; Menschikoff, 



*) Sie hinterliessen ausser dem einen Sohne noch eine Tochter, 
welche 1712 den Wirklichen Geheimerath, Staats- und Kabiuets-Mi- 
nister Adolf Magnus Grafen Hoym (f 1723), den geschiedenen Ge- 
mahl der Grätin Cossell, heiratete. 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 133 

der allmächtige Günstling des Czaren, beantwortete unter 
dem 19. November 1706 Friesens Bitte um Aufnahme in 
den russischen Militärdienst zustimmend und bot namens 
seines Herrn dem 25jährigen Obersten eine Stelle als Ge- 
neralmajor an. 

Es wird ausdrücklich erwähnt, dass Friesen an der 
Spitze eines Regiments den Schlachten bei Pultawa und 
am Pruth beigewohnt habe; auch soll ihm Peter rl er Grosse 
durch verschiedene geheime Aufträge Zeichen seiner be- 
sondern Gunst und seines Vertrauens gegeben haben. 
Wenn wir den Erzählungen des Barons Haxtnausen Glauben 
schenken dürfen, so beabsichtigte MenschikofF, den jungen 
sächsischen Grafen mit einer seiner Schwestern zu ver- 
heiraten. Wohl möchte sich durch diese Partie Friesen 
eine sehr glänzende Aussicht eröffnet haben; war nun aber 
die ihm zugedachte Gattin nicht nach seinem Geschmacke 
oder traute er, von einem richtigen Ahnungsgefühl geleitet, 
der Stellung Menschikoffs nicht ausreichende Festigkeit zu 
oder bewahrte sein Herz einer schönen Jugendgeliebten 
im fernen Holland die gelobte Treue *) — , Friesen verzich- 
tete nicht bloss auf die Hand der Fürstenschwester, sondern, 
was in Rücksicht auf die Stellung Menschikoffs die unver- 
meidliche Folge dieser Ablehnung war, auch auf den fer- 
neren Dienst in Bussland. 

In Begleitung des Czaren, der bald nach der Schlacht 
am Pruth eine Reise nach Deutschland antrat, soll Friesen 
in Dresden angelangt sein. Wie dem auch gewesen sein 
mag, seine Ankunft in Sachsen 1711 steht ausser Zweifel. 
Er musste auf seine einflussreichen Verwandten, vielleicht 
auch auf den Zauber seiner Erscheinung rechnen, wenn er 
sich in der Heimat seiner Väter grosse Erwartungen für 
die Zukunft machte; denn dass er sich am Dresdener Hofe 
keine freundliche Aufnahme versprechen konnte, war ihm 
selbst wohl am wenigsten unbekannt. 

Von seinen Tanten war die jüngste der sieben 
Schwestern seines Vaters, die verwitwete Gräfin Reuss, wohl 
am ersten in der Lage, sich des heimatlosen Neffen an- 
zunehmen, und in der That hatte er sich in dieser bedeu- 
tenden Frau nicht verrechnet. Sie hatte ihren Gemahl, 
den tapfem und umsichtigen Feldzeugmeister Grafen Reuss, 
in der Schlacht bei Zentha verloren imd lebte, nachdem 



*) Yergl. das oben angezogene Leben sbüd Julius Heinrichs 
Grafen von Friesen, Seite 189. 



134 0. von ScLimpff: 

auch ihr einziger Sohn Heinrich II. im zweiundzwanzigsten 
Lebensjahre verstorben war, in Dresden. Hier beherrschte 
sie ganz besonders den Statthalter Anton Egon Fürstenberg, 
nach Wolfframsdorffs sarkastischer Bezeichnung wie Delila 
den Simson. Dieser hatte, als er im August 1797 den Vorsitz 
im Geheimen Rath und damit die Leitung der sächsischen 
Angelegenheiten übernahm^ wie vorher Schöning, aus- 
schliesslich das französische Interesse vertreten^ war jedoch 
durch den Einfluss der liebenswürdigen und geistreichen 
Witwe dieser Partei allmählich entzogen worden. *) Wäh- 
rend aber die Qräfin Reuss durch den geistig ziemlich un- 
bedeutenden, aber durch seine Stellung mächtigen Fürsten- 
berg die öffentlichen Angelegenheiten und durch das grosse 
Haus, welches sie machte, und ihre Familien Verbindungen, 
die Dresdener Gesellschaft beeinflusste, hielt sich dieselbe 
grollend vom Hofe entfernt, dem sie die nach ihrer 
Meinung ungerechte Behandlung ihres Bruders nie ver- 
gessen konnte. Den aus Russland in die Heimat zurück- 
kehrenden Sohn desselben ^ahm sie mit wahrhaft mütter- 
licher Liebe auf, aber gerade das^ was diesem im Augenblick 
das dringendste Bedürfnis war, eine geeignete Anstellung 
im sächsischen Heere, vermochte sie demselben in ihi*er 
Isolierung vom Hofe um so weniger zu verschaffen, als sie 
den König erst kürzlich wieder durch ihriö scharfe, rück- 
sichtslose Salonkritik*) empfindlich verletzt hatte. 

Man kann sich unter diesen Umständen nur wundem, 
dass es dem günstigen Eindrucke des liebenswürdigen^ 
weltmännischen Wesens unsers Helden auf den für diese 
Eigenschaften allerdings sehr empfänglichen König gelang, 
nach Verlauf einer verhältnismässig nicht allzulangen Frist *) 

*•) Hieraus erklärt sich zum grossen Theü die Erbitterung des 
galligen Wolfframsdorff in seinem vielbesprochenen „Portrait de la 
Cour de Pologne'' gegen die Friesen'sche Familie und die dieser 
gleichgesinnten, nach Oesterreich präponderierenden Minister („Möge 
der König die ganze Rasse seines durch Eigennutz und Nachsicht 
verdorbenen Ministeriums fortjagen otc.**). Dagegen preist Wolff- 
ramsdorff Schönin g als den einzigen rechtschaffenen Diener des Kur- 
fürsten, von dem dieser wie Ludwig XIV. von Turenne habe sagen 
können: „Mit ihm habe ich meinen rechten Arm verloren." 

') Flemming, der spätere Feldmarschall, bezeichnet sie einmal 
als „mauvaise gueule." 

*) Haxthausen, dessen Memoiren dem Verfasser bloss durch die 
umfänglichen Citate Yehses in dessen „Geschichte der Höfe des Hauses 
Sachsen«» bekannt geworden sind, berichtet (vergl. Vehse VI, 33 fg.), 
dass Friesen in der Zwischenzeit bis zu seiner Wiederanstellung in 
Sachsen sich, aller Hülfsquellen beraubt, genöthigt gesehen habe, von 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 135 

die tiefeingewurzelten Vororiheile dieseB Fürsten soweit zu 
besiegen, dass er den Sohn seines politischen Gegners 
noch im Frühjahr 1712 als Oberst im Wackerbarth'schen 
InfjEuiterie-Begimente anstellte. 

Dieses Hegiment Qetzt Nr. 104), welches seit 1707 
bei der Armee in den JNiederlanden gefochten hatte, war 
im Spätsommer 1711 sehr zusammengeschmolzen und nur 
noch in ein Bataillon formiert in Sachsen eingetroffen. Hier 
wurde es wieder auf zwei Bataillone ergänzt, von denen 
das eine im April 1712 den Befehl erhielt; unter Friesens 
Führung mit einigen anderen Abtheilungen zu dem aus 
russischen, dänischen und sächsischen Truppen bestehenden 
Korps abzurücken, welches das von den Schweden besetzte 
Stralsund eingeschlossen hielt. 

Es kann hier unsere Aufj^abe um so weniger sein, 
auf die theilweise unter den Augen der bei der Armee 
anwesenden Monarchen, des Czaren und des Königs August, 
in den Jahren 1712 und 1713 in Pommern, Mecklenburg 
und Holstein ausgeführten kriegerischen Operationen näher 
einzugehen, als Friesens Name bei keiner Gelegenheit aus- 
drücklich erwähnt wird. Letzteres erklärt sich einfach 
theils durch den Mangel an ernsten Schlachten und Ge- 
fechten — bei Gadebufich kam von den Sachsen nur die 
Kavallerie zur Verwendung — , theils durch die bescheidene 
StjBllung, welche Friesen an der Spitze eines einzigen, in 
seinem Bestände während des Krieges sehr herabgekom- 
menen Bataillons einnahm. Dessenungeachtet scheint sich 
derselbe im Laufe dieser Feldzüge als Soldat einen guten 
Namen gemacht zu haben; denn alsbald nach dem Ein- 
treffen des im Oktober 1713 von Pommern abmarischierten 
sächsischen Korps in den Winterquartieren in Polen wurde 
Friesen zum Generalm^or befördert und den 1. Februar 
1714 zum wirklichen Inhaber des bisherigen Regiments 
Wackerbarth ernannt, welches fortan bis zum Jahre 1717 
den Namen Friesen führte. 

Unverkennbar aber waren es nicht bloss seine miUtä- 
rischen Leistungen, sondern auch andere persönliche Eigen- 
schaften des ebenso energischen und beherzten, als fein- 



dem Erlöse der Sammlnugeti seines Grossvaters zu leben, bis er bei 
seinen Oheimen, den Grafen Dohna in Freussen. eine gastliche Zu- 
flucht gefunden habe. Drei Jahre kann diese Aowesenheit aber un- 
möglich gedauert haben, und es liegt in den Worten jHazthausens : 
nil resta pr^s de trois ans, saus qu'on apprlt la moindre chose de 
lui*S o£fenbar eine arge Uebertreibung. 



136 0. von Schimpff: 

gebildeten und diplomatisch-schlauen Friesen, welche die 
letzten Vorurtheile des Königs August besiegten und ihm 
dessen Vertrauen und allmählich selbst dessen Zuneigung ge- 
wannen, so dass wir sehr bald den jungen Generalmajor 
mit Aufträgen beehrt sehen werden^ die weit ausserhalb 
der Sphäre seines militärischen Dienstbereichs lagen. 

Zur Vereinigung des gesammten sächsischen Heeres 
in Polen, wo nach dem Wortlaute der pacta conventa aus- 
ländischen Truppen nur mit ausdrücklicher Genehmigung 
der Bepublik der Aufenthalt gestattet war, hatte die Furcht 
Veranlassung gegeben, dass die Türken, dem Einflüsse des 
in ihrer Mitte verweilenden Karls Xu. nachgebend, einen 
Einfall über die Grenze Polens unternehmen imd das Land 
mit Krieg überziehen könnten. Sehr bald jedoch steUte 
sich die Grundlosigkeit dieser Befürchtung klar imd deut- 
lich heraus; die Türken zeigten sich, ihrem rücksichtslosen 
Gaste zum Trotze, friedfertiger als je, und stürmisch for- 
derte nun der polnische Adel, als er die Grenzen der Re- 
publik nicht melir bedroht sah, die Entfemimg der Truppen 
seines Königs. Dieser vermochte dem Drängen auf die 
Dauer nicht zu widerstehen imd verfügte unter dem 3. Sep- 
tember 1714 von Reisen aus, dass die Hälfte der in Polen 
stehenden Truppen den Rückmarsch nach Sachsen unge- 
säumt antreten, die andere Hälfte aber „unumgänglicher 
Noth wegen '^ in ihren Kantonnements zurückbleiben sollten, 
wobei die letzteren gleichzeitig verwarnt wurden, -dem freien 
Volke zu keiner Beschwerde zu gereichen und deren wohl- 
hergebrachte Rechte, Freiheiten imd Praerogationen nicht 
zu verletzen". 

Das Regiment Friesen befand sich mit unter den 
Truppenabtheilungen, welche infolge des erwähnten könig- 
lichen Befehls unter dem Oberkommando des Generals der 
Infanterie Baron Hallart in den ersten Tagen des Oktobers 
den Rückmarsch nach Sachsen antraten: 3 Kürassier-, 
2 Dragoner und 8 Infanterieregimenter. 

Man glaubte jetzt den so lange sehnlich erwarteten 
Augenblick der Ruhe für Europa eingetreten; der spa- 
nische Erbfolgekrieg war beendigt; die Schweden hatten 
den Boden des deutschen Reichs geräumt, und der Haupt- 
friedensstörer, Karl Xn., schien als Gefangener der Türken 
sich in dem fernen Demotika in sicheren Händen zu be- 
finden. 

Da mit einem Male verbreitete sich im Herbst 1714 
die bestürzende Kunde, Karl XII. habe am 1. Oktober 



Heinrich Friedrich Graf Yon Friesen. 137 

die Türkei verlassen und sei auf dem Wege nach seinen 
Erbstaaten. Ein Jahrhundert. musste seitdem verstreichc^n, 
bevor Napoleons I. plötzliche Bückkehr von Elba und 
Landung bei Cannes Europa wieder in eine ähnliche Auf- 
regung versetzte. Alle Höfe und Kabinette geriethen in 
grosse Besorgnis^ denn mit dem Namen Karls war der 
Begriff des Krieges bisher unzertrennlich verbunden ge- 
wesen; niemand aber wurde von dem Ereignisse unmittel- 
barer berührt, als König August, welcher zu dieser Zeit 
gerade inmitten frivoler Lustbarkeiten in Warschau ver- 
weilte. Ein Staatsrat!!, an welchem der Grosskanzler J. 
Szembeck imd der Grossschatzmeister Przebendowski imd 
sächsischerseits der unentbehrliche Flemming, der Minister 
Graf Werthem und der General Janus von Eberstädt'') 
theilnahmen, wurde am 16. November zusammenberufen. 
Derselbe zog nach dem Protokoll der Sitzung als mögliche 
Folgen der Wiedererscheinung Karls XII. nachstehende 
Fälle in Erwägung: 

I. Der König Karl gehe nach Schweden, um dem 
Czaren, der ihn zunächst bedrohe, Widerstand zu leisten. 
Für diesen Fall beschloss man, Kussland Beistand zu ge- 
währen — „d'assister au Zar, comme il nous a assist^ de 
son cöte dans notre besoin'^. 

n. Karl greife Dänemark an. Dann wolle man auch 
diesem Staate militärischen Beistand leisten, oder, wie man 
sich in Hinblick auf die erhoffte Gegenleistung diploma- 
tischer ausdrückte, „nous s^courir mutuellement^. 

III. Er richte seinen Angriff auf die sächsischen Lande. 
Hier setzte der Staatsrath seine Hoffiiungen in das wäh- 
rend der kurzen Friedenszeit komplettierte und im Vater- 
lande neugekräftigte Armeekorps, dann aber rechnete er 
für diesen Fall auf die Hülfe Dänemarks, auf die Garantien, 
welche Preussen im Vertrage von Schwedt sowohl bezüg- 
lich Polens als Sachsens zugestanden habe, und endlich 



*) Gottfried Leberecht Janus (oder Jahnus) von Eberstädt stammte 
aus einer thOringischen Familie, welche im Besitze der Güter Eber- 
städt und Gross-Gottem bei Langensalza war. Als rassischer Ge- 
nerallieutenant kam er in der Begleitung des Czaren 1711 mit nach 
Dresden, wo er für den sächsischen Dienst gewonnen ward; der üeber- 
tritt erfolgte im Februar 1712. Schon im nächsten Monate wurde 
Janas von Eberstädt zum General der Kavallerie und Yicepräsidenten 
des Geheimen Eriegsraths-Eollegiums ernannt. Den 26. November 
1712 erhielt er an Flemmings Stelle den Posten eines Gouverneurs 
von Dresden; im Dezember 1714 wurde er Wirklicher Geheimerath. 
Er starb, erst einige fünfzig Jahre alt, am 17. Mai 1718 zu Dresden. 



138 0. von Schimpff: 

auf die übrigen Eeichsftirsten, die, wie man Grund zu er- 
warten habe, eine neue Störung des Friedens nicht dulden 
würden. 

IV. Der Angriflf Karls richte sich auf Polen. Man 
hält dies nicht für unwahrscheinlich, theils der unglück- 
lichen inneren Zustände dieses Landes wegen, theils weil 
für dasselbe das Interesse verschiedener Mächte, wie des 
deutschen Reichs, Dänemarks etc. schwächer sei, als für 
Sachsen. Wenn aber Polen demnach auf den Beistand von 
Kussland und Preussen allein angewiesen bleibe, so dürfe 
nicht ausser Berücksichtigung gelassen werden, dass der Czar 
sich stets nur als ein unzuverlässiger Verbündeter bewiesen 
habe, und Preussen seinen Beistand nicht ohne eine ent- 
sprechende Gegenleistung gewähren werde. 

Die in Polen verbliebene Hälfte der sächsischen Armee 
ist in ihrem Bestände, bei dem fortwährenden Hin- und 
Herraarschieren derselben zur Unterdrückung der inneren 
Unruhen und dem Mangel an Ersatz, bereits sehr herab- 
gekommen, ihre Verpflegung schlecht geregelt. Erst jetzt 
im Drange der bevorstehenden Noth denkt man an die 
Anlage von Magazinen in Polen. An die Bevölkerung, 
die bisher dem Könige auch das geringste Opfer stets be- 
harrlich verweigert hatte, will man eine Proklamation- er- 
lassen, welche sie auffordert, bei der Annäherung des Feindes 
diesem ihre Wohnstätten preiszugeben und sich mit sämmt- 
lichen Lebensmitteln in die Wälder zu flüchten, ein An- 
sinnen, von welchem man sich, bei dem in Polen herr- 
schenden Geiste, kaum im Ernste einen Erfolg versprechen 
konnte. 

Unter den obwaltenden Verhältnissen erschien es 
wichtig, sich des im Verlaufe des nordischen Krieges 
immer lockerer gewordenen Bündnisses mit Dänemark 
aufs neue zu versichern. Augenblicklich befand sich in 
Kopenhajgen als sächsischer Geschäftsträger der Oberst 
Claude De Brosses^); man hielt es jedoch für angezeigt, 
denselben jetzt durch eine bedeutendere Persönlichkeit ab- 
zulösen. Wahrscheinlich auf Flemmings Vorschlag fiel 
die Wahl zu diesem viel Takt und Geschicklichkeit er- 
fordernden Geschäft auf Friesen; abgesehen von seinen 



*) De Brosses war mehrere Male hintereinander mit Aufträgen 
nach Kopenhagen entsendet worden, und zwar den 12. September 1712 
und den 12. Oktober 1712 von Greifswalde, den 2. Oktober 1713 
von Warschau, und den 25. August 1713 von Reisen aus. 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 139 

übrigen hervorragenden Eigenschaften war dabei auch das 
Verhältnis, in welchem er zum Czaren gestanden hatte, 
massgebend. 

Als Hauptziel seiner Sendung war dem Generalmajor 
von Friesen in seiner Instruktion y, nebst Herstellung eines 
guten Einvernehmens zwischen dem dänischen und dem 
polnisch-sächsischen Kabinet im allgemeinen^ der Abschluss 
eines Schutz- und Trutzbündnisses mit Dänemark be- 
zeichnet worden. Um letzteres hierzu geneigt zu machen 
und etwaigen Gegenbestrebungen zuvorzukommen, soll 
Friesen das Kopenhagener Kabinet beständig auf die Ge-* 
fahren aufmerksam machen^ durch die es von seilen Schwe- 
dens bedrqht werde, indem Dänemark aller Wahrschein- 
lichkeit nach derjenige Staat sei, der beim Ausbruche eines 
Krieges, auf den man nach der Rückkunft Karls XII. be- 
stimmt rechnen könne, den ersten Stoss auszuhalten habe. 
Der Gesandte soll dabei nicht unterlassen, darauf hin- 
zuweisen, dass für Sachsen die Gefahr eine viel geringere 
sei, da Karl sich schwerlich gegen den Kaiser und das 
deutsche Beich durch eine Invasion in dasselbe in Unrecht 
setzen werde, in Polen aber August H. mit Zuversicht 
auf eine Unterstützung des Czaren zählen dürfe. 

Dass man bei der Wahl Friesens ganz vorzugsweise 
mit auf dessen höfische Sitte und geistreiche Unterhaltungs- 
gabe Rücksicht genommen hatte, geht aus denjenigen 
Punkten seiner Instruktion hervor, in welchen ihm sein 
Verhalten gegenüber dem Könige und dessen Ministern 
ziemlich ausführlich vorgezeichnet wird. Wir erkennen so- 
fort die Feder des unermüdet thätigen, vielseitigen und 
verschlagenen Flemming, wenn wir in der, in französischer 
Sprache abgefassten Instruktion den Satz lesen: 

„Was insbesondere die Person Sr. Majestät des Königs 
von Dänemark betrifi^t, so wird er (der Gesandte) sich be- 
mühen, dessen Gunst und Vertrauen durch die grösste 
Aufinerksamkeit zu gewinnen, welche er darauf verwendet, 
ihm gegenüber schmeichelhafte Aeusserungen mit Ge- 
schick anzubringen (en repondant les louanges k propos 
sur les actions et sur les discours) und überhaupt den 
König zu belustigen und heiter zu stimmen. Er wird, wenn 
er mit dem Könige über Staatsgeschäfte spricht, sorgsam 
vermeiden, ihn dadurch zu ermüden und zu langweilen, 



•) H.-St.-A. Loc. Nr. 2706: „Des Generalmajors Grafen v. Fries^u 
Verschickung an den Königl. Dänischen Hof* Bl. 17 fgg. 



140 0. von Schimpff: 

dass er zu oft auf denselben Gegenstand zurückkommt. 
Femer wird er seine ganze Geschicklichkeit anwenden, 
sich angenehm zu machen und die Neigung des Königs 
durch seine Unterhaltung zu gewinnen." 

Zur weiteren Erläuterung schreibt noch Flemming 
privatim unter dem 25. November 1714 aus Warschau: 
„Um sich bei dem Könige von Dänemark einzuschmeicheln; 
muss man anfänglich im Gespräch unter vier Augen grosse 
Ernsthaftigkeit heucheln, aber doch dergestalt verfahren, 
dass man ihm die Ueberzeugung beibringt, man sei eigent- 
lieh heiterer Laune; in Gesellschaft anderer empfiehlt es 
sich, ihn durch Witze zu ergötzen, die man gerade so 
laut sagt, dass er sie noch hören kann, oder di^ man dem 
Grafen Reventlow mittheilt, der sie ihm weiterzuerzählen 
pflegt, weshalb man sich auch mit diesem auf gutem Fusse 
erhalten muss. Da der König von Dänemark jedermann 
gern glauben machen vrill, dass er viel arbeite, so muss 
man mm über diesen Gegenstand öfters etwas Schmeichel- 
haftes sagen. Durch nichts kann man leichter sein Ver- 
trauen gewinnen, und mit diesem wird er Sie dann so weit 
beehren, bis er sich endlich gegen Sie über seine Minister 
beklagt. Dann aber müssen Sie sehr vorsichtig sein, weil 
es leicht begegnen könnte, dass der König Ihre Aeusse- 
rungen über die Minister diesen wiedererzählte. Bei Ge- 
legenheit habe ich öfters dem Könige meine Ansichten 
vorgetrÄgen, aber seine Entscheidungen nur in Gegenwart 
der Minister hören mögen. Man muss suchen, den Hof- 
zwerg und einen in sehr grosser Gunst stehenden Kammer- 
diener für sich zu gewinnen." 

Nun folgt in Flemmings Schreiben die Charakteristik 
der Minister: 

„Wibe ist von allen der Gescheidteste, aber überaus 
ängstlich; Holst ein schlechter Charakter und Betbruder, 
die Grafen Plessen dagegen sind ehrlich^ Leute, welche 
trotz der Ungnade, in der sie bei Hofe stehen und unge- 
achtet sie an demselben nicht erscheinen, doch noch einen 
grossen Einfluss besitzen^; endlich Sehestedt, bezüglich 
dessen Flemming sehr indiskret bemerkt: „II faut gagner 
sa femme, ä laquelle il sera bon de dire de temps en temps 
qui j'ai conserv^ beaucoup d'estime pour eile. 

Friesen traf am 30. December 1714 in Kopenhagen 
ein. Als erste Schwierigkeiten, welche der Lösung seiner 
Aufgaben hier entgegentraten, bezeichnet er selbst in seinem 
Berichte: 



Heinrich Friedrich Qraf Ton Friesen. 141 

L Dass sein Vorränffer De Brosses den dänischen 
Hof auf gewisse vortheilhiSte Vorschläge aufmerksam und 
neugierig gemacht habe^ die er, Friesen^ vom sächsischen 
Hofe überbringen werde; 

IL Vorschläge zu einem Partikularfrieden unter Aus- 
schluss der übrigen Verbündeten des Königs August (des 
propositions d'une paix particuliöre k l'exclusion des autres 
Alliös deVotre Majest^)'^); 

in. Die Kenntnis von Friesens engen Beziehungen zum 
Marschall Flemming, gegen welchen das dänische Mini- 
sterium allen Grund zum Misstrauen zu haben glaubte. 
Dieser Verdacht soll sich nach Friesens Erläuterung auf 
einen 14 Tage vor seiner Ankunft entdeckten Anschlag eines 
gewissen Müller gegen das dänische Ministerium beziehen^ 
bei welchem Flemming, dem nun einmal das Intrigieren 
nach allen Seiten hin so nothwendig war wie die Lebens- 
lufty stark mit compromittiert erscheint 

Der Empfang Friesens bei Hofe imd in der Gesell- 
schaft war daher auch ein kühler und gemessener; „on me 
battit froid^; räumt er selbst ein. Auch beklagt er sich, 
dass sein erstes Auftreten als Diplomat ihm dänischerseits 
als Stolz ausgelegt worden sei, oder dass man diesen Vor- 
wurf wenigstens gegen ihn erhebe, um eventuell die Schuld 
des fehlgeschlagenen Annäherungsversuches auf denselben 
zurückfuhren zu können. 

Im Grunde waren wohl auch alle diese mehr oder 
minder gegen die Person des Gesandten gerichteten Be- 
schuldigungen nur der Deckmantel, hinter dem das däni- 
sche Kabinet seine Abneigung verbarg, sich durch den 
Abschluss eines formellen Allianzvertrages mit Sachsen die 
Hände zu binden; man hielt in Kopenhagen Sachsen für 
zu sehr durch den Krieg her abgekommen, um sich von 
einem Bündnisse mit demselben viel zu versprechen. 

Nach Friesens Angaben ' ') bestanden die politischen 
Vorurtheile Dänemarks in folgenden: 

I. Polen befindet sich in offener Empörung (dans 
un soulevement gen^ral). IL Sachsen ist ohne Geld und 
ohne Hülfsquellen. HI. Beide Länder sind mit dem Czaren 



'®) Friesen macht in seiner, in dem oben angezogenen Akten- 
stück (BL 306 fgg.) enthaltenen „ Delation g^n^rale dema negociation 
ä la Cour de Dänemark** hieraus eiuen besonderen Punkt, obgleich 
nach den Regeln der Logik dieser Vorschlag doch wohl bloss eine 
Erläuterung des ersten Punktes sein möchte. 

'*) Relation g^n^rale Bl. 295 b. 



142 0. von SchimpfF: 

veraneinigt (brouilles). IV. Sie sind in die orientalischen 
Wirren verwickelt. V. Sie bereuen die mit Frankreich 
eingegangenen Verbindungen und ebenso VI. das Scheitern 
der mit Schweden angeknüpften Friedensverhandlungen. 
VII. Ihre Armee ist nur auf dem Papier vorhanden. VIII. Sie 
haben weder Freunde, noch Verbündete und IX, ebenso- 
wenig Aussichten, am preussischen Hofe etwas zu erreichen, 
wie am englischen. 

Den 5. Januar 1715 war Friesen mit De Brosses in 
das Kabinet beschieden worden, wo er von den Ministern 
im Conseil empfangen wurde. Nach allgemeinen Ver- 
sicherungen der freundschaftlichen Gesinnungen seines Hofes 
hatte Friesen auf die Gefahren aufmerksam gemacht, denen 
ganz besonders auch das dänische Reich von Seiten Schwe- 
dens ausgesetzt sei und sich auf die alten Allianzverträge 
mit Sachsen bezogen, worauf er den Ministern die bündig- 
sten Versprechen ertheilt hatte, der Dresdener Hof sei bereit, 
mit der Krone Dänemark ein enges Bündnis einzugehen, 
um sich gegen die feindlichen Absichten und Unterneh- 
mungen Schwedens zu schützen und solchen mit vereinter 
Macht zuvorzukommen. 

Nach einigem Zögern gab hierauf der dänische Hof 
unter dem 12. Januar folgende schriftliche Antwort: **) 

Se. Majestät sei ebenfalls ganz der Meinung, dass das 
kürzeste und sicherste Mittel zur Vereitelung der beab- 
sichtigten Unternehmungen des Feindes sein dürfte, den- 
selben so viel als möglich zuvorzukommen, und der König 
habe zu diesem Zweck nicht allein seinen Generälen Be- 
fehl ertheilt, den Feind mit aller Aufmerksamkeit zu be- 
obachten, sondern auch trotz der Schwierigkeiten der 
Jahreszeit eine Flotte auslaufen lassen, um dafern mög- 
lich die schwedischen Transporte anzugreifen und zu ver- 
nichten. Den Plan, den man gegen eine unvermuthete 
Invasion des Feindes in Aussicht nehme, finde der König 
nicht minder angemessen, halte es aber, um den Unter- 
nehmungen der Schweden ein schnelles Ziel zu setzen, für 
imumgänglich nothwendig, sich zuvor der Uebereinstimmung 
des Czaren zu versichern, damit der Feind gleichzeitig 
und nach einem geraeinsamen Plane von allen Seiten ge- 
fasst und mit genügender Kraft erdrückt werden könne. 

Im weiteren versichert der König von Dänemark, dass 
er sich alle Mühe geben werde^ um für die gemeinschaft- 



13) Yergl. das S. 139 angezogene Aktenstück, Bl. 944. 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 143 

liehe Sache neue Verbündete zu gewinnen, namentlich den 
deutschen Kaiser und die Könige von England und von 
Preussen; die schlagfertige Armee seines Landes sei ohne 
Berücksichtigung der Flotte 26000 Mann stark. Das 
Schreiben macht besonders darauf aufmerksam; dass die 
Flotte, welche Dänemark während der bisherigen Dauer 
des Krieges allein unterhalten habC; für die Finanzen Sr. 
Majestät eine schwere; von den übrigen Alliierten nicht 
getheilte Last gewesen sei. 

Während am Schlüsse nochmals betheuert wird, dass 
man zur Abwendung der gemeinsamen Gefahr keine Opfer 
scheuen werde, bleibt der König doch fest bei der Be- 
dingung stehen, „que tout seit pr^alablement communiqu^ 
k Sa Majest^ Czarienne et que par cons^quent on en fasse 
part k son embassadeur *') qui r^side en sa cour". 

Das letztere aber war es gerade, was man durch die 
Sendung des Grafen Friesen abwenden wollte; das Bündnis 
mit Dänemark sollte eben ohne Vorwissen des Czaren, in 
dessen üneigennützigkeit und Aufrichtigkeit man in Sachsen 
nicht unbegründete Zweifel setzte, abgeschlossen werden. 
Für des aufstrebenden Friesens Ehrgeiz mag es eine bittere 
Enttäuschung gewesen sein, als er von Tag zu Tag mehr 
zu der Ueberzeugung gelangen musste, dass seine Bestre- 
bungen in Kopenhagen nie von dem erhofften Erfolge ge- 
krönt werden würden und sein erstes diplomatisches Debüt 
mithin als gescheitert zu betrachten sei. Jedenfalls zeugt 
es von seiner Klugheit und richtigen Beurtheilung der 
Verhältnisse, dass er sich durch die persönliche Liebens- 
würdigkeit und die Artigkeiten der Hofleute, welche bald an"^ 
die Stelle der anfänglich so kühlen Aufnahme traten, nicht 
irre machen liess und in seinen Berichten gleich von Haus 
aus auf die Hoffnungslosigkeit seiner Bestrebungen hinwies, 
so dass man sich auch am Hofe Augusts in Warschau 
keinen langen Täuschungen hingab und schon im Februar 
Friesens Zurückberufung verfügte. 

Unter dem 27. Februar 1715 erging von Warschau 
nachstehendes königliche Handschreiben **) an den Kopen- 
hagener Hof ab: 

„Wie Wir uns beschlossen, den tot. tit. Grafen von 
Friesen an Ew. Majestät abzuschicken, sind Wir des Ge- 
dankens gewesen, er würde die ihm aufgetragene Com- 



*») Fürst Dolgoruki. 

**) Vergl. das S. 139 angezogene Aktenstück, Bl. 277, 



144 0. von Schimpff: 

mission in kurzem yerrichten, mit einer Ew. Majestät ge- 
wierigen Resolition bald wiederum zurückkommen, und 
dann seine ordinairen Functiones bei unseren Armeen an- 
treten können; gleichwie Wir aber vernommen, dass Ew. 
Majestät Intention dahin gehet , vor Convertirung eines 
Planes, wie dem Feinde gehörig zu begegnen, des Zaaren 
Majestät erst darüber zu consuliren imd dessen sentiments 
über die operationes der bevorstehenden Campagne ein- 
zuholen, wozu wegen Entfernung der Oerter eine geraume 
Zeit erfordert wird, Wir aber inzwischen vorgedachter- 
massen der Dienste obbemeldeten Unseres General-Majors 
benöthigt sind, so befinden Wir uns gemüssigt, denselben, 
wie gern Wir ihn auch länger bei Ew. Majestät's Hoff 
hätten mögen subsistiren lassen, wiederum zu rappeliren, 
Wogegen Wir aber nicht ermangeln werden, jemanden 
an Ew. Majestät abzuschicken^ u. s. w. 

In Warschau war übrigens schon vor dieser Zeit 
insofern ein Umschwung eingetreten, als man den Be- 
ziehungen zu Dänemark nicht mehr die grosse Wichtig- 
keit beilegte, wie im Herbst 1714. Flemming, der allzeit 
unermüdliche Faiseur, war zur Herbeiführung einer Allianz 
mit dem preussischen Kabinet im Dezember nach Berlin 
gegangen und hatte sich von da mit Friesen in Kopen- 
hagen in Korrespondenz gesetzt. Er schrieb, dass die Ver- 
handlungen mit Freussen einen günstigen Verlauf zu nehmen 
schienen imd man hier Geneigtheit zeige, einen Vertrag 
mit Sachsen abzuschliessen ; auch mit England sei ein 
Bündnis in Aussicht. 

Noch unter dem 9. März ertheilt Flemming Friesen 
den Wink, die Unterhandlungen mit Dänemark ja nicht 
zu übereilen. 

Es war um diese Zeit, dass die auf dem Rückmarsehe 
von der Türkei nach ihrem Vaterlande begriffene kleine 
schwedische Abtheilung sich der Grenze von Hannover 
näherte, und man interessierte sich in Kopenhagen lebhaft 
dafür, ob der Kurfürst wohl dieser Truppe die Erlaubnis 
ertheilen werde, das Gebiet seines Landes zu passieren. 
In Sachsen schenkte man natürlich diesem löüO Mann 
starken Zuge, welchen 1800 Pferde und 60 Wagen be- 
gleiteten, nicht mindere Aufmerksamkeit, zumal sich dar- 
unter eine unverhältnissmässig grosse Anzahl Generäle 
und höhere Offiziere befanden, ,,unbewehii; und schlecht 
montirt, aber feine Leute^, wie die dem sächsischen Hofe 
erstatteten Berichte sich ausdrücken. Und wirklich so ge- 



Heinrich Friedrich Graf ^on Friesen. ^ 145 

Wältig war noch immer die Schwedenfdrcht in Sachsen, 
dass diese Handvoll Abenteureri die wie ein Meteorschwarm 
an den Grenzen, des Kurstaates vorüberzogen, der Regie- 
rung und dem Lande ernste Besorgnis einflössten, und erstere 
sich dadurch veranlasst fand, die aus 5 Kavallerie- und 
8 Infanterie-Begimentem bestehende Besatzung Sachsens 
noch um einige aus Polen herangezogene Regimenter zu 
verstärken. 

Nachdem die Abberufungsordre bereits in die Hände 
Friesens gelangt war, fand zwischen demselben und den 
Staatsräthen Efolst und Sehestedt am 18. März 1715 noch 
eine Konferenz statt. Das Ergebnis derselben war aber 
wieder ohne alle Bedeutung; ein falsches Gerücht vom 
Tode Karls XII., welches sich in Kopenhagen verbreitet 
hatte , trug sogar dazu bei, das dänische Kabinet noch 
vorsichtiger zu machen. Der sächsische Gesandte brach 
die Verhandlungen kurz ab, indem er nach Beantwortung 
der ihm vorgelegten Fragen erklärte, er begreife nicht^ wie 
die Konferenz irgendwelchen Nutzen haben solle, da er 
noch gar nicht wisse, ob das mittlerweile durch Flemming 
in Berlin zur Sprache gebrachte Exekutionsprojekt von 
Dänemark gebilligt werde. Er legte den Ministem dabei 
einen Auszug aus dem betreffenden Vertragsentwurfe vor 
und stellte den Antrag, dass, da nunmehr der Schwerpunkt 
der politischen Frage nach Berlin gefallen und die- Koo- 
peration Preussens und Englands unerlässlich sei, das dä- 
nische Kabinet seinem Vertreter in Berlin mittheilen möge, 
was es von dem fraglichen Projekte halte und was. es zur 
Ausführung desselben beizutragen willens sei. 

Die l£nister erklärten ihre Bereitwilligkeit, diesem 
Antrage zu entsprechen, und man trennte sich hierauf 
unter dem Austausche der gewöhnlichen Höflichkeitsver- 
sicherungen, * 

Der König von Dänemark verleugnete bei der Ab- 
schiedsaudienz, welche er Friesen gewährte, nicht seine, 
diesem stets bewiesene huldvolle Liebenswürdigkeit, indem 
er dem Scheidenden versicherte, dass, wenn dieser nicht zum 
Dienst im Felde bestimmt wäre, er den König von Polen 
ersuchen würde, Friesen auf seinem Posten in Kopenhagen 
zu belassen. Der letztere hebt in seinem Gesandtschaftsh 
bericht dankend hervor, dass die von der sächsischen Diplo- 
matie in Berlin und London durch die abgeschlossenen 
Verträge erzielten Vortheile auch zuletzt noch seine eigenen 
Bestrebungen wesentlich unterstützt hätten; auch der Be- 

NeaeB ArehiT f. & O. o. A. IL % iO 



146 . O. Ton Schimpff: 

mühungen des rusBischen, wie des englischen Gesandten 
zu Gunsten Sachsens gedenkt Friesen mit warmer Er- 
kenntlichkeit Ohne für sich ein Verdienst daraus abzu- 
leiten und ^ ohne das Fehlschlagen seiner Sendung bemän- 
teln zu wollen ; spricht er doch die Ueberzeugung auS; 
dass im allgemeinen jetzt bei seinem Weggange die 
Gesinnungen Dänemarks gegen Sachsen besser und auf- 
richtiger seien 9 als er dieselben bei seiner Ankunft ge- 
fanden. 

So. endete die diplomatische Sendung Friesens^ deren 
Hauptzweck durch die mittlerweile eingetretene günstigere 
Gestaltung der politischen Verhältnisse im allgemeinen 
die derselben ursprünglich beigelegte Wichtigkeit verloren 
hatte. Der Minister Werthern konnte daher auch den 
über das Fehlschlagen seiner Bestrebungen noch immer 
etwas Betretenen unter deni 30. März 1715 mit folgenden 
Worten trösten: 

„Sie können überzeugt sein^ dass Seine Majestät der 
König von dem Verhalten, welches Sie bis jetzt am dä- 
nischen Hofe beobachtet habeU; ganz befriedigt ist; zu- 
verlässig wird man nicht Ihnen die Schuld beimessen 
dürfen; wenn Ihre Sendung nicht den £l*folg haben sollte, 
den man sich von derselben versprach. Sie brauchen 
sich darüber nicht im germgsten weiter zu beunruhigen.« 

Die letzte Beziehung Friesens zum dänischen Kabinet 
ist ein Brief an den Minister Sehestedt, in welchem er» 
bereits auf der Rückreise begriffen, den 8. April von 
Hamburg diesem mittheilt, dass 8000 Mann Sachsen Ordre 
erhalten hätten, sich mit den Preussen zu vereinigen, 
„woraus der dänische Hof ersehen möge, dass wir an 
einer prompten Expedition, dem Feinde Widerstand zu 
thun, es nicht ermangeln lassen«. 

Wenn wir auch durchaus keinen Grund haben ^ an 
Werthems Versicherung, dass man für das Misslingen 
der Köpenhagener Mission Friesen niemals, verantwortlich 
machen werde, zu zweifeln, ja, wenn wir denselben sogar 
seitdem in der Gunst seines Monarchen von Tag zu Tag 
steigen sehen, so ist es doch auffallend, dass er, der uns 
seiner Natur nach zum Diplomaten vorzugsweise bestinunt 
scheint, nie wieder' mit einem ähnlichen Geschäft betraut 
ward. 

. Zunächst kehrte Friesen nach der Einreichung seines 
Rechenschaftsberichtes wieder in die Reihen der Armee 
zurück, und es beginnt damit für ihn im Feldzuge 1715 



Heinrich Friedrich Graf von ^esen. 147 

in Pommern die Zeit seiner trefflichsten Leistungen als 
Soldat 

Wie schon erwähnt, war. es den Bemühungen Flem- 
mings in Berlin [gelungen^ den König Friedrich Wilhelm I. 
von PreusseU; der zwar nur ftir seine Armee zu leben 
schien^ zum Kriege aber stets geringe Neigung zeigte, ' 
zum Abschlüsse des Vertrages vom 3.- Februar 1715 
zu überreden, der die Grundlagen des Traktates vom 
6. Oktober 1713 bestätigte. Demzufolge machten sich 
Preussen und Sachsen verbindlich, sich im Falle eines 
Wiederausbruches des Kri^es gegenseitig zu unter- 
stützen, und es wurde au .diesem Zwecke die Aufiiellung 
nachstehender Streitkräfte beschlossen: preussischerseits 
zwischen Weichsel und Weser 36 Bataillone, 24 Schwa- 
dronen, sächsischerseits innerhalb der Landesgrenzen 
16 Bataillone, 24 Schwadronen und in Polen 8 Bataillone, 
23 Schwadronen. 

Bevor man jedoch zu weiteren ernsten Massregeln schritt, 
musste, wie sich Friedrich Wilhelm L ausdrücklich be- 
dungen, «Qter seiner Vermittlung erst noch der Weg der 
Güte versucht werden. Aber. Karl Xu. wies* die preussi- 
schen Vorschläge trotzig ab| erklärte die Besetzung und 
Sequestrierung PommemB für einen rechtswidrigen Ein- 
griff in seine Rechte als Landesherr und ergriff zuerst 
die Offensive, indem er die preussische Besatzung der 
Insel Usedom vertrieb. 

Nun endlich beschlossen die Verbündeten, ihre Truppen 
bei Stettin zu vereinigen und den schwediBchen lieber- 
muth zu zügeln. 

In Sachsen war bereits aiA 16. Februar 1715 der 
Kompletierungs- und Marschbefehl an die Truppen er- 
gangen, welche in der Sülrke von 8124 Mann, einschliess- 
Ueh 2110 Pferde und 6 Geschütze, in einem Lager bei 
Lübben zusammengezogen und dem Kommando aes Ge- 
nerala Grafen Wa^erbarth unterstellt wurden, den man 
zu diesem Zwecke von seinem Gesandtschaftsposten in 
Wien herbeirief. Unter ihm befehligten: der General 
der Infanterie von Wilke, die Generallieutenants von 
Milckau und von Seckendorff und die Generidmajore , von 
fiichstädt, von Zühlen, Prinz von Württemberg, Graf 
Castell-Remlingen und Ghraf Friesen. 

Nachdem am 28. April das mobile Korps von dem 
aus Berlin hierzu eingetroffenen Feldmarschall Flemming 
bei Lübben* gemustert worden war, trat dasselbe am fol- 

10* 



148 0. von Schimpff: 

genden Tage in zwei Kolonnen den Marsch nacli dem 
KendezYoas bei Stettin an, wo die erste Kolonne, am 9., 
die zweite am 12. Mai bei dem Gros der preossischen 
Feldarmee von 25000 Mann imter dem G-eneralfeldmar'- 
schall von Wartensleben eintraf. • . 

Schon am 13. Mai musste der Generalmiuor Prinz 
von Württemberg mit dem Dragoner-Begiment Flemming 
imd den Inüanterie-Regimentem Seckendorff und Friesen 
nach der Insel Wollin zur Yerstärkmig der daselbst unter 
dem General von Arnim stehenden preussischen Truppen 
abgehen^ um sich, vereint mit den letzteren, in den Be- 
sitz der noch von den Schweden behaupteten Insel Use- 
dom zu setzen, sobald der Vormarsch auf Stralsund er- 
folgen würde. 

Bevor dieser jedoch von dem verbündeten Heere an- 
getreten wurde, fanden vor dem im Lager von Stettin 
anwesenden Könige von Preussen am 15. jfai und 8. Juni 
grosse, mit Manövern im Feuer verbundene Revuen statt, 
welche dem Soldatenkönige Gelegenheit boten, sich über 
die Leistungen der sächsischen Truppen sehr befriedigend 
auszusprechen. Dass die gegenseitigen Manöver „tout au 
naturel executirt^ wurden, geht schon daraus hervor, dass 
bei denselben Ainf Verwundungen vorkamen. Die gute 
Laune Friedrich Wilhelms wurde noch erhöht, als Flem- 
ming, der nun auch im königlichen Hauptquartier an- 
gelimgt war, in richtiger Würdigung des allerhöchsten 
Ueschmabkes ihm neun „grosse Kerle^, die Umgsten Leute, 
die man im sächsischen Heere auftreiben konnte, zum 
Präsent machte. 

Den 23. imd 24. Jtmi endlich setzte sich ein Avant- 

fardenkorps von 16 Bataillonen und *4 Escadrons mit 
Geschützen gegen Stralsund in Bewegung; den 28. 
folgte das Gros der verbündeten Armee; ein Widerstand 
wurde dem Vormarsche vom Feinde nirgends bereitet 
Dieser hatte mit 10000 Mann unter dem General Dücker 
Strabund besetzt; 1400 Mann befanden sich auf Rügen, 
8000 auf Usedom, wo der König Karl XH. selbst das 
Kommando führte. Nachdem bei Putte (dreiviertel Meile 
östlich von Stralsund) noch die dänische Armee* unter 
Feldmarschall Schölten zu den Verbündeten gestossen war, 
rückten dieselben, jetzt 74 Bataillone und 118 Escadrons 
stark, am 15.. Juli in das Lager von Stralsund, wo die 
Sachsen ihren Platz auf dem rechten Flügel einnahmen. 
Jetzt war der Zeilpunkt gekommen, wo man die 



Heinrich Friedrich Graf ton Friesen. 149 

durch die Besetzung der Insel WolKü vorbereitete Ver- 
treibung der Schweden von Usedom ins Werk setzen 
konnte. Die Unternehmung, an welcher von den Sachsen 
Abtheilungen der Beginxenter Anspach-Flemming, Secken- 
dorff und Friesen betheiligt waren^ erinnert in ihrer Aus- 
führung ein wenig an die Eroberung Alsens im Jahre 
1864; auch hier galt eS; *vor Tagesanbruch einen Meeres- 
arm, denn einem solchen gleicht die Swiene zwischen 
dem Grossen Haff und der Ostsee, unbemerkt zu über- 
schreiten und den Feind durch Ueberraschung aus seinen 
Stellungen zu vertreiben. Der Uebergang erfolgte in der 
Nacht vom 30. zum 31. Juli 1715; die ßeiterei bewirkte 
denselben zumeist schwimmend; die Infanterie wurde in 
Kähnen übergesetzt. Das kühne Unternehmen gelang 
über Erwartung. Karl XU. musste sich, nachdem seine 
Infanterie durch die Kavallerieattaken der Verbündeten 
schwere Verluste erlitten, einschiffen; das Fort Swiene- 
münde ergab sich; die ganze Insel bis auf das von den 
Schweden behauptete Fort Peenemünde fiel in die Hände 
der Sieger, welchen die wichtige Eroberung nur sehr 
geringe Opfer kostete. 

Peenemünde wurde nun regelmässig belagert, aber 
schon am 22. August, als man sich mit den Läufgräben 
noch 4Ö0 Schritt vom Graben befand, erfolgte unter dem 
Befehle des sächsischen Generalmajors Prinzen von Würt- 
temberg mit 1137 Mann ein Sturmangriff. Von den beiden 
Mchsischen Infanterie-Regimentern Seckendorff und Friesen 
nahmen, unter persönlicher Anwesenheit ihrer Inhaber, 
Abtheilungen an dem Sturme theU. Da eine Bresche 
noch nicht 'gelegt war, so konnte die schwierige Aufgabe 
nicht ohne blutige Opfer gelöst werden; erst nach drei- 
stündigem Kampfe gelang es den Anstrengungen der. 
Stürmenden, sich des Ratzes zu bemächtigen, nachdem 
mehr als die Hälfte derselben, 706 Mann, s^etödtet oder 
verwundet worden waren. Die Sachsen aUein verloren 
6 Offiziere und 72 Mann an Todten, 5 Offiziere und 
155 Mann an Verwundeten. Die Regimenter Seckendorff 
und Friesen, welche diesen Verlust allein getragen hatten, 
worden zu ihrer Wiederherstellung und Erholung ersteres 
nach Greifswalde, letzteres nach Anklam in Garnison ein- 
gelegt, von wo sie erst im Oktober abgelöst wurden, um 
vor Stralsund bei der Belagerung verwendet zu werden. 

Das Friesen'sche Regiment, welchem Anfangs Sep- 
tember in Anklam durch seine yier aus Sachsen eingia- 



150 0. von Schixnpff: 

troffenen Ersatzkompagnien eine dringend nöthige Ver- 
Stärkung zugeführt worden war^ hatte während seiner 
ReservesteUung wenig versäumt; denn die Heranführung 
des Belagerung8geschtit2se8 verzögerte sich bis in den 
Oktober mnein, und die Eroberung von Bügen, welche 
dem ernsten Angriffe auf Stralsund vorausgehen sollte, 
hatte, des schlechten Wetters und widriger Winde halber, 
noch nicht in Ausführung gebracht werden können. 

Da hier auf eine Beschreibung der Belagerung von 
Stralsund nur insoweit eingegangen werden soll, als es 
sich um die Betheiligung des Generalmajors Friesen per- 
sönlich oder um die seines Begimentes handelt, so sei nur 
in der Kürze erwähnt, dass die Eröffnung der Laufgräben 
in der Nacht vom 19. zum 20. Oktober erfolgte. Der 
General Wackerbarth, em sehr ki^nntnisvoUer Ingenieur, 
befehligte den rechten Flügel der Belagerungsfront (Attake 
nach damaliger Kunstsprache), welche von preussischen 
und sächsischen Truppen besetzt war; die dänische Attake 
des linken Flügels stand unter dem Feldmarschall von 
Schölten. 

Den 15. November gelangte die längst geplante und 
immer verschobene Unternehmung gegen Bügen mit Hülfe 
der dänischen Flotte bei Stresow zur AusftLhrung. Von 
den Sachsen nahmen nur zwei Escadrons des Dragoner- 
Begiments Anspach-Flemming und die Infianterie-Begi* 
menter Königin, Königlicher Prinz, Weissenfels und Ka* 
vanagh daran Antheil; es kam die sächsische Infanttoie 
jedoch nicht mit ins F.euer, die Dragoner dagegen zeich- 
neten sich sehr aus und hatten nicht unbetiächtlichen 
Verlust Karl XIL, der im Kampfe verwundet wurde 
und zwei Pferde unter dem Leibe verlor, hatte vergebens 
sich erst an die Spitze der Beiterei, dann an die der In- 
fanterie gesetzt und seine Truppen selber mit gezogenem 
Degen vorgeführt; er musste sich mit dein Beste der 
Besatzung* von Bügen, kaum 2000 Mann, . nach Altfehr 
zurückzidien, von wo er sich mit dieser kleinen Scbaar 
mitten durch die dänische Flotte hindurch zu Schiffe 
nach Strakund rettete. 

Trotz der ungünstigen Witterung, unter der die 
Truppen in den unter Wasser stehenden Laufgräben stark 
litten, förderte Wackerbarth die Belagerungsarbeiten dc»ch 
mit ebensoviel JSnergie als Umsicht Als man mit der 
Sappe gegen die drei aussprengenden Winkel des Hom- 
Werks soweit vorgeschritten war, dass der Sturm auf den 



• Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 15I 

gedeckten Weg desselben einige Aussicht auf Erfolg bot, 
wurde, der Generallieutenant von Seckendorff beäuitn^t, 
den Angriff mit kommandierten Abtheilungen der drei 
verbündeten Armeen auszuführen. Derselbe erfolgte den 
5« Dezember Nachmittags 4 Uhr, und trotz des tapfem 
Widerstandes der Schweden gelang es den Stürmenden, 
sich auf der Contreescarpe festzusetzen. Aber auch dieses 
Unternehmen musste mit dem Verluste von 75 Todten 
und 275 Verwundeten theuer erkauft werden; von den 
Sachsen waren 2 Offiziere und 16 Mann todt auf dem 
Platze geblieben, der Generalmajor Graf Castell, 2 Kapi- 
täne und 32 Mann verwundet * 

Nun konnte in der Nacht vom 7. zum 8. Dezember 
zur Ausführung der Breschebatterien vorgeschritten werden; 
vom 12. an b^ann das Brescheschiessen gegen das Horn^ 
werk und die Tenaille. Wackerbarth , dessen Eifer und 
Geschicklichkeit nicht genug Lob gespendet werden kann, 
da er bis ins Detail alles persönlich leitete, bat nun, als 
einige gangbare Breschen nergestellt waren, den König 
um die Genehmigung zum Sturme auf das Homwerk und 
die Tenaille. Die Ausführung wurde dem Generalmajor 
Friesen übertragen; gleichzeitig stellte man demselben 
für die erste Linie 1000 Mann i^reussen und Dänen, für 
die zweite Linie 1000 Mann Sachsen . zur Verfügung, 
welche letztere aus allen acht Infanterie-Begimentem kom- 
biniert und dem Kommando des Obersten von Schlottenbach 
unterstellt waren. Das Vorrücken begann den 17. Dezember 
Nachmittags 2 Uhr in vier Kolonnen, von denen die erste 
gegen die rechte Flanke des Homwerkes, die zweite gegen 
die Tenaille, die dritte gegen die linke Flanke des Hörn- 
Werkes und endlich, die vierte über das Eis des Grabens 
längs der langen Seite des Homwerkes vorgingen, die letz- 
tere mit der besonderen Bestimmung, den Feind im Bücken 
zu nehmen. Vormarsch und Angriff erfolgten „mit fermetä 
und ausgezeichnetem Muthe^, ungeachtet der persönlichen 
Anwesenheit des Königs Karl XII. in der Tenaille und 
der todesverachtenden Energie, welche er, wie kaum je 
ein Feldherr vor oder nach ihm, dem Widerstände seiner 
Truppen einzuflössen verstand. Die beiden angegriffenen 
Werke wurden genommen und behauptet; 20 Geschütze 
und ein grosses Pulvermagazin fielen in die Hlln^ der 
Sieger. Friesen war flir seine Person den Angreifem 
mit glänzendem Beispiele vorausgeganfi^en; er und der 
tapfere Oberst von Diemar befanden sicn unter der Zahl 



152 0. von Schimpff: 

der Schwerverwundeten. Die Sachsen allein verloren 
1 Fälinrich und 24 Mann an Todten und; ausser den ge- 
nannten beiden höheren Offizieren ^ noch 15 andere und 
175 Unteroffiziere und Gemeine aii Verwundeten. 

Sehr ansehnliche Opfer kostete noch am folgenden 
Ta^e^ am 18. Dezember, ein gleichfalls vom Könige per- 
BÖmich anisgeführter Ausfall der Schweden auf das Hom- 
werk, der nach einundeinhalbstündigem Gefechte mit dem 
Bückzuge derselben endete. 

Dem von Wackerbarth mit des Königs Genehmigung 
•auf den 20. Dezember festgesetzten Sturm auf den Haupt" 
wall kamen die Schweden durch die Einleitung von Unter* 
handlungen zuvor, und am 22. Nachmittags 2 Uhr schlug 
die Besatzung Chamade, nachdem in der vorang^angenea 
Nadit König Karl XII. die Stadt verlassen hatte und 
nach Schweden abgereist war. Ohne Schwierigkeiten 
wurde nun auch mit dem Kommandanten von Stralsund, 
General Dücker, die Kapitulation zu Stande gebracht; 
die Gramison, von welcher gegen 2000 Mann in den Spi- 
tälern lagen, wurde bis auf 1000 Mann, denen man freien 
Abzug nach Schweden gewährte, kriSjgsge&ngen. Schon 
am Tage darauf, den 24. Dezember, erfolgte die Besetzung 
der Stadt durch die Dänen. 

Die Sachsen hatten sich durch ihre Ausdauer und 
ihre treffliche Haltung bei allen an sie gestellten ^rheb-. 
liehen Anforderungen .des beschwerlichen Belagerungs- 
dienstes vor Stralsund die Volle Zufriedenheit des Königs 
von Preussen erworben; dem General Wackerbarth hat 
derselbe die hier geleisteten erspriesslichen Dienste nie 
versessen und bis zum Grabe durch eine bei dem so 
raunen, ja. harten Gemüth des Soldatenkönigs doppelt 
rührende Freundschaft belohnt'*) 

Die Belagerung ^on Stralsund hatte dem sächsischen 
Korps allerdings schwere Opfer gekostet: 11 Offiziere und 
291 Mann an Todten, 37 Omziere und 685 Mann an Ver-' 
wundeten. Aber mit dem Falle dieser Festung war nicht 
nur das letzte Bollwerk Karls XII. in Deutschland ge- 
brochen, sondern auch, für den kühnen Eroberer ein noch 
schmerzlicherer Verlust, die Wunderkraft seines gefürch- 



. ■*) In seinem Schreiben an den König von Polen sagt Friedrich 
Wilheki übdr Wackerbarth: „Ich muss demselben billig den Rohm 
beilegen, dass man ihm vornehmlich die glückliche Eroberung von 
Stralsund zuzaschreiben habe.'* 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 153 

tet^i Namens; ]flir Sachsen endete mit der Uebergabe 
Strakonds der dem Fürsten, wie dem Volke so verhäng- 
nisvolle nordische Krieg. 

Während aber hier an der Ostsee das Kriegsfeuer 
zur Freude des gequälten Kurstaates erlosch , loderte in 
Polen bereits wieder die helle Flamme der Empörung auf. 
Schon Anfangs Oktober waren von dem Belagerungsneere 
vor Stralsund die drei Kürassier -Begimenter und das 
Dragoner -Leibregiment abberufen worden und hatten 
unter, dem Befeme des Generallieutenants von Milckau 
nach dem Posenschen marschieren müssen;' den 31. De- 
zember 1715 folgte dahin auch der übrige^ nach Beendi- 
gung des Krieges in Pommern verwendbar gewordene 
Kest des sächsischen Korps, 8 Infanterie- und 2 JDragoner- 
Begimenter, erstere zusammen 6131 Mann, letztere 472 Mann 
stark. 

Dieser nach Polen abrückenden Truppenabtheilungen 
harrte eine der schwierigsten militärischen Aufgaben: die 
Pacificierung eines weitläufigen, mit schlechten Kommuni- 
kationen vetsehenen, schwachbevölkerten Landes, dessen 
noch auf einer sehr tiefen Kulturstufe stehender, in der 
blindesten Abhängigkeit von Adel und Geistlichkeit auf- 
erzogener Bauernstand sich von einer^ jeder staatlichen 
Ordnung grundsätzlich abgeneigten, zxitik Treubrudie und 
zu jeder Art von Gewaltthätigkeit stets bereiten Aristo- 
kratie aus einem Kampfe gegen die gesetzliche Staats^ 
gewalt in den anderen treiben liess. Den Verwand zu 
den sogenannten Konföderationen des Adels, welche in 
der unglücklichen Verfassung der sogenannten "Republik 
eine gewisse Sanktion fanden, und deren Häupter, unter 
sich stets uneinig; nur dann sofort in Uebereinstimmung 
handelten, wenn es die Bekämpfung der königlichen Au- 
torilät galt, musste, wie bisher immer seit der Wahl 
Augusts U., die Beschwerde über die auf dem Boden der 
polnischen Republik vereinigten sächsischen Truppen her- 
geben y deren Anwesenheit von den Aufrtlhrem als Ver- 
fassungsbruch bezeichnet ward« Nun batte sich allerdings 
August n. durch die vor seiner Wahl von ihm unterzeich- 
neten Pacta conventa verbindlich gemacht, fremde Truppen 
nicht nach Polen zu bringen, aber die Verhältnisse standen 
jetzt so, dass eine Zurückziehung, der sächsischen Regi- 
menter .mit einer Verzichtleistung auf die Krone gleich- 
bedeutend gewesen wäre» denn sie allein gewährten der- 
selben einigen Schutz und verhüteten, dass der Aufruhr 



154 O* ^on Schimpff: 

sich nicht in vollen Flammen über das ganze Land ver- 
breitete. 

Man wird lebhaft an die letzte Einhebung Polens 
gegen Russland im Jahre 1863 erinnert, wenn man die 
Schilderungen der Berichte von 1715 und 1716 liest, von 
dem plötzlichen' Auftauchen und Wiederverschwinden 
grosser Insurgentenmassen, von dered heimtückischen 
Ueberfallen, dem Terrorismus^ durch den man die Volks- 
menge wider deren eigentlichen Willen zur Theilnahme 
zwang, den Plünderungen, Vertragsbrüchen und Gewalt- 
thätigkeiten, welche die Kriegführung der Polen charak- 
terisierten. Den Sachsen war dieselbe um so verhASster, 
als eigentliche Schlachten und .Gefechte nur selten ge- 
liefert wurden, und dennoch die Truppen nur ausnahms*- 
weise zur Buhe kamen, da der Verrath in allen Ecken 
um sie lauerte. Einer solchen Kriegsmethode gegenüber 
blieb, zumal bei der grossen Ausdehnung des insurgierten 
Landes und dem Mangel bestinmiter OperationsoDJekte, 
zur Bekämpfung der Gegner kein anderes Mittel, als die 
häufige Entsendung mehr oder minder starker Kolonnen 
nach den verschiedensten Richtungen, um Truppenansamm- 
lungen zu zerstreuen, die Uebelgesinnten einzuschüchtcim, 
die Treugebliebenen gegen Unbilden zu schützoti und 
rückstandige Abgaben einzutreiben. Es liegt auf der 
Hand, dass ein solcher Dienst für die Truppen ein sehr 
anstrengender war; die ganze Natur dieses Krieges aber, 
der beständige Kampf mit Verrath, Untreue und Heim- 
tücke, verwilderte «luch dieselben in bedenklicher Weise, 
indem er ihnen auf Tritt und Schritt zu eigenmächtigen 
und gewaltsamen Repressalien Anlas» gab. 

Friesen, von seiner Verwundung nur nöthdürftig ge^ 
heilt, traf um die Zeit des Waffenstillstandes von Kawa, 
also gegen Mitte Januar 1716, in Polen ein und wurde 
hier vom Feld^iarschall Flenmiing in das Palatinat Sen- 
domir mit dem Auftrage gesendet, daselbst die rücks&n- 
digen Steuern einzutreiben, ein Magazin zu errichten, die* 
Verbindung zwischen Warschau und Krakau zu erhalten 
und die Weichselübergänge zu bewachen, um die Kom« 
munikation der Konföderierten über diesen Fluss hinweg 
möglichst zu verhindern. Die Streitkräfte, welche Friesen 
für diese schwierige Aufgabe' zur Verfügung gestellt 
wurden, bestanden aus 6 Kompagnien Dragoner und 
12 Kompagnien Infanterie, letztere zum grossen Theil 
Polen, mithin höchst unzuverlässig und nur. durch strenge 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 155 

Disziplin zuBammenzahalten. Mit dieser kleinen Abthei- 
lung hatte er nicht blos Sendomir, sondern auch Novemiasto^ 
zehn deutsche Meilen oberhalb^ und Janowice^ ebenso- 
weit unterhalb; alle drei Orte wichtige Uebergangspunkte 
der Weichsel; zu besetzen; die Verpflegung war dabei 
höchst mangelhaft und die Verbindung nur mit den beiden 
Hauptpunkten Warschau und Krakau einigermassen ge- 
sichert. 

Weder der Waffenstillstand von Rawa, noch der auf 
dem Kongresse zu Lublin am 13. Juni feierlich beschworene 
Waffenstillstand wurde von den Konfoderierten eingehalten; 
ohne sich im geringsten an die Verträge zu kehren, 
setzten die £mpörer im Posenschen den Krieg im grossen 
Massstabe fort^ während sie andere Gegenden durch Streif- 
und Raubzüge, Mord und Plünderungen nach wie vor in 
Schrecken setzten. 

Wider Erwarten war in Friesens Bereiche bis zum Juli 
1716 keine wesentliche Störung vorgekommen. Den Waffen- 
stULstandsvertrag von Lublin erhidt derselbe mit der W'ar- 
Bung zugefertigt, sich in seiner bisherigen Vorsicht nicht 
beirren zu lassen^ und wirklich nahete sich gerade jetzt 
ein Korps Konföderierter fünf Meilen unterhalb Sendomir 
der Weichsel, so dass die nach Warschau abgegangenen 
Lebensmittelsendungen von Kommandos begleitet werden 
mussten. 

Die so schwierige Lage Friesens wurde noch dadui^ch 
verschlimmert, dass man seine Kavallerie zu einer anderen 
Verwendung abberief und ihn dadurch des Mittels be- 
raubte, Nachrichten über die Annäherung der meist be- 
rittenen Insurgentenbanden rechtzeitig einzuziehen. Einer 
solchen unter der Führung eines gewissen Laszieczewski, 
Edelmannes von Geburt und Strassenräubers von Pro- 
fession, wurde es unter diesen Umständen möglich, sich 
der Stadt Sendomir heimlich zu nähern und von dem 
Weideplatze die noch wenigen, der Garnison gehörigen 
Pferde wegzuftihren. 

Feldmarschall Flemming . erhielt , die Meldung von 
diesem unangenehmen Vorige in Lublin, wo mit dem 
daselbst versammelten Landtage die Verhandlungen zur 
Herstellung des Friedens fortgeführt wurden, und gab in 
seiner Antwort Friesen auf Grund der über Laszieczewski 
angestellten Erkundigungen den Bath, „de faire pendre, 
comme des voleurs de grand chemin, ceux qu'il trouvait 
avoir yoili la trdve^. 



156 0. von Schimpff : . 

Wenn Flemming bei Ertheilong dieses Bathes etwa 
stillschweigend voraussetzte, Friesen werde denselben nicht 
ganz dem Wortlaute gemäss auszuführen wagen, so hatte 
sich der sonst so schlaue Feldmarschall und Diplomat in 
der Person gewaltig geirrt. Friesen wusste, dass in Opa- 
tow, kaum vier Meilen von Sendomir, die Hauptver- 
fichwörer versammelt waren, und ein Kommando, aas er 
dahin entsendete, brachte, wie er richtig vermuthet hatte, 

. den Laszieczewski nebst drei anderen J^delsTührem nach 
Sendomir zurück. 

Auf seine privilegierte Stellung als polnischer Edel- 
n^ann vertrauend, mag Laszieczewski bei dem Verhör, 
welchem er unterzogen wurde, mit ^osser Zuversicht 
aufgetreten sein, indem er dreist zugab, der Publikatioti 
des Waffenstillstandes persönlich mit angewohnt zu haben. 
Dies genügte Friesen, ihn als Friedensbrecher und l^uber 
9um Strange zu verurtheilen und auch wirklich am 23. Juli 
1716 auf offenem Markte in Sendomir henken zu lassen. 
' Ein Schrei der Entrüstung ging bei der Nachricht 
von dieser strengen, aber muthigen und energischen Mass- 
regel Friesen? von einem Ende Polens zum anderen. Der 
ganze Adel fühlte sich in der schimpflichen Exekution 
eines seiner Glieder aufs tiefste beleidigt; ein Sturm 
heftiger Interpellationen richtete sich' in Lublin gegen 
Flemming. Friesen hatte demselben von der Verurthei- 
Iting und Hinrichtung Laszieczewskis sogleich offizielle 

. Nachricht zugehen lassen, wobei er diskreter Weise die 
Massrisgel als ein nothwendiges Exempel zur Unter- 
drückung der frechen Gewaltthätigkeiten und Säubereien 
ganz auf seine eigene Verantwortung nahm, während er 
es daneben doch für gerathen hielt, sich in einem Schrei- 
ben an den Sekretär des Feldmarschalls ausdrücklich auf 
des|sen klaren und bündigen Befehl zu berufen. Friesen 
war daher keineswegs überrascht, als Flemming dem 
wüsten Geschrei und den Drohungen der polnischen 
Landboten gegenüber von der Diskretion seines Unter- 
gebenen den ausgiebigsten Gebrauch machte und alle 
Schuld des bedauerlichen Missverständnisses auf diesen 
schob. Unter dem Verwände, die Sache an . Ort und 
Stelle untersuchen zu müssen, entzog sich der schlaue 
Diplomat den weiteren Zomausbrüchen des erregten Land-^ 

' tages und begab, sich nach Sendomir, wo er Friesen noch 
am Tage seiner Ankunft mit Arrest belegte, angeblich 

. nur, „weil er den ihm vom Feldmarschall gegebenen 



Heinrich Friedrich Graf ron Friesen. 157 

Ratb, nicht pfifentlich zu erscheinen, unbeachtet gelaesen^. 
Friesent dessen männlich -unerschfockene That innerhalb 
des sächsischen Heeres imgetheilte Billigung erfahr, liess 
alles dies ruhig über, sich ergehen und verantwortete sich 
in Ruhe i^or dem Kriegsgericht in Warschau, welches 
man, um die Aufr^^g der Polen zu beschwichtigen, 
unter Wackerbarths Vorsitz über ihn niederzusetzen be- 
liebte. Auch liess er sich durch den von dem Kriegs- 
gerichte über ihn gefällten Urtheilsspruch, der auf Ver* 
lust seiner Stellung und achtjähriges Gefängnis lautete, 
um so weniger beirren, als eine Publikation desselben an 
den Beklagten vorläufig nicht erfolgte. Durch den General 
WackerbsüTth Mess jedoch Friesen 4en Feldmarschall noch- 
mab darauf aufmerksam machen, dass er sich zu seiner 
Vertheidigung auf dessen Befehl in der bewussten An- 
gelegenheit nur darum nicht l)erufe, weil er dies nicht 
nöthig zu haben glaube, worauf ihm vom Vorsitzenden 
die sonderbare Antwort ertheilt wurde, dass dieser Um- 
stand auf die Ansicht des Kriegsgerichts von keinem Ein- 
flüsse sein könne, „da ein Vorgesetzter berechtigt sei, seinen 
Befehlen jede Auslegung zu geben, welche er für gut be- 
fände". 

Als sich der erste Sturm auf dem Bdchstage und im 
Lande etwas gelegt hatte, wurde die Untersuchung gegen 
Friesen eiaem anderen Kriegsgerichte übertrafen, welkes 
in dem Verfahren des Angeklagten an sich nichts Gesetz- 
widriges erblickte, wohl aoer, den ihm ertheilten geheimen 
Instruktionen gemäss, einen Missbrauch seiner Dienst- 

fewalt darin erkennen wollte, dass Friesen sich um den 
tand des Verurtheilten als Adliger nicht gekümmert 
und in Folge dessen nicht um Verhaltungsbefehle gebeten 
habe. Das Urtheil fiel wesentlich milder aus, als das 
erste, und lautete bloss auf sechs Monate Suspension 
Friesens von seiner militärischen Charge. 

Es begann nun zwischen Friesen und Flemming eine 
Differenz, in welcher sich der letztere, dem sonst klein^ 
liehe Berücksichtigung des Geldpunktes nicht zum Vor- 
wurf gemacht werden konnte, nicht eben im anständigsten 
Lichte zeigte. Die Witwe des Laszieczewski hatte sich 
nämlich erboten, auf alle weiteren Ansprüche in der für 
die königliche Partei so unangenehmen Angelegenheit 
ihres Gatten zu verzichten, wenn man ihr llir dessen 
Verltist ein Schmerzensgeld von 1000 Thalem auszahle. 
Diese ' Entschädigung wollte Flemming von sich ab auf 



158 0. von Schimpff: 

Friesen wälzen;^ indem er diesem bei Eröfifnmig des zweiten 
Erkenntnisses in Aussiebt stellte^ das erste Urtel solle gar 
nicht veröffentlicht werden, wenn er sich zur Zahlung dör 
1000 Thaler bereit erkläre, und da Friesen sich dessen 
weigerte, wurde nach Publikation des ersten strengeren 
Ürtels die Sache zur Entscheidung dem Könige vorge- 
tragen. Friesen reichte nun. seine' Vertheidigungsschrift — 
natürlich in französischer Sprache, in welcher er Kraft 
und Würde des Ausdruckes mit El^anz und Gewandt- 
heit des Styles verband — gleichfalls an den König ein, 
und es scheint die beabsichtigte Wirkung auf den Mo- 
narchen nicht verfehlt zu haben, wenn er in seinem 
Schreiben die männliche Erklärung giebt: „que s^il avait 
refus^ autrefois de rien faire pour d^toumer la publication 
d'une sentence, il croyait ä cette heure, aprte avoir en- 
tendu sa condamnation, pouvoir sans blosser son honneor 
dönner ce qu'on demanderait; qu'il ^tait permis k un 
hdmme d'honneur de donner tout son bien, pour se ra- 
cheter de prison, mais pour d^tounier l'examen de m6me 
que le jugement de sa conduite, les demi^res extrömitds 
ne pouvaient lui faire d^bourser un sol ; que le Comte de 
Flemming n'avait ainsi qu'k disposer de tout ce qu'il ju- 
gerait k propos^. 

König August scheint nicht nur über das Verhalten 
Friesens in der Läszieczewski'schen Angelegenheit im Stillen 
volle Zufriedenheit empfonden zu haben^ sondern es dürfte 
kaum zu viel gesagt sein, wenn man behauptet, dass von 
diesem Ereignisse an, bei welchem sich die uneigennützige 
Hingebung desselben für das Interesse seines Fürsten im 
hellsten Lichte offenbart, Friesen der Liebling des ihm 
anfangs so wenig geneigten Königs wurde. Zunächst sah 
dieser von einer jeden Vollstreckung des wider Friesen 
gefällten Urtels ab, hob dessen Arrest auf und nahm die 
Aufwartung desselben in Gnaden an; die Entschädigung 
der Witwe Laszieczewski mag wohl dem geheimen Fonds 
überwiesen worden sein. Obwohl aber König August 11. 
nicht wieder auf diese Angelegenheit zurückkam, führte 
dieselbe* doch in der Folge noch manche Unannehmlichkeit 
für Friesen herbei. 

So z. B. theilt der Minister Manteuffel unter dem 
30. September 1718, also zwei Jahre nach dem Ereignisse 
in Sendomir, von dem Landtage in Grodno in einem im 
königlichen Hauptstaatsarchive zu Dresden verwabrien 



Heinrick Friedrich Graf von Friesen. 169 

Sehreiben ^^ mit, dass Friesen an der Tafel des Prinzen 
Wisniowiecki gleichzeitig mit den Landboten von Sen- 
domir zur Tafel geladen worden sei, wobei ihn der diskrete 
Wirth; der die Erbitterung des polnischen Adels gegen 
Friesen kannte; als einen Bruder des Grafen Yitzthum 
vorgestellt habe. Als aber gegen Ende des Mahles ein 
Pole absichtlich oder im Weinrausche Friesen bei seinem 
wahren Namen anredete, entstand unter den Landboten 
äine solche Aufregung^ dass der ehemalige Kommandant 
von Sendomiir wahrscheinlich niedergesäbelt worden wäre, 
wenn der Prin% Wisniowiecki ihn nicht in seinem Hause 
vor allem Unbill geschlitzt hätte. Manteuffel beweist sich 
übrigens in dem Briefe, welcher diesen Bericht enthält, 
nicht eben als besonderer Gönner Friesens, über welchen 
er sich im weiteren ausspricht, »que ce jeune homme 
tK>mmence k se donner des airs^ u. s. w. und femer, „der 
Handel, der beim Prinzen Wisniowiecki begonnlen, sei 
noch nicht zu Ende, on lui en pr^pare un autre bien 

Slus sanglant qui donnera une alarme terrible au serail 
ont je serais bien aise de voir rabattre le caquet^. 

Manteuffel hatte übrigens sehr richtig prophezeit; 
die (Jngelegenheiten für Friesen waren damals, 1718, noch 
nicht zu Ende; der polnische Adel konnte sich, so lange 
jener noch lebte, über den gegen seine Privilegien ge- 
führten Streich nicht beruhigen. Sechszehn Jahre nach- 
dem Laszieczewski seinen frechen Raub und Friedens- 
bruch am Galgen gebüsst hatte, kam die Angelegenheit 
unter dem Nachfolger Augusts II., kurz nach der Krö- 
nung Augusts in., wieder zur Sprache, und Friesen, jetzt 
General der Infanterie, Kabinetsminister und Ritter des 
polnischen Weissen Adlerordens, sah sich auf die von 
neuem aufgenommene Anklage hin noch einmal genöthigt, 
sich dem Monaroh^Q gegenüber durch eine ausführliche 
Vertheidigungsschrift zu rechtfertiffen. 

Den blutigen Greuelszenen des zweijährigen polni- 
schen Insurrektionskampfes wurde endlich dur(3i den Pa- 
cificationslandtag zu Warschau ein Ziel gesetzt, und der 
definitive Friede am 1. Februar 1717 geschlossen. 

Hiermit endigte Friesens ernste kriegerisdie Thätig- 
keit, imd wenn derselbe auch dem militärischen Berufe 
sein ganzes Leben hindurch treu bleibt, so sehen wir doch 



'*) Korrespondenz des Feldmarschalls Flemming mit dem Ka^ 
biaetsminister Msrnteuffel. Vol. CLIHa. Bl. 220 b. 



160 0. von Schimpff: 

daneben seine Eigenschaft als Hofmann mehr und 
mehr in den Vordergrund treten. Die anfänglichen 
Vöxartheile seines Monarchen hatten einer hohen Ach- 
tung gegen den täpfem Soldaten, den ebenso gebildeten 
als entschlossenen Führer, Platz gemacht; bald war 
auch dem liebenswürdigen , leichtlebigen Weltmanne die 

Eersimliche Zuneigung des Königs fUr alle weitere Zu- 
unft gesichert 

Dass Friesen auf dem glänzenden Parquet des Dres- 
dener Hofes sich bald «ben so heimisch befand, als in 
den Tranch^en vor Stralsund oder im Kampfe mit den 
polnischen Insurgenten, lind dass er auch auf diesem glatten 
Boden Siege, zu erfechten verstand, davon zeugt wieder 
ein nur wenige .Tage vor dem oben erwähnten geschrien 
bener Brief Manteuffels aus Grodno vom 30. September 
1718, in dem er an Flemming nach Wien folgendes be- 
richtet: „Le soir de notre amv^e M* la Comtesse (Dön- 
hoff) mena elle-m@me M® Pociey k son mari qui la re9ut 
en bon mari, c'est-k-dire avec des d^monstrations tout 

?articuli6res. H a m@me tellement pris en affection le 
iomte Friesen qu'U veut lui faire prendre absolument une 
chambre dans sa maison. L'histoire cependant dit que 
le bon-iiomme est informö de toutes les particularitös ar- 
rivöes ä Dresde, et qu'il n'y a .pas' long-temps qu'il a bu 
en pleine table k la santä de son fils en Saxei C'est 
porter ses comes en galant-homme.^ 

Der Gemahl der in diesem Briefe erwähnten galanten 
Dame, der Grosskronfeldherr von Litthauen Graf Pociey, 
welcher allerdings seiner Gattin im Alter weit voraus 
war, bezeigte übrigens dieselbe Nachsicht, als sie einige 
Jahre später zu dem berühmten Moritz von Sachsen m 
ähnliche Beziehungen trat, wie vorher zu Friesen; ja 
Pociey liess sich sogar, ak Moritz sich um die kur- 
Iftndische Herzogskrone bewarb, von seiner Frau be- 
stimmen, die Ansprüche des Grafen durch namhafte 
Geldopfer zu unterstützen. Nach dem Tode des will- 
fährigen Gemahls (1729) heiratete Gräfin Emerentina 
Pociey den noch sehr jungen Grafen Alexander Joseph 
Montmorency, welcher seit 1725 in der sächsischen Che- 
valiergarde diente und 1727 den Bang eines General- 
lieutenants erhalten hatte. Als August UI. nach seiner 
Thronbesteigung die kostspielige Haustruppe auf den Aus- 
sterbeetat setzte, nahm Graf Montmorency 1734 den Ab- 
schied und begab sich mit seiner Gattin nach Paris. Die 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 161 

Markgräfin von Bayreuth thut in ihren bekannten Me- 
moiren der Gräfin mit den Worten Erwähnung: „Madame 
Potge, tris-fameuse par son libertinage^. Der bereits 
mehrfach erwähnte Baron Haxthausen beschreibt die be- 
rühmte Löwin der Dresdener Gesellschaft, von der er be- 
hauptet, dass sie einmal mit ihrem Liebhaber Friesen eine 
Reise rittlings mit unterlegten Postpferden von Warschau 
nach Danzig und von da nach Dresden ausgeführt habe^ 
als ^etite personne aimable, fort jeune, Tesprit doux et 
tr6s-fin, qui n'avait gu^re eu d'^ucation, mais se fitisait 
ä merveille et en peu de tempS; etant en si bonne äcole^. 

Als einer anderen ziemlich gleichzeitigen Eroberung, 
Friesens wird von Haxthausen in seinen Memoiren die 
Schwester der bekannten Gräfin Dönhoff und Tochter der 
verwitweten Krongrossmarschall Bielinska bezeichnet, die 
von demselben unter dem Namen „die Starostin von 
Mewa" ") aufgeführt und als nicht sowohl schön ^ als 
geistig belebt, liebenswürdig und herzgewinnend geschil- 
dert wird. Sie hätte Friesen gern mit ihrer Hand be- 
glückt, aber diesem, der sich noch immer in beständiger 
Geldverlegenheit befand, genügte wahrscheinlich das Ver- 
mögen der Starostin nicht; welche endlich die Bewerbungen 
des französischen Gesandten Barons Bösanval erhörte und 
diesen heiratete. 

Aber nicht bloss die Gunst des Königs und der 
Frauen erwarb der glückliche Friesen, er gewann auch, 
besonders in dem Kammerherrn Haxthausen und dem 
General Grafen La^asco, einem geborenen Piemontesen, 
der lange sächsischer Gesandter im Haag und bevor- 
zugter Liebling des Monarchen gewesen war^ treue und 
ergebene Freunde. 

Das Jahr 1718, in welchem am Dresdener Hofe, dessen 
Geschichte zu jener Zeit ihre Chronologie der wechselnden 
Herrschaft der Gunstdamen entlehnt, die verschwenderische 
Pracht der Gräfin Dönhoff ihren Höhepunkt erreichte, 
war eine Epoche der ausschweifendsten Lustbarkeiten. 
Wir erwähnen derselben hier bloss, um den Helden unserer 
Erzählung, den wir als Soldaten durch die Mühseligkeiten 
und Gefahren seiner Kriegsfahrten begleitet, auch als 
Theilnehmer der Vergnügungen eines glänzenden Hofes 
nicht aus den Augen zu verlieren, verweisen aber^ was 



'^ Der Familienname des verstorbenen Gatten war Gherinski. 

MtuM Archiv f. S. Q. u. A. U. S. 11 



162 0. von Schimpff: 

die Schilderungen einiger solcher Festlichkeiten speciell 
betrifft, auf „Vehse, öeschichte des Hauses Sachsen 'S 
V, 64 fgg., und „Johann Georg, Chevalier de Saxe", 
40 fg. 

Mit dem Feldmarschall Flemmingy seinem Vorgesetzten, 
hatten sich dagegen Friesens Beziehungen seit dem Pro- 
cesse in der Laszieczewski'schen Angelegenheit nicht wieder 
so herstellen lassen, wie es für ihn wünschenswerth ge- 
wesen wäre, und es geschah wohl hauptsächlich^ um sich 
dem Machtbereiche des in seinem beleidigten Stolze nicht 
leicht versöhnlichen Gegners zu entziehen, dass Friesen 
sich um eine Stelle im Hofdienste bewarb, welche ihm 
mittels königlichen Patents vom 3. Juli 1719 durch seine 
Ernennimg zum Oberfalkenmeister gewährt wurde. In 
dieser Charge**) sehen wir Friesen mit bei dem glän- 
zenden Empfange in Thätigkeit, welcher nach der Ver- 
mählung des Kronprinzen Friedrich August mit der Erz- 
herzogin Josephine dem jungen Paare in der sächsischen 
Hauptstadt bereitet ward. Seine Stellung bei Hofe be- 
festigte sich in den folgenden Jahren immer mehr, imd 
wenn wir ilm in seiner Laufbahn als Hofmann auch nicht 
von allen Fehlern, die den Ansichten jener Zeit gemäss 
von diesem Begriffe fast unzertrennbar waren, von Leicht- 
fertigkeit der Sitten, Medisance und Neigung zu Spiel 
und Verschwendung freisprechen können, so müssen doch 
selbst seine Feinde einräumen, dass er, was damals um 
so seltener war, doch inmitten solcher Frivolität als 
Mann von Bildung und Geburt seine Würde nach oben, 
wie nach unten zu wahren verstand, dass er ebensowenig 
bei den rohen Trinkgelagen wie bei den niedrigen Ka- 
balen und Lakaienränken jener Tage auf das Niveau des 
ihn umgebenden Schwarmes herabsank. 

Es kann in Berücksichtigung aller der Eigenschaften, 
die wir an Friesen kennen gelernt haben, ebensowenig 
befremden, dass der König, als es galt, für die ältere der 
ihm von der Gräfin Cossell geborenen beiden Töchter 
einen geeigneten Gatten zu wählen, seine Augen auf 
Friesen richtete, als dass das junge siebenzehnjährige 



**) Es war diese damals die siebente der dem Oberhofmarschall 
unterstellten neun Oberhofchargen: Oberkammerherr, Oberstall- 
meister, Oberschenk, Oberküchenmeister, Oberhofjägermeister, Ober- 
hofmeister der Königin, Oberfalkenier, Oberpostmeister und Tra- 
bantenhauptmann. 



Heinrich FriedHch Graf von Friesen. 163 

Mädchen in die Verbindung mit dem bereits vierundvierzig- 

i' ährigen Oberfalkenmeister ohne Bedenken einwilligte. 
Tür diesen war die Partie, abgesehen von den Vortheilen, 
welche die nahe Verwandtschaft mit dem königlichen 
Hause bot, auch finanziell für die damalige Zeit, wo der 
Werth des Geldes ein wesentlich höherer war, als heut- 
zutage^ eine ziemlich glänzende; denn das Vermögen der 
bereits damals auf dem Schlosse Stolpen in Gewahrsam 
gehaltenen Mutter der Braut war im Jahre 1724 „ohne 
die noch ermangelnden Juwelen und Hamburger Banko- 
Effecten" zu 582224 Thlr. 1 Gr. 10 Pf., einschliesslich 
circa 153000 Thlr. zweifelhafter Kapitalien — nach einer 
anderen Berechnung zu 624934 Tnlr. 5 Gr. 10 Pf. ein- 
schliesslich 183000 Thlr. unsicherer Aussenstände — ab- 
geschätzt worden. Von dieser Masse sollten die beiden 
Comtessen Cossell mit je 100000 Thalem abgefunden 
und das übrige Vermögen der Frau Gräfin „zu Dero und 
des jungen Herrn Gra^n Unterhaltung und dessen Edu- 
cation^' angewiesen, über die „annoch ermangelnden Ju- 
welen aber^ wenn herbeizuschaffen, en faveur der beiden 
Comtessen" verfügt werden. Der Vormund des unmün- 
digen (erst 1712 geborenen) Grafen Cossell, der Hofrath 
Wolfgang Adolf von Leubnitz, zeigte sich übrigens, 
wahrscheinlich weil man bei der Abschätzung zu hoch 
gegriffen hatte und mehr, als der Anschlag berücksichtigte, 
uneinbringlich war^ mit der angeblichen Bevorzugung der 
beiden Schwestern seines Mündels nicht einverstanden, 
und legte gegen dieselbe am 9. Januar 1726 einen^ wahr- 
scheinlich vergeblichen Protest ein. Die fraglichen Ju- 
welen, über &ren Verbleib die Gräfin-Mutter jede Aus- 
kunft beharrlich verweigerte, fanden sich encQich beim 
Juden Jonas Meyer in Dresden und wurden vom Könige 
mit Beschlag belegt; doch stellte man für dieselben 
den Töchtern, für den Fall des Ablebens der Mutter, 
je 20000 Thaler „vor die mütterliche Gerade" in Aus- 
sicht. 

Die Vermählungsfeier Friesens mit Auguste Constantie 
Gräfin Cossell fand am 3. Juni 1725 in Gegenwart des 
Königs und der Königin, des königlichen Prinzen und 
dessen Gemahlin und des gesammten Hofes statt; die 
Traurede hielt der Oberhofprediger Dr. Marburger. Die 
Lustbarkeiten, welche sich in der Dauer von drei Wochen 
an dieses Hochzeitsfest anschlössen; sind zu originell 
imd zu bezeichnend für die Art und Weise, wie man 



164 0. Yon Schimpff: 

sich damalB am Dresdener Hofe zu vergnügen pflegte, 
um hier mit Stillschweigen übergangen zu werden. 

Zunächst hatte man zur Ausstattung dieses Festes 
einen Theil der Armee auf dem linken Mbufer^ Pillnitz 
gegenüber^ zusammengezogen^ um^ wie man sich naiv aus- 
drückte^ „das Verzügen der Allerhöchsten Herrschafi;en 
mit der Instruction der Truppen zu verbinden". Hier 
auf diesem Uebungsplatze, wo man zunächst des Flusses 
eine Festung erbaut und diese mit einer als Janitscharen 
verkleideten Abtheilimg besetzt hatte, wurden bereits am 
Tage vor der Hochzeit die Festivitäten „par un combat 
naval, une bataille et Tinvestiture d'une forteresse" eröffiaet 
Sie wurden vom 4. Juni an in der Weise fortgesetzt, dass 
immer ein Wechsel militärischer Vorstellungen mit länd- 
lich-idyllischen Aufführungen in Pillnitz stattfand^ welche 
mit einer feierlichen Begrüssung des Hofes durch die 
Dorfschaft 7 das heisst zimi grösseren Theile als Bauern 
verkleidete Künstler, anfingen. Den 5. Juni „Descente, 
Schlacht, Berennimg der Festung und Formirung des 
Lagers", den 6. „Dorfschule", bei welcher der Hofewerg 
den Schulmeister vorstellte, den 8. „Maienfest", den 12. 
„Erntefest", den 14. „wird gedroschen", den 16. „Bauern- 
carroussel", den 18. Vorstellung, „wie es Abends und bei 
Nacht in den Schenken zuzugehen pflegt", den 20. „Bauern- 
process" und an den dazwischen liegenden, dem Mars 
gewidmeten Tagen: erste Parallele und Tranch&n, Fou- 
ragierung, Anlage von Batterien, Ausfall der Belagerten, 
man nähert sich von der zweiten Linie dem Eck der 
Contreescarpe, Sturm auf das Ravelin, Bresche, Sturm 
auf den Hauptwall, die Besatzung verlässt die Festung 
und zieht sich über eine Brücke nach der Insel zurück, 
Minenspringen , die Brücke wird nach beendetem Rück- 
zuge abgebrochen; den 19. Juni Versuch, den Feind 
von der Lisel zu vertreiben, welcher sich auf die 
Schiffe retiriert, bei der Landung aber von der Ka- 
vallerie der Belagerer attakiert und gefangen genom- 
men wird, den 20. endlich Victoriaschiessen und grosses 
Feuerwerk. 

Man sieht, dass zu jener Zeit schon die Lehre, welche 
später Goethe im Vorspiele zum Faust giebt : „Wer vieles 
bringt, wird manchem etwas bringen", keineswegs unbe- 
kannt war; es strömten aber auch die Zuschauer von 
allen Enden des Landes zu Tausenden herbei. In Er- 
mangelimg der Dampfschiffe sorgten damals von Pferden 



Heinrich Friedrich Graf Yon Friesen. 165 

gezogene Eibzillen für die ununterbrochene Verbindung 
zwischen Dresden und Pillnitz. 

In einer Zeit, wie der unsri^en^ in der sich bereits 
Schulknaben mit politischen und volkswirthschaftlichen 
Fragen beschäftigen, drängt sich uns bei der Erinnerung 
an jene Festlichkeiten fast wider Willen die Betrachtung 
auf^ ob sich damals unter der unzählbaren Menge neu- 
gieriger Zuschauer wohl ein einziger befunden haben 
ma^; der in der übermüthigen Laune des Hofes, in dessen 
leichtfertiger, durch die finanzielle Lage des Landes 
keineswegs gerechtfertigten Verschwendung etwas An- 
stössiges oder gar Tadeinswerthes gefunden hätte. 

Mit dem Feuerwerke am 20. Juni waren aber die 
Lustbarkeiten noch nicht zu Ende; am folgenden Tage 
stattete der ganze Hof dem Königstein einen Besuch ab, 
natürlich ,, unter Losbrennung der Kanonen'^; den 22. 
exerzierten die Kadetten in PiUnitz, und am 23. fand die 
feierliche Rückkehr des Hofes nach Dresden statt, wo die 
Kanonen der Flotte, welche den Hof führte, mit den auf 
den Festun^swällen aufgestellten wieder freigebige Salut- 
schüsse wecliselten. 

Ein Jahr ungefähr nach seiner Vermählung mit der 
Gräfin Cossell gelangte Friesen durch den Tod seiner 
Tante, der verwitweten Freifrau Johanne Margarethe von 
Schellendorf, in den Besitz der Standesherrschaft Königs- 
brück**), wodurch seine finanziellen Verhältnisse sich 
wesentlich besserten. 

Der König beförderte seinen Schwiegersohn im Jahre 
1726 zum Generallieutenant, ohne dass mit dieser Ranges- 
erhöhung dessen Rücktritt in den aktiven Dienst ver- 
bunden gewesen wäre. Dagegen brachte das folgende 
Jahr 1727 die Erhebung Friesens ziun Oberkammernerrn 
an Stelle des im Zweikampfe mit dem Marquis de St. Giles 
gefallenen Grafen Friedrich Vitzthum, sowie seine gleich- 
zeitige Ernennung zum Kabinetsminister. 

Dem Ehrgeize des bisherigen Soldaten und Hofmannes 
eröffnete sich durch seinen Eintritt in das Geheime Kabinet 
nun auch die Laufbahn als Staatsmann; ferner übertrug 
ihm der König die Oberdirektion der im alten Regiments- 



■*) In yiele Zeitberichte über Friesen hat sich der Irrthum 
eingeschlichen, dass er in den Besitz von Eönigsbrück durch seine 
Heirat gelangt sei. Der Tod der Freifrau von Schellendorf erfolgte 
den 10. April 1726. 



166 0. von Schimpfif: 

hause am JüdenLofe befindlichen wissenschaftlichen Samm- 
lungen, des Münz-, Muschel-, Erz-, Naturalien-, Konchy- 
lien-, Etampes-Kabinets. 

Diesen Rangerhöhungen folgte noch in demselben 
Jahre bei dem am 3. August in Obersedlitz, der neuen 
Schöpfung des Obersten Wackerbarth, glänzend gefeierten 
Ordensfeste die Verleihung des polnischen Weissen Adler- 
ordens an Friesen. 

Aber während er sich in der Gunst seines Monarchen 
immer mehr und mehr befestigte, wurde sein häusliches 
Glück nach kurzer Dauer wieder zerstört. Seine Gattin 
hatte ihm am 26. März 1726 einen Sohn *®) und am 25. No- 
vember 1727 einen zweiten geboren; bald nach glück- 
lich überstandenem Wochenbette wurde aber die Gräfin 
von den Kinderblattern ergriffen, welchen die junge, 
blühende Frau am 2. Februar 1728 erlag. 

Dass mit dem Tode derselben die Neigung des Kö- 
nigs zu seinem Schwiegersohne nicht erkaltete, lässt sich 
schon daraus erkennen, dass dieser im Dezember 1728 
wieder durch einen neuen Gunstbeweis des Monarchen er- 
freut wurde. August schenkte nämlich das erwähnte Regi- 
mentshaus *') am Jüdenhofe (gegenwärtig mit Nr. 1 bezeich- 
net) dem Kabinetsminister und Oberkammerherrn Grafen 
Friesen „aus besondern Gnaden und um seiner Uns so 
lange Jahre geleisteten treuen, tapferen und erspriess- 



*^) Dieser ältere Sohn starb schon nach vollendetem sechsten 
Jahre. 

'*) Dieses sogenannte Regimentshaus war im Februar 1714 vom 
Könige dem Feldmarschall Grafen Flemming und dessen Gemahlin 
unter sehr vortheilhaften Bedingungen ad dies yitae überlassen 
worden. Aber schon im September desselben Jahres veranlasste 
August den Feldmarschall, gegen eine Entschädigungssumme von 
12000 Thalem ihm das Haus wieder zur freien Verfügung zurück- 
zugeben, und es wurde dasselbe nun zur Dienstwohnung des da- 
maligen Gouverneurs von Dresden, Generals Janus von Eberstädt, 
der bisher ein jährliches Quartiergeld von 1200 Goldgülden bezogen 
hatte, bestimmt. Eberstädts Nachfolger Wackerbarth bewohnte als 
Obersthaus- und Landzeugmeister, welche Chargen er auch als Gou- 
verneur behielt, ein Haus am Zeughause, das am 19. Januar 1728 
mit den darin enthaltenen werthvoUen Sammlungen niederbrannte, 
worauf Wackerbarth vom Könige das damals die Stelle des jetzigen 
Landhauses einnehmende Flemming'sche Palais geschenkt erhielt. 
Erst unter Friesen wurde das Haus am Jüdenhofe wieder zuf&llig 
die Wohnung des Gouverneurs; einige Jahre nach seinem Tode ver- 
kaufte es dessen Sohn, der letzte Graf Friesen, an den Konferenz- 
minister und Wirklichen Geheimenrath Grafen von Hennicke. 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 167 

liehen Dienste willen erb- und eigenthümlich". Die darin 
verwahrten Sammlungen, welche erst kürzlich noch durch 
ein ^fast inästimables Bemsteinkabinet^; ein Geschenk des 
Königs von Preussen, vermehrt worden waren, wurden 
nebst der Bibliothek in die Galerie des Zwingergartens 
gebracht. 

Der Tod Flemmings, welcher im Jahre 1728 erfolgte, 
scheint Friesen wieder in nähere Beziehungen zur Armee, 
für die er beständig lebhaftes Interesse behielt, gebracht 
zu haben. Den 9. Februar 1731 wurde er zum General 
der Infanterie ernannt; im folgenden Jahre erhielt er an 
seines Freundes Lagnasco Stelle das Kommando der 
sächsischen Leibgarde in Polen, welchen Ehrenposten er 
jedoch nur bis zum Tode des Königs August 11. be- 
kleidete. Der Thronwechsel blieb insofern nicht ohne 
Einfluss auf Friesens Stellung bei Hofe, als er auf Befehl 
des neuen Monarchen seinen Posten als Oberkammerherr 
an den bisherigen Maitre de la Garderobe Grafen Brühl, 
den späteren Premier, abtreten musste, wofür ihm als Ent- 
schädigung die durch den Tod des Grafen Wackerbarth 
(den 14. August 1734) erledigte Würde eines „Gouverneurs 
der Residenz und Festung Dresden, auch Neudresdens, 
ingleichen König- und Sonnenstein und Stolpen" übertragen 
ward. **) 

Als König August III. an seinem vierzigsten Geburts- 
tage, den 7. October 1736, zu Hubertusburg den Militär- 
St. -Heinrichs-Orden stiftete, und nächst dem damals vier- 
zehnjährigen Kurprinzen Friedrich Christian, dem sechs- 
jährigen Prinzen Xaver, dem dreijährigen Prinzen Karl 
Christian und dem Feldmarschall Herzog Johann Adolf 
von Sachsen -Weissenfeis noch vierzehn uenerale, meist 
verdiente Veteranen aus dem nordischen Kriege, mit der 
neuen Dekoration begnadigte, befand sich auch Friesen 
mit unter der Zahl der Ausgewählten. Der Orden, in 
Deutschland der älteste militärische Verdienstorden, wurde 
damals an einem karmoisinrothen Bande mit silbernen 
Rändern getragen, und sein Kreuz führte die Inschrift: 
„Virtute et pietate bellica". In den Jahren 1737 bis 
1739 fanden noch sieben Verleihungen desselben statt, 
auffallenderweise aber hören solche mit dem letztgenann- 



'*) Frieseng feierliche Verpflichtung als Goayemeur fand den 
28. October 1734 statt. 



168 0. von Schimpf: 

ten Jahre auf, obgleich die 1740 beginnenden schleeischen 
Kriege der Armee doch reichliche Gelegenheiten zu mi- 
litärischen Auszeichnungen boten. ^^) 

Die. letzte militärische Würde, mit welcher Friesen 
durch die königliche Gnade bekleidet ward, war der im 
Februar 1738 durch den plötzlichen und unerwarteten Sturz 
des Ministers und Generals Grafen Sulkowski erledigte 
Ehrenposten eines „Generalcommandanten über die fünf 
Bataillone Leibgarde zu Fuss und über die derselben 
in gewisser Masse incorporirte sogenannte Hubertusbur- 
^sche Leibgrenadier-Freicompagnie, mit eben denjenigen 
Prärogationen, wie solche dem Ueneral Grafen Sulkowski 
vorhin anvertraut gewesen". 

Der Organismus des sächsischen Heeres ist im Laufe 
der Zeiten so oftmaligen Veränderungen unterworfen ge- 
wesen, dass es einer genauen Kenntnis seiner Geschichte 
bedarf, um sich vorstellig zu machen^ welche Truppe 
unter jenen fünf ßataillonen Leibgarde, die dem Kom- 
mando Friesens imter^tellt wurden, eigentUch gemeint ist. 

Den Namen Garde ftihrten damals bei der Infanterie 
drei Regimenter, nämlich : 1) das alte 1670 errichtete Leib- 
regiment, das Stammregiment unserer jetzigen beiden 
Grenadier -Begimenter ISr. 100 und 101, welches den 
Namen „Garde zu Fuss'^ schon 1692 annahm und bis 
zum Jahre 1764, wo demselben aus ökonomischen Rück- 
sichten die Gardevorrechte entzogen wurden, behielt; 
2) das von diesem im Jahre 1707 abgetrennte „Zweite 
Garderegiment zu Fuss", das bei der grossen Re- 
duktion der Armee zwischen dem zweiten schlesischen 
und dem siebenjährigen Kriege 1748 wieder aufgelöst 
wurde; 3) die 1729 in zwei Bataillonen in Warschau und 
Meissen errichtete Leibgarde, deren erster Chef der 
spätere Feldmarschall Graf Rutowski war, und die schon 
im folgenden Jahre im Zeithainer Lager durch ihre 
stattliche Erscheinung allgemeine Bewunderung erregte. 

Dieses letztere Regiment, die spätere Leibgrenadier- 
garde, welche ihre Existenz in einem schwachen Rest als 
sogenannte rothe Garde bis Ende Dezember 1848 fristete, 
ist es, welche einen Theil der oben erwähnten fünf Ba- 



") Bekanntlich war es Prinz Xaver, welcher als Administrator 
Sachsens im Jahre 1768 den fast in Vergessenheit gerathenen Orden 
wieder ins Leben rief. 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen 169 

tailloae Leibgarde zu Fuss ausmacht. Es bleiben jedoch, 
da diese Trappe nur aus zwei Bataillonen bestand^ noch 
deren drei zu ermitteln, von denen indessen keines zu den 
unter 1) und 2) aufgeführten Regimentern gehörte. Da- 
gegen hatte im Jahre 1735 das Infanterie-Regiment, dessen 
Chef König August III, als Kronprinz gewesen war, den 
Namen Leibregiment erhalten, nachdem am 4. Juni 
1733 das Grenadierbataillon Friesen^*) als drittes Ba- 
taillon demselben einverleibt worden war; am 13. April 
1737 aber • war folgender Befehl ergangen: „Nachdem 
Wir Unser bisheriges Leib- Grenadier -Gardes- Regiment 
Unserem sogenannten Leibregiment zu Fuss dergestalt 
einverleibt, dass beide zusammen 1 Corps von Ba- 
taillonen formiren, so soll dasselbe fiirohm den Namen 
Unserer Leib-Gardes zu Fuss führen." 

Wenn sich hieraus die Zusammensetzung der, Friesens 
Kommando unterstellten Gardetruppe von fUnf Bataillonen 
erklärt, so möchte noch in Bezug auf den weiteren Be- 
standtheil derselben, die sogenannte Hubertusburgische 
Leibgrenadier - Freikompagnie, zu erwähnen sein, dass 
diese im November 1729 in der Stärke von 160 Mann 
zur Bewachung des, dem damaligen Kronprinzen ge- 
hörigen Jagdschlosses Hubertusburg errichtet ward. Zum 
Kapitän derselben wurde der Kammerherr und Stall- 
meister des Kronprinzen, Graf Alexander Joseph Sul- 
kowski, der spätere Premierminister, ernannt, unter wel- 
chem noch vier Offiziere bei der Kompagnie standen. 
Die Garnison derselben war Oschatz, mre Uniform 
die des ersten Garde - Regiments zu Fuss — paille- 
gelber Rock ohne Kragen, rothe Aufschläge, Westen 
und Beinkleider, letztere mit goldenen Tressen besetzt. 
Die Unterhaltung dieser Luxustruppe erforderte jährlich 
26688 Thaler. 



**) Das GrenadierbataiUon Friesen ist nicht mit dessen oben 
mehrfach erwähntem Infanterie-Regimente zu verwechseln, welches 
ihm im Jahre 1717 wieder entzogen worden war. Jenes Grenadier- 
Bataillon war vielmehr aus dem in der Geschichte des Zeithainer 
Lagers vielbesprochenen Janitscharenkorps formiert worden, welches 
1729 auf Befehl des Königs von dem Oberstlieutenant von Sybilski 
in Polen errichtet worden war. Diese ungefähr 500 Mann starke 
Tmppe hatte zweierlei Montur, eine citronengelbe und eine papagei- 
grüne ; ihre Musikbande bestand aus 24 Mohren und 48 Janitscharen. 
Die Umwandlung in ein Grenadier-Bataillon, zu dessen Chef Friesen 
ernannt wurde, erfolgte schon im Herbste 1781. 



170 0. von Schimpflf: 

Aber nicht bloss dem Militär, sondern auch dem Hof- 
manne sollte noch eine besondere Auszeichnung zutheil 
werden, als im Mai 1738 die feierliche Anwerbung um 
die Hand der ältesten Tochter des Königs, Prinzessin Marie 
Amalie, für den König beider Sicilien durch den ausser- 
ordentlichen Gesandten desselben, Grafen Fuenclara, statt- 
fand, und Friesen bei dieser Ceremonie zum königlichen 
Kommissar ernannt wurde.**) 

Die Erfüllung der Pflichten seines hohen Ehrenamtes 
mag ihm übrigens bei dieser Gelegenheit nicht ganz so 
leicht geworden sein, wie man in Rücksicht auf seine lange 
Gewohnheit des Hofdienstes wohl anzunehmen berechtigt 
wäre, denn schon klopfte die Hand des Todes leise an die 
Thür des Mannes, der noch am Tage nach der Hochzeits- 
feier bei dem grossen Carroussel im Zwiüger an der Spitze 
einer der vier in reiche spanische Tracht gekleideten Ab- 
theilungen Proben seiner ritterlichen Gewandtheit ablegte. 
Wenige Monate darauf, noch im Herbst 1738, musste Friesen 
sich infolge anhaltender Körperleiden, die allmählich in 
Wassersucht übergingen, aufs Land nach Königsbrück 
zurückziehen, und wir würden seine Betheiligung an dem 
Hochzeitsfeste der Königstochter als den letzten Akt seiner 
amtlichen Thätigkeit bezeichnen müssen, wenn nicht ein 
im Staatsarchiv aufbewahrter umfänglicher und höchst 
wahrscheinlich aus Friesens eigener Feder geflossener Be- 
richt des Gouverneurs von Dresden*®) noäi das Datum 
vom 2. Juni 1738 trüge. 

Dieser Bericht liefert ein ausführliches, sehr eingehend 
und gründlich motiviertes Gutachten des Gouvernements 
zu einer von sämmtlichen Viertelsmeistern Dresdens einge- 
reichten Vorstellung: „ob nicht der Rath einen oder den 
anderen von der Bürgerschaft bei der Einquartierung über 
die Gebühr beschwere". 

Die Klagen der Dresdener Bürgerschaft über den Druck 
der Einquartierung waren an sich nichts neues und reichen 
weit vor den nordischen Krieg zurück in die Zeit der An- 
fänge eines stehenden Heeres. Mitten in der ärgsten 
Schwedenbedrängnis im Jahre 1707 war von der Bürger- 
schaft die Summe von 18 672 Thlr. 22 Gr. 2 Pf. zu einem 



'^) Vergleiche über die bei dieser Anwerbung statteefundenen 
Feierlichkeiten die Beschreibung in „Lindau, Gesch. der Haupt* und 
Residenzstadt Dresden'* 326 fgg. 

") HStA. Loc. Nr. 1100 Vol. I Bl. 9 fgg. 



Heinrich Friedrich Graf, von Friesen. 171 

Kasernenbau aufgebracht und an die Kriegskasse abge- 
geben worden, um sich von der drückenden Einquar- 
tierungslast zu befreien; das Geld war jedoch während der 
Kriegswirren zur Befriedigung noch dringenderer Bedürf- 
nisse verwendet worden. Als nach der Pacificierung Polens 
zu Anfange des Jahres 1717 die Armee wieder ins Vater- 
land zurückkehrte und hier ihre Friedensgamisonen ange- 
wiesen erhielt, bestimmte man, dass Dresden mit je zwei, 
anfangs halbjährlich, später jährlich wechselnden Infan- 
terie-Regimentern belegt werden solle. Ueber diese Mass- 
regel wurden viele Klagen erhoben, besonders da die Sol- 
daten, von denen damals ein sehr grosser Theil verheiratet 
war, ihre Weiber und Kinder, ja Eltern und Geschwister 
mit nach Dresden brachten und so das Proletariat der 
Hauptstadt nicht unbeträchtlich vermehrten. Auch die Auf- 
führung der Truppen, welche durch die langen Kriege, 
namentlich durch den polnischen Insurrektionskampf ver- 
wildert waren und sich an friedliche Verhältnisse schwer 
gewöhnen konnten, gab zu fortwährenden Beschwerden 
Veranlassung; sie begingen gegen die Verkäufer auf offenem 
Markte Gewaltthätigkeiten und streiften Nachts in Rotten 
zu 3, 4 und selbst bis 16 Mann in den Gärten der Vor- 
städte umher, um Unfug zu treiben und Diebstähle und 
Räubereien zu begehen. Der Bau der Kaserne in Neu- 
stadt, der von 1731 ab mit grosser Energie unter de Bodts 
Leitung zur Ausführung kam, änderte den Stand der Dinge 
wenig, denn der Zweck des Gebäudes, die Unterbringung 
der Garnison, wurde noch während des Baues im wesent- 
lichen aus dem Auge verloren, so dass, als es fertig stand, 
die Verwendung desselben eine ganz andere ward.*') 

Als Friesen 1734 das Gouvernement der Residenz über- 
nahm, hatte sich in den Verhältnissen der Bequartierung 
wenig geändert; nur war eines der beiden Infanterie- 
Regimenter der Garnison , das Leibgrenadier - Garde- 
Regiment (die sogenannte grosse oder rotne Garde, welche 
mittlerweile errichtet worden war), in Dresden fixiert 
worden, und der jährliche Wechsel fand daher nur noch 
mit einem Regimente statt, eine Einrichtung, die sich 
ein Jahrhundert lang bis 1830 erhielt. 



*') Man vergleiche hierüber den Aufsatz in der Wissenschaft- 
lichen Beilage der Leipziger Zeitung: „Ein Bückblick auf die Ver- 
gangenheit der Dresdener Militäretablissements", Jahrgang 1877 
Nr. 30 fgg., insbesondere Seite 187 fg. 



172 0. von Schimpff: 

Die Stärke der Infanterie-Garnison Dresdens war im 
wesentlichen durch das Wachbedürfnis bedingt, und Friesen 
weist in seinem Gutachten, mit dem er die Vorstellung der 
Viertelsmeister begleitet, nach, dass dasselbe seit 21 Jahren 
in forwährendem Steigen begriffen sei, denn der tägliche 
Wachbedarf berechne sich: 

im Jahre 1713 unter Janus von Eberstädt: 
Stärke der Garnison: 1487 M., tägliche Wache: 306 M., 

im Jahre 1725 unter Wackerbarth: 
Stärke der Garnison: 1626 M., tägliche Wache: 464 M., 

im Jahre 1736 unter Friesen: 
Stärke der Garnison: 2934 M., tägliche Wache: 525 M. 

Friesen hatte bereits den Vorschlag gemacht, die Wache 
auf 463 Mann herabzusetzen, statt dessen war dieselbe auf 
598 und endlich gar auf 661 Mann gestiegen, was dem 
ungefähren Bestände eines Bataillons, also dem vierten 
Theile der Infanterie-Garnison entsprach. Der Gouverneur 
beklagt sich mit Becht über die ungebührlich reiche Be- 
messung des Wachbedarfes, welcher wahrscheinlich in dem 
Luxus seinen Grund hatte, der damals, wo nicht nur alle 
Generäle und Regimentskommandanten, sondern auch die 
Minister und hohen Hofchargen Schildwachen vor ihren 
Thüren nicht entbehren zu können glaubten, mit solchen 
Ehrenposten getrieben wurde. *^) Was die Bequartierung 
der Stadt betrifft, so hatte man zu Friesens Zeit die Ein- 
richtung getroffen, dass die innere Altstadt der Leibgre- 
nadier-Garde (2 Bataillone) und die Vorstädte dem Feld- 
Infanterie-Regiment und einiger Artillerie überwiesen waren. 
Statistisch nicht uninteressant ist es, bei dieser Gelegen- 
heit die Zahl der Wohngebäude von Altstadt und deren 
Vorstädten in jenem Augenblicke kennen zu lernen, indem 
erstere niit 382 belegbaren Häusern und 98 königlichen 
Freihäusem, letztere mit 601 '/a belegbaren Häusern auf- 
geführt werden. 

Unter den königlichen Häusern werden bezeichnet: 
7 Häuser (oder vielmehr Baustellen, da sie 1667 abgetragen 
wurden) am Taschenberge, 3 Häuser auf der kleinenBrüder- 
gasse, von der Gräfin Cossell erhandelt und nachgehende 
zum Palais gezogen, 26 Häuser am Jüdenhofe u. s. w., 



'■) Unter dem Prinzen Xayer wurden nach dem siebenjährigen 
Kriege 41 Wachposten in Dresden eingezogen; trotzdem mussten 
unter ihm noch täglich 449 Mann auf Wache ziehen, welche 109 Posten 
einschliesslich 7 Nachtposten zu besetzen hatten. 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 173 

1586 — 1599 zum kurfürstlichen Stall- und Löwenhause auf 
der Schössergasse (sonst Nikolausgasse) gezogen^ 9 Häuser^ 
um 1591 zum Zeughause gezogen, das Flemming'sche Haus 
auf der Pima'schen Gasse^ 1727 erkauft. 

Jedes der „belegbaren Häuser" — Neubaue erhielten 
sogenannte Bauberechtigungen, Befreiungen von Abgaben 
und Einquartierungslast auf eine Reihe von Jahren, die 
Häuser der Bathspersonen waren eo ipso befreit — war 
im Jahre 1733 mit wenigstens zwei und nach Verhältnis 
mit 3 — 6 Mann belegt Für 1738 wird der Aufwand für 
die Bequartierung in der Altstadt und den Vorstädten 
derselben, welcher 1712 11782 Thlr., 1725 14194 Thlr. 
betragen hatte, zu 41566 ThLr. 12 Gr. berechnet; er be- 
lauft sich, wie man versichert, höher als die Quatember- 
steuer.**) Die grösste Plage für die Quartier wirthe waren 
die verheirateten Soldaten, welche gleich mit Weib und 
Kindern einrückten. Damals, wo die militärische Dienstzeit 
nicht wie jetzt auf die Dauer einiger weniger Dienstjahre 
beschränkt war, sondern das ganze kräftige Mannesalter 
in Anspruch nahm, war die Zahl der Verheirateten bei 
den Truppen auch eine ganz unverhältnismässig grössere, 
als gegenwärtig, wo das Heiraten nur nach der Be- 
endigung der aktiven Dienstzeit solchen Unteroffizieren 
gestattet wird, welche Kapitulationen übernommen haben. 
So hatte zum Beispiel damals das Leibgarde- Regiment, 
welches die stabile Hälfte der Dresdener Infanterie-Garnison 
ausmachte, über seinen Bestand von 1441 Unteroffizieren 
und Gemeinen noch den Appendix von 230 Weibern und 
einer dem entsprechenden Kinderschaar. Man glaubt den 
Versicherungen der Herren Viertelsmeister gern, wenn diese 
das Ungemach für die Hausbesitzer schildern, die endlosen . 
kleinen Quälereien und Belästigungen, die ewigen Streitig- 
keiten, zu welchen die Soldatenweiber in den Wohnungen 
und Familien der Bürger Veranlassung gaben, wenn sie 



'*) Die vierteljährlichen direkten Abgaben der oben bezeich- 
neten Stadttheile werden in der fraglichen Schrift folgendermassen 
angegeben: 

2830 Thlr. 18 Gr. 67. Pf. Pfennigsteuer ) ^^„ AUsf^ilt 
2286 „ 20 „ — „ Quatembersteuer ) ^^^ Aitstaat 
463 „ 8 „ 11 Va « Pfennigsteuer , Vorstädten 
1361 » 16 „ — „ Quatembersteuer ) ^^" ^®" vorstaaten 
2614 „ 13 „ — „ Wachthaler, Geschoss, Brunnengeld und 
Eontribution. 

9546 Thlr. 4 Gr. 6 Pf. Summa. 



174 0. von Schimpff: 

ferner für letztere die ihnen von der Einquartierung ab- 
gepressten sogenannten „freiwilligen Geldunterstützungen" 
als eine weitere Belästigung der Quartierträger bezeichnen, 
da diese sich im Weigerungsfalle allerhand Chikanen von 
Seiten ihrer Einquartierung — verschwenderischem Ge- 
baren mit Holz, Licht und Salz, welches dieser gewährt 
werden muss, dem Aufhetzen der Dienstboten wider ihre 
Herrschaften u. s. w. — aussetzten. Natürlich suchten sich 
die wohlhabenderen Hausbesitzer einer so drückenden und 
widerwärtigen Verpflichtung dadurch zu entziehen, dass 
sie ihre Einquartierung durch Zahlung einer reichlichen 
Entschädigungssumme bewogen, sich anderwärts einzu- 
miethen. Auf diese Weise kassierte, wie die Beschwerde- 
schrift besagt, mancher Unteroffizier von seinem Wirthe 
272, 3 und 4 Thlr., ein unbeweibter Gemeiner 1 Thlr. 
8 Gr., ein verheirateter aber 272—872 Thlr. ein, „lässt 
sich daher für die Frau ebensoviel, wie ^ für sich selbst 
bezahlen'*. 

Dass bei dieser Vorstellung die Beschwerdeführer sich 
durchaus keine Uebertreibung zu Schulden kommen Hessen, 
dafür spricht die warme Unterstützung, welche der Gou- 
verneur denselben zu theil werden lässt In der That hätten 
sie einen unparteiischeren und zugleich beredteren Für- 
sprecher nicnt leicht finden können. Friesen droht ge- 
radezu „den Untergang der Bürgerschaft", wenn nicht 
alsbald Abhilfe geschehe; zwei Unteroffiziere könnten ^durch 
ihre Bequartierung ein Haus um tausend Thaler depre- 
tioniren", der neue Anbau werde gehindert und die Kon- 
sumtion zum grossen Nachtheile der Tranksteuer vermindert. 

Der Druck der Einquartierungslast wurde aber noch 
dadurch doppelt empfindlich, dass in der Belegung der 
Häuser grosse Ungleichheit herrschte; es waren, wie Friesen 
bestätigt, hauptsächlich die Vorstädte und ärmUchen Gassen 
der inneren Stadt, welche am schwersten zu tragen hatten; 
denn von der Befreiung der 98 königlyshen Häuser und 
der im Besitze von Rathspersonen befindlichen ist bereits 
die Bede gewesen; es wird aber ausserdem noch geklagt, 
dass solche Befreiungen leider auch von anderen auf 
krummen Wegen ohne besondere Mühe zu erschleichen seien. 

Der Neustadt wird in dem Exposö nur beiläufig Er- 
wähnung gethan, da die Einquartierungslast derselben, 
welche nur zu 2643 Thlr. berechnet wird, eine unverhält- 
nismässig geringere sei, als die der „Stadt Dresden^. 

Welchen Erfolg die Bemühungen der Viertelsraeister 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 175 

und des die Interessen der Bürgerschaft so warm befür- 
wortenden Gouverneurs gehabt haben, kann leider nicht 
berichtet werden; wahrscheinlich ist nach mehreren Rich- 
tungen hin eine Erleichterung eingetreten. In jedem Falle 
ist es dem Verfasser dieses Lebensbildes eine Freude, 
seinen Helden, den er als tapferen, unerschrockenen Sol- 
daten, als gewandten Diplomaten und als Muster eines 
eleganten, feingebildeten Uofmanns zu schildern Gelegen- 
heit fand, zu guterletzt dem Leser noch als freimüthigen, 
bürgerfreundlichen Vertreter des Rechtes und der Billig- 
keit vorführen zu können. 

Auch die Ruhe des Landlebens in dem seit dem Tode 
der Gattin und des ältesten Sohnes — der jüngere befand 
sich, obgleich erst elf Jahre alt, der Erziehung halber 
in der Schweiz — für ihn verödeten Königsb.rück ver- 
mochte dem schwerleidenden Friesen die Gesundheit nicht 
wiederzugeben. Im Frühjahre 1739 entschloss er sich, 
nach Südfrankreich zu reisen, wie gleichzeitige Bericht- 
erstatter erzählen, um die Bäder von Montpellier zu ge- 
brauchen. Der Ort stand allerdings in der zweiten Hälfte 
des vorigen Jahrhunderts, wie sich später herausstellte 
sehr mit Unrecht, denn Wind und Staub machen sich hier 
unangenehmer fühlbar, als in anderen Gegenden des mit- 
täglichen Frankreichs, seiner milden Lage wegen besonders 
bei den Engländern in gutem Rufe, wogegen der Ver- 
fasser von Bädern in Montpellier sonst nie etwas gehört 
hat. Wenn daher Friesen sein Reiseziel nicht bloss aus 
Vorliebe für den ihm von seinen Jugendjaliren her lieb- 
gewordenen, von der Natur bevorzugten Himmel des süd- 
lichen Europas gewählt und durch Zufall gerade auf Mont- 
pellier gekommen ist, so möchte hier vielleicht ein sehr 
frühzeitiges Beispiel der erst später so beliebt gewordenen 
Luftkuren vorliegen. 

Friesen war auf der Beise von seinem Sohne 
Heinrich August, der sich unterwegs in Lyon an den 
Vater anschloss, und dem Wundarzt Weise begleitet. 
Die Versammlung der Stände von Languedoc, welche 
ein geräuschvolles Zusammenströmen des lebenslustigen 
französischen Adels in Montpellier veranlasste und für 
Friesen um so unbequemer und störender wurde, als 
sich unter der glänzenden Menge mancher alte Bekannte 
befinden mochte und er dadurch zu gewissen geselligen 
Rücksichten genöthigt ward, bestimmte den Schwer- 
wkrankten, den Aufenthalt in Montpellier mit dem in dem 



176 0. von Schimpff: 

nur wenige Stunden davon^ unmittelbar am Meere liegenden 
kleineren Orte Cette zu vertauschen. Aber die Leiden 
Friesens steigerten sich so, dass der Gequälte weder bei 
Tag noch bei Nacht Ruhe finden konnte, bis ihn am 8. De- 
zember 1739 ein verhältnismässig sanfter Tod von seinen 
Schmerzen befreite. Er hatte sich an diesem Tage abends, 
ohne Vorzeichen des nahen Endes gewahren zu lassen, 
ruhig zu Bette begeben; dann aber mit der Matratze auf 
den Fussboden legen lassen und einige Stunden darauf 
den Geist aufgegeben. Der junge Graf war bei dem Tode 
des Vaters nicht zugegen; keine Gefahr ahnend, hatte er 
mit seinem Hofmeister gerade einen Ausflug in die Um- 
gegend gemacht, von dem er erst nach dem Trauerfalle 
zuilickkehrte. 

In Sachsen rief die Kunde von dem Tode des hoch- 
geachteten Mannes allgemeine Bestürzung hervor; verlor 
man doch in dem Grafen FrieseU; von dessen übrigen 
Eigenschaften abgesehen^ einen der damals so seltenen 
höheren Beamten; welcher für Bestechimgen unzugänglich; 
seine Hände wie sein Wappenschild von jedem Flecken 
rein zu halten gewusst hatte. Friesen war in der That 
nicht bloss ein Mann von bedeutendem Talent und Wissen, 
in welcher Beziehung ihn vielleicht bloss der geniale, 
elf Jahre vor Friesen verstorbene Flemming überragte, 
sondern auch unter allen Hof- und Staatsmännern des da- 
maligen Sachsens derjenige, der am meisten wahre Würde 
zeigte; er war mit einem Worte ein Charakter. Was 
Friesens äussere Erscheinung betrifft, so schildert ihn 
sein Freund Haxthausen als von kleinem, aber eben- 
massigem Wüchse und sehr mager. Die Züge seines 
länglichen Gesichts mit leichtgebogener Nase trugen den 
Stempel der Vornehmheit, konnten aber je nach seinem 
Willen ebenso schnell den Ausdruck der liebenswürdigst^! 
und anmuthigsten Höflichkeit; wie den eines kalten, ab- 
weisenden Stolzes oder schneidender Ironie annehmen. 



Die weitere Geschichte des gräflichen Zweiges der 
Friesen'schen Familie ist keine lange. Der einzige; d^i 
Grafen Heinrich Friedrich überlebende Sohn, August Hein- 
rich, trat schon 1742, fünfzehn Jahre alt; ak Fähnrich mit 
Lieutenantsrang beim Garde-Regiment in hessen^kassel- 
sche Dienste. Nachdem er hier zum Hauptmann befordert 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 177 

worden war, wurde er 1744 als Oberstlieutenant bei der 
Garde du Corps in die sächsische Armee aufgenommen und 
wohnte als solcher den Schlachten und Gefechten des 
zweiten schlesischen Krieges in Böhmen, Schlesien und 
Sachsen bei. Als 1745 ein österreichischer Erzherzog ge- 
boren ward, sendete König August III. den zum Obersten 
und Kammerherm ernannten achtzehnjährigen Grafen 
Friesen zur Beglückwünschung nach Wien. Im folgenden 
Jahre erhielt er das zeither den Namen seines Oheims, des 
Grafen Cossell, führende Infanterie-Regiment, welches später 
(seit 1798) Prinz Friedrich August hiess, dann 1836 dem 
Prinzen Georg verliehen wurde und unter diesem Namen als 
Nr. 106 noch heute besteht. Aber der junge Mann, der bei 
Striegau und Kesselsdorf bereits unter unglücklichen Ver- 
hältnissen den Beweis geführt hatte, dass der soldatische 
Geist des Vaters und Grossvaters auf ihm ruhe, fühlte den 
unwiderstehlichen Drang, auch unter günstigeren Verhält- 
nissen den Buf eines klugen und tapferen Offiziers zu be- 
währen. Nirgends bot sich hierzu bessere Gelegenheit, als 
im Dienste des Königs von Frankreich, in dem Friesens 
Oheim, der Graf Moritz von Sachsen, sich bereits den 
Marschallstab erworben und durch den Sieg bei Fontenay 
schnell auf die Höhe eines der ersten Feldherren seiner Zeit 
erhoben hatte. Friesen eilte daher zur französischen Armee 
in Flandern, wo er unter der „troupe dor^e de volontaires", 
die sich hier um die gefeierte Person des Marschalls schaarte, 
sich durch Tapferkeit und feine Sitte bemerkbar machte 
und an dw Schlacht bei Rocourt am 11. Oktober 1746 
in glänzender Weise betheiligte. 

Von Brabant begleitete er den Oheim nach Paris und 
Versailles. „Friesen", schreibt dieser unter dem 10. De- 
zember 1746 nach Dresden, „platt extr^mement ici; je 
crois, qu'on lui donnerait volontiers le grade de brigadier." 

Dies geschah auch wirklich im folgenden Jahre, imd 
es wurde ihm dabei noch die besondere Gunst gewährt, 
dfiSB er trotz des Eintritts in den Dienst des Allerchrist- 
lichsten Königs seine sächsischen Militärchargen; also auch 
sein Infanterie-Begiment behalten durfte. 

In Frankreich ertheilte man Friesen die Erlaubnis, 
ein neues deutsches Infanterie-Begiment zu errichten, und 
am Ende des Feldzuges 1748, in welchem er der, durch 
den Abschluss des rried^is imterbrochenen Belagerung 
von Maastricht beiwohnte, erfolgte noch im Dezember seine 
Ernennung zum Mar^chal de Camp. 

NeuM Arebiv f. S. Q. n. A. II. 9. 12 



178 0. Yon Schimpff: 

In dem Verzeichnisse der 1748 an dem Hofe von 
Versailles vorgestellten Personen, welche dadurch das Vor- 
recht der „Entröes des Carosses du Roi^ erlangten, führt 
die bekannte Memoirenschreiberin, Herzogin von Cräqui; 
auch „le comte de Friese, l^gitim^ de Saxe** auf. 

Am 5. Juli 1749 kam Friesen mit dem Marschall von 
Sachsen zu einem Besuche nach Dresden, wo er mit grosser 
Auszeichnung aufgenommen und auch zum sächsisch-pol- 
nischen Generalmajor ernannt wurde. 

Als im folgenden Jahre, am 30. November 1750, Moritz 
von Sachsen in Chambord starb, ward Friesen zwar nicht 
dessen Erbe, denn der Marschall hatte hierzu testamen- 
tarisch den Gemahl seiner Lieblingsschwester Marie Aurora 
Rutowska, den Grafen Claude-Marie de Bellegarde, be- 
zeichnet, wohl aber wurde der letzten Bitte des Helden, 
dass seine militärischen Privilegien auf seinen Neffen Friesen 
übertragen werden möchten, vom Könige Ludwig XV. 
durch Patent vom 5. Februar 1751 feierlich entsprochen. 
Somit erhielt der dreiundzwanzigjährige Mar^chal de Camp 
neben seinem französischen Lifanterie-Regiment auch noch 
das berühmte Ulanenregiment, welches von dem grossen 
Oheim nach dem Muster der sogenannten tatarischen Hof- 
fahnen, die er in den Reihen der sächsischen Armee im 
zweiten schlesischen Kriege kennen gelernt hatte, für 
Frankreich errichtet worden war. Auch die Gouverneur- 
steile des schönsten Königsschlosses aller Länder, des 
prächtigen Chambord, wurde Friesen auf Lebenszeit über- 
tragen, während er aus dem eigentlichen Nachlasse des 
Oheims nur den werthvoUen Brillanten le Prague, den die 
böhmische ELauptstadt im Jahre 1741 ihrem Eroberer zum 
Geschenk gemacht hatte, und ein Exemplar des Manu- 
skriptes der berühmten R^veries erhielt. 

Aber Graf Friesen sollte sich seiner zahlreichen 
Ehrenämter, welchen der König noch eine Pension von 
12000 Livres hinzufügte, nicht lange erfreuen. Gegen 
Ende März 1755 wurde er von den Masern befallen, zu 
welchen sich ein bösartiges Faulfieber gesellte, und schon 
den 29. März, fünf Tage nach der Erkrankung, raffle ihn 
der Tod in der Blüthe seines Lebens dahin. Er starb 
in seinem Hotel zu Paris, noch nicht achtundzwanzig Jahre 
alt, in Gegenwart zweier Landsleute, der Grafen Schön- 
berg und Watzdorf. Der Erzbischof von Paris erzeigte 
ihm noch im Tode eine besondere Rücksicht, indem er 
die Genehmigung ertheilte, dass Friesen, der Protestant^ 



Heinrich Friedrich Graf von Friesen. 179 

in der Parochialkirche seines Stadtviertels; der Madeleine 
Ville TEvSque, beerdigt wurde.'®) 

So sehen wir in dem Enkel des ersten Grafen; des 
kaiserlichen Feldzeugmeisters^ die gräfliche Linie des 
Hauses Friesen schon wieder erlöschen. Durch die drei 
Generationen derselben wiederholen sich hervorstechende 
Charakterztige — lebhafter Ehrgeiz^ Tapferkeit, Uneigen- 
nützigkeit und edle Gesinnung — gepaart mit hoher Geistes- 
bildung und aristokratischen Formen; von seinem Vater 
hatte der letzte Graf Friesen die leichtblütige , sinnliche 
Natur und Liebenswürdigkeit im geselligen Verkehr, nicht, 
wie es scheint, dessen eiserne Energie geerbt. 



*®) Nach dem Tode des Grafen Auffust Heinrich suchte dessen 
noch immer auf dem Schlosse Stolpen in Gewahrsam gehaltene Gross- 
mntter, die Gräfin Cossell, sich in den Besitz der nachgelassenen 
sächsischen Güter zu setzen ; sie musste dieselben jedoch gegen eine 
Abfindungssumme dem Freiherm Johann Friedrich Ernst von Friesen 
auf Bötha, dem Vetter des verstorbenen Grafen, abtreten. Die Güter 
blieben indessen auch nicht in dieser Linie. Königsbrück mit Eosel, 
Grüngräbchen und Steinborn erkaufte 1713 der erste Graf Redem, 
welcher später preussischer Oberhofmarschall wurde, der Gemahl 
der reichen Bankierstochter Horguelin oder Orguelin; Schönfeld mit 
Zubehör (Jessen, Graupen, Pratschwitz) wurde nach längeren Diffe- 
renzen mit den Erben der Töchter des Geheimrathsdirektors Friesen 
1787 als kurfürstliches GhatuUengut erworben. 



iS* 



Literatur, 



DenkwtLrdigrkeiten des Halleschen Bathsmeisters SpittenAerf. 

Herausgegeben von der Historischen Commission der Provinz 
Sachsen. Bearbeitet von Prof. Dr. Julias Opel. Halle, Otto 
Hendel. 1880. 8^ XLVHI, 682 SS. (A. u. d. T. : Geschichtsquellen 
der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete. Elfter Band.) 

Die Stadt Halle erfreut sich bekanntlich keines be- 
sonderen Beichthumes an Quellen für ihre mittelalter- 
liche Geschichte; doch befindet sich unter dem, was sich 
bis auf unsere Tage erhalten hat» manches Stück; das 
durch Umfang und inneren Werth ims über manche ver- 
lorene oder in Halle nicht so wie in anderen deutschen 
Städten gezeitigte Frucht historiographischer Thätigkeit 
zu trösten im stände ist So kann und muss Halle Ton 
vielen Seiten um den Besitz einer Perle unter den mittel- 
alterlichen Geschichtsquellen, um den der tmter obigem 
Titel zum ersten Male vollständig herausgegebenen „Denk- 
würdigkeiten des Bathsmeisters SpittendorP beneidet wer- 
den, ohne dass doch wiederum der Werth und das Inter- 
esse derselben einseitig auf Halle beschränkt wäre. Es 
sind nicht Zeiten ruhiger, individueller Entwickelung und 
Fortbildung, die uns diese „Denkwürdigkeiten" schudem, 
es sind vielmehr ernste, schwere, wechselvolle, aufregende 
Kämpfe auf dem Gebiete der inneren und äusseren Städte- 
verfassung, in deren Getriebe und Verlauf uns hier aller- 
dings unter eigenthilmlichem Gesichtspunkt Einblick er- 
öfihet wird; es ist die gewaltige Krisis in dem städtischen 
Verfassungsleben, der wir fast in jeder grösseren Stadt 
unseres Vaterlandes auf der Grenzscneide zwischen Mittel- 
alter und Neuzeit begegnen: die Vollendung der Demo- 
kratisierung des städtischen Regimentes gegen die letzten 
noch bestehenden Vorrechte einer patrizischen oder aristo- 
kratischen Sondergemeinde, die früher oder später zu einer 
Einmischung des ehemaligen Stadtherm und zur Wieder- 



Literatur. 181 

herstellung der unter vielen Opfern und Mühen bis auf 
ein Minimum abgestreiften Obernoheit desselben in streng- 
ster Fassung führte. Beide Katastrophen fanden in Halle 
verhältnismässig früh statt und beide folgten einander 
in dem kurzen Zeiträume der Jahre 1474 bis 1479. Kaum 
wäre der innere Zwist der Halleschen Bürgerschaft so 
schnell zu einem verhängnisvollen Ende gediehen, wenn 
nicht inmitten desselben die Begierung des Erzstiftes 
Magdeburg unter den Einfluss einer grossen, weitaus 
schauenden Politik getreten wäre, deren Machtentfaltung 
in jener Zeit auch das besondere Interesse der Leser dieses 
Blattes flir die neue Publikation erwecken muss. Erz- 
bischof Ernst, der die Früchte jener Umwälzung zu ernten 
berufen war, war ein kursächsischer Prinz, und es hatte 
durch seine Erhebung auf den Erzstuhl die Macht seines 
Hauses einen für jene Tage bedeutungsvollen Sieg er- 
rungen und eine Erweiterung erfahren, die, wenn bis in 
die zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts aufrecht er- 
halten, die Geschicke von ganz Deutschland in andere 
Bahnen zu lenken vermocht hätte. Allerdings war Herzog 
Ernst bei seiner Postulation noch nicht älter als 11 Jahre; 
um so mehr lenkten die ihm von Haus aus beigegebenen, 
in allen Pfaden der Diplomatie erfahrenen Bäthe^ unter 
denen vor allen Johann von Weissenbach, der Bischof 
von Meissen, hervorragt, im Vereine mit den Vertretern 
der sächsischen Partei unter den erzstiftischen Ständen 
die Verwaltung und Regierung des Stiftes im Sinne der 
wettinischen Hauspolitik, und liess es die letztere hin- 
wiederum an ideeller und materieller Unterstützung des 
jungen Erzbischofes nicht fehlen. Gegenüber solchen in 
den Kämpfen der grossen Reichspolitik erprobten und in 
allen staatsrechtlichen Konflikten reich erfahrenen Männern 
musste sich eine Stadt wie Halle von vornherein in nach- 
tbeiligster Stellung befinden, und ihre Lage konnte nur 
um so verwickelter und bedrängter werden, je un- 
umschränkter und rückhaltsloser sich die Alleinherrschaft 
djer „Innungsmeister" und der Vertreter der „Gemeinen** 
geltend machte. Das muss selbst ein weniger vorurtheils- 
CTCier Beurtheiler dem Patriziate in den deutschen Städten 
und in Halle der alten pfännerschaftlichen Gemeinde zum 
Ruhme nachsagen, dass sie es nie an wahrem Patriotismus 
haben fehlen lassen und stets einen bedachtsamen, erfolg- 
reichen Kampf für das gemeine Beste und vor allem für 
die äussere politische Unabhängigkeit ihrer Vaterstadt ge- 



182 Literatur. 

führt haben; während die demokratischeren Parteien in 
kurzsichtiger Verfolgung der nächsten und eigensüchtigen 
Ziele und kopfloser Unsicherheit in ihren gewaltsamen 
Massnahmen zur Vernichtung aller einst erkämpften Vor- 
theile redlich beigetragen haoen. 

Mitten in einem derartigen Kampfe stand imd schrieb 
der Verfasser der vorliegenden Denkwürdigkeiten. Einem 
ursprünglich vielleicht edlen Geschlechte ^ das sich nach 
dem am Petersberge belegenen Dorfe gleichen Namens 
nannte, entstammend , waren die Vorfahren des Marcus 
Spittendorf oder Spickendorf seit dem 14. Jahrhundert 
schon in Halle ansässig und lassen sich seitdem ständig 
unter den „Pfännem", der Genossenschaft der Lehns- 
inhaber der Salzquellen im „Thale", und mehrfach auch 
als Meister im Rathe der gesammten Stadt nachweisen. 
Freilich fungierten sie hier nur eben noch als die in der 
Minderzahl befindlichen Vertreter der streng geschlossenen 
und bevorrechteten Sondergemeinde, die doch ursprüng- 
lich wohl den Kern der Bürgerschaft gebildet hatte. Mit 
Recht kann man Marcus Spittendorf als den befähigtsten 
und einflussreichsten Führer und Vorkämpfer dieser Partei 
in jenen Verfassungswirren bezeichnen und muss ihm 
Rechtschaffenheit, Besonnenheit, Aufrichtigkeit und einen 
lebendigen Patriotismus nachrühmen; wer möchte mit ihm 
darüber rechten, wenn er sich hie und da grollend und 
ergrimmt über die Behandlung, die man ihm und seinen 
Genossen seitens der demokratischen Partei im Rathe zu 
Theil werden lässt, ausspricht; nie überschreitet er aber 
selbst in seinem Zorne und seiner Erregung trotz der 
derben Ausdrücke jener Zeit die Grenze des Erlaubten; 
wie Schweres auch über seine Person von selten der 
städtischen Behörden und später vom Erzbischofe ver- 
hängt wurde, so zeigen seine von wahrem kirch- 
lichem und religiösem Sinne getragenen Klagen nichts 
Unmännliches und Unwürdiges; es scheint fast, als ob die 
Aufzeichnung des Erlebten und Erlittenen ihn alsbald 
mit seinem Geschicke ausgesöhnt habe. Wenn man so 
die treuherzigen, einfachen Schilderungen in dem a\^er- 
thümlichen, aber doch so leicht verständlichen Stil unserer 
Muttersprache liest, da treten uns die Personen und Er- 
eignisse in einer Lebendigkeit und Anschaulichkeit ent- 
gegen, die ims gern über den Mangel des Pragmatismus 
hinwegsehen lassen; Spittendorf wollte ja keine Geschichte 
schreiben, wollte uns nicht den inneren Zusammenhang 



Literatnr. Ig3 

der ursächlichen Vorgänge und ihrer Folgen darlegen; 
er beabsichtigt eben nur, uns eine Schilderung der Er- 
eignisse zu geben, wie dieselben verliefen, sich folgten 
und sich ihm darstellten. Seine Denkwürdigkeiten tragen 
daher eine gewisse parteiische Färbung, aber der Ver- 
fasser giebt sich durchaus keine Mühe, anders zu erschei- 
nen als er ist, und sein Werk war von ihm selbst wohl 
kaum bestimmt, in die OeiFentlichkeit zu gelangen und 
für seine Person und Partei als ßechtfertigungsschrift zu 
dienen; der Geschichtsforscher der späteren Zeit weiss von 
vornherein, wie und in welchem Umfange er die hier 
vorliegende Ueberlieferung als Quelle benutzen darf. 

Der Herausgeber hat es leider — und das ist die 
einzige Ausstellung, die gegen die sonst vorzügliche Edition 
zu erheben wäre — nicht unternommen, die Glaubwürdig- 
keit und historische Treue der Spittendorf'schen Berichte 
an anderem Quellenmaterial zu erproben ; wir können uns 
nur denken, dass die Furcht, die geplante Ausgabe durch 
eine derartige zeitraubende Untersucnung noch auf lange 
zu verzögern, ihn von dieser Massnahme abgehalten hat. 
Die Nachholung dieser Untersuchung bleibt somit eine 
lohnende und würdige Aufgabe für weitere Forschungen; 
ohne sie werden wir uns, wie es der Herausgeber 
in etwas zu subjectiver Auffassung thut, nicht dazu ver- 
stehen können, die Beschwerden der Gemeinheit über die 
Pfännerschaft als berechtigt und begründet anzusehen. 
Wenn es Spittendorf unternimmt, durch die Beibringung 
von statistischem Material den Beweis zu führen, dass 
der von der Pfännerschaft angesetzte Salzpreis im rich- 
tigen Verhältnis zu den bei der Fabrikation erwachsenden 
Kosten stehe, so muss er seiner Sache doch sicher ge- 
wesen sein; nach seinen Darlegungen hat es durchaus 
den Anschein, als sei es der demokratischen Partei des 
Rathes darauf angekommen, durch behördliche Ansetzung 
niedriger Salzpreise den Wohlstand und damit Ansehen 
wie Einfluss der mächtigen Genossenschaft zu untergraben; 
überhaupt ist der „Gemeinheit'* die herkömmliche, selbst- 
ständige und abgeschlossene Verwaltung und Regierung des 
„Thaies" ein Dom im Auge gewesen und es sind stetig von 
ihrer Seite erneute Versuche gemacht worden, mehr und 
mehr von den dortigen Angelegenheiten vor das Forum 
des Rathes zu ziehen, umgekehrt stellte man dann an die 
Vertreter der Pfännerschaft die Anforderung, sich in 
solchen Fällen von der Berathung xmd Beschlussfassung 



184 Literatur. 

zurückzuziehen; da liegt denn bei der eigenthümlichen 
Verquickung der allgemeinen städtischen Verhältnisse mit 
der Thätigkeit der Pfännerschaft und ihrem Gewerbe- 
betriebe die Frage nahe, ob nicht überhaupt jeder vor- 
kommende Verhandlungsgegenstand in solchem Sinne auf- 
Sifasst und ausgelegt werden konnte , so dass die obige 
assregel einer völligen Ausschliessung der pfännerschan- 
lichen Vertreter aus dem Rathe gleichkam. Man kann 
es sich denken^ dass Spittendorf und seine Genossen sol- 
chen Zumuthungen den hartnäckigsten Widerstand^ ja 
völlige Unnachgiebigkeit und ünbeugsamkeit entgegen^ 
stellten, lieber Geldstrafen und Haft, Beleidigungen und 
Anfeindungen über sich ergehen Hessen; nur der Vermitte- 
lung und dem Schiedssprüche der befreundeten nieder- 
sächsischen Städte, die sich der Angelegenheit aufs ernsteste 
annahmen, öffiieten sie willig ihr Ohr^ während die feind- 
liche Partei, der es nicht auf einen Ausgleich der Zwistig- 
keiten ankam, sondern auf den eigenen völligen Sieg, 
mit kleinlichen Schlichen jedes Kompromiss zu verhindern 
bemüht waren. Der Regierungsantritt des neuen Erz- 
bischofs gab indes der Volkspartei, die im wesentlichen 
blindlings den Aufreizungen einiger verwegener und fa- 
natischer, zugleich aber beschränkter Wortführer folgte, 
Gelegenheit, ihre Rache an der Pfännerschaft in voUer 
Ausdehnung zu befriedigen. An Streitpunkten, die auch 
ein Rath in der damaligen Verfassung dem Stadtherm 
gegenüber erheben musste, fehlte es nicht; wohl um die 
Aufmerksamkeit des letzteren von diesen Fragen abzu- 
ziehen und schliesslich seine Nachgiebigkeit hier zu er- 
kaufen; lenkte man alsbald die Aufmerksamkeit der stif- 
tischen Regierung auf die Verhältnisse im Thale und fand 
damit bei den auf Verbesserung der Staatsfinanzen be- 
dachten Gliedern derselben den günstigsten Boden, sodann 
überstürzte man die Erzbischof Ernst zu leistende Huldi- 
gung derart, dass die Pfännerschaft ihren alten Anspruch 
auf. eine erste unentgeltliche Belehnung mit den Soolgütem 
durch den neuen Erzbischof nicht geltend machen konnte, 
und als jene nunmehr nach geleisteter Huldigung mit 
ihren Ansprüchen hervortraten, fanden sie beim Rathe 
statt der in gutem Glauben erwarteten Unterstützung und 
Vertretung nur Widerstand, Hemmnisse und geheimes 
Einverständnis mit den Erzbischöflichen. Und hienbei blieb 
man nicht stehen; im Vertrauen auf den Anhang in der 
Stadt verhielt sich Erzbischof und Stift in den bis ins 



Literatur. 185 

Unendliche ausgedehnten Verhandlungen unnachgiebig 
gegen alle VermittelunggyorBchläge und gegen alle Bitten 
der Pfänner; die freihch nicht minder fest auf ihrem 
Rechte beharrten; so schärfte sich der Zwiespalt mehr 
und mehr und bald galten die Pfänner sowohl bei dem 
Erzbischofe als bei der Yolkspartei als Ungehorsame und 
Aufrührer, deren Unterdrückung mit Gewalt durchzu- 
führen sei. Ein Schreiben des Erzbischofs vom 16. Sep- 
tember 1478 gab diesem Gedanken o£Fen Ausdruck und 
musste namentlich die Pfänner über ihre gefährliche Lage 
aufklären, und da ist es wohl für unsere Beurtheilung 
der Verhältnisse gleichgültig, ob die Pfänner, wie andere 
Quellen behaupten, zuerst zu den Waffen griffen, jeden- 
falls um einem drohenden Angriff zuvorzukommen, oder 
ob, wie Spittendorf angiebt, die Volkspartei in Verfolg 
der erzbischöflichen Aufforderung zuerst Anstalten zu einer 
Vergewaltigung der Pfänner machte und diese zu ihrer 
Vertheidigung mit Gegenmassregeln geantwortet haben; 
sicherlich war der Anhang, den die letzteren fanden, er- 
heblich grösser, als man von ersterer Seite erwartet hatte, 
und so nahm man zum Scheine hier die lange verweigerte 
Vermittelung der sächsischen Städte an, doch nur, um 
unter dem Deckmantel derselben vom Giebichenstein eine 
Verstärkung von stiftischen Truppen herbeizuholen, diesen 
auf verrätherische Art das eine der Hauptstadtthore aus- 
zuliefern und hietmit die ganze Stadt in die Hände des 
Erzbischofs zu bringen. Dass ein hartes Strafgericht 
über die Pfänner erging, war natürlich; ihre Genossen- 
schaft wurde gänzlich aufgehoben und damit erreichte 
auch ihre Vertretung im Bathe ein Ende, die Mehrzahl 
gine des vierten Theiles ihrer Lehen an den Thalgütem 
verlustig und, wie sich aus einem vom Herausgeber bei- 
gefügten zeitgenössischen Register ergiebt, waren es die 
Häupter der Volkspartei, die mit den konfiszierten Gütern 
ausgestattet und belohnt wurden; ferner mussten erstere 
noch den fünften Theil ihres Vermögens als Strafe zahlen 
und ein Theil derselben sogar die Stadt verlassen, doch 
wurde das Verbannungsurtheil nicht, wie die Volkspartei es 
gewünscht, in der schimpflicheren Form ausgesprochen. 
Auch Spittendorf gegenüber, der, wie früher im Kampfe 
als Führer, sich jetzt als Anwalt seiner Genossen bewährte, 
verfuhr der Erzbischof mit grösserer Milde, als dessen 
Gegner erwartet hatten. Nach Einnahme der Stadt zu- 
nächst mit Hausarrest belegt, dann in Calbe in hartem 



186 Literatur. 

Gefängnis gehalten, auch einmal eine Stunde lang ver- 
geblich „scharf befragt", gelang es ihm, auf dem Wege 
der Verhandlung höhere und strengere Strafen als die 
oben bezeichneten von sich und seiner Partei abzuwenden; 
nicht einmal die Verbannung traf ihn / geschweige denn 
die anfangs gefürchtete Leibesstrafe. Schlimmer als alle 
persönlichen Leiden berührte ihn aber das Schicksal der 
ötadt, die nunmehr dem Erzbisthume wieder in strengerer 
Abhängigkeit unterworfen wurde, während sich der jetzt 
ganz demokratisierte Rath über diesen Verlust leichten 
Sinnes hinwegsetzte. 

Wir haben hiermit vei*sucht, eine Summe aus dem 
reichen Inhalte unserer Quelle zu ziehen ; wer mit Quellen 
dieser Gattung vertraut ist, kann sich an der Hand dieses 
Auszuges wohl ein vollständigeres und lebendigeres Bild 
des Ganzen entwerfen; ebenso wird der Kenner auch 
wissen, dass nach Art der mittelalterlichen Chronisten 
neben der Schilderung jenes grossartigen Kampfes auch 
mancherlei kleinere Mittheilungen über Ereignisse imd 
Personalien aus der nächsten und weiteren Umgebung 
eingeflochten sind, die das Werk zu einer reichen Fund- 
grube für die Hallesche Spezialgeschichte machen. Früh- 
zeitig scheint dasselbe daher mehrfach in Abschriften ver- 
breitet worden zu sein, doch haben sich nur drei der- 
selben und zwar die ältere, noch dem 15. Jahrhundert 
angehörige, jetzt in Magdeburg befindßche, nicht einmal 
vollständig erhalten; die mittlere, jetzt der Marienbibliothek 
in Halle gehörige, die erst gegen Ende des 16. Jahr- 
hunderts entstanden ist, ist die allein vollständige und 
hat für den grösseren Theü der Ausgabe zu Grunde 
gelegt werden müssen; leider weist sie vielfache Fehler, 
unverständliche und missverstandene Lesungen auf, so dass 
es nicht leicht war, einen brauchbaren Text aus ihr her- 
zustellen, der Herausgeber hat sich indes keine Mühe in 
dieser Richtung verdriessen lassen und mit grösster Ge- 
nauigkeit bei seinen stets glücklichen Emendationen auch 
die verschiedenen Lesarten der Handschriften kritisch 
berücksichtigt. Der bedeutungsvollen sprachlichen Seite 
der Quelle ist im übrigen noch durch ein erklärendes 
Wortverzeichnis Rechnung getragen, das von dem rühm- 
lichst bekannten Germanisten Prof. Bech in Zeitz herrührt. 
Zu jenen textkritischen Noten kommt überdies noch eine 
Fülle erklärender Anmerkungen, die den Leser schnell und 
eingehend über alle berührten persönlichen und örtlichen 



Literatur. 187 

Verhältnisse, sowie über den Zusammenhang der im Texte 
besprochenen Ereiraisse mit weiteren gleichzeitigen Vor- 
gingen und mit hie und da zu Gebote stehenden anderen 
Quellen orientieren; man erkennt hieraus auf das deut- 
lichste, mit welcher Liebe und Hingebung der Herausgeber 
sich seiner Aufgabe gewidmet hat, nicht minder aber die 
Gewandtheit und Sicherheit, mit der er das gesammte 
historische Material für jene Epoche der Entwickelung von 
Halle beherrscht. 

Einen nicht geringeren Beweis für den Fleiss und 
die Gelehrsamkeit des Herausgebers liefert die umfäng- 
liche Einleitung, deren es, um das Verständnis der be- 
sonderen Halleschen Verhältnisse für den Fernerstehenden 
zu ermöglichen, diesmal dringend bedurfte. Hier finden 
wir nach den nöthigen Aufschlüssen über die handschrift- 
liche U eberlief erung und einer lebendig und anschaulich 
geschriebenen Charakteristik der Persönlichkeit und der 
historiographischen Thätigkeit Spittendorfs eine ausführ- 
liche Darlegung über die Verhältnisse des Thaies, der 
Pftlnnerschaft, der Salzgewinnung und der dabei beschäf- 
tigten Salzwirker, die heutzutage als Halloren bezeichnet 
zu werden pflegen, und es folgt hierauf eine gediegene, 
eingehende Schdderung der Stadtverfassung seit dem An- 
fange des 15. Jahrhunderts bis zu den durch Erzbischof 
Ernst eingefuErten Aenderungen. 

Ebenso sind am Schlüsse der eigentlichen Denkwür- 
digkeiten noch eine Reihe erwünschter und werthvoUer 
quellenmässiger Beilagen gegeben: zunächst eine noch- 
malige aus Spittendorfs Feder herrührende Schilderung 
der Ereignisse von 1478, in der möglichenfalls eine Art 
Rechtfertigungs- und Vertheidigungsschrift für die Ver- 
handlungen gegen die Pfänner, die auf dem Tage zu 
Salza im Herbst jenes Jahres stattfanden, zu sehen ist 
und die später ein Seitenstück in einem von seiten des 
Käthes für die gleiche Gelegenheit eingereichten Berichte 
findet; sodann ein in der einen Halleschen Handschrift 
nachgetragener und auch wohl später verfasster Bericht 
über die Vorgänge des Jahres 147B und eines Theiles des 
Jahres 1474, mit dem das Hauptwerk seinen Anfang 
nahm. An weiterer Stelle finden wir dann einen Abdruck 
dreier auf die Einsetzung Herzog Emsts zum Admini- 
strator von Magdeburg bezüglicher päpstlicher Bullen 
vom 19. März 1478, femer den vom 13. Juni 1478 durch 
Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht zu Leipzig verein- 



188 Literatur. 

harten Vertrag zwischen dem Erzbischof und Stadt über 
einen gütlichen Ausgleich aller Streitpunkte, aus dem sich 
dann die Preisgabe der pfannerschaftlichen Ansprüche 
seitens des Rathes entwickelte; das Verzeichnis über die 
Einziehung und Neuverleihung der Soolgüter, dessen wir 
oben schon gedachten^ befindet sich auch unter den Bei- 
lagen^ und zum Schluss wird noch in dankenswerther 
Weise ein Verzeichnis der Kathsmitglieder von 1401 bis 
1472 mitgetheilt, während für die in den Denkwürdig- 
keiten behandelte Zeit die entsprechenden Namen sich 
in den Anmerkungen finden. Ein genaues Personen-, 
Orts- und Sachregister gewährt bei Benutzung der neu 
erschlossenen Quelle die möglichsten Erleichterungen. 
Alles in allem genommen, kann sich die Historische Kom- 
mission der Provinz Sachsen wie der -Herausgeber zu 
einer derartigen Ausgabe einer bedeutungsvollen Geschichts- 
quelle Glück wünschen. 

Halle. W. Seh um. 



Die Torganer Yisitations-Ordiinngr ron 1529. (Ursprung und Ver- 
wendung des Eirchenvermögens.) Erläutert von Dr. C. Knabe. 
Torgau, Jacob. 1881. 4^ 24 SS. (Auch als Programm des 
Torgauer Gymnasiums vom Jahre 1881 erschienen.) 

Burkhardt in seiner Geschichte der sächsischen Kirchen- 
und Schulvisitationen hat höchst interessante Mittheilungen 
über die beiden Torgauer Visitationen in den Jahren 1529 
und 1533 gemacht^ konnte aber natürlich dieselben nur in 
den Hauptzügen darstellen. Die erste dieser Visitationen 
erfährt eine eingehende Darstellung in dem obengenannten 
Schriftchen. Es zerfällt in drei Theile: der erste (S. 1 fg.) 
giebt einen Ueberblick über die Vorgeschichte der Visi- 
tation, die Reformbewegung in Torgau von 1521 — 1528. 
Referent kann den Wunsch nicht unterdrücken, dass 
Verfasser diesen Theil etwas mehr ausgestaltet hätte 
durch genaueres Eingehen auf die kirchlichen Zustände 
Torg^s am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahr- 
hundertSy wozu in den Anmerkungen so schönes Material 
gegeben ist- Die wichtigsten Personen wie die Ziele der 
Bewegung würden in der erweiterten Gestalt mehr Leben 
und Farbe gewonnen haben. Aus der Darstellung er- 
giebt sich, dass dank den Bemühungen des Pfarrers 
Gabriel Didymus unter dem Schutze des Kurfürsten — 
— unverzeihlich ist der Druckfehler: Friedrichs des 
Weissen — die ßeformation bereits ziemlich durchgeführt 



i 



Literatur. Igg 

war, als die Visitatoren — Luther an der Spitze — am 
20. April 1529 nach Torgau kamen. War die neue Lehre 
auch schon durchgedrungen, so war die Visitation doch 
insofern wichtig, als durch diese eine gesetzliche Qrund- 
lage für die neue Kirchenordnung geschaffen^ die Frage 
über die Verwendung des Kirchenvermögens gelöst und 
die Lehre der neuen Kirchengeraeinde gegenüber den An- 
griffen der Wiedertäufer, die hier fruchtbaren Boden ge- 
randen hatten, festgestellt wurde. Die Verhandlung dauerte 
bis zum 10. Mai. Das Resultat wurde in einem Proto- 
kolle niedergelegt, welches betitelt ist: „Ordnung der ersten 
Visitation 1529" und sich im Torgauer Rathsarchiv be- 
findet Es bildet den zweiten Theil der Publikation S. 2 — 8. 
Die Visitatoren geben sehr eingehende Vorschriften über 
die Gottesdienstordnung S. 2 — 4, die Schule S. 4 fg., die 
Angelegenheiten des gemeinen Kastens S. 5 — 7, das Ho- 
spital, die Mädchenschule S. 7 fgg. 

Der dritte Theil giebt Erläuterungen dazu, in einer 
Reihe werthvoUer Anmerkungen, welche sich auf Nach- 
richten des Rathsarchivs stützen und eine reiche Fülle 
von Stoff zur Geschichte des kirchlichen Lebens in Tor- 
gau im Reformationszeitalter enthalten, aber auch für die 
Geschichte überhaupt viel Interessantes bieten. Dieselben 
beziehen sich auf die Lebensgeschichte der Geistlichen 
besonders S. 9, der Lehrer S. 10, auf das Einkommen 
der Kirchen, so besonders S. 13 fgg., auf die Kleinodien 
der Gotteshäuser und Klöster, auf die Gehaltsverhältnisse 
S. 19 fgg. Ein Anhang berichtet über die Münzverhältnisse 
wie üoer die Quellen Auch aus dem Protokolle der 
zweiten Visitation von 1534 werden einzelne Stellen mit- 
getheilt. Dieselben, wie die von Burkhardt gegebenen 
Notizen lassen den Wunsch rege werden, dass auch dieses 
zweite Protokoll zur Veröffentlichung gelangen möge. Es 
würde durch die Vergleichunff der beiden Dokumente 
deutlich zu Tage treten, welchen segensreichen Einfluss 
diese erste Visitation auf die Konsolidierung der kirchlichen 
Verhältnisse Torgaus geübt hat. 

Dresden-Neustadt. Georg Müller. 



190 Literatur. 



üebersioht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur Sächsisch -Thüringischen Geschichte und 

Alterthumskunde. 



Berger, Ed. Geschichte des Buchhandels in der Lausitz 
im 19. Jahrhundert bis 1879: Neues Lausitzisches Ma- 
gazin. Bd. LVL S. 260—271. 

Beust, Ferd. Qraf. Erinnerungen zu Erinnerungen, Erste 
und zweite Auflage. Leipzig, Wöller. 1881. 8^ m,80SS. 

Biedermann, K» Die Geschichte der Leipziger Kramer- 
Innung 1477 — 1880. Ein urkundlicher Beitrag zur 
Handelsgeschichte Leipzigs und Sachsens. Im Auftrage 
der Kramer-Innung verfasst. Als Manuskript gedruckt. 
8^ VII, 182 SS. 

Budczies, Fr. Der Feldzug der sächsischen Armee durch 
die Mark Brandenburg im Jahre 1635 und 1636. Aus 
dem Tagebuche eines Zeitgenossen: Märkische For- 
schungen. Bd. XVI. S. 303—386. 

Edelmann. Ein Hechtsstreit aus dem 15. Jahrhimdert. 
Beitrag zur Geschichte der Oberlausitzer ftechtsver- 
fassung: Neues Lausitzisches Magazin. Band LVL 
S. 202—215. 

Ermisch, Hubert Studien zur Geschichte der sächsisch- 
böhmischen Beziehungen in den Jahren 1464 bis 1471. 
Mit urkundlichen Beilagen. Dresden, Wilhelm BaenscL 
1881. 8^ 144 SS. 

Herrmann, Balduin. Der Kampf um Erfurt 1636 — 1638. 
Halle, Niemeyer. 1881. 8^ 130 SS. 

V. Keller, Karl Freiherr. Tagebuch aus der Genealogie 
des Hauses Wettin. 1. Lieferung« Leipzig, Meisel. 
1881. 8^ 106 SS. 

Knabe, C. Die Torgauer Visitations- Ordnung. Siehe 
oben S. 188. 

Knothe, Herrn. Untersuchungen über die Meissner Bis- 
thumsmatrikely soweit sie die Oberlausitz betrifft: Neues 
Lausitzisches Magazin. Bd. LVI. S. 278—290. 

Neubert, Heinr. Moritz, Zur Geschichte der Sophienkirche 
zu Dresden, namentlich in Bezug auf deren rechtliche 
Stellung. Gutachten. Gedruckt auf Beschloss des Rathes 
zu Dresden. Dresden 1881. 8^ IV, 88 SS. 



k 



Literatur. 191 

Paw, Tli. Ursprung und Ausgang der Görlitzischon Poeten- 
gesellschaft m Leipzig zu Anfang des 18. Jahrhunderts: 
Neues Lausitzisches Magazin. Bd. LVL S. 243 — 259. 

PetSTy Herrn* G. E. Lessing und St. Afra. Deutsche 
Kundschau. Jahrgang VII. Heft 6. S. 366—388. 

— Das Urkundliche über G. E. Lessings Aufenthalt auf 
der Landesschule St Afra 1741 — 1745: Archiv für 
Literaturgeschichte. Bd. X. Heft 3. S. 285—308. 

Petennann, K, Geschichte des Königreichs Sachsen rait 
besonderer Berücksichtigung der wichtigsten kultur- 
geschichtlichen Erscheinungen. Für den Unterricht in 
vaterländischen Schulen bearbeitet. Zweite verbesserte 
Auflage. Leipzig, KUnkhardt. 1881. 8^ XVni,494SS. 

(Petzholdtj X) Joannea. Zur Verständigung über Das, 
was zur Vorbereitung einer künftigen Biographie des 
Königs Johann von Sachsen bereits gethan worden ist 
und was noch gethan werden kann. Dresden 1880. 8**. 
16 SS. (Separat-Abdruck aus Petzholdts „Neuem An- 
zeiger für Bibliographie und Bibliothekwissenschaft. 

1880. Heft 8, 9 und 10.) 

— Die beiden fürstlichen Freunde, König Johann von 
Sachsen und Friedrich Wilhelm IV. von Preussen : Wissen- 
schaftliche Beilage der Leipziger Zeitung. 1881. Nr. 39. 

Posse, Otto, Die Markgrafen von Meissen und das Haus 
Wettin bis zu Konrad dem Grossen. Mit 4 Stamm- 
tafeln und 8 Karten. Leipzig, Giesecke & Devrient. 

1881. 8^ XV, 464 SS. 

Rohmanriy Th. Chronik von Tharandt nebst Geschichte 
des alten Schlosses und dessen ehemaliger Bewohner. 
Tharandt (Selbstverlag) 1880. 8^ 70 SS. 

Schönwälder. Die hohe Landstrasse durch die Oberlausitz 
im Mittelalter: Neues Lausitzisches Magazin. Bd. LVL 
S. 342— 368. 

Seifert, Friedrich. Die Durchführung der Reformation in 
Leipzig 1539 — 1545. Inaugural- Dissertation. Leipzig 
1881. 8^ 40 SS. 

Spiessj Edm. Erhard Weigel, weiland Professor der Ma- 
thematik und Astronomie zu Jena^ der Lehrer von 
Leibnitz und Pufendorf Ein Lebensbild aus der Uni- 
versitäts- und Gelehrtengeschichte des 17. Jahrhunderts, 
gleichzeitig ein Beitrat zur Geschichte der Erfindungen, 
sowie zur Geschichte aer Pädagogik. Nach gedruckten 
und ungedruckten Quellen gezeichnet. Leipzig, Klink- 
hardt. 8. VU, 157 SS. 



192 Literatur. 

(Ttttmamiy Carl.) Dresden vor hundert Jahren. Eine 
Chronik aus dem Jahre 1780. Dresden, C. Tittmann. 
1881. 107 SS. 

Weissenhom, J. C. Hermarm. Acten der Erfurter Uni- 
versität. Herausgegeben von der historischen Commis- 
sion der Provinz Sachsen. I. Theil. Halle, O. Hendel. 
1881. 4^ XXVn, 442 SS. 

Wüisch, E, O. Des Zittauer Dichters Johann Benjamin 
Michaelis Autobiographie: Neues Lausitzisches Magazin. 
Bd. LVI. S. 291—535. 

Wolfrum, Carl. Die öffentliche Handelslehranstalt zu 
Leipzig in den Jahren 1831 — 1881. Zur Jubelfeier am 
23. Januar 1881. Herausgegeben von der Kramer- 
Innung zu Leipzig. 8®. 112 SS. 

Das statistische Bureau für das Königreich Sachsen in 
den ersten fünfzig Jahren seines Bestehens. Festschrift 
zum fünfzigjährigen Jubiläum am 11. April 1881. 
Herausgegebien von der Direktion des statistischen Bu- 
reaus. Leipzig, Duncker & Humblot. 1881. 8®. 96 SS. 



50. und 51. Jahresbericht des VogÜändischen ÄÜerthums- 

forschenden Vereins zu Hoherdevhen und 2. und 3. Jahres- 

hericht des Oeschichts- und Aüerthumsfor sehenden Vereins 

zu Schieiz. Ln Auftrage des Directoriums herausgegeben 

von M. Dietrich. 8*. 

Inhalt: Köhler, Die Dämonensagen des Erzgebirges. Alberti, 
Die ältesten Stadtrechte der Beussiscnen Städte. Alberti, Die Fa- 
milie „von Plauen'' in Schieiz. Eifel, Bericht über neuere im In- 
teresse desYogtländischen Alterthumsforschenden Vereins ausgeführte 
Ausgrabungen. 

Mittheilungen der Deutschen Oeseüschafi zur Erforschung 

vaterländischer Sprache und Aüerthümer in Leipzig. 

Siebenter Band. Leipzig, T. O. Weigel. 1881. 8«. 

Inhalt: Merkel, Zur Geschichte der sächsischen Erbfolgeord- 
nung. Stübel, Gunntz von Kauffungen, Komödie in fünf Acten, 
Sedichtet im Jahre 1685 von Nicolaus Both. StübeL Verzeichnis der 
er Deutschen Gesellschaft zu Leipzig gehörigen Originalurkunden 
von 1S19— 1430. 



VII. 



Die Berka von der Duba auf Hohnstein, Wildeu- 
stein, Tollenstein und ihre Beziehungen zu den 

meissnischen Fürsten. 

Von /.-'Oiil-j.ir^.; • ^ 

Hermann Knotl^ö.yLiOLLL'*. 









Das alte böhmische Herreiigesehlecht der Berka von 
der Daba hatte sich frühzeitig in eine Menge von Linien 
getheilt, welche besonders im Nordosten Böhmens zahl- 
reiche und ausgedehnte Gliter besassen. Einer dieser 
Linien gehörten bis gegen die Mitte des 15. Jahrhunderts 
die drei dicht an einander grenzenden Herrschaften Hohn- 
stein, Wildenstein und ToUenstein-Schluckenau, von denen 
die beiden ersteren ganz, die letztere wenigstens zur Hälfte 
(Schluckenau) vor Zeiten Bestandtheile des Gaues Nisani, 
also des Markgrafthums Meissen gewesen waren. Der 
geographischen Lage dieser Herrschaften zufolge konnte es 
nicht fehlen, dass ihre Besitzer in mancherlei nachbarliche 
Beziehungen zu den Markgrafen und den Bischöfen von 
Meissen kamen, welche endlich dazu führten, dass eine 
dieser Herrschaften nach der andern in den Besitz der 
Markgrafen überging und so, 2Um Theil freilich nur auf 
Zeit, wieder mit den alt- meissnischen Landen verbunden 
wurde. Wir glauben, dass die zusammenhängende Dar- 
stellung dieser Beziehungen als ein Beitrag nicht nur zur 
Genealogie der Berka von der Duba, sondern auch zur 
sächsischen Landesgeschichte betrachtet werden darf. 

Neues AxcbiT f. S. 0. tu A. U. 8. IS 



194 Hermann Knothe: 

Die ursprüngliche Herrschaft Hohnstein wurde im 
Nordwest von dem Polenzfluss, im Südwest von der Elbe 
begrenzt, nur dass dort Lohmen, hier Wehlen, Rathen, 
und der Lilienstein , sämmtlich mit Zubehör, nicht dazu 
gehörten. Im Süden und Osten reichte sie bis an die 
heutige Landesgrenze zwischen Sachsen und Böhmen.*) 
Dieser ganze, wesentlich aus wildem Felsgebirge imd fast 
undurchdringlichem Wald bestehende südlichste Theil des 
einstigen meissnischen Gaues Nisani war wohl nach dem 
Tode Heinrichs von Groitsch (1 135) an Böhmen gekommen 
und seitdem dabei geblieben. 

Die erste urkundliche Erwähnung einer Herrschaft 
Hohnstein fällt in das Jahr 1353, wo (Prag 16. August) 
ein Hinco de Dube dictus Berka bekannte, sein Schloss 
Hohnstein mit allem Zubehör von Kaiser Karl IV. zu 
Lehn erhalten zu haben, und zugleich gelobte, dasselbe 
auch in alle Zukunft von dem Könige und der Krone Böhmen 
zu Lehn besitzen zu wollen.*) 

Schon 1361*) war dieser Hinko I. nicht mehr am 
Leben, und sein Bruder, ebenfalls Heinrich genannt Berka 
von der Duba, als Vormund der hinterlassenen Kinder, 
verpflichtete sich (2. September), dass auch seine Mündel 
die Veste Hohnstein ewiglich von dem Könige und der 
Krone Böhmen zu Lehn haben sollten. Unter anderem 
war hierbei zwischen Kaiser Karl IV. und ihm vereinbart 
worden, dass für den Fall, wenn alle Kinder seines ver- 
storbenen Bruders, Söhne wie Töchter, kinderlos stürben, 
auch alle ihre Güter, Erbe, Lehn und Eigengut^ an die 
Krone zurückfallen, wenn aber nur die Söhne ohne Leibes- 
lehnserben abgingen, nur Hohnstein und die übrigen Lehn- 
güter an die Krone gelangen, das Ei^engut aber den 
Töchtern verbleiben solle. Aus dieser Urkunde ergiebt 
sich einmal, dass es dem Kaiser augenscheinlich darauf 
ankam, die Lehnsqualität von Hohnstein gewahrt zu sehen, 
sodann dass jener Hinko I. jedenfalls der erste Besitzer 
aus der Familie Berka war, da seinem Bruder selbst nach 
dem Tode aller seiner Neffen keinerlei Lehnsansprucli 
daran zustehen sollte^ endlich dass der Verstorbene ausser 
Hohnstein noch andere Beeitzungen in Böhmen, und zwar 
sowohl Lehn- als Erbgüter, besessen hatte. Auf welchen 



*) Vergl. Gautsth, A eheste Gesch. der sächs. Schweiz 98r 

») Baibin, Mise. VIII, 153. 

») Lünig, Corp. jur. feud« II, 165. 



Die Berka von der Duba auf Hohnstein etc. 1^5 

• 

Gütern sein Bruder Heinrich, der Vormund seiner Kinder, 
gesessen war, erfahren wir nicht , und ist auch bei der 
gerade in der Familie von Duba üblichen Sitte, mehreren 
Söhnen den Vornamen Heinrich (Hinko, Hinke, Hynek) 
beizulegen, wohl nicht mit Sicherheit zu ermitteln. 

Zu den Eigengütern des verstorbenen Hinko I. auf 
Holmstein gehörte sicher die Herrschaft Leipa, welche 
früher Eigenthum der Herren von Leipa, ebenfalls aus 
der Familie Duba, gewesen war, zu den Lehngütern aber, 
wie sich später ergeben wird, die Herrschaft Tollenstein- 
/Schluckenauj welche, entweder ganz oder nur zum Theil, 
ebenfalls bereits jenem Hinko I. gehört zu haben scheint. 
Nach seinem Tode erhielt der eine seiner Söhne, Hinko II., 
Hohnstein und Tollenstein, der andere, gleichfalls Hinko 
genannt, Leipa. 1381*) erklärte Hinko Berka de Duba, 
dominus in Lipa, dass die Bürger seiner Stadt Leipa zur 
Stiftung eines Altars 9 Schock Zins in Oberliebich bei 
Leipa gekauft haben „a fratre nostro Hinkone B. d. D., 
domino in Hohenstain.^ Es scheint, dass eine Zeit lang 
beide Brüder noch nach beiden Hauptgütern ihres ver- 
storbenen Vaters benannt wurden. Wenigstens heisst der 
Kollator der Kirche zu Leipa, also doch jedenfalls der 
1381 erwähnte, als er 1391^) einen Geistlichen zu einem 
dasigen Altare präsentierte, Hinco B. dictus de Duba, 
dominus in Hoenstain et in Lipa, und ebenso sein Bruder 
auf Hohnstein, als er 1390**) einen neuen Pfarrer in 
Hamburg, welches entschieden zu Hohnstein gehörte, an- 
stellte, Hinco dictus Berka de Duba, dominus in Honstein 
et in Lippa. 

Der Leipa'er Bruder starb früher, als der Hohnsteiner. 
Ihm folgte im Besitze von Leipa sein Sohn Hinko mit 
dem Beinamen HUiwaUch, den 1399'') Hinko II. auf 
Hohnstein als seinen „Bruderssohn^ bezeichnet. Derselbe 
war 1410 — 1420 Landvogt der Oberlausitz®) und verlor, 
als katholisch gesinnt, 1423 seine Herrschaft Leipa an die 
Hussiten. Da seine Nachkommen zu verfolgen nicht 
in unsrer Absicht liegt, kehren wir zu den Besitzern von 
Hohnstein zurück. 



*) Borovy, Lib. erect. n, 176. Baibin, Mise. V vol. II. erect 69. 
») Tingl, Lib. confirm. V, 80; vergl. 29. 66. Ebenso bei Stiftung 
eines neuen Altars zu Leipa 1891, Baibin, Mise. V vol. II. erect. 87. 
•) Tingl V. 2. 

^ N. Laus. Magaz. 1869. 77. 
") Knothe, Recbtsgesch. der Oberlausitz 109. 

13* 



196 Hermann Knothe: 

Hinko IL auf Hohnatein finden wir 1388 *) als voll- 
mächtigen Statthalter König Wenzels in der Herrschaft 
Mühlberg nebst Strehla an der Elbe, die damals dem 
böhmischen Könige gehörte, 1396'®) als Oberstlandrichter 
des Königreichs Böhmen, von 1397 — 1407'*) aber als 
Landvogt der Niederlausitz. 

Nach dem Tode Herzog Johanns von Görlitz (1396), 
des Bruders von König Wenzel, hatte sich bekanntlich 
deren Vetter, Markraf Jost von Mähren, in den Besitz 
der Niederlausitz gesetzt und machte nun daselbst Hinko 
von Hohnstein zu seinem Landvogt. Zu den Anhängern 
des Markgrafen gehörte unter anderen auch Anshelm von 
ßonow, der unter Herzog Johann Landvogt von Görlitz 
und ebenso Besitzer der Burg und Herrschaft Rohnau 
bei Zittau an der Neisse") gewesen war. Nach Herzog 
Johanns Tode hatte dieser, jedenfalls aus Furcht vor den 
Willkürmassregeln des Königs, seine Herrschaft Rohnau 
sofort und zwar an Hinko von Hohnstein verkauft, wie 
es scheint auf Anlass Markgraf Josts. Wenigstens , er- 
klärte Wenzel selbst in einem Briefe an die oberlausitzi- 
schen Sechsstädte (11. Nov. 1396), dass Jost den Burg- 
stall Kohnau, im Lande zu Zittau gelegen, mit seinem, 
des Königs, Willen an den von Hohnstein gebracht, der 
auch in Unwillen von dem König geritten sei, und beide 
seien seine, des Königs, Feinde geworden. ' '*) Seitdem 
verhielt sich die Berka'sche Besatzung der Burg feindlich 
gegen die Sechsstädte und beschädigte zumal das benach- 
barte Zittau durch allerhand Wegelagerei. Daher gebot 
Wenzel schon in dem angeführten Briefe von 1396 den 
Sechsstädten, das Schloss Kohnau zu brechen. Inzwischen 
verlangte nun Hinko H. als Landvogt der Niederlausitz 
auch von dem königlich gesinnten Ritter von Hockenbom 
auf Priebus, dass er dem Markgrafen, als dem neuen 
Landesherm, huldige, und brannte ihm, da er sich weigerte, 
sein Städtlein aus und belagerte ihn in seiner Burg. Da 
wendete sich der von Hockenborn an die ebenfalls könig- 
lich gesinnte Oberlausitz um schleunige Hilfe, die ihm 

•) Hauptst.-Arch. Dresd. Orig. 4635. 

»<») Emier, Reliq. tab. terr. Boh. I, 561. 

'*) Neumann, Gesch. der niederlaus. Landvögte II, 41 nennt 
ihn fälschlich „Hl^watsch'^ oder vielmehr «Slawatz**, und ihm folgt 
auch Scheltz, Laus. Mag. 1881. 56. 

'*) lüiothe, Gesch. des oberlaus. Adels 462. 

**) Carpzov, Anal. I, 169. 



Die Berka von der Daba auf Hohnstein etc. 197 

nach mancherlei Berathungen auf Tagen zu Löbau end- 
lich auch gewährt ward, „da man sich mit ihm verbrieft 
hatte**.'*) So wurde nun Hinko der offene Feind der 
Sechsstädte. Darum wiederholte (23. Dezember 1398) der 
König den Befehl, Rohnau zu brechen, und sofort (Januar 
1399) erfolgte die Belagerung und die Eroberung dieser 
Burg'*), welche Hinko selbst wohl niemals betreten haben 
dürfte. Da er (21. Dezember 1399) zugleich mit dem oben 
(Seite 196i erwähnten Hinko Hlawatsch von der Duba 
auf Leipa, seinem „Bruderssohne**, dem Anshclm von Ronow 
bekannte, noch 250 Schock Groschen für Rohnau schuldig 
zu sein'*), so scheinen Onkel und Neffe dasselbe gemein- 
schaftlich erkauft zu haben. 

Später muss sich auch Hinko H. mit König Wenzel 
ausgesöhnt haben, denn 1405 (5. Januar) finden wir ihn 
als einen der Landfriedenshüter im Kreise Leitmeritz "), 
und 1409 und 1410 wieder, wie schon 1396, als Oberst- 
landrichter von Böhmen.'*) 

. Da er sich, wie aus dem Bislierigen erhellt, nur wenig 
auf seinem Schlosse Hohnstein aufgehalten hatte, so er- 
fahren wir auch nur wenig von seinem Walten in dieser 
seiner Herrschaft. 1388 erkaufte er von Arnold von Haugis- 
wald auf Stürza (nordwestlich von Hohnstein) das schon 
damals wüste und auch später nicht wieder aufgebaute 
Dorf Liidwikadorf an der Polenz bei Langwolmsdorf um 
40 Mark Groschen hinzu.'*) 1386 verbürgte er sich 
nebst anderen seines Geschlechts für die Brüder Hans 
und Ulrich von Biberstein auf Friedland gegen Prager 
Juden wegen einer Geldschuld.*®) 1391 hatte er einen 
Rechtsstreit mit „Else, der Witwe Hinko Berkas", be- 
treffend deren Heiratsgut, welchen das Baronengericht 
zu Prag dahin entschied, dass er derselben 80 Schock 
Groschen, d. h. Güter im Betrage von jährlich 80 Schock 
Einkünften, abzutreten habe.^0 Wir können kaum glauben, 



") Nach den Görlitzer Rathsrechnungen. Vgl. Lausitzer Mag. 
1881. 46 fg. 

*») Knothe, Gesch. von Rohnau, Rosenthal, Scharre (1867) 11 fg. 

»•) N. Laus. Magaz. 1869. 77. 

*') Urk. im böhm. Kronarchiv zu Prag, Repos. 201. 

»») Emier, Reliq. tab. terr. Boh. II, 61. 67. 

'•) Hauptst.- Archiv Orig. 4639. Vgl. Götzinger, Geschichte 
von Hohnstein 28. 

»<») Hauptst.- Archiv Orig. 4634. 

»») Emier, Reliq. L 54 t. 



198 Hermann Rnothe: 

dass diese Frau Else die Witwe Hinkos I. auf Hohnstein, 
also Hinkos II. Mutter, gewesen sei, sondern möchten sie 
vielmehr für die Witwe seines Bruders Hinko auf Leipa 
(S. 195) halten, der um das Jahr 1391 gestorben zu 
sein scheint, und deren Heiratsgut noch auf Hohnstein- 
schen Besitzungen ausgesetzt sein mochte. 

Seit Hinko II. aus der Niederlausitz .wieder nach 
Hohnstein zu längerem Aufenthalt zurückgekehrt war, 
finden wir nun die Berka zum ersten Mal in nachbarliche 
Konflikte mit dem Markgrafen von Meissen verwickelt. 
Am 30. Oktober 1409**) thedingten Heirike Berka, Herr 
zum Hohnstein, und dessen Söhne Heinrich, Heinke der 
jüngere und Benesch mit dem Markgrafen Friedrich (dem 
Streitbaren), dessen Bruder Wilhelm (dem Reichen) und 
dem Vetter von beiden, Friedrich (dem jüngeren von 
Thüringen), dass erstere ihre Fehden den letzteren künftig 
jedesmal acht Tage vorher in das Rathhaus zu Dresden 
verkündigen, und, wenn sie dies Versprechen nicht halten 
würden, nach Jockrim (bei Stolpen) einreiten sollten. Diese 
Vereinbarung setzt bereits häufigere Fehden der Berka 
mit den Meissner Fürsten voraus. Wir wissen nicht, ob 
die Veranlassung hierzu in politischen Gründen zu suchen 
sei. Allerdings hatten die Meissner 1398 mit den Ober- 
lausitzem eine „Einigung" geschlossen gegen alle Landes- 
beschädiger, das hiess damals soviel, als gegen die An* 
hänger Markgraf Josts von Mähren. AVahrscheinlich aber 
lag der Grund lediglich in den territorialen Verhältnissen. 
Durch die Dohna'sche Fehde (1402) hatten die Mark- 
grafen von Meissen nicht nur den Königstein, sondern, als 
Zubehör, auch das auf dem rechten Eibufer gelegene 
Rathen und den Lilienstein*') und ebenso infolge von 
Verpfändung von selten König Wenzels (1404) und Aus- 
lösung von Jahn von Wartenberg auf Tetschen (1405) 
sowohl Pirna**), als das ebenfalls auf dem rechten Eib- 
ufer gelegene Wehlen erworben. Kings von Hohnsteiner 
Gebiet umgeben, geriethen nun die Besitzer der Burgen 
Rathen und Wehlen, jetzt meissnische Vasallen, leicht in 
nachbarliche Händel mit den Berka und suchten und 
fanden Schutz und Hilfe bei ihren Lehnsherren. So 
wurden denn die Markgrafen in diese Fehden hinein- 



**) Hauptst.- Archiv Orig. 5475. 

'*) Gautsch, Aelteste Geschichte der sächs. Schweiz» 45 fg. 

»*) Cod. dipl. Sax. reg. IL 5, 379. 381. 



Die Berka von der Duba aaf Hohnstein etc. 199 

gezogen. Unsere weitere Darstellung wird das eben Ge- 
sagte besonders in betreff derer von der Oelssnitz auf 
Rathen erweisen. 

Am 1. April 1409**) ernannte der zum Konzil nach 
Pisa reisende Bischof Rudolph von Meissen Hinko II. auf 
Hohnstein, „seinen Oheim", zu einem seiner Testaments- 
vollstrecker, und in demselben Jahre 1409 *•) erlangte 
Hinko von Holmstein die bisher dem Johann von Michels- 
berg gehörige Hen'schaft Scharfenstein mit Bensen in 
Böhmen. Den 16. Mai 1410 wird er noch als Oberst- 
landrichtcr erwähnt.*') Noch in demselben Jahre aber 
scheint er gestorben zu sein, nachdem er Hohnstein seit 
1361, allerdings ziemlich lange, aber anfangs noch unter 
Vormundschaft, besessen hatte. 1410 traten nämlich in 
der Herrschaft Hohnstein Veränderungen ein, wie nur Erb- 
theilungen sie zur Folge haben. 

„Item nach Christi geburt tausent vierhundert vnd 
im zcehenn jare ist eine bereynunge gescheen vnd ge- 
gangen zwischen den edeln ern Heinriche, hern auf dem 
Wildenstein, an einem teil vnd hern Hincko, hern auf 
dem Scharffenstein, am andern teyll etc."**) Hier wird 
zum ersten Mal der Wüdenstein als Mittelpunkt einer 
eigenen Herrschaft erwähnt. Wir glauben, dass dieselbe 
auch erst in diesem Jahre dadurch geschaffen worden 
sei, dass nach Hinkos II. Tode bei der Erbtheiluiig 
der eine seiner bereits oben (S. 198) genannten Söhne, 
nämlich Hinko III,, Hohnstein, der andere aber, ebenfalls 
Heinrich oder Hinko**), einen Theil der ursprünglichen 
Herrschaft Hohnstein jetzt als besondere, selbständige 
Herrschaft mit der Burg Wildenstein erhielt. Es lag 
nahe, dass der Besitzer von Wildenstein sofort auch die 
Grenzen seiner Herrschaft festgestellt zu sehen wünschte. 
Der hierbei erwähnte „Herr Hinko Herr auf dem Scharfen- 
steine" aber ist unsrer Ansicht nach niemand anders als 
der ältere Bruder Hinko III. auf Hohnstein, welcher hier 
nur nach der Besitzung genannt wird, deren Grenzen 



*») Cod. dipl. Sax. reg. II. 2, ,345. 

") Baibin, Mise. V vol. II. erect. 172. 

") EDiler, Reliq. II, 67. 

*•) Gautsch a. a. 0. 117 nach Hauptst.-Arch. Loc. 8340 „Irrungen 
zwischen denen Herrschaflften Honstein und Tetzschen." 

'*) Auch sonst kommen als Beisitzer im Baronengericht zu Prag 
1408 vor „Hinco et Henricus, filii Hinconis Berca de Honstein". 
Emier, Rel. II, 46. 



200 Hermann Knothe: 

gegen Wildenstein festgestellt werden sollten. Und so 
erscheint denn Hinko Herr auf Hohnstein 1412 und öfter 
als Patron der Kirche in Bensen. Ausser diei^en beiden 
Brüdern (der S. 198 genannte Bencsch muss vor 1410 ge- 
storben sein, wenigstens wird er nicht mehr erwähnt) gab 
es aber noch einen Namens Hans, welchem Hinko HI. 
auf Hohnstein 1430 '®) „die Leite an der Elbe gegenüber 
Schandau'' verkaufte. Diesen halten wir für identisch 
mit jenem Johann Berka von Duba, welcher 1422 zur 
Pfarrei in Kreibitz präsentierte, 1424 Bürge für Wilhelm 
von Konow war*') und vor 1457 starb und die Städte 
Kreibitz^ KamnitZy Sandau mit zugehörigen Dörfern 
hinterliess. **) In allen drei letzterwähnten Urkunden 
heisst er dominus in Tolnstein oder de Duba et de Tol- 
stein und besass in der That auch Warnsdorf und Böh- 
misch -Seifhennersdorf. Wie sich nämlich aus dem Fol- 
genden ergeben wird, wurde bei der Erbtheilung 1410 
die inzwischen völlig in den Besitz Hinkos II. über- 

fegangene Herrschaft Tollenstein - Schluckenau zwischen 
en drei überlebenden Söhnen, Hinko HL auf Hohn stein, 
Heinrich auf Wildenstein und Johann auf Kreibitz, ge- 
theilt 

Die neugeschaffne, von Hohnstein abgezweigte Herr- 
schaft Wüdenstein^^) umfasste das Rittergut Polenz, die 
Hälfte der Stadt Neustadt bei Stolpen, die zu Lehn aus- 
gegebenen Güter Langburkersdorf, Krummhermsdorf, 
Rugiswalde, Rathmannsdorf, die Stadt Sebnitz und die 
Dörfer Hertigswalde, Hennersdorf, Lichtenhain, Mittel- 
dorf, Gosdorf, Hinterhermsdorf, Saupsdorf, Hinterotten- 
dorf, endlich südlich der Kirnitsch noch Ostrau und Postel- 
witz sammt dem Waldgebirge bis zu der jetzigen Grenze 
gegen Böhmen. Die Burg Wildenstein, an deren Existenz 
man gezweifelt hat, bestand schon längst. Sie lag west- 
lich von. dem sogenannten ^Kuhstall^, dessen ganze Um- 
gebung noch jetzt der Wildensteiner Wald heisst, imd 
bildete bisher wohl nur einen festen Punkt zum Schutze 
des ganzen südlichen TheUs der alten Herrschaft Hohn- 
stein, bewohnt von einem Hauptmann und etlichen Tra- 
banten. Schon 1311 wird ein „dominus Otto de Wilden- 



»«) Götzinger, Hohnstein 28. 
»») Emier, Reliq. IL 191. 
") Archiv cesky III, 665. 

*•) Gautsch a. a. 0. 107 nach Hau^tst.- Archiv Loc. 9923: ,tDie 
beyden Schlösser Wilden- und Hoheustein** Bl. 5 



i 



Die 6er ka Yon der Buba auf Hohn stein etc. 201 

stein miles'^, vielleicht der damalige Hauptmann daselbst, 
als Zeuge in Dresden, ja schon 1299 ein ^Hermannus de 
Wildenstein", vielleicht einst zur dortigen Besatzung ge- 
hörig, als Rathmann zu Pirna erwähnt. ^*) 

Jetzt machte sich zur Aufnahme des neuen Herr- 
schaftsbesitzers auch eine neue stattlichere Burg nöthig. 
So- erklärt sich, dass 1451 ein ,,alter Wildenstein" auf- 
geführt wird **) und z. B. noch auf der Schenk'schen Karte 
von Sachsen (Amsterdam 1752) beide Burgen, der alte 
und der neue Wildenstein, verzeichnet sind. 

Der neue Besitzer von Hohnstein, Hinko IIL, hatte 
dem Bischof Rudolph von Meissen 60 Mark Groschen 
geliehen, welche dieser (1414) ihm in bestimmter Frist 
zurück zu zahlen gelobte^*') oder „einzureiten in die Stadt 
nach Schluckenau" , welche «ilso Hinko gehörte. Bald 
darauf hatte auch er, wie früher sein Vater, Händel mit 
der Oberlausitz. Heinrich Renker, aus Löwenberg in 
Schlesien stammend, jetzt Besitzer des grossen Rittergutes 
Tschocha im Queisskreise , sagte nebst einem andern 
Adligen aus Schlesien, Heinrich von Redern, 1419 „Herrn 
Berken von Hohnstein", wir wissen nicht weshalb, Fehde 
an. Beide fielen mit reisigem Haufen „in Herrn Berkens 
Land" und plünderten daselbst das Dorf Schirgiswalde 
(Jerigiswalde) in der Herrschaft ToUenstein-Schluckenau 
aus. Da sie aber auf dem Rückwege nach Tschocha auch 
in oberlausitzischen Dörfern raubten und brannten, bot 
der damalige Landvogt, Hinko Hlawatsch Berka auf 
Leipa, eiligst die Zittauer Bürgerschaft zur Verfolgung 
der Landfriedensbrecher auf, welche dieselben denn auch 
imweit Ostritz überfiel, schlug und Renker wie Reder 
gefangen nahm. ^') 

Unmittelbar darauf brachen die hussitischen Wirren 
aus und erstreckten sich alsbald auch bis in das nord- 
östliche Böhmen und dessen Nachbarländer, Oberlausitz 
und Meissen. Die Berka auf Hohnstein und auf Wilden- 
stein waren und blieben allezeit gut katholisch gesinnt; 
nichtsdestoweniger waren sie unzuverlässige Freunde und 
Nachbarn. Als im Mai 1423 ein hussitisclies Heer bis 
gegen die Oberlausitz vordrang imd von Rumburg oder 



»*) Cod. Sax. n. 5, 333. 23. 

»») Gautsch 108, 78. 

»•) Cod. dipl. Sax. reg. IL 2, 410. 

*^) N. Script, rer. lus. I. 110. Laus. Magaz. 1775. 69. 101. 



202 Hermann Enotbe: 

Schluck enau aus mit einem Einfall drohte^ kam auch der 
(Berka'sche) Hauptmann auf Tollenstein nach Löbau zu 
einem Tage von Land und Städten und bat um Hilfe. 
In der Tnat beschloss man eine Heerfahrt, aber man 
kehrte nach wenig Tagen wieder um, weil der Feind in- 
zwischen wieder abgezogen war. Dennoch erwiesen sich 
noch in demselben Jahre die Berka auf Hohnstein sehr 
feindselig gegen Bautzen.'**) 1424 (Anfang Dezember) 
waren zwischen ihnen und d«n Oberlausitzern Verhand- 
lungen im Gange wegen einer „Einigung**. Aber schon 
im Frühjahr 1425 (um den 22. AprU) nahmen die von 
dem Tollenstein zu Schlegel (bei Ostritz) auf den Nonnen- 
Gütern zu Seifersdorf (d. h. Marienthal) das Vieh, fingen 
Niclas Ponikau, den Hauptmann (oder Untervogt), und 
führten ihn weg. Kloss'®) meint nun zwar, dass der 
Tollenstein damals von den hussitisch gesinnten Warten- 
bergern und zwar von Jahn auf Dewin besetzt gewesen 
sei. Allein erst 1426 trat die mächtige Familie von Warten- 
berg zu den Hussiten über; keine uns bekannt gewordene 
urkundliche Nachricht deutet darauf, dass der Tollenstein 
damals den Wartenbergern gehört habe, und der Umstand, 
dass infolge der Gefangennahme Ponikaus sofort auch ein 
Tag zu Schluckenau gehalten wurde und die Oberlausitzer 
Abgeordneten von da sich „zu den Bercken um NicoL 
Ponikaus Gefengniss willen** begaben*®), erweist, dass 
jener Raubzug nach der Oberlausitz von der Berka'schen 
Besatzung des Tollensteins unternommen worden war. ,Zu 
Pfingsten 1425 war Ponikau wieder frei. Im Herbst des- 
selben Jahres (um den 22. September) aber hatte „Herr 
Heinrich von Wildenstein*^ im Bautzner Land schon wieder 
„die Kühe genommen". Und so begreifen wir, dass die 
Oberlausitzer 1427 (um den 4. Mai) „mit den Bircken tagten 
um des Hauses Tollenstein willen". Man wollte also den- 
selben, wie es damals auch mit vielen anderen böhmischen 
Burgen geschah, entweder erpachten, um ihn zu besetzen, 
oder erkaufen, um ihn abzubrechen.**) Wir haben ab- 
sichtlich über diese Beziehungen der Berka zu den Ober- 
lausitzern ausführlich berichtet, weil hierdurch auch ihre 



»») Oberlaus. Provinzialblätter 1782. 433 fg. 436. 

»•) Ebend. 450. 

*•) Görlitzer KathsrechiiuDgen. 

*•) Auch mit Görlitz hatte „Heinrich von der Duba" Händel und 
verklagte die Stadt deshalb 1428 und 1432 sogar bei dem west- 
fälischen Fehmgericht. Oberlaus. Urkunden-Verzeichnis IT, 23 und 33, 



Die Berka von der Duba auf Hohnstein etc. 203 

Beziehungen zu den Meissner Fürsten erst in das rechte 
Licht gesetzt werden. 

Seit dem Jahre 1426 nämlich finden wir die Berka 
in fast ununterbrochene Händel und Fehden mit Meissen 
verwickelt. In demselben Jalu'e **) stellten Heinrich Birke 
von der Dubin zu dem Wildensteyn und Heinrich sein 
Sohn der ältere eine merkwürdige Urkunde (zu Pirna) 
aus. Sie bekennen zuerst, dass sie dem Landvogte zu 
Meissen^ Busse Vitzthum, Erbhuldung zu des Markgrafen 
Friedrich von Meissen und aller seiner Erben Hand ge- 
than haben ; ihm mit dem Schlosse Wildenstein treu und 
gewähr zu sein und sich mächtiglich an ihn zu halten, 
als an ihren rechten Erbherrn. Sie versprechen darauf, 
dass Wildenstein des Markgrafen offnes Schloss sein solle 
und dass er dahin irgend wen von seinen Amtleuten oder 
sonst von den Seinen hinlegen könne. Sie geloben ferner, 
dass der Wildenstein an keinen ihrer eignen Erben ge- 
langen ^ auch an niemand versetzt oder verkauft werden 
solle, er habe denn zuvor diese Eide und Gelübde gegen 
den Markgrafen wiederholt. ,,So also sie denn in Zwie- 
tracht und Unwillen; wie der hergekommen ist, mit Friedrich 
von der Oelssnitz, Vogt zum Königstein, und Hans von 
Grisslau und beide ihren Brüdern und Helfern gewesen 
sind", so geloben sie, diese darum nimmermehr zu be- 
fehden oder es ihnen zu verdenken. — Demnach war also 
Heinrich auf Wildenstein, jedenfalls der seit 1410 erwähnte 
erste Besitzer dieser Herrschaft, sammt dem älteren seiner 
(beiden) gleichnamigen Söhne zunächst mit Friedrich von 
der Oelssnitz auf Itathen und anderen Mannen Kurfürst 
Friedrichs des Streitbaren in nachbarliche Fehde gerathen. 
Dieser hatte sich seiner Vasallen hilfreich angenommen 
und den schlimmen Nachbar entweder durch eine ent- 
scheidende Niederlage oder durch Belagerung gezwungen, 
ihm das Besetzungsrecht auf dem Wildenstein zuzusichern, 
ja ihm als Erbherrn zu huldigen. Es geschah dies im 
Jahre der Schlacht bei Aussig. Eben damals war Sieg- 
mund von Warten berg auf Tetschen und sein ganzes 
Geschlecht zur hussitischen Partei übergetreten. Niemand 
konnte wissen, wie sich überhaupt die Zustände in Böhmen 
noch gestalten würden. So scheint sich der Kurfürst des 
gefährlichen Schlosses und des unzuverlässigen Nachbars 



*') ürk. ohne Tag bei Gautsch a. a. 0. 102 nach Haaptst.-Arch. 
Loc. 9923 „Die beyden Schlösser etc." Bl. 1. 



204 Hermann Enothe: 

auf alle Fälle haben versichern zu wollen. — Auch mit 
Hinko HL auf Hohnstein schloss der Kurfürst den 6. Juni 
1427**) zu Freiberg einen Vertrag, wonach ersterer ihm 
mit allen seinen Sclilössern und Märkten solle gegen die 
Ketzer, namentlich gegen Siegmund von Wartenberg, bei- 
stehen und sich mit denselben nieht frieden solle ohne 
des Kurfürsten Willen, wofür dieser dasselbe verspricht. 
Schnell aber wechselten in jener Zeit Freundschaft und 
Feindschaft. Im Jahre 1435 waren die Söhne Friedrichs 
des Streitbaren, Kurfürst Friedrich der Sanftmüthige und 
Siegmund, wieder mit den Birken zerfallen. Nicht nur 
gegen den Hohnstein zogen sie, den Dresdner Raths- 
rechnungen zufolge, mit Heeresmacht, sondern sie schlössen 
den 15. August**) mit denr hussitischen Siegmund von 
Wartenberg auf Tetschen sogar ein Bündnis auf drei Jahr 
unter folgenden Bestimmungen. Nachdem die sächsischen 
Brüder „zu Unwillen kommen sind mit Ern Hinczken 
vom Steyne zu Wildensteyn gesessen", so solle ihnen Herr 
Siegmund gegen diesen und seine Helfer mit seiner ganzen 
Macht beistehen. Sollte es sich als nöthig erweisen, so 
wolle man ihm 50, ja 100 Pferde zu Hilfe schicken auf 
der Fürsten Kosten und Schaden. Für seinen Beistand 
solle Siegmund 1000 fl. erhalten zu einem Geschenk, 
und zwar die eine Hälfte, so er den Krieg mit Herrn 
Hinke anhebt, die andere Hälfte später. Sollte man in 
dieser Fehde die Stadt Bensen oder den Scharfenstein 
gewinnen (welche also damals den Birken noch gehörten), - 
so sollten diese Güter Herrn Siegmund zustehen; sollte 
man aber den Wildenstein gewinnen, so solle dieser den 
sächsischen Fürsten zustehen. — Wir halten den hier 
genannten Ern Hinczken nicht etwa für einen Kitter aus 
der Familie von Stein, der sich etwa damals des Wilden- 
steins bemächtigt habe; wenigstens ist uns trotz vieler 
ritterlicher Mannen dieses Namens in jener Zeit keiner 
mit dem Vornamen Hinko begegnet, und das Prädikat 
„Er" führte bekanntlich nur der hohe böhmische Adel. 
Wir halten denselben vielmehr für den Besitzer des „Steins", 
d h. der Burg, zu Wildenstein aus der Familie Berka und 
zwar, wie sich aus dem Folgenden ergeben wird, für den 
1426 erwähnten ältesten Somi des ersten Inhabers dieser 



**) Hauptst- Archiv, Witt. Archiv, Böhm. Sach. Irrungen und 
Verträge ßl. 6. 

**) Hauptst.- Arch. Orig. 6338. 



Die Berka von der Duba auf Ilohnstein etc. 205 

Burg. Diesmal hatten es also die Meissner auf eine Er- 
oberung des gefährlichen Wildensteins abgesehen. 

Ein Jahr später waren die Berka mit dem Warten- 
berger wirklich noch in Krieg; die Meissner Fürsten 
aber waren mit ihm bereits wieder zerfallen. Da ver- 
mittelte der Bischof Johann von Meissen den 4. Juni 1436**) 
zwischen Hincke, Gindrzich [d. h. Heinrieb] und Beness 
Birken^ Oevettem von der Dvhin, czum Honsteia, Meistern 
und czum Wädenstein gesessin und den Markgrafen von 
Meissen einen Vertrag, wonach letztere den ersteren gegen 
Siegmund von Wartenberg auf Tetschen und alle seine 
Helfer beistehen und zu deren Schutze 150 Trabanten auf 
den Wildenstein, der Bischof aber 50 dergleichen auf den 
Mühlstein (bei Böhmisch-Zwickau) legen sollten. Diesmal 
scheint die Gefahr vor den hussitischen Wartenbergern 
die Berka genöthigt zu haben, bei den Meissnern Schutz 
zu suchen und eine sächsische Besatzung aufzunehmen. — 
Der Besitzer des Wildensteins heisst jetzt Beness, Wir 
halten ihn für einen Sohn des 1410 erwähnten Heinrich, 
für einen Bruder des 1426 und wieder 1435 genannten 
Heinrich des älteren; sicher war er ein Bruder des noch 
oft anzuführenden Albrecht Berka. 

Ein sächsisches Heer rückte darauf vor Tetschen und 
belagerte Siegmund von Wartenberg. Im Felde vor 
Tetschen wurde den 4. August 1436**) mit demselben 
zunächst ein Waffenstillstand vereinbart, in welchen die 
sächsischen Fürsten die ebengenannten drei Vettern von 
der Duba, den Bischof von Meissen und die Oberlausitz^ 
Siegmund von Wartenberg aber seinen Bruder Jahn auf 
Blankenstein zogen. Mit den Wartenbergern kam es den 
27. April 1438 wirklich zu einem definitiven Frieden. 

Aber unmittelbar darauf begannen neue Händel mit 
den Berka. Sie hatten 1438*') die Burg Rathen erobert, 
erhoben auch Lehnsansprüche auf dieselbe und kündigten 
sammt ihren Vasallen jetzt auch den sächsischen Fürsten 
Fehde an. Genau ein Jahr später vertrieb Friedrich von 
der Oelssnitz die Berka'sche Besatzung wieder aus seiner 
Burg. Endlich den 2. Juli 1439 erfolgte zu Dresden ein 
Friedensschluss, wonach der Kurfürst die streitige Lehnfrage 



*») Hauptst.-Arch. Orig. 6404. Gautsch 49. 
*•) Hauptst-Arch. Orig. 6410. 

*') Nach dem Pirnaischen Mönch Lindner bei Mencken« 
Script. IL 1697. 



206 Hermann lfnotIi6l 

wegen Bathen auf das Erkenntnis des römischen Kaisers 
stellen will und von beiden Seiten die während der Fehde 
gemachten Gefangenen herausgegeben werden sollen. Beness 
Birke von Wildenstein verpflichtet sich, den sächsischen 
Fürsten zu Diensten zu stehen und ihre Lande schützen zu 
helfen, wofür er jährlich von ihnen 200 fl. erhalten soll. 
So suchte man sich also jetzt durch ein Jahrgeld von den 
Wildensteinern Ruhe zu erkaufen. Allein vergeblich. 

Ein Jahr später brach die Fehde aufs neue aus. In 
einem auf dem Wildenstein selbst den 6. Dezember (1440) 
geschriebenen Briefe**) wirft Albrecht Birke den Fürsten 
vor; die christliche Richtung; die sie (1438) mit seinem 
seligen Bruder Beness gemadit und derzufolge dieser „mit 
uns seinen Brüdern^ (d. h. Heinrich und Albrecht) in der 
Fürsten Dienst gewesen, nicht gehalten zu haben, viel- 
mehr sie haben berücken zu wollen. So sei sein Bruder 
Beness von den Leuten der Fürsten erschlagen, er, Albrecht, 
selbst gefangen und „von seinem Schlosse, Gute, Habe 

febracht^ und auch sonst, ebenfalls von den Leuten der 
ürsten, mit Raub, Brand, Nome, Gefängniss und Ver- 
dingniss angegriffen und verderbet worden. Deswegen 
und weil auch Jahn von Wartenberg auf Blankenstem 
(Albrechts Schwager) ohne alle seine Schuld (von Friedrich 
von der Oelssnitz) gefangen worden sei, sagt jetzt Albrecht 
Berka auf Wildenstein und ein uns sonst nicht bekannt 
gewordener Czenko Birke von der Dube den sächsischen 
Fürsten Fehde an. Wir vermögen nicht zu beurtheilen, 
wie weit diese Vorwürfe begründet sein mochten. Vielleicht 
hatte der von der Oelssnitz, der alte Gegner der Birken, 
aus irgend welchem Grunde wieder losgeschlagen, wobei 
Beness Birke getödtet, Albrecht und sein Schwager Jahn 
von Wartenberg gefangen, ja wie es scheint, der Wilden- 
stein selbst genommen worden war. . Die wiedererlangte 
Freiheit benutzte Albrecht sofort zu Ankündigung neuer 
Fehde, in welche, wie sich sofort ergeben wird, auch 
Hinko III. auf Hohnstein auf der einen und Bischof Johann 
von Meissen auf der andern Seite sofort hineingezogen 
wurden. 

In Dresden wollte man sichtlich Ruhe« Und so er- 
klärten den 6. Januar 1441 *•) Hincke zum Hohnstein, 
Hincke und Albrecht zum Wildenstein, Brüder und Vettern 



«*) Hauptst-ArcL, Witt A., Böhm. Sach. Befehd. BL 264. 
*•) Hauptst.-Arch. Cop. I fol. 281. 



Die Berka von der Duba auf Hohn stein etc. 207 

Bircken von der Dube, dass sie die bisherige Fehde mit 
den Herzögen Friedrich und Wilhelm von Sachsen, dem 
Bischof von Meissen und deren Landen und Unterthanen 
auf ein ganzes Jahr abthun wollten und ihnen gütlich 
sitzen, und zwar deshalb, weil die Herzöge Jahn von 
Wartenberg, ihren ^uten Freund und Schwager, „von 
Friedrich von der Oelssnitz seines Gefängnisses ledig und 
los geschafft" hätten. 

Auf diesen Waffenstillstand folgte den 10. März 1442*") 
eine ewige Richtung und Sühne. In dieser gelobten 
die genannten drei Birken, dass alle Zwietracht und Un- 
wille nun beigelegt, alle Schuldforderungen getilgt seien 
und etwaige neue Differenzen nicht mehr auf dem Wege 
der Fehde, sondern durch Schiedsmänner erledigt werden 
sollten. „Da nun die Birken dem Stift Meissen zu Diensten 
wohl gesessen sind'^, so sollen die beiden bischöilichen 
Städte Jockrim und Bischofswerde den Birken zu Wilden- 
stein -um Schutzes des Stifts willen^ fünf Jahre hindurch 
je 40 Schock Groschen als Jahrgeld zahlen. So hatte sich 
jetzt der Bischof entschliessen müssen, sich durch ein jähr- 
liches Schutzgeld von den Wildensteinern Kühe zu erkaufen. 

Dieser Friede hatte nun endlich auch wirklich Be- 
stand. Albrecht Birke wurde noch in demselben Jahre 
1442**) Vermittler von Waffenstillständen zwischen den 
sächsischen Fürsten und dem Bischöfe einerseits und den 
Wartenbergern auf Tetschen andrerseits, wobei er als 
Bürge für letztere fungierte. 

Aber fürwahr diese Birken erweisen sich nach alle 
dem in absichtlicher Vollständigkeit von uns bisher Er- 
zählten als ein friedloses Geschlecht ohne allen Verlass. 
So lange sich die festen, fast uneinnehmbaren Burgen 
Hohnstein und Wildenstein in ihren Händen befanden, war 
nicht nur das bischöfliche Stolpen, sondern auch der 
sächsische Königstein, Pirna, ja Dresden selbst gefährdet, 
wenn sich jene einmal mit anderen mächtigen Herren aus 
Böhmen verbündeten. Und eben hatte nach Kaiser 
Albrecht H. Tode (1439) in Böhmen die königlose Zeit, 
das Interregnum, begonnen. So erscheint denn das Be- 
streben des Kurfürsten, jene beiden Burgen mit Zubehör 
in eigenen Besitz zu bringen, einfach als ein Gebot der 
Selbsterhaltung. 



") Hauptst.-Arch. Orig. 6689. 
*•) Ebend. Orig. 6699. 6712. 



208 Hermann Knothe; 

Und in der That ein Jahr später waren bereits die 
Unterhandlungen im Gange^ um zunächst die Herrschaft 
Hohnstein zu erwerben. Bischof Johann von Meissen er- 
wies sich, im eigensten Interesse, dabei sehr thätig.**) 
Es war sein Official, Dr. Johann Swoffheim, der nebst 
dem Berka'schen Hauptmann Jancko Knobelauch den 
26. Februar 1443 zu Torgau mit den sächsischen Bäthen 
die Bedingungen vereinbarte, unter denen Hohnstein an 
Sachsen abgetreten werden sollte. Den 8. März 1443 *') 
gelobte Hyncke Berka von der Dube der ältere und zum 
Hohnstein gesessen auf dem bischöflichen Schlosse Stolpen, 
diesen Vereinbarungen unverbrüchlich nachzukommen. 
Demzufolge trat derselbe sammt seiner Frau Barbara 
Hohnstein nebst Zubehör an die Gebrüder Friedrich und 
Wilhelm, Herzöge zu Sachsen, ab und erhielt daäir von 
diesen die Herrschaft Mühlberg an der Elbe, in welcher 
sein Vater Hinko II. 1388 königlich böhmischer Statt- 
halter gewesen (S. 196), welche aber 1397**) von König 
Wenzel an Markgraf Friedrich von Meissen versetzt worden 
war, und ausserdem noch 570 Schock Groschen bar. 
Den 14. März **) wurden beiderseits die Urkunden über 
diesen Freikauf ausgestellt. Derselbe vollzog eine neue 
wichtige Erwerbung für das Meissner Land. Denn wenn 
auch Hohnstein *^) zunächst noch böhmisches Lehn blieb, 
so ist es doch nie wieder von Sachsen getrennt worden. 

Der Verkäufer „Hyncke der ältere" ist nach unserer 
Ansicht derselbe, der 1410 in der brüderlichen Theilung 
Hohnstein, Scharfenstein und Antheil von Tollenstein- 
Schluckenau erhalten hatte. Seine Frau heisst jetzt beim 



") Gercken, Stolpen 631 fg.: „Do wart ouch angeselieii der 
grosse yleiss, den Bischoff Jobannis mit den seine that bey dem 
slosse Hoenstein, dorumb gros erbeit, muhe unnde zcerunge gescbach, 
daz daz gwam an dy Herscbafft zu Miesssen'^ 

»») Hauptst.-Arch. Orig. 6746. 

»*) Ebend. Orig. 5016. 

»») Ebend. Orig. 6748. Gautsch 104. 

^*) lieber die in ibren Ursprüngen jedenfalls in die Zeiten der 
Berka zurückreichenden Rechtsverhältnisse der Erbunterthanen in 
der Herrschaft Hohnstein vergl. Hasche, Magaz. der sächs. Gesch. IV, 
und zwar über das Städtchen Hohnstein Seite 229, die Harnisch- 
kammer im Schlosse Seite 87, über Neustadt Seite 136, über 
Schandau Seite 140, über die Lehnrichter, Amts- und Schriftsassen 
Seite 219, den Kaufbrief der Herrschaft vom Jahre 1543 Seite 147; 
über das Recht des Holzhandels aus der ganzen Herrschaft vergl. 
GOtzinger, Hohnstein 47. 



i)ie Berka von der t)uba au^ Holinstein etc. ^d 

Verkauf Barbara, ehenso wie im Jahre 1434*'), wo er 
„mit seiner Frau Barbara^ das wüste Dorf Luawigsdorf 
(S. 197) wieder an den Bischof von Meissen verkaufte. 
Den Beinamen des älteren führte er im Qegensatze zu 
seinem gleichnamigen Sohne oder Bruder. Schon 1437 
nämlich hatten Hemrtch, Hynek und Niclas Gebrüder von 
Duba und Hohnstein ihr erbliches Lehngut Türmitz (süd- 
westlich von Aussig), wie sie es von Albrecht von Colditz 
erworben, an Hans Manstorfer von Krupka (d. h. Graupen) 
verkauft.**) Wir halten diese Brüder für Hinko HL auf 
Hohnstein, Heinrich auf Wildenstein; Niclas ist uns soast 
nicht vorgekommen. Auch noch eine Schwester hatte 
Hinko HI., Namens ilwna**), Witwe des Nicolaus Kolowrat; 
ihr hatte Hinko, als er noch Besitzer von Hohnstein war, 
das Dorf Saupsdorf wiederkäuflich überlassen, weiches 
Kurfürst Friedrich (der Sanftmüthige) 1447 «^j einlöste. 

So blieb Hinko HI. in Böhmen fortan nur noch 
sein Antheil an TolUnatein, von welchem noch später zu 
sprechen sein wird, und die Herrschaft Scharfenstein mit 
Sensen (S. 199), welche auch noch auf seine Nachkommen 
überging; denn 1451 verpfändete Johann von Bergow 
und von Trosk sein Erbe m Chlumec dem Hynek Berka 
von Duba, dem Sohne des weiland Hjmek von Berka und 
von Scharfenstein. Wir folgen Hinko HI. und seinen Nach- 
kommen**) nicht auch in ihre neue Besitzung Mühlher g, 
sondern beschäftigen uns von nun an nur noch mit den 
Inhabern von Wildenstein und Tollenstein. — 



»») Hauptst-Arch. Orig. 6318. 

*•) Archiv cesky III, 618. Vergl. Hallwich, Geschichte der Berg- 
stadt Graupen (1868) 25. 

»•) Hauptst.-Arch. Orig. 7014. 

••) Hauptst-Arch. Orig. 7014. 

*') Noch haben wir kurz die irrige Angabe älterer Historiker, 
z. B. Götzingers, Hohnstein mit Lohmen (1786) 84 fgg., zu wider- 
legen, welche glauben, dass die Berka bis 1489 Inhaber von Hohu- 
Btein gewesen seien. Was Götzinger von Rathen aus den Jahren 
1463 und 1464 erzählt, gehört in die Jahre 1438 und 14.39 (oben 
S. 206). Femer hält derselbe einen „Georg Birke" für den Herr- 
schaftsbesitzer. Im Jahre 1451 gehörte ein Steffan Birke, der 
den Zins auf Rathmannsdorf pfandweis besass, zu den Mannen 
Albrecht Berkas auf Wildenstein, welche dieser sammt seiner Herr- 
schaft Wildenstein an Sachsen abtrat. (Gautsch, Aelteste Geschichte 
der sächsischen Schweiz 108.) Diesen selbigen Zins kaufte 1467 
der Rath zu Schandau von einem Georg Birke, doch wohl dem 
Sohne jenes Steffan, und erhielt Zins und Dorf von den Gebrüdem 
Ernst und Albrecht von Sachsen als Stadtgut gereicht. (Götzinger, 

Neues Arebiy f. S. G. u. A. TL 3. 14 



210 Hermann Knothe:; 

Im Besitz der Herrschaft Wildenstein waren auf Hein- 
rich Berka von der Duba^ den ersten Inhaber (1410 S. 199 
und 1426 S. 203), wir wissen nicht wann, dessen Söhne 
gefolgt. Als solche wurden bereits erwähnt Heinrich der 
ältere (1426 S. 203, 1435 S. 204, 1440—42 S. 206), ferner 
Beness (1436 S. 205, erschlagen 1440 S. 206) und Albrecht 
(seit 1440 Seite 206). Heinrich „der ältere" oder ein jeden- 
falls gleichnamiger Bruder von ihm, scheint, da er in den 
Händeln mit Meissen in den Jahren 1436 bis 1439 nicht 
erwähnt wird, sich indessen entweder auf anderen Gütern 
der Familie oder in fremdem Dienste befunden zu haben. 
Nach 1442 ist auch er uns nicht mehr begegnet; viel- 
mehr erscheint seit 1443 Albrecht Birke als alleiniger 
Besitzer von Wildenstein und des zugehörigen Autheils 



Höhnst. Beilagen 8 fg.) Dieser Georg Birke hatte ärgerliche Händel 
mit seiner Frau Ursula, welche 1468 durch Bischof Dietrich von 
Meissen beigelegt wurden. Vergl. [Grundmann] Nachrichten von Neu- 
stadt bey Stolpen (1759) 9. Hierbei wird nun im Context der betreffen- 
den Urkunde dieser Georg Birke als her czum Hoenstein bezeichnet. 
Wir können nicht glauben, dass das Original der Urkunde, das wir 
nicht kennen , diese Worte enthalten habe. Denkbar wäre , dass in 
der blossen Abschrift, welche wahrscheinlich Grundmann vorlag, 
jener Zusatz als nähere, aber irrthümliche, Bezeichnung der Per- 
sönlichkeit gestanden habe. In eben dieser Urkunde wird übrigens 
jener Georg Birke stets nur als „gestrenger" tituliert, in der Urkunde 
von 1467 sogar ohne jedes Prädikat aufgeführt, während ein „Birke 
von der Duba** sowohl von dem Bischof von Meissen, als von den 
Herzögen von Sachsen sicher das Ehrenprädikat des hohen böhmischen 
Adels „Herr" oder „Er" erhalten haben würde. Hierauf macht mit 
Recht schon Hasche (Magazin der sächsischen Geschichte IV, 328) 
aufmerksam, bezeichnet aber (ebenda 333 fg.) dennoch diesen Georg 
Birke wieder als einen Berka von der Duba. Uebrigens kommen die 
Vornamen Steffan und Georg in der Hohnsteiner Linie der Berka 
nie vor; auch von den Söhnen Hinkos lU. führt keiner dieselben. 
Wer nun dieser Steffan und Georg Birke gewesen, ob sie überhaupt 
von den ehemaligen Herrschaftsbesitzern abstammen, etwa als die 
unehelichen Nachkommen des einen oder andern, wissen wir nicht. 
Unter den Zeugen in der Urkunde von 1468 kommt auch ein 
Cristoff Bircke vor. Herren auf Hohnstein waren sie entschieden 
nicht. Auch die ebenfalls von Götzinger Ta. a. 0. 38) aus einer Seb- 
nitzer Pfarrmatrikel angeführte Notiz scneint nicht genau. Wohl 
mag die Frühmesse zu Lobendau 1489 von dem Bischof Johann von 
Meissen bestätigt worden sein ; gestiftet von Henrico Birck von der 
Dauben domino in Hohnstein war sie aber gewiss schon zu Anfang 
des 15. Jahrhunderts. Wenigstens kommen die beiden daselbst er- 
wähnten Zeugen, Hanss von Lottitz, Hewptmann, 1408 als Haupt- 
mann zu Runiburg (Baibin, Mise. V, 302), und Dam [Tamme] Knoh- 
loch 1409 als Vasall Hinkos II. auf Hohnstein vor. (Hauptst.-Archiv 
Orig. 5476.) 



Die Berka von der Duba auf Ilohnstein etc. 211 

von Tollenatein-Sc/Uuckenau (oben S. 200). Seit 1444**) 
nennt er sich vorzugsweise „zu Tollenstein", oder 1446 •') 
„Herr zu Wildenstein und Tollenstein", scheint sicli also 
nun vorzugsweise auf letzterer Burg aufgehalten zu haben. 
Albrecht war verheiratet mit Anna, der Tochter des 
Burggrafen Wentsch von Dohna (Donin) auf Grafenstein**), 
südlich von Zittau an der Neisse, und wurde, als treuer 
Genosse seines streitlustigen Schwiegervaters, nun auch in 
dessen Zwistigkeiten, einmal mit den oberlausitzischen 
Sechsstädten und sodann mit den Herren von Biberstein 
auf Friedland und Hammerstein (bei Kratzau unweit 
Grafenstein), hineingezogen. Längst schon hatten die Berka 
auf Wildenstein Händel mit Bautzen gehabt. Sie hatten 
„Waidleute", welche Waid nach Bautzen führten, beraubt, 
weshalb (1437) Städtetage zu Löbau gehalten, Boten an 
^Benes Birke** nach dem Wildenstein geschickt und die 
Waidwagen von Görlitz unter bewaffnetem Schutze nach 
Bautzen „geleitet wurden vor den Wildensteinischen". Noch 
1441 sollte zu Bautzen getheidingt werden „mit den Bercken 
von dieses Nomes wegen", und 1442 wird sogar „der 
Bercken Fehde gegen die von Budissin*^ erwähnt. Infolge 
dessen schickte auch Görlitz einen Boten nach dem Wilden- 
stein „mit der Aufsagung** und nahm Söldner auf „contra 
Birkenes et alios raptores pro defensione".®*) Diese Fehde 
gewann um so grössere Bedeutung, als sich 1442 ••) auch 
die Brüder Ulrich, Wenzel und Friedrich von Biberstein 
auf Friedland und Forst (in der Niederlausitz) mit den 
Sechsstädten förmlich gegen Wentsch von Dohna und 
„Hincke und Albrecht Bircken auf Wildenstein" ver- 
bündeten. Zwar wurde 1444®') wenigstens zwischen den 
genannten böhmischen Herren ein sühnlicher Vergleich 

feschlossen; aber alsbald begannen auch zwischen diesen 
ie Streitigkeiten von neuem. 

Inzwischen waren nach dem Tode Kaiser Albrechts II. 
(1439) die kaum beschwichtigten Parteikämpfe in Böhmen 



*') In einem Friedensvertrag mit den Biberstein auf Friedland. 
Oberlaus. Ürk.- Verzeichnis II, 67 b. 

•») In einem Dienstvertrag mit Kurfürst Friedrich von Sachsen. 
Hauptst-Arch. Orig. 6928. 

•*) Vergl. über denselben von Weber, Archiv für die sächsische 
Geschichte. N. F. I, 232 fgg. 

**) Nach den Görlitzer Bathsrechnungen. 

•0 N. Script, rer. lus. I, 255. 

•') ürk. -Verzeichnis II, 57 b. 

14* 



212 Hermann Knothe: 

aufs neue ausgebrochen. Die Wahl eines neuen Königs 
ward immer wieder hinausgeschoben. Seit 1444 war Georg 
von Podiebrad das anerkannte Haupt der utraquistischen 
oder hussitischen Partei, während an der Spitze des 
katholisch gesinnten Herrenbundes die Familien Kosenberg 
und Neuhaus standen. Seit nun Meinhard von Neuhaus 
den auch von uns oft erwähnten Siegmund von Warten- 
berg auf Tetschen (1439) gefangen genommen und auf 
einem seiner Schlösser hatte Hungers sterben lassen**), 
wendete sich das ganze weitverzweigte und mächtige Ge- 
schlecht derWartenberge zur Partei Podiebrads. Dieselben 
besassen damals im nördlichen Böhmen die Herrschaften 
Tetschen und Blankenstein (nördlich von Aussig), des- 
gleichen Leipa; aus welchem schon Siegmund von Warten- 
berg die katholisch gesinnten Berka auf Mühlstein auf 
Zeit vertrieben hatte, endlich die alten Stammgüter der 
Familie, nämlich Wartenberg mit der Burg Roll und 
Dewin. So waren jetzt die katholisch gesinnten Barone 
Wentsch von Dohna und Albrecht Berka rings umgeben 
einmal von den Gebieten der utraquistischen W^arten- 
berge, sodann von der ihnen ebenso verhassten Bürger- 
macnt der oberlausitzischen Sechsstädte, zumal Zittaus. 
Diese ihnen von zwei Seiten her drohende Gefahr war es 
jedenfalls, welche Wentsch und Albrecht bestimmte, den 
16. Mai 1446 ®®) zu Meissen eine Urkunde auszusteUen, 
in der sie erklären, dass sie „um Friede, Schutz und Ver- 
theidigung willen des Herzogs Friedrich von Saclisen und 
seiner Erben Diener geworden** seien, und, „wie ein jeder 
getreue Diener seinem Herrn von Rechts wegen pflichtig 
ist", ihm gelobt hätten , seinen und der Seinen Frommen 
zu werben und Schaden zu warnen. Infolge dessen sollten 
dem Herzoge alle ihre Schlösser, nämlich Wildenstein, 
Tollenstein, Grafenstein, zu allen seinen Nöthen und Kriegen 
wieder männiglich, nur nicht gegen die Krone Böhmen 
und Jahn von Wartenberg (Albrechts Schwager), geöfihet 
und unterthänig sein; der Herzog dagegen solle sie und 
die Ihrigen schützen. Dieser Vertrag sollte auf 20 Jahre 
Gültigkeit haben^ es sei denn, dass inzwischen „ein König 
von Böhmen sein würde, der die Krone mächtiglich inne 
hätte"; in diesem Falle solle die Verschreibung hinfällig 



•») N. Script, rer. lus. I, 67. 

••) Hauptst.-Arch. Orig. 6928, abgedruckt in den Aufzeichnungen 
über die erloschenen Linien der Familie Dohna (Berlin 1876). II, 226. 






Die Berka vou der Duba auf Hohnsteiu etc. 213 

werden, doch erst nach halbjähriger Kündigung. — So 
hatte also die eigne Gefahr Albrecht Birke jetzt genöthigt, 
sich unter den »Schutz Kursachsens zu stellen und dorn 
Kurfürsten freiwillig dieselbe Burg Wildetistein „zu Dien- 
s*en^^ zu stellen, von welchem seit 30 Jahren die meissnischen 
Fürsten so oft waren befehdet worden. Kursachsen aber 
gewann hierdurch bei den immer drohender werdenden 
Verwicklungen mit Böhmen xmd dessen jetzigem Gubcr- 
nator Georg von Podiebrad einen ehemaligen Gegner zum 
Bundesgenossen und Schützling und eine Anzahl fester 
Schlösser an der Grenze zum Schutze des eignen Landes. 

Im Jahre 1450 brach bekanntlich der offene Krieg 
zwischen Kursachsen und Böhmen aus. Wohl eben des- 
halb vermochte letzteres die Schlösser seiner Schutz- 
befohlenen nicht völlig gegen die Gefahren zu vertheidigen, 
welche diese allerdings selbst gegen sich heraufbeschworen 
hatten. 

Schon längst hatten Albrecht Birke und sein Schwieger- 
vater Wentsch von Dohna neue Händel mit den Sechs- 
städten begonnen. 1448 wurde von letzteren der Grafen- 
stein belagert und beschossen; diesmal noch vergeblich. 
Ergrimmt vereinigten daher 1449 Wentsch und Albrecht 
alle ihre Vasallen und Freunde zu einem allgemeinen 
Bunde gegen die Städte, liessen von ihren Burgen aus 
Raubzüge in deren Land machen „und wollten es doch 
nicht gethan haben"; ja sie schlössen sogar mit Jahn von 
Wartenberg, dem Ketzer und alten Feinde der Sechsstädte, 
ein förmliches Bündnis. Da zogen 1450 Adel und Städte 

f^meinschaftlich ein zweites Mal vor den Grafenstein, 
ach dreiwöchiger Belagerung musste nicht bloss Wentsch, 
sondern auch Albrecht geloben, „sich mit ihren offenen 
Schlössern nach Land und Städten der Oberlausitz gegen 
alle ihre Feinde richten zu wollen.** '®) Schon damals 
soll auch der Tollenstein ebenfalls belagert worden sein.") 
Jedenfalls war jetzt die Macht beider Herren auf lange 
hinaus gebrochen und ihre Geldmittel völlig erschöpft. 
Dies war denn wohl auch der Grund, weshalb sich 
Albrecht Birke 1451 veranlasst sah, seine Herrschaft 
Wüdenstein an den Kurfürsten von Sachsen mittels erb- 
lichen Freimarktes abzutreten. Am 6. April hatte Heinrich 



^®) Vergl. von Webers Archiv für die sächsische Geschichte. 
N. F. I, 241 fgg. Oberl. Ürk.-Verz. II, 65g, h. Görl. Rathsrechn. 
'») Pescheck, Geschichte von Zittau II, 908. 



214 Hermann Enothe: 

von BünaU; der sächsische Vogt auf Hohnstein, mit Albrecht 
eine Zusammenkunft zu Neustadt bei Stolpen, auf welcher 
das Tauschgeschäft zum Abschluss gebracht ward. Von 
beiden Seiten wurden nach den Erbregistern der beider- 
seitigen Güter vor allem die trocknen Zinsen der aus- 
zutauschenden Gebiete genau berechnet und ^e ein Schock 
Geldes gegen das andre gleich angeschlagen, gegeben und 
genommen", wobei sich ergab, dass Albrecht die Summe 
von 750 Schock 58 böhmischen Groschen und 2 Pfennigen 
noch bar ausgezahlt zu bekommen hatte. So stellte denn 
Albrecht 1451 die Abtretungsurkunde über Wildenstein 
mit genauer Aufzählung aller seiner Zubehörungen aus. 
Diese von Gautsch (Aelteste Geschichte der sächsischen 
Schweiz. 1880. S. 107 fg. nach Hauptst-Arch. Loc. 9923 
„Die beyden Schlösser Wilden- und Hohenstein etc." Bl. 4) 
abgedruckte Urkunde ist nicht das Original'*), sondern 
nur eine gleichzeitige Kopie. Sie enthält ohne jedes 
Datum nur den einen Theil des Tauschvertrags, nämlich 
die von Albrecht an Sachsen abzutretenden Güter, und 
schliesst in der That mit einem „etc.". Aber die von 
Sachsen an Albrecht abgetretenen Besitzungen lernen wir 
aus Blatt 15 b und 16 jenes Aktenstückes kennen. „Item 
dese nachgeschrebene guter und manschaft hat unser 
gnediger Herre von Sachsen Em Albrecht yn dem frey- 
margte obergeantwert." Es sind dies zuerst folgende 
Vasallen: Jancko, Siegmund und Heinrich Enobelauch 
auf Wamsdorf und auf Schönau (westlich von Schluckenau), 
Siegmund xmd Nickel Knobelauch zu Nixdorf („Nickils- 
torff"), Christoflfel, Heinrich und Albrecht Luttita auf Rosen- 
hain (nördlich von Schluckenau) ^ind auf Schirgiswalde 
(^Scheringeswalde") , Hannus und Thamme Luttitz auf 
Antheil („die Helffte") Königswalde (östl. von Schluckenau) 
und Antheil Georgswalde („Gerigiswalde"), ChristoflPel von 
Hermsdorf auf Kumburg („Bonneberg") und Seifhenners- 
dorf böhmischen Antheils („Heynirstorf"); ferner „das Städt- 
chen Schluckenau die Hälfte", das Dorf Kaiserswalde 
(westlich von Schluckenau) die Hälfte, die Dörfer Zeidler, 
Nixdorf, Wolmsdorf („WillemesdorflF"), endlich der Sprem- 
berger Wald „oberhalb Schluckenau", der Nixdorf er „ober- 



") Gautsch sagt zwar in der Anmerkung daselbst, „das Original 
sei auch' vorhanden^^ Doch haben wir dasselbe trotz aller an- 
gewendeten Mühe nicht aufzufinden vermocht, da Gautsch so gut wie 
nie für seine Angaben genaue Gitate anführt. 



i 



Die Berka von der Duba auf üohnstein etc. 215 

halb Sebmtz die Hälfte", „der Persk« (?) die Hälfte und 
„der Poczin" oberhalb Schluckenau ganz. 

Diesen Antheil der Herrschaft Tollenstein-SchliAckenau 
also trat 1451 der Kurfürst von Sachsen gegen Wilden- 
stein an Albreckt Birke ab. Er kann ihn von niemand 
sonst als von Hinko IH. auf Hohnstein erworben haben. 
Es muss dies also jener Antheil gewesen sein, welcher 
1410 bei der brüderlichen Theilimg (oben S. 200) der 
Hobnsteiner Linie zugewiesen worden war» Wann der- 
selbe von Hinko III. an Kursachsen überlassen wurde, 
wissen wir nicht. Eine Urkunde darüber ist nicht zu 
finden gewesen. Gewiss war eine solche ausgestellt, aber 
jetzt bei dem Freimarkte von 1451 an den neuen Inhaber, 
Albrecht Birke, ausgeantwortet worden. Jedenfalls dürfte 
bisher niemand davon Kunde gehabt haben, dass den 
sächsischen Fürsten schon von etwa 1443 — 1451 ein Theil 
der Herrschaft Tollenstein gehört hat. Diesen Antheil 
vereinigte jetzt also Albrecht mit dem der A^^ildensteiner 
Linie, den er schon besass, und erlangte, wie oben (S. 200) 
erwähnt, 1457 auch noch den der Kreibitzer Linie infolge 
des jedenfalls unbeerbten Todes Johann Berkas hinzu. 
Die Verwaltung der nunmehr säclisischen Herrschaft 
Wildenstein'*) aber wurde dem Vogte oder Amtmann von 
Hohnstein mit übertragen. Sie bildete fortan im wesent- 
lichen „das Hinter amt Hohnstein'^. Kursachsen hatte mit 
ihr ein neues böhmisches Lehn erworben, welches ihm 
1459 im Egerschen Vertrage bestätigt wurde, und hatte 
nun seine jetzigen und natürlichen Grenzen gegen Böhmen 
auf dem rechten Eibufer erlangt. Das gefährliche Schloss 
Wildenstein wurde wohl alsbald abgebrochen. Ruhig und 
sicher konnten von nun an die Fuhrleute von Schandau 
aus ihre Frachtgüter nach Sebnitz oder nach Neustadt 
bei Stolpen weiter führen. — 

Bevor wir das Walten Albrecht Birkes von der Duba 
auf der von seinen alten Familiengütern ihm allein ver- 
bliebenen Herrschaft Tollenstein- Schluckenau weiter ver- 



'•) üeber die in ihren Ursprüngen jedenfalls in die Zeiten der 
Berka von der Duba zurückreichenden Verhältnisse der zugehörigen 
Erbunterthanen vergl. ausser dem bereits oben (Seite 208, Anmerk.) 
Angeführten Hasche, Magaz. der sächs. Geschichte IV, und zwar in 
betreff der Stadt Sebnitz S. 100, Gerichte, Dienste etc., desgleichen 
Götzinger, Hohnstein Beil. 107, in betreff der Pfarrei daselbst 
Hasche IV, 131, Götzinger, Beil. 62. 



216 Hermann Enothe: 

folgen, müssen wir noch einen kurzen Rückblick auf die 
frühere Geschichte derselben werfen. 

Sie setzte sich in der That aus zwei ganz verschie- . 
denen Bestandtheilen zusammen^ einem südlicheren mit der 
Burg Tollenstein und einem nördlicheren mit dem Städt- 
chen Schluckenau als Mittelpunkten. Jener gehörte von 
jeher zum Königreiche Böhmen , dieser ursprünglich zu 
der Markgrafschaft Meissen und zwar jedenfalls zu dem 
einstigen Gau. Nisani. Denn während m kirchlicher Be- 
ziehung Tollenstein mit seinen damaligen drei Kirchorten, 
Rumburg, Schönlinde und Warnsdorf, stets und nachweis- 
lich seit Mitte des 14. Jahrhunderts unter dem (Erz-) Bis- 
ihum Prag und zwar unter dem Dekanat Zittau stand, so 
waren Schluckenau und die übrigen Kirchorte, Lobendau, 
SchönaU; Hainsbach, Georgswalde, Schirgiswalde, zufolge 
der Meissner Kirchenmatrikel von 1495 '*) imter das Bis- 
thum Meissen und zwar merkwürdigerweise unter ganz 
verschiedene erzpriesterliche Stühle gestellt. Wahrschein- 
lich war dieser Theil des Gaues Nisani ebenso wie die 
damalige Oberlausitz 1086 an Wiprecht von Groitsch und 
nach dem Tode von dessen Sohn Heinrich 1135 wieder an 
Böhmen zurückgelangt '*), bei welchem es seitdem ver- 
blieb, während die Oberlausitz aufs neue an Meissen ge- 
geben wurde. Wann und wie darauf dieses nördlichere 
Waldgebiet mit den zu der Burg Tollenstein gehörigen 
Ländereien vereinigt worden sei, wissen wir nicht 

Durch diese so gebildete grosse und ursprüng- 
lich gewiss nur wenig angebaute Herrschaft ToUenstein- 
Schluckenau führten seit ältester Zeit zwei wichtige 
Handelsstrassen aus der Oberlausitz nach Böhmen, die 
eine von Bautzen südlich auf Prag, die andere von Zittau 
westlich auf Tetschen zu nach der Elbe. Beide wurden 
beherrscht von der alten, auf steilem Bergkegel gelegenen 
Steinburg Tollenstein. Kein Wunder, dass die Besitzer 
derselben von frühester Zeit an gerade mit den beiden 
genannten oberlausitzischen Städten in nachbarliche Händel 
geriethen. 

^MCCC^XXXin iar czoch dese stat [Zittau] vz mit 



'*) Vergl. Knothe, Untersuchungen Über die Meissner Bisthums- 
matrikel, im N. Laus. Magaz. 1880. 286. 

">*) Vergl. Knothe, Die politischen Beziehungen zwischen der 
Oberlausitz und Meissen, in von Webers Archiv für die sächsische 
Geschichte XII, 280 fgg. 



Die Berka von der Puba auf Hohnstein etc. 217 

andern steten vnd gewannen das Hus Tolensteyn^'^^). 
Dies die älteste urkundliche Erwähnung der Burg. Wem 
dieselbe damals gehörte, erfahren wir nicht. Es ist eine 
irrige Ansicht , dass die ältesten urkundlich genannten 
Besitzer derselben die Berka von der Duba gewesen seien. 
An einer Menge rein erfundener Namen fehlt es den Lokal- 
historikem freilich nicht.") Vielmehr hatten mindestens 
seit Mitte des 14. Jahrhunderts die Wartenberge und zwar 
diejenige Linie, welche auf den alten Stammgütern der 
Familie, nämlich Wartenberg, Roll, Dewin sass, auch die 
Burg Tollenstein und mehrere von den zugehörigen Ort- 
schaften inne. 1361 und wieder 1367'^) präsentierte 
Wanco (Wenzel) von Wartenberg, Obermundschenk von 
Böhmen, Geistliche zur Pfarrei in Schönlinde ebenso, 
wie er die Pfarrstellen zu Wartenberg, Oschitz, Schwabitz, 
Brenn, Vogtsdorf etc. besetzte. Ihm folgten (1369) seine 
Söhne Johann, Burggraf von Prag, Wenzel, Peter, Wil- 
helm „und andere" '•; und präsentierten z. B. 1370 nach 
Schönlinde (diesmal gemeinschaftlich mit Wilhelm Hase 
von Hasenberg), 1390 nach Warnsdorf.*") 1397 wird der 
älteste Bruder sogar „Johannes de ßumburg alias de 
Wartenberg", 1396 der zweite Bruder „Wenceslau« de 
Wartenberg dominus in Tolstein" genannt.*') 

Und dennoch gehörte gleichzeitig ein Theil der Herr- 
schaft bereits den Berka von der Duba und zwar der auf 
Hohnstein gesessenen Linie. 1359 **) präsentierte j^Hen- 
ricus dictus Berca de Duba" einen neuen Pfarrer nach 
Holan, weil der bisherige, Johannes, die Pfarrei zu 
Schluckenau erhalten hatte, wohin derselbe wohl von 
Heinrich Berka berufen worden war. 1370 besetzte das 
Pfarramt zu ßumburg „Henricus dictus Berca de Duba", 
der 1390 bei gleicher Veranlassung noch deutlicher als 
„dominus in Honstein et in Lippa" bezeichnet wird.^*) 
Seit Anfang des 15. Jahrhunderts verschwinden die Warten- 
berge gänzlich aus der Herrschaft Tollenstein und die 



'•) N. Script, rer. lus. I, 7. 

'») Z. B. Franz Bürckholdt, Der Tollenstein (1867). 
'•) Tingl, Lib. confinn. I, 145. Emier, Lib. conf. III, 87. 
'•) Tingl V, 177. 
») Ebend. IL 30. V, 33. 
'») Ebend. Y, 292. 256. 
») Ebend. I, 90. 

»») Ebend. II, 27. V, 2. Im Jahre 1368 -war noch Opeczco von 
Napticz Patron daselbst gewesen. I, 26. 



218 Hermann Knothe^ 

Berka auf Hohnstein erscheinen nicht bloss in Rumbürg 
als Patrone (z. ß. 1408 **), sondern auch zu Warnsdorf 
(1404) und Schönlinde (1404, 1407 etc.), und 1405 (11. Aug.) 
belehnte „Heinrich Berka von Hohnstein" die Gebrüder 
Benedikt und Wenzel von Yba (Eibau) mit dem Gerichte 
zu Seifhennersdorf.**) Es wäre denkbar, dass die Berka 
einzelne Güter in ihrer Herrschaft Tollenstein an die von 
Wartenberg verpfändet und um Anfang des Jahrhunderts 
wieder von ihnen eingelöst hätten. 

So werden es wohl auch die Berka gewesen sein, 
welche ihrer Stadt Rumburg einen Salzmarkt ausgewirkt 
hatten, der den oberlausitzischen* Städten, namentlich Gör- 
litz, grossen Verdruss verursachte, so dass deshalb (1390) 
nicht nur Tage zu Löbau abgehalten, sondern auch Ab- 
gesandte von Görlitz an ihren damaligen Erbherrn, Herzog 
Johann von Görlitz, und auch nach ßumburg gesendet 
wurden. Erst 1418 wurde dieser Salzmarkt von König 
Wenzel wieder verboten.*®) 

Wie wir bereits oben (S. 200) erwähnt, wurde nun 
1410 nach Hinkos IL auf Hohnstein Tode die gesammte 
Herrschaft ToUenstein-Schluckenau unter dessen drei über- 
lebende Söhne, Hinko IIL auf Hohnstein, Heinrich auf 
Witdenstein und Johann auf Kreibitz vertheilt. Den 
Hohnsteiner Antheil haben wir S. 216 specificiert; Johann 
besass (S. 200) Antheil von Warnsdorf und Seifhenners- 
dorf, alles übrige wird der Wildensteiner Linie angehört 
haben. Die Burg Tollenstein scheinen alle drei Linien 
gemeinschaftlich besessen zu haben. D^rum konnte sich 
Johann auf Kreibitz schon 1422 und später bis 1453 
„dominus in Tolnstein'* nennen, ebenso wie Hinko HI. von 
Hohnstein 1430 *'), wo er dem Pfarrer zu Ottendorf zwei 
Mark Zins auf Kunnersdorf wiederkäuflich überliess, „Herr 
zum Hohnstein und ToUenstein^ hiess und ebenso Albrecht 
aus der Wildensteiner Linie 1144 und später (Seite 211) 
als „zu Tollenstein" oder als „Herr zu Wildenstein und 
Tollenstein" bezeichnet wird. Da vor 1444 kein Berka 
ständig auf der Burg wohnte, war sie wohl immer der 



•*) Baibin, Mise. V, 302. 

»*) Böhm. Eronarchiv zu Prag, Kep. 207. Vergl. Oberlausitzer 
Ürk.-Verz. I, 168 No. 791. 

'*) Görlitzer Rathsrechuuugen. Uallwich, Reicheuberg (1872). 
S. 33. Carpzov, Anal. U, 147. 

") Hauptst.- Arch. Orig. 6167. 



Die Berka von der Duba auf Hohnstein etc. 219 

Obhut eines Hauptmanns übergeben. 1408**) war dies, 
wie es scheint, Johann von Luttitz auf Schirgiswalde ; 
1423 bat der dasige Hauptmann die Oberlausitzer in 
Löbau um Hilfe gegen die Hussiten; 1428 wird ein ge- 
wisser Miklisch ausdrücklich als Hauptmann zum Tollen- 
stein bezeichnet, der bei einem Vergleich zwischen Bres- 
lau und einem gewissen „Langeheinze" erwähnt wird.*") 
1445 hatte ein „Herr Ambrosius Burcsarius (?) von Dobri- 
lug, als er auf dem Tollenstein selb viert gefangen sass, 
dasselbe Schloss gewonnen und das Vorhaus verbrannt'' 
• und war darauf glücklich nach Görlitz entkommen.*®) 

Auch auf Burg Tollenstein sollte Herr Albrecht Birke 
nicht zur Ruhe kommen. Seit seine Frau gestorben war*'), 
scheinen sich die Beziehungen zu seinem Schwiegervater 
Wentsch von Dohna gelockert zu haben. Zwar klagten 
noch 1450 die Biberstein auf Friedland in Bautzen, dass 
ihnen von Herrn Wentsch und Herrn Albrecht die Vei- 
träge von 1444 (Seite 211) nicht gehalten würden"*); aber 
schon 1452 beschwerte sich Wentsch vor dem Administrator 
Böhmens, Georg Podiebrad, dass sein Schwiegersohn es 
mit den Zittauern, seinen Feinden, halte. „Und er Albrecht 
Birgke von dem Tholinstein, der hat syne helffer bie den 
von der Zittaw; darum ich nicht anders verstehe, dann 
das is sein getrib sey."®') 

£benso erhoben sich alsbald allerhand neue Differenzen 
mit dem Kurfürsten von Sachsen. Albrecht beanspruchte 
trotz der Abtretung der Herrschaft Wildenstein noch immer 
Zinsen von jetzt sächsisch gewordenen Dörfern, ja ganze 
Waldungen, „etwa eine Meile breit von der Zeidlerbach 
bis an die Weissbach^. Desgleichen hatten seine ehe- 
maligen Erbunterthanen noch viele, sehr berechtigte An- 
sprüche an ihn, wegen deren sie jetzt bei dem Kurfürsten, 
als ihrem neuen Erbherrn, gegen Albrecht Klage erhoben. 
Die Mannen verlangten Entschädigung wegen Pferden, die 
sie in Albrechts Dienst verloren, wegen Bürgschaft, die 
sie für ihn geleistet, und Erstattung der Gelder, die sie 



••) Baibin, Mise. V, 802. 

*') Scultetus, Annales Gorlic. Mspt. II, 81 b. 

••) Görl. Rathsrechnungen. 

*') Sie liegt in der Klosterkirche zu Zittau begraben. Ihr 
Leichenstein besa^: „Anno domini 1449 obiit honesta domina Anna, 
filiaVenczh de Donin, uxor)domini Alb. deDuba.^* Morawek, ZittaviaSO. 

") Laus. Mag. 1776. 182. 

•*) Palacky, Urkuudl. Beiträge 54. 



230 Ilermaun Enothe: 

ihm geliehen. Die Bürger von Sebnitz und Leute vom 
Lande verlangten Bezahlung für an Albrecht geliefertes 
HeU; Bier^ Hopfen. Der säclisische Amtmann auf Hohn- 
stein und Wildenstein, Hans Kannenberger, an den sie 
sich zunächst mit ihren Klagen wendeten, schrieb wieder- 
holt deshalb an Albrecht und hatte Tage mit ihm; aber 
derselbe zahlte nicht. Dafür beklagte sich Albrecht beim 
Kurfürst über Kannenberger „wegen grosser Gedrängnis 
und merklicher Ueberfahrung". So setzte ihm der Kur- 
fürst einen Tag an. Allein die Ladung traf ihn- nicht 
daheim, da er eben in Prag auch hatte „vor Rechte stehen 
müssen und grosse Nothgeschäfte hatte". So wurde ihm 
(1456) ein neuer Tag nach Radeberg "angesetzt**), mit 
welchem Erfolg, ist uns unbekannt. — Wohl infolge dieser 
Differenzen hatte Albrecht schon den 20. Januar 1454 
dem Kurfürsten jenen Vertrag von 1446 (S. 212), wo- 
nach der Tollenstein dessen offenes Schloss sein sollte, 
aufgesagt.**) 

Die ernstesten Gefahren aber beschwor Albrecht selbst 
in Prag gegen sich herauf. Nach dem plötzlichen Tode 
des jungen Königs Ladislaus (1458) war der bisherige 
Gubernator Böhmens, Georg Podiebrad, zum Könige er- 
wählt worden. In klugem Entgegenkommen hatte sich 
derselbe nicht nur mit seinen bisherigen Gegnern, dem 
Kurfürsten Friedrich von Sachsen und dessen Bruder 
Wilhelm, desgleichen mit dem Kurfürsten von Branden- 
burg, ja mit Kaiser Friedrich III. ausgesöhnt und sogar 
die Anerkennung von Seiten Papst Pius II. erlangt Selbst 
die katholischen Herren in Böhmen hielten jetzt ehrlich 
zu ihm. Da fachte das masslose Verhalten des ursprünglich 
königlichen Prokurators, jetzt päpstlichen Bevollmächtigten 
Fantinus de Valle auf einem Hoftage zu Prag und die 
darauf folgende Gefangennehmung desselben (August 1462) 
den Kampf zwischen der Kompaktatenpartei in Böhmen 
und der Curie aufs neue an. 

Wohl als einer der ersten unter den böhmischen 
Baronen fiel jetzt Albrecht Birke, der alte Hussitenfeind, 
sofort von König Georg ab und sendete Briefe mit Schmäh- 
ungen auf ihn, als einen Ketzer, an ^Fürsten, Herren und 
Städte der Krone Böhmen^, ja an den König selbst. Auch 



**) Nach Originalbriefen, Berichten, Konzepten im Uauptst.-ArcL 
Orig. 7616. 

•») Ebend., Witt. A. Böhm. S. Grafen und Herren Bl. 77. 



Die Berka von der t)uba auf Hobnstein eic. 2^1 

an die Sechsstädte der Oberlausitz muss er deren geschickt 
haben; denn den 21. August 1462 erliess König Georg 
ein (zweites) Schreiben an dieselben des Inhalts, dass sie 
nicht nur Atbrecht und den Seinen keinen Beistand leisten, 
sondern wenn man ihrer habhaft würde, sie zu des Königs 
Händen gefangen nehmen sollten.**) Als Albrecht hierauf 
nach Prag vor das Hofgericht geladen wurde, leistete er 
der Citation keine Folge, sondern rüstete sich zur Gegen- 
wehr. Da beschloss denn auch der König, gegen den 
widersetzlichen Vasallen mit Waffengewalt vorzugehen. 
Den 29. Juni 1463 •') erliess er an den Rath zu Görlitz 
(und gewiss ebenso an die übrigen Sechsstädte) den Be- 
fehl: — „so der edel Jan von Wartenberg, unser voit der 
sechstete — euch von unsern wegen schreiben; tag, stat 
und zeit benennen wirt, das ir denn mit puchsen, pleiden, 
wagen, zugehorungen und etlich den ewern im unvorzihen 
zuzihet, solch sloss Tolstein umbiegern helffet etc.^ Dem 
Befehle folgte die Ausführung auf dem Fusse. Schon den 
2. [?] Juli*^) begann der Landvogt mit oberlausitzischen 
Truppen und mit Unterstützung von Heinrich Birke auf 
Leipa die Belagerung der Burg. Nach kurzem Wider- 
stände wurde sie genommen und zunächst mit oberlausitzi- 
scher Besatzung belegt. Albrecht selbst scheint entkommen 
zu sein. Er flüchtete nach Breslau, welches bekanntlieh 
dem König Georg nie gehuldigt hatte^ und jetzt von dem 
Erzbischof Hieronymus Landus, als päpstlichem Legaten, 
in dem Widerstände gegen denselben bestärkt ward. 

In des Legaten Interesse aber lag es nun, Albrecht 
Birke lediglich als einen Märtyrer seiner katholischen 
Glaubenstreue darzustellen und Himmel und Erde in Be- 
wegung zu setzen^ um denselben wieder zum Besitze 
seiner ihm wider alles Recht entrissenen Herrschaft zu 



••) Oberlaus. Urk.- Samml., Mspt. ; Jörg — konig zcu Behim. 
Ersamen, liehen, eetruwen. Nacbdem wir uch vormals geschriben 
haben, wie groblicn vnd vast vngeborlich wider glubde vud evde 
sich Albrecht Birke wider vns ynd vnser krön geseczt hat, — hat 
er darüber itznnt vns vnd vnser königlichen wirde zcu smechung 
etlichen vnser vnd vnser cronen fursten, hern vnnd steten vnd — 
uch auch brive zcugesant, die vnser ere vnnd wirde nicht wenig 
beruren. — So begeren wir an uch, — das yr demselben Albrechten 
noch den sinen keine hulf nach biestant thut, huset adir hofit, — 
sunder wo ir yn adir die sinen bi uch ankompt, zcu vnsem banden 
vffhaldet. 1462. Prag, Sonnab. nach St. Ludwigstag 

") Palacky, Urk. B«itr. 309. 

••) Script, rer. Siles. IX, 10. 



222 Hermann Knothet 

bringen. Sofort schrieb er — nicht etwa an den Land- 
vogt Jahn von Wartenberg, als einen Beamten des Ketzer- 
königs Georg, sondern an die gut katholisch gesinnte 
Ritterschaft und Bürgerschaft von Bautzen und fragte an, 
auf wessen Geheiss denn Albrechts Schloss „durch etlich 
Volk belegt^ worden sei. Ihm antwortete am 14. Juli 1463 ••) 
der Landvogt selbst, die Belagerung sei erfolgt auf Gebot 
des Königs; denn es sei landrtichtig, wie derselbe Herr 
Albrecht rechtsflüchtig worden sei der Krone Böhmen 
und aus allem Gehorsam getreten um seiner grossen Ge- 
walt und Unrechts willen, das er an manchem Manne, 
besonders auch an seinen eignen Unterthanen begangen, 
indem er Witwen und Waisen gefangen habe, die noch 
über ihn schrien, desgleichen wegen Treulosigkeit und 
Meineid gegen seinen Erbherrn, den König. Wenn 
Albrecht bei dem Legaten vorgebe, wie er von dem hei- 
ligen Glauben der römischen Kirche gedrungen werde, 
und wenn der Legat schreibe, dass derselbe gar ein 
frommer und gehorsamer Sohn sei des heiligen römischen 
Stuhles, so sei dagegen im ganzen Lande bekannt, dass 
er ein ungetreuer Bösewicht sei, der sich aller Redlich- 
keit entschlagen. Der Legat möge nur in Breslau selbst 
nachfragen und werde das in Wahrheit also erfinden. 
Darauf antwortete am (20. Juli 1463 '®®) der Erzbisehof dem 
Landvogt, Albrecht sei soeben bei ihm gewesen, habe sich 
entschuldigt und sich in allen Stücken seinem, als eines 
apostolischen Legaten, Richterspruche unterworfen. Darum 
solle auch der Landvogt sich aller Gewaltmassregeln gegen 
Albrecht enthalten, sonst möge er der Verhängung geist- 
licher Strafen gewärtig sein. Die Taktik des Legaten 
ging nämlich, jetzt und später, dahin, den Streit zwischen 
Albrecht Birke und dem Könige von Böhmen vor das 
geistliche Gericht der Curie und ihres Legaten zu ziehen. 
Infolge eines Schreibens, welches der Landvogt in dieser 
Angelegenheit auch an den Rath zu Breslau gerichtet und 
dieser dem Legaten mitgetheilt hatte, schrieb letzterer 
(18. September 1463 *®') noch ein zweites Mal an den 
Landvogt: wenn sich derselbe über ehrenrührige Aus- 
drücke Albrechts beschwere, so habe der Legat denselben 
vor sich kommen lassen und ihn ermahnt, sich anständig 



••) Palacky, ürk. Beitr. 310 fg. 
'••) Script rer. Siles. VIII, 250 nach Eschenloer. 
••») Ebend.IX, 1*. 



Die Berka von der Buba auf Hohn stein etc. 223 

zu verhalten. Dies habe Albrecht versprochen und ge- 
lobt, sich dem Ausspruche des Papstes über sein Verhalten 
gegen den König und über die Entziehung des Tollensteins 
durch den König unterwerfen zu wollen. Darum solle 
auch der Landvogt nichts Feindseliges gegen Albrecht 
unternehmen und ein Gleiches auch dem Könige selbst 
ans Herz legen. 

Inzwischen hatte aber der Legat über das Schicksal 
Albrechts bereits auch an den Papst berichtet, und so 
klagte dieser am 2. Oktober 1463 ****) dem Kaiser Friedrich, 
dass König Georg den Tollenstein besetzt halte, weil der 
Eigenthümer desselben, der katholische Baron Albrecht 
Birke, dem Könige die Huldigung verweigert habe, die 
er demselben, als einem Ketzer, zu leisten nicht gehalten 
sei. Und auch der Rath zu Breslau stellte am 19. Oktober 
1463 *®') dem Papste die Sache lediglich so dar, Albrecht 
sei „von jenem treulosen Könige'' nur deswegen aus seinen 
Erbgütern hinausgeworfen worden, weil er ihm den Hul- 
digungseid nicht leisten wolle. So sei nun Albrecht in 
Breslau der Spott des Pöbels geworden, welcher höhnisch 
rufe: „Seht, wie Herr Albrecht von dem päpstlichen 
Legaten, zu welchem er seine Zuflucht genommen, imter- 
atützt wird!" 

König Georg aber Hess nun im Juni (12?) 1464 '®*) auf 
einem Hoftage zu Prag dem Albrecht Birke von der 
Duba, weil er sich eigenwillig gegen das Landrecht auf- 
gelehnt , Gegenwehr gerüstet, durch unehrerbietige und 
schändliche Reden und Briefe den König ohne Grund 
geschmäht und hierdurch das Verbrechen laesae majestatis 
begangen^ wie dies Rechtens sei, Tollenstein, Schltickenau 
und seine übrigen freien oder lehnhaften Güter förmlichst 
absprechen und sprach dieselben sofort denjenigen Herren 
zu, welche auf Befehl des Königs sich der Burg Tollen- 
stein bemächtigt hatten, nämlich Heinrich Birke von der 
Dube (auf Leipa) und dem Landvogt Jahn von Warten- 
berff auf Tetschen. Sofort aber erklärte dieser Heinrich 
Birke, dass er ^all sein Recht, das er infolge dieser 
königlichen Schenkung an den Gütern Tollenstein und 
Schluckenau nebst Zubehör erlangt habe", an den Land- 
vogt Jahn von Wartenberg abtrete.*®*) 

»•») Palacky, ürk. Beitr. 323. 
••») Script, rer. Siles. IX, 17. 
•»*) Archiv cesky III, 351 fg. 
»«») Emier, Reliq. tab. terr. Boh. II, 330, 



^24 Benflaiin Ifnotliei 

Dieser Heinrich Birke auf Leipa gehörte nicht jener 
Linie der Berka auf Hohnstein, welche (S 195) Ende 
des 14. Jahrhunderts auch Leipa besessen hatte, sondern 
einer Nebenlinie der Berka auf Duba» und Huaky an, von 
welcher ein Heinrich, genannt Dubsky, zuerst gegen Ende 
des 14. Jahrhunderts die Burg Mühlstein mit Böhmisch- 
Zwickau und Reichstadt, seit etwa 1426 aber auch Leipa 
an sich gebracht hatte. Sein Sohn, der hier genannte 
Heinrich, war Hussit und hatte die Witwe Siegmunds von 
Wartenberg (gestorben 1439), Agnes von Stemberg, die 
Mutter des jetzigen Landvogts der Oberlausitz, geheiratet.'®*) 
Er war also der Stiefvater von Jahn von Wartenberg, 
liatte als solcher denselben bei dem Feldzuge gegen Tollen- 
stein unterstützt und trat ihm jetzt das dadurch erworbene 
Anrecht auf die Herrschaft ToUenstein-Schluckenau frei- 
willig ab. 

Gegen die Ueberlassung dieser Herrschaft an Jahn 
von Wartenberg durch den König erfolgte allerdings (auf 
dem Quatembergerichtstage der Barone zu Prag 1465 "®') 
noch von anderer Seite her ein Protest, nämlich von Sbinko 
Berka von der Duba auf Lämberg bei Gabel, welcher 
beantragte, man möge zu den Akten nehmen, dass er 
schon früher Ansprüche auf Tollenstein und Zubehör er- 
hoben habe, die er vor Gericht zu erweisen gern bereit 
sei; da dies aber nicht der Wille Seiner Majestät sei; so 
müsse er als Unterthan warten und bitte nur darum, sein 
Reclit wahren zu dürfen. Und in der That hatte derselbe 
Sbinko schon 1460 (wohl vielmehr 1464) gegen die 
Schenkung des Tollensteins an Jahn von Wartenberg pro- 
testiert*®*) und erklärt, »dass er auf diese Güter ein 
bessres Recht habe, als selbst Albrecht Birke oder irgend 
jemand nach ihm"; er sei bereit, dies vor dem Könige 
und den Baronen zu erweisen. Auch dieser Sbinko Berka 
stammte aus der Hauptlinie Husky und zwar von einem 
jüngeren Bruder des soeben erwähnten Heinrich Dubsky 
auf Mühlstein, der ebenfalls Heinrich hiess und Antheil 
von Gabel und Lämberg erworben hatte Worauf sieh 
aber das „bessre Recht" Spinkos gründete, wissen wir 
nicht. 



'®*) Franz Pocke, Aus den ältesten Geschichtsgebieten Deutsch* 
Böhmens (1879) I, 136. 

*•') Archiv cesky I, 440* 
»*•) Emier, Reliq. H, SSO. 



Die Berka von der Duba auf Hohnstein etc. 225 

Der neue Inhaber der Herrschaft ToUenstein-Schlucke- 
nau, Herr Johann von Wartenherg auf Tetschen, seit 
1459 Landyogt der Oberlausitz ^ sollte sich dieses seines 
Besitzthums nicht lange erfreuen. Er starb schon den 
19. November 1464 zu Bautzen. Seine beiden Söhne 
theilten sich in die väterlichen Güter dergestalt^ dass der 
ältere; Siegmund, Oberschenk von Böhmen und später 
(1490— 1504) ebenfalls Landvogt der Oberlausitz, TeUchen, 
der jüngere, Christoph, dagegen Tollenstein und die alten 
Stammgüter der Familie, nämlich Wartenbe^'o, Roll, Deiuin, 
die seit den Hussitenkriegen an die Tetschner Linie ge- 
langt waren, erhielt. Christoph wohnte auf der Burg 
Dewin; sein Hauptmann auf dem Tollenstein war Christoph 
von Hermsdorfi Lehnsinhaber von Rumburg und deshalb 
gewöhnlich als „Christoph von Rumburg" bezeichnet. — 

Die bald darauf erfolgende Aenderung in den kirch- 
lich-politischen Verhältnissen Böhmens und seiner Neben- 
länder sollte auch für Tollenstein verhängnisvoll werden. 
Ende 1465 hatte Papst Paul H. die Unterthanen König 
Georgs des demselben geleisteten Eides entbunden^ da er 
ein Ketzer sei. 1466 hatte er ihn gebannt und aller seiner 
Würden entsetzt. Der katholische Herrenbund, an der 
Spitze Zdenko von Sternberg, sagte ihm den Gehorsam 
auf, und von Breslau aus setzte der Bischof Rudolph von 
Lavant; jetzt päpstlicher Legat daselbst, alles in Bewegung, 
um auch die Nebenländer der Krone Böhmen zum Abfall 
von dem Ketzerkönige zu bewegen. Die Androhung von 
Bann imd Interdikt bestimmte endlich (1467) auch die 
Oberlausitz, von König Georg abzufallen. Der bisherige 
Landvogt Benes von Kolowrat (1464 — 67), ohnehin wegen 
allerhand Gewaltthätigkeiten allgemein verhasst, wurde 
auf Anordnung des Legaten Rudolph abgesetzt und 
(Pfingsten 1467) Jaroslaus von Sternberg, ein Sohn 
Zdenkos, als einstweiliger Landvogt „aufgenommen". 

Unter diesen jetzt entschieden günstigeren Verhält- 
nissen erneuerten von Breslau aus Albrecht Birke und seine 
geistlichen Gönner sofort auch die Bemühungen um Wieder- 
erlangung des ToUensteins. Den 29. März 1467'®*) erliess 
der Legat Rudolph ein Schreiben an- die Pfarrer zu 
Bautzen und Zittau des Lihalts: da, wie bekannt, Albrecht 
Birke, Herr auf Tollenstein, durch den Anmasser und 
Ketzer Georg von Podiebrad verurtheilt und auf dessen 



»"•) Domarchiv Bautzen. 

Neues Arehiy f. S. Q. u. A. II. 3* 1<> 



226 Hermann Enothe: 

Befehl des Schlosses Tollenstein und anderer Besitzungen 
beraubt worden sei und diese durch gewisse LeutC; 
Christoph Hei*msdorf von Rumburg, Hauptmann auf Tollen- 
stein ; Johann Luttitz von Schirgiswalde und Siegmund 
Heinwald von Eönigswalde, wider Recht besetzt gehalten 
würden, so befehle der Legat jenen Pfarrern, diesen 
Occupanten mit geistlichen Strafen zuzusetzen und dem 
Albrecht Birke zur Wiedererlangung des Tollensteins be- 
hilflich zu sein. — Desgleichen wendete sich der Legat 
schriftlich an die Söhne des verstorbenen Landvogts Jahn 
von Wartenberg mit der Aufforderung, den Tollenstein 
an Albrecht wieder abzutreten, und bedrohte, falls sie dies 
binnen einer gewissen Frist nicht thäten, sie selbst mit 
dem Bann, die ganze Herrschaft aber mit dem Interdikt. 
Vergeblich entgegneten die Brüder von Wartenberg, die 
Herrschaft Tollenstein sei rechtmässig dem Albi^echt Birke 
ab- und ihrem Vater zuerkannt, von diesem eine Zeitlang 
ruhig besessen und darauf auf sie, seine Söhne, vererbt 
worden/'®) So erfolgte denn in der That, wir wissen 
nicht genau wann, von selten des Legaten die Verhängung 
des Interdikts über die ganze Herrschaft Toüenstein- 
Schlfickenau. 

Kein Wunder, dass durch alles dies auch bei den 
Wartenbergen die alte hussitische Feindschaft gegen die 
katholisch gesinnte, dem päpstlichen Legaten ergebene, 
von König Georg abgefallene Oberlausitz wachgerufen 
wurde. So entbrannte die alte Wartenherger Fehde be- 
sonders gegen die Stadt Zittau aufs neue. Eben damals 
belagerten die Ober- und Niederlausitzer den hussitisch 
gesinnten Friedrich von Schönburg in seinem Schlosse 
Hoverswerde."') Da unternahmen denn auch die War- 
tenberge und ihr Anhang, gegen 800 Mann zu Fuss und 
100 Mann zu Ross, unter Anführung ihres Hauptmanns 
auf Tollenstein, Christoph von Rumburg, einen Raubzug 
in das Zittauer Gebiet, plünderten und brannten in Gross- 
hennersdorf und Oberseifersdorf und trieben das erbeutete 
Vieh in der Richtung nach dem Tollenstein zurück. Allein 
die Zittauer hatten eiligst all ihre waffenfähige Mann- 
schaft aufgeboten und sich am breiten Berge zwischen 
Hörnitz und Grossschönau in den Hinterhalt gelegt. Von 



'*®) Schreiben der Herzöge Ernst und Albrecht von Sachsen. 
Hauptst-Arch., Witt. Arch., Böhm. S. Orte Bl. 216 fg. 

1 > *) Yergl. von Webers Archiv für die Sachs. Geschichte X, 266. 



I)ie Berka vqb der Duba auf Hohn stein etc. 227 

da überfielen sie plötzlich die vorüberziehenden Feinde^ er- 
schlugen deren 120 und jagten die übrigen in die Flucht 
(18. November 1467)."*) 

Als nun (29. August 1468) das halsstarrige Hoyers- 
werde glücklich in die Hände der vereinigten ober- und 
niederlausitzischen Truppen gefallen war, plante der Legat 
Rudolph zu Breslau auch einen Angriff auf das dem 
Albrecht Birke entrissene Tollenstein. Er hatte an den 
Landvogt von Sternberg und ebenso an die Stände der 
Oberlausitz geschrieben „von wegen Er CristofFs von 
Tetzin**. Sternberg hatte darauf Schreiben mit diesem 
Christoph von Wartenberg gewechselt, jedenfalls um ihn 
abermals zu gutwilliger Abtretung des Tollensteins zu ver- 
mögen. Wartenberg hatte dem Landvogt und den Ober- 
lausitzem überhaupt „fast viel Unglimpf zuzumessen und 
sein [eignes] * unchristliches Vornehmen zu billigen ver- 
meint". Am 28. Februar 1469 schrieb Sternberg an den 
Legaten, er gedenke diese Briefe Wartenbergs dem 
nächstens zu berufenden Landtage vorzulegen und mit 
demselben zu beratheU; was zu thun sei. „Meine mey- 
nung nit andera gewest, denn sy [die Wartenberge] durch 
getwang zu gehorsam der heiligen römischen kirchin zu 
brengin". Wenn der Landtag ihm zustimme, gedenke er 
bereits den 3. März im Felde vor Zittau zu sein und tags 
darauf über das Gebirge gegen den Tollenstein zu ziehen. ' **) 
Damals unterblieb der Zug noch. 

Bald darauf erfolgte (3. Mai 1469) der Friede zu 
Olmütz, infolge dessen Schlesien und die beiden Lausitzen 
den König Mathias von Ungarn als ihren Herrn und als 
rechtmässigen König von Böhmen anerkannten. Der Land- 
vogt Sternberg schrieb an die Wartenberge, ob sie diesen 
Frieden halten wollten. Die Antwort lautete^ wie zu er- 
warten war, sie wollten von demselben nichts wissen. 
Schon den 19. Mai meldete Sternberg dies nach Görlitz 
mit dem Befehl, sofort „eine Wehr gegen unsere Feinde 
zu bestellen^ und dieselbe zum Pfingstsonntage nach 
Bautzen zu schicken, wohin er auch den Landtag berufen 
habe. Die Stände scheinen keineswegs so hitzig gewesen 
zu sein, als der Landvogt. Am 20. Juli erging an Görlitz 
ein zweites Mal der Befehl, Heerfahrt ausrufen zu lassen 
und sich in Kriegsbereitschaft zu halten; allein erst nach 



«") N. Script, rer. lus. I, 89. 
»») Palacky, ürk. Beitr. 664, 

15* 



228 Hennann Knothe: 

einem nochmaligen Aufgebot (20. August '"*) wurde es 
Ernst mit dem Zuge gegen den Tollenatein, 

Zittau sollte der Sammelpunkt sein sowohl für die 
ober- als niederlausitzischen und schlesischen Truppen, 
welche auf Anordnung des Legaten zu diesem Zwecke 
sich hier vereinigen sollten. Die Oberlausitzer trafen zu- 
erst ein. Da langte (27. August) durch den Landvogt die 
Nachricht an, dass „die Frau von Tetschen (die Witwe 
Jahns, die Mutter Christophs von Wartenberg) mit all den 
Ihren eines Friedens begehre" auf ein oder zwei Jahre 
bis zum Austrage des Krieges; sie wolle stille sitzen, auch 
die Güter, die der Landvogt inne habe (Schirgiswalde ?), 
hintansetzen und alle Gefangenen losgeben. Der Beschluss 
hierüber wurde ausgesetzt bis zur Ankunft der Schlesier 
unter der Führung des Franz vonHag. * * *) Diese aber wollten 
vor allem die Schlösser Skal und Kost entsetzen; so zog 
das vereinigte Heer südlich bis gegen Reichenberg, von 
wo man in nicht eben rühmlicher Weise wieder umkehrte, 
n Allein die Sechsstädte und die (Nieder-) Lausitzer wur- 
den da zu Rathe und berannten den Tollenstein und lagen 
da drei Tage oder vier." **•) Während also die Ober- 
und Niederlausitzer allein ohne die Schlesier, die sich 
sofort zerstreuten, etwa 1000 Mann stark unter Anführung 
des Landvogts Sternberg den Tollenstein belagerten, er- 
schien plötzlich (6. September) unter dem Herzog Heinrich 
von Münsterberg, dem Sohne König Georgs von Böhmen, 
ein feindliches Heer südlich von Zittau, drang bei Klein- 
^schönau über die Neisse und rieb, ehe die Truppen von 
Tollenstein her zu Hilfe kommen konnten, die eiligst aus 
der Stadt entgegen gesendeten Bürger völlig auf. So 
wurde die Belagerung des Tollensteins eiligst aufgehoben. 
Derselbe blieb den Wartenbergen erhalten. Für Albrecht 
Birke aber ward die diesmal fast sichere Hoffiiung auf 
Wiedererlangung abermals in unbestimmte Zukunft hin- 
ausgerückt, keineswegs aber aufgegeben. 

Auch die Wartenberge wünschten jetzt ernstlich 
Frieden mit den Oberlausitzem. Den 6. Februar 1470 
befanden sie sich in Bautzen, um gütliche Verhandlung zu 
pflegen. Wie es scheint, war das zur Herrschaft Tollenstein 



»") Palacky, ürk. Beitr. 699. 
»»*) Ebend. 606. 

"•) N. Script, rer. lus. I, 93. 203. Pescheck, Geschichte von 
Zittau II, 637. Eschenloer II, 181 fg. 



Die Berka von der Duba auf Uohnstein etc. 229 

gehörige und von einem Zweige der Familie von Luttitz 
zu Lehn besessene Gut Schirgiswalde im Laufe dieser 
Fehden von den Lausitzern besetzt und dem katholisch 
gesinnten Wenzel von Polenz^ dem Amtshauptmann des 
Landvogts^ gegeben worden. Derselbe begehrte jetzt 
wiederholt (Februar und 23. März 1470) vom Landvogt 
Hilfe, um Schirgiswalde „halten^ zu können.*") 

Am 22. März 1471 starb König Georg. Ihm folgte 
in Böhmen der polnische und daher katholische Prinz 
Whdislaibs. Schlesien und die Lausitzen blieben vorerst 
noch be? Ungarn. Die Hussitenkriege hatten nun ihr 
Ende erreicht. Das Reich Böhmen ging endlich wieder 
ruhigeren Zeiten entgegen. 

Aber die Nachwehen der jahrelangen inneren Kriege 
machten sich noch allenthalben geltend. Auch die einst 
so reichen Wartenberge aus dem Hause Tetschen steckten 

1'etzt tief in Schulden. Christoph von Wartenher g auf 
)ewin „wusste nicht, wie er jetzt solle seine Gläubiger 
bezahlen^. Da bot er die Herrschaft ToUenstein-SctUtAcke- 
nau den Brüdern Ernst und Albrecht, Herzögen von 
Sachsen, zum Kauf an. Dieselben gingen vorsichtig zu 
Werke. Christoph hatte 10000 Schock Schwertgroschen 
verlangt* Der sächsische Unterhändler erhielt Befehl, 
7000 zu bieten, genaue Auskunft über die Erträge und 
die sonstigen Verhältnisse der Herrschaft sich zu verschaffen 
und eventuell eine sichere „Gewähr** über den erfolgten 
Kauf zu verlangen. Die Herzöge würden die Güter be- 
sehen lassen und sie kaufen, „wenn es ihnen dienlich 
sei".***) Man einte sich endlich auf 8300 Schock Schwert- 
groschen, welche ratenweise abgezahlt wurden, imd so 
stellte denn Christoph von Wartenberg am 3. Dezember 
1471 auf seiner Burg Dewin die Verkaufsurkunde über 
„Schloss und Herrschaft Tollenstein und das Land und 
Stadt Schluckenau" aus. Sein bisheriger Hauptmann da- 
selbst, Christoph von Bumburg, musste die Erbunterthanen 
an die neuen Herren weisen.***) So war denn jetzt auch 
die dritte der einst Berka'schen Herrschaften und somit 
auch der bisher noch böhmische Theil des einstigen Gaues 
Nisani an die Markgrafen von Meissen gelangt 

In Prag war man über diese neue Erwerbung derselben 



»") Palacky, ürk. Beitr. 620. 625. 

»") Hauptst-Arch., Witt ArcL, Böhm. S. Orte Bl. 213. 

»•) Hauptst-Arcb. Orig. 8135. 8160. 8185. 8198. 



230 Hermann Knotbe: 

im Königreich Böhmen nicht eben erfreut und grollte 
deshalb den Rufern, wie dem Verkäufer. Zdenko von 
Sternberg, jetzt königlicher Rath, hatte wohl in diesem 
Sinne an Ernst und Albrecht von Sachsen geschrieben. 
Diese antworteten, die bisherigen Kriegshändel in Böhmen 
seien sie gar nichts angegangen. Der ToUcnstein sei ihnen 
von Christoph von Wartenberg angeboten worden; sie 
hätten ihn bezahlt, in Besitz genommen und die Huldigung 
von den Unterthanen erhalten. Sie glaubten, hiermit gegen 
niemand Verstössen zu haben, würden sich auch gegen 
den König von Böhmen also verhalten, dass ihnen nichts 
zu verweisen sein solle. Wenn man aber mit dem von 
Tetschen zu sprechen habe, so werde sich dieser wohl zu 
verantworten wissen.**®) König Wladislaus aber schrieb 
(6. Februar 1472) an die sächsischen Brüder, er wolle den 
Kauf dem Christoph von Wartenberg „in keinem Argen 
vermerken**; bei einer persönlichen Zusammenkunft mit 
den Herzögen wolle man sich gütlich unterreden und 
vertragen. " ') 

Als erster sächsischer „Amtmann^ wurde Ulrich von 
Reckenberg auf den Tollenstein gesendet. Er fand die 
Burg sozusagen völlig leer. Christoph von Bumburg hatte 
beim Abzüge alle etwaigen Vorräthe mitgenommen. In 
einzelnen Dörfern (Lobendau und Hilgersdorf) weigerten 
sich die Unterthanen, gewisse Hofedienste zu thun, die sie 
doch unter Albrecht Birke gethan hatten; so musste (1472) 
der Amtmann mit Pfilndung gegen sie vorgehen.'**) In 
andern dagegen (Zeidler) erhielt er Befehl, die Gemeinde 
„eine Zeitlang frei sitzen zu lassen, damit sie desto besser 
bauen und wieder anrichten möchten", oder (Nixdorf) 
„ihnen für diesmal das Zinsgetreide zu erlassen'^'*') 

Noch aber stand die ganze Herrschaft, wovon man 
am kurfürstlich sächsischen Hofe erst durch den neuen 
Amtmann Kunde erhalten hatte, noch unter dem Inter- 
dikt, welches der Legat Rudolph von Breslau aus über 
dieselbe verhängt hatte (S. 226). Die herzoglichen Brüder 
von Sachsen wendeten sich daher zunächst schriftlich 
mit der Bitte nach Breslau, dies Interdikt jetzt unter 



'") Entwurf ohne Datum. Hauptst.-Arch., Witt Arck., Böhm. S. 
Orte ßl. 214. 

•*') Ebend. Bl. 210. 

•") Ebend. Bl. 209. 211. 

"') Hauptst.-Arch. , Witt. Arch., Regierungssachen. Loc. 4367. 
„Eyn registrature*' Bl. 30, 103. 



Die Berka von der Duba auf Hohnstein etc. 231 

den völlig veränderten Besitzverhältnissen wieder auf- 
zuheben. Der jetzt Bischof von Breslau gewordene 
Rudolph verweigerte dies und schöpfte vielmehr sammt 
seinem Schützling, Albrecht Birke, sofort neue Hoffnungen 
auf Wiedererlangung des Tollensteins. Darauf sendete 
man von Dresden einen y,Prokurator^ nach Breslau und 
zwar an den daselbst als päpstlicher Legat sich aufhalten- 
den Kardinal von St. Marcus, Patriarch von Aquileja, um 
jene selbige Bitte jetzt bei dieser höheren Instanz vor- 
zubringen. Aufs neue gedachte man in Breslau mit der 
rein kirchlichen Frage des Interdikts auch die Entscheidung 
der weltlichen Frage wegen des rechtmässigen Besitzes 
des Tollensteins vor das geistliche Forum zu ziehen. So 
meldete jetzt Albrecht Birke seine Ansprüche bei dem 
Kardinal an, da er nur um seines katholischen Glaubens 
willen von dem Ketzerkönige vertrieben worden sei und 
citierte sowohl die Witwe Jahn von Wartenbergs, als die 
Herzöge von Sachsen, die jetzigen Besitzer von Tollen- 
stein, zu rechtlicher Entscheidung vor den Kardinal. Da 
schickte man von Sachsen aus emen anderen Prokurator 
nach Breslau mit der Erklärung, einer Untersuchung der 
kirchlichen Frage wegen des Interdikts wolle man sich 
wohl unterwerfen und schlage als Kommissar zu diesem 
Zwecke den Abt von Altzelle vor, protestiere aber gegen 
den Bischof Kudolph. Die Besitzfrage dagegen sei eine 
rein weltliche und gehöre vor den obersten weltlichen 
Sichter jener Güter, nämlich den König von Böhmen.'**) 
Als. man in Breslau hierauf abermals nicht einging, be- 
absichtigte das sächsische Kabinet, sich in dieser An- 
gelegenheit direkt an den Papst Sixtus VI. zu wenden; 
wenigstens ist ein Bruchstück von dem Entwürfe einer 
solchen Appellation an denselben vorhanden.'**) Wie und 
wann endlich das Interdikt doch noch aufgehoben worden 
ist, haben wir nicht erfahren können. 

Jedenfalls aber hatten die Herzöge von Sachsen der 
Citation nach Breslau vor das' Tribunal des Kardinals 
nicht Folge geleistet. Die Hoffnungen Albrecht Birkes, 
auf diesem Wege endlich doch wieder in den Besitz des 



*'*) Entwurf eines Schreibens ohne Datum an gewisse» nicht 
genannte geistliche Herren in Schlesien, welche die Aufhebung des 
Interdikts beim Patriarchen befürworten sollten. Hauptst.- Archiv, 
Witt. Arch., Böhm. S. Orte Bl. 215, und Regierungssachen No. 2 Bl. 168. 

'") Ebend. Bl. 217. 



232 Hermann Enothe: 

Tollensteins zu gelangen, waren abermals gescheitert Da 
riethen ihm sowohl der Bischof Rudolph, als der Patriarch 
selbst, sich direkt an die sächsischen Fürsten zu wenden, 
ob er vielleicht auf gütlichem Wege wenigstens etwas 
erlangen könne. So schrieb derselbe (18. Oktober 1473) 
ein kurzes Briefchen an dieselben, worin er den Priester 
Johann Seydo als seinen Abgeordneten accreditierte, „dem 
er befohlen habe, aus etlichen Sachen mit ihnen zu reden 
von seiner Güter wegen"."*) 

Am 25. Oktober 1473 nahmen einige sächsische Räthe 
die Werbung desselben entgegen. An die weitläufige Dar- 
stellung des ganzen Verlaufs der Angelegenheit schloss 
er die Bitte, die Herzöge möchten Albrecht Birke y,gnädig 
bedenken und ihm etwas einthun [d. h. überweisen], darauf 
er sich enthalten möchte'^ Da sie ja auch „einen Amt- 
mann von Tollenstein müssten haben, so getraue er sich, 
ihnen also nütze allda zu sein, als sie sonst einen Amt- 
mann haben möchten. Er wolle sich getreulich gegen sie 
halten. Auch wisse er noch etliche Bergwerke und Salz- 
quellen, die wolle er ihnen auch offenbaren". Die säch- 
sischen Räthe antworteten hinsichtlich der RechtsfragCi sie 
hofften die Herrschaft Tollenstein mit Recht wohl zu 
behalten gegenüber den Ansprüchen Albrechts. Darauf 
fragten sie den Abgeordneten vertraulich („als von sich 
selbst"), was seine Meinung sei, damit Herr Albrecht 
zufrieden würde; „ob man ihm etwas einthun solle; etwa 
auf Lebenszeit oder wie?" Jener antwortete, „man solle 
Albrecht etwas einthun, für ihn und seine Erben, dass er 
nicht erbelos bliebe". Darauf entgegneten die Räthe, da 
die Fürsten die Herrschaft ohnehin zu theuer erkauft 
hätten und mit Schaden besässen, so versähen sie sich 
kaum, dass man etwas erblich herausgeben würde. „Damit 
ist er von dannen geschieden".**') 

Man wird dem einstigen Besitzer zweier grosser 
Herrschaften ein gewisses Mitleid nicht versagen können, 
der jetzt, wo alle Hoffnung, wieder zu seinen Gütern zu 
gelangen, sich als vergeblich erweist, in seinem Alter sich 
entschliesst, fremder Herren Brot zu essen, sich erbietet, 
Amtmann auf der Herrschaft zu sein, die einst ihm ge- 
hörte, und natürlich auch dies nicht erreicht. Mit den hier 
erwähnten Erben Albrecht Birkes dürften wohl die „Brüder 



^'*) Hauptst-Arch., Witt Arch. Begierangssachen No. 2 BL 168. 
»") Ebendaselbst. 



Die ßerka toh der Duba auf Hohnstein etc. 233 

Benesch und Christoph Berkaf^ gemeint sein, welche 1495 
den Nikolaus von Dohna auf Grafenstein wegen einer 
Forderung von 400 Schock Groschen verklagten, welche 
„ihr Vater Albrecht Berka von der Duba'* von des Niko- 
laus Vater, Wentsch von Dohna, zu beanspruchen berechtigt 
gewesen sei.'*®) Von Albrecht selbst aber haben wir seit 
1473 nichts weiter vernommen. 

Die Stellung des sächsischen Ambmanns Ulrich von 
Rechenberg war, zumal im Anfange, keine leichte gegen- 
über nicht nur, wie schon erwähnt (S. 230), den neuen 
Amtsbefohlenen, sondern auch den benachbarten böh- 
mischen Herren und den oberlausitzischen Städten. Bald 
waren Amtsbefohlenen von Schluckenau durch Leute des 
von Smierizky auf Habichtstein Pferde geraubt worden, 
welche der Amtmann jedoch durch Vermittlung des Jaroslaus 
Birke von der Duba auf Leipa zurückerhielt. Er benutzte 
die Gelegenheit, dem Leipaer Hauptmann zu versichern, 
wie er von seinen Herren keinen anderen Befehl habe, 
als „sich gegen alle Umgesessenen freundlich und in fried- 
lichem Wesen zu halten".**®) Bald waren Bürger von 
Zittau auf oflfener Strasse beraubt und der Kaub durch 
Tollensteiner Gebiet auf Tetschen getrieben, aber von den 
nacheilenden Zittauern wieder abgenommen worden, wes- 
halb sich der Amtmann Verhaltungsbefehl erbat. ' '®) Der 
oft genannte Christoph von Hermsdorf auf Rumburg, dem 
von den Herren von Wartenberg beim Verkaufe von Tollen- 
stein die Anwartschaft auf das Lehngut Schönau bei 
Schluckenau ausbedungen und von den sächsischen Räthen 
zugesichert worden war, war in Händel mit Zittau ver- 
wickelt, in dessen Weichbild er ebenfalls Güter, nämlich 
Antheil von Hirschfelde und das Dorf Rohnau, besass. Er 
schrieb an die sächsischen Herzöge, er wollte gern seine 
wüsten Güter im ToUensteinschen wieder bauen und 
bessern, möchte aber zuvor wissen, ob er dies unter dem 
Schutz seiner neuen Lehnsherren auch sicher wagen dürfe. 
Diese Zwistigkeiten, wegen deren der Rath zu Zittau 
wiederholt an den Amtmann, die Herzöge, ja sogar an 
König Mathias von Ungarn zu schreiben sich genöthigt 



»«•) Emier, Reliq. tab. terr. Boh. I, 152. 

"•) Hauptst.- Archiv, Witt Archiv Loc. 4367, Befehd. Bl. 303 
ohne Jahr. 

•••) Ebend. Bl. 308. 



234 Hermann Enothe: 

sah, dauerten bis 1480.**') Ganz besonders aber machte 
dem Amtmann die sogenannte Luttitz'scke Fehde gegen 
Zittau zu schaffen. Zu der Zeit, wq die Oberlausitz unter 
ihrem Landvogt auf Befehl König Georgs den Achtsbefehl 
gegen den aufständischen Albrecht Birke auf Tollenstein 
zu vollstrecken hatte (1463 — 64, S. 221), war auf Be- 
fehl des damaligen Hauptmanns zu Bautzen, Wenzel von 
Polenz, von Zittauer Truppen ein Hof zu Oderwitz, 
welcher Nickel von Luttitz auf Schirgiswalde, einem 
Vasallen und Anhänger Albrechts, gehörte, abgebrannt 
worden. Um 1476 begehrte nun dessen Sohn, Hans von 
Luttitz, der inzwischen das seinem Vater weggenommene 
Schirgiswalde wieder erhalten hatte, nachträglich Ent- 
schädigung für jenen Brandschaden, kündigte der Stadt 
Fehde an, raubte zu Oderwitz und (Spitz-) Kunnersdorf 
an 1400 Stück Vieh und begehrte von den Herzögen von 
Sachsen, als seinen jetzigen Lehnsherren, Unterstützung 
seiner Ansprüche. Unendliche Schreiben wurden seitdem 
bis 1481 von dem Rathe zu Zittau gewechselt mit dem 
Amtmann von Tollenstein, den Herzögen, dem ober- 
lausitzischen Landvogt, der damals leider meist in Breslau 
residierte, endlich selbst mit König Mathias, ßechtstage 
wurden anberaumt und verschoben und Waffenstillstände 
vermittelt und verlängert, ohne dass wir aus den vor- 
liegenden Schriftstücken den endlichen Austrag der Sache 
kennen lernen.^'*) 

Mochten schon alle diese Händel den Brüdern Ernst 
imd Albrecht von Sachsen den Besitz von ToUenstein- 
Schluckenau vielfach verleiden, so blieben auch die finan- 
ziellen Erträgnisse der Herrschaft weit hinter den gehegten 
Erwartungen zurück. Daher überliessen sie 1475 die ganze 
Herrschaft ilirem Amtmann Ulrich von Rechenberg auf 
sechs Jahre zu eigner Bewirthschaftung. Sich selbst be- • 
hielten sie nur die Revenuen aus der „weltlichen" Ge- 
richtsbarkeit, den Teichen, Schäfereien und Wäldern vor, . 
über welche der Amtmann ihnen Rechnung ablegen sollte. 
Alle sonstigen Gefälle an Zinsen, Getreide, Hühnern, Eiern, 
Zöllen, Geleiten, sowie das gesammte „Ackerwerk, Fischerei 
in den Flüssen und Bächen, Viehzucht und Milch werk*' 
sollte Rechenberg für sich haben und dafür nur das Schloss 
Tollenstein, sowie die herrschaftlichen Höfe und Vorwerke 



»»*) Hauptst-Arch., WittArch., Oberlaus. Sach. Bl. 101, 129 fgg. 
»»*) Hauptst.-Arch., Witt. Arch., Böhm. Sach. BL 111 fgg. 



Die Berka von der Diiba auf Hohnstein etc. 235 

im Stande erhalten, Knechte und GeBinde beköstigen und 
lohnen.'*') Es war dies also eine Verpachtuna ohne 
jeden Pachtschilling, lediglich gegen Uebernahme oer Ver- 
M'altungskosten. 

Kein Wunder, dass, als dieser Pachtvertrag 1481 zu 
Ende ging, die Eigenthümer die so schlecht rentierende 
Besitzung ganz zu veräussern suchten. Als Käufer fand 
sich der sächsische Obcrmarschall Hugold von Schleinüz 
auf Schleinitz und Kriebstein, ein sehr wohlhabender Herr. 
Den 27. Mai 1481 ***) wiesen die herzoglichen Brüder die 
ehrbare Mannschaft, die Bürger von Schluckenau , sowie 
die sämmtlichen Dorfgemeinden an den neuen Besitzer.'**) 
Hugold von Schleinitz hatte die Herrschaft nicht sowohl 
für sich selbst, als für seinen ältesten Sohn Heinrich ge- 
kauft. Daher wiesen die Herzöge (den 8. November 1482) 
diesen Heinrich von Schleinitz „und seine Brüder" „mit 
dem Schlosse Tollenstein und Schluckenau" behufs der 
Belehnung oder Einlegimg der Güter in die Landtafel an 



»") Hauptst.-Arch. Cop. 59 fol. 194b. 

»") Ebend. Cop. 611 fol. 42 b. Nach dem Kaufbriefe und der 
Eaufsumme haben wir vergeblich geforscht. 

*»*) Der von uns oft schon erwähnte Christoph von Hermsdorf 
auf Rumburg gerieth alsbald, wir wissen nicht weshalb , in Streitig- 
keiten mit dem neuen Lehnsherrn, Hugold von Schleinitz. dem er 
die Erbhuldiguug zu leisten sich weigerte. Er verklagte denselben 
bei dem Gericht vor dem rotheu Thurme zu Meissen, musste sich 
aber endlich doch entschliessen , ihm seine Lehngüter ßumburg, 
böhmisch Seifhennersdorf und Ehrenberg zu verkaufen. (Mencke, 
Script.. ir, 1460, 1599.) So gelangte die lange Zeit verlehnt gewesene 
Stadt Kumburg an die Herrschaft zurück. Christoph erscheint darauf 
sammt seinem Bruder als ^auf Blankenstein*^ gesessen, sei es, dass 
diese Wartenberg'sche Besitzung ihm ebenso, wie einst Tollenstein, 
zur blossen Verwaltung oder eigenthümlich überlassen ward. 1494 ver- 
kaufte er auch seine in der Oberlausitz gelegenen Güter Antheil 
Hirschfelde und Rohnau und zwar an den Rath zu Zittau (Carpzov, 
Anal. I, 311). Ein Schwager von iüm war (1485) Georg Eberhard 
auf Berthelsdorf am Queiss (Oberlausitzer Arbeiten IIl, 202). Seine 
Witwe verheiratete sich mit Joh. Polkner, Bürgermeister in Kamenz, 
welcher seitdem selbst auch „Ronneberg^' genannt wurde (N. Script, 
rer. lus. IV, 866). Ein Sohn von ihm, Hans von HeriQsdorf, nennt 
daher diesen Polkner „seinen Stiefvater", als er 1536 mit Ernst von 
Rechenberg auf Oppach, „seinem Ohm", und mit Onophrius von 
Kintsch auf Burkau und Jobst Grohmann, „seinen Schwägern**, vor 
dem Rathe zu Kamenz erschien und daselbst „nach dem Willen 
seines lieben Vaters Cristoff Ronnebergs gottselig" seinen Schwestern 
Frau Katherinen und Jungfrau Clara, je 100 Mark als väterliche 
Gerechtigkeit auszuzahlen versprach (Kamenzer Stadtbuch IV, 253). 




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VIII. 



Napoleon in Dresden (8. Mai 1813). 

Von 

Hermann Freiherrn Ton Friesen. 



In V. Webers Archiv für die sächsische Geschichte 
(Neue Folge Bd. IV S. 360) wird auf Grund einer Nieder- 
schrift des Konferenzministers von Globig einer Unter- 
redung gedacht; welche dieser am 9. Mai 1813 mit Napoleon 
gehabt habe. Sie fand also statt am Tage nach der An- 
kunft Napoleons und nach der in der vorhergehenden 
Nacht zwischen ihm und den vier Mitgliedern der Immediat- 
kommission gepflogenen Besprechung. Da in dieser alle 
die erforderlichen Schritte zur Wiederanknüpfung der 
bundesfreundlichen Verhältnisse zwischen dem Kaiser der 
Franzosen und dem König von Sachsen verabredet waren, 
konnte die am gedachten Orte fragmentarisch mitgetheilte 
Unterredung nur eine untergeordnete Bedeutung haben. 
Von der am 8. Mai nach 10 Uhr abends stattgehabten 
sehr lebhaften Konferenz zwischen Napoleon und der 
Immediatkommission steht mir ein Bericht zu Gebote, den 
mein verstorbener Vater, der damalige Oberkammerherr 
Freiherr von Friesen, kurz nachdem sie stattgefunden, 
in französischer Sprache niedergeschrieben hat. Ehe ich 
ihn in der Uebersetzung veröfientliche, schicke ich einige 
einleitende Worte voraus, deren Inhalt ich theils meinen, 
aus dem Gedächtnis schon vor geraumer Zeit niederge- 
schriebenen Jugenderinnerungen, theils handschriftlichen 
und gedruckten Denkwürdigkeiten damaliger Zeitgenossen 



236 Hermann Enothe: Die Berka von der Duba etc. 

den König und die Krone Böhmen."*) So ist denn diese 
einst Berka'sche Herrschaft nichts wie Hohnstein und 
Wildenstein, auf die Dauer mit Sachsen verbunden wor- 
den^ sondern ist böhmisch verblieben. 

Ueber das Walten der Herren von Schleinitz in dem 
neuerworbenen Besitzthum gedenken wir um so weniger 
uns zu verbreiten, da wir dasselbe schon früher einmal 
(Lausitzer Magazin 1862. 401 fgg.: ,jT>Si^ Schleinitzer 
Ländchen") > freilich mit unvollkommenen literarischen 
und archivalischen Hilfsmitteln, behandelt haben* 



»") Hauptst.- Arch. Cop. 62 fol. 6 b. 



VIII. 



Napoleon in Dresden (8. Mai 1813). 

Von 

Hermann Freiherm Yon Friesen. 



In V. Webers Archiv für die sächsische Geschichte 
(Neue Folge Bd. IV S. 360) wird auf Grund einer Nieder- 
schrift des Konferenzministers von Globig einer Unter- 
redung gedacht; welche dieser am 9. Mai 1813 mit Napoleon 
gehabt habe. Sie fand also statt am Tage nach der An- 
kunft Napoleons und nach der in der vorhergehenden 
Nacht zwischen ihm und den vier Mitgliedern der Immediat- 
kommission gepflogenen Besprechung. Da in dieser alle 
die erforderlichen Schritte zur Wiederanknüpfung der 
bundesfreundlichen Verhältnisse zwischen dem Kaiser der 
Franzosen und dem König von Sachsen verabredet waren, 
konnte die am gedachten Orte firagmentarisch mitgetheilte 
Unterredung nur eine untergeordnete Bedeutung haben. 
Von der am 8. Mai nach 10 Uhr abends stattgehabten 
sehr lebhaften Konferenz zwischen Napoleon und der 
Immediatkommission steht mir ein Bericht zu Gebote, den 
mein verstorbener Vater, der damalige Oberkammerherr 
Freiherr von Friesen, kurz nachdem sie stattgefunden, 
in französischer Sprache niedergeschrieben hat. Ehe ich 
ihn in der Uebersetzung veröfientliche, schicke ich einige 
einleitende Worte voraus, deren Inhalt ich theils meinen, 
aus dem Gedächtnis schon vor geraumer Zeit niederge- 
schriebenen Jugenderinnerungen, theils handschriftlichen 
und gedruckten Denkwürdigkeiten damaliger Zeitgenossen 



238 Hermaun Freiherr von Friesen: 

entnehme. Dass ich Erinnerungen aus jener Zeit, wo ich 
allerdings noch nicht ganz 12 Jahre alt war, den Werth 
von glaubhaften Berichten beilege, darf nicht verwunder- 
lich noch anmassend scheinen. Die beispiellose Aufregung 
jener ereignisvollen Jahre hatte die Aufmerksamkeit auch 
kindischer Gemüther im höchsten Grade angespannt. Da- 
her stehen auch mir, selbst bei meinem vorgerückten 
Alter, die Bilder von Ereignissen und Personen aus jener 
Zeit noch mit fast greifbarer Lebhaftigkeit vor dem Ge- 
dächtnis. Dazu kommt, dass Personen, die mir im Alter 
weit voraus waren, wenn sie meine Niederschriften gelesen 
hatten, sie in der Allgeraeinheit für korrekt und wahr- 
heitsgetreu erkannten. 

Wenn es dessen bedurft hätte, so würde die blitz- 
artige Erscheinung Napoleons zu Dresden in der Nacht 
vom 13. zum 14. Dezember 1812 das letzte Siegel der 
Glaubwürdigkeit allen bis dahin schon eingegangenen 
erschütternden Nachrichten über die Vernichtung einer 
Heeresmacht von ungefähr 400000 Mann in Russland 
aufgedrückt haben. Bei der allmählichen Rückkunft von 
einzelnen und Heeresabtheilungen in dem kläglichsten Zu- 
stande nahmen diese sich mehr und mehr häufenden Nach- 
richten immer festere Gestalt an. Die Spannung wuchs 
immer mehr. Doch während sie nach der Grösse des 
ungeheuren Schlages, unter dem Hunderttausende jammer- 
voll untergegangen waren, nach der Aussicht auf die Ver- 
legung des Kriegstheaters nach Sachsen nur bedrückend 
und tief niederschlagend hätte sein sollen, machte sich 
dennoch zugleich der Eindruck der Genugthuung darüber 
geltend, dass man den Sturz der über alles Mass ge- 
hassten napoleonisclien Macht für unzweifelhaft ansah. In 
dieser Stimmung achtete man mit theilnehmender Auf- 
merksamkeit auf die Fortschritte der Russen in Polen 
und auf deutschem Gebiet. So war es denn möglich; dass 
sich schon im Januar Gerüchte verbreiteten von Kosaken, 
die man sogar unweit von Dresden gesehen haben wollte. 
Das war nun freilich übertrieben. Als aber am 3. Februar 
mit dem Aufruf des Königs von Preussen an sein Volk 
die Verbindung dieser zumeist niedergetretenen Macht 
mit Russland zur Gewissheit geworden war, Hess die that- 
sächliche Annäherung von fliegenden Corps, insonderheit 
aus Kosaken bestehend, nicht lange mehr auf sich warten. 
Auch wurden indessen die aus Russland zurückgekehrten 
Reste unserer sächsischen Truppen mit wenigen Ausnahmen 



Napoleon in Dresden (8. Mai 1813). 239 

unter den Befehlen des General v. Thielmann in Torgau 
vereinigt. Ungeachtet einiger drohenden Eodomontaden 
des Oberst Brendel an der Spitze von Haufen^ die nur 
nach Hunderten zählten, war indessen keine Gefahr vor 
einem wirksamen Einbruch vorhanden. Dennoch fühlte 
sich der König Friedrich August am 25. Februar be- 
wogen, mit der Königin und Prinzessin Auguste, von 
zahlreichem Gefolge umgeben, Dresden in der Richtung 
des Erzgebirges zu verlassen, während sich gleichzeitig 
die Prinzen imd Prinzessinnen, mit Ausnahme der hoch- 
bejahrten Tante des Königs, Prinzess Elisabeth, nach 
Prag begaben. Ich kann nach zuverlässigen Quellen be- 
zeugen, dass dieser Schritt mit Betrübnis und Bedenk- 
lichkeit hinsichtlich seiner Bathsamkeit betrachtet wurde. 

Bei seiner Abreise setzte der König unter dem Titel 
einer Immediatkommission eine Behörde ein, aus vier 
Mitgliedern bestehend, die den Beruf hatte, in seiner 
Abwesenheit' die dringendsten Regierungsgeschäfte in höch- 
ster Instanz zu erledigen. Dass der Konferenzminister 
von Globig, einer der ältesten Staatsbeamten, an ihre 
Spitze gestellt wurde, war gewissermassen selbstverständ- 
lich, da er als Präsident dem Geheimen Consil vorstand. 
Mein verstorbener Vater, der Oberkammerherr Freiherr 
von Friesen, war vom Cabiuetsminister Graf Senfft von 
Pilsach in Vorschlag gebracht worden, um den Ständen 
eine Aufmerksamkeit zu erweisen, weil er das Erb- 
marschallamt, das bisher in der nunmehr ausgestorbenen 
Familie von Löser erblich gewesen war, seit 1811 in- 
terimistisch verwaltete. Der Geheime Rath Baron von 
ManteufFel und der Geheime Finanzrath von Zezschwitz 
genossen schon längst als die ausgezeichnetsten Mitglieder 
des Geheimen Finanzkollegiums das Vertrauen des Königs. 

Schon auf der ersten Station des königlichen Hof- 
lagers, zu Freiberg, war der Cabiuetsminister des Innern, 
Graf Hopfgarten, erkrankt. Er konnte daher dem König 
nicht nach Plauen folgen, wo vor der Hand der bleibende 
Aufenthalt auf kürze Zeit genommen wurde, und verschied 
in Freiberg nach kurzem Krankenlager. Der König über- 
trug daher dem Grafen Senfft von Pilsach, der, wiewohl 
er verhältnismässig noch jung war, durch seine klare 
Einsicht und seine Arbeitskraft schon vorlängst das Ver- 
trauen des Königs gewonnen hatte, neben dem Portefeuille 
des Auswärtigen auch das der inneren Angelegenheiten. 
Graf Senfft hat einige sehr werth volle Niederschriften, 



240 Hermann Freiherr von Friesen: 

die vor noch nicht zwanzig Jahren gedruckt sind^ über 
die kurze Zeit seiner Amtierung als Cabinetsminister (von 
Ende 1810 bis Mai 1813) hinterlassen. In ihnen ist das 
Wichtigste, was damals auf politischem Gebiete am Hof- 
lager des Königs vorfiel, berichtet. Die mit grossem Ge- 
schick und grosser Sorgfalt dem in der Nähe des Königs 
sich aufhaltenden französischen Gesandten, Grafen Serra, 
verborgen gehaltenen Verhandlungen mit dem Fürsten 
P. Esterhazy über ein Bündnis mit Oesterreich erhalten 
dort genügende Aufklärung. Sie wurden in Regensburg 
angeknüpft, wohin sich der König nach kurzem Aufent- 
halt in Plauen begeben hatte, und gaben Veranlassung zu 
der Verlegung des Hoflagers nach Prag, wo leider in 
den Maitagen, als Napoleon von Dresden aus die Rück- 
kehr des Königs in seine Residenz gebieterisch verlangte, 
die Ratifikation der Konvention noch nicht angelangt war, 
ein Umstand, der für den Entschluss des Königs zur 
Nachgiebigkeit gegen des Kaisers Forderungen ein sub- 
sidiarisches Gewicht in die Wägschale legte. Als sich 
der König noch in Regensburg befand, hatte er schon 
dem Leibgrenadierregiment und dann den Kavallerie- 
regimentern Gardekürassiere und Jung-Zastrow Befehl 
ertheilt, ihm zu folgen. Letzteres betonte später, wie wir 
sehen werden, Napoleon als eine besonders empfindliche 
Verletzung der Bundespflicht. 

Unterdessen waren die Ereignisse in Dresden rasch 
fortgeschritten. General Graf Reynier war am 8. März 
mit einigen Trümmern seines Corps, aus Sachsen, Bayern, 
Württembergern und Franzosen bestehend, eingerückt. 
Er hatte schon einige Vorbereitungen zum Sprengen der 
Brücke machen lassen^ wodurch eine Emeute der Dresdner 
Einwohnerschaft entstand, bei der ihm zwar die Fenster 
im Brührschen Palais eingeworfen wurden, sonst aber 
nichts Bedeutendes vorfiel. Kurz darauf war er in Kan- 
tonierungsquartiere nach Gorbitz imd in die umliegenden 
Dörfer gerückt, um dem Marschall Davoust mit seinen 
meistentheils jungen Truppen Platz zu machen. Am 19. 
März liess Davoust die Brücke wirklich sprengen, nach 
vieler Meinung ein Akt der Rache für den Tumult der 
Dresdner, jedenfalls eine strategisch unnöthige MassregeL 
Denn der Marschall selbst konnte nicht an eine energische 
Behauptung der Eiblinie bei Dresden und Meissen, wo 
die hölzerne Brücke ebenfalls zerstört war, denken, da 
er schon an demselben oder dem folgenden Tage am 



Napoleon in Dresden (8. Mai 1818). 241 

linken Eibufer nach Wittenberg abmarschierte. Auch 
blieb nur eine schwache Besatzung meistentheils deutscher 
Bheinbundstruppen in Dresden zurück. Auf dem rechten 
Eibufer fanden nur unerhebliche Plänkeleien zwischen 
heranschwärmenden Kosaken und einer schwachen Ab- 
theilung sächsischer leichter Infanterie statt. Wenige Tage 
darauf wurden auch diese eingestellt infolge eines Waffen- 
stillstandes, nach welchem für die Dauer von zweimal vier- 
undzwanzis" Stunden das Terrain je eine Meile ober- und 
unterhalb Dresdens für neutral erklärt und die Neustadt 
geräumt wurde. Die schwache Besatzung zog auf Kähnen 
mit klingendem Spiele, d. h. mit zwei Trommeln, ab. 
Noch ehe diese Waffenruhe zu Ende war, verliessen 
die nach Davousts Abzug zurückgebliebenen Truppen bei 
anbrechender Nacht die Stadt in aller Stille. Nun meinte 
man also den letzten Rest der französischen Herrschaft, 
gegen welche der Hass durch die Zerstörung der geliebten 
Brücke noch brennender geworden war, los zu sein. Man 
erwartete mit freudiger Ungeduld die Preussen und Russen, 
die als Befreier angesehen wurden. Auch kamen sehr 
bald einige russische Offiziere, auf Leitern an den zer- 
störten Pfeilern hinab- ujid herauf kletternd, nach der Alt- 
stadt herüber. Nicht lange darauf wimmelte die Elbe 
von Kähnen, weniger mit Soldaten als mit fröhlichen 
Leuten angefüUt, die sich heiter mit der diesseits stehen- 
den Menge begrüssten. Denn in den wenigen Tagen seit 
dem 19. März war nicht allein die Trennung Verwandter 
und Befreundeter, sondern auch der Mangel an unent- 
behrlichen Nahrungsmitteln, wie Brod, frischem Fleisch, 
Gemüse u. dergl. in Neustadt drückend geworden. In 
solcher Abhängigkeit befand sich damals noch dieser Stadt- 
theil von der Altstadt, deren Mutter er eigentlich war. 
Das alles hat nur Interesse, um die Stimmung jener 
Tage zu bezeichnen. Man nahm nun einmal den Beitritt 
unseres Königs zur Allianz gegen Napoleon nicht bloss 
für wahrscheinlich, sondern fast für gewiss an. War damals 
die Vereinigung der sächsischen Truppen unter General 
Thielmann in Torgau und der Befehl, die Festung 
weder an die Alliierten noch an die Franzosen zu über- 
geben, noch nicht bekannt, so blieb bald diese Thatsache 
niemandem mehr verborgen. Dazu erregten die von 
russischen und preussisi^hen Generälen erlassenen Prokla- 
mationen die erhitzten Gemüther noch mehr. Der da- 
maligen Stimmung war es angemessen, dass in ihnen die 

NeuM ArebiT f. & G. u. A. II. $. 16 



242 Hermann Freiherr von Friesen: 

VereiniguDg der betreiFenden Nationalitäten mit den Alliier- 
ten menr betont wurde , als der Anscliluss der Souveräne 
an die antifranzösische Sache. Ja sogar die Erinnerung 
des Fürsten Wittgenstein an die grosse Erhebung Deutscher 
und Sachsen gegen Kömer oder Franken unter Hermann 
und Wittekina umd, wenn auch getheilten, BeifalL Nur 
eines warf, meiner genauen Erinnerung nach, einigen 
Schatten auf diese leuchtenden Eindrücke. Dass General 
Blücher den Cottbuser Kreis mit angeblicher Berechtigung 
als preussische Provinz wieder vindizierte^ wollte mit der 
Aufforderung an Sachsen, mit Preussen ein inniges Bünd- 
nis zu schliessen, nicht harmonieren. Man hatte nicht 
vergessen, dass diese brandenburgische Ikiklave in der 
Miederlausitz Sachsen nicht als eine Gebietsvergrösserung, 
sondern als Tauschobject für den sächsischen Antbeil an 
der Grafschaft Mansfeld, für Querfurt und für die Herr- 
schaft Barby und Gommem, die dem neugeschaffenen 
Königreiche Westfalen einverleibt wurden, abgetreten war. 
Nach dem Einmarsch der preussischen Truppen unter 
General Blücher und der russischen unter General von 
Winzingerode, dann des Corps des Generals Miloradowitsch 
bis zu der Ankunft der verbündeten Monarchen, des 
Kaisers Alexander und des Königs von Preussen am 
23k April, fiel meiner Erinnerung nach nichts vor, was 
hier von Bedeutung sein könnte. Die zahlreichen schönen 
Truppen, die über die durch einen Holzbau wieder her- 
gestellte Brücke, sowie über eine oberhalb der Stadt aus 
Eibkähnen mit doppelter Fahrbahn bei Antons geschlagenen 
Schiffsbrücke einzogen, machten bei dem hellen Frühlings- 
wetter einen doppelt begeisternden Eindruck, Je mehr sie 
abstachen von den letzten napoleonischen Kriegshaufen, 
die vor einigen Wochen abgemattet, verstimmt und in 
dürftigem Schmuck uns verlassen hatten. Der Jubel war 
unendlich gross. Mit zuversichtlicher Stimmung wurde 
Kaiser Alexander als Befreier von Deutschland begrüsst. 
Dabei soll, was mir nicht mehr erinnerlich, die über- 
rasdiende Anwesenheit des Generals Thielmann bei einer 
Parade der Truppen an der Seite der Monarchen mit 
grosser Genugthuung bemerkt worden sein. Man wollte 
daraus auf die baldige Erfüllung der allgemein gehegten 
sehnsüchtigen Wünsche für den Beitritt unseres Königs zu 
der russisch-preussischcn Allianz mit Sicherheit schliessen. 
Als die Truppen allmählich wieder abzogen, mögen 
wenige daran geglaubt haben, dass ihnen der Sieg gegen 



Napoleon in Dresden (8. Mai 1813). 243 

die in Eile zusammengeraffte französische Armee fehlen 
könne. 

Bekanntermassen wurde die erste Schlacht bei Lützen 
oder GroBSgörschen am 2. Mai 1813 geschlagen. Die erste 
Nachricht davon traf am 4. Mai bei grauendem Morgen 
in Dresden ein. Nur mit schmerzlicnem Widerstreben 
wollte man an einen Sieg Napoleons glauben. Ich er- 
innere mich genaU; dass man sich mit aem Ausdruck be- 
half: die Alliierten haben das Schlachtfeld behauptet. In- 
dessen Hessen die ersten Spuren des Rückzugs nickt lange 
auf sich warten. Wiewohl in den Tagen vom 5. bis 
7. Mai der grösste Theil der zurückgehenden Truppen 
wahrscheinlich über die breite Schiffbrücke bei Antons 
und eine Knüppelbrücke bei Pieschen geleitet wurde — 
eine bei dem ersten Einmarsch der alliierten Truppen an 
der Stelle der heutigen Albertsbrücke errichtete Floss- 
brücke ähnlicher Art war meines Wissens wieder abge- 
brochen worden — , durchzogen doch noch viele die Stadt 
selbst Sie wurden mit einer zwischen Furcht und Hoff- 
nung schwankenden Stimmung betrachtet. Von einer 
Niederlage der Alliierten konnte allerdings nicht die Rede 
sein. Allmählich machte sich die Ueberzeugung geltend, 
dass die Schlacht nicht die Bedeutung einer endlichen 
Entscheidung gehabt habe. Ich könnte sogar von An- 
zeichen reden, nach welchen diese erst von einer zweiten 
jenseits der Elbe mit sanguinischen Hoffnungen erwartet 
wurde. Am 7. Mai war der König von Preussen noch in 
Altstadt. Er reiste erst am 8. mittags von Neustadt ab. 
Auch Kaiser Alexander übernachtete noch bis 3 Uhr früh 
im Brühl'schen Palais. Als er am späten Abend über 
den Neumarkt fuhr, soll er haben anhalten lassen und 
an die zahlreich versammelte Menge einige beruhigende 
Worte gerichtet haben. 

So verging der letzte Tag vor Napoleons Ankunft. 
Am andern Morgen verbreitete sich das bange Gerücht, 
in der Friedrichstadt zögen sich die Russen fechtend und 
verwüstend zurück. Es war aber völlig unbegründet. 
Doch um die zwölfte Stunde, als eben noch ein russischer 
Offizier; der am Rathhaus zu Pferde stieg , von zwei 
Kosaken begleitet gemächlich über den menschenleeren 
Altmarkt ritt, hörte man die ersten Trompeten französi- 
scher Reiterei am andern Ende der WUsdruffer Strasse. 
Indessen brannte man die Bockbrücke ab, welche die 
Alt- und Neustadt an der Stelle der gesprengten Bogen 

16* 



244 Hermann Freiherr von Friesen: 

kaum vier Wochen lang verbunden hatte. An der Schiff- 
brücke bei Antons hörte man bald darauf kanonieren, und 
in den Nachmittagsstunden trieben die brennenden Trüm- 
mer derselben den Strom hinunter bis an die steinerne 
Brücke, wo sie unter dichtem Qualm liegen blieben. 

Von hier ab halte ich es für das Gerathenste, den 
handschriftlichen Bericht meines Vaters einzuschalten; er 
lautet: 

„Nach 10 Uhr (8. Mai) erscholl zuerst das Gerücht; 
dass der Kaiser Napoleon und der Vicekönig von Italien 
von Wilsdruff her der Stadt schon ganz nahe wären. 
Gegen 12 Uhr kam der Major von Odeleben, von Napo- 
leon von Wilsdruff aus abgeschickt, in die Stadt mit dem 
Auftrage, die vom Stadtmagistrat abzuschickende Depu- 
tation zum Kaiser zu fuhren. Gegen 3 Uhr ritt ich mit 
dem Baron von Manteuffel dem Kaiser entgegen. Wir 
fanden ihn hinter dem Chausseehaus an der Löbtauer 
Brücke. Der Oberstallmeister Caulincourt, Herzog von 
Vicenza, den ich bat, mich beim Kaiser zu melden, meinte, 
es bedürfe dessen nicht, er werde mich schon wieder- 
erkennen. Das erfolgte auch ffanz genau. Der Kaiser 
begrüsste mich, der ich vom F^rde abgestiegen war und 
an ihn heranging, mit den Worten: „Ah, vous voilk Mr. 
de Fries, qui est ce que vous avez Ik avec vous?" — 
,C'est.le Bar. de Manteuffel, Sire, autre membre de la 
oommission de regence.^ Manteuffel erhielt nun den Auf- 
trag, in die Stadt zu reiten und Kähne und Zimmerleute 
zur Erbauung einer Flossbrücke herbeizuschaffen. „Vous, 
Mr. de Fries, vous irez avec moi." Nun musste ich auf 
dem Wege an der Pulvermühle ') vorbei über den Damm 
am Falkenschlage neben dem Kaiser herreiten. Er fragte 
im allgemeinen nach dem Könige, nach der Anzahl der 
durch Dresden durchmarschierten Russen imd Preussen, 
ob nicht im Erzgebirge Einverständnisse mit den ver- 
bündeten Truppen stattgefunden hätten u. s. w. Er schien 
mit meinen Antworten zufrieden zu sein und war über- 
haupt sanft und freundlich. Er ging immer um die Stadt 
herum, beim Lazarethe^) vorbei, nach dem Pirnaischen 
Schlage. Von da aus ritt der Kaiser, kaum von 4 oder 
5 Persnen begleitet, worunter Berthier und Caulincourt» 
nach Antons Garten, wo die obere Schiffbrücke gestanden 



*) Wahrscheinlich Papiermühle. 
*) Damals noch Moczynsky-Palais. 



Napoleon in Dresden (8. Mai iai3). 245 

hatte tind wo noch einzelne Schüsse fielen. Die ganze 
Suite musste zurückbleiben. Ungefähr nach einer halben 
Stunde ritten wir zum Pillnitzer Schlage herein und kamen 
auf der Ziegelgasse wieder mit dem Kaiser zusammen. 
Er sprach sogleich wieder von der Brücke, die er bei 
Briessnitz wolle schlagen lassen. Dahin ging es nun durch 
die Stadt« In dieser standen schon viele inzwischen, ein- 
marschiertei meist italienische Begimenter. Am Ende der 
Allee vor dem Briessnitzer Schlage ging es rechts über 
die Felder, beim Pulvermagazine vorbei nach der Elbe. 
Am andern Ufer, wenig unter Uebigau, lag die halbe 
Schiffbrücke, welche von Pieschen aus hierher getrieben 
hatte, noch brennend. Etwas weiter unten, bei den Schuster- 
häusem» marschierten ein paar Kompagnien Pontoniere auf 
mit Infanterie und einigen Kanonen zum Soutien. Am 
jenseitigen Ufer war alles ruhig, obgleich nichts leichter 
gewesen wäre, als uns aus den Ueoigauer Gärten mit 
Kanonen zu bewillkommnen. Napoleon ging am Eibufer 
ruhig auf und ab und fragte einen Gefangenen aus. In- 
dessen waren auf zwei herbeigeschafften Fischerkähnen 
Pontoniere nach der brennenden Schiffbrücke hinüber- 
gefahren, hatten sie gelöscht und waren auf ihr her unter- 
getrieben bis an den Platz, wo die neue Schiffbrücke 
hinkommen sollte. Nach einem Verweilen von wohl zwei 
Stunden ritt der Kaiser in die Stadt zurück, stieg im 
Schlosse ab und ging gleich, ohne Cour anzunehmen, nach 
den Zimmern, die er im vorigen Jahre auf dem Marsche 
nach Russland bewohnt hatte. Es war abends 8 Uhr. 
Von der Neustadt, die noch von Russen besetzt war, ward 
nach der Stadt herübergeschossen. Des Kaisers Generäle 
und Adjutanten sagten mir, dass morgen um die gewohnte 
Stunde, um 9 Uhr, Lever sein würde. So hielt ich denn 
mein Tagewerk für beendigt, ging nach Hause und Hess 
mir ein Glas Wein geben, dessen ich nach dem heissen 
Nachmittage gar sehr bedurfte. Die Ruhe dauerte nicht 
lange; denn kaum hatte ich es ausgetrunken, so kam ein 
Ordonnanzoffizier und rief mich zum Kaiser. Als ich in 
sein Zimmer trat, sagte er mir ziemlich barsch, nicht mit 
mir aUein, sondern mit der ganzen Immediat-Kommission 
wolle er sprechen. Es dauerte bis nach 10 Uhr, ehe 
deren Mitglieder zusammengerufen werden konnten. Früher 
war schon der Graf Georg von Einsiedel (ehemaliger Ge- 
sandter in Paris) beim Kaiser gewesen und hatte von ihm 
einen Auftrag an unseren König nach Prag erhalten, 



246 Hermann Freiherr von Friesen: 

musste aber noch auf die Audienz der Immediat- Kommis- 
sion warten. Als diese beisammen war und vorgelassen 
wurde; empfing sie der Kaiser mit der Frage: ^Messieurs,, 
sommes nous amis ou ennemis? je veux savoir k quoi 
j'en suis/" 

Soweit der Bericht meines Vaters ^ der sich nun auf 
die m französischer Sprache abgefasste Belation der Unter- 
redung in der Beilage bezieht. Sie lautet in der lieber- 
setzune: 

^Ich schreibe aus dem Gedächtnis. Es wird unmög- 
lich sein, was der Kaiser uns sagte in derselben Ordnung 
zu berichten^ in der es in der Unterredung aufeinander 
folgte; aber ich werde bemüht seiu; nichts wichtiges und 
wesentliches auszulassen. Es genügt, die Stimmung des 
Kaisers gegen den König und Sachsen zu kenn^i." 

^Ebenso unmöglich wird es sein^ getreu wiederzugeben, 
was vier Personen erwiderten ^ die nicht die Zeit gehabt 
hatten, um sich vorher zu verständigen imd auf eine 
Unterredung der Art vorzubereiten. Auch das ist von 
Wichtigkeit Es handelte sich für uns weder um Ver- 
handlungen^ noch um Auseinandersetzungen imd Wider- 
spruch. Den mächtigen und aufgeregten Mann zu be- 
ruhigen , unseren Souverän zu entschuldigen, ohne ihn 
bloszustellen^ Aufschub zu erlangen, das war es, worauf 
wir uns beschränken mussten, und ich darf mir schmei- 
cheln, dass uns das gelang." 

„Nachdem er uns mit der Frage empfangen hatte: 
,Mes8ieurs sommes nous amis ou ennemis? II faut parier 
clair!' sprach uns der Kaiser vom General Thielmann 
und erklärte sich sehr verletzt durch die Antworten, die 
er dem General Reynier und dem Marschall Ney auf ihr 
Verlangen, ihnen die Festung Torgau zu öffnen, gegeben 
hatte. Der Oberstallmeister, Herzog von Vicenza, las uns 
die zwei Briefe Thielmanns vor, in denen der Kaiser 
vor allem zwei Stellen hervorhob, die ihn besonders ver- 
letzten: zuerst, dass es Thielmann verboten sei, fremde 
Truppen in die Festung aufzunehmen ohne einen ausdrück- 
lichen Befehl des Königs von Sachsen, den dieser nie 
geben würde, ohne sich darüber mit dem Kaiser von 
Oesterreich verständigt zu haben, dann, dass Thielmann 
von nun an keine andere Antwort geben werde, als mit 
Kanonen.^ 

„Der Kaiser fuhr in Bezug auf Thielmann fort, er 
wisse recht gut, dass er ein eitler Mann sei, der sich 



Napoleon in Dresden (8. M«i 1813). 247 

durch die Schmeiobeleien der Russen und Preussen habe 
gewinnen lassen , die Politik der Bussen sei, wie die der 
Griechen^ hinterlistig u. s. w. Als dann der Kaiser auf 
den König von Sachsen zu sprechen kam^ sagte er: ,Ich 
erfahre seltsame Dinge, der König besteht darauf, mir 
die Kavallerie-Brigade zu verweigern, die ich ihuNdereinst 
habe abfordern lassen. Ich habe ihm durch Baron Just') 
versichern lassen, dass ich ihn am 15. Mai in seine Haupt- 
stadt zurückführen werde. Trotz dieses Versprechens, 
dessen Erfkillung ich, wie Sie sehen, anticipiert habe — 
denn wir haben heute erst den 8. — , hat mir der König 
so wenig Vertrauen bewiesen, dass er beim Verlassen 
seiner Staaten, als er von Plauen hinwegging, anstatt sich 
mir zu nähern, sich erst nach Regensburg und dann nach 
Prag begab. Er hat also an den Tag gelegt, dass er 
den Schutz von Oesterreich und nicht den memigen suchte.^ ^ 
^Der Kaiser fuhr fort, indem er sich in den härtesten 
Ausdrücken über das beabsichtigte Bündnis mit Oester- 
reich aussprach und sagte, der König von Sachsen handle 
den Verbmdlichkeiten eines Mitgliedes des Rheinbundes 
zuwider und er werde ihn für bundbrüchig (filou) und 
des Königthums entsetzt erklären. Karl V. habe die kur- 
fürstliche Würde den Vorfahren des Königs übertragen; 
er, der Kaiser, werde ihm die Krone nehmen. Er fugte 
wörtlich hinzu: ,Ich weiss wohl, der König ist Ihr Sou- 
verän, ich aber bin der Kaiser und bin zu Hause, wenn 
ich mich hier befinde/** 

JQm zu beweisen, dass der König von Sachsen auf 
den Schutz von Oesterreich nicht rechnen solle, Hess der 
Kaiser durch den Herzog von Vicenza eine Depesche aus 
Wien vorlesen, nach welcher Graf Mettemich über die 
Ankunft des Königs in den österreichischen Staaten ge- 
sagt habe, der König von Sachsen sei wie eine Bombe 
hineingefallen.** * 

* ^^Der Kaiser fuhr fort : was man in Wien flüstere (les 
bourdonnements de Vienne), sei ihm bekannt, sowie die In- 
triguen der Kaiserin; es sei schon lange her, dass er dem 
Hofe misstraue; wenn man aber dort glaube, von dem 
Schlage, den er im letzten Feldzuge erlitten habe, Vor- 
theil zu ziehen, um das, was man verloren habe, wieder 
zu nehmen, so täusche man sich. Er sei niemals so mächtig 



*) Sächsischer Gesandter in Paris seit der Erkrankung des 
Grafen G. von Einsiedel im Jähre 1812. 



248 Hermann Freiherr Yon Friesen: 

gewesen; als in diesem Augenblick. Wenn sein Schwieeer^ 
vater 300000 Mann gegen ihn marschieren lasse, so stauen 
ihm 1200000 Mann zur Verfügung." 

^Er fügte hinzu ; er würde es Oesterreich verzeihen, 
dass es sich gegen ihn erklärt habe, weil es mit Bedauern 
Provinzen gegen ihn verloren habe; er könne es dem 
König von Freussen verzeihen; wenn er ihn bekriege, weil 
er, der Kaiser, ihm die Hälfte seiner Staaten genommen 
habe; aber er werde es niemals dem König von Sachsen 
vergeben, weil er der einzige Souverän sei, dem er nichts 
genommen, sondern dem er im Gegentheil nur Gutes er- 
wiesen habe.^* 

^ndem er von den üblen Rathschlä^en sprach, die 
man dem König von Sachsen gegeben habe, gedachte er 
des Generals von Langenau und sagte, er wisse, dass er 
es vorzugsweise sei, der dazu gerathen habe, sich mit 
Oesterreich zu vereinigen. Aber er werde ihn zu finden 
wissen und ihn füsilieren lassen. '^ 

^.Nachdem der Kaiser gesagt hatte, wenn der König 
von Sachsen seine Partei verlasse, werde er sich durch 
den Verlust eines Alliierten nicht schwächer fühlen, be- 
merkte einer von uns, man müsse hoffen, das Se. Kaiser- 
liche Majestät ihn wieder gewinnen werde, worauf der 
Kaiser erwiederte: ,Ohne die Schlacht von Lützen würde 
ich ihn schwerlich wiedergewonnen haben/*' 

„Was der Kaiser im wesentlichen von uns verlangte, 
um die Regierung des Landes während der Abwesenheit 
des Königs festzustellen, war, dem General Thielmann 
Befehl zugehen zu lassen, dass er die Festung Torgau 
französischen Truppen übergeben. solle und dass ein Mit- 
glied der Immediat-Kommission nach Prag gehe, um dem 
König Vortrag von dem zu erstatten, was wir gehört 
haben, und seine endliche Entscheidung zu erlangen.^ 

^Als wir darauf erwidert hatten, der General Thiel- 
raann werde einem Befehl, zu dem wir durch unseren 
Souverän nicht ermächtigt seien, nicht Folge leisten, er- 
langten wir, es werde hinreichend sein, wenn einer von 
uns nach Torgau gehe, um dem General Thielmann die 
Missbilligung seines Benehmens Seiten der Immediat-Kom- 
mission zu erklären und um von ihm zu erlangen, dass 
er unverweilt einen Kurier nach Prag sende, um die 
Befehle des Königs einzuholen." 

„Hinsichtlich der Reise eines der Mitglieder der Im- 
mediat-Kommission nach Prag stellten wir dem Kaiser 



Napoleon in Dresden (8. Mai 181S). 249 

vor, dass sie überflüssig sei, weil der Graf Georg von Ein- 
siedel mit einem ausdrücklichen Auftrag Sr. Kaiserlichen 
Majestät an den König von Sachsen dorthin abgehe. Der 
Kaiser bestand nicht weiter auf dieser Reise und wir er- 
langten von ihm, dass er die Rückkehr des Grafen Ein- 
siedel von Prag und des Kuriers des Generals Thiel- 
mann erwarten werde, ehe er weitere Beschlüsse fasse. '^ 

„Das war, so weit mein Gedächtnis hinreichen konnte, 
das Wesentliche dieser ewig denkwürdigen Unterredung, 
von der indessen zu bemerken ist, dass sie von keiner 
Wirkung war; denn Se. Majestät der König von Sachsen 
hatte schon seinen Entschluss eefasst, während der Kaiser 
Kapoleon uns sprach, und der General von Gersdorf 
war thatsächlich schon auf dem Wege von Prag nach 
Dresden, um einen Brief des Königs an den Kaiser zu 
bringen. 

Wiewohl es schon längst die Geschichte verzeichnet 
hat, ist doch der Vollständigkeit halber hinzuzufügen, dass 
Graf Senfl*t von Pilsach nach der Entscheidung des Königs 
seine Entlassung nahm. Graf Detlev von Einsiedel, bis- 
her Kreishauptmann in Dresden, wurde vom König zum 
Cabinetsminister ernannt und übernahm nach der Rück- 
kehr des Königs das Portefeuille der inneren sowohl als 
der auswärtigen Angelegenheiten. General von Langenau 
nahm mit seinem Adjutanten, dem Rittmeister Graf Schulen- 
burg (aus dem Hause Vitzenburg), ebenfalls seinen Ab- 
schied und trat in k. k. österreichische Dienste. General 
von Thielmann verliess die Festung Torgau, nachdem 
er den Befehl zur Uebergabe derselben an die Franzosen 
erhalten hatte, ohne Abschied und begab sich zum Kaiser 
von Russland, der sein Hauptquartier in Lichtenbur^ auf- 
geschlagen hatte und ihn in seine Dienste aufnahm. Oberst- 
leutnant Aster, Ingenieur des Platzes in Torgau, der den 
General begleitet hatte, begehrte und erhielt einen ehren- 
vollen Abschied aus dem königlich sächsischen Dienst, 
trat in die königlich preussische Armee ein und starb nach 
einer glänzenden Laufbahn als General-Inspecteur der 
königlich preussischen Festungen. 

Am 12. Mai in den Mittagsstunden kehrte der König 
Friedrich August der Gerechte nach Dresden zurück, 
wohin ihn der Kaiser Napoleon unter dem Geläute der 
Glocken und dem Donner der Kanonen in pomphafter 
Weise einführte. Am Pirnaischen Schlage empfing ihn 
eine Deputation des Stadtrathes, an welche der Kaiser 



250 Hermann Freiherr yon Friesen: Napoleon in Dresden. 

folgende Worte richtete (die ich ebenfalLs den Denk- 
würdigkeiten meines Vaters entnehme): 

„Magistratspersonen, liebt euern König; seht in ihm 
Sachsens £rretter. Wenn er seinem Worte weniger treu, 
ein minder guter Alliierter gewesen wäre, wenn er sich 
zu der Meinung der Preussen und Russen hätte hinreissen 
lassen, war Sachsen verloren; ich würde es als erobertes 
Land behandelt haben. ^ 

„Meine Armee wird nur durchziehen, imd ihr werdet 
bald der Bürden entledigt sein, die ihr ertragt Ich werde 
Sachsen gegen alle seine Feinde vertheidigen und be- 
schützen." 

Die Stimmung war durchaus eine tief trauernde und 
bedrückte, wovon mir heute noch, nach einem Verlauf von 
mehr als sechzig Jahren, die wehmüthigste Erinnerung 
lebhaft im Gedächtnis ist. 



IX. 

Aus dem Schulwesen Sachsens, hesonders in 
Mittweida und Freiherg, zu Ende des 17. Jahr- 
hunderts. 

Von 

Ch. 6. Ernst am Ende. 



In den in meinem Besitze befindlichen Aufzeichnungen, 
welche der als Pastor zu Haselofi^ (Ephorie Beizig im 
Kurkreise) am 23. April 1752 verstorbene Mag. Christoph 
am Ende, der Vater meines Urgross vaters, über seinen 
Lebensgang hinterlassen, gedenkt derselbe seiner Schul- 
bildung mit besonders pietätvollem Ausdrucke. 

Da bei dem Branae der erzgebirgischen Stadt Hai- 
nicheu; des Wohnsitzes seiner Eltern, 1680 auch das 
Schulhaus vernichtet wurde, so war der achtiährige Knabe 
zu den Orosseltem nach Mittweida und in die Schule da- 
selbst gekommen. Hier unterrichteten ihn Beruh. Martini; 
Organist und KoUaborator, Wolfgang Helmert, Kantor, 
Zachar. Thorschmidt, Konrektor und der Rektor Mag. 
Sam. Bernhardi, bei welchem er auch noch einige Monate 
vor seinem Abgange Privatinformation genoss. 

Charakteristisch für die Schulzucht, wie lobreich für 
den Schüler ist die Bemerkung: „Bei der Valediktion 
(Ostern 1688) sagte der Herr Kantor, er könnte sich nicht 
erinnern, dass er mich einmal geschlagen.* In den beiden 
oberen Klassen scheint demnach der sonst so wichtige, 



252 ^^ ^' 'Ernst am Ende: 

dem Rektor bei seinem Amtsantritte solenn überreichte 
Stock ohnehin ausser Anwendung geblieben zu sein. 

Wie sehr aber der erwähnte Privatimterricht für 
strebsame Schüler damals wünschenswerth gewesen sein 
muss, geht aus dem Umstände hervor^ dass bis zum Jahre 
1749 alle vier Klassen in einer Schulstube beisammen 
waren; erst in diesem Jahre wurde für die erste Klasse 
des Rektors eine besondere Schulstube bereitet und erst 
1792 die grosse Schulstube so geändert, dass jeder der 
drei übrigen Lehrer eine besondere Stube hatte, „in wel- 
cher er seine Klasse bearbeiten konnte". *) 

„Eben in diesem Jahre (1688) bin ich noch zuletzt 
an dem Gregoriusfeste Bischof gewesen", erzählt der vor- 
liegende Lebenslauf^ und die Schilderung, welche die ur- 
kundlichen Nachrichten des Ortsnfarrers Kretzschmar*) 
von der Feier dieses Festes in Mittweida enthalten, er- 
weitern diese kurze Notiz zu allgemeinerem Interesse. Für 
das Gregoriusfest, zu Ehren des um Kirchen- und Schul- 
wesen verdienten Papstes Gregor des Grossen namentlich 
auch in sächsischen Landen durch einsammelnde Schul- 
aufzüge ceremoniell gefeiert, war zu Mittweida 1588 eine 
besondere Fahne angeschafft worden. Mittwochs nach 
Cantate begann die Prozession, die Schüler erschienen in 
mannichfacLn Verkleidungen, und die Wohnung der Eltern, 
deren Schulknabe den Bischof vorstellte (für am Ende das 
Haus des Grossvaters, des Tuchmachers Caspar Hermann, 
Stadtrichters und Rathsherrn), wurde acht Tage lang zu 
einem Schauplatze, der mit bedeutendem Aufwände und 
nicht geringer Unruhe zu Ehren des so ausgezeichneten 
Schülers verbunden war. Denn während dieser Zeit des 
Singumganges hatten diese täglich die Lehrer zu bewirthen 
und zum Schlüsse eine grosse Mahlzeit zu veranstalten, 
zu welcher auch die Geistlichen^ ßathsherren imd andere 
Vornehme einzuladen waren. Da sich später für solches 
Unternehmen immer seltener eine Familie bereit fand, so 
ward 1803 in Mittweida zum letzten Male das Gregorius- 
fest in alter Weise gefeiert, bis auch die einfachere Fort- 
setzung desselben mit dem 20. Mai 1835 infolge des neuen 
Schulgesetzes erlosch. 

Der Stand der damaligen Mittweidaer Schule muss 



') Ad. Chr. Kretzschmar, Nachrichten aus ... . Mittweyda 
(daselbst 1841) II, 1100. 
*) Ebenda 1104—8. 



Aus dem Schulwesen Sachsens zu £nde des 17. Jahrhunderts. 253 

als ein ira allgemeinen für wissenschaftliche Vorbildung 
nicht ungünstiger erkannt werden, denn sie hatte, wenn 
auch erst nach fast achtjähriger Schulzeit; den genannten 
Verfasser lebensgeschichtlicher Erinnerungen befähigt, in 
die Sekunda des Freiberger Gymnasiums aufgenommen 
zu werden. 

Von dem [philologischen Geiste jener Schule zeugen 
noch verbliebene Andenken an dieselbe. 

Zwei Blätter eines Schreibheftes sind mit Uebungen 
in deutschen und lateinischen Schriftarten gefüllt, von 
welchen jeder Satz mit verschiedenfarbig ausgeführten 
2ieilen beginnt. Gelehrter Weise ist in diesen Sätzen von 
den Spielen (auf Brett, mit Würfeln) die Bede, wie solche 
auch bei den Griechen und Bömem üblich waren. 

Tiefer noch in das Wesen der Schule führt ein Oktav- 
heftchen ein, beschrieben: „Christophorus am Ende 1687 
d. 19. April mpp.^ Es ist also aus seiner Mittweidaischen 
Frimanerzeit und enthält Formeln zum Gebrauche in ver- 
schiedenen Fällen des Schullebens« 

Voran steht die Bitte um einen freien Nachmittag: 

S. P. Clarissime nee non doctissime Domine M. Rector et 
Praeceptor omni observantiae cultu honorande. Glaritatem tuam 
obnixe rogatam volumus, ut nobis post Meridiem cessationem a studiis 
pcrmittere velis. Quia coelum serenum est, ut et Parentibus nostris 
in rebus domesticis seryire possimus. Quicquid interim a nobis 
cessatum erit, in posterum compensaturi sumus. 

Umständlicher ausgeführt gestaltete sich das Gesuch 

um einen ganzen Tag: 

S. P. Humanissime nee non doctissime Domine M. Rector et 
Praeceptor, omni observantiae cultu honorande. Yide sis quantopere 
blandiatur coelum et sol radiis, omnia suis fructibus maturitatem 
inducans exhilaret, ut vel tardissimum ad prodeambulandum incitare 
queat Quapropter hujus diei amoenitate ducti humanitatem tuam 
totius Scholasticae cohortis nomine, adeundam putavi, etiam atque 
etiam petens atque flagitans, ut hodierno die, et quidem horis suc- 
cisivis, pubücis Lectionibus supersedendi potestatem nobis facias. 
Quo Parentibus nostris in agris ac pratis occupatis adesse queamus. 
Nos yicissim quicquid temporis hujusce mocu intervallo amissum 
erit, intentiori post hac vigflantia recompensaturi sumus. 

Besondere Rücksichten waren auf die Würden der 
zum Besuch der Examen Einzuladenden erforderlich. Da- 
her die folgenden Formulare: 

J. N. J.I In £xamine Invitatio ad Pastorem. 

Admodum Reverende, Amplissime atque Praecellentissime, Do- 
mine Magister, Pastor, Scholaeque nostrae Inspector, omni obser- 
vantiae cultu honorande. Ad diem Lunae sequentis Septimanae 



254 Ch. G. Ernst am Ende: 

hora octava matutina (cum Deo) in ludo nostro literario Examen 
institaetur (ad quod nostrum Senatum jam invitaturi sumus), cui ut 
et Revetenda Tita Diffnitas Interesse ne dedignetur, nomine totius 
coetus Scholastici majorem in modom rogamus. 

Ad Diaconum. 

Admodum Reverende, Glarissime atque Doctissime Doraine 
Diaconoy (Magister) Fautor et Promotor omni observantiae cultu 
honorande. Ad diem Lunae sequentis etc. 

Ad Senatum. 

Cum vestrae Prudentiae atque Autoritatis sit, Amplissimi, Pru- 
dentissimique Vii;!, Domini ac Patroni^ omni observantiae cultu 
honorandi, non solum intelligere, quid m publicis agatur negociis, 
verum etiam providere, ut cum omnia, tum praesertim sumtus, qui in 
Scholam nostram a Vobis impenduntur, bene tam a Discentibus, quam a 
Docentibus collocentur ; Praeceptoribus nostris, qui omnia prius experti 
sunt, ne molesti esse viderentur, vobis impraesentiarum significare 
Visum est, se jussu Reverendi Domini Pastoris et Scholae nostrae In- 
spectoris Yigilantissimi jam iterum Examen instituere, coetum nostrum 
Scholasticum ad diem Lunae sequentis Septimanae lustrare volle. 
Cui lustrationi ut et Vos Interesse, et quales in Studiis nostris profectus 
fecerimus, pro summo vestro erga optimarum artium Studio amore, 
aequo animo auscultare, ne dedignemini, coetus n oster Scholasticus 
ea, qua par est, snbmissione ac reverentia majorem in modum rogat. 

Es waren aber auch Personen des Rathes zu berück« 
sichtigen, bei welchen das Verstehen von Latein nicht 
vorausgesetzt werden konnte. Diesen ward folgende For- 
mel, vielleicht auch zu mündlicher Anrede, gewidmet: 

WohlEhrenVeste, Vorachtbare, Wohlgelahrte und Wohlweise, 
besonders Grossgünstige Herren und Förderer. 

Demnach auf Anordnung und Befehl unsres hochgeehrten Herren 
Pfarrers unsere Herren Praeceptores auf nechst künftigen Montag 
abermahls ein Examen in unserer Schule anzustellen entschlossen, 
Und aber ihme nicht unwissend, dass durch eines Ehren Vesten 
Raths Praesentz und Gegenwart demselben Examini eine sonderliche 
Autorität und Ansehen gemachet werde; als haben gemeldte unsre 
Herren Praeceptores uns beyde abgefertiget, solches einen Ehren- 
Yesten und Wohlweisen Raht zu vermelden, und denselben iu ihren 
nahmen gantz freundlich zu bitten, dass die Herren auf angerechte 
Zeit solchen Examini unbeschwert beiwohnen und anhören wollen, 
wie wir in unsren Studiis proficieret, und wie die auf unsere Schulen 
aufwendete Unkosten angeleget werden. Solches dieweil es ge- 
reichet zu Gottes Ehren und zu unserer Schulen Besserung, sind 
nebenst Wüntschung Göttlicher Gnade, Glückseeliger Regierung und 
alles Guten^ um einen EhrenVesten und Wohlweisen Habt unsere 
Herren Praeceptores benebenst uns Knaben, nach Vermögen danck- 
barlich zu verschulden erbötig. 

Es folgt dann eine Gratiarum Actio ad Deum po9t 
Examen und eine bei derselben Gelegenheit zu haltende 
Ansprache Ad Viros Praeaentes^ beide in dem gleichen 
wortreichen Stile, wie das Vorhergehende, 



Ans dem Schulwesen Sachsens zu Ende des 17. Jahrhunderts. 255 

Auch zu den musikalischen Aufführungen hatten im 
Namen der Kantorei Einlfkdungen zu gesehenen. In wel- 
cher Weise ^ lernen wir aus einer Invitatio ad Pastorem 
ad Convivium Muaicum und aus einer weniger elegiuiten 
deutschen Formel, die an den Bürgermeister (oder Stadt- 
richter) gerichtet ist, kennen. 

Besonders charakteristisch aber ist schlieq^dich ein 

Gesuch, in welchem bei dem Ortspfarrer unter Ueber- 

reichung eines Gedichtes um Gewährung von Ferien für 

die Nachmittage der Hundstage gebeten wird. 

Ad Pastorem ])ro impetrandis feriis canicularibus. Admodum 
Reyerende, Amplissime atque Praecellentissime Domine M. Pastor 
Scholaeque nostrae Inspector Yigilantissime, Fautor et Promotor 
omni observantiae cultu honorande. Reverendae Tuae Dignitati offero 
hoc qualecunque carmen, pro impetrandis feriis canicularibus scrip- 
tum, quod, ut aequi bonique Reverenda Tua Dignitas consulat, 
nobisque horis pomeridianis vacationem a studiis per dies caniculares 
pro more et consuetudine haud gravatim concedat, nomine totius 
coetus Scholastici majorem in modum rogo. — 

Die ferneren Erwähnungen nun, welche das Gym- 
nasium zu Freiberg betreffen, sind wohl umsomehr von 
Interesse, als erst kürzlich Oberlehrer Dr. Paul Süss*) 
durch seine Geschichte der genannten alten sächsischen 
Gelehrtenschule (als Gymnasium gegründet 1537, unter 
dem Namen Gymnasium Albertinum seit 1875) die Auf- 
merksamkeit auf das Unterrichtswesen in derselben gelenkt 
hat; zu den meist aus städtischen und Ephoralakten £^e- 
sammelten Nachrichten gewähren die nachfolgenden Mit- 
theilungen einen ergänzenden Beitrag. 

Am 11. Juli 1688^) war Christoph am Ende in die 
Sekunda des Freiberger Grymnasiums eingetreten. Nächst 
dem Rektor Mag. Justus Gottfried Rabener hörte er hier 
die Lectiones des Tertius Christian Fritzsche, sowie des 
Konrektors Mag. Tobias Liebe und nachdem letzterer an 
Stelle des 1691 nach Meissen berufenen Rabener Rektor 
geworden war, auch die des Tertius Israel Beger. In 
Musicis unterrichtete ihn der Kantor Joachim Ernst Spahn, 
und er ward Adjunctus des Praefecti im zweiten Chore. 

Was in diesen öffentlichen Lehrstunden getrieben 



*) Paul Süss, Geschichte des Gymnasiums zu Freiberg (Gym- 
nasium Albertinum) I. und IL Theil; in den Programmen des ge- 
nannten Gymnasiums von 1876 und 1877. 

*) Der Rektor M. Job. GottL Biedermann giebt in seiner Gom- 
mentatio I, qua memorias discipulorum extraneorum in Schola Fri* 
bergensi versatorum etc., (Programm 1787} den 11. Juni 1689 an. 



256 Ch. 0. Ernät am finde: 

worden, wird nicht berichtet; wohl aber wird es zu einem 

Belege für das Ueberhandnehmen des Privatunterrichtes, 

was Superintendent Dr. Lehmann') um 1700 in einem 

Gutachten über die Freiberger Schule zu beklagen hatte, 

wenn gerade dieses Privatunterrichtes hervorhebender in 

Folgendem gedacht wird: 

«Nebenst den Lectionibus und GoUegiis publicis habe ich auch 
privata gehabt, als bei Herrn Christian Fritzsche als Gonrectore: 

1 . GoUegium Ebraicum super Atrium linguae sanctae Opitii, 2. super 
Fritzschii Schediasma de studiis scholasticis , 3. de Artificio vari- 
andi, cum subsidio iuvenili M. Weisii, Kectoris Zittavieusis, 

bei M. Lieben als Gonrectore: 

1. GoUegium Epistolicum latinum, 2. Topicum theoretico-practicum, 

3. Knrtzer Unterricht vom deutschen Briefschreiben, 4. uagoge ad 

Poesin vernaculam^ 5. GoUegium Reale, s. Index super rerum et 

materiarum a variis autoribus ex professo tractaturis chiliadem, 

bei demselben als Rector: 
GoUegium de inscriptionibus, 

bei M. Rabenem: 
1. Golle|;ium Geographicum Hildebr. ex Gluvero cum annotationi- 
bus dictatis, 2. Sinopsin Fhys. Sperling, cum commentationibus 
dictatis.*) 

Die kurze Fassung der bei obigen tJnten*ichtszweigen 
benutzbar gefundenen Liehrbücher lässt dennoch keine be- 
sonders weitgehenden mündlichen Erörterungen vermuthen. 
Genügt es doch z. B. in „Fritzschii Schediasma^ fUr den 
Ausdruck im Deutschen (Seite 24) zu sagen: ^lacet hie 
infallibilis dar. Weisii regula: Man schreibe, wie man 
in Canzleyen schreibet und wie rechtschaffene Theologi 



*) Siehe Süss, Geschichte des Gymnasiums zu Freiberg II, 67. 

*) Die angeführten Lehrbücher sind durch folgende Titel* 
angaben, wenn auch nur nach den auffindbar gewesenen Ausgaben 
derselben, näher zu bezeichnen: 

Atrium linguae sanctae, quo exhibetur 1. cousilium de studio 
linguae sanctae feliciter tractando, 2. Grammaticae Hebr. compendium 
ex Hebraismo restituto celeberr. . . . Wasmuthi, 3. Textus cum praxi 
Hebraeo-analytica .... 4. Lexici Hebraei compendium .... 6. In- 
dex .... autore Henrico Opitio. 3. editio Lips. 1681. 4*. 
78 pagg. (In der Zittauer Stadtbibliothek Th. 4"» 498.) 

Schediasma de Studiis scholasticis in usum et gratiam studiosae 
iuventutis editum a Christiane Fritzschio. Lipsiae, Jo. Gh. 
Wohlfart 1692. 16 ^ 96 pagg. (In der königl. Off. Bibliothek zu 
Dresden, Encycl. 509.) 

Christiani Weisii subsidium puerile de artificio et usu 
chriarum in eorum gratiam, qui tandem ad institutiones oratorias 
faciliori cursu tum ipsi pergere, tum aliis informatione vel consilio 
praeire volunt, publici juris factum. Zittayiae, typis Mich. Hart- 
manni 1689. 8^ 48 pagg. (In der Zittauer Stadtbibliothek.) 

Compendium geographiae Clurerianae, frequenti historia, fab|üa| 



Aus dem Schulwesen Sachsens zu Ende des 17. Jahrhunderts. 257 

und Politici in ihren Schriften gewöhnt sind^ so darf man 
weiter nichts besorgen." 

Auf Lektüre und praktische Uebungen wurde eben 
ein Hauptwerth gelegt. Bezeichnend ist in dieser Be- 
ziehung Fritzsches Eifer für vereinfachtes Erlernen der 
lateinischen Sprache durch eine deutsch geschriebene Gram- 
matik ohne viele Regeln, Während die französische oder 
italienische Sprache recht gut binnen drei Jahren erlernt 
werde, während sogar für eine später zu erwählende Fach- 
wissenschaft ein Triennium oder Biennium als ausreichend 
gelte, bringe die Jugend mit dem Latein beinahe 20 Jahre 
zu. Aus einer Dissertation, welche die eruditissima virgo 
Margaretha Adelgundis van den Enden zu Antwerpen 
öffentlich vertheidigt, wird die Anklage gegen die grosse 
Mangelhaftigkeit der lateinischen Grammatik mit der Be- 
hauptung wiederholt, dass bei rechter Methode in Jahres- 
frist mehr Gewandtheit im Ausdrucke zu erreichen sei, 
als jetzt binnen zehn Jahren. ') 

Dieses Streben nach Gewandtheit kennzeichnen aller- 
dings bereits die aus der Mittweidaer Schule mitgetheilten 
Invitationes. 

Das Ergebnis der genannten, immerhin vielseitigen 
Studien auf dem Freiberger Gymnasium bezeugen zum 
Theil die Themata, welche in freien Aufsätzen zur Be- 
arbeitung gelangten. 

„Auf diesem Qymnasio", heisst es, »habe ich vier 
Orationes gehalten unter Anführung M. Lieben'ö; eine 
publice in laudem autumni, drei solenne, nämlich: in lau- 

proverbio etc. illustratum , versibus etiam in vernacula lingua, me- 
moriae juvandi gratia, comprehensum . . . . a. M. Frider. Hilde- 
brando, G. Martisb. R. Frankofurti et Lipsiae, Gg. Heinr. From- 
mann, 1675. 16®. 349 pagg. u. Index. (In der königl. öflf. Biblio- 
thek zu Dresden, Geogr. A. 951.) Phil. Cluverus, zu Leyden 1623 
verstorbener Geograph, hatte eine beliebt gebliebene „introductio in 
uniyersam Geographiam" verfasst. 

Synopsis Physica Job. bperling's, Profess. Wittebergensis, 
edit IL Wittebergae, Job. Berger, praelo Mich. Wendt, 1645. 16®. 
274 pa^g (Ebenda H. nat. A. 1283.) 

Die Verzeichnung damaliger Lehrmittel zu Freiberg geschah 
deshalb genauer, weil diese kleinen Bücher in Bibliotheken selten 
geworden sind. So enthält z. B. W. Görges Verzeichnis der in der 
Stadtbibliothek und in der Bibliothek des Johanneums zu Lüneburg 
enthaltenen älteren Lehr- und Schulbücher, hauptsächlich aus dem 
16. und 17. Jahrhunderte (Programm des Johanneums zu Lüneburg, 
Ostern 1880) auf 28 gespaltenen Quartseiten keinen der obigen Titel. 

*) Fritzsche . widmet diesem Gegenstande die Seiten 26—44 
seines kleinen Buches. 

Neues Archiv £ S. G. u. A.^tl. 3. 17 



258 Ch. G. Ernst am Ende: Aus dem Schulwesen Sachsens. 

dem auri (den 23. September 1692), BUper embleraa IL 
an dem Castro doloris Johannis Georgii III „In Morea: 
Nemo ante meorum"®) (den 18. März 1692) und am 
17. Februar 1693 als ein Minister verbi divini orationem 
consolatoriam deutsch an das betrübte Freiberg bei einem 
dramate im priesterlichen Habit** 

Der Betneiligung an den Schulkomödien wird nur 
noch zweimal gedacht: „Auf dem Theatro im Rathhause 
bin ich in einer weltlichen Comödie ein Abgesandter ge- 
wesen und in der geistlichen Judith der Hohepriester Joja- 
kim, der die in Säcken aufziehenden Bethulier tröstete."*) 

Es kann ein günstiges Licht auf den bei allen ein- 
getretenen Mängeln doch bildungsfähig gebliebenen Zu- 
stand der Schule werfen, wenn der noch im Alter dank- 
bare Schüler in seiner Niederschrift fortfährt: 

^So habe ich meine Studia zu Freiberg bis a. 1693 
continuirt und durch göttlichen Segen solche profectus 
gemacht, dass ich unter dem Präsidio Herrn Christian 
Fritzschens, Conrectoris, eine disputationem scholasticam de 
perspicuitate scripturae sacrae respondendo gehalten, weil 
ich gar zeitig durch sonderbaren Antrieb grosse Lust zum 
Studio theologico bekommen. Dabei ist auch die thesis 
philosophica ventilirt worden: Philosophia est donum Dei, 
desgleichen die Thesis moralis: Homini civili licitum est 
uti complimentis." 

Der geistlichen Richtung entsprechend, ward Tor (^m 
Abgange zur Universität Wittenberg am 10. März 1693 
die Valediktionsrede de morte Christi verissima gehalten. 

*) Die yier grossen mit kurfürstlichen Fahnen geschmückten 
Embleme stellten zur Erinnerung an Kriegsthaten Wien, Morea, 
Heilbronn und Mainz dar (s. „Emblemata am Castro doloris zu Frey- 
berg" im Anhange zu S. B. Carpzovs Leichenpredigt auf Johann 
Georgen III., Dresden 1G91. fol.). Auf Morel hatten 1685 an dem 
Kampfe der Republik Venedig gegen die Türken drei sächsische 
Regimenter sich siegreich betheiligt. 

•) lieber die Schultheater jener Zeit siehe Süss, Geschichte des 
Gymnasiums zu Freiberg II, 65, wo berichtet wird, dass im Oktober 
1689 sogar „Judith und Holofernes" aufgeführt worden sei. 



Literatur. 



Aflam Friedlieh Oeser. Ein Beitrag zur Kunstgeschichte des 
18. Jahrhunderts. Von Dr. Alphons Dürr. Mit sieben Holz- 
schnitten. Leipzig, Alphons Dürr. 1879. 8^ X, 256 SS. 

Das Leben Oesers ist fast mehr um der Beziehungen 
willen, welche sich zahlreich mit demselben verknüpfen, 
interessant; als durch die Leistungen des Mannes selbst. 
So hoch auch die gleichzeitige Kritik den Meister hielt, 
so wenig können wir heute seinen süsslichen und unmänn- 
lichen Schildereien Geschmack abgewinnen. Nicht der 
grosse Künstler ist es, der uns an ihm interessiert; sondern 
der verständige Vorkämpfer einer neuen, besseren Zeit. 
In diesem Sinne löst auch die vorliegende Monographie 
die ihr gestellte Aufgabe. Eines ihrer grössten Verdienste 
ist, dass sie nie den Blick aufs Ganze verliert, dass sie bei 
all d^r aus jeder Zeile hervorspringenden Liebe für das 
gewählte Thema, doch nie den richtigen Massstab ein- 
biiss't, um die Bedeutung Oesers gerecht zu messen. Und 
'gerade durch dife Schilderung der Kämpfe und Unzuläng- 
lichkeiten des wackeren Künstlers tritt dieser selbst mit 
gross ter Plastik vor unser geistiges Auge. Oesers Be- 
deutung liegt darin, der „Verdränger des Rokoko in 
Sachsen" zu sein; zunächst ist dies zwar ein negatives 
Verdienst, dem entsprechende künstlerische Leistungen 
Icaum entgegen gesetzt werden können, aber doch ein 
überaus wichtiges, denn wenn Oeser gleich in Vogel, 
Matthäi, Näke und andern Künstlern der späteren Dresdener 
Akademie eine traurige Gefolgschaft nach sich zog, so 
war er es doch, der dem Geiste den Boden ebnen half, 
welchen Karstens erschloss und in Sachsen Schnorr, 
Richter, Rietschel u. s. w. bebauten. 

Die Eigenart des zu schildernden Mannes gebot den 
Aufbau des Werkes. Nicht nach verschiedenen Perioden 

17* 



260 Literatur. 

seines künstlerischen Schaffens lässt sich sein Leben theilen^ 
sondern äussere Umstände sind es, die entscheidend auf 
ihn wirken. Die Kapitel über die Jugendjahre in Press- 
burg (1717—1730), die Lehrjahre in Wien (1730—1739), 
die Zeit der Entfaltung des Könnens in Dresden (1739 — 
1756) sind zwar in erster Linie dem Maler gewidmet. 
Aber mit dem folgenden Aufsatze „Oeser und Winckel- 
mann" lernen wir eine neue Richtung seines Wesens 
kennen, das eigenartige Lehrertalent, welches doppelt in- 
teressant dadurch wird, dass es Schüler von gewaltiger 
Kapazität sind, die er anlockt und die ihn anlocken. Das 
letztgenannte Kapitel und das achte, in welchem das Ver- 
hältnis zu Goethe geschildert wird, sind wohl die be- 
deutendsten und interessantesten Theile des Buches. Na- 
mentlich beachtenswerth ist der Nachweis des lang wäh- 
renden und tiefen Einflusses auf Goethe. Erst die italienische 
Reise und das Verständnis der Renaissance befreit den 
Dichter von der absoluten Verehrung des befreundeten 
Künstlers, ja lässt ihn sogar abfällig über den „Nebulisten" 
urtheilen. 

Zwei weitere Kapitel behandeln Oesers Verhältnis zu 
der 1764 gegründeten Dresdener und zu der Leipziger Aka- 
demie. Der letzteren stand er bekanntlich bis zu seinem 
1799 erfolgten Tod als Direktor vor. Auch hier ist wenig 
von Schülern Oesers zu sagen, doch wäre ein Nachweis 
dessen, was mit dem Scheiden des Meisters von seiner Kunst 
sich als dauernd erwies, nicht unerwünscht gewesen. Um so 
mehr aber konnte der vielseitigen Anregungen Erwähnimg 
geschehen, welche er auf seine Zeitgenossen ausübte, ja es 
hätte sich dieser Stoff vielleicht weiter ausspinnen lassen 
als es der Autor, wohl in der Befürchtung, zu sehr in lokales 
Gebiet hinübjerzugreifen, that. 

So haben mich beispielsweise Studien über die Ent- 
wickelung der kunstgewerblichen Anstalten Sachsens wie- 
derholt auf Oeser gefuhrt. Mit Dank sind auch hier die 
zahlreichen Winke anzuerkennen, die Dürr namentlich im 
siebenten und neunten Kapitel seines Werkes giebt Es 
verdient Beachtung, dass gerade die Handwerker es sind, 
welche mit Vorliebe Oesers Unterricht suchen, ja dass er 
der einzige unter den Akademiedirektoren ist, der nach 
dieser Richtung hin den Wünschen des Leiters des Kunst- 
wesens in Sachsen, Chr. Ldw. von Hagedorn, entspricht. 

Das sehr bemerkenswerthe Gutachten, welches Oeser 
schon am 19. Dezember 1764 über die Ausbildung von 



Literatur. 261 

Musterzeichnern gab, hätte wohl Erwähnung verdient. 
Denn hier zeigt sich den damals in Deutschland herrschen- 
den Ansichten gegenüber schlagend Oesers praktisches 
Lehrtalent. Während Hagedorn von der Kunst an sich 
Hilfe gegen den Ungeschmack erwartet, während er meint, 
dass die Beschäftigung mit den höchsten Idealen und Auf- 
gaben mindestens dazu befähige, im Kleinen und Zweck- 
dienlichen Tüchtiges zu leisten, weist Oeser auf französische 
Verhältnisse und wünscht die Musterzeichner direkt auf 
ihr Ziel zu leiten. Hagedorn glaubte, das Handwerk 
werde der Kunst auf dem hoben Fluge, den er ihr 
wünschte, folgen; Oeser sah ein, dass das Handwerk nie 
Nutzen vom Kunstuhterricht ziehen könne, wenn derselbe 
nicht auch in für den Handwerker geeigneter Methode 
und Ausdehnung gegeben werde. Daher sprach er sich 
bereits damals für die Anstellung eines Musterzeichners 
an der Akademie aus, welche jedoch erst 1782 unter dem 
Grafen Marcolini erfolgte. F. S. Pitterlin wurde nicht, wie 
Dürr angiebt (S. 98), als „Lehrer für Porzellan-Zeichnen'' 
sondern als „Lehrer in denen bei den Manufakturwaaren 
anwendbaren Zeichnungen", d. h. für Musterzeichnen, an- 
gestellt. 

Es ist hier leider nicht Raum genug, um auf Dürrs 
in Anlage und Durchführung gleich treffliches Werk in 
verdienter Weise einzugehen. Es sei gestattet, auf G. Wust- 
manns höchst anerkennende Rezension in der Lützow'schen 
Zeitschrift für 'bildende Kunst, Band XV S. 119 fgg. 
beifällig hinzuweisen. Dem ausgezeichneten Gelehrten 
aber, dem das Werk gewidmet ist und als dessen Schüler 
sich Dürr bekennt, Prof. Anton Springer, wird das ge- 
diegen ausgestattete Buch, wie Wustmann sagt, „zur Freude 
gereichen, so gewiss wie es ihm zur Ehre gereicht". 

Dresden. C. Gurlitt. 

Geschiebte der Stadt Torgan bis zur Zeit der Reformation. Nach 
den Urkunden zusammengestellt von Dr. 0. Knabe. Torgau, 
Friedr. Jacob. 1880. 8«. 48 SS. 

Für die Geschichte der Stadtverfassung und des 
ganzen städtischen Lebens in den Gegenden , die den 
Bereich unserer Zeitschrift bilden, ist noch so viel zu 
thun übrig, dass man auch kleine Beiträge, wie den 
vorliegenden, willkommen heissen wird, besonders wenn 
der Verfasser, wie es hier der Fall ist, mit den erforder- 
lichen Vorkenntnissen ausgerüstet an seine Aufgabe heran- 



262 Literatur. 

gegangen ist. Wenn irgendwo^ so sind auf diesem Gebiete 
noch zahlreiche monographische Arbeiten nöthig, bevor 
man die Stellung, die das Städtewesen in der Entwickelang 
des Volks- und Staatslebens unserer Lande einnimmt; 
richtig zu erkennen und klar darzustellen im Stande ist; 
und wenn auch die Städte des östlichen Mitteldeutsch- 
lands nicht entfernt ein so hohes Interesse beanspruchen 
können, wie die norddeutschen Hansastädte oder die 
süddeutschen Keichsstädte ^ so sind sie gleichwohl ein 
hochwichtiger und noch lange nicht ^hinreichend gewürdig- 
ter Faktor im Ganzen unseres Culturlebens und bedürfen 
dringend einer tiefergehenden Untersuchung, als ihnen noch 
heute oft genug in den von wohlmeinenden Dilettanten 
gescliri ebenen „Chroniken" zu Theil wird. Man missverstehe 
uns übrigens nicht: wir billigen es durchaus, wenn die 
Verfasser städtegeschichtlicher Arbeiten nicht aussehliess^ 
lieh für die Gelehrten weit schreiben wollen, sondern auch mit 
einem Leserkreise unter den Bürgern ihrer Stadt rechnen; 
es kann dem heutigen Geschlechte nur nützlich sein, wenn 
es sich mehr Interesse und mehr Verständnis für geschicht- 
liche Zustände und Verhältnisse erwirbt. Dann wird ja 
wohl auch die alte Klage über die Misshandlung städtischer 
Archive aufhören. Aber auch eine populäre Darstellung 
muss vor allen Dingen richtig sein, und daher ist nur 
der im Stande sie zu liefern, der das Gebiet wissen- 
schaftlich beherrscht. £in solcher aber wird den Weg 
auch leicht finden, auf dem er die Resultate seiner Forsch- 
ungen nicht ausschliesslich den „weiteren**, sondern Äueh 
den Fachkreisen geniessbar machen kann. 

Wenn wir ims bei unserer Besprechung auf den 
Standpunkt der letzteren stellen, so möchten wir zunächst 
den Wunsch aussprechen, dass das vorliegende Schriftchen 
der Vorläufer eines Urkundenbuchs der Stardt Torgau 
sein möge. Die erforderlichen Mittel würden sich doch 
wohl, sei es durch den Torgauer Magistrat, sei es durch die 
historische Kommission der Provinz Sachsen, beschaffen 
lassen, da der Umfang eines solchen Urkundenbuchs gewiss 
nur ein geringer sein würde, wenn auch das Hauptstaats- 
archiv zu Dresden, das Ernestinische gemeinschaftliche 
Archiv zu Weimar und möglicher Weise das Magdeburger 
Staatsarchiv noch einschlagendes Material enthalten. Liegen 
die Dokumente einmal übersichtlich und vollständig vor, sö 
wird doch vielleicht manche Unklarheit noch gelöst werden 
können. Ob freilich die Entstehung eines räthsfähigen Pa- 



Literatur. 263 

triciats aus den Burgmannen (S. 13) sich des Aveitern wird 
nacliweisen lassen; bezweifeln wir; über die Stellung der 
Gemeinde zum Katli scheint sich der Verfasser selbst zu 
widersprechen, wenn er (S. 13) meint, daes den Kaufleuten 
mit ihrer Heranziehung zu den städtischen Lasten auch 
der Weg in den Rath geöffnet worden sei, dagegen (S. 17) 
eine Theilnahme der Gemeine, zu der er doch wohl die 
Kaufleute mitzählt, am Rathe in Abrede stellt. 

Die schwierigsten Fragen aber bietet der Uebergang 
der Gerichtsbarkeit an die Stadt. Wie meist, so hand- 
habte auch in Torgau der Burgvogt die obere, der 
Soultetus die niedere Gerichtsbarkeit; beide Stellungen 
wurden von den Landesherren als Lehen ausgethan: die 
Vogtei sehen wir im 14. Jahrhundert in den Händen der 
Herren von Torgau, das Schul theissenthum kam durch 
Lehnbrief von 1370 Aug. 13 an den Torgauer Bürger 
Heinrich v. Kottbus (Cop. 30 fol. 28 im Hauptstaatsarchiv 
zu Dresden). Von letzterem kaufte es der ßath der Stadt 
Torgau für 65 Schock (wohl 1375 Juni 7, Cop. 30 fol. 45), 
während er die Vogtei mit einem Drittheil der Gerichts- 
cinkünfte 1379 von Dietrich v. Torgau an sich brachte 
und 1390 von Landgraf Wilhelm damit belehnt wurde. 
Beide Gerichte waren also in den Händen des Rathes, 
wenn auch die Vogtei nicht mit den vollen Einnahmen, 
wurden auch Wohl von demselben Richter abgehalten, und 
dies mag die Verwirrung veranlasst haben, die uns in einer 
Urkunde von 1437 auffällt. Knabe bespricht diese Urkunde 
in Anm. 27 (S. 44). Uns liegt nun zwar das Original nicht 
vor, wohl aber die (offizielle) Abschrift einer undatierten 
Urkunde des Kurfürsten Friedridi H. (Cop. 35 fol. 157), in 
welcher es u. a. heisst: „als furczyten der edele er Ditterich 
vonTorgaw (nicht Markgraf Wilhelm, wie Knabe angiebt) 
burgermeister ratmannen und der ganczen gemeyne unsir 
stat Torgaw . . . das schultheissenampt und dy czweie 
Pfennige an dem gericht für anderhalb hundert und virde- 
nalbin Rinischer guldin in pfandiswise ingetan vorsaczt 
und vorschrebin hatte, habin uns die obgnanten burger- 
meister ratmann und gancze gemeyne der obgnanten 
unsir Stadt Turgaw uff sollich vorgeschriben schultheiss- 
ampt unde den dritten teil an dem gerichte daseibist zcu 
Torgaw zcu der obgnanten summen gülden nach hundert 
schog guter schildechter groschin Fri berger muncze . . . 
gegebin** u. s. w. Aus diesem Grunde reicht und leiht 
ihnen der Markgraf das Schultheissamt und ein Drittheil 



264 Literatur. 

des Gerichts. Die Urkunde ist unklar genug ; in der ersten 
Hälfte ist von zwei Drittheilen des Gerichts die Rede, während 
Dietrich v. Torgau dem Rathe doch nur ein Drittheil ver- 
kauft hat und weiterhin in der Urkunde auch dies eine 
Drittheil nur erwähnt ist, während eine andere Urkunde, 
die ebendaselbst abschriftlich steht und deren Original 
Knabe auch vorlag, die Verpfändung der zwei Drittheile 
für die in der ersten Urkunde auch erwähnten 100 Schock 
anführt. Das Verhältnis, in dem beide Abschriften zu den 
Originalen des Torgauer Rathsarchivs stehen, ist noch zu 
ermitteln; dass die eine der beiden Urkunden auf einen 
„Irrthum der Kanzlei^ zurückzuführen sei, ist entschieden 
nicht anzunehmen, da der Rath in einem Schreiben an den 
Landesherrn d. d. 1445 Juli 3 (Or. im Hauptstaatsarchiv 
No. 6902) sagt : ^Das schulteissen ammecht mit dem eynen 
Pfennige des gerichtes haben wir erblichen von uwem 
gnaden, sundern czweyne pfennige des gerichtes habin wir 
gekoufft gehabit von uwem gnaden eyne czale jare uff 
eynen widderkouff von hundert ß gr. IVa hundert unde 3'/i 
Rinischer gülden unde noch habin, das had u. g. vor 
solche summe widder von uns zcu lösen." — Vollständige 
Klarheit wird sich wohl aus dem Torgauer Material allein 
schwerlich ergeben, man wird nach analogen Verhältnissen 
in andern Städten suchen müssen. 

Noch manchen anderen Nachtrag könnten wir aus 
den Archivalien des Hauptstaatsarchivs bringen. So ergiebt 
sich aus drei Gesuchen des alten Rathes um Bestätigung 
des neugewählten von 1470, 1475 und 1476, dass damals 
„nach alter Gewohnheit" die Rathswahl am Stephanstage 
(26. Dezbr.) stattfand (nicht am 20. Dezbr. , vgl. S. 44 
Anm. 35). Recht interessant ist eine Urkunde von 1378 
März 23, in welcher den Torgauern die Erhebung eines 
Wagengeldes gestattet wird und zwar behufs Pflasterung 
der Stadt: „tarn diu ipsi fabricant vias lapideas". Andere 
Nachrichten des 14. und 15. Jahrhunderts betreffen den 
Salz- und Wagenzoll, das Stättegeld (welches 1367 
Febr. 10 an den Rath überging) , die landesherrliche 
Münze, den den Landesherrn zustehenden Bau der Brücke 
und des Schlosses, die Jahrrente, die schon 1367 die Höhe 
von 130 Schock hatte, die Freihäuser und dgl. m. Doch 
möge das Angeführte genügen und den Herrn Verfasser 
dazu veranlassen, die mit erfreulichem Erfolg begonnenen 
Untersuchungen unermüdet fortzusetzen. 

Dresden. H. Er misch. 



Literatur. 265 

Die KireheiiTisitatloneii des Bigthams Halberstadt in den Jaliren 
1564 nnd 1689« Nebst einer Einleitung, enthaltend die Geschichte 
der Einführung der Reformation im Halberstädtischen. Heraus- 
gegeben von der historischen Kommission der Provinz Sachsen. 
Nach den Quellen bearbeitet von Gustav Nebe, Superintendent 
und Oberdomprediger in Halberstadt Mit einer Karte. Halle, 
Otto Hendel. 1881. 8*. VI. u. 288 SS. 

Das vorliegende Werk bildet den zwölften Band der 
^Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und angrenzender 
Gebiete**. Wenn dieselben den Zweck verfolgen, wichtige 
Dokumente der Geschichtsforschung zugänglich zu machen^ 
wie den Sinn für heimatliche Geschichte zu wecken ^ so 
entspricht das genannte Buch demselben in hohem Grade. 
Es giebt eine reiche Fülle neuen Stoffs ; die beiden Register 
„Sachliches und Sprachliches", wie „Personen- und Orts- 
namen" füllen nicht weniger als 26 enggedruckte Seiten. 
Hat das Meiste auch nur lokales Interesse, so ist doch 
auch vieles von Bedeutung für die sächsische Geschichte. 
Referent verweist auf die kurzen , sorgfältig zusammen- 
gestellten Biographien zahlreicher Geistlichen, z.B. S. 27 f. 
und sonst. Eine Menge alter kirchlicher Sitten gelangen 
zur Besprechung, der Aberglaube des Volkes wird durch 
zahlreiche, fesselnde Beispiele illustriert. So erscheint die 
Schrift geeignet zur Lecttire nicht nur für Historiker, 
sondern auch für weitere Kreise. Dazu trägt nicht zum 
geringsten die schöne Darstellimg bei. 

Dieselbe tritt besonders in der Einleitung hervor, 
welche auf S. 1 bis 28 ein übersichtliches und frisches 
Bild der reformatorischen Bewegung im Bisthum Halber- 
stadt entwirft. Verhältnismässig lange Zeit dauerte es, ehe 
die neue Lehre hier durchdrang. Ausser den Bedenken, 
welche die Ausschreitungen der Bauern und Wieder- 
täufer hervorriefen , war der Grund der Widerstand, 
welchen ihr die hohen geistlichen Würdenträger, an der 
Spitze Erzbischof Albrecht von Magdeburg, entgegen- 
setzten. Augustinermönche waren die ersten Verbreiter 
der Lehre des Wittenberger Ordensgenossen, zunächst vom 
Johanniskloster in Halberstadt aus, in welchem ein reges 
wissenschaftliches Leben geherrscht zu haben scheint. Mit 
Gewalt wurde diese Bewegung unterdrückt. Während 
des Bauernaufstandes wurde wohl kurze Zeit evangelischer 
Gottesdienst gehalten, aber nach Niederwerfung des Auf- 
ruhrs wurden die Prediger vertrieben. FreiGch konnte 
man nicht hindern, dass im Geheimen sich immer mehr 
Luthers Ansichten zuwendeten. Diese Bestrebungen er- 



266 Literatur. 

hielten neue Nahrung, als im Jahre 1539 ringsum im 
Herzogtlium Sachsen, in Brandenburg, in Wernigerode, 
in Quedlinburg die Reformation eingeführt wurde. Nach 
langen Verhandlungen mit dem Erzbischof, bei welchen 
die Uebernahme einer Schuld von 500000 Gulden eine 
grosse Rolle spielte, zog die Reformation in Halberstadt 
ein. Vergeblich war die Opposition späterer Bischöfe; 
vergeblich halbe Massregeln Bischof Sigmunds, der, 
selbst protestantisch erzogen, evangelische Prediger zaliess 
und nur aus politischen Gründen der alten Lehre treu 
blieb. Ihm gebührt das Verdienst, dass unter ihm die 
auf dem Landtage zu Calbe beschlossene Generalkircheii- 
visitation ins Leben trat, die von 1562 bis 156 t dauerte. 
Die Instruktion für dieselbe übergeht der Verfasser als 
schon gedruckt, es wäre aber wenigstens ein Excerpt und 
eine Bemerkung über die drei verschiedenen vorhandenen 
Rezensionen erwünscht gewesen. Bei der Visitation traten 
zahlreiche Schäden zu Tage, so die stiftungswidrige, 
willkürliche Verwendung von Kirchengut, unrechtmässige 
Aenderungen im Patronat; dazu mangelhafte Bildung^ 
wie sittliche Mängel in der Geistlichkeit. 

Eine zweite Visitation wurde im Jahre 1589 vom 
April bis zum Oktober gehalten. Für dieselbe wurde 
eine neue umfängliche Instruktion ausgearbeitet, welche 
S. 17 bis 26 zum ersten Male zum Abdruck gelangt. 
Sie enthält nach einigen einleitenden Vorschriften über 
die Geschäftsordnung der Visitatoren Bestimmungen, welche 
in 7 Capiteln I. von der Vokation, Lehre und Leben der 
Kirchendiener, II. von der Lehre, III. von den Sakramen- 
ten, IV. von den Ceremonien, V. von der Disciplin, VI. von 
den Kirchengütern, VII. von der Schule handeln. Dies- 
mal war der Zustand des kirchlichen Lebens wesentlich 
günstiger; Wort und Sakrament wurden von würdigen 
Personen in evangelischer Weise verwaltet ; die alte Kirche 
fand nur in den Stiftern und Klöstern eine Zufluchtsstätte, 
und nachdem durch das persönliche Eingreifen des 
Bischofs auch in den ersteren die Reformation eingefüliH 
worden war, blieben nur die Klöster — bis zu ihrer 
Aufhebuno: in den Freiheitskriegen — der katholisehen 
Kirche treu. 

Am Schlüsse der Einleitung giebt der Verfasser auf 
S. 29 bis 33 in Tabellenförra ein Verzeichnis der visitierten 
Ortschaften. In sechs Columnen werden uns die Qerichts- 
herren, die Kirchen-, die Lehnsherren, di« Pfarrer, die 



LHeratur. 267 

Anzahl d^r Hauswirthe 1564 und 1589 und die Schulen 
Torgefiihrt. 

In der nun folgenden ausführlichen Darstellung der 
beiden Visitationen, nält der Verfasser dieselben nicht aus- 
einander^ sondern geht den einzelnen Städten und Aeratern 
nach und behandelt in jedem einzelnen Orte, ja in den 
grössern Städten bei jeder Kirche zunächst den Zustand 
bei Gelegenheit der ersten und darauf der zweiten Visi- 
tation. Es ist durch dieses Zerschlagen der Protokolle 
allerdings eine Uebersicht über die einzelnen Visitationen, 
wie eine Vergleichung derselben erschwert, umsomehr 
da kein äusseres Merkmal die beiden Berichte trennt. 
Aber diese Methode hat den Vortheil, dass der Leser 
das den einzelnen Ort Betreffende bequem übersieht. 
Referent hält diese Methode bei einem Buche, welches 
vorwiegend von lokalem Interesse ist, für durchaus berech- 
tigt. Reiches Material liegt für die Städte vor, voran für 
Halborstadt, welches 20 Seiten umfasst Die Protokolle 
sind sehr ausführlich und gewähren einen interessanten 
i/inblick in das kirchliche Leben der Zeit. Ueber die 
Vermögensverhältnisse der Kirchen, die Besoldungen der 
Geistlichen wird eingehend berichtet; die Schulen sind 
sorgfältiger als in den Visitationen anderer Gegenden 
berücksichtigt, eine ganze Reihe ausfuhrlicher Lektions- 
pläne wird mitgetheilt ; die Hospitäler und andere Institute 
für Nothleidende werden erwähnt. Die Visitatoren lassen 
denselben ihre wärmste Fürsorge zu Theil werden. Sie 
geben die eingehendsten Vorschriften und Anordnungen 
zur Hebung des kirchlichen Lebens. Auch die Kirchen- 
zucht wird fleissig geübt; sogar „die Spazirjunker unter 
der Predigt vor dem Thor" sollen mit Peitschen in die 
Kirche getrieben werden. Leider muss Referent auf 
weitere Mittheilungen, wie auf einen Rundgang durch die 
einzelnen Orte verzichten, trotzdem dass letzterer viel 
Interessantes bieten und durch die beigegebene litho- 
graphierte Karte des „Episcopatus Halberstadensis" sehr 
erleichtert werden würde. 

Das Vorwort des Verfassers schliesst mit dem Wunsche: 
„Möchten die Bauleute auch in den folgenden Blättern einen 
brauchbaren Stein erkennen." Derselbe dürfte mehr als 
reichlich in Erfüllung gehen. Dem Referenten erscheint 
das Buch als der Grundstein für die Reformations- 
geschichte des Bisthums Halberstadt. 

Dresden -Neustadt. Georg Müller. 



268 Literatur. 

Hans Fabian yon Ponlckau^ der Defensor der Oberlaiisitzer 
Glaubensfreiheit zur Zeit des dreissigjährigen Krieges. Vortrag etc. 
gehalten von Heinrich Johann Scheuffler. Barmen, H. Klein. 
1879. 8«. 42 SS. (A. u. d. T. : Evangelische Bruderliebe. Vorträge 
über die Aufgaben und Arbeiten des evangel. Vereins der Gustav- 
Adolf-Stiftung, herausgegeben von A. Natorp. Bd. IL, Heft 1.) 

Das Büchlein verdankt sein Entstehen einem Vortrage 
bei Gelegenheit eines Gustav- Adolf- Vereinsfestes. Daraus 
erklärt sich vor allem sein stark accentuierter konfessioneller 
Standpunkt. Dem Verfasser zufolge wäre nun Hans Fabian 
von ^ronikau auf Elstra, Landesältester des Bautzner 
Kreises, der alleinige geistige Urheber, Träger und Vertre- 
ter all jener Massnahmen gewesen, welche von den gesamm- 
ten Oberlausitzer Ständen in der Zeit von 1609 bis 1620 
getroffen wurden, um auch für ihr Land einen ähnlichen 
Majestätsbrief zu erlangen, wie ihn Böhmen imd Schlesien 
erhalten haben. Daher nennt er seinen „Helden" auch 
„den Defensor der Oberlausitzer Glaubensfreiheit". Dies 
steht nun freilich mit den thatsächlichen Verhältnissen 
nicht im Einklang. War er auch, schon seiner Stellimg 
nach, eine einflussreiche Persönlichkeit, so war er doch 
keineswegs der ausschliessliche Lenker und Leiter der 
Oberlausitzer Stände bei deren Landtagsbeschlüssen. Wohl 
stand er, ebenfalls seiner Stellung zufolge, an der Spitze 
fast all der zahlreichen, nach Prag damals abgefertigten 
Gesandtschaften; aber diese Gesandtschaften waren streng 
gebunden an die von den Ständen ihnen mitgegebenen 
(noch vorhandenen) Instruktionen, und als einmal, eben 
bei der „Verwerfung" König Ferdinands H. als Königs 
von Böhmen, von welcher die Stände durchaus nichts 
wissen wollten, die Abgeordneten, durch die Umstände 
gedrängt, ihre Instruktionen überschritten hatten, sahen 
sich dieselben bei ihrer Rechenschaftsablegung vor dem 
Bautzner Landtage sehr unliebsamen Urtheilen ausgesetzt. 
— Aktenmässig sind jene Bemühungen der Oberlausitzer 
Stände um Erlangung eines Majestätsbriefs, desgleichen 
die Absendungen der einzelnen Gesandtschaften nach Prag, 
endlich der Beitritt der Oberlausitz zu der böhmischen 
„Conföderation" von 1619 und die verhängnisvollen Folgen 
hiervon dargestellt in unsern beiden Abhandlungen : „Der 
Antheil der Öberlausitz an den Anfängen des dreissigjährigen 
Krieges 1618 bis 1623" und „Die Bemühungen der Ober- 
lausitz um einen Majestätsbrief 1609 — 1611" (Lausitzer 
Magazin Band LVI S. l fgg. und S. 96 fgg.), auf welche 
wir, behufs Richtigstellung von mancherlei Angaben in 



Literatur. 269 

vorliegendem Schriftchen, verweisen. Bei eingehenderer 
Untersuchung dürfte sich auch das landläufige, von dem 
Verfasser getheilte Verdammungsurtheil über die damalige 
Politik Kursachsens als ein voreiliges erweisen, und aber- 
mals sich herausstellen, dass ein leitender Staatsmann (da- 
mals Präsident Caspar von Schönberg in Dresden) in 
Momenten wichtiger politischer Entscheidungen wahrlich 
noch anderes zu erwägen hat, als wie er es den Geist- 
lichen der Mit- und Nachwelt recht machen könne. 
Dresden. Knothe. 



üebersioht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur Sächsisch -Thüringischen Geschichte und 

Alterthumskunde. 



Alberti, J. Urkunden-Sammlung zur Geschichte der Herr- 
schaft Gera im Mittelalter. Mit Erläuterungen. Erstes 
Heft. Gera, Griesbach. 1881. 8^ 64 SS. 

JBechj F» Verzeichniss der alten Handschriften und Drucke 
in der Domherrenbibliothek zu Zeitz, aufgestellt und 
mit einem Vorworte zur Geschichte der Bibliothek 
versehen. Berlin, Weidmann. 1881. 4^. XI, 58 SS. 

JEckardt, Ernst Chronik von Glauchau u. s. w. (vgl. 
Bd. I. S. 287, 348.) Lief. 6—14. Glauchau, Peschke. 

1880. 1881. 8^ S. 161—448. 

Fleischmann, Ad, Zur Geschichte des Herzogthums 
Sachsen-Coburg-Saalfeld, enthaltend die Geschichte der 
gefürsteten Grafschaft Henneberg, der Herrschaft Saal- 
feld, der landständischen Verfassung in Coburg bis 
Ende des 18. Jahrhunderts. Nach seinen Vorträgen 
bearbeitet. Zweites Heft. Hildburghausen, Kesselring. 

1881. 8^ 120 SS. 

(Gelbe*) Stollberg im Besitze adliger Herren: Zweites 
Flugblatt des städtischen Vereins zu Stollberg zur Er- 
gründung und Erhaltung der Geschichte Stollbergs und 
Umgegend. Jahr 1880. 

Gerlachi H. Das alte Freiberg in Bildern. Erste Liefe- 
rung (Aufnahmen vom Jahre 1880), 32 Photographien in 
Carton mit erläuterndem Text auf der Rückseite. 



270 Lheratnr. 

Haarer, Peter. Beschreibung des Bauernkrieges 1525. Nebst 
einem Anhang: Zeitgenössisches über die Schlacht bei 
Frankenhausen. Halle, Niemeyer. 1881. 8®. 111 und 
17 SS. (A. u. d. Titel: Materialien zur neuereu Geschichte, 
herausgegeben von G. Droysen. Nr. 3.) 

Haberkorn, D. F. L. Die Verfassungsurkunde des König- 
reichs Sachsen vom 4. September 1831 sonst und jetzt, 
nebst Nachrichten über Zeit und Dauer der Land- 
tage und ihre Directorien. Dresden, Druck von Mein- 
hold & Söhne. 1881. 8^ 106 SS. 

V. Heinemann, Otto. Codex diplomaticus Anhaltinus. Auf 
Befehl Seiner Hoheit des Herzogs Leopold Friedrich 
von Anhalt herausgegeben. Fünfter Theil: 1380—1400. 
Mit zwei Stammtafeln. Dessau, Barth (Comm.) 4®. 414SS. 

Katterfeld, A. Beiträge zur Geschichtschreibung des 
Schmalkaldischen Krieges : Forschungen zur Deutschen 
Geschichte. Bd. XXL S. 355—380. 

Kell, Richard. Sebalt Schwertzer als kursächsicher Faktor 
und kaiserlicher Berghauptmann. Inaugural-Dissertation 
zur Erlangung der Doktorwürde in der philosophischen 
Fakultät der Universität Leipzig. Leipzig, Druck von 
Julius Klinkhardt. 1881. 8^ 80 SS. 

Köhler, J. Aug. Ernst. Die Thiere des Erzgebirges nach 
den Mittheilungen der Chronisten: Zweite Beilage zu 
No. 150—152 des Chemnitzer Tageblattes. 1881. 

V. Miilverstedt, G. A. Regesta archiepiscopatus Magde- 
burgensis. Sammlung von Auszügen aus Urkunden und 
Annalisten zur Geschichte des Erzstifts und HerzogthüiÄS 
Magdeburg. Nach einem höhern Orts vorgeschriebenen 
Plane in Gemeinschaft mit Ed. Jacobs ^ K. Janicke, 
F. Geisheim und C. Sattler bearbeitet und auf Kosten 
der Provinzial- Vertretung der Provinz Sachsen heraus- 
gegeben. Zweiter Theil. Von 1192— 1269. Magdeburg, 
E. Baensch jun. 1881. 8^ VII, 784 SS. 

Muther, Bich, Anton Graflf. Inauguraldissertation zur 
Erlangung der philosophischen Doctorwürde an der 
Universität Leipzig. Leipzig, Druck von W. Drugulin. 
1881. 8*^. 128 SS. 

Beyer, E. Zinn. Eine geologisch-montanistisch-historische 
Monographie. Berlin, G. Reimer. 1881. 8^ 248 SS. 
(Enthält viele Angaben über den Zinnbergbau in Sachsen.) 

Rüge, 8. Geschichte der sächsischen Kartographie im 
16. Jahrhundert: Kettlers Zeitschrift für wissenschaft- 
liche Geographie. Bd. L S. 89—94 



Literatur. 271 

SeheltZj Th. Geeammt-Geschichte der Ober- und Nieder- 
Lausitz nach alten Chroniken und Urkunden. Zweiter 
Band (182 SS.): Neues Lausitz. Magazin. Bd. LVII. 
Heft 1. 

Schultz, Alwin. Hans Walter, Bildhauer zu Dresden: 
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. 1881. No. 6. 
Sp. 171 fg. 

Schwerdfeger. König Johann, eine Lebensskizze für unsere 
Zeit. Vortrag, gehalten bei Anwesenheit Sr. Majestät 
des Königs Albert und Ihrer Königlichen Hoheiten des 
Prinzen Georg, der Frau Prinzessin Georg und der 
Prinzessin Mathilde im Deutschen Invaliden -Verein 
^König Albert** zu Dresden den 16. März 1881. Dres- 
den, Druck von C. Heinricli. 8^ 20 SS. 

Steche. Der Altarschrein zu Flöha: Anzeiger für Kunde 
der deutschen Vorzeit. 1881. No. 6. Sp. 172. 

Vogler, Max. Zur Geschichte des Schlosses Rochsburg: 
Zweite Beilage zu No. 158 des Chemnitzer Tageblattes. 
1881. 

Vollbaum, J. Die Specialgemeinden der Stadt Erfurt. 
Im Auftrage des Magistrats bearbeitet. Erfurt, Stenger. 
1881. 8^ 129 SS. 

Wa/mer. Wo hat der öffentliche und formelle üebertritt 
Friedrich August II., Kurfürsten von Sachsen und er- 
wählten Königs von Polen, zum Katholizimus statt- 
gefunden? Zeitschrift des Vereins für Geschichte und 
Alterthum Schlesiens.. Bd. XV. S. 511—513. 

Warnatz, Mathias. Die Wartburg und Eisenach in Sage 
und Geschichte. Mit einer Ansicht der Wartburg (in 
Lichtdruck). Wien, Braumüller. 1881. 8^ VII, 143 SS. 

Wernicke, Ewald. Gutachten der Werkmeister Benedix 
ßied von Prag, Hans von Torgau und Hans Schicken- 
dantz über den Annaberger Kirchen bau 1519 : Anzeiger 
für Kunde der deutschen Vorzeit. 1881. No. 7. Sp. 
197—199. 

V. Witzleben, C. D. Die Entstehung der constitutionellen 
Verfassung des Königreichs Sachsen. Zur Feier des 
fünfzigjährigen Bestehens der Verfassungsurkuhde vom 
4. September 1831. Im Auftrage der Königlichen 
Staatsregierung verfasst. Leipzig, Druck von B. G. 
Teubner. 1881. 8^ IX, 447 SS. 

Chronik des Sächsischen Königshauses und seiner Re- 
sidenzstadt vom achtzehnten Juni eintausend acht 
hundert und drei und fünfzig bis zum achtzehnten 



272 Literatur. 

Juni eintausend acht hundert und acht und siebzig. 
Ihren Königlichen Majestäten Albert und Carola von 
Sachsen zum silbernen Ehejubiläum in Ehrfurcht ge- 
widmet von der Königlichen Haupt- und Residenz- 
stadt Dresden. Anno Domini MDCCCLXXVIII. 
[Dresden, Wilhelm Baensch. Comm.] gr. fol. V, 
380 SS. 



Mitiheüvmgen des Vereins für die GeechicJUe und AUerthums- 

kunde van Erfurt Zehntes Heft. Erfurt, Villaret. (Comm.) 

1881. 8'. 

Inhalt: Böckner, Das Peterskloster zu Erfurt. Wemebnrg, 
Beitr&ge zur thüringischen und insbesondere zur Erfurtischen 
Geschichte, v. Tettau, Gleichen'sche Kegesten. 

Mütheilungen vom Freiherger ÄÜerthumsverein. Heraus- 
gegeben von Heinrich Gerlach. 17. Heft. 1880. Mit 
3 Tafeln Abbildungen. Freiberg L S., Gerlach. 1881. 8«. 

Inhalt: Freiherr ö Byrn, Die Herzöge von Holstein-Wiesen- 
burg in Sachsen. Wernicke, Zur Geschichte der Malerinnnng in 
Freiberg. Gautsch, Das Freiberger Jungfrauenkloster und seine Auf- 
hebung. Gerlach, Ueberreste von dem Jungfrauenkloster zu Freiberg. 
Gerlach, Die Kleinodien und Geschichtliches der alten Freiberger 
Schützengilde. 



X. 

Zur Bevölkenmgs- und Yermögensstatistik 
Dresdens im 15. Jahrhundert. 

Von __ 

Otto Richter. / >"" — -- V, v 

■(BODL.'Lie,-^)'' 

Die Feststellung der Bevölkerungszahl unserer mittel- 
alterlichen Städte ist auf verschiedenen Wegen, meist aber 
mit zweifelhaftem Erfolge, versucht worden. Die an- 
gewandten Berechnungsmethoden, welche entweder von 
der Stärke der waffenfähigen Mannschaft oder von der 
Zahl der neuaufgenommenen Bürger ausgingen, haben in 
ihren Resultaten zu so wesentlichen Abweichungen geführt 
und es sind dagegen so begründete Einwände erhoben 
worden *), dass man auf ihre Anwendung fernerhin wird 
verzichten müssen. Soviel scheint unzweifelhaft, dass die 
bevölkerungsstatistischen Untersuchungen für jede Stadt 
einzeln angestellt werden müssen und vollen Erfolg nur 



Vgl. namentlich E. Eoppmann, Die Berechnung der Ein- 
wohnerzahl aus den Listen der Neubürger, in den Mittheilungen des 
Vereins für Hamb. Geschichte III (1881), 122^125. K. Bücher, Zur 
mittelalterlichen Bevölkerungsstatistik, mit besonderer Rücksicht auf 
Frankfurt a. M., 1. Theil, in der Zeitschrift für die gesammte 
Staatswissenschaft XXXVII (1881), 535—580. Letzterer Aufsatz 
bietet vortreffliche Erörterungen über alle bei der mittelalterlichen 
Bevölkerungsstatistik zur Anwendung zu bringenden Grundsätze, 
namentlich im Anschluss an die Resultate der Nürnberger Volks- 
zählung von 1449. 

Neuei Archiv L 8. Q. u. A. II. 4. 18 



2t4 Otto Richter: 

« 
da versprechen, wo ein gütiges Geschick die städtischen 
Steuerregister vor dem Untergange bewahrt bat. Was mit 
diesem Materiale geleistet werden kann, ist von Schönberg 
in mustergiltiger Weise für die Stadt Basel gezeigt worden.*) 
Für die Stadt Dresden ist zu derartigen Unter- 
suchungen ebenfalls ein ziemlich reichhaltiges Material im 
Rathsarchive vorhanden. Dieselben dürfen allerdings mit 
Rücksicht darauf, dass Dresden im Mittelalter ein un- 
bedeutendes Landstädtchen war, in der Hauptsache nur 
einen lokalgeschichtlichen Werth beanspruchen; einige der 
folgenden Mittheilungen jedoch, namentlich soweit sie sich 
auf eine zu Steuerzwecken angefertigte Kopfzählungsliste 
aus dem Jahre 1454 und mehrere Vermögensabschätzungs- 
register von 1488 und 1502 gründen, werden vielleicht 
auch für weitere Kreise nicht ohne Interesse sein. 



^ Die hauptsächlichste Einnahmequelle der Stadt Dres- 
den bildete im 14. und 15. Jahrhundert das Geschoss, eine 
von allen Bürgern zu entrichtende Steuer vom Grimd- 
besitz und vom beweglichen Vermögen.') Sie wurde all- 
jährlich in zwei Terminen, zu Walpurgis und zu Michaelis, 
erhoben. Die Geschossregister, die für jeden Termin neu 
aufgestellt wurden, sind, mit dem Jahre 1396 beginnend, 
in grosser Zahl erhalten. Sie bilden ein nach den Strassen 
geordnetes Verzeichnis der Namen der Hausbesitzer und 



*) G. Schönberg, Finanzverhältnisse der Stadt Basel im XIV. 
und XV. Jahrhundert. Tübingen 1879. 

') In einer Zusammenstellung der Seitenbeträge eines Geschoss- 
registers (circa 1450) wird unterschieden Geschoss de domibus und 
de rebus mobilibus et aliis bonis. Zu Walpurgis 1453, als eine voU- 
ständige Neueinschätzung vorgenommen wurde, heisst es in der 
Ueberschrift des Geschossregisters: do hat iczlichir alle syne guter 
bie dem eyde verschoßt, als das ym statbuche iczlichs sunder- 
lichin verczeichint ist. In der Eämmereirechnung vom Jahre 1500 
findet sich die Notiz: Ghristoff Platener hat angenomen sein burger- 
recht ufifs jar mit XVI gr. zu vorschössen. (Dies dürfte so zu 
verstehen sein, dass bei der Bürgeraufnahme das Vermögen des Auf- 
zunehmenden eingeschätzt wurde und dass darauf die angegebene 
Summe als Geschoss entfiel ; wahrscheinlich war sogar die Erlangung 
des Bürgerrechts vom Nachweis eines bestimmten Vermögens ab- 
hängig.) Wenn also jeder Bürger Geschoss zahlte und alle Grund- 
besitzer Bürger sein mussten, so ist natürhch das Geschossregister 
zugleich als die Bürgerliste zu betrachten. Ueber die Steuer der 
Nichtbürger vgl. Anmerkung 10. 



Znr BeTölkerungB- und Vermögen ästatistik Dresdens etc. 





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276 

II 



II 






276 Otto Richten 

der bei ihnen wohnenden nichtansässigen Bürger, in wel- 
ches die einzelnen Steuerbeträge bei ihrer Bezahlung ein- 
getragen wurden; seit 1424 sind die Hausgenossen von 
den Hausbesitzern durch das dem Namen vorangestellte 
Zeichen li und statt dessen seit 1444 durch Hinzufligung 
des Wortes ibidem unterschieden^ so dass sich seitdem auf 
Grund der Geschossregister auch die Zahl der Häuser 
ermitteln lässt. 

Wir geben zunächst eine tabellarische Uebersicht 
(Tabelle I, Seite 275) über die Zahl der Geschosspflich- 
tigen und die Zahl der Häuser in Dresden') zu zwölf 
verschiedenen Zeitpunkten zwischen dem Ende des 14. und 
dem Anfange des 16. Jahrhunderts. Es ist nicht möglich; 
die Abschnitte ganz gleichmässig zu wählen, weil für 
einzelne Jahre die Register fehlen. Eine im Jahre 1453 
vorgenommene Neueinschätzung, durch welche sich die 
Zahl der Geschosspflichtigen um 50 erhöhte, ist besonders 
zu beachten. 

Aus dieser Tabelle geht deutlich hervor, dass die 
Stärke der leistungsfähigen Bevölkerung Dresdens sich 



gasse [?1), TheU der Kuttelgasse (jetzt Frauenstrasse [?]): zum 
6. Viertel: anderer Theil der Kuttelgasse, das Loch (jetzt Bader- 
casse), Schreibergasse. Wenn in dieser Aufz&hlung mehrere Strassen 
fehlen, so kommt dies daher, dass in den Geschossregistern die 
zwischen zwei Querstrassen gelegenen Häuser der sie schneidenden 
Längsstrassen mit zu den ersteren gezählt sind. Somit werden in 
Tabelle I unter Seegasse nur die vom Markte bis zum Seethore und 
▼on da zurück bis zur Kundigengasse gelegenen Hänser zu ver- 
stehen, die übrigen Häuser der Seegasse aber mit zur Kundigengasse 
oder zur Zahns^asse gerechnet sein u. s. w. In Folge dieses Ver- 
fahrens bleiben m den Geschossregistem unerwähnt: der Markt und 
die Eibgasse (jetzt Schlossstrasse), aufißllliger Weise aber auch die 
Kreuz gasse, sowie mehrere zwischen dieser und dem Loche gelegene 
Gässchen (wahrscheinlich Weissegasse und Nassegasse), deren Häuser 
in der Tabelle, wie in den Geschossregistern dem Loche zugezüilt 
sind. Auch zwischen der Eibgasse und der Judengasse müssen 
mehrere Gässchen, wenn auch vielleicht ohne Häuserfronten, existiert 
haben, üeberhaupt bedarf die Topographie des mittelalterlichen 
Dresdens noch genauer Untersuchung und Feststellung, bis zu 
welcher man sich mit nicht ganz unbegründeten Vermuthungen, wie 
den obigen, begnügen möge. 

*; Unter Dresden ist hier immer die befestigte Stadt auf dem 
linken Eibufer zu verstehen. Das auf dem rechten Ufer gelegene 
kleinere Aldendresden, welches im Jahre 1403 Stadtrecht erhalten 
hatte, wurde erst 1549 mit Dresden zu einem einzigen Gemeinwesen 
verschmolzen. Zar Unterscheidung von diesem Altdresden wurde 
Dresden bisweilen, jedoch nicht vor der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts, auch Neudiesden genannt 



Zur Bevölkerungs- und VermOgeoBstatistik Dresdens etc. 277 

während des 15. Jahrhunderts weder erheblich vermehrt 
noch vermindert hat. Wenn die Zahl der Häuser in den 
Jahren 1431 bis 1489 von 420 auf 472 •) und die Zahl 
der Geschosspflichtigen in der Zeit von 1396 bis 1489 
nach mehrfachen Schwankungen von 657 auf 734 an- 
gewachsen, so ist dies ein in Anbetracht des langen Zeit- 
raumes recht unbedeutender Fortschritt. Es wäre wohl 
von da an, zumal Dresden seit 1485 ständige Residenz 
der Albertiner war, ein lebhafterer Aufschwung zu er- 
warten gewesen, wenn nicht eine grosse Feuersbrunst am 
15. Juni 1491 mehr als die Hälfte der Stadt und am fol- 
genden Tage auch noch einen Theil der Vorstadt in Asche 
gelegt und damit ihre Fortentwickelung für lange Zeit 
gehemmt hätte. ^) Noch zehn Jahre später stand die Ziffer 
der Steuerzahler weit hinter der von 1489 zurück, obwohl 
die Häuser fast sämmtlicli wieder aufgebaut waren. 

Die grösseren Schwankungen, welche sich namentlich 
in der -ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts in der Zahl der 
Geschosspflichtigen zeigen, dürften zum Theil auf ver- 
heerende Epidemien (z. B. 1439), zum Theil auf kriege- 
rische Ereignisse zurückzuführen sein. So wird sich die 
zwischen 1421 und 1431 eingetretene Vermehrung der 
Geschosspflichtigen von 455 auf 694 und der bald wieder 
erfolgte Rückgang hauptsächlich daraus erklären, dass im 
Jahre 1429 bei dem Heranrücken der Hussiten die Be- 
wohner der offenen Stadt Altdresden und der Vorstädte 
in der Festung Schutz gesucht hatten, um später wieder 
zu ihren früheren Wohnstätten zurückzukehren. Die zeit- 
weilige Verminderung der Häuserzahl in einzelnen Strassen 
ist ohne Zweifel in der Regel durch kleinere Brände ver- 
anlasst, was daraus hervorgeht, dass statt der Häuser 
vielfach blosse „Hofstätten^ im Geschossregister erscheinen. 



') In einem Berichte des Rathes an die Landesherren über die 
städtische Kriegsstärke, die Zahl der Angesessenen und den Besitz- 
stand der Stadt vom 2. Oktober 1474 (sedruckl im Cod. dipl. Sax. IL 5, 
266 — 267) heisst es: Item IIIICXXYI besessiner lute sint in der stat 
Dresden; dorunder sint raste vil cleyner huserchin, die man zcii 
dreyn virn funff und sechs schocken konfiPt, die denue arme late und 
wittwen besitczen, die der fürstlichen gewalt und der stat cleyn dinst 
und Yolge gethun können. Obir dise summa sint usgeslossen XXYI 
frey hoffe, die der herschafft noch der stat keyn dinst noch gerechtiket 

gflegen. Des sint X edellute hoffe und XIII prister und monche 
offe und III zele urd regelhuser, dorynne die paginen wonen. 

^) A. Weck, Der Churf. Sachs. Kesidentz Dresden Beschreib- 
und Yorstellung (Nümberi; 1680) 61 9. 



278 Otto Richter: 

Eine sehr auffällige Abnahme der theilweise aus Juden 
bestehenden Bewohnerschaft der Windischen Gasse zwi- 
schen 1401 und 1411 möchte theilweise mit den Juden- 
verfolgungen jener Zeit in Zusammenhang zu bringen 
sein.^) — Was die Vorstädte anlangt^ so bieten die Geschoss* 
register, wie es scheint; bisweilen keinen vollen Veriass, 
insbesondere in Bezug auf die Jahre 1421 und 1453, bei 
denen es an erklärenden Thatsachen für das gänzliche 
Verschwinden vorstädtischer Steuerzahler mangelt. Doch 
dürfte Tabelle II (Seite 279) wenigstens insofern von 
Interesse sein, als daraus ungefähr ersichtlich ist, zu wel- 
cher Zeit und unter welchem Namen die einzelnen vor- 
städtischen Gemeinden und Häusergruppen geschosspflichtig 
werden. Ebenso geht daraus deutlich hervor, dass sich 
die Vorstädte, in denen überall die Zahl der Häuser mit 
der der Geschosspflichtigen fast genau übereinstimmt, also 
geschosszahlende Miethbewohner nicht vorhanden sind, in 
der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts einer lebhaften 
Ent Wickelung erfreuten, während es in den von den 
Festungsmauern dicht umschlossenen engen Strassen der 
Stadt zu einer erheblichen Vermehrung der Häuser schon 
an Raum zu mangeln begann.*) 

Wenn nun die Frage erhoben wird, ob denn die 
Geschossregister überhaupt eine zuverlässige Grundlage 
für die Bevölkerungsstatistik bilden, so glauben wir un- 
bedenklich bejahend antworten zu sollen. Zwar verzeichnen 
sie nur die Hausbesitzer vollständig und von den un- 
ansässigen Haushaltungsvorständen nur die, welche Bürger- 
recht besitzen; dies verursacht aber nur eine geringe 
Unsicherheit, da, wie sich zeigen wird, die Zahl der nicht- 
bürgerlichen und nicht geschosszahlenden selbständigen 
Einwohner überhaupt nur gering und für die Kopfzahl 
der Bevölkerung die Zahl und Stärke der Hausbesitzer- 
familien ausschlaggebend war. 



•) Vgl. Codex dipl. Sax. reg. IL 5, 182, über eine Judenverfolgung 
im Jahre 1410, in welchem die Namen einiger Juden aus dem Ge- 
schossregister verschwinden ; die Abnahme fällt freilich hauptsächlich 
in die Zeit zwischen 1404 und 1407. 

») Wenn Hasche, Diplomat. Geschichte Dresdens (Dresden 1816 ff.) 
II, 84 sagt, in der Stadt seien damals Gärten und Weinberge ge- 
wesen, und dies daraus zu schliessen scheint, dass später Kurfürst 
August zum Baue des Zeughauses fünf Gärten ankaufte, so übersieht 
er, dass jene Gegend im 15. Jahrhundert noch ausserhalb der Stadt 
lag und erst durch die vom Kurfürsten Moritz ausgeführte Erweite- 
rung der Mauern mit eingeschlossen wurde. 



Zur Bevölkerungs- und Vermögensstatistik Dresdens etc. 279 



Tabelle II. 


(Siehe i 


äeite 278). 










OrtsbezeichnuDg S 


o 


1 




3 


i«2 


0) ^ 






SS 




1^ 


*^ 


tH 


»H 


iH 


»M 


p=< ^ 


O) iH 


*-^ 


rt 


^ 


r^ 


Vorstädter (?) 


«) 


1 


— 


10 


— 


_— 


.. 


27 


r 






Firnis che Gasse .... 


4 


46 


42 


1 












— 


25 


36 


34 


Ramtitzgasse 


56) 


j 











— 




— 


26 


31 


31 


Gerbhäuser 










1 


^ 


4 


5 








— 


V.d.WilischenThore 







_ 





— 


lll 




25 


44 


21 


Vor d. Brückenthore 


— 


.._ 


m^ 


— 




5 


— 


___ 


8 


11 


4 


6 


Vor demFrauenthore 


— i 





-— 








6 


— 


^■~ 


• 


^^^ 


— 


— 


Mühlen 


— 





— — 





— 


10 


— 


— 






— 


— 


Halbegasse 


— 











— 






6 


18 


13 


9 


An der Elbe 












— 


— 








40 


32 


35 


An der Katzbacb . . 


— 














— 


— 




7 


6 


5 


Bomgasse 














— 




— 




10 


13 


17 


Hinter dem alten See 


— 



















19 


20 


— 


Ziegelgassc 


— 
















— 






13 


— 


Hinter dem neuen See 


— 










— 


— 




— 




— 11 




Poppewitz 



















— 




— 17 


— 


Rosengasse 


— 













— 


— 


— 




— 10 


— 


Fischersdorf 


— 













— 


— 


— — 


H4 




66 


46 


42 


__^ 


11 


39 


4 


5 


41 


181 249 192 



Als Massstab für die Berechnung der Einwohnerzahl 
aus den Geschossregistern dient uns eine vollständige 
Kopf Zählungsliste für das erste und den grössten 
Theil des zweiten Stadtviertels *®), welclie unzweifelhaft 
aus dem Jahre 1454 stammt und für die Zwecke einer 



>®) Es findet sich auch ein vermuthlich aus dem Jahre 1430 
stammendes, in lateinischer Sprache abgefasstes Einwohnerverzeichnis 
des zweiten (Wilischen) Stadtviertels vor, welches, wie es scheint, 
die Namen der Haushaltungsvorstände, der Ehefrauen, der erwachsenen 
Söhne und Töchter, sowie der Knechte und Mägde anführt. Es sind 
darin verzeichnet : 1 1 3 Ehemänner, 113 Ehefrauen, 53 alleinstehende 
Männer. 72 alleinstehende Frauen, 18 Söhne, 2 Töchter, 51 Knechte, 
36Mägae, in Summa 458 Personen (darunter 139 Geschosspflichtige). 
Da sich aber über den Grad der Vollständigkeit dieses Verzeichnisses 
und insbesondere darüber, bis zu welcher Altersgrenze herab die 
Söhne und Töchter aufgenommen sind, etwas Genaues nicht fest- 
stellen lässt, so muss dasselbe ausser Betracht bleiben. — Bemerkens- 
werth ist femer ein die ganze Stadt umfassendes registrum des 
gesindelons und des beren der hawsgenossen, die nicht burgerrecht 
habin vom Jahre 1462, aus welchem hervorgeht, dass damals 
118 Knechte und Gesellen, 165 Mägde, 31 Lohnarbeiter, 52 Lohn- 
arbeiterinnen in der Stadt waren. Die Dienstboten zahlten eine 
nach der Höhe des Lohnes bemessene Steuer; die angegebenen 
Jahreslöhne der Knechte schwanken zwischen 40 und 140 gr., die 
der Mägde zwischen 20 und 72 gr. Der von den Nichtbürgern zu 
zahlende ber war, wie es scheint, eine Vermögenssteuer. 



280 Otto Richter: 

damals erhobenen Kopfsteuer angefertigt ist.") Wir be- 
nutzen diese Liste zunächst zur Aufstellung der Tabelle III 
(Seite 281), in welche wir auch die Zahlen der Geschoss- 
pflichtigen der betreffenden Strassen aus dem Jahre 1453; 
vor und nach der Neueinschätzung, einfügen; sodann geben 
wir in Tabelle IV (Seite 281) die Resultate genauer Er- 
mittelungen über die Bevölkerungsstärke der einzelnen 
Häuser (durchschnittlich 7,2 Köpfe) und über die Kopf- 
zahl der einzelnen Haushaltungen, d. h. der Familien mit 
Einschluss der Dienstboten und gewerblichen Hilfsarbeiter. 
Die Zahl der nur eine Person umfassenden Haus- 
haltungen und damit die der Haushaltungen überhaupt 
dürfte insofern etwas zu hoch gegriffen sein, als für alle 
im Einwohnerverzeichnisse gesondert aufgeführten Personen 
ein eigner Haushalt angenommen worden ist, während 
doch wohl z. B. bei manchen der alleinstehenden Lohn- 
arbeiter und Lohnarbeiterinnen eine Theilnahme an dem 
Haushalte ihres Brot- und Hausherrn wahrscheinlich 
ist. Aber auch wenn man alle solche Personen als Haus- 
haltungsvorstände betrachtet; so kommen doch auf die 
sich dann ergebenden 147 Haushaltungen von Mieth- 
be wohnern nur 315 Köpfe, während die fast gleiche Zahl 
von Hauswirthsfamilien (149) mehr als das Doppelte an 
Köpfen (755) umfasst Aus diesem bedeutenden Ueber- 
wiegen des ansässigen Elements möchten wir vornehmlich 



*■) Nach Yergleichung der in der Eopfzählungsliste enthaltenen 
Namen mit denen der Geschossregister wäre dieselbe in die Zeit 
zwischen Michaelis 1453 und Walpurp^is 1464 zu verweisen. Der 
Landtag zu Leipzig, auf welchem die Erhebung einer Steuer im 
Betrage von 2 Groschen auf jeden Kopf beschlossen wurde, fand statt 
am Montage nach Matthiae apostoli = 25. Februar 1454 Tnicht am 
Montage nach Matthaei apostoli = 23. September, wie bei Weck 
439 zu lesen). Vgl Gründliche Beantwortung derjenigen Schrift, 
welche unter dem Titel: Unumstössliches Vormundschaitsrecht etc. 
publiziert worden (Dresden J719, fol.) Beilage Nr. 200, Seite 148, 
sowie das Landtagsausschreiben vom 9. Februar 1454 im Dresdner 
Rathsarchiv. Die Aufstellung der Eopfzählungsliste, die keinem 
andern Zwecke gedient haben kann, iHllt also m die Zeit zwischen 
dem 25. Februar und 1. Mai 1454 

Die Liste beginnt folgendermassen : P[rimum quajrtale. Anzczu- 
hebin [zcu Hjannse Lewbenitcz biß zcu Jörgen ßnsman. Hannus 
Goran mit seyme Schreiber und mit Gleser sullen czeichen den 
wirt, dy wirtynne, yre kinder, yr gesinde, und hawsgenossen und 
ouch der hußgenossen kinder und Gesinde. Item Hannus Lewbenitcz 
salp firde. Item Nickil Brommetscnz salp sechßte. Item Sleycher 
salp andir etc. Qtc, 



Zur Bevölkerungs- und Yermögensstatistik Dresdens etc. 281 



die Berechtigung herleiten, die Geschossregister, in denen 
dieses Element voll zur Erscheinung kommt; als Grundlage 
für die Berechnung der Gesammteinwohnerzahl zu be- 
nutzen. Wenn es nun keinem Zweifel unterliegt ^ dass in 
allen Stadttheilen Dresdens im wesentlichen ganz dieselben 
Bevölkerungs- und Wohnungsverhältnisse obwalteten, so 
wird das Zahlenverbältnis zwischen Geschosspflichtigen 



Tabelle III. (Siehe Seite 280.) 










Geschoss- 




Köpfe 






».4 


pflichtige 


00 

1 




Strassen 


im 


J, 55 § 9 ö 







07 
CO 

CS 
104 


Febr. Sept. 
1453 


3 

08 


der 
Wirthi 
familic 

der Hai 
genoss« 
familie 






w 




ffi 


C5 


Seegasse 


12 


14 


15 


19 


59 


16 


76 


Kundigengasse .... 


20 


26 


31 


60 


99 


54 


153 


Zahnsgasse 


20 


26 


29 


39 


98 


66 


153 


Kleine Webergasse 


26 


36 


H9 


56 


134 


69 


193 


Gr. Webergasse *■) 


33 


b9 


46 


71 


154 


81 


2.S5 


Wilische Gasse . . . 


38 


45 


49 


61 


211 


50 


261 


(mit Ausnahme der 
















letKten drei Häuser) 






' 












149 


186 


209 


296 


765 


315 


1070 



Tabelle I^. (Siehe Seite 280.) 





Häuser 
mit 


Haushaltungen 
mit 


Strassen 


o 


CO 


1 




09 

1 

o 


X 


QO 


03 

1 


'S 

07 


tH 


01 


1 

-<* 


CO 


1 

00 


1 

o 


1-* 

J. 


s 

07 




Köpfen 


Köpfen 


•s 


Seegasse 

Kundigengasse .... 

Zahnsgasse 

Kleine Webergasse 
Grosse Webergasse 
Wilisthe Gasse.. . . 


1 
1 


1 

3 

5 
1 


6 
4 

8 

7 

3 

17 


4 
6 
7 
9 

5 


1 

3 
3 

6 
5 
1 


3 
2 

1 
3 
1 


— 


1 


12 
20 
20 
26 
33 
38 


2 

18 

5 

16 

15 

9 


6 
17 
13 
18 
29 
15 


6 

8 
12 
14 
17 
17 


5 
2 

9 
4 

7 
13 


4 

1 
2 

7 


1 

3 


1 


19 
50 
39 
56 
71 
61 




2 


lä. 


56 


49 


19 


10 





1 


149 


65 


98 


74 


40 


14 


4 


1 


296 



") Die Grosse Webergasse (Scheffelstrasse) enthielt bei völlig 
unveränderter Flächenausdehnung im Jahre 1867 rfoch genau so viel 
Häuser wie 1454, nämlich 33, die Einwohner der Strasse hatten sich 
aber von 235 auf 1083 vermehrt, Zahlen, welche die Zunahme der 
Bevölkerungsdichtigkeit und die wachsende Höhe der Wohngebäude 
deutlich genug illustrieren. 



282 Otto Richter: 

und Köpfen; wie es sich für das von der Kopfzählungs- 
liste umfasste Drittheil der Stadt ermitteln lässt, auch auf 
die andern beiden Drittlieile olme Weiteres tibertragen 
werden dürfen. Aber da, nach den Gescliossregistem zu 
urtheilen, die Entwickelung der Stadt und ihrer steuer- 
fähigen Bevölkerung, von einigen kleinen Schwankungen 
abgesehen^ während des 15. Jahrhunderts im grossen und 
ganzen stillgestanden hat und eine Veränderung in Hier 
Veranlagung des Geschosses ausser der Neueinschätzung 
von 1453 nicht zu konstatieren ist, so wird selbst eine 
Uebertragvmg jenes Zahlenverhältnisses auf das voran- 
gegangene und auf das nachfolgende Halbjahrhundert nur 
geringe Ungenauigkeiten in sich scldiessen. Nur wird 
die erwähnte Neueinschätzung zu berücksichtigen und für 
die Zeit vor 1453 das Verhältnis zwischen Einwohnern 
und Geschosspflichtigen als 1070: 186 (d. h. 5,7 Köpfe auf 
jeden Geschosspflichtigen) '*), für die Zeit nach 1453 als 
1070:209 (d. h. 5,1 Köpfe auf jeden Geschosspflichtigen) 
anzunehmen sein. Daraus ergeben sich (nach Tabelle I) 
für die Stadt Dresden folgende Einwohnerzahlen: 
3745 im Jahre 1396 3101 im Jahre 1453 
3471 „ „ 1401 3351 „ „ 1465 
3007 „ „ 1411 3504 „ „ 1477 
2593 „ „ 1421 3743 „ „ 1489 
3956 „ „ 1431 2565 „ „ 1501 
3010 „ „ 1440 
Ausgeschlossen sind hiervon die Geistlichen mit ihrem 
Dienstpersonal, die Insassen des Franziskanerklosters und 
die ständigen Bewohner des herzoglichen Schlosses, welche 
sämmtlich als steuerfrei in den Geschossregistern über- 

fangen sind; dieselben dürften mit zusammen 150 Köpfen 
och genug veranschlagt sein. 

Bezüglich der Vorstädte kann das obige Zahlen- 
verhältnis nicht zur Anwendung gebracht werden, da hier 
keine Miethbe wohner verzeichnet und also wohl die Häuser 
kleiner und schwächer bevölkert gewesen sind, ßechnen 
wir daher hier nur 4 Köpfe auf jeden Geschosspflichtigen, 
so ergeben sich (nach Tabelle II) für die Jahre, für welche 
die Geschossregister zuverlässig zu sein scheinen, folgende 
Einwolmerzahlen : 



'*) Da nach Anmerkung 3 die Zahl der Geschosspflichtigen sich 
mit der der Bürger deckt, so trifft diese Berechnung annähernd mit 
jener Laurents zusammen, der für Hamburg das Verhältnis der 
Bürger s;u den Einwohnern auf 1 : 6 feststellte, s. Koppmann a. a. 0. 



Zur Bevölkerungs- und Vermögen sstatistik Dresdens etc. 283 

724 im Jahre 1477 

996 „ ., 1489 

768 „ „ 1501 
Somit berechnet sich die Gesaramtzahl der Einwohner 
Dresdens und seiner Vorstädte auf dem linken Eibufer 
kurze Zeit vor dem grossen Brande von 1491 auf nahezu 
5000. ") 



Mit weit grösserer Sicherheit als bei den vorstehen- 
den bevölkerungsstatistischen Untersuchungen vermögen 
wir bei einer Vermögensstatistik Dresdens im 15. Jahr- 
hundert zu Werke zu gehen, da das Material dafür ein 
solches ist, wie es kaum für die Gegenwart zuverlässiger 
zu beschaffen sein möchte; es sind dies mehrere ziemlich 
umfängliche Register, welche zum Zwecke der von den 
Herzögen Albrecht und Georg in den Jahren 1488 und 
1502 erhobenen ausserordentlichen Steuern angelegt sind 
und vollständige Vermögensabschätzungen der Einwohner 
von Dresden, seinen Voi Städten und der Stadt Altdresden, 
sowie der in sieben benachbarten Dörfern angesessenen 
Zinsleute des Rathes zu Dresden und der von ihm ver- 
walteten geistlichen Stiftungen enthalten. 

Für die Landessteuer von 1488 hatte jedermann sein 
gesammtes bewegliches und unbewegliches Besitzthum 
nach eignem Gewissen abzuschätzen und von je 100 rhei- 
nischen Gulden Werth 1 Gulden und bei geringerem Ver- 
mögen nach Verhältnis weniger zu entrichten; Dienst- 
boten zahlten von je 20 Groschen Jahreslohn 1 Groschen 
zu dieser Landessteuer. Die Steuerregister, deren eines 
für Dresden und seine Vorstädte und ein zweites für die 
Stadt Altdresden vorhanden ist, weisen in der Regel 
bei dem Namen jedes Abgeschätzten die Höhe seines 
Vermögens und den Steuerbetrag auf; bisweilen jedoch, 
besonders bei wenig Bemittelten, ist nur der Steuerbetrag 
angegeben, woraus nach dem angebenen Steuersatze das 
Vermögen leicht zu finden ist.'*) 



**) Um 1469 wurden Dresden und Rochlitz als „vil geringer 
dann Zwickau" bezeichnet. Vgl. Tittmann, Heinrich der Erlauchte 1 , 
362; von Webers Archiv für Sächsische Geschichte. N. F. 5, 368. 

") Um die Einrichtung dieser Register zu verdeutlichen, setzen 

wir die üeberschrift und den Anfang desjenigen von Dresden hierher: 

Register der stheuer noch ausweysunge der nottel unßers g. h. 

von hundert gülden wert einen und beym eide iglichem heym 



284 Otto Richter: 

Wir ordnen nunmehr sämmtliche in den beiden 
Schatzungsregistern verzeichneten Personen nach möglichst 
nahe aneinander liegenden Vermögensklassen. Für alle 
diejenigen^ welche weniger als 25 fl. Vermögen besitzen, 
nehmen wir ein durchschnittliches Vermögen von 12 '/a fl- 
au, während für alle höheren Vermögensklassen nicht ein 
Durchschnitt; sondern die genaue Summe aller einzelnen 
Vermögensbeträge anzugeben ist. Damit gelangen wir zu 
der auf Seite 285 (Tabelle V) befindlichen Uebersicht. 

Nicht ohne Interesse ist jedenfalls das Resultat der 
Vertheilung der gefundenen Vermögensbeträge auf den 
einzelnen Kopf der Abgeschätzten sowohl wie der Be- 
völkerung überhaupt, für welche es gestattet sein mag, 
die oben für das Jahr 1489 ermittelten Einwohnerzahlen 
von Dresden nebst Vorstädten zu benutzen (Tabelle VI, 
Seite 286). 

Die vom Herzog Georg im Jahre 1502 erhobene 
Vermögenssteuer, zu welcher ein Abschätzungsregister der 
Stadt Dresden, seiner Vorstädte und der benachbarten 
Rathsdörfer erhalten ist'*), wurde nach demselben Satze 
wie die von 1488 veranlagt, nur war damit ausser einer 
Einkommensteuer für die Dienstboten, die den zehnten 



geben anno im LXXXVIII jore angehoben beym burgermeister 

Simon Wercho. Die sttler entphaer und eynnemer Bastian Jost, 

Donatus Conradi. 
Francz Herczog d* II r. fl. noch seinner habe unnd vermögen. 
Die Brommaczschinne angeslagen all yre guter vor VI« reinische 

guldenn d* dovon II ß VI gr. 
Ibidem Thomas Palicz d* Y gr. IUI naue ^ als ein hansgenoß an- 
geslagen sein gut vor XXV r. ti. 
Idem VI gr. d^ von zween smideknechtenn. 
Die Euneltynne angeslagenn all yre gutter vor VI<^ reinische fl. 

d* dovon II ß VI gr. 
Idem XII gr. dt von zween knechten und eyner mayt 
Joeoff Henel angeslagenn all sein gut vor IIj^ [= 250] reinische fl. 

dt dovonn LH gr. IUI S I heller. 
Idem II ^r. dt von der mayt. 
Ibidem die Schaubehansin dt III gr. 
Ibidem die Caspar Sueiderin dt I gr. etc. etc. 

Vgl. auch den Revers Herzog Albrechts vom 19. April 1488 im 
Hauptstaatsarchiv zu Dresden, Witt. Archiv, Steuersachen Blatt 21. 
Die Angaben Wecks (44^) über die Art der Steuerveranlagung 
von liS^ (von 100 fl. Werth 2 fl. Steuer u. s. w.) sind an dieser Stelle 
falsch, gelten vielmehr für eine Vermögenssteuer des Jahres 1506. 
Dieser Fehler Wecks ist, wie so mancher andere, in alle späteren 
Schriften übergegangen. 

'*) Steur register nach Christi gebort XV«) im andern iare der 
Stadt Dresden von hundert goldenn wirderunge bewegelich und un- 



jiur BeTölkerongs- und VermÖgensstatistik Dresdens etc. 285 



Tabelle Y/*) 


(Siehe Seite 284.) 








Dresden 


Vorstädte 


Altdresden 




M0 


OD rA 


^a 


eo M 


1 


OQ m 


Yermögensklasse 

• 


ahl der A 
eschätzte 


iimme de 
ermögeni 


ahl der A 
eschätzte 


amme dei 
ermögeni 


ahl der A 
eschätzte 


umme de 
ermögeni 




N tJO 


c«P> 


CS3 wo 


cßP- 


SJ w> 


cqp> 






fl. 




fl. 




fl. 


2000 fl. und darüber 


1 


2.350 


-_ 


— 


_ 


— 


1500 bis unter 2000 fl. . . 


4 


7000 


— 


— 


— 


— 


1000 , , 1600 «... 


4 


5000 


— 


— 


— 


— 


900 « „ 1000 , ... 


1 


900 


— 


— 


— 


— 


800 , , 900 « . . . 


3 


2400 


— 


— 


— 


— 


700 , , 800 ,. . 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


600 , , 700 , ... 


10 


6000 


— 


— 


— 


— 


ÖOO « , 600 „ ... 


9 


4650 


i— 


— 


— 


— 


400 , , 600 „ . . . 


12 


4902 


— 


— 


— 


— 


800 , , 400 , ... 


34 


10550 


— 


— 


— 


— 


200 , , 800 , ... 


46 


9370 


1 


200 


1 


210 


100 , « 200 „ . . . 


131 


15015 


4 


450 


11 


1536 


50 , , 100 ... . 


78 


4790 


15 


830 


22 


1506 


25 „ , 60 , ... 


76 


2225 


38 


1146 


47 


1610 


unter 25 „ ... 


194 


2425 


105 


1312 


110 


1375 




602 


77477 


163 


3938 


191 


6287 


Hierüber: 














Gesellen, Knechte, Mägde 


296 


— 


8 


— 


63 


— 



bewegelich gnttem barschafftenn unnd famde habe 1 fl. r., yon L gülden j 
[= Vi], ▼on XXV I ort, wer zo yyl nich that Uli gr. unnd och wez kinder 
ubir XV iar, dinstbotenn den X teil ires Ions, mussigkgen^er X gr. etc. 
Demnach waren bei dieser Gelegenheit alle Personen, mit Ausnahme 
der Ehefrauen und der Kinder unter 15 Jahren, steuerpflichtig; es 
sind dies für Dresden im ganzen 1091 Personen (Tabelle VlI, S. 286). 
Wenn wir, was wenigstens nicht unwahrscheinlich ist, annehmen, 
dass die in Anmerkung 10 erwähnte Liste vom Jahre 1430 ebenfalls 
ein Verzeichnis aller Personen über 15 Jahre ist und daraus hervor- 
geht, dass die Ehefrauen genau den vierten Theil derselben bilden, 
so würde für das Jahr 1502 die Zahl der Ehefrauen sich auf 363 
berechnen. Dann betrüge (bei 2565 Einwohnern im Jahre 1601) die 
Zahl der Kinder unter 15 Jahren Uli, d. h. 43 Prozent der Be- 
völkerung, jedenfalls also ein höherer Prozentsatz, als ihn Schön- 
berg (a. a. 0. 516) bei der Berechnung der Einwohnerzahl von Basel 
annimmt. Doch soll dies nur als Vermuthune gelten! 

**) Das höchste Vermögen besitzt Heinrich Sleweger mit 2350 fl., 
sodann folgen Jeniko Geusing mit 1900 fl. und Hanns Karlewicz 
(„angeslagenn seine gutter als hauß ecker weingerten und weßenn 
umb die stat legende**) mit 1800 fl. Nickel tteydel, Bürgermeister 
1489, besitzt 900 fl., Simon Wercho, Btlrgermeister 1488, 600 fl« 



\ 



286 



Otto Richter: 



Theil ihres Lohnes zu entrichten hatten, auch noch eine 
Kopfsteuer für die Kinder über 15 Jahre und für Müssig- 
gänger verbunden. Es wird sich auch hier rechtfertigen 
lassen, wenn wir für alle Personen mit weniger als 25 fl. 
Vermögen einen Durchsehnittsbetrag von 12 V2 fl., für 
Kinder über 15 Jahre sowie für Gesellen, Lehrjungen, 
Knechte und Mägde aber überhaupt kein Vermögen an- 
nehmen. Hiernach gestalten sich die Vermögensverhält- 
nisse der Einwohner der - Stadt Dresden imd der Vor- 
städte, sowie die der Zinsleute in 7 Dörfern, für welche 
leider die Abschätzung der übrigen Bevölkerung nicht vor- 
liegt, für das Jahr 1502, wie Tabelle VU, VIII und IX zeigt. 





Tabelle TL (Siehe Seite 284.) 




Ort 


Zahl der Ab- 
geschätzten 


Z«hl der 

Einwohner 

1489 


Summe 

des 

Vermögens 

fl. 


Yermogens be- 
trag p. Kopf der 
Abgesehätzten 
fl. 


Vermögensbe- 
trag p. Kopf der 
Bevölkerung 
fl. 


Dresden .... 
Vorstälte . . . 
Altdresden . . 


602 
163 
191 


3743 
996 

? 


77477 
3938 
6237 


128,7 

24,1 

. 32,6 


20,7 
3,9 

? 



Tabelle YII.»») 





Dresden | 


Vorstädte 


Vermögensklasse 


Zahl der Ab- 
geschätzten 


Summe des 
Vermögens 

fl. 


Zahl der Ab- 
geschätzten 


Summe des 
Vermögens 

fl. 


2000 fl. und darüber 

1500 bis unter 2000 fl 

1000 „ „ 1500 „ .... 

900 „ „ 1000 « 

800 „ „ 900 «... . 

700 „ „ 800 «... . 

600 „ „ 700 „ ... . 

500 „ „ 600 

400 „ „ 500 

300 „ „ 400 «... . 

200 « „ 300 «... . 

100 « „ 200 «... . 
60 , « 100 „ ... . 

25 „ « 50 

unter 25 « ... 


2 
1 
3 
1 
2 
2 
8 
5 

14 

19 

36 

112 

108 

52 

318 


4200 
1700 
3600 
900 
1650 
1400 
4850 
2570 
5752 
5930 
7727 
14069 
6686 
1748 
3975 


■ 

1 

6 

8 

21 

151 


228 

728 

469 

667 

1888 


Hierüber: 

Kinder über 15 Jahre 

Gesellen, Lehrjungen) 
Knechte, Mägde ( " * 


683 

56 

352 


66757 


187 

2 

14 


8980 



^*) Das höchste Vermögen im Jahre 1502 ist das des Bürger- 
meisters Hans Smeisser mit 2200 fl., derselbe war im Jahre 1488 mit 
1500 fl. veranschlagt. 



iwT Bevölkerungs- und Vermögensstatistik t)resdens etc. 287. 



Tabelle YIIL (Siehe Seite 286.) 





Quoh- 
ren 


Zschiz- 
sche- 
wig 


Tolke- 
witz 


Mock- 
ritz 


Box- 
dorf 


Müg- 
litz 


Sürs- 
sen 


Vermögens- 
klasse 


fl 

fl 
o 

CO 

u 
« 


fl 

1 


fl 

i 


§ 

n 

> 


fl 

fl 

o 

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^4 


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fl 

03 
fl 
O 
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fl 

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CO 

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g 

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fl 
« 

fl 

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CO 

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2-1 


fl 

S 
> 


fl 

fl 
o 

oo 

u 

2ui 


fl 
« 

a 

u 

> 


300 bis unter 40011. 

200 „ „ 300« 

100 „ „ 200 „ 

50 „ „ 100 „ 

25 „ , 50 „ 

unter 25 „ 


2 

11 

4 

7 


ti. 

286 

661 

136 

88 


1 
1 
1 

l 

6 


fl. 

350 
200 
125 
362 
113 
75 


2 
3 

1 


fl. 

243 

215 

30 


1 
1 


fl. 

200 
100 


fl. 
1300 

2|l51 

__l 


2 
1 

1 


fl. 

140 
30 
12 


fl. 

1 300 
1 200 

1 60 


Hierüber : 
Kinder üb. 15 Jahre 
Knechte, Mägde . 


24 

9 

11 


1171 


18 
10 


1225 


6 

5 
1 


488 


2 


300 


3 


451 


4182 
1 — 


3 


550 



Tabelle IX. (Siehe Seite 286.) 



Ort 


Zahl 
der Abge- 
schätzten 


Zahl 
der Ein- 
wohner 

1501 


Summe 
des Ver- 
mögens 

fl. 


Vermögens- 
betrag pro 
Kopf der Ab- 
geschätzten 

fl. 


Vermögens- 
betrag pro 
Kopf der Be- 
völkerung 

fl. 


Dresden 

Vorstädte 

Quohren 

Zschitzschewig 
Tolkewitz .... 

Mockritz 

Boxdorf 

Müglitz 

Sürssen 


683 

187 

24 

18 

6 

2 

3 

4 

3 


2665 
768 
? 
? 
? 
? 
? 
? 
? 


66757 

3980 

1171 

1225 

488 

300 

461 

182 

550 


97,7 

21,3 

53 

68 

81,3 
160 
160,3 

45,5 
183,3 


26 
5,2 

? 
? 
? 

• 

? 
? 



Die vorstehenden Tabellen reden in Bezug auf die 
Höhe der in den betreffenden Jähren vorhandenen Werthe, 
auf die Vertheilung derselben unter die einzelnen Ver- 
mögensklassen und auf die Verschiedenheiten des Ver- 
mögensstandes in der Stadt, in den Vorstädten und auf 
den Dörfern eine so deutliche Sprache, dass es weiterer 
Ausführungen hierüber nicht bedarf. Lehrreich ist aber 
vielleicht ein Versuch, den Unterschied zwischen damals 



288 Otto Richtet: 

und heute in betreff des auf den Kopf der Bevölkerung 
entfallenden Yermöffensbetrages zu zeigen. Wenn wir zum 
Schlüsse einen solcnen Versuch machen , so kann es uns 
nicht beikommen 9 genaue und unanfechtbare Zahlen er- 
mitteln zu wollen; sondern es wird sich lediglich darum 
handeln; durch einige Ziffern die Grösse des von vier Jahr- 
hunderten bewirkten Umschwunges der wirthschaftlichen 
Verhältnisse flüchtig anzudeuten. 

Im Jahre 1488 kam nach Tabelle VI auf den Kopf 
der Bevölkerung in Dresden ein Durchschnittsvermögen 
von rund 21 fl. Bei der Umrechnung dieses Betrages in 
die ihm heute entsprechende Geldsumme sind sowohl die 
beiderseitigen Münzwerthe als die gesammten Preisverhält- 
nisse zu berücksichtigen. Wenn aus 1 Mark Feihsilber in 
jener Zeit 140 Groschen (= 7 rheinische Gulden), heute 
50 Mark geprägt werden, so entspricht der damalige 
Gulden einem Betrage von ungefähr 7 Mark jetziger 
Münze. Die Preise der wichtigsten Lebensmittel und die 
Handarbeitslöhne, deren Heranziehung für eine annähernde 
Berechnung genügen dürfte, betragen jetzt durchschnitt- 
lich etwa das Fünffache der damaligen^*), so dass also 
der rheinische Gulden von 1488 heutzutage einen Werth 
von ungefähr 35 Mark haben würde. Unter Zugrunde- 
legung dieses Massstabes stellt sich die Höhe des im 
Jahre 1488 auf den Kopf der Dresdner Bevölkerung fcdlen- 
den Vermögens nach unserm Gelde auf 735 Mark. 

Welchen Betrag vermögen wir dem jetzt gegenüber- 
zustellen? Im Jahre 1879 betrug in Dresden aas steuer- 
pflichtige Einkommen aus Grundoesitz 20 432 147 M., aus 
Renten 29402773 M., zusammen circa 50000000 M.*®) 
Bei Annahme einer Bevölkerungszahl von 210000 kommen 
hiervon auf jeden Kopf circa 240 M., welche bei einem 
Zinsfusse von 5 Prozent einem Kapitale von 4800 M. ent- 
sprechen. Also 735 M. Durchschnittsvermögen im Jahre 
1488 gegen 4800 M. im Jahre 1879! So unsidier diese 



**) Nach Job. Falke, Geschichtliche Statistik der Preise im 
Königreich Sachsen, in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und 
Statistik, XIII. (1869), 364—395. 

'^) Zeitschrift des E. Sachs, statistischen Bureaus, 25. Jahrg. 1879, 
Beilagen zu Heft 3 und 4. Wir ziehen, da es sich um eine Ver- 
gleichung des wirklichen Vermögens handelt, nur das aus Grund- 
und Kapitalbesitz fliessende Einkommen heran und übergehen voll- 
ständig das Einkommen aus Gehalt und Lohn mit 51913188 M. und 
aus Handel und Gewerbe mit 42432399 M., obwohl dem letzteren 



7a\t lievölkerungs- niul Vermögensstatistik Dresdens etc. 289 

Zahlen sind, eine Ahnung von der kolossalen Zunahme 
der wirthschaftlichen Güter im Laufe der Jahrhunderte 
vermögen sie doch zu vermitteln. Und wie tritt das 
Missverhältnis erst hervor, wenn wir den reichsten Mann 
von 1488 mit 2350 fl. = 82 250 M. dem heutigen Besitzer 
einer Reihe von Millionen gegenüberstellen! Dass eine 
solche Anhäufung von Gütern in gleichem Verhältnis nicht 
stattgefunden hätte, wenn die Stadt auch heute noch 
4000 Einwohner zählte, bedarf keines Nachweises, da in 
kleinen Städten noch gegenwärtig ein weit geringeres 
Durchschnittsvermögen als in grossen zu konstatieren ist. 
In welchem Masse aber mit dem Anwachsen der äusseren 
Güter auch eine wirkliche Hebung des allgemeinen Wohl- 
standes oder gar des Wohlbefindens der Bevölkerung ver- 
bunden gewesen, das ist eine Frage, zu deren Beant- 
wortung das Ziffernwerk der Statistik niemals die alleinige 
Grundlage bilden kann. 



zu einem grossen Theile auch Anlage- und Betriebskapitalien zu 
Grunde liegen; dafür lassen wir aber auch 13389 728 M. Schuldzinsen, 
welche eigentlich abzuziehen wären, unberücksichtigt. Wie ^ würde 
sich nun gar die Summe des heutigen Vermögens erhöhen, VoUte 
man die Masse der unproduktiven Güter mit einschätzen, wie dies 
im Mittelalter geschehen! Dagegen fällt freilich sehr ins Gewicht, 
dass damals das bedeutende Vermögen der geistlichen Korporationen 
ausser Betracht blieb, während in den obigen Ziffern das Korporations- 
vermögen inbegriffen ist. 



Neues Archiv f. S. G. u. A. II. 4. l9 



XL 



Nachträge zum ürkundenbache der Stadt 

Chemnitz.') 



Von 

Hubert Ermisch. 



Dass die Massnahmen, welche die königliche Staats- 
regierung während der letzteü vier Jahre im Interesse 
der städtischen und der sonstigen nicht unmittelbar der 
staatlichen Verwaltung imterstehenden Archive getroffen 
hat, auch für das grosse von Gersdorf und Posern-Klett 
begonnene und gegenwärtig von Otto Posse und dem 
Schreiber dieser Zeilen unter Mitwirkung mehrerer anderer 
Historiker herausgegebene sächsische Urkundenbuch von 
Wichtigkeit werden würden, war vorauszusehen. Nach den 
bisherigen Erfahrungen scheint dies freilich nicht in so hohem 
Masse der Fall zu sein, als man wohl wünschen möchte. 
Man kann sich schwer einen Begriff von dem Vanda- 
lismus machen, mit dem bis in die neueste Zeit hinein 
insbesondere die Archive vieler sächsischer Städte be- 
handelt worden und dem vor allem vielfach die älteren, 
^jUnleserlichen", „wertlüosen" Documente zum Opfer ge- 
fallen sind. Es war die höchste Zeit, dass hier der Staat 



Urkundenbuch der Stadt Chemnitz und ihrer Klöster. Im 
Auftrage der Kgl. Staatsregierung herausgegeben von Hubert Ermisch. 
Leipzig, Giesecke und Devrient 1879. 4*. (Codex diplomaticus Saxoniae 
regiae. IL Haupttheil. 6. Bd.) 



Nachträfife zum ürkundenbuche der Stadt Chemnitz. 291 

schützend eintrat und die bis dahin oft nur durch einen 
Zufall geretteten dürftigen Reste von Denkmälern vater- 
ländischer Geschichte dem drohenden Untergange entriss, 
der wissenschaftlichen Forschung und vor allem auch dem 
praktischen Gebrauche im Interesse der städtischen Ver- 
waltung wieder nutzbar zu machen suchte. Denn dass 
den grössten Vortheil aus einem Archive die Stadt selbst 
ziehen kann, die es besitzt, ist eine sehr nahe liegende 
Wahrheit, und man vermag es kaum zu begreifen, wie 
dies überhaupt noch zuweilen bestritten werden kann. 
Ich komme auf diese Seite der Frage vielleicht bei einer 
andern Gelegenheit zurück. Für jetzt gebe ich nur einige 
Nachträge zu dem vor einigen Jahren von mir veröffent- 
lichten Chemnitzer ürkundenbuche, die ich im Laufe dieses 
Jahres bei Gelegenheit archivalischer ßevisionsreisen auf- 
gefunden habe. Unsere Zeitschrift, die vor allem mit dem 
grossen sächsischen Urkundenwerke stets Fühlung halten 
soll, dürfte der geeignetste Platz für diese Nachträge sein, 
obwohl dieselben nur für einen beschränkten Kreis der Leser 
ein unmittelbares Interesse haben können. 

Der grösste Theil stammt aus dem Archive der 
Stadt Chemnitz, über welches ich bereits im Vorbericht 
zum Urkundenbuche (S. X) einige Notizen gegeben habe. 
Dasselbe hat eine günstigere Vergangenheit gehabt als 
viele andere Rathsarchive Sachsens, und auch neuerdings 
ist von den städtischen Behörden in würdiger Weise da- 
für gesorgt worden. Bereits im Jahre 1870 hat Dr. Paul 
Pfotenhauer im Auftrage des Stadtrathes die Repertorien 
revidiert und ein Urkundenverzeichnis angelegt; dann 
war Chemnitz die erste Stadt, welche den seitens der 
Staatsregierung geäusserten Wünschen nachkam und die 
angebotene Beihilfe eines Archivbeamten zur Unterstützung 
der weitern archivalischen Ordnungsarbeiten beantragte. 
Als ich zu diesem Zwecke im Sommer 1878 nach Chemnitz 
kam, musste ich allerdings bald erkennen, dass der Zeit- 
punkt für diese Arbeiten nicht sehr glücklich gewählt war, 
weil ein anhaltendes Arbeiten in den dumpfigen Locali- 
täten, in denen damals das Archiv lag, sich als unmög- 
lich erwies. Zugleich wurde mir mitgetheilt, dass eine 
Umsiedlung des Archivs in neue Räume nahe bevorstand. 
Dieselbe erfolgte anfangs 1880. Die vormalige Turnhalle 
der zum neuen ßathhause umgebauten höheren Bürgerschule 
(Poststrasse 51) bot einen durchaus geeigneten Archivraum, 
und die Aufstellung der Archivalien in 9 hohen Doppel- 

19* 



292 Hubert Eirmisch: 

schrägen verdient alle Anerkennung. Auch die Ordnungs- 
arbeiten hatten, dank der Bemühungen der städtischen 
Archivare Zimmer und Kiefer, einige Fortschritte gemacht, 
wenn auch freilich noch ziemlich viel Detailarbeit auf 
sachkundige Ausführung wartet. Hoffentlich gelingt es 
der städtischen Verwaltung, für die Lösung dieser Auf- 
gaben, welche die Kräfte der ohnehin vielbeschäftigten 
städtischen Registraturbearaten des Inhalts und der Schrei- 
bung wegen überschreiten dürften, einen geschulten Histo- 
riker zu interessieren. Als ich vor einigen Monaten dem 
Chemnitzer Stadtarchive nochmals einen Besuch abstattete, 
reichte meine Zeit allerdings zur Ausführung dieser lang- 
wierigen Arbeiten, unter denen die Ordnung der aus zahl- 
reichen losen Blättern bestehenden „Rathsprotokolle" vom 
16. Jahrhundert an zunächst wünschenswerth wäre, nicht 
aus. Dagegen nahm ich eine Ergänzung des Urkunden- 
repertoriums vor. Bei der Umräumimg hatten sich näm- 
lich nicht weniger als 43 Originalurkunden aufgefunden, 
eine sehr erhebliche Bereicherung des bisher aus 155 
Nummern bestehenden Urkundenarchivs. Meist hatten 
sie wohl seit vielen Jahrzehnten in unzugänglichen Winkeln 
gelegen; in den 1848 aufgestellten Repertoriea fehlen sie, 
und auch den eingehenden Nachforschungen, die Dr. 
Pfotenhauer und ich zu wiederholtem Male für die Zwecke 
des Urkundenbuches im Archive vorgenommen haben, 
sind sie entgangen. 15 von diesen Urkunden wären für 
den Codex diplomaticus zu benutzen gewesen. Darunter sind 
mir die unten als No. 91^, 128^ 129\ 13P, 26P, 269^ 
269^ und 47P mitgetheilten Dokumente ganz unbekannt 
geblieben. Zu No. 91 war eine Erweiterung zu geben. 
Zu den Nummern 13, 34, 43, 89, 180, 269, welche im 
Urkundenbuche nach Abschriften, Entwürfen oder Ueber- 
setzungen mitgetheilt worden sind, haben sich die Originale 
gefunden. Ich füge hinzu, dass das Original von No. 18 mir 
im vorigen Jahre durch Herrn Stud. O. Langer in Leipzig, 
in dessen Besitz es gelangt war, freundlichst zur Kollation 
überlassen wurde; auch dieses ist jetzt auf den Wunsch 
des Genannten dem Chemnitzer Rathsarchive, dem es ur- 
sprünglich angehört hat, wieder einverleibt worden. 

Weitere Ausbeute für unsere Nachträge gewährte das 
gut geordnete und bisher noch sehr wenig gekannte und 
benutzte Fürstlich und Gräflich Schönburgische 
Gesammtarchiv zu Glauchau. Dasselbe wurde mir 
gelegentlich eines Aufenthalts in Glauchau, der zunächst 



i 



Nachträge zum Urkunden buche der Stadt Chemnitz. 293 

der Revision des dortigen Stadtarchivs galt, durch die 
Herrea Kanzleidirektor Zückler und Sekretär Lossius bereit- 
willigst zugänglich gemacht, und ich fand eine überraschend 
grosse Anzahl von Dokumenten, die für die verschiedenen 
Abtheilungen des Urkundenwerks von Interesse sind. Die 
Geschichte von Chemnitz betrafen davon 6 Nummern 
(No. 39»', 46^ 57^ 91'», US\ 395^). Weniger ergiebig war 
die Durchsicht der drei anderen Schönburgischen Archive 
in Glauchau und Waidenburg; das einzige Dokument in den- 
selben, das für das Urkundenbuch von Chemnitz zu be- 
nutzen gewesen wäre, war das Original von No. 385. 

Wir fügen endlich als No. 423'* eine kürzlich von 
der Amtshauptmannschaft zu Chemnitz dem Hauptstaats- 
archiv zu Dresden übergebene Originalurkunde auszüg- 
lich bei. — 

Was den Inhalt unserer Nachträge anlangt, so ist der- 
selbe allerdings theilweise nicht sehr erheblich. Immer- 
hin erweitert er unsere Kenntnis der städtischen Geschichte 
von Chemnitz nach verschiedenen Richtungen hin. ' 

No. 39^ 46'> und 57'* betreffen die Ortwinische Stif- 
tung und sind mit No. 42 und 44 zusammenzustellen. 
Hans der ältere und Hans der jüngere von Waidenburg 
und Burggraf Albrecht von Leisnig hatten, vermuthlich 
in einer Fehde, die Gebrüder Franz und Johannes Ortwin 
aus Chemnitz erschlagen. Für das Seelenheil der Er- 
mordeten hatten deren Verwandte einen Altar zu Ehren 
des h. Leichnams und des h. Sigismund gestiftet und mit 
einer Busse von 1 10 Schock Groschen, welche die Mörder 
auf Grund einer um 1370 von Markgraf Friedrich zu 
Stande gebrachten Vereinbarung gezahlt hatten, dotiert. 
Die bischöfliche Bestätigung dieser Stiftung vom 17. August 
1371 erwähnt auch einer Schenkung von I72 Schock aus 
der Bleiche, welche der Altzeller Mönch Franczko und sein 
Bruder der Priester Johannes Albi (Wishennil), unter Vor- 
behalt des Niessbrauches auf Lebenszeit zu diesem Altar ge- 
macht hatten. No. 39'' ist die über diese Schenkung aus- 
gestellte Urkunde vom 17. Dezember 1368; es lässt sich auf 
Grund derselben vermuthen, dass die Ermordung der Ge- 
brüder Ortwin im Jahr 1368 erfolgt sei; denn die Stiftung 
der ewigen Messe zu ihrem Seelenheil war bei Ausstellung 
dieser Urkunde noch nicht vollendet. 

In welchem Verhältnis die Familie Albi oder Wishennil 
zu den Ortwineu stand und was sie veranlasste, zu der 
Altarstiftung beizutragen, ist aus dem vorhandenen Material 



294 Hubert Ermiach: 

nicht ersichtlich. Franciscus Albi hatte verschiedene Forde- 
rungen an die Familie Ortwin; unter anderem konnte er freies 
Quartier im Hause des Nicolaus Ortwin beanspruchen, so 
oft er nach Chemnitz kam. Wir erfahren dies aus dem Ver- 
gleiche No. 46^ vom Jahre 1379, durch welchen diese Ver- 
hältnisse gelöst wurden; er überliefert uns auch den Namen 
des ersten bekannten Chemnitzer Stadtschreibers, Johannes 
Franko. Johannes Albi war, wie sich aus No. 57^ ergiebt, 
Altarist des neu begründeten Altars; wegen Augenschwäche 
legte er 1389 die Verwaltung desselben nieder, behielt 
aber den grössten Theil der Einkünfte aus dem seit 1383 
(vergl. No. 52) dem Altare incorporierten Dorfe Meinersdorf. 

Die grosse Stiftung des Priesters Nicolaus Ebersdorf 
(No. 9P), von dem andere Stiftungen bereits bekannt sind 
(vergl. No. 68, 72), nennt uns die damals in der Jacobi- 
kirche und im Hospitale vorhandenen * Altäre und die 
Namen ihrer Altaristen und hat auch Interesse für die 
Geschichte des Armen wesens; insbesondere mag auf der 
Berücksichtigung der verschämten Armen (pauperes qui 
alias erubescant mendicare publice) hingewiesen werden. Von 
geringerem Interesse ist die bischöfliche Bestätigung einer 
anderen frommen Stiftung No. 91^ Auch No. 128^ 129\ 
131 , 26P betreffen Altarstiftungen; in No. 13P (von 1442) 
wird der erste dem Namen nach bekannte Chemnitzer 
Schulmeister genannt. No. 128^ und No, 131^ geben zu- 
gleich Ergänzungen zur Rathslinie der Stadt Chemnitz^), 
während No. 148'' als einer der wenigen Belege für die 
Thätigkeit des Chemnitzer Schöffencollegs aufgenommen 
worden ist.^) Von topographischem Interesse ist der Kecess 
über die Eöhrwasserleitung No. 269»>. No. 269«^ betrifft 
den 1478 erfolgten Verkauf der Pfortenmühle durch Paul 
Hann, der dieselbe 1477 von den ßleichgewerken gekauft 
hatte (vergl. No. 266), an Ulrich Schütz; dieser verwandelte 
sie später in eine Walkmühle (No. 273). 

Zu dem Urkundenbuch des Klosters gehören die 
beiden Zinsverschreibungen No. 395^ und 471** sowie der 
Lehnbrief No. 423^ 

Was die übrigen Nachträge anlangt, so weichen aller- 
dings die Originale von Nr. 13, 18, 34, 43, 89, 180, 269 



') Vergl. meinen Aufsatz über die Rathslinie der Stadt Chem- 
nitz bis 1484 in den Mittheilungen des Vereins für Chemnitzer 
Geschichte II, 130 flf. 

•) Vergl. Cod. dipl. Sax. reg. II. 6, XXIV, 



Nachträge zum ürkundenbuche der Stadt Chemnitz. 295 

und 385 in vielen graphischen Einzelheiten von den Vorlagen, 
aus denen die Drucke geflossen sind, ab; doch mag eine 
Mittheilung der wesentlicheren Varianten genügen. Nur 
Nr. 89, als eine der wichtigsten Urkunden der ganzen 
Sammlung, und No. 43 und 180, von denen mir früher 
nur eine Uebersetzung beziehentlich ein vielfach abweichender 
Entwurf vorlagen, habe ich vollständig abdrucken lassen. 
Eine den Verkauf des Schwenkenstein'schen Hauses an 
den Altar corporis Christi betreffende Aufzeichnung, welche 
mit No. 91 im Widerspruch steht, habe ich als Anmerkung 
dazu nachgetragen. 



Za Ho. 13. (1881 Juni 2.) 

llt/nchr.: Oriy. Perg. RnthmrcUiv Chemnitz No.2b. Von den 4 on rerganuntgtriifen, 
befentigten Siegeln ist tmr ein Fragment des (rsfen (Abi Virich : wie Tafel 3 Fig. 1) 
und das dritte (Stadt Alietiburg: schildförmig, mit dem Jteichsadler und der Um- 
schrift ....Idenbvrg tcie an Xo. 8) erhalten, nährend die Siegel des Heinrich von 
Waidenburg und der Stadt Zirickau fehlen. 

Der Text zeigt zahlreiche graphische Varianten, aber keine inhalt- 
lichen Abweichungen. Ich bemerke nur, dass S. 11 Z. 10 Hannus 
{nicht Heinrich) Marschalk von Vroburg zu lesen ist. 



Zu Ko. 18. (1852 März 11.) 

Hdschr. : Orig. Perg. RaVtsarchiv Chemnitz A'o. 4 b. Das ehedetn an Pergamentsir. 
befestigt geicesene Stadtsiegel ist abgeschnitten. 

Der Text entspricht, abgesehen von i-ielen graphischen Varianten, 
im wesentlichen der Abschrift A. Unter den ahioeichenden Lesarten 
mögen die folgenden hier verzeichnet werden : S, 14 Z. 21 Dithrischs- 
dorf. 28 Dithrich von Crymmeschaw. 29 Heynich von Ebersdorf, 
Wishennel, Ticze Cziechner. 30 Holsczel. 31 Cunad Kramer. 
S. 15 Z. 11 waz her iz. . . .so schal iz her aber. 18 geyn der gemeync. 
22 darumbe {st. darüber). 29 mid eyner furkruckin. 32 erafte {st. 
ehafte). 8. 16 Z.5 cwey. l\. {st. zwey y, Wiederholung der Zahl in 
Zeichen). 13 vorbritt {st. vorbrinnt). 15 uf syne buwe und sienen 

{st ufbuwen und steyne). 



Zu No. 84. (1867 Juni 28.) 

Hdschr.: Orig. Perg. Rafhsarchiv Chemmiz No. 12b. Das ehemals an Pergamentstr. 
befestigt gewesene Siegel ist abgefallen. 

Varianten : S. 30 Z. 28 Mißenensis. 29 cum {st. dum). 31 dyocesis. 

35 Gyten. seu. 36 seu. S. 31 Z. 2 magnifici. 3 Mißenensis. 6 seu. 

9 dyocesana. 13 auctoritate. 17 etc. ist zu streichen. 



JSo. 89 b. 1868 Dec. 17. 

Mehrere Bürger zu Chemnitz und Mittweida und Hensil Pössel von 
Schweidnitz überlassen Vi% Schock jährlicher Zinsen auf allen ihren 
Anthetlen an der Bleiche den Altzeller Conventualen Johannes und 
Frenczel Wishennel unter der Bedingung, dass nach ihrem Tode 
diese Zinsen an die von der Ortwinin und ihren Söhnen gestiftete 

ewige Messe fallen sollen. 



296 Hubert Ermisch: 

Hdschr. : Orig. Pirg. FiirsU. und gräfl. Schönburg. (Jammmtarchiv Glauckait. Rep. XI V, 
Lüc. 421—424. No. J9Ö. Das schadhafte Skgd un Peryaiiuntstr. Vgl. Taf. 1 No. 2. 
Anm.: Vergl. No.42. 

Ich Niclaus Schultheize, Frenzcel Sweukinstoyn , Walther 
SchoDEw, Peter van Mittelbach, Mathias Malczmeister, Niclaus Cerdo, 
Hannus unnde Niclaus van | Pygaw gebrudere bürgere zcu Kempnicz, 
Niclaus Stolle, Dithrich Widrer bürgere zcu der Mitweyde unde 
Hensil Possei von der Swydnicz bekennen offinlichen mid | diesem 
geinwertigen brieve allen den, dy yn seheen horin ader lesin, daz 
wir unde unsere erben gemeynlichen mid gutem willen unde mid 
wolbedachtem mute | recht unde redlichen vorkauft haben uf der 
bleiche zcu Kempnicz uft* alle unsern tayln unde uff allem deme, 
daz darzcu geboret, hern Johannes Wishennil priestere unde hern 
Frenzcel Wishennil sieme brudere munche des closters zcu der 
Celle») andirthalb schog guter nuwer groscheu Friebergischer munzcen 
jerliches zcienses unde ewiges, der do alle jar halb uf send Johannes 
des toufers tag unde halb uf send Martini tag, der darnach volget, 
unvorzcoginlichen unde ane allerley hindernis gevallen schuUen unde 
schal, unde haben ^yn den vorgnanten zciens gegeben umbe eyn 
vierteyl von der mul, dy da gelegen ist vor der stadpforten, des 
sie uns gereyt abegetreten siend, doch mit sulchem undirscheide alz 
hernachen beschrieben steet: alzo daz dy vorgnanten herren, her 
Johannes unde her Frenzcel den gnanten zciens yunemen unde uf- 
heben scliullen, dy wile sie leben; wenne sie aber abgeen, so schal 
der vorgnante zciens ewiclichen furbaz me zcu der ewigen messe, 
dy dy Ortwynyn unde Niclaus unde Mathias ire sune gestift haben 
unde stieften wollen, gehorin unde eyme priestere, der dy messe 
liest, alz hy vor geschrieben steheet, gevallen. Darzcu so globen 
wir unde unsere erben, wenne wir daz getun mugen, daz wir yn alz 
eyn gut gewissen zciens an eyner andern stad, wo wir mugen, zcu 
der gnanten ewigen messe zcu eym« eygen schicken unde bewiesen 
wollen, unde wenne wir daz getun, so schal man uns unde unsern 
erben diesen geinwertigen brief widergeben unde schuUen furbaz mer 
des obgnanten zciens vry quyt ledig unde los sien. Das daz stete 
gancz unde unvorbrochenlichen gehalden werde, des haben wir ge- 
meynlichen dy bürgere von der stad zcu Kempnicz vlelichen gebeten, 
daz sie^ zcu eyme bekentnis unde zcu eyner ewrkunde dieser vor- 
schrieben Sachen, dy in ir geinwertikeit gescheen ist, der stad 
gros ingesigel durch unser bete willen an diesen geinwertigen brief 
haben lazen hengen, der do gegeben ist nach gots gehurt driczen 
hundert jar in deme acht unde sechzcigesten jare am suntag vor 
sende Thome tag des heiligen zcwelfbotin. 



ft) Offenbar identisch mit Franczko und Johannes Albi (S. 87 Z.4. 5). 



No. 43. 1371 Not. 21. 

Hdschr. : Orig, Perg. Ruthsarchiv Chemnitz No. lö b. Für die beiden fehlenden Siegel 
sind Einschnitte im Pergament vorhanden. 

In nomine domini. Amen. Sagax humane fragilitatis discrecio 
nos ammonet, ea, que ex nostra certa sciencia emanant, in tempore 
scripturarum serie perhen|nari, ne simul cum tempore ab hominum 
memoria evanescant. Nos igitur Fridricus dei gracia episcopus 
ecclesie Merseburgensis universis et singulis in perpe | tuum presencia 
visuris et audituris nolumus occultari, quod honestus et discretus 
vir Franciscus de Swenkensteyn opidanus in Kempnicz | volens de 



Nachträge zum ürkunden])uche der Stadt Chemnitz. 297 

terreuis boiiis a deo coUatis sibi in celestibus thesaurizare a famoso 
milite Hinrico marscalco de Froburg justo empcionis titulo quatuor 
sexagenarum latarum redditus in et de villa inferiori Frankenhayn 
annis singulis ministrandas et levandas (sie!) comparavit ipsasque 
cum Omnibus suis juribus, sicuti a nobis et ecclesia uostra in pheodo 
aliquamdiu tenuit et possedit, ad altare beate Marie virginis in 
ecclesia sancti Jacobi opidi Eempniczensis Misnensis diocesis in 
sui et progenitorum suorum animarum remedium salutare assignavit 
donavit et legavit, supplicans nobis instanter et devote, quatenus 
ipsos redditus predicto altari annectere et incorporare diguaremur. 
Volentes itaque in augmentum missarum oracionum ac divini cultus 
acceptabile deo servicium impendere ac fide.is nostri dilecti Frans- 
cisci (sie) predicti pium affectum in laudera sancte et individue 
trinitatis ac beate Marie virginis in effectu adimplere , liberft 
nicbilominus resignacione omnium, quorum intererat, precedente, 
de consensu et voluntate unanimi tocius capituli ecclesie nostre 
Merseburgensis prenotatas quatuor sexagenas in et de villa 
Frankenheym ut prefertur ministrandas cum omnibus suis juribus 
pertinenciis et usufructibus, que eisdem in sunt vel in esse poterunt 
in futurum, predicto altari beate virginis Marie annectimus douamus 
approbamus et in dei nomine incorporamus, nichil nobis et ecclesie 
nostre in eisdem juris reservantes. Et ne hec nostre incorporacionis 
sollempnitas in posterum calumpnie vicio polluatur presentem 
litteram nostro et capituli nostri sigillis dedimus communitam. 
Et nos dei gracia Petrus prepositus, Bodo decanus totumque capi- 
tulum ecclesie Merseburgensis pretacte, ad exprimendum consensum 
nostrum et voluntatem premissis afTuisse, unde sigillum nostri capituli 
una cum sigillo reverendi in Christo patris et domini nostri domini 
Fridrici episcopi presentibus dedimus appendendum. Sub anno 
domini millesimo trecentesimo septuagesinio primo, vicesima prima 
die mensis novembris. 



5o. 46 b. 1379 Juli 19. 

Gckorne Schiedsrichter machen einen Vergleich zwischen dem Alt- 
zeller Mönche Franciscus und dem Chemnitzer Bürger Nicolaus 
Ortwini wegen des dem erstem vertrag smässig zugesicherten Bechtes, 
im Hause des letztern zu wohnen, so oft er nach Chemnitz komme, 
wegen einer Summe von 18 Schock und anderer Streitpunkte. 

Hdsschr. : Orin. Pery. Fürstl. und gräfl. Schönburg. Gesammtarchiv Glauchau. 
Loc. 421 Ao. 16b. 4 unten au/gedrückte Siegel (1. S. grün, 3. 4. roth) sind 
bis auf wenige Reste abgefallen. Das am Rande schadhafte Archtdiacofuiissiegcl 
an Pergamentstr. zeigt ein ähnliches Bild, wie Tafel S Fig. 6; Umschrift: 
8igilliiin arehidiaconatus 

Nos Luppoldus de Rudnicz a) professus monasterii beate Marie 
virginis in Kemp|nicz ordinis sancti ßenedicti, Frowinus, Petrus 
de Borch canonicus ecclesie sancti Ge|orgii in Strigonio^), Andreas 
Helwici altarista in hospitali extra mu|ros Kempnicz, Johannes 
Franko notarius civitatis Kempnicz et Franciscus Swenkinsteyn civis 
in Kempnicz singnificamus tenore presencium quibus expedit uni- 
▼ersis, quod religiosus vir dominus Franciscus c) professus monasterii 
Veteris Celle beate Marie virginis ex una et discretus et circum- 

»j Erscheint 1S75 tmd 1376 als Prior des Benediciinerklosiers (S. 39, Z. 38, 
S. o3o, A. 1. 

h) Gran in Ungarn? 

c) Identisch mit Franczko Albi (37, 4) oder Wishmnel (Xo. 39 b). 



298 Hubert Ermisch: 

spectus vir domiuus Nicolaus Ortwini civis iu Kempuicz parte ex 
altera nos ad concordandum et amicabiliter inter eoB compoDendum 
quarundam dissensioimm materias, que iuferius exprimuntur, con- 
corditer eleserunt. Quarum disseusionum materia talis erat, quod 
predictus dominus Franciscus eundem Nicolaum Ortwini vigore 
cujusdam littere sigillate sigillo archidiaconatus Kempniczensis super 
quodam certo articulo in eadem expresso, videlicet quod antedictus 
Nicolaus ipsum dominum Franciscum, quociens in Kempnicz ve-' 
nierit, in domum suam cum familia sua suscipere deberet et honeste 
pertractare, et pro XVIll sexag. gr. Misnensium et quibusdam rebus aliis 
iupetebat. Nos igitur consideratis eis, que nobis per utramque partem 
proponebantur, et inter nos eis diligenter ruminatis et matura deli- 
beracione discussis, attendentes in humanis rebus nichil melius esse 
amicicia, primo pronuncciavimus et presentibus pr-onuucciamus, inter 
partes predictas bonam debere esse amiciciam, secundo quod pre- 
dictus Nicolaus Ortwini solvere debet et pagare domino Francisco II 
sexag. gr. Misnensium in parato, quibus solutis ipse Nicolaus liber 
solutus et quitatus in perpetuum esse debet ab omni inpeticione, 
tam a suscepcione domini Francisci in hos^icium suum sive domum, 
a XYIII sexag. predictis ac rerum omnium aliarum, de quibus dominus 
Franciscus ipsum Nicolaum hactenus inpetebat, et quod vigore istius 
littere predicte dominus Franciscus eundem Nicolaum nuncquam in 
antea inpetere debet, set ad omnia puncta et capitula in ea contenta 
et dominum Franciscum conceruencia nuUam roboris optineat firmi« 
tatem. Acta et pronuncciata est hec amicabilis composicio anno 
domini M^^CGCLXXIX., feria tercia proxima ante festum beati Jacobi 
apostoli. In quorum omnium evidenciam pleniorem presentem nostre 
concordacionis litteram nostris sigillis duximus sigillandam. 

Et nos Theodericus officialis venerabilis in Christo patris ac 
domini domini Heinrici abbatis et archidiaconi Eempnicensis pre- 
sentem litteram et omnia in ea contenta appensione sigilU nostri 
officii ratificamus approbamus et confirmamus. 



&o. 57b. 1389 Not. 26. 

Heinrich, Abt des Bendictinerhlosters zu Chemnitz, vergleicht den 

Ältaristen des Altars corporis Christi Johannes Albi und den 

Bürger Nicolatis Ortwyni zu Chemnitz wegen des genannten Altars 

und der Einkünfte aus dem Dorfe Meinersdorf. 

Hdschr.: Orig. Perg. (Uniiert). Fürstl. und gräß. Schönburg. Oesammiarchiü Glauchau. 
Loc. 424 No. 181. Unbedeutende Reste des Siegels an Pergamentstr. 

Nos Heynricus dei gracia abbas et archidiaconus Kempniczensis 
recognoscimus tenore presencium publice profitendo, quod | constituti 
nostri in presencia discreti et honesti dominus Johannes Albi rector 
altaris corporis Christi in ecclesia parochiali sancti Jajcobi in Eemp- 
nitz ex una et Nicolaus Ortwyni opidanus Kempniczensis Misnensis 
diocesis parte ex altera monentes et | proponentes quasdam litigii et 
controversie causas eciam alias coram nostro officiali motas et pro- 
positas, super quibus amicabiliter decidendum in nofii tanquam arbi- 
tratorem et amicabilem compositorem non compulsi set ex certa 
seien cia libere spontanee compromiserunt quidque sie per nos dic- 
tatum decretumve fuerit, sub pena. solucionis medie carrate bone 
cerevisie Kempnitzensis nobis sine fraude et contradiccione se ser- 
vaturos perpetue promiserunt, nos igitur Heynricus abbas et archi- 
diaconus predictus habita premeditacione matura et consiliis nostro- 



Nachträge zum Urkunden buche der Stadt Chemnitz. 299 

rum freti ipsas partes premissas uuivimus et coucordavimus iu hunc 
modum, quod ipse dominus Johannes Albi predictus a celebracione 
siye officiacione altaris sui si maluerit per amplius debeat propter 
sui Visus debilitatem penitus esse über solutus et quietus suique 
censas de villa Meinerstorf suo altari annexa et appropriata omnes 
integri yidelicet pecuniarum puUorum et caseorum et de bleka sive 
dealoatorio, si quos habet, terminis debitis, dempta una sexagena cum 
viginti grossis usualis pagamenti, dari et solvi debebnnt domino 
Johanni sepe dicto, omnibus dolis et contradictionibus proculmotis. 
Dictam quidem sexagenam cum XX gr. Nicolaus Ortwyn sublevare 
debebit et officiacionem sive celebracionem dicti altaris de eisdem 
plenarie nrocurare et in tantum, si opus fuerit, dicte summe pecu- 
niarum addere, quod officiacio sive cel'ebracio altaris memorati nuUum 
decrementum in aliqua sui parte paciatur. Insuper rusticos sive 
homines dictam villam Meinerstorf inhabitantes Nicolaus Ortwyni 
protegere et gubernare debebit in suis juribus villam conservando 
suis propriis sumptibus et cxpensis. In quorum omuiuni et singu- 
lorum premissorum testimonium presentem litteram nostri sigilli 
majoris muniuime fecimus roborari. Datum et actum anno domin i 
millesimo trecentesimo octuagesimo nouo, feria sexta proxima post 
Illizabeth vidue. 

1^0. 89. 1414 Febr. 13. 

Hdachr.: Orig. l'erg. Batlisarchic Ab. 82b. Das Gemmensiegil an Pergamentstr. 
Durch einen Einschnitt cassiert. 

Wir Friderich der eider von gotes gnaden lantgrave in Doringen 
marcgrave zcu Missin und pfalczgrave { zu Sachsen bekennen und 
thun kunt offintlichen mit diesem briiTe allen den, die yn sehiu 
adir hören lesen, | das vor uns kommen ist groz czweitracht und 
Unwille, der gewest ist czwischen den reten und der gemeynde | 
unser stat Kempnicz unsern liben getruwen, darumbe wir eynen 
sacz czwisschen yn gemachet haben, als hirnach geschrebin stehit, 
und wollen euch ernstlichin bie unsern hulden, daz der also ge- 
halden werde, als ferre sie unser swere Ungunst vormyden wollen. 
Czum irsten seczczen und wollen wir, daz alle ynnunge der hant- 
werke, die sie bisher gehabt haben, genczlichiu abe sin euch nicht 
meister haben sollen , sundem zcusampne mögen sie gehen ^ mit 
willen des rates. Ouch sollen sie keyne uffseczcze noch eynunge 
machen under yn hinder dem rate. Werde yn ouch ichtes gebruch 
adir not, des sollen sie sich an dem rate irholen. Wer ouch in 
eynem handwerke meister werden wil, der sal zcu den kerczen 
desselben handwerkes czwey pfund wachses gebin. Ouch sollen die 
rethe vir bannyr machen lassin, ab der die stat gereyte nicht hat, 
und sollen uss iglichem virteyle der stat czwene kisen, eynen uss 
dem rate und eynen uss der gemeyne, und man sal yo czwen eyn 
bannyr befeien, ab des der stat adir unser herschafft nod geschege, 
die dy bannyr vorstehin und vorwesen nach unser ^herschafft und 
der stat besten. Ouch seczczin wir, daz furdermer dry burgermeister 
und drie rete nach uuserm rate sin sollen, die der aide rat sal 
kisen und wir sie bestetigen sollen, also daz y obir daz dritte iar 
eyn burgermeister mit synen eydgnoßen siczcze, als ferre sie daz 
umbe uns und unser herschafft behalden. Wir wollen ouch, daz alle 
jar vir uss der gemeyne in dem rate siczczen. So sollen ouch 
czwene uss dem alden rate in dem nuwen rate siczczen bliben, uff 
daz daz sie den nuwen rat sulcher gescheffte, als daz vorgangen jar 



300 Hubert Ermisch: 

in dem rate gehaudelt sin, deste baz uuderrichten mögen. Ouch 
sal furdermer eyn igliclier schoßen von alle syner habe, woran er 
die hat, und von allen synem gcwerbe. Waz ouch der rat furdermer 
geschoßes nymmet, daz sollen sy von manne zcu manne berechin. 
Des zcu orkunde haben wir unser insigil an disen briff wissentlichin 
hengen lassin, der gegebin ist nach gotes geborte virczen hundert 
jar darnach in dem virczenden jare am dinstage vor sendte Valen- 
tini tage. 

Za So. 91. (1415 Mai 10.) 

In einem auf Bitten des Jöh. Hauschilt, Altaristen des Altares des 
^Evangelisten Johannes in der Jacobikirche zu Chemnitz, aufgenomme- 
nen Notariatsinstrumente des Notars Johannes Walack, d. d. Chem- 
nitz 1513 Juli 19 (Orig. Ferg. Rathsarchiv Chemnitz No. 104 hj ist die 
nachstehende Stelle transswniert, nach welcher der fragliche Haus- 
Jcauf bereits 1402 stattgefunden haben soll. Entnommen ist diese 
Stelle einem antiquissimum missale, in cujus marginibus scriptura anti- 
quissima necnon jura ipsius domus altaris sancti Johannis evangeliste 
comperta fuere, que vix ob eorum antiquitatem legi potuerunt. Diese 
Beschreibung berechtigt wohl zu Misstrauen gegen die Genauigkeit 
der Wiedergabe; der gleichzeitige Eintrag des Geschossbuches dürfte 
mit Bezug auf die Zeitangabe als zuverlässiger gelten k(mnen. 

Propter carentiam hospitii ipsius altariste altaris corporis Christi 
magister Nicolaus Huuter motus pietate dimidietatem domus quondam 
Schwengkensteyn emit eamque dotavit legavit et donavit in perpe- 
tuum prefatum altaristam (sicj possidendara se devotione sue (sie) 
recornmendans devotissime supplicans et precordialissime affectans 
ab eodem, qui tunc est cappellanus, quatinus ob amorem divine 
pietatis et misericordie ob vicissitudinis recompensam ipsius magistri 
Nicolai singulis quatuor temporibus anni de sero cum vigiliis mane 
missa pro defunctis dignetur habere memoriam et eidem suffragari 
ob spem eterne remuuerationis in hoc onerans suam conscienciam, 
quia per multa incommoda, que ratione altaris prefati passus est, 
plura commoda eidem altari acquisivit. Item preiata domus a cap- 
pellanis duobus scilicet altaris corporis Christi et sancti Johannis 
evangeliste debet possideri. Et definitum est per consilium civitatis 
pro(?) cannali ipsius domus, quod vicinus scilicet ßaltasar aut ipsius 
posteri ipsam domum inhabitantes sine prejuditio et damno ipsorum 
cappellanorum locari et teneri debet, ipsi vero cappellani in recompen- 
sam tenebunt partes sub cannali precogitate domus. Alios vero parietes 
et circumferentias curie seu partes posterioris domus quilibet tenebit 
pro parte sua sine prejuditio et damno sui vicini. Hoc definitum est 
anno M'CCCCII. proconsule Melzer existente et scriptum ad missale 
per magistrum Nicolaum Huter protunc altaristam iustauratum. 



Ko. 91b. Chemnitz, 1415 Aug. 28. 

Nicolaus Ebersdorf j Canonicus in Biebra und Zscheila und Altarist 
des Altars der hh. Barbara und Margaretha in der Jacobikirche 
zu Chemnitz, eignet dem beständigen Vicar der letztgenannten Kirche, 
den Altaristen mehrerer Altäre in derselben und im Georgshospital 
und dem Pleban zu S. Nicolaus sowie deren Nachfolgern jährliche 
Zinsen von einzeln aufgeführten Gartengrundstücken bei Chemnitz^ 
und bestimmt die Verwendung derselben zu Seelenmessen und 

Almosen. 



Nachträge zum Urkundenbuche der Stadt Chemnitz. 301 

Hihchr.: Griff, Perg. Fnrstl. und f/ri(jl. SchÖHhury. (hmimmUirchiv Oluuclmn. 
Lov. 421 No. Ü4. Mit Jiinschniiten fiir 14 Siegel, von denen 4 erhaltt n, für H 
weitere Jitnie von Pßryamentsir. vorhanden ttind. i) Schild: undeutliche Figur, 
rmschr. : H. Nicolai de l'^hersdorf. 2) Bild h. Maria. Vmschr. : 8. Johannis Hil- 
hrandi .... S) Vgl. Taf. 1, No. 7. 4) Bild : BrustbiUi eines Heiligen mit dem 
Kelche in der Linken. Vmschr.: Sigilium (irogiirii Luterbach. 

In nomine domini. Amen. Cum universorum . Hinc est, 

quod ego Nicolaus Ebirsdorf presbiter sanctorum Justi et Clementis 
in Bybra Maguntinensis et sancti Georgii in Sczilaw Misnensis diocesis 
canonicus necnon sanctarum Barbare et Margarethe altaris in ecclesia 

sancti Jacobi in Kempnicz dicte Misnensis diocesis altarista 

infra scriptos redditus annuos per me proprio de peculio comparatos 
ac legitime possessos et in proprios usus redactos coram te notario 
publico et testibus astantibus irrevocabili donacione circumspectis ac 
discretis viris Conrado vicario perpetuo ecclcsie parrochialis sancti 
Jacobi in Kempnicz, magistro Nicoiao Hüter corporis Cristi, Johanni 
de Witchendorf sancti Sigismundi »), Johanni Malczmeister beate 
virginis et omnium sanctorum ac sancti Georgii in hositali, Paulo 
Judicis Johannis evangeliste, Gregorio Luterbach sancte trinitatis, 
Petro Ybener sanctorum Petri et Pauli et Helferico sancti Spiritus 
altaristis in dicta ecclesia parrochiali altarium et extra muros Kemp- 
nicz ac sancti Nicolai plebano omuibusque ipsorum et meorum in 
altari beatarum Barbare et Margarethe successoribus perpetue dedi 
tradidi et donavi ac presencium tenore do trado et dono melioribus 
modo et forma, quibus donaciones cultui divino factas fieri conswe- 
verunt, sub Infra notatis clausulis et ordinacionibus perpetue possi- 
dendos et ab infra scriptis censitis seu colonis et ipsorum in sub- 
scriptis ortis successoribus pro tempore ex temporibus coUigendos 
recipiendos exigendos et distribuendos, quovis impedimento omnium 
ac quorumcunque meorum heredum, cujuscunque condicionis exti- 
terint, penitus semoto. Orti denique uno solo mutuo sunt sibi connexi 
et adherentes de agro quondam decimali partiti et in ortos redacti, 
inter ripam Berlspach, viculum parvum et ortos Johannis Rotolfi et 
rure Andree Erhard! in singulis quatuor lateribus confrontati. Herum 
coloni et censuales medietatem reddituum in feste sancte Walpurgis 
et residuam in feste sancti Michaelis solvunt medietatem: Petrus 
Essche sex grosses, Petrus et Paulus am Ende X grossos V hellenses, 
Smedichin VI grossos, Morensmyd XII gr., Stephan Fisscher XII gr.. 
Thumirnicht XIII gr., dy Hubenerinne VI gr., Gundeloch XII gr., 
Lange Nickel VI gr., Heinrich Gotfrid X gr., Langbusch XXVI gr., 
Paulus Fisscher VI gr., Lnbisch V gr., Pauel Romer IlUgr., Paulus 
Swenkensteyn XII gr., Apecz in der Awe VIII gr., Hennil Fisscher 
VI gr. , Nickel Burkirsdorf V gr., Thyme Gyseler XII gr., plebanus 
VI gr. , Gobil XII gr. , Springer XII gr., Heynrich Vogeler VI gr., 
dy Lcnemanynne XIII gr. et Nicolaus Ebirsdorf V gr. Herum 
reddituum summa ad tres sexagenas et quinquaginta unum grossum 
et V hellenses se extendit. Insuper et tres ortos ante valvam 
claustralem, quorum possessores seu coloni pronunc Weczil sutor 
unius, Conradus Wayner alterius et Pauil Flechser tercii existant, 
quorum quilibet XII gr. solvit annuatim medietatem in feste Wal- 
purgis et residuam medietatem in feste Michaelis, simili dona- 
cione supra scriptis dominis cessi ac pleno jure donavi census 
ipsorum totaliter in ijpsos transfundendo. Prescriptorum reddituum 
distribuciones ordine subscripto temporibus perpetuis ita serva- 
buntur et exequantur. Inprimis quidem iidem domini vicarius per- 

a) Idetiiisch mit Joh. Hildebrand (S. 73 Z. 80). 



302 Hubert Ennisch: 

petuus pro tempore nomine plebani existens et altariste, qui pre- 
sentes in opido Kempnicz fuerint, duos ex se ordinabunt redditas 
jam dictos in singulis scilicet terminis Walpnrgis et Michaelis me- 
dietatem a dictis ortorum colonis repetentes et colligentes. Ordine, 
ut inferius describitur, distribuant absque impedimento. Frimo eqaidem 

Siebanus certum diem, prout ipsi competere videbitur, post singulos 
ies Walpurgis et Michaelis censibus coUectis prefiget, in quo ipse 
plebanus cum suis cappellanis ac altaristis tredecim vel quatuordecim 
in numero personis seu cum aliis assumptis ad hoc in defectum al^ 
taristarum in ecclesia &) parrochiali Kempnicz vesperis finitis con- 
venient, vigilias soUempniter incipiant et cum novem leccionibns de- 
cantabunt subsequentique die singuli ipsorum missam pro defunctis 
cum commemoracione mei meorumque progenitorum celebrabunt 
commemoracionemque generalem videlicet „Non intres in Judicium^' 
alte legant et cum responsoriis conswetis ac Salve Regina decan- 
tando. Ob hoc distributores ordinati cuilibet personarum presbite- 
rorum quatuor grosses censuales distribuent et duos per nos nummos 
usuales adicient cuilibet in summa missa ad altare oiferendos. Yitricis 
vero ecclesie extunc, ne ecclesia in aliquo gravetur, tres grosses 
dabunt et ministro vel campanatori, qui representacionem feretri 
omet, luminaria incendat et extingwet, sedilia locet et conpulsacionem 
faciet, qualibet in commemoracione tres grossos, regenti chorum, 
ut summam missam cum scolaribus tractim decantare faciet, pro 
defunctis . unum grossum ministrabunt. lidem deni^ue coUectores 
in eisdem commemoracionibus leprosis in leprosano existentibus 
cuilibet ad manus equali divisione XV gr. proiciantur (sie) et 
pauperibus in domo, que conventus volgariter nunccupatur, pro 
reparacione domus seu in alios usus necessarios secundum exi- 
genciam inibi commorancium similiter XV gr. ministrabunt. Pre- 
terea ne occasione premissorum debita servicia ac conswetudines 
cuiquam subtrahantur, ordinati coUectores plebano pro tempore 
existenti census decimales de prescriptis redditibus ab olim debitos 
in singulis terminis Walpurgis et Michaelis XIj (=11 V>) gr., qnorum 
summa ad XXIII gr. annuatim se extendit, alios^ue X gr. de novo 
per me deputatos eidem, quorum medietatem ipsis prenominatis 
terminis ministrabunt. Insuper quia prescripti redditus Statute muni- 
cipali sunt subjecti. dicti coUectores consulibus in opido Kempnicz 
temporibus debitis de quatuor et dimidia marcis solvent impositam com- 
muniter exaccionem. Preterea coUectores, qui ordinati fuerint, ut 
premissum est, ut diligencius commissa exequantur, quilibet quatuor 
gr. de dictis redditibus de anno pro laboribus sibi inbursabit. Denique 
Omnibus et singuUs, ut prescribitur, ordinatis distributis et expeditis, 
iidem coUectores plebano et altaristis aut ipsorum lUl^^ ex ipsis 
faciant racionem. Si quid de dictis redditibus superflue et in reposito 
fuerit repertum, cum scitu plebani et altaristarum in usus egenornm 
et presertim pauperum, qui alias erubescant mendicare publice, con- 
vertetur, super quo ipsorum distributorum consciencia oneretur. 
Quodsi i'uturis in temporibus per quemquam succedencium impedi- 
mentum aliquid orietur, quod premisse ordinaciones non transsient 
in effectum, extunc consules ipsius opidi, ut possint et valeant, in- 
stare monere et procurare, quod predicte ordinaciones progressum 
realiter consequantur, plenum posse ob honorem ecclesie obtinebunt 
Ut autem premisse donaciones et ordinaciones irrevocabiliter per- 



a) ecclesie, Original. 



Nachträge zum Urkundenbuche der Stadt Chemnitz. 30ä 

petaam obtineant iirmitatem, te Gregorium notarium publicum requiro 
debita cum instancia, quatenus presentes litteras donaciouos ordi- 
naciones et disposiciones in se premissas continentes in publicam 
redigas formam signo et subscripcione tuis modo consueto, testes 
super hiis debitis requirendo. Sigillum denique meum presentibus 
duxi appendendum et nos Cunradus perpetuus vicarius, Nicolaus, 
Johannes, Johannes, Paulus, Gregorius, Petrus et Helfericus preno- 
minati per nostrorum sigillorum appensionom omnibus premissis 
nostrum consensum recognoscimus' accessisse. Acta sunt nee anno 
domini M® CCCCXV", indiccione octava, sede vacante, XXVIlf. die 
mensis augusti hora sexta vel quasi, in ecclesia parrochiali sancti 
Jacobi in Kempnicz Misnensis diocesis, presentibus honorabilibus et 
discretis viris magistro Nicoiao Beiger de Dresden, domino Petro 
Heyczer de Emfreaisdorf et domino Nicoiao Grabaczsch de Gzwickaw 
testibus Misnensis et Nuemburgensis diocesium ad premissa specialiter 
vocatis et rogatis. 

Et ego Gregorius Luterbach de Kempnicz clericus 

(Signum\ Misnensis diocesis publicus sacra imperiali auctoritate 
Notarii./ notarius, quia premissis — interfui — , super eo hoc 
publicum transsumptum confeci — . 



No. 91c. Meissen, 1416 Juni 22. 

B. Eudolf V. Meissen bestätigt die Stiftung eines in der Jacobi- 
hirche zu Ehren der Empfängnis Marie ^ der Apostel Petrus und 
Faultis und der hh. Donatus, Maria Magdalena, Juliana und der 
11 000 Jungfrauen begründeten Altars und seine Dotation mit 
7 Vi Schoclc jährlicher Zinsen auf Grundstücken in und bei Freiberg. 

Hdschr.: Orig. Perg. Rathsarchiv Chemnitz No. 88 h. Das Siegel an Pergamentsir. 

Budolfus dei et apostolice sedis gracia episcopus Misnensis. 

Sane quia certi census annui puta septem sexagene cum dimidia 
grossorum Misnensium Fribergensis monete de certis domibus habi- 
tacionum agris pratis ortis et possessionibusaliis singulis annis in suis 
terminis per certos incolas in et prope opidum Kempnicz nostre 
diocesis habitantes, yidelicet Johannes Kolers de ortu suo decem et 
octo gr., de ortu Judicis novem gr., de ortu Hermann Kempfen 
duodecim gr., Hannes Slegil de suo ortu Septem gr., Frenczel Wulif 
de domo quadam proprio gerbhus quatuor gr., de ortu Nickel Berg- 
wayner octo gr., de ortu Nicol. Slagkenwerde duodecim gr., de ortu 
Johannis Hertkeze duodecim gr., de ortu Ylman Keler sex gr, de 
ortu Nicol. Klugen quatuor gr., dictus Vnger quatuor gr. de quodam 
horreo, de domo et ortu Hannes Strokirchen duodecim gr., de domo 
et ortu Petir uffin Tamme Hllor gr., de horreo Nicol. Ritter sex gr., 
de domo et ortu Katherine Tuscherinne viginti gr. , de ortu dicti 
Haldenort quatuor gr., de ortu Winkeler novem gr., de ortu Johannis 
Sydel quinque gr., de ortu Nicol. Czindeler quinque gr., de ortu 
Conradi Eschin octo gr., de ortu Nicol. Molner novem gr. , de ortu 
Vlrici Snyder quatuor gr., de ortu Math. Sybottenhain Septem gr. et 
dimidium, de ortu Johannis Ebirhard novem gr., de ortu Nicol. Roseler 
quinque er., de ortu Markenstorif quatuor gr., Math. Yues de quodam 
stabulo duos gr., Math. Lodewig de quodam horreo duodecim gr., 
de horreo Petir Kuppfirsmid decem gr., de ortu NicoL Klugen duos gr., 
de ortu Frenczil Ebirhard quatuor gr., de ortu et molendino Michil 
Habirberger quindecim gr., de molendino Kempniczensi quindecim gr., 
de molendino alio videlicet walkmolen nominato sex flor. Yngaricales, 



304 Hubert Ermisch: 

Johannis Friczen quindecim gr. de siio cellario, dictus Magdeburg 
et Hannes Scbultheis sex gr. de quodam fossato, Pauul (sie) Römer 
de horreo duodecim gr., Nicolaus Roseler viginti gr. de quadam 
pecie (sie) agri uff den Stein gruben, per eosdem et eorum successores 
de possessionibus supra dictis perpetuis futuris temporibusque solvendi 
absque impedimento — in dotem et proprietatem altaris sub titulo 
et festo conceptionis Marie virginis iutemerate, sanctorum Petri et 
Pauli apostolorum, Donati martyris, Marie Magdalene, Juliane et 
undecim milium virginum in ecclesia parrochiali dicti opidi Kempnicz 
fundati et consecrati per certos Christi fideles — erapti et comparati 
per providos ac honestos magistrum civium et consules opidi antedicti 
nobis sunt oblati cum supplicacione debita ac devota, quatenus dictos 
census — altari addere unire ac ipsum — confirmare — dignaremur : 
nos igitur — altaris — fundacionem dotacionem et ordinacionem — 

confirmamus . Altarista vero altaris ejusdem singulis diebus 

per se vel alium missam in dicto altari tenebitur celebrare et plebano 
ibidem nomine restauri deeem grossos annuatim ministrabit. Jus pa- 
tronatus vero altaris prefati magistro civium et consulibus opidi ante- 
dicti omuino reservamus — . Datum et actum Misne anno domin i mille- 
simo quadringentesimo XYI^o feria secunda infra octavas corporis 
(Jhristi autentico nostro sub sigillo. 



No. 128 b. IMl Jan. 4. 

Hdschr. : Otig. Perg. Rathsarchiv Chemnitz No. 43 b. Das Stadtsiegel (Taf. 1, Fig. 3) 
an Pergamentsttr. 

Heinrich Friczko Bürgermeister, Hans MarcJcir stör ff, Paul Eckart y 
Nickü von Czwickaw, Claus Czanspil, Faul Swertfeiger, Hans Kune, 
Cuncz Schlusser y Caspar Smedichin, Petir Hotret, Nickü Eckart, 
Caspar Springer, Jocof Hillehrand, Faul Bachman, Nickil Wayner, 
Hans Siptenhain, Nickil Stange, Nickil Hofmann, Caspar Czymmer- 
man geschworne Rathmannen des neuen und alten Bathes verkaufen 
vom Jiathhause und allen Gütern der Stadt 2 Schock schüdechter 
Groschen Fr eiber ger Münze jährl. Zinses, zahlbar halb auf Wal- 
purgis und halb auf Michaelis, dem Hans Marckirstorff und seiner 
Gemahlin Katherina für 30 Schock gleicher Münze unter Vorbehalt 
des Wiederkaufs nach ein Halbjahr vorher erfolgter Kündigung. Nach 
dem Tode des Hans M. soll seine Gemahlin Katharina den Zins 
beziehen, nach beider Tode aber soll er zcu eyner ewigen messe zcu 
eynem altar vor der stat Kempnicz in'seute Johannis kirche «), do 
daz begrebnis ist, kegin sente Andreas altar obir in dem wjrnkel zcu 
tröste em sein unde allen den iren dy von hynnen verscheiden sint 
gereicht werden. Auch suUen dy obgnanten burgermeister unde 
rathmannen gesworne der stat czu Kempnicz des egnanten altars 
rechte lehenhern sien — , euch alzo bescheidelich , weme sy den 
egenanten altar lihen wurden, daz derselbige caplan selbis doruf 
wonen beleisen sal unde mit keyme mytlinge bestellen unde durch 
syn globde dy obgnanten lehenhern daz von om ufneymen suUin — . 
Ggbin — virczehin hundert jar dornoch in dem eyii unde virczigisten 
jare an der methwochen vor der heiligin dry konige tage. 



ä) Der 1441 Mai 10 conßrmierte Trinita tisaltar. Vgl. No. 189 wnd No. 211* 



Nachträge zum Urkundenbuche der Stadt Chemnitz. 305 

So. 129b. 1441 September 8. 

Peter Schidtis eu Mittweida tritt dem Eathe seine Lehenrechte über 
den Altar ULF. und aller Heiligen in der JacohiMrqhe ah. 

Hds^schr.: Orig. Perg. Rathsarchtv Chemnite No.44h. Dm Siegel an Pergaments^. 
Schild: springendes vierfüssdges Thier (Fuchs f). Umschr.: Sigillum Petri Schultui. 

Ich Peter Schultis dy zeit zcu der Mitteweyde gesessen bekenne -— , 
daz ich — ufgelasen habe den ersamen wisen burger meistern und 
ganczen' rathe der stat Kempnicz sulche leben ober den altar ge- 
legen yn sente Jacufs kirche czu Kempnicz an dem pfhiler under 
dem predigestule , der da gewihet ist in der ere des almechtigen 
ewigen gotis unsers liben hern, Marien der hochwirdigen juncfrauwen 
siner werden mnter und yn der ere aller liben gotis hiligen, des 
ich obgn anter Petir Schultis eyn rechter lehnherre creftig czu lihen 
gewest byn *). Durch suuderlicher fruntschaft und gonst wille , dy 
sie mynen eidern seliger gedechteniß und mir getan haben und noch yu 
künftigen cziten tun mögen, und durch sunderliches schucz wille des 
egnanten altares vorczihe ich mich alle myne erben und erbnemen sul- 
cher lehen, also oben berurt ist, mit craft uicz brifis, der brife der leben 
(sie) ich mich und alle myne erben gancz geussent habe und dy on ge- 
antwort habe, der deune dy obgnanten burgermeister und rathmanneu 
Yorbas ewiclichen rechte lehnhern sin sollen, ich noch dy mynen 
nymmer czu ewigen gecziten daryn halden noch reden wollen, sunder 
wollen daz gancz und gar unverbrochlich, wy oben geschreben ist, 
halden. Des czu orkund und warem bekentniß habe ich obgnanter 
Peter Schultis myn insigel vor mich, alle myne erben und erbnemen 
mit gutem willen und wissen unden an desen offin brif lassen hengeu, 
der da gegeben ist — vierczehen hundert jar darnoch im eyn und vir- 
czigisten jare am fritage der geburt der juncfrauwen Marien. 



a) Der Altar war ISßß von Nicol Schultess gestiftet (No. 36) ; vgl. auch No. 45, 46. 



Nos 181b. 1442 März 11. 

ffdsckr. : Orig. Perg. Ra&isarchiv Chetnnitz No. 44 c. Das an Pergamentstr. befestigt 
gewesene Siegel ist abgeschnitten. 

Heinrich Friczko Burgermeister j Paul Eckart. Nicolaus Frei- 
berger, Nickil von Czwickaw, Claus Czanspil, Faul Swertfeiger, Con- 
rad Sehlusser, Caspar Smedichin, Caspar Springer, Hans Stobener, 
Johannes Priberger, Hans Strenczü, Johannes marckirstorff, Joeoff 
Hülebrand, Nicktl Wagner, Paul Bachmann, Maus Siptenhain, 
Nickü Hofeman, Nickil Stange, Caspar Czymerman , Nicktl Eckart 
geschwome Bathmannen des neuen und alten Bathes verkaufen 
1 Schock schildechter Gr. Freiberger Münze jährh Zinses, zahlbar 
halb auf Walpur gis und halb auf Michaelis, dem Herrn Petir 
Schultissen unserm altaristen dy czit unserm schulemeister zu dem 
Altar des h, Evangelisten Johannes in der Kirche S. Jacob in dem 
wynckel bie unser liben frawen altar geleigen für 15 Schock gleicher 
Münze unter Vorbehalt des Wiederkaufs; im letzten Falle hat der 
Altarist für die Wiederkauf ssumme ein ander gewyß schog jerlicher 
cziusis mit Willen und Wissen des Bathes dem AÜare zu kaufen, 
— Gegebin — virczen hundert jar dornoch in dem czwey unde vir- 
czigisten jare am suntage alz man singet in der heiligin kirchen 
letare. 

Neues Archiv S. S. G. u. A. II. 4. 20 



306 Habert Ermisch : 

No. U8b. 1449 Oct. 28. 

Hdschr.: Orig. Perg. Fürsü. und gräfl. Schönburg. Oesammtarchiv Olauchau,, 
Loc. 424. No. 185. Das an Pergamentstr. befestigt gewesene Siegel fehlt 

Bichter und Schöffen der Stadt Chemnitz, Paul Swertfeger Vogt, 
Hans Stobener, Hans Syptenhayn, Jacoff Hülebrant, Patd Eghart, 
Caspar Springer und "Niclaus Torhutef Schöffen, bekennen, dass 
Veit von Schönburg Bitter Herr zu Glauchau und Waidenburg 
einerseits und der jRitter Jhan von Slinice zu Schleinitz gesessen 
andererseits mit des letzteren Gemahlin Frau Anna vor gehegter 
Dingbank erschienen seien und dass diese daselbst auf das von 
dem verstorbenen Jungherr Heincz von Bemse ihr bestellte Leib- 
gedinge mit Einwilligung ihres Bruders Heincz vom Ende zu 
Kayna als ihres gekornen Vormunds verzichtet habe. Geffebin — 
tusend vir hundirt in dem newn nnde virczigistin jar am donrstage 
noch sente Lucas tage. 



üo. 180. 1458. Jan. 7. 

Hdschr.: Orig. Perg. Ra^sarchiv Chemnitz No. 58b. Das Siegel ist abgest^nitten. 
Anm. : Was im Urkundenbiiche unter No. 180 mitgetheilt wurde, ist wohl der Ent- 
wurft nicht aber die Copie dieser Urkunde. 

Wir nachgeschrebene Caspar Beyer dy czit bargermeister, Hans 
Stobener, Henrich Friczko, Hans Siptenhain, Nicolaus Friberger, 
Nicolaus Eckhart, Nicolaus Torhüter *), Nicolaus Gamistorf, Paul 
Billich, Mattis Boumgarte, Nicolaus Tile, Caspar Springer, Nicolaus 
Hofeman, Nicolaus Becker, Hans Arnold, Hans Alexius, Hans Stange, 
Nicolaus Moller, Caspar Lindaw, Hans Tirpan gcswome des nnwen 
und alden ratis der stat Kempnicz bekennen — , daz wir mit gutem 
rathe unser eldesten und eyntrechtichem willen und wissen unser 
gemeyne — vorkouft haben yon unserm rathuse von allen renthen 
und gutem ynnen und ussen daczu gehörende eyn schog groschen 
jerlichz czins uf eyn wederkouf sulcher moncz, alz man in der 
gnanten stat uf iczlichen tag czu geschosse nympt, den ersamen 
Casparn Springer, Nicolaus Eckharde und Pauln Kopperlinge unsern 
bürgern, dy czit vorwesere des ewigen lichts vor unser Üben frauwen 
altar yn sancti Jocufs unser pfarkirche yn der lampe bornde, welch 
schog iczunt gnant czu demselben licnte gehorit, haben on das 
schog czins vorkouft und gegeben vor vier und funfczig Rinische 
golden, dy si uns mit bereiten guten Rinischzen golde wol beczalt 
haben, dy wir forder an unser stat nutcz gewant. Sollen und wollen 
das gnante schog czins den gnanten vorwesem ader iren nochkomen 
reichen, halb schog der gnanten were uf Michaelis noch dato dicz 
brifes schirstkonftig und halb schog uf Walpurgis nest danoch folgend, 
und alle dy wile deser kouf wert also halden unverlich. Unser 
glouber sal an der beczalung houptgutis ader czinsreichnnge kein 
schade, der ober dy stat geen mochte, daz got lange wende^ hindern, 
sundern wir wollen unser globde, wy oben geschreben ist, stete 
gancz unvorbrochlich halden ane geverde. Auch sollen dy iczunt 
gnanten vorweser ader ire nochkomen von dem gnanten lichte alle 
jar eyns vor eyme rathe von ynname und ußgabe rechnimg tun, und 
waz also denne von desem schogke und anderm gelde daczu ge- 
hörende, darober auch brife sint, czu dem lichte meher ist ynge- 
nomen den usgegeben, also bescheidelich, waz in der rechnung werde 
oberlauffen und czu notdorft des gnanten lichts nicht bedorften, daz 

a) Der Entwurf fügt hier Caspar CEjrmmerman hinzu. 



Nachträge zum Urkundenbuche der Stadt Chemnitz. 307 

sal man geben und reichen den armen luten yn das hospital. Und 
wen dy mer gnanten vorweser abegeen von todiß wegen, so sollen 
sich dy barger des anderwinden und vorsteen. Auch haben si uns 
dy gonst getan sulch schog czins, wen wir so stathaftig worden, 
abeczulosen, so daz wir on dy abelosung eyn firtil jares vorhene 
kunt tun und denne uf den nesten czinstag noch der absagung dy 
obgemelte houptsumma vier und funfczig Binische golden mit den 
Yorsessen czinsen gancz gar und unverlich beczalen. Auch ab deser 
brif vorlorn czurissen ader vermackelt worde eher der ablosung, 
so gereden wir on eyn andern desem glich czu geben. Daz alle 
stucke artickil dicz brifes gancz und stete von uns und unsern noch- 
komen sollen gehalden werden, des czu bekentcniß haben wir unser 
stat insigil vor uns [und] unser nochkomen an desen brif lassen 
hengen, der ggeben ist noch Christi unsers liben hern gebort XIIII« 
jar danoch ym LYIII. jare am sonabend noch der hiligen dryer 
konige tage. 

No. 261b. Chemnitz, 1476 Kor. 20. 

Abt Caspar bestätigt die Schenkung von 200 Bhein. Gulden Haupt- 
summe durch einen Ungenannten an den Vicarius jperjpetuus der 
JacobsJcirche und die Inhaber verschiedener Altäre zu Chemnitz, 
welche dafür 8 Bhein. Gulden jährl. Zinsen zu Lössnitz gekauft 
haben f behufs Stiftung von Seelenmessen für die Familie des Z7w- 

genannten in der Jacobskirche. 

Hdsdtr.: Orig. Perg. Saüisarchiv Chemnitz No. 71b. Das Siegel an Pergamentstr. 
entspricht (ausser Wappen und Inschrift) der Taf. III Fig. 3 gegebenen Abbildtmg 
(vgl. Vorbericht zum Vrkundenbuch XXXI Vj. 

Nos Caspar dei gracia abbas et archidiaconus Kempnitzensis — . 
Igitur hujus rei testimonio pateat universis presentibus quam futuris, 
quod reverendus in Christo pater et dominus Anthonius abbas 
Czellensis ex parte cujusdam, qui nominari noluit, vicario perpetuo 
ecclesie parrochialis sancti Jacobi in Kempnitz aut ejus vicetenenti 
ac altaristis altarium ibidem videlicet corporis Christi, annunctiacionis 
beate virginis. omnium sanctorum, sanctarum virginum Barbare et 
Dorothee, Eatnerine, trinitatis, Johannis evangeliste, beatorum aposto- 
lorum Petri et Pauli, Nicolai, concepcionis sive Bernhardi et altaristis 
sancte trinitatis, Andree apud sanctum Johannem ac sancti Georgii 
in hospitali ac sancti spiritus aut Si^ismundi extra muros Kempnitz 
et eorum successoribus et vicetenentibus ducentos fiorenos Renenses 
ad comparandum et emendum certos annuos census ac redditus, 
qaod prenominati vicarius perpetuus et altariste fecerunt et octo 
Kenenses aureos a proconsule consulibus et tota communitate in 
Leßenitz consensu generosi domini Frederici de Schonbnrg etc. ad 
hoc interveniente emerunt et comparaverunt, uti clare in litteris de- 
snper datis, quos octo fiorenos annuos census una cum summa capi- 
tali ducentorum flor. prenominatus reverendus pater et dominus An- 
thonius abbas Czellensis ex parte ipsus innominati, qui sibi istos 
aureos ad fideles manus dedit, premencionatis dominis vicario perpetuo 
et altaristis suprascriptis omnibus melioribus modo et forma, quibus 
donaciones cultns divino factas fieri consweverunt, sab infra notatis 
Clausulis et ordinacionibus perpetue possidendos perpetue dedit tra- 
didit et donavit Yolens deinde reverendus dominus pater pro anima 
istius, qui nominatus esse noluit, progenitorum suornm salute aliquid 
ordinäre ac disponere, ad duo anniversaria istos octo florenos annui 
census per ipsos vicarium perpetuum et altaristam et eorum pro- 

20* 



308 Hubert Ennisch: 

caratores perpetne levandis assignavit, in duobns terminis videlicet 
Walpurgis et Michaelis levandis, unde ipsi vicarius perpetuus et 
altarista prescripta duo anniversaria pro animabus parentum pro- 
genitorum amicornmque suoram et pro anima ejus innominati et 
omnium ex geneloia ejus defunctorum et distribnciones ordine sub- 
scripto temporibus perpetuis ita servare et cxequi debent. Inprimis 
quidem idem domini vicarius perpetuus pro tempore nomine plebani 
existens et altariste, qui presentes in opido Kempnitz fuerint, duos 
ex se ordinabunt redditus jam dictos, in singulis scilicet terminis 
Walpurgis et Michaelis medietatem, a dictis censualibus et censitis 
repetentes et colligentes, ordine, ut inferius describitur, distribuant 
absque impedimento. Primo equidem plebanus certum diem, prout 
ipsi competere videbitur, post singulos dies Walpurgis et Michaelis 
censibus collectis prefiget, in quo ipse plebanus cum predicatore, 
duobus cappellanis suis ac cum plebano apnd sanctum Johannem et 
altaristis supra memoratis, ita quod ad minus quatuordecim in numero 
sacerdotes sint presentes et si aliqui absentes fuerint, plebanus 
pro tempore existens assumat alios secundum nutum et voluntatem 
suam, ita quod iste numerus videlicet quatuordecim sacerdotum coni- 
pleatur, in ecclesia parrochiali Kempnitz vesperis finitis convenient, 
vigiUas solempniter incipiant et cum novem lectionibus ac Salve 
Kegina decantabunt subsequentique die singuli ipsorum missam pro 
defunctis cum commemoracioiie ipsius innominati suorumque pro- 
genitorum celebrabunt, commemoracioncmque generalem videlicet 
„Non intres in Judicium" alte legant et cum responsoriis conswetis 
ac „Alma redemptoris" decantando. Ob hoc distributores ordinati 
cuilibet p[renomi]natorum (?) presbiterorum tres grossos censuales 
distribuent et unum minimum usualem adicient cuilibet in summa 
missa ad altare offerendos, vitricis vero ecclesie extunc, ne ecclesia 
in aliquo gravetur, duos gr. dabunt et ministro videlicet campanatori, 
qui representacionem feretri omet, luminaria incendet et extingwet 
sedilia locet et compulsacionem faciet, presbiteros convocet, qualibet 
in commemoracione duos grossos, regenti chorum, ut summam missam 
cum Scolaribus tractim decantari faciet pro defunctis, unum gr. mi- 
nistrabunt. Sed ne predictus plebanus suique successores in aliquo 
tarn pro restauro quam de vigiliis, de littera mortuorum, in qua 
plebanus generalem commemoracionem dominicis diebus et feria se- 
cunda per suos cappellanos faciet, pro anima dicti innominati gra- 
vetur, ultra tres grossos prefatos, quos sibi racione presencie de- 
bentur, Septem gr. sibi imbursabit. Preterea coUectores, qui ordinati 
fuerint, ut premissum est, ut diligencius commissa exequantur, quo- 
libet tempore tres srossos de dictis redditibus ambo pro laboribus 
sibi inbursabunt. Idemque denique coUectores ' et executores vicario 
perpetuo et ipsis altaristis de perceptis et distributis facient racionem. 
Si quid de dictis redditibus superflue et in reposito fuerit repertum, 
cum scitu "omnium in usus leprosorum egenorum et domum pauperum 
que conventus nominatur publice convertatur, super quo ipsorum 
distributorum consciencia oneretur. Quod si futuris in temporibus 
per q^uemquam succedencium impedimentum aliquod oriretur, quod 
premisse ordinaciones non transsirent in effectum, extunc aboas et 
archidiaconus Kempnitzensis ut possit et valeat instare monere et 
procurare, quod predicti ordinaciones progressum realiter consequentur, 
plenum posse ob honorem ecclesie obtinebit üt autem premisse 
ordinaciones — irrevocabiliter obtineant firmitatem — , Anthonius 
abbas Czelleiisis, vicarius perpetuus ecclesie Kempnitzensis et altariste 



Nachträge zum Urkunden buche der Stadt Chemnitz. 309 

ibidem nos humiliter requisierunt ornndo, ut hnjusmodi ordinacionem 
disposicionem per nos aamitti et id roborari et confirmari. Nos igitur 
Caspar — donacionem ordinacionem et disposicionem — confirma- 
mus — . Volumus eciam si prefati census per venditores eorundem 
juxta litterarum seriem reempti fucrint, quociens tociens extunc 
vicarius ecclesie parrochialis et altariste ibidem absque pecuniarum 
predictarum sie solutarnm distraccione alios census comparare debent, 

quos in locum predictorum censuum — confirmamus. Nulli 

ergo — . Si quis autem — . Datum et actum in monasterio nostro 
Kempnitz anno domini M® quadringentesimo septuagesimo sexto, die 
vero Mercuriii que fuit vigesima mensis novembris, abbacie nostre 
sub secreto. .g v 



Zu No. 269 (147S Ma! 4). 

Hdschr.: Orig. Ptry. Bathsarclitv Chemnitz No. 72 h. Das Siegel an Pergameutsh: 

Die Varianten sind ganz unwesentlich. 



No. 269b. 1478 Mal 14. 

Steffan Freyherger, Matis Arnolt, Caspar Stohner, Bartel Swein- 
fort und die Gemeine in der Langengasse Urkunden über die Rechts- 
verhältnisse einer von ihnen angelegten Röhrwasserleitung. 

Hdschr.: Orig. Perg. Baihsarchiv Chfmniiz No. 72c. ü Siegel an PergamenMr. 
1) Schild: durch eine spitzirinkligc Figur in drei Abschnitte getheilt, in deren jedetn 
Halbtnond und Stern. Helmzier: Flug. Umschrift theils unleserlich, theils abge- 
brochen. 2—4) /lausmarken, die Umshri/ten unleserlich. 5) Stadtsiegel == Taf. 1 Fig. 8. 

Wir hirnoch geschrebenn Steffan Freyberger, Matis Arnolt, 
Caspar Stobener, Barthel Sweinfort unnd dy gemeyne in der Langen- 
gassen bekennen — , das wir durch gunst willen und wissenn der er- 
samenn wolweyssen Caspar Lindenaw uff dy czeit burgermeister 
unnd der anderen gesworne rathißmanne zcu Kempnicz ein wasser 
habenn angefangen uff dem Sweinanger in eyner weßenn, dy Hans 
Stobenern angehörende fwar], unnd das herein in dy Stadt mit roren 
gefurt, uns unsem nochkomelingen zcu noczcze unnd fromen, unde 
habenn uns dorober kein eynem rathe unnd eyner ganczen gemevne 
vorwilliget sollich wasser czu furenn unnd czu haldenn eynem ider- 
manne ane allenn schadenn czu haldenn, unnd abe das imandis 
schaden brengen worde, denselbigen schadenn vorwillige wir uns 
unnd alle unßer nockomelinge mit unnd in crafft deses briftis ane 
alle wederrede gutlichenn czu vorlegenn unnd beczalen. Unnd 
habenn dasselbige wasser under uns also geteylet, nemelich Steffan 
Freyberger ein teyl, Mattis Arnolt zcwei teyl, Caspar Stobener ein 
teyl, Barthel Sweinfort ein teyl unnd dy gemeyne in der Langen- 
ßrassenn zcwey teyl. Unnd zcu eyner wedorstatunge der bemelten 
frawen Hanßen Stobener nochgelassenn witwe, das sy uns solche 
gunst unnd willenn das wasser uff irer weßenn zcu fassenn gethan 
hat, sollenn unnd woUenn wir obgemeltenn unnd unser nochkome- 
linge der bemelten frawenn ader wer dy selbige weße in besiczczunge 
habenn werdenn, alle jar jerlichenn zcu ewigen geczeytenn, dy weyle 
solch wasser reinher gefurt wirt, reichenn unnd gebenn uff Micnahelis 
sebenn gute groschen unnd uff Walpurgis domoch aber sebenn gute 
groschenn, solche moncze uff eyne iczliche tageczeit also unser gne- 
digen hem von Sachssenn zcu jarente unnd geschosse nemen. 
Werde sichs begebenn, das unser eyner adcr mehr sein wasser eynem 



310 Hubert firmisch: 

andern sein vorlassenn weide unnd seibist nicht gebruchenn, das sal 
er vorlassen in aller mosse, wy obin clerlich bestymmet ist. Des 
czu eynem warenn bekentnisse unnd stete haldunge hat unser icz- 
licher sein peczir unden an desen briff hengin lassen, der gegebin 
ist nach gotis heylige gebort tewsint vir hundert jar domocn im 
acht unde sebi[n]czigisten jar am domstage nach phingisten. 



Ko. 269 c. 147S Kot. 8. 

Hans Älexius der JBleichrichter beurkundet den Verkauf der Pforten' 
mühle durch Paul Han an Ulrich Schütze. 

Hdsch.: Orig. Perg. Rathsarchiv No. 72 d. Das Siegel an Pergamentstr. Sdnld: 

Lowe. Umschrift: SigU der bleich [in Kempnits?]; sehr undeuGich. 
Antn. : Vgl. No. 266 u. 278. 

Ich Hanns AUexius die zceit bleichrichter zcu Eempnitcz be- 
kenne vor mich unnd alle gewercken | der bleich doselbist, das wir 
vorkauft habenn die mol gelegenn vor der Pforten zcu Kempnitcz | 
dem ersamen Paul Han burger zcu Kempnitcz unnde haben im die 
gegeben vor hundert unnde | vierczigk golden Keynisch mit aller 
zcugehorung ra}[nn werdem unnde räum, als wir sie vor alderß gehabt 
habenn, auch mit aller besweruug der zcinß, die dorauff sein. Solche 
mol mit aller zcugehorung hat der bemelt Paul Han Ylrich Schütczenn 
burger zcu Kempnitcz uffgelaßen in aller mage, wie wir sie im vor- 
kautt habenn, die ich Hanns AUexius bleichrichter Ylrich Schutczen 
sein erbenn unnde erbnemeu in der bleich gericht gelihenn unde 
geeygent hab mit willen unnd wissenn des obgnanten Paul Hanns. 
Auch bekenne ich mehr gemelter AUexius, das der gnant Ylrich 
Schutcze dieselbigenn hundert unnd vierczigk golden, dorumbe die- 
selbige mol gegeben ist, unns wol zcu dancke beczalt unnde auß- 
gericht hat, unnde sagenn in unnde sein erbenn solcher hundert 
unnde vierczig goldenn queit ledigk unnde loß vonn meinenn unnde 
aller gewerckenn wegenn mit unnde in craft dieses briefs, der ge- 

gebenn unnde gesigelt ist mit unsers bleichgerichtes ingesigel noch 
risti gehurt tausent vier hundert unnde in deme acht unnde siben- 
czigistenn jhar am dinstag noch aller heiligenn tag. 



Za No. 385 (1898 Mal 9). 

Hdsckr.: Orig. Perg. Oräfl. Schönburg. Spezialarchiv Hinterglatichau. Das zer- 
brochene Ärchidiaconatssiegel an Pergamentstr. ; ein zweites Siegel fehlt. 

Die Brüder heissen Hennel und Meyner Krywicz. JDie Vermuth- 
unaen syme, volgen (Z, J23), nunczigisten (Z. 28) haben sich als 
richtig erwiesen, Z. 24 liest auch das Or. vseren guten. 



Ko. 895 b. 14^ März 8. 

Hdschr.: Orig. Perg. Fürstl. und groß. Schönburg. Oesammtardtiv OUtuchau. Lac 421» 
No. 88. Zwei Siegel (an PergamenUtr.) fehlen. 

Concze und Heincze von Kouffunge bekennen, dass sie dem Äbt 
und Ärchidiacon Johannes, dem Prior und der ganzen Sammlung 
des Benedictinerklosters zu Chemnitz mederkäufltch 7 Schock neuen 
Geldes jährlichen Zins für 250 Eheinische Gulden nach Ausweis 
des Kaufbriefes mit Gunst der Herren von Schonburg verkauft 
haben, und verpflichten sich gegen die Gebrüder Veit, Friedrich und 
Dietrich von Slchönburg Herren zu Glauchau und ihre Erben, diese 



Nachträge zum Urkundenbuche der Stadt Chemnitz. 311 

Zinsen binnen drei Jahren oder, wenn sie nach Ablauf der drei Jahre 
von den aenannten Herren gemahnt werden, binnen einem Jahre 
zurückzukaufen, widrigenfalls die Herren von Schönburp oder jeder, 
dem sie es vergönnen, das Becht zur Einlösung dieser Zinsen 
haben. Gegeben — virczen hundert jar darnach in dem drj unde 
virczigsten jare am .faßnacht sontage nemlichin esto mihi. 



No. 488b. 1491 Jali 13. 

Jüdsckr.: Orig. Ptrg. Haupistaatsarchiv Dresden No. 8890b. Das Siegel des Abts 
an Pergamentstr. wie Taf. 8 Fig. 4. Das ebenfalls an Pergamentstr. befestigt ge- 
wesene Conventssiegel fehlt. 

Heinrich, Abt und Archidiacon zu Chemnitz, bekennt für sich 
und seinen Convent, dass Heinrich von Schönberg, Amtmann zu Schd- 
lenberg, auf fürstlichen Befehl die Irrungen zwischen dem Kloster 
und Nickel Steinpach zu Meyersdorff (Meinersdorf s, von Chem- 
nitz?) wegen eines vom Kloster zu Lehn gehenden toüsten Gutes 
zu Fleißa (w. von Chemnitz), genannt der Arnolt, dahin beigelegt 
habe, dass Steinpach je 9 gute Gr. zu Michaelis und zu Wal- 
purgis davon Zinsen, 7 Gr. auf Martini zu Geschoss nach Fleißa 
geben, dorthin zu Gericht und zu allen Gedingen gehen und 
geben, dem Pfarrer als Decem jährlich V« Scheffel Korn und 
V« Scheffel Hafer geben, Kirchenheller und Hirtenlohn der Ge- 
meinde gleich andern reichen und im Falle einer herffarth noch- 
folge zcoge unrne adder eyle im lande das Gut als halbes Lehn 
in Anschlag bringen soll. Her Abt belehnt hierauf Steinbach mit 
dem Gute. Her Abt besiegelt die Urkunde mit der Abtei Insiegel, 
Johannes Kopperling Prior, Steffanus Trapschuch Kellermeister, 
Steffanus Bawmgarm die Aeltesten und die ganze Sammlung mit 
dem Conventssiegel. Gegeben — thawßent vir hundert im eyn und 
nawntzigisten jar am tage Margarethe. 



Ko. 471b. 1587 Mai 29. 

Hdschr.: Orig. Perg. Rathsarchiv Chemnitz No. 117 c. Die beiden Siegel (Taf. 3 Fig. 5 
u. Taf. 2 Fig 5, letzteres fragmentarisch) an Pergamentstr. 

Hylarius, Abt und Archidiacon zu Chemnitz, Johannes Hamel 
Prior, Johannes Vogt und Nicolaus Kogeler Seniores und der ganze 
Convent verkaufen dem Pfarrer und den Altaristen zu Chemnitz 
15 Ehein. Gilden jährl. Zinsen zu Altchemnüz, zahlbar halb auf 
Martini und halb auf Pfingsten, für 300 Ehein. Gülden Haupt- 
summe unter Vorbehalt des Wiederkaufs nach ein Vierteljahr vorher 
erfolgter Kündigung. Gegebenn — tausent funff hundert dam och 
im sibenundreyssigestenn jar dinstag noch trinitatis. 



XII. 



Die wirthschaftlichen Einrichtungen, nament- 
lich die Verpflegungs- Verhältnisse bei der kur- 
sächsischen Kavallerie 

vom Jahre 1680 bis zum Anfange des laufenden 

Jahrhunderts. *) 

Von 

A« von Minckwitz. 



Die Wirthschafts -Verfassung bei der Kavallerie be- 
ruhte^ wie bei sämmtlichen Truppentheilen der kursächsi- 
schen Armee, ursprünglich auf dem Grundsatze, dass der 
gesammte Unterhalt des Soldaten ausschliesslich von dem 
für ihn ausgeworfenen Tractamente zu bestreiten sei. 

Bei der Kavallerie hatte daher der Keiter von seinem 
Tractamente nicht allein sein Pferd, seine Ausrüstung, 
seine Bekleidung selbst anzuschauen und im Stande zu 
erhalten, sondern auch sich selbst^ sowie sein Pferd zu 
unterhalten. 



') Als Quellen für den vorliegenden Aufsatz sind vorzugsweise 
benutzt worden: die historisch-commissariatischen Nachrichten vom 
kursächsischen Kriegsstaate im Hauptstaatsarchive, ferner — in- 
sonderheit für die älterö Zeit — verschiedene Nummern aus dem 
Rep. C. der Akten der Geheimen Kriegskanzlei; für die zweite Hälfte 
des 18 Jahrhunderts die im Hauptstaatsarchive aufbewahrten Konferenz- 
protokolle der im Jahre 1770 mit dem Auftrage, Ersparnisse im 
Militäretat herbeizuführen, niedergesetzten Kommission. 



Die wirthschaftlichen Einrichtungen der sächsischen Kavallerie. 313 

Je mehr man jedoch in Bezug auf die Organisation 
der Armee dem Begriffe näher trat, den man heutigen 
Tages mit dem eines stehenden Heeres verbindet, desto 
höher steigerten sich die Ansprüche an Tüchtigkeit und 
Gleichmässigkeit der Ausrüstung von Mann und Pferd. 

Da nun für diese Tüchtigkeit und Gleichmässigkeit 
die vorgesetzten Offiziere einzustehen hatten, so führte 
dies ganz von selbst dahin, dass die Obristen für ihr Re- 
giment, beziehentlich die Kittmeister für ihre Kompagnie, 
gegen Abzüge von dem Tractamente des Reiters die An- 
schaffung der Bekleidung, der Ausrüstung und der Pferde 
in die Hand nahmen, woraus sich schliesslich die sogenannte 
Kompagnie-Wirthschaft zu einem vollständig ausgebildeten 
System entwickelte.*) 

Bereits eine Ordre vom 26. März 1682 stellte den 
Betrag des Montierungs- Abzuges auf 12 Groschen monat- 
lich fest, und 1684 am 24. März wurde den Obristen ge- 
stattet, monatlich 8 Groschen von dem Tractamente des 
Reiters zur Pferdekasse inne zu behalten, damit sie den- 

i'enigen, so ohne ihre Schuld Unglück zu ihren Pferden 
lätten und dismontiert würden, helfen und dieselben wie- 
der beritten machen könnten.') 

In derselben Ordre vom 24. März 1684 bewilligte 
der Kurfürst, dass die Obristen von jedem Thaler Tracta- 



') Der Uebergang zur Wirthschaftsführuiig durch den Kom- 
pagniekommandanten erfolgte jedoch sehr allmählich, denn es findet 
sich z. B. noch im Jahre 1694 in den Musterlisten eines Dragoner- 
regiments in einer besonderen Rubrik die Frage, ob der Mann das 
Pferd und die Montierung selbst geschafft oder von den Offizieren 
erhalten habe. Letzteres war jedoch meist der Fall. Für die Bei- 
montur hatte der Mann selbst zu sorgen, und in dem Handgelde, 
das der Soldat bei seiner Anwerbung erhielt, waren 12 Thlr. einge- 
rechnet für die Anschaffung von 2 Hemden, 1 Paar Lederhosen, 
1 Halstuch, 1 Paar Schuhen und 1 Paar Handschuhen. Von sehr 
früher Zeit an finden sich Abrechnungsbücher bei den Kompagnien 
eingeführt, in welche Guthaben, sowie Schuld des Mannes eingetragen 
wurden, und auch jeder Beiter besass für seinen Theil ein solches 
Büchel. 

') Inhalts eines Rescriptes vom 24. Mai | .S. Juni 1 687 hatten die 
Rittmeister auch das Gewehr für die Kompagnie vom Hauptzeughause 
zu erkaufen. Der dafür zu erlegende Betrag wurde als ein Vor- 
schuss betrachtet, der dem Rittmeister, wenn er die Kompagnie ab- 
gab, von seinem Nachfolger zu ersetzen war. Dieses Verhältnis 
hat sich bis in die spätere Zeit erhalten. Zum Unterhalt des Ge- 
wehres wurde dem Kompagniekommandanten ein bestimmtes Gewehr- 
reparaturgeld gewährt. 



314 A. von Minckwitz: 

ments^elde monatlich 1 Groschen abziehen und solche 
zu sich nehmen dürften, um davon die Regimentsunkosten 
zu bestreiten. Der Ertrag des Abzuges zu den Regiments- 
unkosten sollte übrigens keineswegs eine Revenue für den 
Obristen bilden. Der Ueberschuss ging demselben aller- 
dings zu gute^ dagegen hatte er, inhalts ausdrücklicher 
Verordnung, von seinem Tractamente das Fehlende zuzu- 
schiessen, wenn der Abzug des Groschens vom Tracta- 
mentsthaler zur Deckung des Bedürfnisses nicht zureichte. 

Zu den Regiraentsunkosten rechnete man: den Auf- 
wand für Gerichtskosten, für Verschickungen, Porto und 
alle sonstigen unvorhergesehenen Ausgaben.*) 

Einige Jahre später wurde dieser Abzug von jedem 
Thaler des Tractaments auf 2 Groschen festgesetzt und 
bestimmte man hiervon 6 Pfennige für die Invalidenkasse, 
sowie 6 Pfennige zum Beckengeld für die Feldscheere, 
während der Rest zur Bestreitung der Regimentsunkosten 
zu verwenden war. 

Unberührt von der Wirthschaftsführung durch die 
Regiments- und Kompagniekommandanten blieb die Aus- 
fütterung der Dienstpferde, welche, wie der Lebens- 
unterhalt des Reiters selbst, in der engsten Wechsel- 
wirkung zu den Einquartierungsverhältnissen stand. 

Hinsichtlich dieser letzteren war im Jahre 1664, als 
zuerst wieder seit Beendigung des dreissigj ährigen Elrieges 
Kurfürst Johann Georg IL einige Regimenter zu Rioss 
und zu Fuss aufrichtete, angeordnet worden, dass der 
Reiter von dem Quartierstande nichts zu fordern haben 
sollte, als Obdach und Stallung. 



*) Von den Regimentsunkosten wurden ferner bestritten: 
Zulagen für die Stabsoffiziere, nacb dem Ermessen des Obristen, 
sowie die üblichen Neujahrsbeschenkungen an 60 Thalern für den 
Generalauditeur, 45 Thalem für den Geheimen Eriegssekretär und 
45 Thalem für den Eriegszahlmeister. Ausser den ordinären 
Tractamentsabzügen erhoben die Begimentskommandanten Jedoch 
von den Soldaten auch extraordinäre Abzüge. So waren z. B. vom 
1. Januar 1682 bis ultimo Mai 1683 dem Leibregiment zu Boss 
abgezogen worden: 274 Thlr. 10 Gr. zu einem Binge für den Ge- 
neralfeldmarschall Freiherrn von der Goltz, 400 Thlr. Pathengeld 
fdr den Oberkriegskommissar, Obristlieutenant von Bommel, 200 
Thlr. wegen der neuen Fändel und Musterung , 260 Thlr. zu 
einem Pferde für den Obristlieutenant von Bommel und 80 Thlr. 
für den Eriegssekretär Landsberger. Die häufige Wiederholung 
des Verbots, dergleichen extraordinäre Abzüge zu fordern, lässt 
darauf schliessen, dass es schwer hielt, dem Missbrauche zu steuern. 



Die wirtbschaftlichen Einrichtungen der sächsischen Kavallerie. 315 

Erst im Jahre 1671 trat hierzu noch das Service,*) 
wogegen man, auf Grund eines Kompromisses mit den 
Landständeu; das Jahr, statt in zwölf; in zehn Verpflegungs- 
monate eintheilte. 

Die Repartition der Einquartierung geschah, unter 
den Aemtern abwechselnd, nach dem Hufenfusse, doch 
mag hierbei viele Willkür geherrscht haben. 

Wie für alle militärischen Verhältnisse, so bildet auch 
für die Verpflegungsangelegenheiten die Reorganisation 
oder vielmehr die Neuschaffung der Armee durch Kur- 
fürst Johann Georg III. einen entscheidenden Wende- 
punkt. •) 

Zunächst kam am 10. Juli 1682 ein Beschluss zu 
Stande, welcher unter dem finanziellen Gesichtspunkte bis 
in die neuere Zeit der Kavallerie Verpflegung zu Grunde 
gelegen hat. Man assignierte nämlich die adligen Städte 
und Dörfer, sowie die Amtsdorfschaften der KavaUerie, 
während die schrift- und amtsässigen Städte der Infanterie 
überlassen blieben.'') 

Ferner vereinbarte das Geheime KriegsrathskoUegium, 
welches im Jahre 1684 an die Stelle des Kriegskommissa- 
riats trat, mit den Landständen, dass für die Einquartie- 
rungsrepartitionen der unsichere Hufenfuss aufgegeben 
und dagegen die Eintheilung nach den Steuerschocken 
getroffen wurde. 



*) Das Service, bestehend in Lagerstatt, Holz, Licht, Salz, 
Pfeffer and Essig, war monatlich zu 14 Groschen angeschlagen, 
welche man folgendermassen berechnete : 3 Gr. 3 Pf. für das Bett, 
2 Gr. 9 Pf. für das Holz, 2 Gr. 8 Pf. für das Licht, und von dem 
sogenannten kleinen Service: 1 Gr. 7 Pf. für das Salz, 1 Gr. 7 Pf. 
für den Pfeffer, 2 Gr. 9 Pf. für den Essig. Die Offiziere, sowie die 
Unteroffiziere erhielten ein nach höheren Ansätzen bemessenes 
Aequivalent in Geld statt des Services in natura, und zwar monat- 
lich der Rittmeister 8 Thlr., der Lieutenant 3 Thlr., der Komet 
2 Thlr., der Wachtmeister 1 Thlr. 18 Gr. und der Korporal 1 Thlr. 
6 Gr. — Bereits 1673 wurden jedoch diese Ansätze nicht unbeträcht- 
lich abgemindert. 

•) Die Ausarbeitung der Entwürfe, sowie die Verhandlung mit 
den Landständen ruhte hauptsächlich in den Händen des Eammer- 
direktors Geheimen Bathes Christoph Dietrich Böse d. ä. 

p Was die Kavallerie betrifft, so gewährte diese Einrichtung 
allerdings Vorzüge nur unter dem Gesichtspunkte der Verpflegung, 
während dieselbe für den Dienst und die Beaufsichtigung der Mann- 
schaft sich als äusserst nachtheilig erwies, denn in manchen Landes- 
theilen besass der Kompagniebezirk einen Umfang von mehreren 
Meilen. 



316 A. von Minckwitz: 

Hierbei ging man auf den im Jahre 1628 gefertigten 
Anschlag der vollen Steuerschecke zurück, wonach die 
Ritterschaft und die Aemter 5062959 Schocke zu tragen 
hatten. Auf diese 5062959 Schocke waren im Jahre 1682 
3823 Pferde zu repartieren, so dass 1324 Schocke auf 
eine Kavallerieverpflegungseinheit entfielen. *) 

Einzubringen bei der Generalkriegskasse war von 
einer solchen Kavallerieverpflegungseinheit das zum voll- 
ständigen Unterhalte eines Reiters und seines Pferdes mit 
4 Thlr. 16 Gr. monatlich ausgeworfene Tractament, wo- 
bei man als Erfordernis für den Mann den als Portion 
bezeichneten Betrag mit 2 Thlr. 16 Gr., die Ration mit 
2 Thlrn. in Ansatz brachte.®) 

Von dieser zur Bestreitung des Unterhaltes von Mann 
und Pferd bestimmten Portion und Ration ist jedoch die 
hierüber vom Quartierstande geforderte Quartier- und 
Serviceportion zu unterscheiden. 

Letztere betreffend, so berechnete man das Quartier 
mit 12 Groschen, das Service mit 14 Groschen, und war 
daher vorkommenden Falles eine Quartier- und Service- 
portion mit 26 Groschen in baarem Gelde zu entrichten. *") 

Allein mehr oder minder gelangten alle die Kavallerie- 



•) Oft hatte in Folge dessen ein ganzes Dorf das Erfordeniis, 
für den Unterhalt des Reiters und seines Pferdes Sorge zu tragen, 
und in manchen Gegenden kam sogar der Fall vor, dass mehrere 
Dörfer ihren Beitrag hierzu zu leisten hatten. 

•) In Beziehung auf das Ausschreiben und Einbringen der 
Milizsteuer bleibt manche Aufklärung zu wünschen tibrig. Die 
Werke über das sächsische Staatsrecht von Römer und von Weisse, 
sowie die gedruckten Werke über die Steuern- und Abgabenyerhält- 
nisse in Sachsen gewähren eine solche nicht, da sie das Kapitel der 
Miliz verpüegungsgelder nur sehr oberflächlich berühren, 

»®) Ein solcher Fall trat unter anderem in Bezug auf das 
Unterkommen der Offiziere vom Stabe ein. Dieselben hatten ihren 
Aufenthalt in den Städten zu nehmen, wurden jedoch mit auf das 
Land repartiert und empfingen den Betrag der auf sie entfallenden 
Quartier- und Serviceportionen in baarem Gelde, um von dem Be- 
trage den Aufwand für ihre Quartiere in der Stadt zu bestreiten. 
Es bezog ein Obrist 14, ein Obristlieutenant 10, ein Obristwacht- 
meister 8, ein Regimentsquartiermeister 3, ein Adjutant und ein 
Auditeur je 2 Quartier- und Serviceportionen. Im Jahre 1688 er- 
streckte man diese Bestimmung auch auf die Kompagnieoffiziere, 
jedoch mit dem Zusätze, dass fortan der Betrag für die sämmtlichen 
Quartier- und Serviceportionengelder ä 26 Groschen für den Stab 
sowohl als für die Kompagnieoffiziere an die Generalkriegskasse 
abgeführt und aus derselben ein zum Tractament geschlagenes 
Quartiergeld gewährt werden sollte. 



\ 



Die wirthschaftlichen Einrichtungen der sächsischen Kavallerie. 317 

Verpflegung betreffenden Anordnungen in Folge des herr- 
schenden Geldmangels nicht zur praktischen Geltung. 

Bereits mit Aufrichtung der Regimenter durch Kur- 
fürst Johann Georg II. hatte zugleich das Ringen um 
die Geldmittel zu deren l][nterhalt begonnen und sich in 
demselben Verhältnisse gesteigert, in welchem Kurfürst 
Johann Georg III. seine Truppenmacht verstärkte. 

Als einer der Gründe, welcher bei der Verlegung 
der Kavallerie auf das Land hauptsächlich mit in Be- 
tracht kam, findet sich angeführt: dass, wenn der Reiter 
nicht bezahlt werde, er leichter auf dem Lande als In 
der Stadt ein Stück Brot für sich und ein Futter für 
sein Pferd finde. '*) 

Diese Darreichung eines Stückes Brot und eines 
Futters wurde aber allgemach dergestalt zur Regel, dass 
man ein eigenes Wort dafür erfand. Man nannte es den 
^guten Willen", betrachtete denselben aber sehr bald, im 
Widerspruch zu seiner Bezeichnung, als ein vollständig 
berechtigtes Herkommen.**) 

In der Regierungszeit der Kurfürsten Johann Georg III. 
und Johann Georg IV., als noch tausend und mehr Schocke 
auf den aus dem „guten Willen" geleisteten Lebens- 
unterhalt des Reiters mit seinem Pferde entfielen, drückte 
die Last die Quartiergeber nicht allzu sdhwer. Als jedoch 
Kurfürst Friedrich August nach seiner Wahl zum König 
von Polen die Armee bedeutend verstärkte und der Geld- 
mangel sich immer fühlbarer machte, fasste man die ge- 
wichtige EntSchliessung, die bisher mehr oder minder frei- 
willig geleistete Naturalverpflegung von Mann und Pferd 
als obligatorische Leistung vom Landmann zu fordern.**) 

•') Im Jahre 1684 brachte der Geheime Rath Böse in Vor- 
schlag, es möchte dem Kelter vom Qaartierstande die HausmaiiDS- 
kost, dem Pferde die Fourage gereicht, der Betrag dafür aber auf 
die Quatembersteuern kompensiert und sodann den Regimentern 
zugerechnet werden. Allein die Landstände zeigten sich nicht ge- 
neigt, darauf einzugehen. 

*') Es konnte nicht ausbleiben, dass der sogenannte „gute 
Wille" zu Erpressungen und anderen Missbräuchen führte. Die in 
Folge dessen gegen die Forderung des „guten Willens" vielfach er- 
hobenen Beschwerden gaben Anlass, dass wiederholt Befehle er- 
gingen, welche streng untersagten, etwas aus „gutem Willen'' zu for- 
dern oder zu geben. Da jedoch der Reiter und sein Pferd ihren 
Lebensunterhalt finden mussten und kein Geld erhielten, denselben 
zu bestreiten, so blieben diese Anordnungen ziemlich fruchtlos. 

*») Bereits im Jahre 1694 war über die von den Landständen 
bewilligten Milizgelder zur Verpflegung der damals in Campagne 



318 A. von Minckwitz: 

Den Geldwerth einer in natura zu liefernden Ver- 
pflegungsportion veranschlagte man zu 4 Thlr. 19 ör. 
10 Pf. monatlich nach folgenden Ansätzen: 

3 Thlr. — Gr. — Pf. für 3 Scheffel Hafer, 

— ^ 19 „ 2 „ für 2 Ctr. 40 Pfd. Heu, 

— „ 4 „ — „ für 8 Bund Stroh, 

— „ 20 „ 8 „ für 30 Portionen Brod, jede zu 
IV2 Pfund 

4 Thlr. 19 Gr. 10 Pf. '*) 

Die Einführung der Naturalverpflegung , welche 
ausserhalb der ständischen Verwilligung für die Miliz- 
bedürfnisse stattgefunden hatte, gab Jahre hindurch An- 
lass zu den unerquicklichsten Differenzen zwischen den 
Ständen des Landes und der Regierung, ^*) denn es folg- 
ten sich nun Verordnungen der Regierung wegen Leistung 
der Naturalverpflegung, Einsprüche gegen dieselben 
seitens der Stände, darauf Gegen Verordnungen und dann 
wieder, um nur die augenblickliche Verlegenheit zu heben, 
Interimsverordnungen in ununterbrochener Reihe, und 
die Verpflegungseinrichtungen sahen sich daher in jener 
Zeit den verschiedensten Modifikationen unterworfen. 

So wurde durch den Landtagsabschied vom Jahre 



marschierenden Regimenter ein baarer Geldbetrag begehrt worden. 
Doch war man damals noch nicht darüber hinausgegangen, von den 
Quartierständen, statt der wirklichen Leistung des Quartieres und 
des Services, für die ausserhalb Landes befindlichen Truppen den 
Betrag dafür in Geld, daher mit 26 Groschen für jede dergleichen 
Portion zu verlangen. 

**) Unter der Voraussetzung, dass dem Reiter baare Bezahlung 
zu Theil würde, und trotzdem, dass der Erfahrung gemäss, die that- 
sächlichen Verhältnisse dieser Voraussetzung widersprachen, hielt 
man beim Geheimen Krieg srathscollegio an dem Grundsätze fest, 
dass der Reiter sich selbst und sein Pferd zu verpflegen habe. Min- 
destens besagt eine ans dem Jahre 1700 herrührende Denkschrift, 
dass, wenn man eine Verpflegungsportion zu 4 Thlr. 19 Gr. 10 Pf. 
ansetzen wolle, so müsse dem Reiter auf einen Monat mehr abge- 
zogen werden, als sein Tractament an 4 Thlr. 16 Gr. betrage. Die 
Naturalverpflegung könne daher einem Reiter höher nicht ange- 
schlagen werden, als zu 2 Tblr. 16 Gr. 

*•) Erschwert wurden die Verpflegungsverhältnisse durch den 
fortdauernden Wechsel in der Stärke der zu verquartierenden 
Truppen. Bald standen während der Dauer des nordischen Krieges 
und des Kampfes um die polnische Krone, also von 1699 — 1717, 
sämmtliche Truppen im Lande, bald nur einzelne Regimenter oder 
Abtheilungen derselben, und Jahre lang waren selbst fremde Trappen 
zu verquartieren , wie die Dänen und Moskowiter als Verbündete 
oder die Schweden als Feinde. 



Die wirthschaftlichen Einrichtungen der s&chsischen Kavallerie. 319 

1700 von der Kegierung im Prinzipe zugestanden; dass 
die Naturalverpflegung nicht mehr verlangt werden und 
die Ausgabe lür dieselbe durch die Quatember- und 
Pfennigsteuer mit übertragen werden solle. Die auf 
Grundlage dieser Zusage gefertigte Einquartierungs- 
repartition erfolgte daher unter Wegfall der Naturalver- 
pnegungsportionen für Mann und Pferd. '•) 

Bereits im November 1701 forderte man jedoch ad 
interim vom Lande wieder die Lieferung der Fourage 
in natura, wogegen ein auf die Milizpfennige und Qua- 
tember zu kompensierender Betrag von 1 Tmr. 2 Gr. pro 
Ration vergütet werden sollte. 

Die Kosten für den Unterhalt des Reiters mit seinem 
Pferde stiegen hierdurch auf 5 Thlr. 18 Gr., indem nun- 
mehr die Ration mit 1 Thlr, 2 Gr. hinzutrat, ohne dass 
man das Tractament des Reiters an 4 Thlr. 16 Gr. be- 
schränkte, welches damals in folgender Weise einge- 
theilt war: 

18 Gr. — Pf. zur Leibesmontierung, 

zur Beimontierung, 
zur Pferdekasse, 
zu den Resimentsunkosten 
Beckengel(^ 
Invalidengeld, 

dem Quartiersmanne für die Haus- 
mannskost, 
baar. 

4 Thlr. 16 Gr. — Pf." 

Als sodann im Jahre 1704 die Kavallerie in Städten 
und grossen Dörfern zusammengezogen wurde, hatte der 
Reiter sich selbst zu verpflegen, der Landmann jedoch 
die Fourage, gegen Entschädigung von 1 Thlr. 16 Gr. 
für die Ration, den Fourage -Einnehmern oder den Ma- 
gazinen zuzuführen. *') 

Allein auch diese Einrichtung hatte keinen Bestand, 
denn bald delogierte man die Kavallerie wieder aufs 
Land, und inhalts der Ordonnanz vom 7. September 1714 





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••) Der Statthalter Fürst Fürst enberg verbat sich durch aus- 
drückliche Registratur, dass ihm jemals das Wort Verpflegungs- 
portion wieder vor Augen gebracht würde. 

>') Zu jener Zeit kam auch die Erbauung von Kasernen in 
Rede, doch gestattete der Geldmangel nicht, diesen Gedanken zu 
verfolgen. 



320 A. von Minckwitz: 

war dem Quartierstande die Verpflichtung auferlegt, die 
Fourage zum Unterhalte des Dienstpferdes in natura zu 
reichen, während der Reiter für seine Person nichts zu 
fordern haben sollte ; als Obdach; Lagerstätte und Stal- 
lung.**) Auch kam das sogenannte kleine Service an 
Pfeffer, Salz und Essig damals gänzlich in Wegfall. 

Erst im Jahre 17l7, als nach Beendigung des zweiten 
nordischen Krieges bis auf 1200 Mann sämmtliche Truppen 
aus Polen in die Heimat zurückkehrten und zugleich einer 
starken Reduktion unterworfen wurden, traten auch hin- 
sichtlich der wirthschaftlichen Angelegenheiten klarere und 
fester gegründete Bestimmungen ins lieben. 

Was die Tractamentsverhältnisse betrifft, so wurde 
unter Verminderung der bisherigen Abzüge ^ sowie unter 
Wegfall des Beiträges zur Pferdegelderkasse, nachdem 
die Generalkriegskasse die Ausgabe für die Remonte 
übernommen hatte, das Tractament des Reiters mit 3 Thlr. 
22 QtT, angesetzt und folgendermassen berechnet: 

14 Gr. zur Leibesmontur, 
10 „ zur Beimontierung, 

4 ,, Kopfgeld, 

4 „ zum Hufschlag, 

1 ^ zum Feld-(Medicin-)Kasteny 

1 yf zur Invalidenkasse, 

2 Thlr. — „ baar zur Löhnung, 
12 ^ Brotgeld. 

3 Thlr. 22 Gr. 

Dieses Tractament sollte der Reiter, Inhalts der im 
Jahre 1717 an die Stände erlassenen Propositionen^ aus der 
Generalkriegskasse empfangen, wogegen k. Majestät, wie 
es in der Proposition heisst, zu Dero getreuen Unterthanen 
des Vertrauens lebe, es würden selbige sich willig finden 
lassen, die Fourage unentgeltlich vom Lande zu liefern, 
während es im übrigen bei den Bestimmungen der am 
7. September 1714 erlassenen Ordonnanz bewende und 



'•) Wie wenig aber allen getroffenen Vereinbarungen über- 
haupt Folge mag gegeben worden sein, erhellt aus einem Vorgang 
im Monat Oktober 1716. Als damals nämlich die Chevaliers-Garde 
aus Polen nach Sachsen zurückkehrte und zu deren Unterhalt bei 
der Generalkriegskasse keine Mittel vorhanden waren ^ wurde an- 
befohlen, zunächst für einige Monate, 2i98 Bationen ins Land zu 
repartieren, für jede Ration monatlich 4 Thlr. in baarem Gelde 
aufzubringen und von diesem Betrage die Chevaliers -Garde mit 
Tractament, Quartiergeld und Fourage zu versorgen. 



Die ¥drth8chaftlichen Einrichtungen der sächsischen Kavallerie. 321 

demnach der Reiter vom Quartierstande nichts zu fordern 
habe^ als Obdach^ Lagerstätte und Stallung. 

Bereits im Juni 1717 vmrde jedoch dem Landmann 
hierüber auferlegt^ dem einquartierten Reiter täglich 2 Gr. 
für die Mundportion zu gewähren ; gegen Kompensation 
von 30 Gr. im Monat an Steuern und Abgaben. *•) 

Allein in Wirklichkeit gestalteten sich die Verhält- 
nisse derart; dass der Betrag der erwähnten 2 Gr. täglich 
oder 2 Thlr. 12 Gr. monatlich zur Generalkriegskasse 
gezogen und dem Reiter davon gereicht wurden: 8 Gr. 
Zuschuss zur Beimontierung^ namentlich zur Anschaffung 
derjenigen Beimontierungsstücke an Hemden, Hosen, 
Schuhen etc., welche der Mann verdiente, 4 Gr. zum 
Hufbeschlag und 2 Thlr. baar zur Löhnung, während die 
Generalkriegskasse die übrigen Gebührnisse einschliess- 
lich der 12 Gr. Brotgeld aus den zum Unterhalte der 
Truppen im Allgemeinen bewilligten Fonds zu gewähren 
hatte. 

An Fourage war vom Landmann auf jede Ration 
zu liefern: täglich 6 Pfd. Hafer, 

8 Pfd. Heu, 
2 Motzen Heckerling, 
wöchentlich 1 Bund Stroh.*®) 

Im Jahre 1730 erfolgte sodann, unter Wegfall des 
bisher gewährten Beimontierungszuschusses von 8 Gr., 
eine Erhöhung des Ansatzes für die Beimontierung von 
10 auf 20 Gr. und war hiervon nunmehr auch die soge- 
nannte kleine Beimontierung an den Bekleidungsstücken, 
welche in das Eigenthum des Mannes übergingen, zu 

bestreiten. *0 

Nach dem Regierungsantritte des Kurfürsten Friedrich 






**) Im ganzen waren für die Kavallerie 4683 volle Yerpfleffunffs- 
portionen, an Mundportion und Ration, zu repartieren und da das 
platte Land an Amts- und Rittergutsdorfschaften , der damaligen 
Aufstellung der Steuerkataster gemäss, 4860148 Steuerschocke zu 
tragen hatte, so entfielen 1060 Schocke auf eine Yerpflegungsportion. 

>o) Für Rationen, welche der Einquartierte nicht in loco zu 
gemessen hatte, ingleichen für Rationen auf vacante Pferde war 
monatlich 3 Thlr. in Geld zu entrichten. 

''; Ausser diesen Bekleidungsgegenständen, welche der Mann 
verdiente, war von den zur Beimontierung ausgeworfenen 20 Gr. 
der zur guten Wirthschaft des Rittmeisters gestellte Unterhalt, so- 
wie die Erneuerung der sämmtlichen Lederwerks- und Pferde- 
Equipagestücke zu bestreiten. 

Neues Archiv f. S. Q. u. A. II. 4. 21 



322 A. von Minckwitz: 

August IL, als ein grosser Theil der Truppen nach Polen 
marschierte, forderte man von den Quartierständen die 
auf dieselben repartierten Portionen und Rationen in 
Geld, und auf die deshalb erneuten Gravamina der Land- 
stände antwortete die Regierung, dass, wenn die Natural- 
verpflegung oder deren Bezahlung cessieren solle, die 
Landstände sich nicht würden entbrechen können, statt 
dessen ein zureichendes Aequivalent unumgänglich zu be- 
willigen. 

In Folge dessen verblieb es damals bei der bisherigen 
Einrichtung. 

Nachdem jedoch bereits zu verschiedenen Malen der 
Antrag geschehen war, die Kavallerie der Disziplin und 
besseren Ausbildung der Truppe wegen vom Lande in 
die grossen Dörfer und kleineren Städte in engere Quar- 
tiere zu legen, wurde dies im Jahre 1744, laut des Ka- 
valleriedelogierungsreglements vom 9. Mai 1744, in 
Angriff genommen und mit dem 1. März 1748 vollständig 
zur Ausfiihrung gebracht. 

Die Quartierstände, auf welche die Kavallerieregi- 
menter repartiert waren, hatten seitdem für Jede volle 
Verpflegungsportion täglich 7 Gr. in baarem öelde ein- 
zubringen,") ein Satz, der sp3.ter auf 6 Gr. 6 Pf. er- 
mässigt wurde. 

Inhalts der im neuen Wirthschaftsreglement von 
1743 angeordneten Rechnungsaufstellung waren in Zu- 
kunft die Gebührnisse des Mannes etatsmässig, statt in 
der bisher gebräuchlichen Form von Tractamentsabzügen, 
in Ansatz zu bringen. Wiederholt findet sich diese Be- 
stimmung in dem Wirthschaftsreglement von 1754, wel- 
chem überhaupt das Reglement von 1743 meistentheils 
zu Grunde lag. 

Der Aufwand für den Unterhalt eines gemeinen 
Reiters und seines Pferdes belief sich nunmehr in der 
Mitte des vorigen Jahrhunderts auf monatlich 9 Thlr. 
7 Gr., ein Betrag, welcher im wesentlichen bis zum Jahre 
1810 unverändert geblieben ist. 

Hiervon entfielen auf den Unterhalt des Reiters 
4 Thlr. 8 Gr., nämlich: 



**) Diese 7 Groschen wurden folgendergestalt berechnet: 
2 Gr. für die Mundportion, 3 Gr. für die Ration, 1 Gr. Quartiergeld, 
1 Gr. für die Anfuhr der Fourage. 



Die wirthschaftlichen Einrichtaogen der sächsischen Kavallerie. 323 

2 Thlr. — Gr. Löhnung, 

12 „ Brotffeld, 

4 „ für den Hafschlag. Ferner: 
14 ^ zur Leibesmontierungy 
20 ^ zur Beimontierung, 
4 „ Kopfgeld, 
1 „ Medikamentengeld, 
1 y, I nvalidengeld. 

4 Thlr. 8 Gr. 

8 Gr. rechnete man auf jedes Pferd zum ße- 
monte-Ersatz. 

4 Thlr. — ^ wurden für jede Ration gewährt und 

hatte gegen Zahlung dieses Fourage- 
geldes der Rittmeister für die Ausfütte- 
rung der Dienstpferde bei seiner Kom- 
pagnie Sorge zu tragen. 

15 ^ Q uartiergeld. 

9 Thb. 7 Gr. 

Nach dem Hubertusburger Frieden bewendete es 
zwar hinsichtlich der Kavallerieverpflegung bei der Re- 
partition der Portionen und Rationen auf das Land, allein 
an die Stelle des bisher angelegten vollen Schockfusses 
trat der Fuss der bei der Steuer gangbaren Schocke. 

Inhalts der Verordnung vom 1. Dezember 1763 
waren 6000 Portionen und Rationen, jede täglich zu 
6 Gr. 6 Pf. berechnet, aufzubringen imd der Betrag in 
der Höhe einer Pauschalsumme von 600000 Thlrn. jähr- 
lich zur Generalkriegskasse abzuführen.**) 

In der nämlichen Zeit wurde eine Kommission nieder- 
gesetzt, um Ersparnisse im Militärhaushalte herbeizuführen, 

>s) 680 gangbare Steuerschocke wurden auf eine Portion und 
Ration gerechnet und entfielen daher 3Vs Pf* auf jedes gangbare 
Schock. Diese Steuer für die Eavallerieverpflegungsgelder, welche 
sich niemals in die ständische Landesbewilligung aufgenommen findet, 
hat bestanden, bis durch die Vierfassung von 1830 die sämmtlichen 
Steuer- und Abgabenverhältnisse eine vollständig veränderte Ein- 
richtung erhielten (Weisse, Staatsrecht 11,^12). Allein noch heu- 
tigen Ta^es sind, Inhalts des Grundsteuergesetzes yom 9. September 
1843, die Kavallerieverpflegungsgelder mit dem ausdrücklichen 
Zusätze nl^ortions- und Bationsgelder'* in die Grundsteuer mit ein- 
gerechnet, ein Verhältnis, welches noch auf dem Landtage von 1878, 
aus Anlass der Einführung der Einkommensteuer und des Grund- 
steuerpräcipuums aufs neue zur Sprache gekommen ist. (Landtags- 
akten and Neue Reichszeitung Jahrgang 1878, Nr. 87, 88, 100, 101, 
Aufsatz über das Grundsteuerpräzipuum.) 

21* 



324 A. Ton Minckwitz. 

und durch die sogenannten Decisionen vom 20. September 
1770 genehmigte der Kurfürst die von derselben gethanen 
Vorschläge. 

Unter anderm sollte das Beimontierungsgeld von 
20 Gr. auf 18 Gr. und das Fouragegeld von 4 Thalern auf 
3 Thlr. 12 Gr. für die Ration herabgesetzt werden. 

Die Generalinspecteurs der Kavallerie erklärten 
jedoch im Namen sämmtlicher Regimenter, dass bei diesen 
Ansätzen die Rittmeister nicht zu bestehen vermöchten. 
Dieselben bäten daher, sie von der Wirthschaftsführung 
bei den Kompagnien zu entbinden und solche auf Rech- 
nung der Generalkriegskasse zu übernehmen.**) 

Allein diesem Vorschlage trat das Geheime Kriegs- 
rathskoUegium entgegen, namentlich weil dasselbe Be- 
denken trug, in aas umfängliche Rechnungswerk ein- 
zutreten, ohne welches gedachte Veränderung nicht durch- 
zuführen sein würde. 

In Berücksichtigung dieses Gutachtens befahl der 
Kurfürst, unter Aufhebung der Decisionen vom 20. Sep- 
tember 1770, die Ansätze wieder einzufuhren, wie solche, 
festgestellt durch die Wirthschaftsreglements von 1743 
und 1754, seither bestanden hatten, und es führten daher 
die Rittmeister auch femer die Wirthschaft auf Gewinn 
und Verlust bei den Kompagnien fort. 

Ohne Zweifel war diese Einrichtung eine nicht nur 
an und für sich verfehlte^ sondern auch, weil zum Miss- 
brauche verleitend, eine der Offiziere unwürdige. 

Allein der nachtheilige Einfluss derselben auf den 
Zustand der Truppe ist in verschiedenen neueren, die 
sächsische Kriegsgeschichte betreffenden Werken vielfach 
zu grell dargestellt und der finanzielle Gewinn, welcher 
den Capitains aus der Bewirthschaftung ihrer Kompagnien 
erwuchs, jedenfalls zu hoch gegriffen worden, namentlich 
in bezug auf die Kavallerie, wo die Haupteinnahmequelle, 
der Beurlaubungsgenuss, nur in beschränktester Weise in 
Betracht kam. 



**) Als im Jahre 1777 auf Antrag des Obristen Grafen Belle- 
garde bei der Garde du corps die Wirthschaftsführung unter seiner 
Direktion auf Rechnung der Generalkriegskasse übernommen wurde, 
erkundigten sich mehrere Obristen, welche den Wunsch hegten, 
dieses System bei ihren Regimentern ebenfalls eingeführt zu sehen, 
nach den Details der neuen Einrichtung. Graf Bellegarde war jedoch 
selbst der Meinung, dass dieselbe nur bei einem Regimente durch- 
führbar sei, welches, gleich der Garde du corps, in einer Garnison 
beisammen stehe. 



Die wirthschaftlichen Einrichtungen der sächsischen Kavallerie. 325 

Generaladjutant Obrist von Posern, auf seine Pflicht 
deshalb befragt ^ bezifferte das Einkommen eines Kom- 
pagniekommandanten bei der Kavallerie an Tractament 
sammt allen sonstigen Emolumenten und Zugängen auf 
circa 1200 Thlr., eine Summe, welche allerdings zu jener 
Zeit einen bedeutend höheren Werth repräsentierte als 
heutigen Tages. 

Ein einfaches Eechenexempel ergiebt, dass ein Meh- 
reres zu erübrigen schwer möglich war. 

Der Rittmeister bezog an Tractament und Quartier- 
geld jährlich 375 Thlr., sowie den Gebührnisgenuss auf 
zehn, während der Wintermonate zu beurlaubende Leute. 
Ferner empfing er zur Wirthschaftsfiihrung bei seiner 
Kompagnie: 

i. An Beimontierungsgeld jährlich 770 Thlr. 18 Gr. 
9 Pf.**) Hiervon hatte er nicht allein dem Manne die 
sogenannte kleine Beimontier ung an Bekleidungsstücken, 
welche derselbe verdiente, zu reichen, sondern auch die 
gesammten Leder werks- und Pferde -Equipagestücken, 
mit Ausnahme der aus dem Kleidergelderfonds bezahlten 
Eschabracken, zu unterhalten beziehentlich* zu erneuem. 

2. An Gewehrreparaturgeld jährlich 60 Thlr. 

3. Zur Ausfütterung von 75 Dienstpferden, die Ration 
monatlich zu 4 Thalem, im Jahre 3600 Thlr.**) 

Allein auch hieran war Erhebliches kaum zu ersparen, 
denn fast in keinem Jahre reichten die 4 Thlr. monatlich 
zum Ankaufe der Fourage zu, sondern es mussten noch 
genau nach den Marktpreisen berechnete Zuschüsse aus 
der Generalkriegskasse bewilligt werden.*') 

Dabei war der Rittmeister dafür verantwortlich, dass 
die Kompagnie jederzeit vollzählig, in kriegstüchtigem 
Zustande, zur Musterung gestellt werden konnte**), und 
Männer von der Dienstkenntnis und Pflichttreue wie die 
Generale Benckendorff und Bellegarde werden als General- 
inspecteurs entschieden keine offenkundigen Missbräuche 
geauldet haben. Uebrigens befand sich auch in der That 

'*) Für 75 berittene Mannschaften monatlich par t^te 20 Gr., 
für 3 unberittene par tete 13 Gr. lOV* Pf. 

*•) Das Fouragegeld wurde nur auf die effektiv vorhandenen 
Pferde gewährt und auf jedes vakante Pferd täglich 3 Gr. abgezogen. 

»») Im Jahre 1801 z. B. kostete eine Ration 8 Thlr. 6 Gr. öV« Pf. 

'*) Bei übler Wirthschaft konnte der Regimentskommandant 
deren Führung dem Rittmeister abnehmen und einem anderen Offizier 
übertragen. Beeinträchtigungen der Mannschaften bei Gewährung 
der ihnen zukommenden Gebührnisse waren mit Kassation bedroht. 



326 A. von Minckwitz : 

die Kavallerie in ausgezeichneter Verfassung, wie General 
von Gersdorff in seinem bekannten, die Reorganisation der 
Armee im Jahre 1810 betreffenden Memoire ausdrücklich 
anerkennt. 

Der monatliche Etat eines Kavallerieregiments war in 
der zweiten Hälfte des vorigen und im ersten Jahrzehnt 
des laufenden Jahrhunderts nachstehender: 

Thlr. Gr. 
1 Obrister 73 8 

1 Obristlieutenant 49 12 

2 Majors k 64 Thlr. 4 Gr. . . . 128 8 
1 Begimentsquartiermeister ... 18 8 

1 Adjutant 18 8 

1 Auditeur ^ 14 16 

1 Begimensfeldscheer 20 — 

1 Pauker 4 16 

1 Stabsfourier (unberitten) ... 4 14 

1 Stabsfeldscheergesell 4 14 

1 Profos mit Knecht (unberitten) . 5 2 

12 Köpfe beim Stabe 341 10 

Bei acht Kompagnien: 

Thlr. Gr. Thlr. Gr. 
5 wirkliche Kittmeister . i 27 12 137 12 

3 Stabßrittmeister ... k 27 12 82 12 
8 Premierlieutenants 

16 Souslieutenannts 
8 Wachtmeister. . 



4 Estandartj unker . 



ä 18 8 146 16 
ä 16 — 256 



ä 5 6 42 

k 4 18 19 



8 Fouriers (unberitten) . k 4 2 32 16 

8 Feldscheers(unberitten) k 4 14 ' 36 16 

40 Korporals k 4 6 170 — 

8 Trompeter k 4 16 37 8 

8 Schmiede (unberitten), k 2 12 20 — 

540 Gemeine ä 2 16 1440 — 

656 Köpfe 2420 8 

Auf dem Feldetat traten hinzu: 
1 Feldprediger, 
1 Stabstrompeter, 
4 Eskadronssattler, 
1 Wagenmeister, 
1 Proviantknecht beim Stabe, 
16 Proviant- und Packsattel- 
knechte bei den Kompagnien. 



Die wirthschaftlichen Einrichtungen der säcbsischen Kavallerie. 327 

Der Unterhalt eines solchen Regiments erforderte in 
Friedenszeit, nach Wiederaufhebung der Decisionen vom 
20. September 1770, einen Betrag von monatlich 6555 Thlm. 
4 Gr. 3*|4 Pf. nach folgenden Ansätzen: 

946 Thlr. 4 Gr. — Pf. Tractament der Ofaziere, 
1816 n 14 „ — „ Löhnung der Unteroffi- 
ziere und Gemeinen, 
116 „ 17 » 3 „ Quartiergeld der Offiziere, 
401 „ 12 „ — „ Quartiergeld für die 

Mannschaften und die 
Wachtlokale, 
516 „ 10 „ % »? Beimontierungsgeld, 
26 „ 4 „ — „ Medikamentengeld, 1 Gr. 

auf den Kopf, 
25 n 1 w — n Rosskurengeld, 1 Gr. für 

jedes Pferd, 
39 „ 9 „ — „ Gewehrreparaturgeld, 

1 w — •» — n Unterhalt der Trompeten, 
4 „ 12 „ — „ Unterhalt der Proviant- 
wagen, 

2 „ — „ — „ Unterhalt der Packsättel, 
52 „ 8 „ — „ Regimentsunkosten, 

204 „ 9 „ — „ Remontegelder, 
2404 „ — „ — „ Fouragegelder , 4 Thlr. 

monatlich für die Ration 
gerechnet. 



6555 Thlr. 4 Gr. 3% Pf. monatlich, daher jährlich 

78662Thlr. 3Gr. 9Pf., 

ungerechnet die Kleidergelder, welche bis zum Heran- 
nahen des Montierungstermines bei der Generalkriegs- 
kasse inne behalten wurden, und der Invalidenversorgung. 
Als Erläuterung zu dem vorstehenden Etat ist zu 
bemerken: 

1. Die Löhnung des gemeinen Reiters betrug ein- 
schliesslich des Hufschlages (4 Gr.) und des Brotgeldes 
(12 Gr.) 2 Thlr. 16 Gr. Seit den letzten Jahren des 
18. Jahrhunderts wurde jedoch ein Löhnimgszuschuss von 
12 Gr. monatlich gewährt. 

2. Auf einen oerittenen Mann, Unteroffizier wie Ge- 
meinen, wurden 15 Gr., auf einen unberittenen Mann 
8 Gr., auf eine Wachtstube 1 Thlr. 21 Gr. Quartiergeld 
gerechnet. 

3. Das Beimontierungsgeld betrug 20 Gr. auf einen 



328 A. von Minckwitz: 

berittenen Mann, Unteroffizier wie Gemeinen, 13 Gr. 
10'/« Pf> ftuf einen unberittenen Mann. 

4. Das nur für die Gemeinen ausgeworfene Gewehr- 
reparaturgeld betrug für den Kopf 1 Gr. 9 Pf. 

Für die aus dem Hauptzeughause gelieferten Waffen 
selbst hatten die Rittmeister eine Widerlage bei der 
Generalkriegskasse zu deponieren, welche ihnen von ihren 
Nachfolgern im Eompagniekommando zu ersetzen war. 

5. Das Fixum für die Begimentsunkosten war an 
Stelle des Kopfgeldes getreten. Dasselbe betrug im Jahre 
1763: 58 Thlr. (1 Thh-. auf 10 Köpfe), seit 1772 2 Gr. 
für jeden Kopf. 

6. An Remontegeld wurden für jedes Unteroffiziers- 

?ferd 15 Gr., für jedes Pferd eines gemeinen Reiters 
Gr. 6 Pf. monatlich gerechnet, und ausserdem floss zur 
Remontekasse der Ertrag aus dem Verkaufe der aus- 
gemusterten Pferde. 

Im Jahre 1778 übernahm die Generalkriegskasse die 
bisher von dem Kompagniekommandanten geführte Re- 
montewirthschaft. 

7. Die Offiziere erhielten bis zum Jahre 1810 keine 
Rationen, doch wurden ihnen in besonders theuren Zeiten 
Erleichterungen bei Anschaffung der Fourage gewährt. 

8. Zu der von den Kleidergeldern anzuschaffenden 
Leibesmontierung gehörten: das KoUet und das Chemiset, 
der Hut, der Mantel, die Strümpfe, der Kittel.**) Hier- 
über war von den Kleidergeldem die Ausgabe für die 
Eschabracken zu übertragen. 

Die kommissarischen Auswürfe der Kleidergelder 
unterlagen verschiedenen Aenderungen. Im Jahre 1778 be- 
trugen dieselben monatlich 9 Gr. für den Kopf, im Jahre 
demnach fiir das Regiment 3118 Thlr. 12 Gr. Bei den 
fortdauernd steigenden Tuchpreisen war jedoch das Be- 
dürfiiis damit nicht zu bestreiten und machten sich daher 
jederzeit» Zuschüsse erforderlich. 

Die Sorge für die Anschafibng der Leibesmontierung 
lag, unter Verantwortlichkeit des Regimentskömmandanten, 
in der Regel dem Regimentsquartiermeister ob. 

Die Montierungsperiode für KoUet und Chemiset war 

**) Die übrigen Leibesbekleidungsstücke worden von den Bei- 
montiernngsgeldem angeschafft und, nach kürzerer oder l&neerer 
Frist, vom Manne verdient. Nur die steifen Stiefel und die Stiupen- 
handschuhe z&hlte man den zu des Capitains guter WirthschiüR; ge- 
stellten Lederwerksstücken bei. 



Die wirthschaftlichen Einrieb tun gen der sächsischen Kavallerie. 329 

dreijährig; dor Hut, die Strümpfe und der Kittel hatten 
zweijährige^ der Mantel , sowie die Eschabracke sechs- 
jährige Haltefrist. 

9. Auf dem Feldetat stiegen die Kosten zum Unter- 
halt eines Kavallerieregiments auf monatlich 8474 Thlr. 
21 Qr. 4 Vi Pf.) indem die Mobilmachungsbedürfnisse sammt 
dem Feldzuschuss 1919 Thlr. 17 Gr. V, Pf. betrugen. 



Bei Gelegenheit der Reorganisation der Armee im 
Jahre 1810 sahen sich auch die wirthschaftlichen Verhält- 
nisse einer vollkommenen Umgestaltung unterworfen. 

Auch die Führung der Wirthschaft bei den Kom- 
pagnien durch die Capitains hörte auf und wurde auf 
Rechnung der Generalkriegskasse übernommen. 

Die Leitung der ökonomischen Angelegenheiten der 
Armee erhielt ein Generalintendant '^), als dessen Organe 
bei den Regimentern Wirthschaftskommissionen fungierten^ 
bestehend aus: 1 Stabsoffizier, 1 Rittmeister; 1 Lieute- 
nant, 1 Wachtmeister und dem Regimentsquartiernieist^r. 

Anfangs verblieb den Regimentern die Sorge für 
Anschaffung der Bekleidungs- und Ausrüstungsgegen- 
stände, von denen jedoch die Proben der Generalinten- 
danz zuvor zur Genehmigung einzusenden waren. 

Nach der Katastrophe von 1813 wurden hierauf Wirth- 
schaftsdepots errichtet, aus welchen die Regimenter ihre 
Bedürfnisse zu beziehen hatten. 

In den Jahren 18 17, 1844 und 1867 erschienen neue 
Wirthschafksreglements , welche mannigfache Verände- 
rungen herbeiführten. 

Die Geschäfte in wirthschaftlichen Angelegenheiten 
bei den Regimentern werden, nachdem dieselben von 1822 
bis 1867 an Stelle der Wirthschaftskommission ein Wirth- 
schaftschef wahrzunehmen gehabt hatte, seit letztgedachtem 
Jahre wieder von Kommissionen, einer Kassen- und einer 
Bekleidungskommission; versehen. 



*^) Zunächst übernahm die Funktion in besonderem Auftrage 
der Chef des Generalstabes, General von Gersdorff. 



Literatur, 



Mdas Storch, der Anfänger der Zwickaner Wiedertäufer. Ein 

Lebensbild aus dem Reiormationszeitalter auf Grund der in der 
Königl. öffentl. Bibliothek [zu] Dresden wie auf der Rathsbibliothek 
zu Zwickau vorhandenen Nachrichten, bearbeitet von Richard 
Bachmann. Zwickau, Altner. 1880. 8^ 35 S. 

Seitdem Seidemann im Sächsischen Kirchen- imd 
Schulblatt, Jahrgang 1872, No. 22, 23 und 26 das Leben 
Nicolaus Storchs kurz behandelt und mit der diesem 
Forscher eigenen Gründlichkeit die Literatur zusammen- 
gestellt hatte, lag das Material bereit zu einer eingehenden 
Monographie über einen Mann, der durch die Verbindung 
der cnristlichen und socialen Ideen gerade in unseren 
Tagen ein erhöhtes Interesse in Anspruch nimmt. Vor- 
liegendes Schriftchen giebt nun eine Lebensbeschreibimg 
des Zwickauer Propheten, und der Titel spannt unsere 
Erwartungen um so höher, als er unbekannte handschrift- 
liche Nachrichten in Aussicht stellt. Freilich entspricht 
das Buch den Erwartungen, mit denen man an dasselbe 
herantritt, nur in geringem Grade. Verfasser scheint 
jene Artikel Seidemanns nicht gekannt zu haben und hat 
die dort citierten zahlreichen Quellen unbenutzt gelassen, 
vor allem das reizende Büchlein Marcus Wagners: „Ein- 
feltiger Bericht : Wie durch Nicolaum Storeken die Auflf- 
ruhr in Thüringen, vnd vmbliegenden Revir, angefangen 
sey worden u. s. w. Getruckt zu Erffurdt durch Zachariam 
Zimmerum, Wonhafftig zum gülden Stern, auff der langen 
Brücken. Anno M.D.XCVII." Es ist dies eine überaus 
wichtige Quelle. Wagner berichtet selbst (Bl. 25 b), er 
habe bei Augenzeugen ,,mit fleiss allenthalben den 
Sachen nachgeforschet, vnnd nichts vnterlassen, das zur 
warhafftigen erzehlung dess Storeken im anfang dess auff- 
rhurs dienlich vnnd beförderlich sein möcht^. Bachmann 
kennt nur, wie es scheint, eine einzigCi ziemlich Unglück- 



Literatur. 331 

lieh verwendete Stelle über die äussere Erscheinung Storchs 
(S. 3. fg. vergl. Wagner Bl. 20 a), und doch enthält 
das Schriftchen eine grosse Fülle einzelner Nachrichten 
über die Predigtthätigkeit Storchs u. a., welche zur Ver- 
vollständigung des Bildes viel hätten beitragen können. 
Während so Hauptquellen nur späriich benutzt werden, 
stützt sich nicht selten die Darstellung auf die ziemlich 
unsichern Chroniken Zwickaus, deren Nachrichten nur 
nach eingehender Kritik verwendet werden können. Von 
ungleich höherem Werthe sind die Notizen, die aus Enoch 
Widemanns Hofer Chronik stammen; freilich ist auch 
diese Quelle nicht genügend ausgebeutet. Richtig ist ohne 
Zweifel, wenn Bachmann, dem genannten Gewährsmann 
folgend, Storch in Zwickau geboren sein lässt. Es hätten 
sicn dafür noch mehr Zeugnisse beibringen lasSbn, ausser 
anderen auch aus dem dortigen Rathsarchiv. Merkwürdiger 
Weise ist letzteres gar nicht benutzt, und doch werden 
in den Rathsprotokollen aus dieser Zeit die „Schwirmer 
und Wiedertäufer" oft genug erwähnt. Nicolaus Storch 
wird mit Namen genannt in einem Beschluss vom Jahre 
1536 (Protokolle BL 33 b), wo es unter der Ueberschrift: 
Wiedertäufer u. s. w. heisst : „Auch soll der Radth auflF 
Nikein Storch, der itzo alhie sein solle, gute achtung 
geben, das er nicht ein anhang kriege, odder aber gar 
von der Stadt geweisset würde." Es entsteht die Frage, 
ob diese vermuthete Anwesenheit Storchs in seiner Vater- 
stadt nicht in irgendwelchem Zusammenhang steht mit 
der S. 14 citierten Schrift: „Vorlegung etlicher vnchrist- 
licher Artikel, welche die Wiedertäuffer furgeben", da 
dieselbe in dem nämlichen Jahre in Zwickau gedruckt 
ist. Man sieht aus diesen Zeugnissen, dass sich auch 
später noch in Zwickau Wiedertäufer fanden. Referent 
fügt noch einige archivalische Notizen zur Geschichte 
derselben bei. Im Gemeinschaftlichen Hauptarchiv zu 
Weimar befindet sich (Reg. N. pag. 46. A. Num. 4. 9.) 
ein Aktenstück: „1521. Schriften, betr. die Beschwerde 
der Geistlichkeit und einiger Laien zu Zwickau über die 
bedrohlichen Aeusserungen der Menge in religiöser Be- 
ziehung und das Gesuch dem in Aussicht stehenden Auf- 
ruhr zuvorzukommen.^ Nicolaus Hausmann und sechs 
Zwickauer Geistliche und Bürger berichten in demselben 
über ein Verhör von sechzehn Personen, welche zweifelten, 
^ab der glawb der pathen dem kinde zur taufe hulMich, 
item etzliche vermeinten an der tawff selig zu werden, 



332 Literatur. 

item etzliche gaben an als were die gottlich schrifft zur 
lare der menschen vncrefftig, allein moste der mensch 
durch den geist gelemet werden" etc. In dem Visitations- 
bericht vom Jahre 1529 (Hauptstaatsarchiv zu Dresden, 
Loc. 10959, Meyssnische Visitation) findet sich ebenfalls 
ein Bericht über ein Verhör von Wiedertäufern , „die mit 
irrigen secten wider die sacrament vnd evangelium etc. 
in winckeln handeln, zusammen kriechen etc. Von einer 
Aufstellung einzelner Ausstellungen bezüglich des Stils 
wie des Inhalts sieht fieferent ab, nur darauf möchte er 
aufmerksam machen, ob die Charakteristik des Egranus 
(auf S. 12) nicht einer günstigeren Auffassung des An- 
hängers des Erasmus weichen muss. (cf. Döllinger, Die 
Reformation S. 136 ff.) Was das Schriftchen Bachmanns 
interessaift macht, ist der Blick in die Kulturgeschichte 
Zwickaus und Sachsens im 16. Jahrhundert. Es wäre 
zu wünschen , dass uns unter genauer Benutzung * der 
handschriftlichen Quellen wie der von Bachmann nur in 
geringem Grade benutzten reichen Litteratur ein den 
wissenschaftlichen Anforderungen genügendes Lebensbild 
dieser höchst interessanten Persönlichkeit gegeben würde, 
wie Referent an dieser Stelle den von Seidemann a. a. O. 
geäusserten Wunsch wiederholt, dass auch eine neue 
Darstellung Thomas Münzers in Angriff genommen werden 
möge, welche das seit dem Erscheinen des Seideraann- 
schen Buches publicierte Material zusammenfasst und 
verarbeitet. 

Dresden-Neustadt. Georg Müller. 

Die Markgrafen ron Meissen und das Haus Wettin bis zu Konrad 
dem Grossen, Von OttoPosse. Mit vier Stammtafeln und acht 
Karten. Leipzig, Giesecke & Devrient. 1881. 8^ XIV, 464 SS. 

Das obige in ansprechender Ausstattung vor uns liegende 
Werk steht, wie der Verfasser im Vorworte selbst bemerkt» 
im innigsten Zusammenhange mit den von ihm geleiteten 
Arbeiten für die Herausgabe des Codex dipiomaticus 
Saxoniae regiae; es soll die Einführung und die verbin- 
denden Mittelglieder bieten für die reichen und werth- 
voUen, freilich in sich nicht ganz gleichartigen Materialien 
des ersten Bandes der ersten Hauptabtheilung, welcher 
die urkundlichen Grundlagen für die älteste Geschichte der 
Markgrafschaft Meissen und der die Entwickelung dieses 
Kernes der späteren wettinischen Macht beeinflussenden 
Persönlichkeiten hoffentlich bald der allgemeinen wissen- 



Literatur. 333 

schaftlichen Forschung zugänglich machen wird. Lange 
genug sieht man schon dem Erscheinen dieser Publikation 
mit Spannung entgegen, und die auf sie gerichteten Er- 
wartungen sind durch die Herausgabe der vorliegenden 
Einleitung eher erhöht als herabgemindert. Zu prüfen, 
ob es ökonomisch richtig und vortheilhaft war, die Ein- 
leitung auf einen derartigen Umfang anschwellen zu lassen, 
ist nicht unsere Sache; im Gegentheil woUen wir gegen 
Einwürfe dieser Art zu bedenken geben, dass ein Ge- 
lehrter, der sich mit so viel Mühe und Kenntnis wie Liebe 
zur Sache in die Sammlung und Sichtung des an sich 
trockenen Quellenmateriales hinein gelebt und vertieft 
hat, doch gern auch die Fäden des inneren Zusammen- 
hanges der neugewonnenen Resultate aufzunehmen und 
zu einem weiteren Kreisen zugänglichen und verständ- 
lichen Bilde zu verweben sucht. Eine angemessene Be- 
schränkung und Ersparnis im Umfange hätte nach 
unserem Dafürhalten dadurch eintreten können, dass der 
darstellende Theil, statt jetzt, erst gleichzeitig oder gar 
nach dem Erscheinen des Quellenmateriales veröflFentlicht 
worden wäre; manches weitschichtige Citat aus den Ur- 
kundentexten, manche diplomatische Auseinandersetzung 
hätte dann unterbleiben und durch eine einfache Ver- 
weisung auf das Diplomatar erledigt werden können. 
Hiergegen ist es freilich denkbar, dass der Verfasser einem 
Theile seines Leserkreises absichtlich die Darstellung un- 
abhängig von der Quellensammlung und einem steten 
Nachschlagen in derselben vorführen wollte; denn auf den 
Kreis streng wissenschaftlich vorgebildeter Fachleute konnte 
und durfte er die Schilderung der wechselvollen Schick- 
sale eines in den ältesten wie in späteren Zeiten für die. 
gesammte vaterländische Entwicklung bedeutimgsvoUen 
Territoriums nicht ausschliesslich berechnen. Posse hat bei 
seinem neuen Werke sicherlich und vornehmlich allen denen, 
die durch ihren heutigen Wohnsitz und politische Verhältnisse 
ein besonderes Interesse an dem engeren Gebiete der alten 
Markgrafschaft Meissen nehmen, Belehrung und eine an- 
gemessene und wohlfundierte Aufklärung über die Ver- 
gangenheit der Heimat bringen und vor allem zeigen 
wollen, in welcher Weise die Umwälzungen in der Politik 
und Verfassung des Reiches ursächlich und bestimmend 
auf die Herausbildung des Keimes zu einem der späteren 
deutschen Sonderstaaten eingewirkt haben. — Wie es im 
Süden und Westen Deijtschlands die alten Stammes- 



334 Literatur. 

herzogthümer waren, auf die sich mächtigere Theilstaaten 
aufbauten, so waren es im Osten die Markgrafschaften, 
die jenen eine Reihe kräftiger Rivalen zur Seite stellten, 
aus deren Mitte schliesslich zwei, die der nordöstlichen 
und südöstlichsten Grenzmark entsprossenen Staatsorgani- 
sationen die Vertretung Deutschlands in der europäischen 
Politik übernahmen; erst die Verwicklungen der beginnen- 
den Neuzeit haben es gefügt, dass die politischen Bildungen, 
die sich auf die Macht der in der Mitte der ehemaligen 
Ostgrenze des Reiches gelegenen Mark stützten, nicht das 
gleiche Ziel wie jene erreichten. — Daher war es, wenn 
irgend, hier erforderlich, die Ereignisse der Territorial- 
geschichte sich auf dem Hintergrunde der Reichsgeschichte 
abspielen zu lassen; für die älteren Perioden und für Theile 
der späteren ist die Reichsgeschichte geradezu das einzige 
und ausschliessliche Band, das auch nur einen äusser- 
lichen Zusammenhang zwischen einzelnen uns überlieferten 
Namen und Andeutungen von Ereignissen zu vermitteln 
im Stande ist. Je länger desto reicaer fliessen allerdings 
die Quellen, die uns einen selbständigen Blick in das innere 
Getriebe der Landesgeschichte gestatten; aber in dem ganzen 
hier umspannten Zeiträume hat sich das politische Leben 
noch nicht ausschliesslich in die engen Grenzen des Territo- 
riums zurückgezogen, noch fungiert letzteres als lebendiges 
Glied des Reichsganzen, von ihm Kraft und Bewegung 
empfangend, ihm Nahrung und Organe spendend. So 
richtig und erspriesslich also das Hereinziehen der Reichs- 
geschichte in die Darstellung der Territorialgeschichte 
und eine stete Verwebung beider Zweige ist, so können 
doch wohl Zweifel über das erforderliche Mass bestehen, 
und so will es dem Referenten dünken, als wenn der 
Verfasser in mehreren Partien seines Werkes in Erörte- 
rung der Reichsangelegenheiten des Guten zu viel ge- 
than habe; dies Abgehen von einem uns vorschwebenden 
angemesseneren Verhältnisse beider Faktoren erschien 
vielleicht um so auffälliger, als Posse in Folge der nothwen- 
digen Eintheilung seiner Untersuchungen und Darstellung 
in einzelnen Abschnitten wiederholt auf dieselben Vor- 
gänge der Reichsgeschichte zu sprechen kommen musste. 
Die thatsächliche Entwicklung gebot eine natürliche 
Scheidung des gesammten Stoffes in vier Hauptabschnitte: 
in einem ersten Buche war die Herrschaft der ältesten, 
verschiedenen Familien angehörigen Markgrafen und die 
der sogenannten Ekkehardiner zu behandeln, in einem 



Literatur. 335 

zweiten und dritten musste das zeitlieh kürzere Wirken 
der Markgrafen aus dem Hause Weimar-Orlamünde und 
der Brunonischen Familie erörtert werden, und im vierten 
Abschnitt galt es die Kämpfe der ersten Glieder des 
Hauses Wettin um die Markgrafschaft zu schildern. In 
solcher Weise zusammenfassend sind diese Entwicklungs- 
stufen bisher noch von Seiten keines Autors behandelt 
worden; an den verschiedensten Punkten hat allerdings 
schon die ältere Forschung eingesetzt, doch hat sie sich 
mit Vorliebe nur der Erörterung einzelner Fragen zu- 

fewendet und diese mit einem Uebermass von Umständ- 
chkeit und Ausführlichkeit behandelt So konnte es keine 
leichte Aufgabe sein, sich kritisch sichtend durch diese 
Literatur hindurchzukämpfen; die noth wendig gewor- 
denen Bemühungen haben sich indess reichlich gelohnt, 
fast aller Orten hat sich Gelegenheit geboten, Berich- 
tigungen und Vervollständigungen in grösserem und klei- 
nerem Umfange eintreten zu lassen. Wie aber der Ver- 
fasser sich auf der einen Seite durch Beherrschung der 
älteren Vorarbeiten auf dem von ihm bebauten Gebiete 
und durch die Kenntnis selbst kleiner und wenig ver- 
breiteter Beiträge auszeichnet, so hat ihm wie noch keinem 
seiner Vorgänger das diplomatische Quellenmaterial in 
gleicher Vollständigkeit und Ausdehnung aus eigener 
Anschauung zur Verfügung gestanden. In der Behand- 
lung und Benutzung desselben verfährt er mit tief ein- 
schneidender, aber ruhiger Kritik. Es fehlt namentlich 
unter den Urkunden und vor allem wieder unter denen 
der Hochstifte Meissen und Naumburg nicht an Stücken, 
die schwer unter sich und mit den Sachrichten anderer 
Quellen in Einklang zu bringen sind; ein grosser Theil 
derselben scheint aus diesen und anderen Gründen unter 
die Fälschungen verwiesen werden zu müssen. Es wäre 
eine Unmöglichkeit für einen Referenten, in allen diesen 
Punkten an der Hand der gegebenen IJrkundenauszüge 
und begleitenden diplomatischen Bemerkungen eine Nach- 
prüfung durchzuführen; in der überwiegenden Mehrzahl 
der einschlägigen Fälle würde sich eine solche Arbeit 
freilich auch als überflüssig erwiesen haben: da scheint 
die Richtigkeit der hier dargelegten Behauptungen ausser 
Zweifel zu stehen. Nur bei einer geringen Zahl der an- 
gefochtenen Stücke kann Referent bis jetzt nicht ohne 
weiteres der Verwerfung derselben als Falsificate bei- 
stimmen. Für einzelne Gelegenheiten steht ihm dagegen 



336 Literatur. 

noch weiteres für Posses Annahmen sprechendes Material 
zur Verfügung; er kann es z. B. näher erhärten, dass die 
Urkunde über eine angebliche Schenkung der Stadt Leipzig 
durch Kaiser Heinrich 11. an das Stift Merseburg um 1269 
gefälscht sein muss. 

Jener neuen sachlichen Gesichtspunkte und der durch 
sie bedingten Aenderungen in der Darstellung sind so 
viele; dass wir auf eine auch nur annähernd vollständige 
Aufzählung derselben mit Rücksicht auf den uns zu Ge- 
bote stehenden Raum von vorn herein verzichten müssen. 
Wir beschränken uns daran zu erinnern, dass die Namen- 
reihe der älteren Markgrafen eine andere Gestalt erhalten 
hat; klarer als irgend bisher sehen wir, wie das Princip 
der Erblichkeit auch bei der markgräflichen Würde mehr 
und mehr das üebergewicht über den Amtscharakter 
erlangt, wie der König selbst zur Förderung der> kirch- 
lichen Mission im Osten wie im Interesse des Grenz- 
schutzes gegen die Slaven und zum Zwecke der Auf- 
rechterhaltung einer Art Oberhoheit über Polen und 
Böhmen den Erblichkeitsansprtichen seiner Vertreter in 
der Mark entgegenkommen muss; mit Sorgfalt sind alle 
Stufen in dem Kampfe beider Prinzipien verfolgt, die 
älteren Grundlagen der Machtstellung einzelner Bewerber 
genau geprüft, die Persönlichkeit und politische Thätig- 
keit derselben, je nach der Dürftigkeit oder Ausgiebig- 
keit der Quellen, im letzteren Falle sogar manchmal in 
etwas zu weitem Umfange zur Darstellung gebracht 
worden. Und so werden nicht nur die grossartigen 
militärischen Operationen jenseits der Elbe und deren 
Wechselfälle in die Geschichte der Markgrafschaft hinein? 
gezogen, sondern es finden zu einem guten Theile auch 
die Geschicke der benachbarten westlichen Territorien 
eine eingehende Behandlung ; frühe genug waren ja schon 
die alten Marken Merseburg und Zeitz in die ungleich 
wichtigere Mark Meissen aufgegangen, und sowohl die 
Ekkehardiner als das Haus Weimar-Orlamünde war bis 
tief hinein nach Thüringen mit Eigengut und Lehnsbesitz 
ausgestattet; durch die Glieder des letzteren Geschlechts 
spielen dann wieder die üngarnkämpfe Heinrichs JH., 
die Streitigkeiten um die Vormundschaft und Keichs- 
regierung für den minderjährigen Heinrich IV. und der 
ganze Thüringer Zehntenstreit in die meissnischen Ver- 
hältnisse hinein. Mit dem Uebergange der Herrschaft 
an die Brunonen lösen sich zwar die Beziehimgen zu 



Literatur. 337 

Thüringen, dagiegen tritt Meissen in um so nähere Ver- 
bindungen mit der sächsischen Heimat des neuen Ge- 
schlechtes, die unter dem Einflüsse der dortigen Oppo- 
sition gegen den König während des Investitur Streites um 
so verhängnisvollere Gestalt annehmen, und vor allem 
ist Markgraf Ekbert IL in seinem Ehrgeize und politi- 
schen Wankelmuth das Prototyp der fürstlichen Sonder- 
politik jener Tage. Dass er, im Kindesalter dem Vater 
in der Würde folgend, doch zunächst einen Vormund 
sich hat gefallen lassen müssen, möchten wir mit der 
älteren Literatur lieber aufrecht erhalten, wenn wir auch 
Posse beistimmen, dass es nicht der Wettiner Dedi, der 
Markgraf der Lausitz, gewesen, der die Vormundschaft 
geübt habe. Ferner genügt uns S. 178 auch die Autorität 
des sächsischen Parteigängers Bruno nicht, um, wie hier 
geschieht, Ekbert für ganz schuldlos am ersten sächsischen 
Aufstande, der ihm zuerst den Verlust der Privatgüter 
und bei weiterem offenen Kampfe auch die Achtserklä- 
rnng und die Aberkennung der Mark brachte, zu halten; 
die zwei Seiten früher begegnende Berufung auf die An- 
nalen Lamberts für jene Annahme beruht auf einem Ver- 
sehen in den Citaten. Gesicherter erscheinen uns dagegen 
durch Posses Untersuchungen die Termine für den Rück- 
tritt Ekberts zur königlichen Partei und für die Wieder- 
erlangung der Mark. Aus den weiteren sich wiederholenden 
Aufstandsversuchen, Verurtheilungen, Wiederaussöhnungen 
und Kämpfen, die bis zur Bewerbung um die Königs- 
krone führen , möchten wir nur darauf aufmerksam 
machet, dass es nicht ganz gerathen scheint, dem 
Chronisten Bernold in der Annahme zweier Niederlagen 
Heinrichs IV. im Jahre 1088 und 1089, in denen er die 
Reichsinsignien an Ekbert verloren hätte, zu folgen; der 
Berichterstatter macht sicherlich wohl aus einem Vorgange 
zwei getrennte Erzählungen. Der letzte endgültige Pro- 
zess gegen Ekbert war es, der das Haus Wettin in die 
Meissener Herrschaft einführte, wofür der neue Markgraf 
Heinrich freilich die Lausitz in die Hände Wiprechts von 
Groitsch übergehen lassen musste, vielleicht, wie Posse 
wahrscheinlich macht, mit Rücksicht auf den Schwieger- 
vater des letzteren, den Böhmenkönig, der, mehrfach vom 
Kaiser mit Ekberts Amt bedacht, jetzt mit umfassenderen 
Ansprüchen zurücktrat. 

Im Eingange des vierten Abschnittes spricht sich 
der Verfasser natürlich über die Vorgeschichte des Wet- 

Meues Archiv f. S. G. u. A. II. 4. 22 



338 Literatur. 

tinischen Hauses aus. Er überschreitet erfreulicher Weise 
in seinen Annahmen über die Anfänge desselben nicht 
die Grenze des durch die Thietmar'sche Chronik und den 
Annalista Saxo Verbürgten; die vielfachen weitgehenden 
und widerstreitenden Hypothesen über diesen Punkt 
werden vor allem in Anmerkungen resümiert und zurück- 
gewiesen. So sieht er davon ab, aus der Bemerkung 
Thietmars, dass die Wettiner einer „tribus Buzici" ent- 
stammten, weitere Schlüsse zu ziehen, scheint aber ge- 
neigt zu sein, j^tribus" eher als Bezeichnung für Geschlecht 
als im localen Sinne aufzufassen. Referent theilt diese 
Ansicht nicht ganz, es will ihn dünken , „tribus^^ sei 
eher als Namen eines Volksstammes aufzufassen^ der all- 
mählich sich auf eine Gegend oder Landschaft übertragen 
hat, und sollte dieser Name wirklich slavischen Ursprungs 
sein, so stimmen wir Posse doch entschieden in der An- 
nahme bei, dass die Träger desselben von Haus aus 
Deutsche gewesen sind. Posse vervollständigt und ver- 
tieft mit Geschick an der Hand der von den Urkunden 
gebotenen Ortsnamen den bereits von O. v. Heinemann in 
die Hand genommenen Beweis, dass das wettinische Haus 
reiche Eigengüter und mehrere Komitate im nordthü- 
ringischen Schwabengau innegehabt habe und führt dann 
endlich, unseres Wissens nach zuerst, die aus dem Sachsen- 
spiegel und aus den den Satzungen desselben entsprechenden 
Thatsachen gewonnenen Argumente fiir die schwäbische 
Herkunft des Geschlechtes ins Feld; weniger im Einklänge 
mit dem bisherigen vorsichtigen Vorgehen steht an dieser 
Stelle freilich der sehr hypothetische Rückblick "in die 
Zeiten der grossen germanischen Völkerbewegung. Von 
hier aus wird alsdann, soweit es die splrlich fliessenden 
Quellen gestatten, der allmählichen Ausdehnung der wet- 
tinischen Hausmacht bis zum Eingreifen in die Meissener 
Verhältnisse nachgegangen ; an diesem Ziele angelangt 
greift nach Schilderung der kurzen Regierung Heinrichs I. 
die Darstellung wieder auf frühere Janrhunderte zurück^ 
um uns mit den Schicksalen der Vorfahren Wiprechts H. 
von Groitzsch vertraut zu machen, der in der Reichs- 
geschichte des ausgehenden elften und beginnenden 
zwölften Jahrhunderts eine grosse Rolle spielte und 
auch für kurze Zeit die bereits als wettinisches Erbe 
geltende Mark gewann, als mit Heinrich U. schon 
die neue Regentenfamilie im direkten Mannesstamme er- 
losch. Ein ziemlich in Details eingehender Ueberblick 



Literatur. 339 

aber die Kämpfe Heinrichs V. mit der Kirche und den 
sächsischen Fürsten, die zum Theil an den Streit um die 
Orlamünder Erbschaft in Thüringen anknüpften, schiebt 
sich etwas fremdartig in die Hauptdarstellung ein; doch 
sind diese Erörterungen durchaus erwünscht, um die 
Stellung des Kaisers und der Fürsten zu einander zu 
charakterisieren; freilich scheint der Verfasser, wenn er 
auch die von letzteren erhobenen Ansprüche auf Berück- 
'sichtigung der weiblichen Linien bei Heimfällen von 
Reichslehen verwirft, doch dem Königthume für sein 
Festhalten an dem freien Verfügungsrechte gegen die ge- 
wohnheitsmässig ausgebildete Forderung einer Succession 
der nächsten männlichen. Verwandten, die Schuld an diesen 
heillosen Wirren mehr als billig beizumessen. Der Unter- 
stützung des Führers der sächsischen und fürstlichen Oppo- 
sition, des nachmaligen Kaisers Lothar IH., hatte es 
Konrad von Wettin, später „der Grosse" genannt, der im 
dritten Gliede mit Heinrich IL von einem gemeinschaft- 
lichen Stammvater abstammte, zu danken, dass er in den 
Besitz der Mark Meissen gelangte und sich daselbst mit 
Ehren behaupten konnte; seitdem ist die Verbindung 
dieses Landes mit jenem Fürstengeschlechte nicht unter- 
brochen worden. In der bei letzterer Gelegenheit behan- 
delten Frage, ob die Winzenburger in einer Verbindung 
mit der Mark Meissen gestanden hätten, kann man sich 
nur mit auf den verneinenden Standpunkt Posses gegen 
die Angaben der Pegauer Annalen stellen; dagegen ist 
jenem Fürstenhause nach dem sicherlich gut unterrichteten 
Chronicon Sampetrinum eine Markgrafschaft in thüringisch- 
sächsischen Gebieten nicht abzusprechen, und vielleicht 
könnte sein Herrschaftsgebiet in die alten Marken Zeitz 
und Merseburg zu legen sein, da die Nachfolge der 
Wiprechtiner auf die bisher daselbst waltenden Stader 
Grafen auch nur in das Bereich der Vermuthungen ge- 
hört. — Den Schluss des Ganzen bildet ein uns recht 
zusagender Ueberblick über die innere Verfassung und 
die Kulturzustände des Markgebietes; es ist hier alles, 
was sich aus den dürftigen Quellen ermitteln Hess, zu 
einem wenn auch weder farbenreichen noch in allen seinen 
Theilen gleichmässig ausgeführten, aber für den Kenner 
höchst beachtenswerthen Bilde gruppiert. 

Nur um den Zusammenhang des bisher besprochenen 
Textes nicht zu stören, ist die Erörterung mehrerer an 
sich bedeutsamer und für die vorausgehende Untersuchung 

22* 



340 Literatur. 

höchst wichtiger Fragen in die Excurse verwiesen worden; 
oben an stehen hier die von Posse mit gutem Erfolge 
unternommenen Versuche, die Organisation des der Mark 
entsprechenden Bisthums, die wie überall so auch hier auf 
die politische Gestaltung des Landes tiefgreifenden Einiluss 
übte, festzustellen. Die Verfolgung dieses Gegenstandes 
muss sich aus Mangel an geeignetem, von Meissen selbst 
aus gebotenem Material zum grösseren Theile auf eine 
Reihe von auswärts gewonnener Grundlagen stützen, die 
insofern zu erwünschten Resultaten führen, als die Ent- 
wicklung des Stiftes Meissen einmal mit der unter so 
fressen Schwierigkeiten durchgeführten Errichtung des 
Irzbisthumes Magdeburg und sodann mit den besonders 
eigenthümlichen Schicksalen des Merseburger Bisthumes 
von den ersten Anfängen an in innigstem Zusammenhange 
stand. Es ist in dieser Beziehung die bald nach der 
Gründung (981) durch die Staatsgewalt wieder erfolgte 
Aufhebung letzterer Stiftung, mit der eine Auftheilung des 
Sprengeis an das Metropolitanstift, an Halberstadt und 
die beiden anderen Suffragane des ersteren verbunden 
war und gegen die sich in der Kirche eine gewaltige 
Bewegung erheben musste. Mit der nach Jahrzehnten 
hierauf durchgeführten Wiederherstellung war indess der 
alte Besitzstand nicht wieder völlig erreicht worden, und 
so haben denn die dortigen Kirchenfürsten lange Zeit für 
die Erreichung dieses Zieles gestritten, doch ohne zu 
einem völlig befriedigenden Abschlüsse zu gelangen; nicht 
nur blieb gegen dieselben Meissen im V ortheil in dem 
ihm bei der Theilung zugewiesenen Gebiete, es gelang 
ihm vielmehr auch, den Magdeburg einst zugefallenen 
Beutetheil an sich zu ziehen und schliesslich die Grenzen 
seiner geistlichen Jurisdiction bis zum Bober und zur 
Oder auszudehnen. Freilich ist es Posse bei all seinen 

f rundlichen und methodischen historisch -geographischen 
'orschungen nicht möglich geworden, einen genaueren 
Zeitpunkt und bestimmte Verhältnisse für diese Um- 
wälzungen zu ermitteln; aus seinen Erörterungen ge- 
winnen wir nur das dankenswerthe Resultat, dass die 
erhebliche Erweiterung der Bisthumsgrenzen mehr auf 
dem Wege der Gewalt als des Rechtes gegen Ende 
des elften Jahrhunderts vor sich gegangen ist und dass 
man, um anscheinend rechtliche Grundlagen für die er- 
hobenen Ansprüche und deren Behauptung zu beschaffen, 
ganze Urkundenserien gefälscht hat. An der Hand der 



Literatur. 341 

hier gewonnenen Hilfsmittel und anderer Materialien, die 
uns in einem späteren Excurse nach gehöriger Prüfung 
und Sichtung mitgetheilt werden, unternimmt es Posse 
nun, die alten Grenzen der für die historische Entwick- 
lung Sachsens in Betracht kommenden Gaue Chutizi, 
Siusili, Daleminci, Nisani, Lusizi und Milzeni zu rekon- 
struieren, und mit Ausnahme einiger Stellen in den östlich 
gelegenen Gebieten, an denen man sich auch fernerhin 
stets mit Vermuthungen begnügen wird, müssen die ge- 
zogenen Scheidelinien als wohl beglaubigt anerkannt 
werden. Wie eben bemerkt, wäre die Durchführung dieser 
Aufgabe nicht möglich gewesen ohne Heranziehung der 
im letzten Excurse neu eröffneten Quelle: der in dem ent- 
sprechenden Bande des Codex diplomaticus noch nicht 
zur Publikation gelangten Matrikel des Bisthums Meissen ; 
obwohl zum grösseren Theile nur in späteren Ueberliefe- 
rungen erhalten, lässt sich Umfang und Inhalt einer in 
der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts entstandenen Re- 
daktion erkennen, und mit richtigem Tacte ist Posse bei 
Verwerthung derselben nicht mechanisch, sondern unter 
steter Berücksichtigung der natürlichen geographischen 
Verhältnisse vorgegangen. Eine Gaukarte für Thüringen 
und Meissen in nicht allzu kleinem Umfange unterstützt 
bildlich die nicht immer leichte Verfolgung der historisch- 
geographischen Fragen, wie auch die Wechsel vollen Be- 
ziehungen der Bisthumsgebiete auf der Grenzscheide des 
zehnten und elften Jahrhunderts durch eine Mehrzahl 
kleinerer Karten erläutert werden und wie ferner die 
Beziehungen der Wettiner zu den Grafschaftsverhält- 
nissen im Schwaben- und Hassegau eine graphische Dar- 
stellung finden; in ähnlicher Weise ist auch das Ver- 
ständnis der recht verwickelten verwandtschaftlichen Be- 
ziehungen der markgräflichen Familien durch vier Stamm- 
tafeln erleichtert, und für die bequemere Handhabung und 
Ausnutzung des mannigfaltigen Inhaltes durch ein' ein- 
gehendes umfängliches Register und eine dem Ganzen 
vorausgehende Inhaltsübersicht Sorge getragen. 

Ohne uns in weitere Erörterung von Einzelheiten, die 
uns an dem vorliegenden Werke nicht völlig zusagen, 
einzulassen, können wir von demselben nicht scheiden, 
ohne es im Ganzen als eine werthvoUe Bereicherung 
unserer historischen Literatur zu bezeichnen; neben den er- 
wünschten Beiträgen, welche die allgemeine Reiohsgeschichte 
des zehnten bis zwölften Jahrhunderts nach den ver- 



342 Literatur. 

schiedensten Seiten aus ihm entnehmen kann, müssen in 
erster Linie alle, die sich mit der geschichtlichen Aus- 
und Weiterbildung der sächsischen Landes- und Fürsten- 
macht wissenschaftlich beschäftigen, Posse dankbar sein 
für die Beschafiung dieser umfassenden und den An- 
sprüchen der Neuzeit Rechnung tragenden Grundlage. 
Einem gleichen Gefühle möchte der Unt^zeichnete nicht 
unterlassen Ausdruck zu geben, insofern auch viele die 
einzelnen Theile der preussischen Provinz Sachsen be- 
rührende Forschungen eine ansehnliche Förderung und 
Anregung durch die neue Publikation erfahren haben. 
Halle a. S. W. Seh um. 

Aeten der Erfurter UniTersität, bearbeitet von Dr. J. C. Her- 
mann Weissenborn. I. Theil. Halle, 0. Hendel. 1881. 4*. 
XXYII, 442 SS. (A. u. d. T.: Geschichtsquellen der Provinz Sachsen 
und angrenzender Gebiete. Achter Band). 

Die Universität Erfurt, die fünfte in der Reihe der 
deutschen Universitäten, verdankt ihre Entstehung nicht 
wie ihre Vorgängerinnen und Nachfolgerinnen fürstlicher 
Initiative, sondern der eigenen Entschliessung einer Stadt- 
gemeinde, die sich politisch im Laufe der Zeiten eine ge- 
achtete Stellung und grossen Einfluss zu erwerben ge- 
wusst hatte. Im Besitz zahlreicher Kirchen, Kapellen, 
Klöster, Schulen, überhaupt Bildungsanstalten, ragte Er- 
furt aber auch in geistiger Beziehung vor andern deutschen 
Städten hervor, und schon am Ende des dreizehnten Jahr- 
hunderts wird uns von 1000 Scholaren berichtet, die in 
Erfurt verweilten, um sich vorzugsweise zur Erlangung 
höherer geistlicher Würden vorzubereiten. 

Ein Jahrhundert später und zwar nach Beendigung 
der im Jahre 1373 ausgebrochenen Kämpfe wegen der 
Mainzer Bischofswahl, dachte nun die Stadt daran, die 
innerhalb ihrer Mauern bestehenden geistlichen Studien 
zu einem Studium generale, zu einer universitas litterarum 
zu vereinigen, wozu nach damaligen Anschauungen vor 
allem die päpstliche Bestätigung erforderlich war. Der 
Beginn des grossen Kirchenschismas im Jahre 1378 ver- 
zögerte jedoch das Inkrafttreten des Unternehmens. Der 
Erfurter Rath wandte sich, um seine Wünsche erfüllt zu 
sehen, an den von den französischen Kardinälen erwählten, 
zu Avignon residierenden Gegenpapst Clemens VII., der 
denn auch am 16. September und 1. Oktober 1379 (seines 
ersten Pontifikatsjahres) von Avignon aus zwei huldvolle 



Literatur. 343 

Schreiben an „die geliebten Söhne, obersten Kathsmeister, 
Rathsmeister und Bürger der Stadt Erfurt" richtete, in 
welchen das „Studium generale" konfirmiert und der Erz- 
bischof von Mainz, beziehentlich der Decliant und das 
Kapitel des Marienstiftes mit der Ueberwachung der Pro- 
motionen betraut wurden. Immerhin dauerte es noch, 
hauptsächlich eben wegen der kirchlichen Zwistigkeiten, 
bis zum Jahre 1392, ehe die wirkliche Eröffnung der 
Universität vor sich ging, nachdem inzwischen der in 
ganz Deutschtand anerkannte römische Papst Urban VI. 
am 4. Mai 1389 eine zweite Stiftungsbulle und sein Nach- 
folger Bonifacius IX. am 15. April 1390 zwei Bullen, die 
Korapetenzstreitigkeiten betrafen, erlassen hatten. Am 29. 
April 1392 wurde dann die Universität eröflfnet und erst 
von diesem Datum an wird ihr Bestehen gerechnet. 

Längere Zeit war sie die einzige Universität im 
weiteren Umkreise, und ihre höchste Blüte fiel auch 
gleich in das erste Jahrhundert ihres Bestehens, in die 
Zeit des Humanismus. Dann sank sie zwar schnell von 
ihrer Höhe herab, erhielt sich jedoch noch Jahrhunderte 
hindurch, bis sie endlich im Jahre 1816 aufgehoben 
wurde. Mit Ausnahme der Blütezeit, die bekanntlich 
in Kampschulte einen trefflichen Bearbeiter gefunden hat, 
ist der Geschichte der Erfurter Universität bis jetzt nur 
wenig Aufmerksamkeit zugewandt worden, hauptsächlich 
wohl deshalb, weil es noch an einer kritischen Sammlung 
und Ausgabe des urkundlichen, überhaupt Aktenmate- 
riales mangelte. Es ist daher der historischen Kommission 
der Provinz Sachsen, welcher wir schon so manche werth- 
voUe Quellenpublikation verdanken, als grosses Verdienst 
anzurechnen, dass sie in dem neuesten Bande der von 
ihr herausgegebenen Geschichtsquellen den Anfang zu 
einer Veröffentlichung der Akten der Erfurter Universität 
gemacht und die Bearbeitung derselben dem tüchtigsten 
und gründlichsten Kenner der Erfurter Gelehrtengeschichte, 
Hermann Weissenborn, übertragen hat. 

Der Haupttheil der Arbeit besteht in der zum ersten- 
mal veröffentlichten Matrikel der Rektoren, die zunächst 
die Immatrikulationen in den einzelnen Rektoraten während 
der ersten 215 Jahre, also von 1392 bis 1607, nebst den 
Einleitungen zu jedem Rektorate enthalten soll und um- 
fasst der vorliegende Theil nur die Immatrikulationen der 
ersten 100 Jahre mit 197 Rektoraten. An der Spitze des 
ganzen Werkes stehen die beiden päpstlichen Stiftungs- 



344 Literatur. 

bullen vom 16. September 1379 und 4. Mai 1389, die 
eine nach dem im königlichen Staatsarchiv zu Magde- 
burg befindlichen Original und schon früher von Motsch- 
mann in seiner „Erfordia litterata" abgedruckt, die andere 
nach einer ebenfalls im Magdeburger Staatsarchiv vor- 
handenen vidimierten Abschrift des nicht mehr existierenden 
Originals. Diesen folgen die ältesten noch vorhandenen 
Statuten der Universität vom Jahre 1447, die bis 1665 
in Kraft blieben, gleichfalls von Motschmann schon früher 
abgedruckt. Den ältesten Entwurf der Universitätsstatuten, 
der schon vor Gründung der Universität abgefasst sein 
soll, fand Weissenborn noch nachträglich im Staatsarchiv 
zu Magdeburg auf, und wird dieser im zweiten Theile 
an der Spitze der Fakultätsstatuten zum Abdruck ge- 
langen. Den Statuten schliesst sich dann die Matrikel an. 

Wenn wir nun erwägen, dass wir bis jetzt nur von 
sehr wenigen deutschen Universitäten gedruckte Matrikeln 
oder Studenten Verzeichnisse besitzen, wenn wir erwägen 
welch grosse Bedeutung dieselben nicht blos für die 
Genealogie, die Familien-, die Gelehrtengeschichte, sondern 
auch für die politische und Kulturgeschichte haben, so 
müssen wir Weissenborns Ausgabe doppelt willkommen 
heissen, ganz besonders aber auch deshalb, weil sie mit 
ausserordentlicher Sorgfalt gearbeitet ist und unbedenk- 
lich als Muster für derartige Publikationen hingestellt 
werden kann. Von hohem Werthe sind auch die künst- 
lerischen Beigaben dazu; sie bestehen in vier in Bunt- 
druck ausgeführten Facsimiles von Wappen der Rektoren, 
wie solche im Codex A der Matrikel in nicht unbeträcht- 
licher Zahl enthalten und oft meisterhaft dargestellt sind. 
Hier sind die Wappen des 152. Rektors Günther Milwitz, 
des 153. Rektors Heinrich Reuss von Plauen, des 155. 
Rektors Johannes Rode und des 197. Rektors Symon 
Volzke wiedergegeben. 

Benutzbar wird freilich der veröffentlichte erste Band 
erst dann sein können, wenn ein Register, zu dem der 
Herausgeber auch bereits im Vorwort den Plan entworfen 
hat, wonach er dasselbe sehr ausführlich zu bearbeiten 
gedenkt, vorliegt; wir wollen daher hoffen und wünschen, 
dass Weissenborn uns baldigst mit der Fortsetzung seines 
so trefflich begonnenen Werkes erfi-euen möge. 

Leipzig. Bruno St übel. 



Literatur. 345 



Uebersioht über neuerdings erschienene Schriften und 
Aufsätze zur Sächsisch -Thüringischen beschichte und 

Älter thumskunde. 



Berndt, Moritz, Dresdner Zustände in den Jahren 1815 
bis 1830: Grenzboten No. 37. S. 442-457. 

Beyer, C. Wilhelm v. BrauraüUer und Heinrich v. Cotta. 
Zwei Thüringer Charakterköpfe. Wien, Braumülier. 
1881. 8^ VI, 162 SS. 

V. Oriegern, Eine kunstgeschichtliche Wanderung durch 
Sachsen: Wissenschaftl. Beilage der Leipziger Zeitung. 
1881. No. 71. 

Distelf Th. Die messingene Gerichtshand zu Geising: 
Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit. 1881. 
No. 8. Sp. 237. 

Friesen, Freiherr v, Erinnerungen aus meinem Leben. 
2. Auflage. Dresden, Wilhelm Baensch. 1881. 8". 
XXIV, 675 SS. 

Gläsel, Joh. Heinrich Mark-Neukirchen und seine Zu- 
stände in der Zeit von 1804 bis 1812. Eine kultur- 
historische Skizze. Plauen, F. E. Neupert. 1882. 8**. 
212 SS. 

Gurlitly Cornelius. Das Schloss zu Meissen. Eine kunst- 
geschichtliche Studien Dresden, Gilbers. 1881. 8®. 
44 SS. 

Herrmann, Ernst. Sächsisch-polnische Beziehungen wäh- 
rend des siebenjährigen Krieges^ zum russischen Hof 
und insbesondere zum Grosskanzler Bestuchew. Preus- 
sische Jahrbücher. Bd.47. S. 558—589 u. Bd. 48. S. 1—23. 

Koldey Th, Friedrich der Weise und die Anfänge der 
Reformation. Eine kirchenhistorische Skizze mit archi- 
valischen Beilagen. Erlangen, Deichert. 1881. 8^ III, 
75 SS. 

Leonhardi, J, Leipzig im Jahre 1789. Aus den Briefen 
eines russischen Reisenden: Im neuen Reich. 1881. 
No. 34. S. 285—295. 

Mühlmann, Felix, Beiträge zur Geschichte des Klosters 
und der Stadt Riesa. Riesa, Langer u. Winterlich. 
1881. 8^ IV, 48 SS. 

Mitzschke, Paul. Naumburger Inschriften. Gesammelt 



346 Literatur. 

und erläutert. Naumburg a. S., Jul. Domrich. 1881. 
8«. 488 SS. ^ 

Mitzschke^ Paul, Ein Mihlaer Dichter (Ernst Christoph 
Homburg): Sonntagsblatt der Eisenacher Zeitung. 1881. 
No. 26. 

Richter, A. Dass Schloss Lichtenberg und seine nächste 
Umgebung. Vergangenheit und Gegenwart nach Ur- 
kunden und Traditionen zusammengestellt. Mit Titel- 
bild. Prettin a. Elbe, Heinr. Schmidt. 1881. 8^ 94 SS. 

Riemer, W. Das Schloss Hubertusburg sonst und jetzt. 
Eine monographische Skizze. Mit einer lithographierten 
Ansicht aus der Vogelperspective. Oschatz, F. Oertel. 
1881. 8^ V, 55 SS. 

Rtige, S. Geschichte der sächsischen Kartographie im 16. 
Jahrhundert (Forts.^ : Kettlers Zeitschrift für wissen- 
schaftliche Geograpnie. Bd. H. S. 143 — 145. 

Schmidt, Gustav. Urkundenbuch des Collegiat-Stiftes St. 
Bonifacii und St Pauli in Halberstadt. Herausgegeben 
von der historischen Kommission der Provinz Sachsen. 
Nebst sechs Siegeltafeln und zwei Holzschnitten. Halle, 
O. Hendel. 1881. 8^ XXXI, 630 SS. (Geschichts- 
quellen der Provinz Sachsen Bd. XHI). • 

Schulze^ Herrn. Die sächsischen Hausgesetze. Herausge- 
geben und eingeleitet. Jena, Fischer. 1881. 8^ 317 SS. 
(A. u. d. T. Die Hausgesetze der regierenden Fürsten- 
häuser. Bd. HI. Abth. 1.) 

Spiess, H. Zur Geschichte des Hauses Henneberg: Zeit- 
schrift für preussische Geschichte und Landeskunde. 
Jahrgang XVIII (1881). S. 379-386. 



Zeitschrift des Vereins für Thüringische Geschichte und 

Alterthumskunde. Neue Folge. Zweiter Band. Heft 3. 

Jena, G. Fischer. 1881. 8^ 

Inhalt: Richter, Eine Jenaer Stadtordnung aus dem 16. 
Jahrhundert. Richter, Teil einer Selbstbiographie Adrian Beiers. 
Blumschein, Wiprecht von Groitzsch. Literarische Mittheilungen. 
Martin, Jenaische Urkunden. Eolde, Ein Brief des Joh. Stigel «über 
die Anfänge der Universität Jena. AnemüUer, Ein Brief von Nie. 
Selnekker. 



Register. 



Adolf, Herzog von Cleve 103. 

112. 
Agnes, Herzogin v. Schweidnitz 

57. 63. 
Albi (Wishennil), Franz, Mönch 

zu Altzelle 293 ff. 

— Johann, Altarist zu Chemnitz 
293 ff. 

Albrecht HI., Herzog v. Bayern- 
München 30. 

— (d. Beherzte), Hzg. v. Sachsen 
2 ff. 209. 226. 229 ff. 283 f. 

— IL, König 207. 211. 

— (Achilles), Mkgr. v. Branden- 
burg 2. 19 ff. 43. 47 f. 

Alexander, Kaiser v. Kussland 

242 f. 249. 
Alexius, Hans, Kathmann und 

Bleichrichter zu Chemnitz 306. 

310. 
Altchemnitz bei Chemnitz 311. 
Altdresden 276 f. 283. 
Altenborg 68 ff. 295. s, Kilian, 

Schurzauf. 
Altfehr 150. 
Altzelle 13. 231. Abt: Antonius 

307 f. Mönch s. Albi. 
Anklam 149. 

V. Arnim, preuss. General 148. 
Arnold, Hans, Kathmann zu 

Chemnitz 306, 

— Mattis 309. 
Arnshaug 116. 

Aster, Oberstlieutenant 249. 
August IL u. HL V. Polen s. 

Friedrich August. 
Auguste, Prinzess (T. Kg. Friedr. 

Aug. L) 238. 
Auhrow 26. 
Auma 116. 
Aussig, Schlacht bei 203. 



Bachmann, Paul, Rathmann zu 

Chemnitz 304 f. 
Baden 20. s. Louis. 
Baiersdorf 28. 

Balthasar Pleban zu Chemnitz 28. 
ßarby, Herrschaft 242. 
y. Barnstein, Span 28. 
Basel 66. 
Bautzen 63. 61. 63. 202. 211. 216. 

219. 222. 226. 227 f. 
Bawmgarth s. Chemnitz. 
Bayern 19. 26. 80 ff. 

— s. Albrecht, Ludwig, Otto, Sigis- 
mund. 

Bayreuth, Markgräfin v. 161. 

Beauharnais s. Eugen. 

Becker, Nicolaus, Rathmann zu 
Chemnitz 306. 

Beger, Israel, Lehrer zu Frei- 
berg 256. 

Beichlingen, Grafen von 122. 

Beiger, Nicolaus, de Dresden 303. 

de Bellegarde, Graf Claude -Marie 
178. 

— Graf, General 324 f. 

V. Benkendorff, General 325. 
Bensen in Böhmen 199 f. 204. 209. 
V. Bergow u. v. Trosk, Joh. 209. 
Berka bei Weimar 105. 
Berka von der Duba 193 ff. 

— (a. Linie Hohnstein). 
Heinrich I. (Hinko, Heinke, 

Hynekj Gindrzich) 194 f. 217. 

Heinrich, s. Bruder 194 f. 

Heinrich H., Landvogt der 

Niederlausitz , ber stland- 

richter in Böhmen u. s. w. 

196—199. 217 f. 
Hinko auf Leipa, s. Bruder 

195. 217 f. 
Else, dessen Witwe 197. 



348 



Register. 



Berka von der Duba. 

T— (a. Linie Hohnstein). 

Hinko Hla watsch auf Leipa, 

dessen Sohn, Landvogt der 
Oberlausitz 195. 197. 201. 

Heinrich III. 198—201. 

204—209. 216. 218. 

Barbara, s. Gem. 208 f. 

Heinke d. J. auf Wilden- 
stein, s. Bruder 198—203. 209 f. 
218. 

Benesch auf Hohnstein, s. 

Bruder 198. 200. 

— — Johann auf Kreibitz, s. Bru- 
der 200. 215. 218. 

Nicolaus, 8. Bruder 209. 

Anna (v. Kolowrat), s. 

Schwester 209. 
Heinrich IV. auf Mühlberg 

209. 

— (b, Linie Wtldenstein). 
Heinrich I. 199 f. 

Heinrich IL d. Ä. 203—206. 

210 f. 

Benes 205 f. 210 f. 

Albrecht 205-215. 218-234. 

Anna (v. Donin), s. Gem. 

211. 219. 

Benesch, s. Sohn 232. 

Christoph, s. Sohn 233. 

— (c. Linie Mühlstein). 
Gindrzich 205. 

Heinrich d. J., s. Br. 224. 

Heinrich auf Leipa 221. 

223 f. 

— (d. Linie Hauska). 
Sbinco 224. 

— Jaroslaus, auf Leipa 233. 

— Czenko 206. 

Berlspach, die, bei Chemnitz 301. 

Bernhardi, Sam., Rector zu Mitt- 
weida 251. 

Bernstadt 59. 

V. Bernstein, Waltzk 41. 

Berthelsdorf a. Queiss s. Eberhard. 

Berthier, französ. Marschall 244. 

B^sanval, Baron, franz. Gesandter 
161. 

y. d. Besenicz, Otto 65. 

Beyer, Casp., Bürgermeister zu 
Chemnitz 306. 

V. Biberstein, Herren, auf Fried- 
land u. Hammerstein 211. 219. 

— Friedrich auf Friedl. u. Forst 
211. 



V. Biberstein, Hans auf Friedland 
197. 

— Ulrich auf Friedland 197. 
auf Friedl. u. Forst 211. 

— Wenzel auf Friedl. u.Forst211. 
Bibra s. Ebersdorf. 

Billich, Paul, Rathmann zu Chem- 
nitz 306. 
Birke, Christoph 210. 

— Georg 209 f. 

— Ursula, 8. Frau 210. 

— Steffan 209 f. 
Bischofswerda 207. 
Blankenstein, Herrschaft, in 

Böhmen 212. 235. 
Blomberg 109. 
V. Blücher, General 242. 
Bodo, Domdechant zu Merseburg 

297. 
Böhmen 1 ff. 99 flF. 193 S. 201 ff. 

8. Johann, Wladislaus. 
Böhmisch-Zwickau 224. 
Bonn 120. 
de Borch, Petrus, Domherr in 

Gran (Strigonium ?) 297. 
Böse, Christoph Dietrich, Geh. 

Rath u. Kammerdirektor 315. 

317. 
V. Boskowitz, Jeschko 100. 
Boumgarte, Mattis, Rathmanazu 

Chemnitz 306. 
Boxdorf bei Dresden 287. 
Brakel 108. 
Brandenburg 1—4. 15. 24. 26. 30 f. 

66 f. 8. a. Albrecht, Friedrich, 

Johann, Otto. 
Braunschweig s. Heinr., Wilhelm. 
Brendel, russ. Oberst 239. 
Breslau 29. 40 f. 43. 53. 61. 127. 

219 ff. 8. Rudolf. 
Breslauer, Dr. Johann 22. 37. 41 f. 
Brieg 61. 

Briessnitz bei Dresden 245. 
de Brosses, Claude, Oberst 138. 

141 f. 
Brühl, Graf 167. 
V. Bünau, Heinrich, kurf. Vogt 

auf Hohnstein 214. 
Burgund 1. 29. s. KarL 
Bursarius, Ambrosius, v. Dobrilug 

219. 
Butener, Otto 58. 
Buttelstedt 105. 

Cadan 11. 



RegiBter. 



349 



y. Capistrano, Johannes 8. 

Caspar, Abt s. Chemnitz. 

CasteU-Remlingen, Graf, General- 
major 147. 151. 

Caulincourt, Herzog v. Vicenza, 
franz. Oberstallmstr. 244^247. 

Cerdo, Niclaus, zu Chemnitz 296. 

Cette 176. 

Chambord 178. 

Chemnitz 36. 38. 290 ff. 

— Rath 294. 299. 304—306. 

— BUreermstr. s. Beyer, Friczko, 
Lindau, Melzer. 

— Vogt s. Swertfeger. 

— Schöffen 294. 306. 

— Stadtschreiber s. Franko. 

— Schulmeister s. Schultheis. 

~ Bleiche, Bleichgericht 293-296. 
299. 310. 

— Mühlen (Pfortenmühle) 294. 

296. 303. 310. 

— uff den stein gruben 304. 

— Langegasse 309. 

— Sweinanger 309. 

— valva claustralis 301. 

— Armenhaus (conventus) 302. 
308. 

— leprosarium 302. 308. 

— Hospital und Altäre darin 294. 

297. 307. 

— Jacobikirche und Altäre etc. 
294 f. 297. 300—307. 

— Johanniskirche u. Altäre 304. 
307 f. 

— Nicolaikirche 301. 

— Benedictinerkloster 294. 307. 
309—311. 

Aebte: Caspar 307—309. 

Heinrich 298. 311. Hilarius 311. 
Johannes 310. Ulrich 2v)5. 
Prioren: Hamel, Johann 311. 
Kopper ling, Johann 311. Con- 
ventualen : Bawmgarth, Steph. 
311. Kogeler, Nicolaus 311. 
Rudnitz, Luppoldus de 297. 
Vogt, Joh. 311. Trapschuch 
Steph. 311. 

— Arcnidiaconat 297 f. 

— Official des Abts : Theodoricus 
298. 

Chlumec 209. 

y. Chlumec, Berka 103. 

Christina, T. des Kurf. Ernst v. 

Sachsen 44. 
Cleye s. Adolf, Johann. 



Cluyerus, Phil. 266 f. 

v. Colditz, Albrecht 209. 

Conradus, yicar. perpet zu Chem- 
nitz 301. 303. 

Coppet bei Genf 130. 

Cossell, Gräfin A. C. 132. 162 f. 
172. 179. 

— Graf 163. 

— Auguste Constantie s. Friesen. 
Cottbuser Kreis 242. 

de Croy, Herzog 83. 

Czanspil, Claus, Rathmann zu 

Chemnitz 304 f. 
Czindeler, Nicol., zu Chemnitz 

303. 
Czymmermann, Caspar, Rathmann 

zu Chemnitz 304—306. 

Dänemark 136—152. s. Friedrich, 
y. Dambno, Jacob, poln. Kanzler 

46 f. 
Dayoust, französ. Marschall 240 f. 
Demotika 136. 
Detmold 109. 
Deutscher Orden 46. 
Dewin in Böhmen 212. 217. 225. 

229. 
y. Diemar, Obrist 151. 
Dietrich, Erzbischof y. Köln 

103—121. 127. 

— UI. Bischof y. Meissen 6. 15. 
19. 33—38. 42. 45. 210. 

Dittersbach bei Stolpen 36. 
Dönhoff, Gräfin 160 f. 
Dohna, Alexander, Graf ISO. 
V. Dohna (Donin), Anna s. Berka 
yon der Duba. 

— Friedrich, auf Wildenstein 99. 
125. 

— Nicolaus auf Grafenstein 213. 

— Wentsch,aufGrafen8t.211-2l3. 
219. 233. 

Dohnasche Fehde 198. 
Dolgoruki, Fürst, russ. Gesandter 

in Kopenhagen 143. 
Dresden 36 ff. 44. 61. 89 f. 133 f. 

137. 160 f. 165 ff. 170 ff. 198. 

201. 204 ff. 238 ff. 273 ff. 
Dücker, schwed. General 148. 152. 

Eberhard, Georg, auf Berthelsdorf 
a. Queiss 235. 

Ebersdorf, Nicol., Canon, in Bibra 
u. Zscheila, Altarist in Chem- 
nitz 294. 301. 



350 



Register. 



V. Eberstädt, Gottfried Leberecht 
Janas, General 137. 166. 

Eckart,Nickil, Rathmann za Chem- 
nitz 304—306. 

— Paul, Rathmann (SchöflFe) zu 
Chemnitz 304—306. 

Eczel, Vincenz, Bürgermeister zu 

Görlitz 62. 
Eger61. 101. IIG. 124. 127. 215. 
Egerland 34. 

Ehrenberg in Böhmen 235. 
Ehrenberg, Laur., Stadtschreiber 

in Görlitz 66. 
V. Eibau (Yba), Benedikt 218. 

— Wenzel 218. 
Eichsfeld 107. 

y. Eichstädt, Generalmajor 147. 
Eimbeck 104. 107 f. 
V. Einsiedel, Heinrich 6. 

— Jobst 101. 

— Graf Detlev, Cabinetsmin. 249. 

— Graf Georg, sächs. Gesandter in 
Paris 245 f. 249. 

Elbogen 11. 

Elisabeth, T. Kf. Friedr. Aug. II. 

239. 
am Ende, Chrph., Magister 251 fif. 

— Paulus 301. 

— Petrus 301. 
England 131 f. 143 ff. 

Erfurt 5 f. 17. 19. 22. 24. 26 f. 
98. 101 f. 105. 122 f. 

Ernst, Kurfürst von Sachsen 2 ff. 
209. 226. 229 ff. 

V. Ertmarsdorft*, Nicol., Archidia- 
con 72 f. 

Eschdorf 36. 

Esterhazy, Fürst P., österr. Ge- 
sandter 240. 

Eugen (Beauharnais), Vicekönig 
s. Italien. 

Falkenberg, Schloss (Westf.) 109. 

Ferrara, s. Rovarella. 

Flemming, Feldmarschall 1.34 ff. 

Franko, Johannes, Stadtschreiber 
in Chemnitz 294. 297. 

Frankreich 29. 130 ff. 142. s. Lud- 
wig, Napoleon. 

Franz IL, Kaiser von Oesterreich 
246. 

Frauenhäuser 68 ff. 

Frauenstein 13. 16. 18. ' 

Freiberg 7 ff. 36. 38. 204. 23S'. 

— Gymnasium 253. 255 ff. 



Freiberger, Johann, Rathmann zu 
Chemnitz 305. 

— Nicol., Rathmann zu Chemnitz 
305 f. 

— Steffan 309. 

Friedrich IIL, Kaiser 6 ff. 98. 104. 
220. 223. 

— d. J., Landgraf von Thüringen 
198. 

— d. Strenge, Mkgr. v. Meissen 
293. 

— d. Streitb., Kurf. von Sachsen 
198. 203 f. 208. 299. 

— IL, Kurfürst von Sachsen 98. 
102 ff. 122. 

— IV., König V. Dänemark 139 ff. 

— Pfalzgraf 19. 30 f. 84. 

— II., Kurfürst von Brandenburg 
1 ff. 23 ff. 102. 220. 

— Sohn des vorigen 44. 

— Erzbischof von Magdeburg 98. 

— Bischof von Merseburg 296. 
Friedrich August L, Kurf. von 

Sachsen 130 ff. 317 ff. 
IL, Kurf. V. Sachsen 159 ff. 

167 ff. 322 ff. 
III., Kurf., dann (L) König 

von Sachsen 237 ff. 324 ff. 
Friedrich Christian, Kurprinz von 

Sachsen 167. 
Friedrich Wilhelm I, König von 

Preussen 147 f. 
IIL, König von Preussen 

242 f. 248. 
V. Friesen, Familie 129 ff. 

— Heinrich, Geheimrathsdirektor 
130. 

— Heinr. August, Graf 166. 175 ff. 

— Heinrich Friedr., Graf 129 ff. 

— Auguste Constantie, des vor. 
Gemahlin (geb. Cossell) 163 ff. 

— Joh. Friedr. Ernst, auf Rötha 
179. 

— Julius Heinrich, Graf 130 f. 

— J. G. F., Oberkammerherr 237 ff. 
Friczko, Heinr., Bürgermeister u. 

Rathmann zu Chemnitz 304— 
306. 

Fritzsche, Chrn., Lehrer zu Frei- 
berg 256 ff. 

Frowinus 297. 

Fuenclara, Graf, span. Gesandter 
170. 

Fürstenberg, A. E., Fürst, Statt- 
halter 134. 319. 



Register. 



351 



Gadebusch 136. 

Garnistorf, Nicol., Rathmann zu 

Chemnitz 306. 
Geier 38. 
Georg, Herzog von Sachsen 283 f. 

— s. Podiebrad. 

— Propst zu Pressbarg 23. 
Georgswalde bei Rumburg (Böhm.) 

216. 
V. Gersdorflf, General 249. 326. 829. 

— Hans 61. 

— Heinrich auf Bischdorf 60. 

— Jan auf Radmeritz 59. 

— Otto auf Radmeritz 59. 
Geschossregister 274 ff. 
Geseke so. von Lippstadt 121. 
Geusing, Jeniko 285. 

de St. Giles, Marquis 165. 

Glauchau 292 f. 

Gleichen bei Göttingen 108. 

y. Gleichen, Graf Ernst 98. i22. 

— Graf Ludwig 102. 122. 

y. Globig, H.E., Gonferenzminister 

237. 239. 
y. Glogau, Jakob, s. Jacobus. 
Görlitz 3. 57 ff. 202. 211. 218 f. 

221. 227. s. Ehrenberg, Eczel, 

Sleife. 
Göttingen 107 f. 
y. d. Goltz, Frhr., Feldmarschall 

81 ff. 314. 
Gommern, Herrschaft 242. ' 
Gorbitz bei Dresden 240. 
Gosdorf bei Hohnstein 200. 
Grabe bei Mühlhausen 105. 
Grabaczsch, Nicol., de Czwickaw 

303. 
Gran: Strigonium s. Borch. 
Grafenstein bei Zittau 211 ff. 
Graupa bei Dresden 131. 179. 
Graupen in Böhmen 8. 18. 
Gregoriusfest 252. 
Greifs walde 149. 
y. Grisslau, Hans 203. 
Grodno 158. 160. 
Grohmann, Jobst 235. 
y. Groitsch, Heinrich 194. 216. 

— Wiprecht 216. 
Grossgörschen,Schlacht, s. Lützen. 
Grosshennersdorf bei Zittau 226. 
Grossschönau bei Zittau 226. 
Grüngräbchen b. Eönigsbrück 179. 
Grünhain 38. Abt Johann 41. 

y. Guben, Johann 54. 
Guhrau 61. 



y. Guttenstein, Nicl., auf Breiten- 
stein 100. 

Habirberger, Michel 303. 

y. Hag, Franz 228. 

Hainichen 251. 

Hainspach bei Schluckenau 216. 

Hallart, Baron 136. 

HameL s. Chemnitz. 

Han, Paul, zu Chemnitz 294. 310. 

Harras, Ritter 122. 

Hartmann, Paulus 33. 

Haseloff bei Beizig 251. 

Hase yon Hasenburg 126. 

— Wilhelm 217. 

y. Haugiswald, Arnold, auf Stürza 

197. 
Hauschild, Job., Altarist in Chem- 
nitz 300. 
Haxthausen 13.) ff. 161. 176. 
y. Heimburg, Gregor 28. 32. 35. 

48. 
Heinrich, Hzg. yon Braunschweig- 

Grubenhagen 107. 

— Hzg. yon Jauer 58. 

— Hzg. y. Münsterberg 32. 48. 228. 

— Abt s. Chemnitz. 
Heinwald, Sigm., yon Eönigswalde 

226. 
Helfericus, Altarist zu Chemnitz 

301—303. 
Heller, Claus 65. 

— Vincenz, auf Sercha, Bürger 
zu Görlitz 65. 

Helmert, Wolfgang, Eantor zu 
Mittweida 251. 

Helwici, Andr., Altarist in Chem- 
nitz 297. 

Hennersdorf bei Sebnitz 200. 

y. Hennicke, Graf, Minister 166. 

Herford 109 f. 

Hermann, Casp., Stadtrichter zu 
Mittweida 252. 

y. Hermsdorf, Christ. 214. 225 ff. 

— Hans 235. 

Hertigswalde bei Sebnitz 200. 
Hessen 2. 20. 23. s. Ludwig. 
Heyczer, Peter, de Ernfredisdorf 

303. 
Hilarius, Abt s. Chemnitz. 
Hildebrandus, Friedr., Mag. 266 f. 
Hildesheim s. Magnus. 
Hilgersdorf bei Schluckenau 230. 
Hillebrand, Jakob, Rathmann und 

Srhöffe zu Chemnitz .304—306, 



352 



Register. 



m 

Hinko, Sohn Georg Podiebrads 48. 
Hinterhermsdorf 200. 
Ilirschfelde bei Zittau 233. 285. 
V. Hockenborn auf Priebus 196. 
Hörnitz bei Zittau 226. 
Hofmann, Nickel., Rathmann zu 

Chemnitz 304-— .306. 
Hohnstein 33. 193 ff. 

— Graf Ernst von 24. 

Holan (Herrsch. Tollenstein) 217. 

Holland 130 ff. 

Holst, dän. Minister 140. 145. 

Holstein 135. 

V. Hopfgarten, G. W., Cabinets- 
minister 239. 

Horka 62 f. 

Hörn (Lippe Detmold) 109. 

Hotret, Petir, Rathmann zu Chem- 
nitz 304. 

V. Hoya, Johann, Graf 109. 113 f. 

Hoyerswerda 3 f. 226 f. 

Hoym, Adolf Magnus, Cabinets- 
minister 132. 

Hradisch 32. 

Hussiten 195. 201 f. 219. 277. 

Huter, Nicol., Altarist zu Chem- 
nitz 300 f. 303. 

V. Hburg, Wilhelm 100. 115. 
Immediatkommission 237 ff. 
Italien s. Eugen. 

Jacobus (v. Glogau), Miuorit 5. 45. 

V. Janowitz, Dietrich 100. 115. 

Jauer, Fürstenthum 33. 

Jena 24. 

Jessen bei Pirna 131. 179. 

Jockrim bei Stolpen 198. 207. 

Johann, König von Böhmen 59. 

— V. Görlitz 67. 61 ff. 196. 218. 

— Herzog von Cleve 103. 112 f. 

— Markgraf von Brandenburg 3. 

— Erzbischof von Magdeburg 19. 

— IV., Bischof V. Meissen 205 ff. 

— s. Chemnitz, Grünhain. 
Johann Adolf, Hzg. v. Sachsen- 

Weissenfeis, Feldmarschl. 167. 
Johann Georg IL, Kurf. v. Sachsen 

130. 314. 
III , Kurf. V. Sachsen 77 ff. 

258. 313 ff. 

IV., Kurf. V. Sachsen 130. 

313 ff. 
Johannes, Pfarrer z. Schluckenau 

217. 



Jost, Markgraf von Mähren 196. 
198. 

Juden in der Oberlausitz 50 ff. 

Judicis, Paulus, Altarist in Chem- 
nitz 301. 303. 

Jüterbogk 35. 

Juncker, Philipp 18. 

V. Just, Bachs. Gesandter in Paris 
247. 

Kaiserswalde bei Schluckenau 214. 

Kaienberg, Schlacht am 77 ff. 

Kamenz 57. 235. 

Kamnitz in Böhmen 200. 

Kannenbcrger, Hans, kurf. Amt- 
mann auf Hohenstein u. Wil- 
denstein 220. 

Karl IV., Kaiser 60. 194. 

— XIL, Kg. V. Schweden 136 ff. 
145. ff. 

— III., König von Spanien 170. 

— Herzog von Burgund 34. 
Karl Christian, Sohn Kurf. Friedr. 

August II 167. 
Karlewicz, Hanns 285. 
Kasimir, König v. Polen 1. 43 ff. 
Katharina, Tochter des Herzogs 

Wilhelm 48. 
Kauern bei Ronneburg 130. 
V. Kaunitz, Ulrich 100. 
Kavallerie, kursächsische 312. 
Kdulinec, Peter, v. Ostromef 103. 
Kiessdorf (Oberlausitz) 59. 
Kilian, Dechant zu Alten bürg 73. 
V. Kintsch, Onophrius, auf Burkau 

235. 
V. Kittiitz, Otto 62. 
Kleinschönau bei Zittau 228. 
V. Klinstein, Zawisch 100. 
Knapsdorf bei Moritzburg 36. 
Knobelauch, Heinrich, auf Warns- 

dorf und Schönau 214. 

— Jancko 208. 214. 

— Nickel 214. 

— Siegmund 21 4. 
Knobloch, Dam 210. 

V. Kochberg, Hermann 16. 

V. Köckeritz 4. 

Köln, Erzbischof 19. s. Dietrich. 

— Domcapitel 121. 
Königstein 165. 198. 207. 
Königsbrück 165. 170. 175. 179. 
Körnen bei Mühlhausen 105. 
Kogeler s. Chemnitz. 
Kolbing, Bigmund 7. 



Regster. 



döä 



V. Kolowrat, A Ibrecht Bezdrazicky, 
auf Weseritz 100. 115. 

— Anna, s Berka von der Duba. 

— Benes, Landvogt der Oberlau- 
sitz 225. 

— Hans 126. 

— Heinrich, auf Liebenstein 99 f. 
109 f. 115. 121. 

— Nicolaus 209. 

— Dompropst zu Prag 21. 
Eommotau 42. 
Kopperling, Paul 306. 
Kosel bei Königsbrück 179. 
Kost in Böhmen 228. 

V. Kostelzen, Johann 100. 
Eouffung, Concze 310. 

— Hincze 310. 

Kreibitz in Böhmen 200. 215. 

Ereuziger 7 ff. 

Erumau 124. 

Erummhennersdorf b. Stolpen 200. 

Erywicz, Hennel und Meiner 310. 

Euhstall 200. 

Eune, Hans, Bathmann in Chem- 
nitz 304. 

Eunnersdorf (Spitz-) bei Zittau 
234. 

— bei Schluckenau 218. 
V. Eunwald, Pesik 110. 
Eurpfalz 132. s. Ludwig. 
Euttenberg 110. 

Ladislaus, Eönig 220. 

Lagnasco, Graf, General 161. 167. 

Landau 131 f. 

Landshut 20 f. 23. 47. 

V. Landstein, Agnes 18. 

Landus, Hieron., Erz bisch, päpstl. 
Legat 221 ff. 

Langburkersdorf b. Stolpen. 

Langeheinze 209. 

V. Langenau, sächs. General 248 f. 

Lauban 56 f. 

Laszieczewski 155 ff. 

y. Lavant s. Rudolf. 

Lehmann, Superintendent in Dres- 
den 256. 

Leipa, Stadt und Herrschaft 195. 
212. 224. 

— Herren von 195. 

Leipzig 5. 12. 17. 19. 36. 40 f. 
V. Leisnig, Albrecht Burggraf 293. 

— Georg Burggraf 20. 36. 
Leitmeritz 197. 

Lemgo 109. 

Neues Archiv f. S. C4. u. A. II. 4. 



Leopold I., Eaiser 131. 1.^9. 143. 

'Leubing, Heinrich, Dechant zu 
Meissen 6. 44. 46. 

v. Leubnitz, Wolfg. Adolph, Hof- 
rath 163. 

Lichtenburg 249. 

Lichtenhain bei Schandau 200. 

Liebe, Tobias, Lehrer zu Frei- 
berg 256. 258. 

Liegnitz 59. 66. s. Wenzel. 

Lilienstein 194. 198. 

Lindaw (Lindenaw), Casp., Bath- 
mann u. Bürgermstr. 306. 309. 

Lippstadt 110 ff. 

Lobeudau bei Schluckenau 210. 
216. 230. 

v. Lobkowitz, Jan 11. 

Löbau 57. 196. 202. 211. 218 f. 

Löser, Familie 239. 

Lössnitz 14. .307. 

Löwenberg in Schlesien 54. 64. 

Lohmen 194. 

Lothringen 83 f. 

Louis, Prinz von Baden 83. 

Lublin 155 f. 

Luckau 4. 

Ludwig XV., Eg. V.Frankreich 1 78. 

— V. d. Pfalz 104. 

— Hz. V. Bayern 20. 25 f. 30 f. 47. 

— Landgraf v. Hessen 89. 102. 
Ludwigsdorf bei Langenwolmsdorf 

(Wüstung) 197. 209. 
Lübben 147. 

Lützen, Schlacht bei 243. 248. 
Lugel, Hermann 16. 
Luterbach, Gregor, Altarist in 

Chemnitz 3 1. 303. 
Lutharst (?) bei Einbeck 109. 
v. Luttitz (Lottitz) 229. 

— Albrecht 214. 

— Christoffel 214. 

— Heinrich 214. 

— Johann 210. 214. 219. 226. 234. 

— Nickel 234. 

— Thamme 214. 

Maastricht 131. 177. 
Mähren 3. s. Jost. 
Magdeburg 303. s. Friedr., Johann. 
Magnus, Bischof v. Hildesheim 108. 
Mainz, Erzbischof von 19. 101 f. 
Malczmeister, Johann, Altarist in 
Chemnitz 301. 303. 

— Mathias, zu Chemnitz 296. 
Mansfeld, Grafsch. 242. Grafen 122. 

23 



354 



Register. 



Mftpstorfer, Hans, v. Graupen 209. 
V. Manteuffel, G. A. E., geh. Fi- 
oanzrath 239. 244. 

— Minister 158 ff. 
Marburger, Oberhofprediger 163. 
Marckirstorff, Joh., Rathmann zu 

Chemnitz 304 - 306. 

— Katharina, s. Gemahlin 304. 
Marparethe, Eurf. y. Sachsen 73. 
Marie Amalie, Tochter König 

August III. 170. 
Marie Amalie Auguste, Gem. Kg. 

Friedrich August I. 239. 
Marienstem, Kloster 59. 
Marienthal, Kloster 20?. 
Mark, Grafschaft l2o. 
Marschalk v. Vroburg, Hannus 295. 

— Heinrich 297. 

Martini, Bernhardt, Lehrer zu 

Mittweida 251. 
Matthias, Kg. y. Ungarn 3 f. 19. 

23. 25 ff. 227. 229. 233 f. 
Mayr, Dr. Martin 30. 33. 47. 
Meinersdorf b. Chemnitz 294. 299. 
Meissen 193. 240. u. ö. 

— Gerich tv.d.rothenThurme 235. 

— Fürstenschule 256. 

— s. Dietrich, Friedrich, Johann, 
Rudolph, Wilhelm. 

Meissner, Paul, y. Freiberg 18. 

Mellerstadt, Heinrich 33. 

Mellinger 123. 

Melzer, Bürgermeister zu Chem- 
nitz 300. 

Menschikoff 132 f. 

y. Mergental, Hans, Landrent- 
meister 46. 

Merseburg 102. 296 f. s. Bodo, 
Friedrich, Petrus. 

Metternich, Graf 247. 

Metz 20. 

Metzsch, Konrad 33. 39. 

Mewa, die Starostin yon 161. 

Michael, Abt zum heil. Kreuz bei 
Sendomir 46. 

y. ^Michelsberg, Johann 199. 

Mihla n. yon Eisenach 121. 

Miklisch, Hauptmann zum Tollen- 
stein 219. 

y. Milckau, Generallieut. 147.153. 

Miloradowitsch, russ. General 242. 

y. Mittelbach, Peter 296. 

Mitteldorf bei Schandau 200. 

Mittweida 251 ff. 296. 

Mockritz 287. 



Moller, Nicolaus, Rathmaun zu 

Chemnitz 306. 
y. Montfort, Graf Hugo 23. 
Monhaupt, Nickel, Hauptmann in 

Freiberg 9 ff. 
Montmoreucy, Graf Alex. Jos. 160. 
Montpellier 175. 
Morea 258. 
Moritz, Kurfürst y. Sachsen 278. 

— Graf yon Sachsen, Marschall 
160. 177 f. 

Mückenberg bei Ortrand 36. 
Müglitz 287. 

Mühlberg, Herrschaft 196. 208 f. 
Mühlhausen 102. 105. 107. 122. 126. 
Müiilstein b. Böhm.-Zwickau 205. 

212. 224. 
München 20. 30. 
'Münster 109. 

lÜTapoleon 237 ff. • 

Naumburg 23 ff. 36. 73. 101 ff. 303. 

y. Neuhaus, Familie 212. 

— Mcinhard 2i;2. 
Neustadt a. Orla 116. 
Neustadt b. Stolpen 200. 214 f. 
Ney. Marschall 246. 
Nieaerfrankenhain nö. yon Geit- 

hain 297. 
Niederlausitz 34. 196. 226 ff. 
Nisani, Gau 193 f. 216. 229. 
Nixdorf b. Schluckenau 214. 2.30. 
Noyemiasto 155. 
Nürnberg 12. 25 f. 31. 125. 

Oberlausitz (Sechsstädte) 34. 36. 

50 ff. 195 ff. s. Kolowrat, Stem- 

berg. 
Oberliebich bei Leipa 195. 
Obersedlitz 166. 
Oberseifersdorf bei Zittau 226. 
Ockrilla (Hoenkruls?) 36. 
y. Odeleben, französ. Major 244. 
Oderwitz bei Zittau 234. 
y. d. Oelsnitz, die, auf Rathen 199. 

— Fried., Vogt z. Königstein 203ff. 

— Hans 33. 

Oesterreich 3. 31. 240. 247 f. s. 

Franz. 
Oldendorf 109. 
Olmütz 28. 227. 
Opatow 156. 
Opitius, Henricus 256. 
Ortwin, Ortwein, Franz 293. 

— Johannes 293. 



Register. 



355 



Ortwin, Nicolaus 294. 298 f. 

— Mathias 296. 

— Merten (zu Freiberg) 7. 18. 
Ortwinin, die 296. 

Oschatz 169. 

Osnabrück 109 f. 

Ossegg 13. 

Ostraa b. Schandau 200. 

Ostritz 201. 

Ostrorog, Stanislaw, Woiwode zu 

Kaiisch 44. 
Ottendorf a. d. Heide b. Radeberg 

36. 
Ottendorf (Hinter-) b. Schandau 

200. 218. 
Otto, Herzog von Bayern 35. 

— der Lange, Markgraf von 
Brandenburg 56. 

Oybin, Cölestinerkl. 56. 

Paderborn 108. J 10. 

V. Pakomefiö, Gecek 103. 

Paul n., Papst 6. 10. 19. 32 ff. 44 ff. 

Peenemünde, Fort 119. 

Persk (?), der 215. 

Peter a. Gr., Kaiser v. Russland 

133. 135. 137 ff. 
Petrus, Dompropst z. Merseburg 

297. 
Petschkau i. Böhmen 99. 101. 125. 
Pfalz, Pfalzgraf 26. s. Friedrich, 

Ludwig. 
Pfotenhauer, Paul 291. 
Pieschen b. Dresden 243. 245. 
Pillnitz 164. 
Pilsen 11. 

Pirna .36. 38. 198. 201. 203. 207. 
Pisa, Konzil 199. 
Pius IL, Papst 220. 223. 
Plauen 239 f. 247. 
V. Plauen, der 122. 
Pleissa bei Chemnitz 311. 
Plessen, Graf, dän. Minister 140. 
Possei, Hensil, v. Schweidnitz 296. 
Pociey, Graf, Grosskronfeldherr 

Ton Litthauen 160. 

— Emerentia, s. Gemahlin 160. 
Poczin (?), der, b. Schluckenau 2 1 5. 
Podiebrad, Georg, Kg. v. Böhmen 

1 ff. 101. 103. 126 ff. 212 f. 

219 ff. 225 f. 229. 234. 
Pösneck 116. 
Polen 1 ff. 28 f. 43 ff. 136 ff. 141. 

144. 153 ff. s. Kasimir, Sobiesky 

Sophia, Wladislaw. 



Polenz, Rittergut 200. 

V. Polenz, Wenzel, auf Schirgis- 

walde 36. 229. 234. 
Polenziluss 194. 
Polkner, Joh., Bürgermeister zu 

Kamenz 235. 
Pommern 1.35. 147 ff. 
Ponikau» Niklas v. 202. 
V. Posern, Obrist 325« 
Prag 18. 28. 39. 41. 46 f. 62 f. 

110. 125 f. 197. 216. 220 ff. 

229. 239. 240. 245. 247 ff. 8. 

Kolowrat. 
Pratzschwitz bei Pirna 179. 
Pressburg s. Georg. 
Preussen 137 f. 142 ff. 238. 241 ff. 

246. 249 f. 3. a. Friedr. Wilh. 
Priebus 196. 
Pruth, Schlacht am 133. 
Pürgles b. Buchau i. Böhm. 126. 
Pultawa, Schlacht bei 133. 
V. Pygaw, Hannus, Rathmann zu 

Chemnitz 296. 

— Niclaus, desgl. 296 
Przebendowski, poln. Grosschatz- 
meister 137. 146. 

Querfurt 122. 242. 
Quohren bei Dresden 287. 

Rabener, Justus Gottfr., Rektor zu 

Freiberg 255 f. 
V. Rabenstein, die 13. 
Radeberg 220. 

Rathen 33. 194. 198 f. 205 f. 209. 
Rathmannsdorf bei Schandau 200. 

209. 
Ravensburg, Grafschaft 121. 
Rawa, Waffenstillstand von 154 f. 
Ranis 116. 
Raudnitz 64. 
V. Rechen berg, Ernst, auf Oppach 

235". 

— Ulrich, Amtmann auf Tollen- 
stein 230. 233 f. 

V. Redern, Balthasar 36. 

— Heinrich 201. 

— Graf 179. 

Regensburg 23. 25 f. 30. 240. 247. 
Reichenberg 228. 
Reichenbacn 57. 
Reichstadt (böhm.) 224. 
Renker, Heinr., aus Löwenberg 

i. Schi. 201. 
V. Remse, Heincz 30^. 

23* 



356 



Register. 



Reass, Graf Heinrich, Feldzeug- 
meister 133. 

— s. Gemahlin 133 f. 

— Heinrich IL, s. Sohn 134. 
Reventlow, Graf 140. 
Reynier, Graf, französ. General 

240. 246. 
Riesenberg 8. 13. 
Rocourt, Schlacht bei 177. 
Röhrsdorl bei Königsbrück (Nie- 

derrudigsdorf?) 36. 
Rötha bei Leipzig 130. 
Rohnau b. Zittau 196 f. 233. 235. 
Roll, Burg (Böhmen) 212. 217. 225. 
V. Rosenburg, Familie 212. 

— Ulrich 124. 1>6. 

Rom 1. 4. 32. 36. 45 ff. s. Paul, 

Fius, Sixtus. 
Romer, Paul 3<>1. .303. 
V. Rommel, Oberstlieutenant 314. 
V. Ronow, Anshelm, Landvogt von 

Görlitz 62. 65. 196 f. 

— Wilhelm 200. 
Rotolfus, Johannes .301. 
Rovarella, Laurentius, Bischof v. 

Ferrara 6. 11 f. 19. 22 f. 25. 
37 f. 40 f. 44 ff. 48. 
Rudolf, Bischof y. Meissen 199. 
201. 303. 

— Bisch. V. Lavant, dann v. Bres- 
lau, päpstl. Legat. 1. 5 ff. 19. 
21. 33. 36 ff. 45. 225 ff. 

de Rudnitz, Luppoldus s. Chem- 
nitz (Kloster). 

Rudolstadt 24. 

Rügen 148. 150. 

Rugiswalde bei Stolpen 200. 

Rumburg in Böhmen 195. 201. 
216 ff. 235. 

Russland 132 f. 135. 138. 238. 241 ff. 
249 f. s. a. Alexander, Peter. 

Rutowska, Marie Amora 178. 

Rutowski, Graf, Feldmarsch. 168. 

Rytwiaski, Derslaw, Woiwode v. 
Sendomir 43. 

V. Rzisatie, Wotyk, Hauptm. im 
Pilsener Kreise 35. 

Sachsen s. Albrecbt, Auguste, 
Christina, Elisa beth, Friedrich, 
Friedrich August, Georg, Joh. 
Adolf, Joh. Georg, Katharina, 
Margaretha, Marie Amalie, 
Marie Amalie Auguste, Moritz, 
Sigmund, Wilhelm, Xaver. 



Sädlo, Joh., v. Smilkau 100. 115. 

Saida 38.- 

Salzburg, Erzbischof v. 19. 

Salzuffeln 109. 

Sandau in Böhmen 200. 

Saupsdorf bei Sebnitz 200. 209. 

Schaff, Peschel, auf Horka 62. 

Schandau 200. 209. 215. 

Scharfenstein 38. 15*9. 204. 209. 

V. Schaumburg, der 122. 

V. Schellendorf, Johanna Marg. 

Freifrau 165. 
Schirgiswalde 201. 216. 228 f. 2.34. 
Sc^ackenwerda 11. 
bchlegel bei Ostritz 202. 
V. Schleinitz (Slinicz), Jhan, zu 

Sthleinitz 306. 

— Anna, s. Gem. 306. 

— Heinrich 2.35. 

— Hugold, Obermarschall 9. 30. 
235. 

Schleiz 3. 15. 24. 35. 
Schlesien 227 ff. 
V. Schlottenbach, Obrist 151. 
Schluckenau, Stadt u. Herrschaft 

193. 195. 201 f. 214. 216 f. 223 f. 

229. 233 ff. s. a. Johannes. 
Schlusser, Cuncz, Rathmann zu 

Chemnitz 304 f. 
Schönau bei Schluckenau 216. 23.3. 

— bei Bernstadt 59. 

y. Schönberg Caspar 20. 

— Friedrich, Marschall 41. 

— Heinrich, Amtm. zu Schellen- 
berg 311. 

— Lucas 17. 

— Nicolaus 7. 

y. Schönberg, die Herren 4. 

— Dietrich 310. 

— Friedrich 11. 307. 310. 
auf Hoyerswerda 226. 

— Veit 306. 310. 
Schönburgisches Gesammtarcbiv 

292. 
Schönfeld bei Dresden 131. 179. 
Schöning, Feldmarschall 130 f. 1.34. 
Schönlinde bei Rumbnrg 216 ff. 
Schölten, dän. Feldmarschall 148. 

150. 
Schonaw, Walther, z.Chemnitz 296. 
Schulz, Ulrich, zu Chemnitz 294. 

310. 
Schulenburg, Graf. Rittmstr. 249. 
Schultheis, Schultheize, Schultis. 

Hannus 303. 



Register. 



357 



Schultheis, Niclaus 296. 305. 

— Peter, zu Mittweida, Altarigt 
u. Schulmstr. in Chemnitz 305. 

Schulwesen 251 ff. 

Schurzauf, Georg, Domherr zu 

Altenburg 73. 
V. Schwamberg, Hynek Kruschina, 

auf Bor 100. 124. 
V. Schwarzburg, Graf Heinrich 24. 
Schweden 136. 137. 139. U2 flP. 

s. a. Karl XII. 
Schwedt, Vertrag von 137. 
Schweidnitz 33. 63. s. a. Agnes. 
Schwenkenstein 295. 300. 

— Frenczel, zu Chemnitz 296 f. 

— Paulus 301. 
Sebnitz 200. 215. 220. 

V. Seckendorf, Generallieut. 147 flP. 
Seifersdorf bei Marier thal 202. 
Seifhennersdorf bei Rumburg 200. 

218. 235. 
Sehestedt, dän. Minister 140. 145 f. 
Sendomir 154 ff. 
Senftenberg 4. 
Senfft V. Pilsach, Graf Ch. F. L., 

Cabinetsminister 239. 249. 
V. Serra, französ. Gesandter 240. 
Seydel, Nickel, Bürgenneister zu 

Dresden 285. 
Seydo, Johann, Priester 2.S2. 
V. Seyn, Graf 120. 
Siegmund, Herzog v. Sachsen 204. 

— Herzog v. Bayern 20. 

— Kaiser 54 f. 66 f. 
Siptenhain, Hans, Rathmann und 

Schöffe zu Chemnitz 304—306. 

Sixtus VI., Papst 72. 231. 

Skal, SchlosSy in Böhmen 228. 

Sleife, Jacob, Bürgermeister zu 
Görlitz 62. 

Smedichin, Caspar, Rathmann zu 
Chemnitz 304 f. 

Smeisser, Hans, Bürgermeister zu 
Dresden 286. 

V. Smierizky auf Habichtstein 233. 

Sobiesky, Joh., König v. Polen 78 ff. 

Soest 97. 103 f. 108. 110. 112 ff. 

Sophia, poln. Prinzessin 44. 

V. Sor, Ticze, auf Sohra bei Gör- 
litz 62. 

Spahn, Joachim Ernst, Kantor zu 
Freiberg 256. 

Spanien s. Karl HL 

Speier 21. 

Speierbach, Schlacht $m 132, 



Sperling 256 f. 

Spremberger Wald bei Schlucke- 
nau 214. 

Sprinser, Caspar, Rathmann und 
Schöffe zu Chemnitz 304—306. 

Stadtarchive 290 ff. 

Stange, Hans, Rathmann zu Chem- 
nitz 306. 

— Nickel, desgl., 304 f. 
Steiermark 31. 

V. Stein, Familie 204. 

vom Stein, Georg 34 f. 

V. Steinberg, Johann Calta, auf 

Rabenstein lOo. 115. 127. 
Steinborn bei Königsbrück 179. 
Steinpach, Nickel, zu Meiner s- 

dorf 311. 
V. Sternberg, Alscho Holicky 99. 

126 f. 

— Jaroslav, Landvogt der Ober- 
lausitz 3. 36. 225. 227 f. 

— Peter 99. 101. 106. 125 f. 

— Zdenko Holicky 103. 225. 230. 
Stettin 147 f. 

Stoben er, Caspar 309. 

— Hans, Rathmann und Schöffe 
zu Chemnitz 305 f. .309. 

Stolle, Nicl., zu Mittweida 296. 

Stolpen 163. 207 f. 

Stralsund 135 ff. 

Straussfurt a. ünstrut 105. 

Strehla a. Elbe 196. 

Stresow 150. 

Strenczil, Hans^ Rathmann zu 

Chemnitz 305. 
Strol, Lorenz 18. 
Sürssen bei Dresden 287. 
Sulkowski, Graf Alex Jos , General 

und Minister 168 f. 
Sweinfort, Barthel 309. 
Swertfeger, Paul, Rathmann und 

Vogt zu Chemnitz 304—306. 
Swiene, die 149. 
Swienemünde, Fort 149. 
Swoffheim, Dr. Joh., Official des 

Bischofs V. Meissen 208. 
V. Sybilski, Obristlieutenant 169. 
Sybottenhain, Math. 303. 
Sydel, Joh. 303. 
Szembeck, poln. Grosskanzler 137. 

Tallard, Marschall 132. 
Tamme, Petir uffin 303. 
Tatschen 205. 212. 216. 225. 233. 
Theater (Schalkomödien) 258, - 



358 



Begister. 



Theodericus s. Chemnitz. 

▼. Thielmann, General 239. 241 f. 

246. 248 f. 
Thüringen 2. s. Friedrich. 
Thumirnicht 301. 
Thomer Friede n466) 46 f. 
Thorschmidt, Zach., Konrektor zu 

Mittweida 251. 
y. Thowaczaw. Jan 35. 
Tile, NicoL, Bathmann zu Chem- 

nitz 306. 
Tirpan, Hans, Bathmann zu Chem- 
nitz 306. 
Tolkewitz bei Dresden 287. 
Tollenstein, Schloss u. Herrschaft 

193. 195. 200 ff. 208 ff. 
Toreau 208. 239. 241. 246. 248 f. 
Torhüter, Nicol., Bathmann und 

Schöffe zu Chemnitz 306. 
Tschocha, Bittergut, im Queiss- 

kreise 201. 
Türmitz bei Aussig 209. 
Türken 81. 3.). 43. 79 iL 136. 
Trapschuch s. Chemnitz. 
Trier. Erzbischof 20. 
Triptis 116. 
Trnchsess, Heinrich 6. 

Uebigau bei Dresden 245. 
Ungarn s. Matthias. 
Usedom, Insel 147 ff. . 

Valentin, Kaufmann zu Prag 18. 
de Yalle, Fantinus, päpstl. Legat 

220. 
Yargula a. Unstrut 123. 
Yictorin, Sohn Georgs v. Podie- 

brad 3. 
Yillaeh 43. 
Yippach 123. 
Yitzthum, Graf Friedrich 165. 

— Familie 98. 127. 

— Apel 98 ff. 106. 109. 123. 126. 
— Busse, Landvogt zu Meissen 203. 
Yogt s. Chemnitz (Kloster). 
Vogtland 2. 

Yues, Matth. in Chemnitz 303. 

Wackerbarth, General Graf (185). 

147. 150 ff. 157. 166 f. 
Wagner, Georg 18. 
Walack. Job., Notarius 300. 
Waldeck, Fürst 78. 82 f. 
Waidenburg 298. 
Y. Waldeuburg, die Herren 22. 



T. Waldenbnrg, Anark 42. 

— Hans d. ä. 293. 

— Hans d. j. 293. 

— Heinrich 295. 
Warschau 137. 159. 
Wamsdorf bei Bumburg 200. 216 ff. 
Wartenberg, Herrschaft 212. 217. 

225. 
Y. Wartenberg (auf Tetschen), 
Familie 226 ff. 

— Christoph auf Dewin u. Tollen- 
stein 35. 225 ff. 

— Jahn auf Tetschen und Dewin 
55. 198 ff. 

— Jahn auf Tetschen 221 iL 

— Jahn a. Blankenstein 205 ff. 2l2. 

— Johann Burggraf v. Prag 217. 

— Peter (Sohn des Wanco) 217. 

— Siegmund auf Tetschen 203 ff. 

— Siegmund auf Tetschen, Land- 
vogt der Oberlausitz 35. 225. 

— Wanco (Wenzel), Obermund- 
schenk y. Böhmen 217. 

— Wenzel, s. Sohn 217. 

— Wilhelm, s. Sohn 217. 

y. Wartensleben, preuss. General- 
feldmarschall 148. 

Wayner, Conradus 301. 

^ Nickel, Bathmann zu Chem- 
nitz 304 f. 

Weczil sutor 301. 

Wehlen 194. 198. 

Weida 101. 116. 

Weimar 16. 102. 105. 123. 

Weise, Wundarzt 175. 

— Christian 256 f. 
Weissbach, die 219. 

y. Weissenbach, Hermann '47. 
Weissenbacb, Johann, Dr. 35. 
Weissenfeis 101 f. 
Weissensee 105. 
y. d. Weitmühl, Benesch, Burggraf 

zu Karlstein 39. 42. 46. 
Wenzel, Herzog yon Liegnitz 60. 

— König 53 f. 61 f. 196 ff. 208. 
218. 

Wercho, Simon, Bürgermeister zu 

Dresden 284 f. 
Werthern, Graf, Minister 137. 
Westfalen, Königreich 103 ff. 242. 
Wibe, dänischer Minister 140. 
Widrer, Dithr., zu Mittweida 296. 
Wien 81. 35. 77 ff. 97. 131. 247. 
Wildenstein, Schloss u. Herrschaft 

193. 199 ff. 



Register. 



359 



de Wildenstein, Hermannus 201. 

— Otto 200. 

Wilhelm, Prinz y. Oranien (dann 
König von England) 130. 

— IL, Markgraf v. Meissen 198. 

— III., Herzog von Sachsen 2 flF. 
78. 97 ff. 206 ff. 220. 

— Hzg. V. Brannschweig-Gruben- 
hagen 104. 107 f. 11.S f. 

Wilimow 26. 28. 

V. Wilke, General 147. 

Willsdruff 244. 

▼.Winzingerode,rus8. General 242. 

Wishennel s. Albi. 

Wisse, Heinr, Kathm. zu Erfurt 

123. 
Wisniowiecki, Prinz 169. 
de Witchendorf, Joh., Altarist zu 

Chemnitz .301. 303. 
Wittenberg 241. 268. 
Wittgenstein, Fürst, russ. General 

242. 
Wladislaus, König von Böhmen 
229 ff. 

— polnischer Prinz 28. 44. 
Wolfframsdorff 134. 
Wolkenstein 38. 42. 



Wollin, Insel 148 f. 
Wolmsdorf 214. 
Württemberg 20. 

— Prinz von, Generalmsgor 147 ff. 
Würzburg, Frauenhans 69. 

— Bischof von 22. 30. 
Wunsiedel 127. 

Xaver, Prinz 167 f. 

Ybener, Petrus, Altarist zu Chem- 
nitz 301. 303. 

Zeidler bei Schluckenau 214. 230. 

Zeidlerbach 219. 

Zentha, Schlacht bei 138. 

V. Zezschwitz, Geh. Finanzrath239. 

Zieletickv, Johann 100. 

Zipser, Schuster zu Freiberg 18. 

Zittau 6. 83. 63 ff. 66. 196. 201. 

212. 21B. 219. 226 ff. 2.H3 ff. 
Zscheila b. Meissen s. Ebersdorf. 
Zschizschewig bei Dresden 287. 
V. Zühlen, Generalmajor 147. 
Zwickau 46. 196. 

— Nickel V., Rathmann z. Chem- 
nitz 304 f. 



Berlohtlinuig. 

Heft 3 Seite 270 letzte Zeile ist Bd. II statt Bd. I zu lesen. 



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Druck: Ofücin der Verlagshandlung. 



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Neues Archiv 



für 



Sächsische Geschichte 



und 



Alterthumskunde. 



Herausgegeben 



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Dr. Hubert Ermisch, ,.^07- 

K. Staatsarchivar. / ^^ 

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Zweiter Band. Erstes Heft. 



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Dresden 1881. 

Wilhelm Baensch Verlagshandlung. 



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Das Neue Archiy ffir Sächsische Geschichte 
und Alterthnmskunde^ 

welches im Auftrage der Königlichen Staatsregierung und 
des Königlichen Alterthumsvereins herausgegeben wird, 
erscheint in vierteljährlichen Heften, von denen je vier 
einen Band von circa 22 Bogen bilden. Der Preis des 
Jahrgangs beträgt 6 Mark. 

Beiträge, welche mit 50 Mark für den Druckbogen 
honorirt werden, Bücher und sonstige für die Redaction 
bestimmte Zusendungen sind, direct oder durch die Ver- 
lagshandlung, dem Herausgeber — Dresden, Königliches 
Hauptstaatsarchiv — zu übermitteln. 



Inhalt. 



Seite 

I. Studien zur Geschichte der sächsich-böhraischen 
Beziehunoren in den Jahren 1468 bis 1471. Vom 
Herausgeber . 1 

IL Zur Geschichte der Juden in der Oberlausitz 
während des Mittelalters. Von Professor Dr. Her- 
mann Knothe in Dresden 50 

in. Zur Geschichte des Frauenhauses in Altenburg. 
Von Ministerial- Assessor M. J. Meissner in Alten- 
burg ..... 68 

IV. Ein fliegendes Blatt über den Antheil der säch- 
sischen Armee an der Schlacht am Kaienberge 
bei dem Entsätze von Wien im Jahre 1683. 
Mitgetheilt von Archiv-Secretair Dr. E. Joachim 
in Idstein : . 77 

Literatur 85 



Kedacteur: Dr. Hubert. Ermisch. — Druck: Offioin der Verlags band hing. 



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Neues Archiv 



für 



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und 



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Herausgegeben 



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Dr. Hubert Eriuisch, 

K. Archivrath. y^^O^ P 






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Zweiter Band. Zweites Heft. 



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Wilhelm Baensch Verlagshaadlang. 



Das Neue Archiv fQr Sachsische Geschichte 
und Allerthumsknnde, 

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Jahrgangs beträgt 6 Mark. 

Beiträge, welche mit 50 Mark für den Druckbogen 
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bestimmte Zusendungen sind, direct oder durch die Ver- 
lagshandlung, dem Herausgeber — Dresden, Königliches 
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und 



Alterthumskunde. 



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Dr. Hubert Ermisch, /)•' 

K. Archivrath. \ V" *^-' - - i-^ • i- - 




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Zweiter Band. Drittes Heft. 



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Dresden 1881. 

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und Alterthumskunde^ 

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des Königlichen Alterthumsvereins herausgegeben wird, 
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einen Band von circa 22 Bogen bilden. Der Preis des 
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Beiträge, welche mit 50 Mark für den Druckbogen 
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lagshandlung, dem Herausgeber — Dresden, Königliches 
Hauptßtaatsarchiv — zu übermitteln. 



Inhalt. 



V. Herzog Wilhelm von Sachsen und sein böhmisches 
Söldnerheer auf dem Zuge vor Soest Von Prof. 
Dr. Adolph Bachmann in Prag 97 

VI. Heinrich Friedrich Graf von Friesen, königlich 
polnischer und kurfürstlich sächsischer Geheimer 
Kabinets - Minister und General der Infanterie. 
Von Generalmajor z. D. O. von Schimpff zu 
Dresden 129 

Literatur 180 



Redacteur: Dr. Hubert Ermisch. — Druck: Officin der Verlagshandlung. 



Inhalt 



Seite- 

VII. Die Berka von der Duba auf Hohnstein, Wilden- 
stein, ToUensteiu und ihre Beziehungen zu den 
meissnischen Fürsten. Von Professor Dr. Her- 
mann Knotlie in Dresden 193' 

VIII. Napoleon in Dresden (8. Mai 1813). Von Her- 
mann Freiherrn von Friesen, K. Oberhofm ar- 
schall a. D. in Dresden 237 

IX. Aus dem Schulwesen Sachsens, besonders in 
Mittweida und Freiberg, zu Ende des 17. Jahr- 
hunderts. Von Ch. G. Ernst am Ende, Biblio- 
thekar am K. Statistischen Bureau in Dresden. 251 

Literatur 25^ 



Redacteur: Dr. Hubert Ermlscb. '— Druck: Officin der Verlagshandlung. 



/4- 



1/ 




Neues Archiv 



für 



Sächsische Geschichte 



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Alterthumskunde. 



Herausgegeben 



von 



Dr. Hubert Ermiscl 

K. Archivrath. 




Zweiter Band. Viertes Heft. 



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Dresden 188L 

Wilhelm Baensch Verlagshaadlang. 



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Das Nene Archly fDr S&chsische Gesehiehte 
und Alterthumsknnde^ 

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des Königlichen Alterthumsvereins herausgegeben wird, 
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einen Band von circa 22 Bogen bilden. Der Preis des 
Jahrgangs beträgt 6 Mark. 

Beiträge, welche mit 50 Mark für den Druckbogen 
honoriert werden, Bücher und sonstige für die ßedaction 
bestimmte Zusendungen sind, direct oder durch die Ver- 
lagshandlung, dem Herausgeber — Dresden, Königliches 
Hauptstaatsarchiv — zu übermitteln. 



Inhalt. 



Seito 

X. Zur Bevolkerungs- und Vermögenstatistik Dres- 
dens im 15. Jahrhundert. Von Rathsarchivar 
Dr. Otto Richter in Dresden 273 

XI. Nachträge zum Urkundenbuche der Stadt Chem- 
nitz. Vom Herausgeber 290 

XII. Die wirthschaftlichen Einrichtungen^ namentlich 
die Verpflegungs -Verhältnisse bei der kursäch- 
sischen Kavallerie vom Jahre 1680 bis zum 
Anfange des laufenden Jahrhunderts. Von 
Wirkl. Geheimen Rath und Oberhofmeister Frei- 
herrn A. von Minckwitz zu Dresden .... 312 

Literatur 330 

Register . .^.347 



Redakteur: Dr. Hubert firmiach. — Druck: Ofiizin der Verlagshuidlun^. 



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